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Ein Politiker von echtem Schrot und Korn, in einer Situation, in der die einen resignieren oder kuschen, andere "Marsch zurück" blasen und wieder andere dem Christentum überhaupt nichts mehr zutrauen. Dabei ist unsere Gesellschaf heute mehr denn je auf Werte des Christentums angewiesen. E. Teufel sagt, wo es brennt - und wie der Brand zu löschen wäre, damit es kein Flächenbrand wird - ehe es ganz zu spät ist: Kritisch und klug, selbstbewusst und engagiert: ein Buch, das hilft, klar zu sehen.
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Seitenzahl: 175
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Erwin Teufel
Ehe alles zu spät ist
Kirchliche Verzagtheit undchristliche Sprengkraft
Titel der Originalausgabe: Ehe alles zu spät ist
Kirchliche Verzagtheit und christliche Sprengkraft
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2013
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2014
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig
ISBN (E-Book): 978-3-451-80451-9
ISBN (Buch): 978-3-451-30907-6
Inhalt
Vorwort
I. Nur das vorgelebte Beispiel überzeugt – Über Dienen und Führen
II. Sich nicht verlieren im Filigranen – Zentral ist die Gottesfrage
III. Eine dramatische Entwicklung – Wenn die Kirche aus der Zeit fällt
IV. „Wir haben genügend Priester. Nur, wir weihen sie nicht“ – Viri probati
V. Kirche für Menschen, nicht für Männer – Zum Diakonat für Frauen
VI. Das Zweite Vatikanum, ein unerledigtes Konzil
VII. Die Würzburger Synode – Nach 40 Jahren keinen Schritt weiter
VIII. Subsidiarität – Der Lösungsansatz für fast alle Probleme
1. Umstellen von unten nach oben: Subsidiarität in der Kirche
2. Keine geschlossene Gesellschaft: Volk Gottes in der Gemeinde
3. Mehr Kompetenzen und mehr Mut: Der Bischof
4. Hier liegen die Hauptprobleme: Der Papst und die Kurie
5. Die offengebliebene Frage: Beteiligung der Bischöfe an der Leitungsgewalt des Papstes
6. Kollegialität neu lernen: Bischofssynode
7. Reformbedürftigkeit des Gesandtschaftswesens: Die Nuntiaturen
8. Die Vatikanbank: Hier ist Entweltlichung angesagt
IX. „Humanae vitae“ – Über Verantwortung und Freiheit
X. Von so genannten Laien, Hirten und Herden
XI. Anregen und orientieren – Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK)
XII. „Vertrauen verloren, alles verloren“ – Missbrauch von Kindern und Jugendlichen
XIII. Einheit ist möglich – Ökumenisch denken und handeln
XIV. Sie nutzen nicht, sie schaden – Lehrverfahren durch die Kongregation für die Glaubenslehre
XV. Nicht nur Recht und Gesetz – Unauflöslichkeit der Ehe und wiederverheiratete Geschiedene
XVI. Das Leben eines Kindes hat Vorrang – Schutz des ungeborenen Lebens
XVII. Horizonterweiterung: Eine Kirche für andere sein!
XVIII. Mauern in den Köpfen einreißen – Im Dialog mit Gott und den Menschen
XIX. Ausblick: Hoffen gegen alle Hoffnung und Erfahrung
Literaturhinweise
Als meine Frau und ich vor zwei Jahren wieder einmal den Marienwallfahrtsort Lourdes besuchten, haben wir nicht nur an der beeindruckenden Lichterprozession am Abend teilgenommen, mit tausend behinderten Menschen in Rollstühlen. Wir haben auch am nächsten Morgen den deutschen Pilgergottesdienst an der Grotte der Erscheinungen besucht. Nach der Messfeier hat mich der deutsche Pfarrer angesprochen, der die Messe zelebrierte. Er sagte zu mir: „Ich bete jeden Tag für Sie“. Als ich mit der Antwort zögerte, weil ich ihn gar nicht kannte, fuhr er fort: „Es ist wirklich wahr. Ich bete täglich für Sie, weil Sie Dinge sagen können, die ich nicht sagen kann“.
