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Gibt es überhaupt Glück, oder heißt Glück einfach nur den richtigen Umgang mit Leid zu erlernen? Mit 21 Jahren versucht Niclas Nadebusch der materalistischen Leistungsgesellschaft und ihrem täglichen Elend zu entfliehen. In einem Schweigekloster im malaysischen Dschungel wird er mittels der Meditations Technik Vipassana fündig. Doch diese Erfahrung die Anfangs als intellektuelle Unterhaltung angesehen wurde, änderte ihn komplett. Anhand der Gesetzte der Natur lernte er inneren Frieden, Harmonie und den Pfad des Glückes zugehen. Voller Abenteuerlust und geprägt von der digitalen Welt, betrat er das stille Kloster. Ein Ort des Friedens. Ein Ort der Stille. Ein Ort an dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, und ein Ort um sich in den Tiefen seines Herzens auf die Suche zu begeben. Mit Meditationen hatte er bis dahin nichts am Hut. Die Tage vergingen und täglich erschloss er durch die verschiedensten und verrücktesten Erfahrungen neue Erkenntnisse. Mit jeder neuen Einsicht, veränderte er seine Lebensansicht und innerer Frieden kehrte in ihn. Es geht um die einfachen Fragen des Lebens: Warum bin ich hier? Wieso habe ich Angst vor dem Sterben? Was ist innere Harmonie? Wie funktioniert bedingungslose Liebe? Sind Beziehungen nur Verträge die wir mit unserem Ego abschließen? Was bringe ich für einen Mehrwert in die Welt? Was haben Andere davon, dass es mich gibt? Was bedeutet es im Jetzt zu Leben? Auf welchen Werten basiert das Fundament meiner Persönlichkeit? Wenn unsere Gedanken nicht real sind, ist dann das Bild was ich von mir habe auch nicht real? Wieso hängen wir in der Vergangenheit fest, obwohl sie nicht mehr existiert und wieso leiden wir Menschen so viel? Die Antwort auf diese Fragen konnte er auf seiner Reise finden. Er fand sie nicht in irgendwelchen Theorien oder Ritualen. Er fand sie tief in sich, denn dort liegt die einzige Wahrheit die zählt! Themen die jeden von uns betreffen, egal ob reich oder arm. Am eigenen Leib verspürte er was es heißt, wenn das eigene Ego Verträge abschließt und daher unser Leid sowie unser Unglück entsteht. Elend basiert auf Erwartungen, die es uns nicht ermöglichen bedingungslos zu lieben, nicht mal uns selbst. Durch Vipassana verstand er sich diesen Erwartungen nicht hinzugeben, was letztendlich zu innerem Frieden führt. Diese Erkenntnis wurde nur durch eine reine Meditationstechnik gewonnen, denn alles entsteht und vergeht.
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Seitenzahl: 205
Veröffentlichungsjahr: 2020
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Über den Author:
Niclas Nadebusch, geboren 1998 in Bergisch Gladbach, ist Psychologiestudent und Coach mit den Schwerpunkten Bewusstseinstraining und Selbstliebe. Vor seinem Psychologiestudium war er in der Informatikbranche tätig.
Darüber hinaus ist er bekannt durch Social Media und ist in zahlreichen Extremsportarten zuhause. Doch als er sich 2018 auf die Suche nach Glück, Harmonie und Liebe macht, verändert dies sein Leben. Seine Reise führte ihn in das 10.000 Kilometer entfernte malayische Kuantan. Hier praktizierte er 10 Tage mit Mönchen zusammen Vipassana. Die Erfahrung dieser Zeit lässt Niclas Nadebusch in sein Buch und seine Seminare einfließen.
Vorwort
Welcome
Hart aber effektiv
Gedankenspiel
Beginn des Leidens
Intellektuell versus experimentell
Kurz vor knapp
Die großen Wellen kann man nichtbekämpfen
Was ist Realität?
Konzentration
Das Gefühl danach
Sehnsucht
Einführung in die Vipassanā Meditation
Körperspiel
Menschliche Natur
Bedingungslose Liebe
Unser Ego
Menschliche Instinkte
Die Gegner
Gegner 1 & 2 - Verlangen und Abneigung
Gegner 3 - Unruhe
Gegner 4 - Zweifel
Der Tod
Die geistige Vorstellung von Leiden
Die Tränen der Natur
Entscheidungen
Harmonie
Tipp1. Akzeptieren Sie die Realität
Tipp2. Keiner zwingt Sie!
