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In dieser Autobiografie beschreibt die Autorin, wie der sexuelle und der emotionale Missbrauch in ihrer Kindheit ihr gesamtes späteres Leben beeinflussten. Detailliert schildert sie die psychischen Folgen ihrer Kindheitsprobleme und zeigt auf, wie ihre mangelhafte psychische Ausrüstung sie in ihrem späteren Leben immer wieder vor neue Probleme stellte. Sie erzählt von ihrem Weg in die Alkoholsucht und veranschaulicht, wie sie aus dem Teufelskreis Sucht wieder aussteigen konnte. Dabei geht es auch um die Themen Opferverhalten, erlernte Hilflosigkeit, Angst vor Nähe, Stalking, Schönheitsoperation, Psychotherapie, therapeutisches Malen, Selbsthilfegruppen und Spiritualität. Die Autorin schildert ihren persönlichen Weg zu einem Leben in innerem Frieden und in seelischer Fülle.
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Seitenzahl: 230
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Herzlich bedanke ich mich bei meiner Cousine Beate für die Durchsicht des Manuskriptes, sowie für die weitere Unterstützung.
Hinweis:
Bei Bezeichnungen für bestimmte Personengruppen, wie etwa Therapeuten, habe ich aus Gründen der leichteren Lesbarkeit zumeist die grammatikalisch männliche Form verwendet. Selbstverständlich sind dabei auch weibliche Angehörige der jeweiligen Gruppe gemeint.
Jetzt werden die Schleier der Tabuisierung beiseite geschoben. Es wird geredet.
Entzündete Kinderseele – entzündete Familie
Seelenmechanismen: Die guten ins Bewusstseinstöpfchen, die argen in das Wartezöpfchen. Verdrängung und Synthese
Weichen stellen – Früchte ernten
Seelenland unter Wasser
Strauchelnde Seele – strauchelnde Finanzen
Surfen an der Grenze des Todes, um dem Tod zu entwischen
Das zähe Luder beißt sich durch
Seelen-Nasen-Profil-Neurose
Der Hase suchte Ackerland. Er stets den grantigen Igel fand
Ernte aus Sironas Füllhorn
Literaturverzeichnis
Es gibt Gesichter, die eine Art von Unberührtheit und Frieden ausstrahlen, die ich als Kind immer wieder fasziniert betrachtet habe. Ob sie freundlich oder arrogant wirken, beschäftigt oder sinnierend, wie auch immer. Die selbst dann irgendwie entspannt wirken, wenn sich die jeweiligen Personen gerade aufregen. Die glatter sind als meines auf eine Weise, die ich nicht verstand. Warum das so war, darüber grübelte ich damals nicht nach.
Mein eigenes Gesicht fand ich trotz der kindlichen Proportionen verkrumpelt und irgendwie verbraucht. Komplexe hatte ich ohnehin und fühlte mich niedriger stehend als Andere. Irgendwann später hatte ich eine für mich plausible Antwort gefunden, warum mir meine Gesichtszüge so ausgeleiert vorgekommen waren.
Heute, mit fast 60 Jahren, finde ich mich hübsch und kann meinem Leben viel Positives abgewinnen. Intensiver vielleicht als jemand, der nicht die Folgen solcher seelisch zerrüttender Erlebnisse zu verarbeiten hatte, wie ich sie im Folgenden schildern werde. Der Weg war steinig, aber auch von stetigen Erfolgen des Hinzulernens begleitet.
Schmerzhafte Begebenheiten zu schildern fällt mir nicht leicht, da es bedeutet, mich an diese Ereignisse zu erinnern. Andererseits wird es mir gut tun.
* * *
Die Gegend, in der ich aufgewachsen bin, ist idyllisch. Das Haus, das sich noch heute im Besitz eines Familienangehörigen befindet, steht am Rand eines Dorfes, das früher von bäuerlichem Charakter geprägt war. Rückwärtig grenzt das Grundstück an einen Wald. In einem der angrenzenden Häuser lebten unsere Großeltern und andere Verwandte.
Der Wald hatte einerseits etwas Beängstigendes. Als jüngere Kinder trauten wir uns alleine nicht weit hinein. Mit zunehmendem Alter aber erweiterte sich der Umkreis, der beim Spielen und Erkunden zu unserem Revier gehörte, und der Wald offenbarte immer mehr seiner Faszination. Die hohen Tannen, das Dickicht, die verschlungenen Wege, die in unendliche Tiefen zu führen schienen, bereicherten unser kindliches Alltags- und Phantasieleben.
