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Wie können wir Kinder aus bildungsfernen Familien unterstützen? Kann eine Fahrradtour Schulunterricht ersetzen? Was lernt man auf der Straße? Sind Kinder heute klüger als früher? Sollte man mit verbundenen Augen autofahren? Kann Hiphop Mathe lehren? Löst mehr Geld für Bildung wirklich unsere Probleme? Oder würde uns vielleicht mehr Entprofessionalisierung weiterbringen? Die besten Geschichten aus mehr als 20 Jahren brand eins zu den großen Fragen der Bildung, die alle beschäftigen – oder auf die man erstmal kommen muss. Mit ungewöhnlichen und inspirierenden Antworten von Peter Sloterdijk, Robert Wilson, Xatar und vielen anderen. brand eins ist das moderne Medienhaus mit dem Schwerpunkt Wirtschaft. Seit 1999 berichtet es über Menschen und Ideen, die das Leben und die Arbeit, die Gesellschaft und den Planeten besser machen. Gründlich recherchiert und unterhaltsam aufgeschrieben, zeigt es in unterschiedlichen Magazinen und Kanälen jeden Monat, wie sich die Welt verändert und was alles möglich ist. Essentielle Informationsquellen für Macher und Veränderer, die Inspiration suchen und weiter denken.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Inhalt
Editorial
Möglich machen
Bildung
Ein Dorf für Kinder
Lernen ist Vorfreude auf sich selbst
Schule machen
Der Entwicklungshelfer
„Es gab in Deutschland keine Vorbilder, die so aussahen wie ich.“
Leben lernen
Konzentration aufs Wesentliche
Das radelnde Klassenzimmer
Schlaue denken wenig nach
Sind die Kinder heute klüger als früher?
Spätleser
Die Nebenschüler
Keine Panik!
„Es geht um tiefere Fähigkeiten des Menschen!“
Theater statt Betriebswirtschaft!
Lernen lernen!
Sie dürfen auch anders
Die Vermessung der Welt
Rappen in Zahlen
„Das Gehirn denkt nicht“
Vom Leben lernen
Impressum
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Von Susanne Risch, Chefredakteurin
Die Stammleser von brand eins werden es wissen, allen anderen sei es vielleicht noch einmal gesagt: Wir zeigen in unseren Geschichten, was möglich ist. Das gilt für jedes Thema und jede Publikation, ganz besonders aber für dieses Heft. Schließlich assoziieren wir hierzulande mit Bildung vor allem Schule – und da fallen uns in der Regel erst einmal die Klischees ein: volle Klassen, fehlende Mittel, schlechte Ausstattung, faule Schüler, überforderte Lehrer. Das alles gibt es, keine Frage. Aber das alles hat uns hier nur am Rande interessiert. Wir wollten stattdessen lieber Lust machen – auf Lernen, Fragen, Entdecken und Ausprobieren.
Deshalb sind wir für diese Ausgabe auch zeitlich und räumlich weit gereist. Wir sind 1998 mit einer Gruppe von 45 Schülern und Lehrern Tausende von Kilometern durch Ecuador und Kolumbien geradelt, haben 2005 eine Dorfschule in Sibirien besucht, waren 2016 in einer Grund- und einer Oberschule in Bremen-Gröpelingen zu Gast und Anfang dieses Jahres im baden-württembergischen Wutöschingen – die dortige Gemeinschaftsschule wurde 2019 mit dem „Deutschen Schulpreis“ als eine der besten Lehranstalten des Landes ausgezeichnet.
Aber wir haben nicht nur an Schulen nach Antworten auf Bildungsfragen gesucht. Wir waren an einer Universität in Johannesburg, in einer Fahrschule in Berlin, an Hochschulen in Indien, China und den USA und an der Werkbank bei Porsche in Stuttgart-Zuffenhausen. Wir haben mit Philosophen, Psychiatern, Hirnforschern und Bildungsexperten diskutiert, haben Rapper und Regisseure getroffen. Und wir haben gelernt: Das Gehirn denkt nicht. Bildung hat nichts mit Wohlstand zu tun. Ein mathematisches Grundverständnis ist jedem Menschen angeboren. Schlaue denken weniger nach. Formeln behält man leichter, wenn man sie singt. Fleiß und Ausdauer können Intelligenz ersetzen. Unterricht braucht keine Klassen. Die Kinder von heute sind schlauer als früher. Wir können mit verbundenen Augen Auto fahren. Lesen lernen kann man auch noch mit 50. Bildung braucht Bindung.
