Ehemänner & Liebhaber - Beatriz Williams - E-Book

Ehemänner & Liebhaber E-Book

Beatriz Williams

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Beschreibung

Zwei Frauen – getrennt durch Jahrzehnte und Kontinente und vereint durch ein außergewöhnliches Familienerbstück – fordern in diesem mitreißenden Roman der New York Times-Bestsellerautorin Geheimnisse und verlorene Lieben zurück. Neu-England, 2022. Vor drei Jahren erhielt die alleinerziehende Mutter Mallory Dunne den Anruf, den alle Eltern fürchten: Ihr zehnjähriger Sohn Sam war mit einer akuten Vergiftung durch einen Totenkappenpilz aus dem Sommercamp geflogen worden, und kämpfte um sein Leben. Auf der Suche nach einer Spenderniere, die ihrem Sohn eine Chance auf ein normales Leben geben soll, ist Mallory gezwungen, sich mit zwei erschütternden Geheimnissen aus ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen: der Adoption ihrer Mutter aus einem berüchtigten irischen Waisenhaus im Jahr 1952 und ihrer eigenen, alles verschlingenden Sommerromanze vierzehn Jahre zuvor mit ihrem besten Freund aus Kindertagen, Monk Adams – einem der beliebtesten Singer-Songwriter der Welt – ein Märchen, das durch einen verheerenden Verrat ein jähes Ende fand. Kairo, 1951. Nach einer unfassbaren Tragödie im Krieg hat sich die ungarische Geflüchtete Hannah Ainsworth ein respektables neues Leben aufgebaut – die Ehe mit einem wohlhabenden britischen Diplomaten im glamourösen Kairo. Doch eine schicksalhafte Begegnung mit dem rätselhaften Manager eines Hotels voller Spione führt zu einer leidenschaftlichen Affäre, die Hannahs Sehnsucht nach allem, was sie einst verloren hat, wieder weckt. Während die Revolution auf den Straßen Ägyptens brodelt, findet sich die schwangere Hannah in einem Intrigenspiel zwischen zwei Männern wieder… und einem Akt der Aufopferung, der über Generationen hinweg nachhallen wird. Zeitlos und bittersüß nimmt Ehemänner & Liebhaber die Leser mit auf eine unvergessliche Reise voller Herzschmerz und Erlösung, von den revolutionären Bränden in Ägypten in der Mitte des Jahrhunderts bis zu den mit Vermögen gespickten Stränden des heutigen Neuenglands. Die gefeierte Autorin Beatriz Williams hat einen ergreifenden und wunderschönen Roman über zutiefst menschliche Charaktere geschrieben, die von moralisch komplexen Themen wie Privilegien, Klasse und der weiblichen Erfahrung in Welten verwoben sind, die zum Leben erweckt werden.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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EHEMÄNNER& LIEBHABER

EIN ROMAN

BEATRIZ WILLIAMS

Dieses Buch behandelt Themen, die für manche Leserinnen und Leser verstörend sein können, dazu gehören explizite Gewaltbeschreibungen, sexualisierte Gewalt und Alkoholkonsum.

Ehemänner & Liebhaber ist ein fiktionales Werk. Alle Begebenheiten und Dialoge sowie alle Charaktere, mit Ausnahme einiger bekannter historischer Figuren, sind Produkte der Fantasie der Autorin und nicht als real zu verstehen. Wo reale historische Personen vorkommen, sind Situationen, Begebenheiten und Dialoge, die diese Personen betreffen, völlig fiktiv und nicht dazu gedacht, tatsächliche Ereignisse darzustellen oder den völlig fiktiven Charakter des Werkes zu ändern. In allen anderen Aspekten ist jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig.

ISBN: 978-3985853038

1. Auflage 2025

Die Originalausgabe ist 2024 in den Vereinigten Staaten unter dem Titel HUSBANDS & LOVERS von Ballantine Books, einem Imprint von Random House, einer Abteilung von Penguin Random House LLC, New York. Ballantine Books & Kolophon sind eingetragene Marken von Penguin Random House LLC.

Copyright © 2024 by Beatriz Williams

Alle Rechte vorbehalten.

Übersetzung © Adrian & Wimmelbuchverlag GmbH, Friedrichstraße 126, 10117 Berlin Auflage 2025, übersetzt unter Lizenz von Ballantine Books, einem Imprint von Random House, einer Abteilung von Penguin Random House LLC, New York. Ballantine Books & Kolophon sind eingetragene Marken von Penguin Random House LLC.