Meine Kindheit war beides, grausam und behütend. Dabei meine ich behütend durchaus positiv, denn in dieser Familie mit mehreren Kindern war immer was los. Ich erinnere mich an viel Schönes. Oft kamen Verwandte zu Besuch, die das soziale Leben unserer Familie bereicherten. Unsere Eltern waren für uns da, aber es gab auch viele Konflikte, die – trotz teilweiser längerer Streitereien – nach allen Regeln der Kunst unter den Tisch gekehrt wurden.
Im Garten hatte unser Vater unter einer Föhre eine Sitzgruppe aus verschiedenen Holzteilen errichtet, die einen Ort sozialer Zusammenkünfte bildete. Viele schöne Erinnerungen habe ich daran, ebenso wie an gemütliches Zusammensitzen im Haus, zum Beispiel zu gemeinsamen Mahlzeiten oder zu vorweihnachtlichem Advent feiern.
Weihnachten gab es häufiger Streitereien. Aber die Heiligabende hatten eine Atmosphäre von Wohlwollen und Innigkeit, was wahrscheinlich auch ein Grund war, warum sich an solchen Abenden oft weitere Verwandte zu uns gesellten.
Überhaupt gehörte es zu den Highlights für uns Kinder, wenn Onkel und Tanten zu Besuch kamen, von ihren Reisen erzählten oder mit uns spielten. Oder wir gingen alle zusammen zum Baden. Heute kann ich es mir kaum noch vorstellen, wie die Erwachsenen damals Verpflegung für eine etwa zehnköpfige Schar (inklusive Cousinen und Cousins) auf einen Leiterwagen packten und sich der Tross dann zu Fuß auf den locker drei Kilometer langen Weg zum nächsten Fluss machte. Landleben in den Sechzigern und Siebzigern eben.
In meiner Jugendzeit habe ich die Gegend mit dem Fahrrad erkundet, mich mit Freundinnen getroffen, meine ersten Flirts, usw., erlebt.
Probleme gab es mit Verwandten auch in rauen Mengen, insbesondere mit einer engen Verwandten meiner Mutter, deren schwieriges Verhalten jahrelang für die Ehe meiner Eltern eine starke Belastung darstellte. Auch für uns Kinder war es deswegen oftmals schwierig.
Zudem hat meine Mutter unsere Familie nicht so von den Familien ihrer Geschwister abgegrenzt, wie ich es mir gewünscht hätte. Unsere Cousins und Cousinen waren unsere Alltags-Spielgefährten, und wir mochten uns, zumindest die meiste Zeit. Aber durch die Offenheit zwischen den Familien gab es weniger familiären Schutzraum, als ich gebraucht hätte. Der Mangel an schützenden Grenzen wurde zu einem Dauerthema meines Lebens. Noch heute ist mein Alltag geprägt von Gefühlen, mich nicht genügend abgrenzen und schützen zu können.
* * *
Zu meinen frühtesten Erinnerungen gehört, wie meine Mutter am Tisch sitzend ein Geschwisterchen stillt, während ich auf dem Boden sitze und spiele. Mit meinen älteren Geschwistern ging es teilweise lebhaft zu.
Ich war ständig das Problemkind, hatte Angstzustände, urinierte im Schlaf ins Bett. Oft bekam ich zu hören, was man wegen meiner schlechten Nerven für Sorgen hätte. Meine angeblich schlechten Nerven mussten für vieles herhalten. Meine Eltern waren mit der familiären Situation wohl häufiger überfordert.
Das Bettnässen ging etwa, bis ich in die Schule kam, dann hörte es auf. Am ersten Schultag weinte ich. Einige Zeit später war ich stolz, dass ich bleiben durfte, derweil andere nochmal ein Jahr warten mussten bis zur Einschulung.
Während der Schulpausen war ich viel allein, stand am Rande des Geschehens und traute mich nicht, zu den anderen Kindern hin zu gehen und mitzuspielen. Ich fühlte mich als Außenseiter. Leistungsmäßig klappte meine gesamte Schulzeit mit gewöhnlichem Durchschnitt. Wann genau ich Freundinnen bekam, weiß ich nicht mehr, aber ab der dritten, vierten Klasse dürfte es diesbezüglich halbwegs normal gelaufen sein.
Meine Nächte waren ein Horror wegen Alpträumen, starker Angstzustände vor dem Einschlafen und auch wegen nächtlicher Unruhe, teilweise gepaart mit einem Gefühl, als würden Heerscharen von Ameisen durch meinen Körper laufen. Mein Nervensystem war damals hoffnungslos überreizt. Gegen das Attribut „schlechte Nerven“ wehre ich mich heute dennoch. Man könnte auch sagen, ich habe Nerven wie Drahtseile, nach dem, was ich alles überstanden und bewältigt habe.