Das hat mir Mut gemacht, weiterhin in Vorträgen und Beiträgen offen meine Meinung zur Situation der Katholischen Kirche und zu notwendigen Reformen zu sagen. Ich teile nicht die Einschätzung, die Kirche befinde sich aktuell in einem Verteidigungskampf gegen eine aufgeheizte antikirchliche Öffentlichkeit. Ich habe eher den Eindruck, dass die Brandung sich nicht mehr die Mühe macht, gegen die Dämme anzulaufen. Die Gleichgültigkeit ist das größere Problem.
Sicher, es gibt eine Kritik an der Kirche von außen, und nicht immer steht dahinter eine wohlmeinende Absicht. Die Haltung der Gleichgültigkeit halte ich aber für dramatischer. Auch viele, die früher ihren Platz in der Kirche gesehen haben, kritisieren nicht einmal mehr, weil sie der Meinung sind: Es ist sowieso alles zu spät. Das glaube ich nicht. Meine Kritik ist nicht die Kritik eines Außenstehenden, welcher der Kirche nicht wohlwollend gegenübersteht. Es geht mir nicht um Abbau, sondern um Aufbau. Jetzt ist die Zeit für Reformen, die den Abbau verhindern und den Aufbau voranbringen – es ist allerdings höchste Zeit! Ich stehe mitten in meiner Kirche und liebe sie. Ich habe mich ein Leben lang und bis zum heutigen Tag in dieser Kirche engagiert. Zuerst in der Katholischen Jugend als Dekanatsjugendführer und in einigen Verbänden. Dann in dem ersten nach dem Konzil gebildeten Pfarrgemeinderat meiner Gemeinde; im ersten nach dem Konzil gebildeten Diözesanrat meiner Diözese Rottenburg-Stuttgart und 25 Jahre als Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.
Gerade deshalb bin ich so betroffen, dass in unserer Kirche überfällige Reformen jahrzehntelang nicht auf den Weg gebracht wurden. Die Themen sind alle von Theologen längst aufgearbeitet und biblisch fundiert. Konkrete Reformen werden von den aktiven Christen ungeduldig erwartet. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Aber viele drängende Fragen werden nicht entschieden. Teilweise wird immer noch versucht, eine Diskussion zu unterdrücken. Aber heute gelingt das nicht mehr.
Die Kirche muss die Zeichen der Zeit erkennen. Bei Matthäus 16,4 heißt es: „Jesus hob an und sprach zu ihnen: ,Wenn es Abend geworden, sagt ihr, schön Wetter gibt’s, denn rot glüht der Himmel. Und frühmorgens: heute gibt’s Sturm, denn düsterrot glüht der Himmel. Das Gesicht des Himmels könnt ihr beurteilen, die Zeichen der Zeit aber kennt ihr nicht‘“. Dieser Vorwurf Jesu gilt heute allen Entscheidungsträgern unserer Kirche.
Den Kairos, die erfüllte Zeit, den richtigen Zeitpunkt gilt es zu erkennen. Wenn er versäumt wird, dümpeln die Dinge dahin. Jede Zeit ist Entscheidungszeit. Der Neutestamentler Joachim Gnilka sagt, inspiriert aus dem Verständnis der Bibel: „Die Verkennung der entscheidungsvollen Zeitpunkte hat wiederholt das Verhältnis des Volkes zu seinem Gott belastet. Es gilt zu jeder Zeit den Kairos zu erkennen.“
Das gilt auch und besonders für unsere Kirche. Auch unsere Kirche braucht deshalb Öffentlichkeit. Von unten bis oben, von der Basis in den Gemeinden bis zu den verschiedenen Ebenen der Leitungsämter gilt: Wir brauchen Transparenz für kirchliche Entscheidungsprozesse. Wir brauchen Meinungsfreiheit. Sie ist ein Menschenrecht. Wir brauchen auch die aktive Beteiligung des ganzen Gottesvolkes, das die Kirche bildet. So hat es auch das Zweite Vatikanische Konzil definiert. Und zur Beteiligung gehört, dass man aufeinander hört, sich über Erfahrungen austauscht und auch kritisches Engagement zulässt.