Tipp3. Vergebung
Tipp4. Hören Sie sich selbst zu
Tipp5. Perspektivwechsel
Tipp6. Informationsdiät
Das Ende der Stille
Die Menschen hinter den Gesichtern
Abschied
Jede Reise endet
Danksagung
Wertvolle Links
Quellen
„Drei Dinge helfen, die Mühseligkeiten des Lebens zu tragen: Die Hoffnung, der Schlaf und das Lachen.“
Immanuel Kant
Vipassanā – ein Fremdwort für viele Europäer.
Vipassanā steht für eine der ältesten Meditationstechniken Indiens und bedeutet so viel wie „die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind“. Es gilt als die „Kunst zu leben“, wurde in Indien vor über 2500 Jahren von Gotama, dem Buddha, wiederentdeckt und von ihm als ein universelles Heilmittel gegen universelle „Krankheiten“ gelehrt. Keiner bestimmten Religion zugehörig, strebt diese Technik die vollständige Beseitigung geistiger Unreinheiten und letztendlich das Glück vollkommener Befreiung an. Der Fokus liegt auf der tiefen Wechselbeziehung zwischen Körper und Geist. Durch körperlich gerichtete Achtsamkeit kann sie unmittelbar erfahren werden: Es ist eine Reise zum Ursprung unseres Geistes. Ziel dieser Technik ist, durch geistiges Training tief in sein eigenes Unterbewusstsein zu gelangen, die Wahrheit über sich selbst zu erfahren und dadurch alle Verunreinigungen des Geistes befreien zu können und somit ein Leben voller Harmonie, Liebe und Gleichmut leben zu können. Schon durch das Lernen selbst, sprich durch direkte Erfahrungen, werden Fort- und Rückschritte verständlich. Wer meditiert, lernt, wie Leid entsteht und wie man sich von seinem Leiden befreien kann. Es ist ein Weg der Selbstveränderung durch Selbstbeobachtung.
Satya Narayan Goenka ist Meister und Lehrer dieser Technik. Er ist 1969 von Burma nach Indien gezogen, um dort die Lehre Vipassanās zu verbreiten. Über die Jahre ist die Zahl der Meditationszentren stark gestiegen. Heute gibt es über 200 in mindestens 94 Ländern. Dort wird zehn Tage am Stück täglich elf Stunden meditiert. Dabei müssen die Teilnehmer bestimmte Hauptregeln befolgen:
1. „To abstain from killing any being“ (Kein lebendes Wesen töten)
2. „To abstain from stealing“ (Nicht stehlen)
3. „To abstain from all sexual activity“ (Sich jeglicher sexueller Aktivitäten enthalten)
4. „To abstain from telling lies“ (Nicht lügen)
5. „To abstain from all intoxicants“ (Keine Rauschmittel jeglicher Art zu sich nehmen).
Für Teilnehmer, die schon einmal einen Kurs besucht haben, gelten noch ein paar zusätzliche Regeln. Essenziell ist, sie einzuhalten – einschließlich der „Edlen Stille“, die über die gesamte Kurszeit eingehalten werden soll: Nämlich mit keinem der anderen Teilnehmer zu reden. Selbst Gesten und Mimiken wie Winken oder ein Lächeln sind nicht erlaubt. Es soll so ein Gefühl der Isolation entstehen. Nur so sei es möglich, diese Technik so präzise wie möglich zu erlernen, sagt Goenka. Solange man diese Regeln und den routinierten Tagesablauf einhält, kann jeder daran teilnehmen. Alter und Herkunft, selbst die Religion spielen keine Rolle, wenn man an diesen Kursen teilnehmen möchte. Es ist eine universelle Technik, die für jeden anwendbar ist und für jeden funktioniert, solange man sich darauf einlässt!