Und wir brauchen einen neuen Bildungsbegriff. Bildung – das sind nicht Noten, Zeugnisse oder Abschlüsse. Bildung ist die Fähigkeit, sich in der Welt zurechtzufinden und sich selbst zu helfen. Das muss man wollen, gern machen. „Begeisterung beim Lernen schlägt alles“, sagt Professor Martin Leitner, Präsident der Hochschule für angewandte Wissenschaften in einem Gespräch mit meinem Kollegen Wolf Lotter. „Wenn Menschen ihre eigenen Projekte und Ziele leben, dann werden sie ein gutes Leben haben. Dafür ist Bildung da. Die Bildungseinrichtungen sind dazu da, um das möglich zu machen. Wir sind Weiterentwicklungshelfer.“
Man könnte die klugen Pädagogen auch Möglichmacher nennen. Sie bilden vielleicht noch nicht die Mehrheit. Aber es gibt sie überall auf der Welt. --
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Wir beginnen mit einem Worst-Case-Szenario: Kejsess, ein Dorf in Sibirien. Was es dort gibt: Armut. Alkoholiker. Perspektivlosigkeit. Kälte. Und natürlich: viele vernachlässigte Kinder. Was es nicht gibt: hoffnungslose Kinder. Das ist der Dorfschule zu verdanken, die vom ganzen Ort unterstützt wird und dem Nachwuchs die Zukunft öffnet. Was es dafür braucht: Gemeinschaft, Zuwendung, Verantwortung, Herz. Was es dafür kaum braucht: Geld.
Text/Foto: Stefan Scholl Aus McK Wissen 13, Juni 2005
Der Held dieser Geschichte könnte Alexander Baskal heißen. „14 Paar Ski habe ich selbst gekauft.“ Er sitzt mit ein paar Elfjährigen im Lehrerzimmer, sein Blick, blau wie der westsibirische Himmel, wandert suchend übers Schachbrett. „Manchmal“, unterbricht er sich, „setzen die Jungs mich schon matt.“ Die Jungs kichern, Baskal aber ereifert sich wieder über Ski. „Kunststoffski, Fischer und Rossignol, gekauft oder eingetauscht, gegen eine Gans oder anderes Fleisch.“ In Baskals Eifer mischt sich Stolz: Fischer, Rossignol, ein Paar solcher Markenski kostet 6000 Rubel, 180 Euro, mehr als Baskal im Monat verdient.
Baskal, 36, ist öffentlicher Angestellter, Sportlehrer der Mittelschule und Skitrainer des Clubs Viktoria, aber man könnte ihn auch Dorfminister für Körperkultur nennen. Er war einmal Omsker Vizemeister über zehn Kilometer Langlauf, dann verletzte er sich beim Rennradfahren zweimal dasselbe Knie, seitdem lebt er für die Siege seiner Schüler. Skilaufen ist Pflicht an der Mittelschule, 27 Kinder trainiert Baskal täglich, sie siegen nicht nur bei Kreis-, sondern auch bei Gebietsmeisterschaften. Die Loipen im Dorf spurt er mangels Motorschlitten eigenfüßig, Baskal tritt auch die zwei Meter breiten Trassen für die Skater platt, auf breiten Jagdskiern, 1050 Meter Trasse an der Schule, 1200 Meter hinter dem Friedhof, „mit einer 90 Meter langen Steigung fürs Hügeltraining“. Im Winter, nach jedem Neuschnee, sieht man den wuchtigen Mann auf seinen Holzbrettern in Zeitlupe über die verschneiten Feldern ziehen. Sisyphus in Sibirien.
Alexander Baskal, Sportlehrer und Skitrainer in Kejsess, trainiert seine Schüler nicht nur auf der Piste. Im Schachspiel wird er von den Elfjährigen auch schon mal besiegt.