Verzagtheit und Sprengkraft, das beschreibt ein starkes Gegensatzpaar. Verzagtheit und mangelnden Mut sehe ich nicht nur bei Bischöfen gegenüber der römischen Kurie oder in einer zu stark ausgeprägten Autoritätshaltung mancher Gläubiger. Verzagtheit wird zur wirklichen Gefahr, wenn man der eigenen Botschaft zu wenig zutraut, wenn man sie zuallererst und vor allem defensiv absichern möchte, statt ihrer verändernden und lebensgestaltenden Kraft zu vertrauen.
Ich sage also ein offenes Wort zu den ungelösten Fragen. Ich nenne die Dinge beim Namen. Aber ich möchte niemanden persönlich verletzen.
Große Erwartungen richten sich jetzt auf unseren neuen Papst Franziskus. Es ist erfreulich, dass ein Papst aus Lateinamerika gewählt wurde und dass er vorrangig die Armen sieht und selbst einen bescheidenen Lebensstil vorlebt. Wir sollten von Papst Franziskus nicht zuviel auf einmal verlangen, aber wir dürfen ihm auch nicht zu wenig zutrauen.
Wir brauchen als Papst einen neuen Johannes XXIII. Damit will ich keinen der Päpste nach ihm abwerten, sondern ich möchte zum Ausdruck bringen, was die jetzige Situation der Kirche erfordert. Jetzt ist nicht die Zeit für Kleinmut und Angst. Jetzt ist die Zeit, auf die befreiende Kraft, die Sprengkraft der christlichen Botschaft zu vertrauen. Noch ist Zeit zum Handeln – ehe alles zu spät ist.
Von dem Gründer der Christlichen Arbeiterjugend und späteren belgischen Kardinal Joseph Cardijn habe ich den Satz: „Sehen – urteilen – handeln“. Ich habe mich bei der Erkennung, Analyse und Lösung von Problemen ein Leben lang an diesen Dreischritt gehalten.
Sehen: Zuerst ist das Betrachten der Wirklichkeit verlangt: so, wie sie ist, auch wenn ich sie verbessern und verändern möchte. Wirklichkeitsnähe und Realitätssinn gehören zusammen. Das heißt: genau hinsehen und nicht wegschauen oder übersehen, oder durch die Brille eigener Voreingenommenheit sehen.
Dann urteilen: also den eigenen Verstand einsetzen, Vernunft walten lassen, Fachleute hören, Betroffene einbeziehen, die eigene Lebenserfahrung nutzen, gesundem Menschenverstand vertrauen und dann sich ein eigenes Urteil bilden.
Schließlich handeln! Viele hören nach dem zweiten Schritt auf und finden nicht die Kraft zum Handeln. Entscheidungsschwäche ist ein Merkmal unserer Zeit. Viele in der Kirche handeln nicht, weil sie sich durch die Tradition an frühere Entscheidungen gebunden fühlen, obwohl diese in einer ganz anderen Zeit unter ganz anderen Umständen getroffen wurden. Viele haben Angst vor falschen Schritten. Viele halten Gehorsam für eine größere Tugend als die Nutzung des eigenen Verstandes. Viele sehen nur die Risiken einer Entscheidung, nicht aber, dass Liegenlassen und Ausweichen vor notwendigen Entscheidungen auch eine Entscheidung ist. Eine falsche und folgenreiche Entscheidung. Viele reden vom Heiligen Geist, haben aber kein Vertrauen in seine Kraft und seinen Beistand.
Wenn ich über Führung spreche, dann spreche ich natürlich auch aus meiner Erfahrung als Politiker in demokratischen Gremien, auf verschiedenen Ebenen, in ganz unterschiedlichen Gruppen, von der Jugendarbeit bis zum Gemeinderat, bei der Führung der Landtagsfraktion, aber auch in der Regierungsverantwortung. Schon in jungen Jahren bin ich in Führungsverantwortung gestanden, als Bürgermeister, Abgeordneter und Staatssekretär. Später als Fraktionsvorsitzender und Ministerpräsident.