Tagsüber hatte ich auch Ängste. Längere Zeit konnte ich nicht mal allein auf die Toilette gehen. Meistens ging jemand mit. Allein in das Obergeschoss oder in den Keller zu gehen, vermied ich ohnehin. Es war für mich sehr stressig. Musste es doch mal sein, bin ich einzelne Etappen schnell gelaufen, dicht an der Wand entlang, um am Ende der schützenden Wand innezuhalten und erst mal um die Ecke zu blicken, ob auch ja niemand Gefährliches kommt. Dann schnell über den freien Raum zur nächsten schützenden Wand und wieder erst mal schauen. In alle Richtungen schauen, dann erst ging es weiter, mit Herzklopfen und Ängsten wie eine Gejagte.
Mir kommen keine Tränen, während ich dies niederschreibe, aber ich könnte lachen. Ob es ein erheitertes Lachen wäre, ist die andere Frage. Ich denke an einen Zeichentrickfilm aus meiner Kindheit, in dem ein Spion stets die Farbe der Wand, an der er entlang lief, angenommen hat, um sich zu tarnen. So wie das kommt mir mein damaliges Verhalten vor. Themen wie „mich unsichtbar wünschen“ oder „leider übersehen werden“ spielten in meinem späteren Leben immer wieder eine Rolle.
Die Crux jedenfalls: damals wusste ich nicht, wovor ich Angst hatte. „Schlechte Nerven“ halt. Immer wieder habe ich gruslige Filme angeschaut, hatte Angst vor Skeletten, außerirdischen blauen Lichtern und allen möglichen angsteinflößenden Figuren, die sich die damaligen Filmemacher hatten einfallen lassen.
Zu denken gab mir ein Film, dessen Geschichte aus der Perspektive eines Geistes erzählt wurde. Wenn das Geisterdasein gar nicht so schlimm ist, dachte ich mir, wovor habe ich dann Angst? Bin in Gedanken immer wieder diverse Filmszenen durchgegangen und schließlich zu der Erkenntnis gelangt, dass der Gipfel meiner Ängste der Moment ist, in dem der Geist, Außerirdische oder sonstige Angsteinflößende den Anderen berührt.
Angst davor, angefasst zu werden. So viel Einsicht in ihre unergründlichen Tiefen hat meine Seele damals zugelassen, mehr nicht. Später, im Jugendalter ist mir bewusst geworden, dass meine Angst unabhängig von den auslösenden Objekten existierte. Womit ich mich halt zuletzt beschäftigt hatte, gefräßiger Hai, mordendes Monster oder was auch immer, hat eben den Projektionsinhalt geliefert. Später, als ich ca. 25 Jahre alt war (während meines sozialwissenschaftlichen Studiums), bin ich zu der Auffassung gelangt, dass meine nächtliche Atemlosigkeit, sowie die Befürchtungen, im Schlaf zu Atmen aufzuhören, nur eine andere Form meiner Ängste darstellten.
Die Ängste haben sich stets der Logik meines jeweiligen Lebensalters angepasst. Irgendwann brauchte es kein Objekt mehr. Die Ängste existierten einfach, waberten im Raum meiner Seele vor sich hin. Allerdings finden die Projektionsmechanismen noch immer statt. Alltagskonflikte lösen bei mir in stressigen Zeiten deutlich stärkere Ängste aus, als die jeweilige Situation es rechtfertigen würde. Bekomme dann häufig Adrenalinstöße, innere Unruhe bei gleichzeitiger Erschöpfung, usw. In solchen Zeiten kreisen meine Gedanken ständig um das vermeintlich angstauslösende, z. B. aufdringliche Belästiger, Unfallgefahren oder meine Wohnsituation. Zudem stellen sich Phantasien ein von eskalierenden Gefahrensituationen. Darauf gehe ich später noch ein.
Jedenfalls wollte ich als Kind über einen längeren Zeitraum stets bei meinen Eltern schlafen. Zeitweise gab es all-abendlich diesbezügliche Diskussionen. Konnte ich nicht bei meinen Eltern nächtigen, wollte ich wenigstens bei einem meiner Geschwister schlafen. Die allerdings hatten irgendwann auch genug davon. Ich war eine Plage.
Schlief ich allein in meinem Bett, habe ich mich bis unters Kinn eingemümmelt, mich gerade auf den Rücken gelegt, meine Arme eng neben mir liegend und meine Beine eng geschlossen. Bewegt habe ich mich dann nur noch, um zu kontrollieren, ob auch niemand zum Fenster oder zur Türe reinkommt. Das jedoch habe ich Abend für Abend alle paar Minuten gemacht, bis ich endlich in einen erschöpften Schlaf gefallen bin. Ebenso gehörte das tägliche unter das Bett schauen vor dem Schlafengehen zum Ritual.