Wassilij Bobrowitsch, der zweite Sportlehrer, schleppt zu Winteranfang das Wasser in 40-Literkannen auf den Eishockeyplatz. Seine Jungs spielen das beste Eishockey im Kreis, dank Bobrowitsch tragen sie auch richtige Trikots. Es gibt hier viele solcher Helden, Sport- und Musiklehrer, Kommunalbeamte und Kolchosniki. Das große Russland sucht vergeblich eine nationale Idee, das Dorf Kejsess hat für sich eine gefunden, eine sehr einfache, aber starke Idee, um die sich alles öffentliche Leben dreht: die Kinder von Kejsess, ihr Glück, ihre Zukunft.
Der Aprilhimmel über Kejsess strahlt blau und riesig wie die Iris einer verliebten Dorfschönheit. Der Alltag darunter ist bitterhart. Die großen Fröste, oft minus 40 Grad, sind vorbei, jetzt balancieren gestiefelte Gestalten über Holzbretter durch das Schmelzwasser, das die Hofeinfahrten überschwemmt. Das Dorf Kejsess im Rayon Sedelnikowo, 330 Kilometer nordöstlich von Omsk, ein Kolchos, elf Straßen, 400 hölzerne Haushalte, belagert von den Birken und Fichten der westsibirischen Wildnis. Gestern hat ein besonders blutrünstiger Vielfraß zwei Schweineställe am Dorfrand überfallen, fünf Schweine getötet, drei musste man notschlachten. Leben heißt hier überleben.
Den 1200 Bürgern geht es wie 40 Millionen russischen Landbewohnern, von denen 25 Millionen unter der Armutsgrenze leben. 370 Erwachsene arbeiten im Kolchos „Erster Mai“, für Monatshungerlöhne von umgerechnet 10 oder 20 Euro. Lehrer verdienen 50 bis 200 Euro, sind damit die Spitzenverdiener im Dorf, aber auch das reicht nicht zum Überleben. Alle, sogar die Schuldirektorin, sind Selbstversorger. Sie melken eigene Kühe, ernten die eigenen Kartoffeln, hacken Holz, jagen, sammeln Pilze. Reich sind nur die Omsker, dank ihrer Ölraffinerien. Deswegen kann es sich der Omsker Gouverneur leisten, mehr als 30 Lehrergehälter allein in Kejsess zu bezahlen. Das Dorf ist bettelarm, aber reich an Pädagogen.
In den Siebzigerjahren lebten in Kejsess mehr als 3000 Menschen, blühte hier sowjetisches Landleben. Aber von der Leinenfabrik stehen nur noch Ruinen, auch die Molkerei, das Traktorenwerk, die lokale Radiostation und das Krankenhaus haben längst dichtgemacht. Es gibt kein Parteikomitee und keinen Dorfsowjet mehr, wozu auch? Staatliche Verwaltung bedeutet, Kader und Ressourcen zu verteilen. Auf den Dörfern aber geht es schon lange nur noch darum, die Armut zu verwalten.
Alexandra Schemtschugowa (rechts) leitet das einzige Komitee der Dorfverwaltung und diskutiert Jugendfragen.
Kejsess hat eine Dorfverwaltung, aber keinen Etat. Der Chef der Verwaltung, Michail Korobkow, ein kleiner Mann mit breit gearbeiteten Händen, bekommt zwar sein Gehalt vom Staat, aber jede Kopeke für die öffentlichen Belange im Dorf muss er beim Rayon beantragen. Und der ist arm. Wenn Korobkow für umgerechnet 1800 Euro Kohle beantragt, erhält er welche für 800. Auch dieses Frühjahr mussten die Heizer wieder Brennholz in der Taiga schlagen, um Schule, Kindergarten und Kulturhaus warm zu halten. „Ohne Haushalt“, seufzt Korobkow, „kann doch von lokaler Selbstverwaltung keine Rede sein.“ Kader und Ressourcen verteilen, das heißt für ihn Freiwillige zusammenzutrommeln, Bretter oder Schlacke zu beschaffen, selbst mit anzupacken, um die vom Frost gesprengte Asphaltdecke oder eine löchrige Holzbrücke zu flicken. Verwalten, das heißt oft nur noch zu entscheiden, ob beim Beerdigen der Sarg auf einem Kolchoslastwagen oder im Krankenwagen zum Friedhof gekarrt wird.