Die Kirche ist keine Demokratie im klassischen Sinne des Staatsrechts. Aber auch die Kirche hat es mit Menschen zu tun, die auf ihre Menschenwürde und Menschenrechte Wert legen, mit Menschen, die sich einbringen wollen und Verantwortung übernehmen möchten, mit Menschen, die in ihrem Beruf und in ihrem Leben keine „Laien“ sind, sondern eine beachtliche Kompetenz und Lebenserfahrung haben. Die Kirche sollte anerkennen, dass ihre Glieder nicht mehr „lammfromm“ sind, wie frühere Generationen, sondern ein demokratisches Ethos haben und Offenheit und Beteiligung erwarten.
Die Menschenrechte sind nicht auf den Staat begrenzt, sondern Maßstab für die ganze Gesellschaft, in der wir leben und zu der auch die Kirche gehört. Zu den großen Errungenschaften des Rechtstaats gehören die natürlichen Menschenrechte, mit lebendiger Beteiligung und Öffentlichkeit, mit Teilung und Kontrolle der Macht. Rechtstaatliche Prinzipien in Personal- und Sachentscheidungen können und müssen von der Kirche im Umgang mit ihren Mitgliedern und Mitarbeitern übernommen werden.
Bestimmte Grundsätze und Spielregeln gelten überall, wo Menschen miteinander leben. Früher haben die Menschen sich leichter eingeordnet. Heute wollen sie überzeugt und beteiligt sein. Sie wollen „mitgenommen“ werden, in der Kirche wie in der demokratischen Gesellschaft. Auch in der Kirche muss anerkannt werden, dass da Menschen sind, die alle auf ihrem Gebiet Wissen, Erfahrung und Kompetenz haben und also etwas zum Gelingen des Ganzen beitragen können. Meine Erfahrung ist, dass sich daraus eine Bereicherung, ja geradezu eine Multiplikation von Möglichkeiten ergibt, wenn ich diese Erfahrungen nachfrage und Menschen dazu verlocke, sie einzubringen.
Über einer dänischen Rathaustür habe ich einmal gelesen: „Zwei wissen mehr als einer und zehn wissen mehr als zwei.“
Führung auch in der Kirche heißt, dass derjenige, der nach dem Recht das alleinige Sagen hat, einsieht, dass zwei Leute einen anderen Horizont und eine andere Schwerpunktsetzung haben als er allein, und erst recht zehn: dass Entscheidungen also auch im Blick auf die Erfahrungen und das Wissen anderer getroffen werden müssen.
Die Menschen müssen – ganz besonders bei denen, deren Amtsverständnis geistlich geprägt und begründet ist – die innere, persönliche Haltung spüren, sie müssen merken, wie er sich auf die anderen hinordnet und was die Quelle ist, aus der er lebt, wie er sein Leben im eigenen Glauben ausrichtet und wie er das selber vorlebt, was er verkündet. Jesus hat sich eine dienende Kirche vorgestellt: Einer trage des anderen Last. Und ein Führungsamt auf jeder Ebene erfordert natürlich auch Mut zu Entscheidungen, auch in der Kirche. Entscheidend ist beides: Ein Amt ist nicht Herrschaft, sondern Dienst. Aber ein Amt erfordert vor allem auch Führungskraft. Führen heißt, einen Weg aufzeigen und auf diesem Weg selber vorangehen.
„Heute überzeugt nicht Wortverkündigung, sondern Tatverkündigung.“ Das sagt der Redemptoristenpater Felix Schlösser, ein Theologe und Priester, der große Erfahrung in der geistlichen Begleitung von Menschen hat. Eltern werden diesen Satz verstehen. Eine Mutter hat einmal gesagt: „Was nützt denn die ganze Erziehung, die machen mir doch alles nach!“ Reden und verbales Verkündigen allein nützt in der Tat nichts. Der Standardsatz „Habe ich dir das nicht schon hundertmal gesagt“, erreicht niemand. Wer abends vor dem Fernseher hockt und seinen Kindern sagt: „Lies doch mal ein Buch!“, wird keinen Erfolg haben. Und wer in der Kirche Geschwisterlichkeit und Nächstenliebe predigt, aber in seinem Handeln nicht davon geprägt ist, erreicht ebenso wenig.