Dieses Buch ist lediglich ein Erfahrungsbericht. Ich gehe darin nicht im Detail darauf ein, wie die Vipassanā-Meditation praktiziert wird, es ist keine Anleitung oder Belehrung. Es ist nur meine persönliche Geschichte. Ich erzähle davon, wie ich in diesen zehn Tagen gelebt, welche Erfahrungen ich gemacht habe und zu welchen Erkenntnissen ich gekommen bin. Ich hoffe sehr, Sie lassen sich auf einige meiner Gedankengänge ein und versuchen gelegentlich das „westliche“ Denken beiseitezulegen.
Verstehen Sie Vipassanā richtig, werden Sie begreifen, dass die Resultate, die hier erzielt werden, so unterschiedlich sind wie die Menschen selbst. Jeder durchläuft seinen ganz eigenen Kurs. Jeder gewinnt ganz eigene Erkenntnisse über das Leben. Für mich hat diese Technik zu einer kompletten Lebensveränderung geführt. Innerhalb von nur zehn Tagen bin ich von einem Studenten, der auch gerne mal ein Glas zu viel getrunken hat, zu jemandem geworden, der seitdem bewusster und harmonischer lebt. Ich bin mit sehr viel Skepsis in diesen Kurs gegangen. Ja, Vipassanā hat es nicht leicht mit mir gehabt. Satya Narayan Goenka würde sagen: „Du warst kein leichter Schüler“. Denn mir hat schlicht und ergreifend der Glaube an die Technik gefehlt. Letztendlich jedoch hat sie mein komplettes Bewusstsein verändert. Glück, Harmonie und Gleichmut haben nun ihren Platz in meinem Leben gefunden. Ich fühle mich seitdem zum ersten Mal in meinem Leben wirklich glücklich, erfüllt und ausgeglichen. Und genau das wünsche ich Ihnen auch.
Ich teile meine Geschichte, um andere anzuregen. Natürlich muss jeder seine eigenen Erfahrungen mit Vipassanā machen, und ich möchte nicht vorwegnehmen, welche Erkenntnisse zu gewinnen sind oder eben auch nicht. Einiges von dem, was mir dort gelehrt worden ist, ist seitdem zur Basis meines Handelns und meines Charakters geworden. Lassen Sie sich inspirieren und machen Sie Ihre eigenen Erfahrungen mit dem Leben – mit Vipassanā!
„Wir brauchen nicht so fortzuleben, wie wir gestern gelebt haben. Machen wir uns von dieser Anschauung los und tausend Möglichkeiten laden uns zu neuem Leben ein.“
Christian Morgenstern, Dichter
Kuala Lumpur: heiß, stickig und nass. So hatte ich mir den Meditationshimmel eigentlich nicht vorgestellt. Jetzt verließ ich den internationalen Flughafen. Gerade dem deutschen Winter entflohen, war ich regelrecht überfordert mit der vorherrschenden Temperatur. Erschöpft und mit durchnässtem T-Shirt machte ich mich auf den Weg zur ersten Hostelübernachtung meines Lebens. Für 25 Ringgit, umgerechnet rund fünf Euro, wurde ich fündig. Kuala Lumpur sollte jedoch nur ein kurzer Zeitvertreib bleiben, denn nach zwei Tagen würde es zu meinem eigentlichen Ziel weitergehen: dem Ashram Dhamma Malaya in Gambang. Ich buchte einen mit 50 Euro völlig überteuerten Flug nach Kuantan, einer Großstadt in der Nähe. Die Flugzeit betrug nur 35 Minuten. Angesichts der Tatsache, dass ich diese Strecke auch in zwei Stunden mit dem Bus hätte zurücklegen können für nicht mal ein Viertel des Preises war es eine vollkommen unnötige Investition. Aber so war es halt.
Nun stand ich also da, mitten im Taman Negara, einem der ältesten Regenwaldgebiete der Welt. Am Flughafen war gerade so Platz für eine Maschine. Dicht besiedelter Wald und eine schwüle Hitze, die sogar das stickige Kuala Lumpur noch einmal toppen konnte, begrüßten mich. Kein Gestank mehr von Autos, Abfall oder Baustellen. Es roch nur noch nach purer Natur. Da packte es mich: das Abenteuer-Feeling. Ich fühlte mich gleich wie eine junge und moderne Version von Indiana Jones.