Noch heute im Alter von fast 60 Jahren habe ich nachts ein kleines Licht an, da ich im Dunkeln Angst habe. In meiner Kindheit verursachte es häufiger Konflikte, dass ich nachts ständig Licht anhaben wollte.
* * *
Mit mehreren älteren Geschwistern hatte ich es nicht immer leicht. Aussprechen konnte ich nur, was ich gesagt hatte, bevor mir der erste ins Wort fiel. Dass man mir das Wort abschnitt, war üblich, weswegen ich es mir angewöhnt hatte, immer schneller zu sprechen. Häufig durfte ich mir anhören, ich würde sprechen wie ein Schießgewehr. Auch später noch, während meiner kaufmännischen Lehre, habe ich derartiges Feedback bekommen.
Dieses, mich nicht aussprechen zu lassen, ist ein tiefer gründendes Thema. Erst später im Erwachsenenalter bin ich zu der Einsicht gelangt, dass auch meine Mutter schon früh in meiner Kindheit meine Redebeiträge systematisch unterbunden haben muss. Jedenfalls tat sie es die meisten Jahre meines Lebens als Jugendliche und Erwachsene. Was ich an Gewalt erfahren habe, hätte ich mit Sicherheit gerade als Kind aktuell mitteilen wollen. Um Trost zu erfahren, beschützt zu werden, usw. Bewusst denkt ein Kind ja nicht darüber nach, warum es etwas aussprechen will. Es muss wie spritzend aus mir hinaus gedrängt haben.
Ich kannte es aber seit früher Kindheit, soweit meine Erinnerung reicht, nicht anders als so, dass ich verstockt war, meine Ängste einen Raum um mich herum bildeten, in dem ich allein gelassen war und mich traurig selbst durchbeißen musste. In meinen nächtlichen Alpträumen lebte ich manchmal hoch oben über der Erde in einer Art Raumschiff, in dem es außer mir nur einen mutterähnlichen Roboter gab, der mich mit dem Nötigsten versorgte, sonst niemanden. Einsamkeit potenziert.
* * *
Ich war das schwarze Schaf, der Blitzableiter der Familie. Streitigkeiten und Probleme gab es – insbesondere in meiner früheren Kindheit – zuhauf. Meine angeblich schlechten Nerven durfte ich mir regelmäßig anhören, insbesondere als Ursache familiärer Konflikte. Mein Selbstwertgefühl war am Boden.
Ein Gewaltbereiter – ich nenne ihn X.1 – hat keinen Hehl daraus gemacht, dass er mich hasst. An körperliche „Erziehungsmethoden“ wie Kopfnüsse erinnere ich mich. Die allerdings haben auch einige meiner Geschwister abbekommen. Das hörte erst auf, als wir uns nachhaltiger bei unserer Mutter darüber beschwert hatten, bis sie es ihm verbot.
Als ich in die Pubertät gekommen war und angefangen hatte, mit Freundinnen auszugehen, bekam ich in der Familie zu hören, im Dorf würde schlecht über mich geredet werden. X. sei zu Ohren gekommen, dass man mich für eine Nutte hielt, die es mit vielen treibe. Meine Mutter tat ein Übriges, indem sie mir eines Morgens erklärte, ich würde richtig runtergekommen und abgelebt ausschauen. Scheints hat sie gehofft, mich dadurch auf einen angeblich besseren Weg führen zu können.
Wie gesagt, es gibt auch viele schöne Erinnerungen an meine Kindheit. Zum Beispiel wünschten sich einige von uns irgendwann, unsere Eltern sollten, bevor wir aus dem Haus gehen, uns als Segenswunsch mit den Fingern je ein Kreuz auf Stirn, Kinn und Brust zeichnen und uns ein Küsschen dazu geben. Dies haben unsere Eltern darauf hin jahrelang getan, und zwar aufrichtig und überzeugend. Wir wuchsen in dem Gefühl auf, dass unsere Eltern uns lieben und für uns da sind. Und das soziale Leben in der großen Familie hatte viel Schönes.
Aber es gab eben auch die anderen Bereiche. Ich war nicht anders als die anderen Mädchen aus meiner Schule. Wir gingen tanzen, trafen uns mit Jungs, flirteten, unternahmen Ausflüge, orientierten uns. Wir lebten das damals auf dem Dorf übliche Leben junger Leute.