Weil das auch für die Kirche gilt, stellt sie uns auch Menschen vor Augen, die beispielhaft gelebt haben und die sie als „Heilige“ verehrt.
Der neue Papst hat nicht ohne Grund den Namen „Franziskus“ gewählt, weil er diese ganz ungewöhnliche Persönlichkeit, „den Vater der Armen“ und charismatischen Erneuerer der Kirche von innen her, uns und sich als Beispiel vor Augen führt.
Gegen den Wunsch grundlegender Reformen in der Kirche werden aus der Kurie mit großer Regelmäßigkeit zwei Argumente ins Feld geführt. Erstens: Der Blick der Deutschen verenge sich auf ihr Land. Die Katholische Kirche sei aber Weltkirche und die Kirchenleitung müsse das Ganze im Auge haben. Als ob der Priestermangel in Europa, Lateinamerika und Nordamerika mit dem Hinweis auf eine große Zahl von Berufungen in Afrika zu beheben wäre!
Der zweite Einwand lautet, die Reformvorschläge würden sich auf reine Strukturfragen richten. Entscheidend aber sei der Glaube, die Gottesfrage, die Neuevangelisierung. Als ob es da um Gegensätze ginge. Die Strukturen der Kirche von oben bis unten müssen verbessert werden, damit die Kirche und ihre Botschaft wieder näher an die Menschen kommen. Die Kirche ist nicht für sich da, nicht für den Zweck, die eigene Institution aufrechtzuerhalten, sondern für die Menschen drinnen und draußen.
Die Frage ist doch: Wie müsste die Kirche sein, damit sie die Frage nach Gott nicht nur offenhält, sondern die Botschaft von Gott den Menschen nahebringt. Die Antwort muss lauten: Indem sie zeigt, dass es vorrangig um Gottvertrauen geht, indem sie Barmherzigkeit und Gerechtigkeit als Zuvorkommen Gottes ins Zentrum stellt. Kirche sollte klarmachen, dass sie selber nur Zeichen für diese Wirklichkeit Gottes ist, und sie sollte alles ändern und reformieren, was dem Verweischarakter ihrer selbst im Weg steht.
Im Übrigen hat die Kirche im Laufe ihrer Geschichte Strukturfragen zu Glaubensfragen gemacht. Auch deshalb müssen Strukturen verändert werden, um den Kern des Glaubens wieder zum Leuchten zu bringen.
Ein Punkt allerdings ist richtig und wichtig. Vor jeder anderen Frage des Glaubens oder der Kirchenreform steht die Frage nach Gott, „dem unergründlichen Geheimnis unseres Daseins“ (Karl Rahner). Dies sage ich bei jeder Gelegenheit. In einer Zeit, in der nicht weniger in Frage steht als der lebendige Gott selbst, wird jede andere Frage nachrangig.
Alexander Solschenyzin schreibt, er habe Jahrzehnte über die russische Oktoberrevolution von 1917 und ihre Folgen geforscht und darüber viele Bände geschrieben. Am Anfang seiner Arbeit habe ihm eine russische Bäuerin gesagt: „Die Menschen haben Gott vergessen, daher kommt dies alles“. Wenn er jetzt nach jahrelanger Forschung das Ergebnis zusammenfassen müsste, dann wäre es der Satz: „Die Menschen haben Gott vergessen, daher kommt dies alles.“
Das Gott-Vergessen in unserer Zeit geschieht lautlos. Am besten hat es Georges Bernanos im „Tagebuch eines Landpfarrers“ beschrieben: „Man verliert nicht den Glauben. Er hört einfach auf, dem Leben bestimmenden Inhalt zu geben.“
Für mich selber ist die Überzeugung bestimmend: Jeder Mensch ist unmittelbar zu Gott. Die Erfahrung Gottes als Vater ist für mich evident. Er ist mir gegenwärtig. Ich glaube, dass ich von ihm ausgehe und zu ihm unterwegs bin. Er ist das Geheimnis meines Lebens, und ihm muss ich einmal Rechenschaft ablegen. Ich glaube auch, dass er der barmherzige Vater ist, von dem bei Jesus die Rede ist, und nicht der ambivalente Gott des Alten Testaments.