Mit meinem Smartphone schoss ich noch schnell ein paar Fotos. Das war Pflicht für mich. Schließlich musste ich gewiss jedem über Social Media mitteilen, was für ein Abenteurer ich nur war. Was nicht auf Instagram gepostet wird, das existiert auch nicht, dachte ich bei mir. Ich, auf der Suche nach mir selbst im malaysischen Dschungel, meditierend mit Mönchen. Was für ein Abenteurer! Ich sah das Ganze mehr als eine Unterhaltung meines Intellekts als eine lebensverändernde Erfahrung.
Mit dem Taxi ging es tiefer hinein in den Taman Negara bis ich schließlich vor einem Schild stand: „Welcome to Dhamma Malaya Vipassanā Centre“. Es war traumhaft. Mitten in einem Meer aus Palmen erblühte der Aschram wie ein heiliger Ort. Die Atmosphäre war magisch. Meine Nasenlöcher sogen den Geruch von purer Natur in sich hinein. Um mich herum war nichts als Natur. Überall zwitscherten Vögel und man hörte das Rauschen des Windes. Es war herrlich! Durch die Palmen hindurch konnte ich die ersten kleinen Chalets erkennen, die von einer Bergkulisse umhüllt wurden. Ich war völlig überwältigt. Sicherlich hatte ich mit Natur gerechnet, doch dieser Ort übertraf all meine Erwartungen. Abgelegenheit, Natur und Stille – alles, was man brauchte, um sich komplett auf sich selbst konzentrieren zu können, war vorhanden. Eine Atmosphäre des Friedens umhüllte das gesamte Gelände. Wenige Selfies später verabschiedete ich mich von der Außenwelt und startete meine Reise ins Ungewisse.
Hinter dem Tor begab ich mich zur Dining Hall, dem Speisesaal. Dort empfing mich ein älterer europäischer Herr, der mir die Formalitäten erklärte und mit mir die Registrierung durchging. Er hatte einen langen weißen Bart und ein schlabbriges weißes T-Shirt an. Genau so hatte ich mir das typische Klischee dieses Kurses vorgestellt! Er wirkte auf mich so weise und friedlich, dass ich von Anfang an hin und weg war. Mein Abenteuergefühl erhielt immer mehr Futter und in meinem Bauch wuchs die Vorfreude immer mehr. Ein paar Infos und Unterschriften später bekam ich auch schon meinen Zimmerschlüssel. P2 lautete meine Raumnummer. Voller Abenteuerlust machte ich mich auf die Suche danach. Wohl weil ich einer der ersten war, die angekommen waren, war es noch sehr ruhig und harmonisch: keine städtischen Geräusche, kein Geschrei und vor allem keine negativ aufgeladenen Menschen. Ich merkte, wie mich der Ort immer mehr in seinen Bann zog.
Bett, Badezimmer, Lampe. Das beschreibt meine Unterkunft für die nächsten Tage ziemlich gut. Im Raum waren wirklich nur ein Licht und eine Latexmatratze, die jedoch so dünn war, dass ich auch gleich auf dem Boden hätte schlafen können. Na ja, Komfort sieht anders aus, dachte ich mir, aber immerhin habe ich mein eigenes Badezimmer. Es war ebenfalls in sehr schlichtem, aber akzeptablen Zustand. Was wollte man auch anderes erwarten von einem Meditationszentrum, das einzig und allein durch Spendengelder finanziert wurde. Da war ich also, umgeben vom Dschungel, so weit das Auge reichte.
Nun war Warten angesagt. Während eines Powernaps machte ich die erste Bekanntschaft mit der Matratze. Hart aber effektiv, so würde ich sie bewerten.
Gegen 16 Uhr war es dann so weit. Sämtliche Wertgegenstände mussten abgegeben werden. Erneut begab ich mich auf den Weg zur Dining Hall. Wie werden sie wohl aussehen, meine Mitmeditierenden? Auch alle in weißer Kleidung, mit weißem Bart und ältere Semester?