Und doch: Auf dem Flur der Dorfverwaltung hört man lachende Kinderstimmen. Im Sitzungssaal rechts bereitet die Jugendgruppe „Ich und du“ den „Tag der Familie“ am 15. Mai vor. Links, im Kabinett von Alexandra Schemtschugowa, 44, haben sich sechs Kinder und zwei Mütter versammelt. „Und jetzt erzählt mir, Kinder“, moderiert Alexandra, „welche Eigenschaften der Mutter uns das Herz wärmen. Ira, wir fangen mit dir an.“ Ira legt ihre Kinderstirn in Falten, druckst herum: „Mmm … also, Zärtlichkeit.“ Gruppentherapie in Gummistiefeln: Die Acht- bis Elfjährigen und ihre Mütter kommen aus Familien, die Alexandra und die anderen Pädagogen im Dorf als „Risikogruppe“ bezeichnen.
Alexandra leitet das einzige Komitee der Dorfverwaltung, das Komitee für Jugendfragen. Eine Frau mit kastanienroter Kurzhaarfrisur und klugen hellen Augen. „Die Löhne bei uns sind niedrig“, untertreibt sie. „Leute mit schwachem Willen geben sich auf, fangen an zu saufen.“ Meist saufen die Väter, manchmal die Mütter. Auch tagsüber straucheln Gestalten durchs Dorf. Oft liegt schon vormittags die erste Schnapsleiche im Straßengraben. Der Dorfvorsteher vermutet, 20 Prozent der Leute hier seien Alkaschi, Alkoholiker. Der Kolchosdirektor hat einmal gesagt, er würde am liebsten die Hälfte seiner Belegschaft wegen Sauferei entlassen. Der Dorfpolizist und die Schuldirektorin vermuten, dass ein Drittel der Bevölkerung trinkt. Sibirische Zweidrittelgesellschaft.
Die Alkaschi schlagen ihre Kinder nicht. „Sie kümmern sich einfach nicht mehr um sie“, sagt Alexandra. Ihre Gruppentherapie, zweimal die Woche, soll die Eltern wieder für ihre Kinder interessieren. „Aber meist kommen nur die Mütter. Und auch nicht alle.“
Alexandra traktiert auch die Kinder, die allein kommen, mit Fragespielen, Volksmärchen und Hausaufgaben, die auf die Eltern zielen: „Stellt euch vor, ihr seid Reporter. Und zu Hause macht ihr ein Interview mit eurem Vater. Fragt ihn, wie seine Kinder einmal sein sollen!“ Die ölblauen Holzwände ihres Kabinetts sind mit Fotografien von Kinderfesten und filzstiftbunten Merkblättern tapeziert: „Was fühlt das Mutterherz?“ – „Was ist Liebe?“
Armut, Kälte, Alkoholprobleme – das Leben in Kejsess, 330 Kilometer nordöstlich von Omsk, ist hart und voller Entbehrungen.
Alexandra ist die vielleicht öffentlichste Frau in Kejsess, ihr Alltag eine endlose Kette von Veranstaltungen. Treffen der Jugendlichen mit örtlichen Kriegsveteranen, Lektionen und Diskussionsabende über die Gefahren von Alkohol, Nikotin oder Aids, Gruppenspiele mit Schulklassen: „Wie soll eine Familie reagieren, wenn die Tochter sich in einen Taugenichts verliebt?“ Auch das Sisyphusarbeit, aber die Frauen in Sibirien sind noch schwerer zu verdrießen als ihre Männer. „Manchmal stehe ich um fünf Uhr morgens auf“, sagt Alexandra. „Da habe ich die besten Ideen.“
Die Häuser im Dorf sind meist einstöckig, aus vom Alter geschwärztem Holz, auch die Gebäude der Dorf- und der Kolchosverwaltung. Nur der Giebel des Kulturhauses ist höher, seine Steinwände sind beige verputzt. Auch sibirische Architekturen haben ihre Hierarchien.
Im Direktorenzimmer des Kulturhauses wird gesungen. Die 45-jährige Nadeschda Chaponkowa und ein wetterbrauner Kolchosnik, er hat die Hände auf die Knie gelegt und blickt versonnen, feilen an der Tonlage eines Liedes, das der Dorfchor zum 9. Mai, dem „Tag des Sieges“ einstudiert. Sie verstummen, sinnen schweigend. „Etwas höher“, sagt der Kolchosnik. „Ja, etwas höher“, sagt Nadeschda. Die Direktorin trägt ähnlich rote Haare wie Alexandra vom Jugendkomitee.