Viele Jahre, bis ins Erwachsenenalter hinein, habe ich wirklich geglaubt, dass ich eine Schlimme bin, eine mit einem schlechten Ruf, die eigentlich kein Mann heiraten könne. Das war mein Geheimnis, darüber habe ich mit niemandem gesprochen.
Wann genau ich anfing, das alles in Frage zu stellen, weiß ich nicht mehr. Es war für mich ein Akt aufgeklärten Selbstbewusstseins, zu erkennen, dass diese Meinungen über mich nicht nur kleinkariertes dörfliches Geschwätz waren, sondern – was viel wahrscheinlicher ist – überhaupt nur eine Erfindung von X., die dann in missglückten Erziehungsversuchen aufgebauscht worden war. X. hat auch Jahre später nichts unterlassen in seinen Versuchen, mein Ansehen zu schänden und meine Persönlichkeit zu zersetzen.
Mit welchen inneren Motiven der variantenreiche Ausdruck seines gnadenlosen Hasses mir gegenüber korrespondierte, weiß ich nicht.
Als gelassenen Pazifisten würde ich X. nicht gerade bezeichnen. Und ich – etliche Jahre jünger als er – war ihm lange Jahre wehrlos ausgeliefert.
* * *
Als ich vor mehreren Jahren M.-F. Hirigoyens Buch über Seelische Gewalt im Alltag2 gelesen habe, dachte ich, dass ich nun weitere Erkenntnisse bekommen würde über das Mobbing, das ich bei einem meiner früheren Arbeitgeber erlebt habe. Über dieses Mobbing werde ich später in diesem Buch noch berichten.
Stattdessen löste die Lektüre dieses Buches über seelische Gewalt in meiner Erinnerung einen Sturzflug in die Zeit meines Erwachsenwerdens aus.
Wann genau die psychisch zermürbenden Schikanen angefangen haben, weiß ich nicht mehr. In meiner Kindheit und Jugend gab es, wie gesagt, neben den Problemen auch viel seelisch Nährendes. Allerdings nicht von X.
Im Jugendalter, mit meinem zunehmenden selbständig werden, war es schon voll am Laufen, dass X. nichts mehr gelten ließ, was ich sagte. Angefangen hat es schon viel früher. Wann genau, weiß ich nicht mehr genau. Viele Jahre lang gab er mir nachhaltig zu verstehen, dass er meine Beiträge für Unsinn und mich überhaupt für eine unmögliche Person hält, deren Anwesenheit man halt erdulden muss, weil sie lästigerweise da ist. Herabsetzendes und destabilisierendes Verhalten von X. mir gegenüber war der Alltag.
Versuchte ich nachzuhaken, was ich denn falsch machte oder was an mir so schlimm sei, larvierte er nur rum und verweigerte letztlich eine Aussprache. Abgesehen davon war ich ohnehin nicht gerade mit herausragenden Konfliktlösekompetenzen gesegnet, denn in unserer Familie regierte im Wesentlichen die Methode des Konflikte unter den Tisch Kehrens.
Seine Geringschätzung und sein Spott mir gegenüber waren oft nur in seiner Mimik erkennbar oder zum Beispiel darin, dass er Äußerungen meinerseits überging. Dieses Verhalten ermöglichte es den Gesprächen, weiter zu laufen, weswegen meine Ausgrenzung für andere teilweise nicht so offensichtlich gewesen sein dürfte. Dass niemals jemand mitgekriegt hätte, wie es mir ergeht, kaufe ich allerdings auch keinem ab.
Ich hatte die abwertenden Botschaften im Laufe der Zeit so verinnerlicht, dass ich mich selbst – trotz meiner Erfolge im Beruf – für eine schlechte Person hielt. Ich erinnere mich, dass ich bereits, als ich noch zuhause wohnte, Selbstmordgedanken hatte. Dabei habe ich keinen Zusammenhang zu den destabilisierenden Kränkungen gesehen. Erst rückblickend offenbarte sich mir das Ausmaß dieses psychisch zersetzenden Verhaltens, dem ich viele Jahre lang ausgesetzt war. Meine schlechte nervliche Verfassung und die daraus resultierenden Probleme lieferten auch in dieser Zeit weitere Alibis dafür, Schuldigkeiten mir zuzuschieben.
Verschärft wurde das Ganze für mich noch dadurch, dass X. ein anderes Kind im familiären Umfeld über alles liebte. Diesem Menschen zollte er Anerkennung und verstand sich einfach prächtig mit ihm. Das verschärfte diese Botschaft, dass alle Probleme nur im Zusammenhang mit mir bestünden.