Ich war so aufgeregt und konnte es kaum glauben, als ich mich in der Dining Hall hingesetzt und umgeschaut hatte. Verwundert stellte ich fest: keine weißen Bärte, keine weiße Kleidung, keine Hippies, keine Rastas. Nein, meine Erwartungen wurden nicht erfüllt. Das Alter lag zwar im Durchschnitt jenseits der 40. Jedoch waren das alles hier ganz normale und moderne Menschen. Überwiegend Menschen indischer und malaysischer Herkunft fanden sich im Kurs. Jedoch hatte es auch vier westlich aussehende Menschen nach Malaysia verschlagen.
Alles, was auch nur ansatzweise mit Luxus oder Schnick-Schnack zu tun hatte, wurde eingesammelt: Handys, Kameras, Laptops, sogar Bücher! Alles, was auch nur irgendwie mit Entertainment in Verbindung gebracht wurde, musste abgegeben werden, wurde mit einem Sticker versehen und dann in ein Schließfach gesperrt. Ein ungutes Gefühl übermannte mich, denn bei der Masse an Menschen bezweifelte ich für einen kurzen Moment, dass ich mein geliebtes Handy je noch einmal wiedersehen würde. Aber ich hatte keine Wahl. Also versuchte ich, den Kurshelfern, die ich ja gerade erst kennengelernt hatte, zu vertrauen. Sie kamen aus allen Teilen der Erde und waren ein bunter Haufen, der unterschiedlicher nicht hätte sein können: von einem glatzköpfigen volltätowierten Europäer hin zu einem chinesischen Opa, dem man die harten Jahre des Lebens durchaus ansah. Alle opferten sie zehn Tage ihrer kostbaren Freizeit, um uns zu helfen. In der Zeit, in der wir Vipassanā praktizierten, standen sie uns zur Seite, kochten für uns, organisierten alles und hielten das Gelände sauber – ehrenamtlich!
Ihre Aura war jedoch bei allen gleich, und was für eine! Harmonie lag in der Luft. Sie strahlten, lachten und waren so voller Glück, dass ich mir sofort die Frage nach dem Warum stellte: Wie konnten sie so viel Lebensenergie ausstrahlen, obwohl sie doch wussten, dass sie zehn Tage lang rund um die Uhr arbeiten würden, ohne dafür eine Gegenleistung zu erhalten? Für sie galt ebenfalls der strenge Tagesablauf. Auch sie mussten täglich um 4 Uhr morgens das Bett verlassen. Später erfuhr ich, dass einige sogar extra aus England angereist waren, um uns zu dienen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich war zutiefst beeindruckt! Verstanden habe ich es jedoch nicht sofort. Das sollte sich allerdings noch ändern.
Passend zu meinem Hungergefühl, das immer stärker wurde, war nun Essenszeit angesagt. Reis mit Gemüse stand auf dem Menüplan, eingebettet in eine leckere Soße. Für mich war es die erste tatsächliche Begegnung mit vegetarischem Essen. Studenten mögen zwar oft bärtige, vegane Hipster sein; leider traf dies auf mich ganz und gar nicht zu. Für mich, den König von Pizzaburgen, war allein schon der Gedanke an vegetarisches Essen ein Albtraum. Klar war ich für das Wohl der Tiere, jedoch nicht bereit, meine Essgewohnheiten zu ändern. Geschmeckt hat es mir dort aber überraschenderweise jedes Mal!
Es war so weit. In wenigen Minuten startete der Kurs. Ruhe kehrte ein und die Sitzplatzverteilung für die Meditationshalle begann. Jeder Teilnehmer wurde einzeln nach vorne gerufen und bekam ein kleines Kärtchen, auf dem eine Nummer und ein Buchstabe stand. In der Zwischenzeit war es schon dunkel geworden. Es entstand eine geradezu mystische Atmosphäre.
Weil ich als einer der Ersten eingetroffen war, war ich einer der Letzten, der nun aufgerufen wurde. Als 48. wurde ich aufgerufen und ging nach vorne. Ein älterer Mann gab mir einen kleinen weißen Zettel. Ehrlich gesagt konnte ich damit nicht wirklich etwas anfangen, da mir nicht mal bewusst war, wo genau sich die Meditationshalle befand. Auf dem Zettel stand nur „8C“. Vorsichtig und etwas unsicher wagte ich mich aus dem Speisesaal heraus in der Hoffnung, den Weg zu finden.