Trotzdem ist Realität, die jeden Gläubigen beunruhigen muss: Viele Menschen kommen heute scheinbar ohne Gott aus. Sie leben, arbeiten, lernen, lehren, forschen, als ob es Gott nicht gäbe.
In einer solchen geschichtlichen Phase muss sich christliche Verkündigung auf die Gottesfrage konzentrieren und darf sich nicht im Filigran verlieren. Das Zweite Vatikanische Konzil sprach im Dekret über den Ökumenismus von einer „Hierarchie der Wahrheiten“. In dieser Hierarchie der Wahrheiten steht ganz gewiss Gott an der Spitze und alles andere ist wichtig, aber nachrangig.
Wenn ich mir die Themen der Dissertationen an Theologischen Fakultäten anschaue, finde ich auch viel Filigran. Ebenso in kirchlicher Bildungsarbeit. Dies sage ich durchaus kritisch im Hinblick auf den dringlichen und vorrangigen Stellenwert der Gottesfrage.
„Jesus hat uns Gott als bedingungslos liebenden Vater erschlossen“, sagt Eugen Biser. Gott lässt sich also ansprechen. Er hört und erhört. Er ist barmherzig und so den Menschen nahe. „Gott ist die Liebe“: Das ist die Höchstaussage des Neuen Testaments. Gott ist nicht ambivalent, sondern ein Gott des Verzeihens. Dieser Gott verdient das Vertrauen. Er ist den Menschen nahe, und wir in der Kirche müssten ihn in der Verkündigung des Wortes und der Tat den Menschen nahebringen.
Es ist doch ebenso erstaunlich wie erfreulich, dass heute nach Umfragen in der Wertschätzung der Menschen „Caritas“ und „Diakonie“ weit vor der Katholischen und Evangelischen Kirche liegen. Die kirchlichen Hilfswerke mit ihren vielfältigen Angeboten der Hilfe sind den Menschen näher als die Kirche mit der Verkündigung des Wortes. Das muss uns zu denken geben.
Heute spricht man gerne von Entweltlichung der Kirche. Aber es fördert gerade eine Entkirchlichung, wenn mit diesem Schlagwort gefordert wird, die katholischen Kindergärten und kirchliche Krankenhäuser oder Schulen abzuschaffen. Wo kommt man denn heute sonst noch mit Kirche und ihrer Botschaft in Kontakt?
In meinem Heimatort gibt es inzwischen keine Schulgottesdienste mehr. Man stelle sich vor: Der Staat spart eine Stunde aus. Und die Kirche füllt sie nicht mehr aus! Wo kommen denn Kinder heute noch mit einem Pfarrer zusammen, wenn sie mit den Eltern nicht mehr in den Gottesdienst kommen und der Pfarrer selber keinen Religionsunterricht mehr gibt? Wenn es keine Orte, keine Gelegenheiten, keine institutionell vorgegebenen Möglichkeiten gibt, mit dem Glauben in Berührung zu kommen, wird Glaube nicht nur im Leben einzelner kaum mehr Chancen haben, sondern auch gesellschaftlich verdunsten.
Meine Zuversicht, dass Gott auch heute die Menschen erreicht, gründe ich auf das Kirchengebet des ersten Adventsonntags, in dem es heißt: „Du schenkst das Wollen und das Vollbringen“ (auch Phil 2,13).
Gott ist im Menschen also von zwei Seiten tätig. Uns Menschen gilt nicht nur die Zuversicht und Verheißung: Die Suchenden werden finden, sondern auch: Die Suchenden sind schon gefunden. „Gott ist die alles bestimmende Wirklichkeit“ (Jürgen Werbick). „Für Gott ist nichts unmöglich“ (Luk 1,37).