Die Kinder sind die Hoffnung des Dorfes
Das Kulturhaus, offiziell heißt es „Erholungszentrum“, ist Konzertbühne, Kino, Diskothek und vor allem Jugendclub. Natürlich gibt es den Erwachsenenchor. Und der indische Spielfilm „Liebe ohne Worte“, der morgen um 22 Uhr gezeigt wird, ist auch nichts für Kinder. Aber die meisten Kulturträger im Dorf sind jünger als 18 Jahre. 149 Kinder und Jugendliche engagieren sich in der Volkstanzgruppe, der Theatergruppe, dem Kreis für Kunsthandwerk, dem Kinoclub „Traum“ oder dem patriotischen Klub „Spiegel“. Teilnahme kostenlos. Sie lernen tanzen, musizieren, Theater spielen, moderieren, organisieren, improvisieren.
Und sie treten auf. Erst am Sonntag gab es ein Wohltätigkeitskonzert, die meisten Nummern trugen Jugendliche vor. „Kinder, strengt euch an“, hat Nadeschda ihnen gesagt, „eure Großväter haben für euch gekämpft, sind gefallen, mit den Einnahmen renovieren wir das Kriegerdenkmal.“ Nadeschda hat 25 Jahre Erfahrung mit Kulturarbeit, sagt, früher hätte es weniger Geldprobleme gegeben, aber heute veranstalte man mehr. Ob die feierliche Verabschiedung der Wehrpflichtigen oder die nicht weniger feierliche Verteilung der ersten Pässe für die 16-Jährigen, die meisten Feste stellt das Kulturhaus gemeinsam mit dem Jugendkomitee und der Schule auf die Beine. „Die Schule gibt keine Ruhe“, sagt Nadeschda. „Die wollen, dass sich die Kinder entfalten.“
Die Architektur und die Hierarchien sind niedrig in Kejsess. Aber es ist kein Zufall, dass die Schule zweistöckig und aus Stein ist. Die Direktorin residiert im Obergeschoss, Irina Chromowa, 39, die vielleicht stärkste Frau im Dorf. „Es gibt Eltern, die ihre Kinder nicht mehr in die Schule schicken“, schimpft die Hünin. „Aber wir zwingen sie. Schlimmstenfalls gehe ich selbst hin.“ Kein Zweifel, wie solche Besuche enden, die Oberarme der Direktorin sind mächtig.
Irina Chromowa war einmal Komsomolvorsitzende des Kreises. Eine Enthusiastin, die an die glückliche Zukunft des Sowjetvolkes glaubte. Diese Zukunft ist längst Asche, aber Irina hat ihren Enthusiasmus nicht verloren. Die sibirischen Dorfschullehrer pflegen ihr eigenes Selbstverständnis. „Lehrer ist ein zutiefst schöpferischer Beruf“, erklärt Schulrat Rjadowoj, früher selbst Direktor der Kejsesser Schule. Lehrer seien wie Künstler oder Schauspieler, sie könnten nicht einfach nach Tarifvertrag arbeiten. „Wir haben die alten Stereotypen der sowjetischen Pädagogik noch nicht überwunden“, räsoniert Rjadowoj ironisch. „Wir wollen die Kinder nicht nur informieren, wir wollen sie begeistern, ihren Charakter entfalten.“
Nina Troptowa bietet Kindern aus sozial schwachen Familien im Sozialzentrum Rodnik einen warmen Platz zum Lernen und Spielen.
Seit 19 Jahren leitet Irina die Kejsesser Mittelschule, 23 Lehrer, vier Erzieher, 180 Schüler, elf Jahrgänge. Für viele Kinder sei die Schule das zweite Zuhause. „Ein Junge kam, als er aus der Armee entlassen wurde, direkt zu uns in die Schule, schleppte seine Koffer mit. Erst danach ist er nach Hause gegangen.“ In Irina Chromowas Stimme mischt sich Stolz mit Sorge. Natürlich sei es schwer, gegen saufende Eltern anzuerziehen. „Familien, auch schlechte Familien, prägen das Kind zu mehr als der Hälfte.“ Sie macht ein Gesicht wie Winston Churchill 1941, ernst, aber zuversichtlich, „aber wir halten die Kinder so lange wie möglich hier.“
So lange wie möglich, elf Jahre lang, bis zur Hochschulreife. Und so lange wie möglich jeden Tag, die Schule öffnet morgens um halb acht und schließt ersten gegen zehn Uhr abends. Sechs Unterrichtsstunden, das Mittagessen danach ist kostenlos. Nachmittags verwandelt sich die Schule in ein Pionierhaus, einen Sportclub und einen Spielplatz. Eishockey, Umweltschutz, Volleyball, Klavier, Computer, Flugzeugmodellbau, insgesamt bieten Schule und Kulturhaus mehr als 180 Stunden Freizeitangebot.