Dann jedoch geschah etwas, mit dem ich so nicht gerechnet hatte: Die rund 50 Kursteilnehmer standen bei leichtem Laternenschein hintereinander aufgereiht und warteten auf den Einlass in die Halle. Ich war überwältigt! Es hatte etwas von einem Ritual und ich fühlte eine okkulte Stimmung in mir aufkommen, die mich leicht misstrauisch werden ließ. Spätestens zu diesem Zeitpunkt traute sich niemand mehr, auch nur einen Laut von sich zu geben. Die Stille ergriff Besitz von diesem Ort. Urplötzlich wurde mir die Ernsthaftigkeit des Ganzen bewusst. Gefühle der Angst durchströmten meine Adern, die Abenteuerlust war in weite Ferne gerückt. Stattdessen machte sich Skepsis breit und gab dem Kopf ordentlich Stoff zum Denken: Was mach‘ ich hier nur? Welchem asiatischen Kult hab‘ ich mich hier nur hingegeben?
Während ich langsam aber sicher alles infrage stellte, ertönte ein Gong, der bestimmt auf dem gesamten Gelände zu hören war. Jetzt gab es wirklich kein Zurück mehr. Denn der Gong war das Zeichen dafür, dass ab jetzt die Edle Stille eingehalten werden musste und der Kurs nun offiziell begann.
Vorne setzten sich die ersten in Bewegung. In quälend langsamem Tempo, in einer bedrückenden Atmosphäre machten sich alle auf den Weg. In einer Reihe und mit gesenktem Blick hatte es ein wenig was von einer Hinrichtung: als würde man seinen letzten Gang in Freiheit machen, bevor man sein Leben verlor. Ich wunderte mich sehr, dass alle Teilnehmer das hier extrem ernst nahmen. Menschen jeden Alters aus allen möglichen Nationen und vor allem aus allen Gesellschaftsschichten nahmen diesen Moment so ernst, dass ich mich vor lauter Respekt schon schämte, überhaupt so überwältigt zu sein von diesen Umständen. Ich war nun alles andere als sicher, ob ich diesen Ort noch als dieselbe Person verlassen würde.
Ein paar stille Sekunden später ragte eine pompöse ostasiatisch aussehende Halle auf, versteckt hinter Palmen und tropischen Pflanzen – definitiv das Herzstück des Geländes. Die Edle Stille hielt. Nun durften wir nacheinander im Zehn-Sekunden-Takt diese magische Halle betreten.
Es dauerte ein wenig, dann öffnete sich für mich ein kleiner weißer Vorhang. Nun durfte auch ich in die Halle. Voller Zweifel betrat ich mit zitternden Knien und einem unguten Gefühl diesen Ort. Hätte ich auf mein Umfeld hören sollen? Hatten sie recht damit gehabt, dass es sich um religiöse Rituale handelte?“ Jedoch hatte mir die Organisation immer wieder versichert, dass dies alles fernab aller Religionen sei.