Ich hingegen hatte mir schon angewöhnt, bei Familienfeiern von vornherein ein trauriges Gesicht aufzusetzen (und fühlte mich wirklich schlecht), weil die Attacken dann eher schwächer ausfielen. Ganz ausgeblieben sind sie nicht. Fröhlich oder ausgelassen sein durfte ich nicht, selbstbewusst schon gar nicht.
Ohne Ende habe ich die ganzen Jahre lang versucht, besonders kluge und nur wohlüberlegte Dinge zu sagen und gerade X. zuvorkommend zu behandeln. Aber nichts fruchtete. Nichts, das von mir kam, konnte auch nur näherungsweise vor ihm bestehen.
Damals habe ich meine Ohnmacht nicht wahrgenommen, nicht begriffen, dass ich es ihm nie hätte recht machen können. Nicht, wenn ich einen Preis gewonnen hätte für irgendetwas, das ich besonders gut gemacht hatte. Der wäre halt dann als tragischer Fehler deklariert worden, und ich als besonders Verruchte, falls ich ihn widerrechtlich hätte behalten wollen.
* * *
Als Kind hatte ich mir angewöhnt, ständig auf der Hut zu sein, die Stimmung der Leute mit Argusaugen zu beobachten, Gebärden, Mimik, Stimmlage, usw., um mögliche Gewaltausbrüche rechtzeitig erkennen und fliehen zu können. Dieses überaufmerksame Beobachten wurde durch die psychische Gewalt in meiner Jugend und meinem frühen Erwachsenenalter weiter trainiert. So was macht man nicht bewusst. Es funktioniert instinktiv, so wie ein Tier in Deckung geht, wenn eine Gefahr droht. Nur war die Gefahr für mich das Gewohnte. Von so etwas wie innerer Ruhe konnte ich nicht mal träumen. Ich hatte keine Vorstellung davon.
Den Begriff „psychische Erschöpfung“ kannte ich damals ebenfalls noch nicht. Mein Alltag war, dass ich mich kraftlos fühlte und mir dachte, dass ich halt ein schwächlicher Mensch sei. Auch meine Mutter verklickerte mir üblicherweise, dass sie eine schwächliche Konstitution und schlechte Nerven meinerseits für die Ursache meiner Probleme hielt.
Ich erinnere mich, dass ich als Kind irgendwann nach einem EKG die Diagnose „nervöses Herz“ bekam. Später, als junge Erwachsene, ging ich einmal zum Arzt, weil ich auf meinem Kopfkissen rötliche Flecken entdeckt hatte und befürchtete, etwas könnte mit meinen Augen nicht stimmen, ich hätte Blut in den Tränen. Meine Augen waren gesund – das sind sie noch immer. Allerdings wurde ich gefragt, warum ich denn weinen würde. Ich weiß nicht mehr, was ich geantwortet habe, aber ich weiß, dass ich die Geschehnisse in meiner Familie damals bei weitem nicht in ihrer psychisch zersetzenden Bedeutung erkennen konnte.
Vor etwa einem Jahr habe ich eine Übung mitgemacht, bei der man seine Schritte zählen sollte. Diese Übung passte zu meinen Diagnosen wie die Faust aufs Auge. Mit meinem Zählzwang kam das für mich der Aufforderung gleich, meinen Zwang auszuleben.
Während dieser Übung habe ich wieder darüber nachgedacht, dass sich dieses alltagsmäßige Zählen in meiner Kindheit wohl entwickelt hat als Methode der Angstreduzierung, und um meine Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt zu halten. Um mich mit meinem angstvoll umher wabernden Bewusstsein irgendwo festzuhalten. Ähnlich wie die Methode, bei Stress etwas anzufassen, um sich durch diese zusätzlichen Sinnesreize zu erden.
Im Moment denke ich nach über einen Zusammenhang zwischen dem „sich verlieren“ als Begleitzustand der Angst, und diesem gefühlsmäßigen „aus dem Körper aussteigen“ während der Gewalttaten (Flucht wenigstens imaginiert, wenn keine reale mehr möglich ist). Es kommt mir vor, als würde einen die Angst schon mal an den befürchteten Zustand gewöhnen, sozusagen als Bewältigungshilfe.
Dieser Angst-Begleitzustand ist bei mir generalisiert und findet weiterhin statt, obwohl die Gewalttaten schon längst Vergangenheit sind.
Vergangenheit sind aber nur die Taten selbst. Ihre Folgen prägen meinen Alltag bis heute: mein Empfinden, auch meine physische Konstitution, mein Sozialleben, mein gesellschaftlicher Rang, und weiteres.