„Wer glaubt, dass Gott ist, und dass er denen, die ihn suchen, Leben schenkt, der ist im Heil“ (Hebr 11,6). Diese Stelle aus dem Hebräerbrief hat mich immer sehr berührt und geprägt: Ich glaube unverbrüchlich, dass Gott ist, ich war aber auch ein Leben lang auf der Suche. Da ist keine Überheblichkeit des Wissenden oder Besitzenden. Von Klaus Hemmerle gibt es den Satz: „Von Gott wird zu viel gesprochen. Und von Gott wird zu wenig gesprochen.“ Eine solche Haltung, bescheiden und überzeugt zugleich, steht auch der Kirche heute gut an.
Gott ist den Menschen durch Jesus nahegekommen. Das ist die frohe Botschaft des Neuen Testaments: „Als Gottes Zeit gekommen war, sandte er seinen Sohn. Er wurde als Mensch geboren und unter das Gesetz gestellt, denn er sollte alle befreien, die unter der Herrschaft des Gesetzes stehen. Durch ihn wollte Gott uns als seine Kinder annehmen. Weil ihr nun Gottes Kinder seid, gab Gott euch den Geist seines Sohnes ins Herz. Der ruft uns zu: Abba! Vater!“ (Gal 4, 4 – 6)
Die Gotteskindschaft ist das große Geschenk Gottes an die Christen und das große Angebot an alle Menschen. Durch den Heiligen Geist sind auch wir ermächtigt zur zärtlichen Anrede Gottes durch Jesus: „Abba, Vater“.
Bei Jesus ist mir vor allem nahe, wie er sich selber gesehen hat. Er ist für mich das imponierende Beispiel einer Gotteserfahrung und Gottesbeziehung. Wir glauben an Jesus, den Christus, wie er uns im Glaubensbekenntnis begegnet. Wir leben aber auch von der Verkündigung und Botschaft Jesu im Neuen Testament, von der kein Wort im Glaubensbekenntnis steht, die uns aber aus den Schriften des Neuen Testaments bekannt ist. Was mich besonders berührt, ist was dieser Jesus verkündet hat: das Reich Gottes, die Bergpredigt, die Erfahrung des barmherzigen Vaters.
Jesus hat uns ein für alle Mal durch sein Leiden am Kreuz erlöst und Gott hat sich zu ihm bekannt und ihn bestätigt durch die Erweckung vom Tod. Jesus ist der Christus.
„Gott sandte seinen Sohn nicht in die Welt, um die Menschen zu verurteilen, sondern um sie zu retten“ (Joh 3,17).
Für uns ist „die Quintessenz der Weisung Jesu das Doppelgebot der Gottesliebe und Nächstenliebe“ (Joachim Gnilka).
Wie erfahren wir nun den Geist Gottes, der uns in Christus nahegekommen ist? Die Antwort der Bibel: „Gottes Liebe ist in unseren Herzen ausgegossen durch den uns geschenkten Heiligen Geist“ (Röm 5,5).
Er ist eine Kraft, die dem Kleinmut und der Ängstlichkeit entgegengesetzt ist: „So ist Heiliger Geist als das Leben schaffender, die Wahrheit bezeugender, die Freiheit begründender, die Gabe der göttlichen Liebe“, so formuliert es der Theologe Bernd-Jochen Hilberath.
Der Heilige Geist befähigt die Kirche und ihre Glieder zur Verkündigung. Er hält sie in der Wahrheit. Aber er ist nicht nur ein Bewahrer, sondern ein Beweger. Er lässt uns die Zeichen der Zeit erkennen und danach handeln. Er ist kraftvoll und dynamisch und nicht statisch. Er ist nicht Ruhe, sondern Sturm. Sturm kann Staub aufwirbeln, aber auch Erstarrtes aufbrechen. Der Geist lässt nicht zu, dass die Kirche sich auf ihren Pfründen ausruht und sich mit dem Status quo zufrieden gibt oder gar einen ständigen Rückgang hinnimmt. Er schenkt neue Ideen und treibt uns zum Aufbruch.