Die Halle war mit rund 100 Menschen gefüllt. Auf der linken Seite saßen gut und gerne 50 Männer, getrennt davon auf der rechten Seite ungefähr 50 Frauen sowie einige Meditierende an beiden Seiten. Fast jeder von ihnen saß auf einem Meditationskissen, einige wenige auf Stühlen. Der Unterschied zu einem normalen Sitzkissen ist mir bis heute nicht ganz klar. Alle Blicke waren starr auf einen Punkt gerichtet: Ganz vorne befand sich eine Art weißes Podest, das einem Altar ähnelte. Darauf saß ein alter weißhaariger Mann indischer Herkunft, unser Lehrer! Daneben auf einem weiteren Podest thronte eine kurzhaarige Frau, ebenfalls indischer Herkunft. Dies hier war definitiv das Zentrum der Halle. Alle Menschen im Saal befanden sich im typischen Schneidersitz, wie es üblich war für Meditierende. Der Anblick hätte klischeehafter nicht sein können. Es sah aus wie in einem Film. Beeindruckt begab ich mich langsam zu meinem Platz. Die vorherrschende Stimmung fesselte mich. Selten zuvor hatte mich ein Augenblick so sehr eingenommen wie dieser. Zugegeben: Ich hatte zuvor auch noch nie einen vergleichbaren Augenblick erlebt. Es fühlte sich ein wenig so an, als würde man sich einem Geheimbund anschließen, der einem nun alle Geheimnisse über das Leben offenbarte. Ebenfalls entsprachen beide Lehrkräfte genau dem, was ich mir unter Meditationsmentoren vorgestellt hatte. Unterstützt wurde das Ganze noch von einem sanft gedämmten Licht. Alle Sinne wurden auf diese Weise stimuliert. Es war überhaupt nicht anders möglich, als sich diesem Moment völlig hinzugeben. So fasziniert, wie ich war, bemerkte ich nicht mal, dass der Saal nun komplett gefüllt war. Ohne Vorwarnung ertönte plötzlich eine laute Stimme über die Lautsprecher an der Decke. Es war eine Aufzeichnung von S. N. Goenka, der damit offiziell den Kursbeginn einläutete: Er sang auf seine ganz eigene Art und Weise! Ehrlich gesagt, musste ich mir in diesem Moment so sehr das Lachen verkneifen wie selten zuvor. Goenkas Gesang war nicht wirklich mit Rhythmus oder melodischen Elementen ausgestattet. Die Tatsache, dass dennoch über 150 Menschen – alt, jung, reich und arm – mit einer solchen Ernsthaftigkeit dort saßen und dem Klang folgten, war mir sehr suspekt. Es amüsierte mich regelrecht. Verstanden habe ich nichts von dem Gesang. Da er jedoch auf Indisch war, ging es zum Glück nicht nur mir so. Gleichwohl richtete ich meine Konzentration auf die Gegenwart. Ich nahm mir vor, mit Respekt an die Sache heranzugehen. Schließlich war ich nicht zum Spaß nach Malaysia gekommen, sondern um zu lernen.
Kurz darauf begrüßte uns Goenka freudig mit einem leichten aber sympathischen Akzent. Da saß ich also bei mittlerweile angenehmen 27 Grad in einer viel zu großen Jogginghose auf einem Sitzkissen, das auch der kleine Bruder der Matratze hätte sein können. Auch hier hätte man sich das Kissen durchaus sparen können. Komfortabel war es nicht. Na ja, ich war ja schließlich nicht in einem 5-Sterne-Hotel mit All-Inclusive-Service am Strand von Mallorca. Nein, ich kam, um wie ein Mönch zu leben und dies tat ich nun auch.
Nach der kurzen Begrüßung ging es dann mit dem technischen Teil los. Voller Aufregung hörte ich schon gar nicht mehr richtig hin. Meine Gedanken voller wilder Fantasien überschlugen sich: Welche uralten Geheimnisse würden mir jetzt wohl beigebracht? Voller Spannung lauschte ich wieder den Anweisungen: „Beruhige deinen Geist! Dann konzentriere dich in Ruhe auf deinen Atem. Atme ein, atme aus. Lass es einfach geschehen. Beobachte deinen Atem, wie er kommt und wie er geht. Versuch dabei, neutral zu bleiben, und beobachte, wie dein Atem ganz von selbst und ganz natürlich immer wieder kommt und geht.“ Das war zusammengefasst das, was Goenka zu uns sagte. „Sei in der Realität, konzentriere dich darauf, nur im Hier und Jetzt zu leben. Beobachte, wie Luft aus deinen Nasenlöchern strömt, wie sie an deinen Lippen vorbeigleitet und dann wieder ihren Weg zurück in deinen Körper findet. Konzentriere dich nur darauf. Beeinflusse deinen Atem nicht! Du sollst ihn nicht regulieren oder beeinflussen, sei einfach ganz natürlich. Beobachte die Natur deines Atems, wie er ein- und ausgeht, wie er entsteht und vergeht“.