Ich litt – mal mehr, mal weniger – an einem Handwaschzwang. Meine Ängste bezogen sich wohl am ehesten auf Sekrete, waren aber nicht so eindeutig abzugrenzen. Für mich war es stressig, wenn ich etwas in die Hand nehmen sollte, das schon jemand Anderes angefasst hatte. In starken Stresszeiten scheinen solche Empfindungen auch heute noch auf.
Auch meine Handflächen beinhalten einen besonderen Zugang zu meiner Seele. Was meine Handflächen berührt, berührt meine Seele. Berührt mich innerlich. Jetzt gerade denke ich an die psychischen und symbolischen Äquivalenzen zwischen Nahrungsaufnahme einerseits und Sinnesreizen in den Handflächen andererseits.
Seelenmord. Wenn ich dieses Wesen in schwerer seelischer Not anschaue, möchte ich es umarmen und trösten
1 Die Bezeichnung „X.“ habe ich willkürlich gewählt zur Benennung dieser Person. Der Buchstabe „X“ steht in keinerlei Verbindung zum realen Namen einer der beteiligten Personen.
2 Siehe Literaturliste am Ende des Buches
Ich liege im Gras. Die Sonne ist weg, alles ist plötzlich nur noch grau und vibrierend vor Panik, die weiß, was jetzt wieder kommt. In mir zieht sich alles zusammen. Wie ein Gewitter erschüttert es schon im Vorhinein meinen kleinen Körper.
Der Tollwütige wie aufgepeitscht, als würde er einen Kriegstanz vollführen, emsige Aufgeregtheit bestimmt seine Begeisterung.
Ich muss würgen, fast erbrechen. Liege schon auf dem Rücken, festgehalten von eisernen Klauen. Graue Schwere in meinen Gliedern – wie tot. Ich schreie vor panischer Angst. Nein – nein. Nein!!! Es hilft nichts.
Mein ist Kopf ist schon zur Seite gedreht, hilflose Totenschwere senkt sich in meine Glieder. Panik lässt mein Herz pochen fast bis zum zerspringen meines Körpers.
Würgen im Hals und würgen im Bauch, als dieser stechende Schmerz in meinen Körper zuckt. Es ist ein Schmerz, als müsse meine Wirbelsäule jeden Moment explodieren und mein Kopf damit. Meine Hüften brechen gleich ab, so heftig drückt das. Ich möchte in den Himmel schreien und bin gleichzeitig tonlos.
Erbrochenes sprudelt aus meinem Mund, ich muss würgen, husten. Ich muss doch atmen!
Aber Gnade gibt es nicht. Rein! Rein! Rein! Der Seelenfresser befehligt sein Heer.
Und die Pein nimmt kein Ende. So etwas wie Scham hat keinen Platz mehr. Ich will nur leben. Bitte bring mich nicht um!
Rein! Rein! Rein! Als gäbe es kein anderes Credo auf diesem Globus. Alles pocht, sind Schmerzen, schlägt von innen durch meinen gesamten Körper an die Haut. Tausende von Ameisen scheinen durch meinen Körper zu laufen. Jede Bewegung schickt Funken wie Feuernadeln bis in die Spitzen meiner kleinen Finger. Es sticht über meinen Kopf hinaus bis in den Himmel. Heiße Tränen laufen über mein Gesicht. Ich schreie. Und schaue zur Seite.
Als er fertig ist und sich die Hose zuknöpfend davon macht, hängt ihm ein verzerrter Mundwinkel nach unten. Für mich gibt es nur angewiderte Seitenblicke. Was da an Schuldbewusstsein aufkeimen mag, wird schnell beiseite gewischt. „Ich bin der Gerechte!“
Mein Hals will sich umstülpen und nach draußen erbrechen. Mein Bauch würgt und würgt. Ich liege allein in der Wiese, Erbrochenes sprudelt immer wieder aus meinem Mund.
Ich habe die Augen zu und liege nur noch. Mein Körper ist still geworden. Ich will ihn nicht mehr spüren müssen. Nicht mehr diese Pein. Es ist grau und kalt. Niemand ist da. Kein Papi, keine Mami, keine Tante, kein Geschwisterchen. Nicht ein einziges Paar warmer Arme, das mich festhält und tröstet. Dieser endlosen kalten Weite endlich Wärme entgegensetzt.
Ich will es nicht mehr spüren müssen.
Wäre ich doch tot. Doch diese Gnade wird mir nicht zuteil. Nur ärgerlich schimpfende Worte einer Mutter, die aufgebracht ist, weil ich auf ihr Rufen hin nicht schnell genug gekommen bin. Ich muss würgen.
Ich will es nicht mehr spüren müssen.