Schuldirektorin Irina Chromowa hat eine wirkungsvolle Methode, Eltern davon zu überzeugen, ihre Kinder in die Schule zu schicken: Sie besucht sie.
Aber auch nachmittags wird weitergelernt: „Fakultative“, Wahlfächer, oft werden sie als kostenlose Förderstunde für schwache, aber auch für besonders talentierte Schüler genutzt. „Damit sie bei den Aufnahmeprüfungen mit den Stadtkindern konkurrieren können“, sagt Irina. Die schöne Katja mit den riesigen schwarzen Augen sitzt mit nur einer Klassenkameradin im Fakultativunterricht Deutsch. Katja ist Musterschülerin, fröhlich, fleißig, hilft schwächeren Altersgenossen bei den Hausaufgaben. Und sie gehört zu den 16 Jugendlichen, die als Anerkennung für ihren Eifer im Kulturhaus umsonst in die Disco dürfen.
Zum Tag des Sieges fährt sie gemeinsam mit ihrem Geschichtslehrer nach Moskau, zu einem Empfang beim Präsidenten, eine Auszeichnung für das vorbildliche Heimatkundemuseum. Ihren Studienplatz hat sie schon sicher, der Kreis hat ein Stipendium für sie ausgeschrieben. Katja will in Omsk Wirtschaft studieren. Und wie fast alle Abiturienten will sie weg aus Kejsess. „Hier gibt es doch keine Arbeit für uns. Ich möchte zuerst Karriere machen, danach eine Familie gründen.“ Katja lächelt, sie ist 16, und die Zukunft lockt.
„Je besser unsere Dorfschulen ihre Kinder vorbereiten, je mehr einen Studienplatz in der Stadt erobern, desto weniger Intelligenz bleibt im Dorf“, klagt Schulrat Rjadowoj. Zu Sowjetzeiten verdiente eine Melkerin doppelt so viel wie ein Lehrer. „Das Verhältnis hat sich gründlich umgekehrt“, sagt die Direktorin. Jetzt ackern die Eltern, um ihren Kindern eine gute Bildung zu finanzieren. In den vergangenen Jahren verschwanden mehr als 30 Prozent der Schulabgänger an die Hochschulen nach Omsk oder Tara. Aber von 16 Absolventen der letzten Abschlussklasse arbeiten zwei auf der Kolchose, vier lernen in einer Berufsschule, acht an Colleges, vergleichbar den deutschen Fachhochschulen, nur zwei an der Universität. „Wir brauchen in der Landwirtschaft junge, gut ausgebildete Spezialisten“, erklärt Irina. Deshalb hätten die Lehrer ihre Schüler diesmal bewusst auf mittlere Ausbildungen orientiert. Kaderpolitik im Klassenzimmer.
Die Mittelschule baut auf zwei Hektar eigene Kartoffeln und eigenes Gemüse an. Im Herbst helfen Schüler und Lehrer der Kolchose bei der Ernte. „Deine beste Brigade, Chromow“, sagt Irina zu ihrem Ehemann, dem Kolchosvorsitzenden, „ist doch unsere Schule.“ Der Kolchos revanchiert sich mit Milch zum Selbstkostenpreis, aber auch mit 14 Stipendien zu 400 Rubeln. „Ohne uns kommt hier keiner aus“, sagt Irina, „aber wir auch nicht ohne die anderen.“ Jeden Montagmorgen um acht treffen sich die Jugendbeauftragte und die Dorfbibliothekarin bei Irina zur Kabinettsitzung: Was bieten wir unseren Kindern diese Woche an? Soll nicht die Dorfverwaltung in den Kindergarten ziehen, damit das neue Sozialzentrum „Rodnik“ (Quelle) ihr Gebäude übernehmen kann?