„Wow! Das hört sich aber leicht an. Das kann ja jeder!“, dachte ich mir. Zwar hatte ich ehrlich gesagt mit einem mystischen Geheimnis oder einem Ritual gerechnet, doch diese simple Aufgabe gefiel mir ebenfalls ganz gut. Voller Zuversicht, dass hierbei ja nichts schiefgehen könnte, machte ich mich an die Arbeit. Mit geschlossenen Augen begab ich mich in die vorgesehene Sitzposition, richtete meine Konzentration auf meinen Atem und begann zu Beobachten. Es dauerte keine zehn Sekunden und meine Gedanken waren schon bei allen möglichen Dingen, aber nicht mehr bei der eigentlichen Aufgabe. Ich bemerkte es jedoch sehr schnell und versuchte, mich ihr erneut zu widmen. Diesmal dauerte es rund 20 Sekunden, bis meine gesamte Aufmerksamkeit hinfort schwebte.
Ich dachte über den Sinn der Technik nach und über meine Mitmeditierenden. Alle Augen waren geschlossen. Also bat sich mir die Möglichkeit, mich erst mal ordentlich umzuschauen. Schließlich hatte ich ja noch gar nicht die Chance bekommen, alle Teilnehmer des Seminars anständig zu begutachten. Als ich so meinen Wegbegleitern zuschaute, fragte ich mich, was sie wohl gerade dachten. Ob sie sich genauso wie ich nicht wirklich konzentrieren konnten?
„Schluss damit!“, befahl ich mir und schloss erneut meine Augen. Vorher wagte ich jedoch noch einen dezenten Blick auf die Uhr an der Wand. 15 Minuten waren bereits vergangen! Schnell versuchte ich, wieder einen klaren Geist zu bekommen und meine Konzentration wieder aufrechtzuerhalten. Doch meine Gedankengänge sahen wie folgt aus: „Beobachte deinen Atem, beobachte deinen Atem, beobachte deinen Atem, was meine Freunde gerade wohl so machen? Ob sie auch gerade zu Hause sitzen und versuchen, sich zu konzentrieren? Die meisten müssten ja gerade in der Uni sein, ob sie wohl Spaß an ihren Studiengängen haben? Na ja, für mich wäre das meiste nichts. Ach, Scheiße, beobachte deinen Atem, beobachte deinen Atem.“ Dieses Spiel der Gedanken ging die gesamte Stunde so. Mein Geist setzte sich lieber mit anderen Menschen auseinander, als sich um sich selbst zu kümmern. Frust machte sich breit. Andererseits war der Kurs nicht mal richtig gestartet. Deshalb versuchte ich, es mit Gleichmut zu betrachten.
Zum Abschluss der ersten Meditationseinheit fing Goenka wieder an zu singen, diesmal sogar im Chor. Die anwesenden Old Students* stimmten in seinen Gesang mit ein. Es klang, als würden sie jemanden beschwören, es hatte schon irgendwie etwas von einem Ritual.
Da wurde die Stimmung erneut durch einen lauten Gong gestört, gefolgt von der Anweisung: „Ruht euch aus, ab morgen beginnt die richtige Arbeit.“ Anschließend standen alle auf und machten sich auf den Weg zurück zu ihren Zimmern. Da meine soziale Inkompetenz sowieso schon dafür gesorgt hatte, dass ich mit niemandem kommunizierte, machte mir die Edle Stille nichts aus. Meine übliche Kommunikationsmöglichkeiten via Smartphone hatte ich ja bereits hinter mir gelassen. Im Klang der Nacht brachen wir also zu unseren Unterkünften auf, in den Ohren das Toben von Grillen und anderen nachtaktiven Wesen. Ich hörte absolut nichts, nur die Geräusche des Dschungels. Es war etwas unheimlich, da ich als Europäer vieles nicht zuordnen konnte. Was da wohl im Dschungel alles so lauert? Inzwischen war es halb zehn. Ab 22 Uhr mussten alle Lichter aus sein. Als Nachtschwärmer, der den Schlafrhythmus eines Schichtarbeiters hatte, fragte ich mich, wann ich wohl das letzte Mal um zehn ins Bett musste. Meine Eltern waren zwar konsequent, doch seit dem 14. Lebensjahr war ich mein eigener Herr der Nacht. Verzweifelt versuchte ich mir meinen Raum noch durch Aufräumarbeiten zu verschönern, dann ging es jedoch schon auf die bemerkenswerte Latexmatratze. Wie war das noch mal? Hart, aber effektiv?
„Zu wissen, was man weiß, und zu wissen, was man tut, das ist Wissen.“
Konfuzius