* * *
Panik und Grauen prägten mein kindliches Seelenleben viele Jahre lang. Jahre, in denen ich längst keine bewussten Erinnerungen mehr hatte an diese Gewalttaten. Wie gesagt, keine bewussten.
Schmerzen, die wie Blitze durch meinen kleinen Körper zucken, bis zum Gefühl des gleich explodieren Müssens. Sie erfüllten mein Hier und Jetzt mit Verzweiflung und Grauen. Eineinhalb Minuten, drei Minuten oder so lange, wie es halt dauert, bis ein Kinderficker seine perverse Gier abgespritzt hat in einen Menschen, der x Mal kleiner ist als er selbst. So lange hat sich mein Gesicht auf verschiedenste Weisen verzogen, haben sich meine Muskeln, meine Sehnen, meine Gelenke und meine Haut gedehnt vor Schreien, vor Schmerzen und vor Entsetzen. Nicht nur einmal.
In dieser Zeit meiner Kindheit, in der ich andere Menschen schöner und besser fand als mich selbst, in dieser Zeit, als ich mein eigenes Gesicht als verkrumpelt und als verbraucht empfand, in dieser Zeit waren die bewussten Erinnerungen an die Gewalttaten längst in den Tiefen meiner Seele gebunkert und vergraben.
* * *
In meinen Alpträumen, die laut Therapeut auf Vergewaltigungen schließen ließen, kamen wiederholt auch Windeln vor. In einem der Träume taten mir meine Beine extrem weh. Es war, als wären sie gebrochen worden. In diesem Traum trage ich eine Nabelbinde. Irgendwann – in einem anderen Zusammenhang, denn über den Missbrauch war ja nicht mit ihr zu sprechen – hat meine Mutter mir erzählt, dass ich im Alter von zwei Wochen angefangen hatte, schwere Probleme zu zeigen und die Nahrung zu verweigern. Spätere Gespräche mit anderen Verwandten über meine Kindheit waren mühselig und nicht immer einfach.
Ich war bereits über dreißig, als ich im Rahmen einer Psychotherapie, die ich wegen der Angstzustände machte, von meinem damaligen Therapeuten darauf hingewiesen wurde, dass meine Symptomatik den Verdacht auf sexuellen Missbrauch in der Kindheit nahelegt. Das war der Beginn des Bewusstwerdungs-Prozesses, in dessen Verlauf die in meinen Seelentiefen vergrabenen Erinnerungen Stück für Stück ans Tageslicht kamen. Zu dieser Zeit hatte ich keinerlei bewusste Erinnerungen an das Geschehen. Der Gedanke, dass dieses Thema auch mich selbst betreffen könnte, war für mich neu.
Es ist wohl so, dass meine Psyche diese Ereignisse von meinem Bewusstsein fern gehalten hat, um mir trotz der massiven Belastungen ein fruchtbares Aufwachsen und Entwickeln zu ermöglichen. Ein Leben lang wollte meine Seele aber die dunklen Lasten auch nicht mitschleppen. Diese Lasten entwickelten ein Eigenleben, bewirkten Ängste, Vermeidungsverhalten, Schreckhaftigkeit und Weiteres, das ursächlich mit der Gewalterfahrung zusammenhängt. Diese Stapel in der Tiefe der Seele wollten Teil für Teil hochgenommen, angeschaut und „sachgerecht entsorgt“ werden.
Die Betroffenen in Erfahrungsberichten, die ich zu diesem Thema gelesen und gehört habe, waren auch häufig bereits über dreißig, als sich das Thema seinen Weg in deren Bewusstsein bahnte. Daher denke ich mir, dass die Seele erst dann stark genug und bereit ist, Einen mit diesen Belastungen zu konfrontieren, wenn sich die Ablösung vom Elternhaus vollzogen und sich eine halbwegs tragfähige emotionale Unabhängigkeit manifestiert hat. Die Seele verliert – fühlt sie sich erst sicher genug – dann keine Zeit mehr, sondern spült die Inhalte zügig nach oben.
Mir selbst darüber klar zu werden, was in meiner Kindheit geschehen sein muss, mich Angstträumen, wieder aufkeimenden schmerzbeladenen Erinnerungen zu stellen, war eine Sache. Eine andere ist die Tabuisierung dieses Themenbereiches. Glücklicherweise ist diese Tabuisierung inzwischen etwas geringer geworden, so dass ich wenigstens als Erwachsene Hilfe bekommen konnte.
Es war nicht einfach, mit dem Bewusstsein dieser Schrecknisse dazustehen und mich außerstande zu fühlen, die Ursachen meiner mannigfaltigen Probleme zu kommunizieren, geschweige denn, so etwas wie Vergeltung zu bekommen.