Übersetzung: G. M. Pum

Lektorat & Korrektorat: Annerose Sieck

Umschlaggestaltung: Eileen Carey

Umschlagillustration: T. S. Harris / Bridgeman Images

Buchsatz deutsche Ausgabe: Catherine Strefford

Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an [email protected]

Alle Rechte vorbehalten Printed 2025 in Germany

www.adrian-verlag.dee

In Dankbarkeit für meine Kinder, die niemals falsche Pilze aßen

PROLOG

Mallory

Juni 2019

Mystic, Connecticut

Mit einem Kuss verabschiedete ich mich an einem Samstagmorgen Ende Juni von Sam, und der Anruf, der mein Leben veränderte, kam am darauffolgenden Freitagnachmittag.

Eigentlich kam der Anruf zweimal herein. Ich hatte meinen Schreibtisch verlassen, um etwas Gartenarbeit zu erledigen. Ich erinnere mich, dass die Tomaten in diesem Sommer wie verrückt wuchsen und die Rosen an ihren Büschen explodierten. Alles war so üppig. Manchmal, wenn ich bei einer Idee feststecke, hilft es mir, für eine Weile etwas anderes zu tun, etwas mit den Händen, etwas Nützliches, und dieser Knoten in meinem Kopf entwirrt sich und löst sich im Brotteig oder dem Seifenwasser oder im Stapel gefalteter Wäsche auf.

Oder in der weichen, reichen Erde eines Gemüsebeetes.

Noch immer erfüllt es mich mit Schrecken, wenn ich auf dieses Stück Erde blicke und mich daran erinnere, wie ich dort kniete, die üppigen neuen Ranken abstützte und vor mich hinsummte, während sich in meinem Kopf ein neues Muster formte – eine sich windende Ranke in einem makellosen Frühlingsgrün, nicht zu dunkel und nicht zu hell, in der Farbe der Verheißung, mit zarten Trieben und Blättern, die sich von der Mutterranke wegkräuselten.

Kurz vor drei stand ich auf, klopfte meine Jeans ab, streifte meine Handschuhe ab und ging ins Haus, um ein Glas Wasser und meinen Skizzenblock zu holen.

Ich erinnere mich, mein Handy lag auf der Küchentheke, weil ich es nicht mit nach draußen genommen hatte. Du weißt ja, wie das ist. Ich wollte nur für ein paar Minuten rausgehen, um etwas Unkraut zu jäten, vielleicht die Tomaten zu gießen, frische Luft zu atmen, aber eins führte zum anderen. Es war ein wunderschöner Tag, 27 Grad und nicht so schwül, wie es später im Sommer wird. Eine Brise wehte vom Mystic River herüber, ein Hauch von Salzwasser. Touristen würden die Zugbrücke für ein Eis stürmen. Im Aquarium würden Kinder vor Freude kreischen, wenn die Belugas auf der anderen Seite des Plexiglases vorbeischossen. Jedenfalls lag mein Handy einsam auf der Theke, also nahm ich es, um ein paar wichtige oder weniger wichtige Nachrichten zu lesen und ein bisschen zu scrollen. Stattdessen sah ich, dass ich zwei Anrufe vom Camp Winnipesaukee verpasst hatte.

Du kennst dieses Gefühl. Jeder Mensch, der Kinder hat, kennt dieses Gefühl.

Wahrscheinlich ist nichts, denkst du, wahrscheinlich nur ein paar fehlende Unterlagen oder impulsives, unangemessenes Verhalten. Vielleicht eine Schlägerei, Gott bewahre. Kinder konnten in diesem Alter mitunter zügellos sein.

Aber dein Körper reagiert nicht so logisch, oder? Dein Körper ist für Katastrophen programmiert. Dein Körper springt direkt zum schlimmsten Szenario. Dein Magen dreht sich um, deine zitternde Hand greift nach dem Telefon. Dein Herz pocht gegen deinen Brustkorb.

Du wischst zur Telefonnummer, um zurückzurufen.

Mit gespielter Fröhlichkeit trötest du: Hallo! Hier ist Mallory Dunne. Sams Mutter. Sie haben versucht, mich zu erreichen?

Und du hörst die winzige, stille Pause, den Bruchteil eines Seufzers, weil die Person am anderen Ende Mut für die vor ihr liegende Aufgabe sammelt.

Dann die gefürchteten Worte:

Mrs. Dunne, ich fürchte, ich habe schlechte Neuigkeiten.

Ich glaube, die ganzen drei Stunden nach New Hampshire muss ich in einem Schockzustand gefahren sein. Jetzt nur nicht in Panik geraten, redete ich mir immer wieder ein. Das passiert gerade nicht wirklich. Das ist nur ein Film, den du dir ansiehst, ein Drehbuch, das du durchspielst. So wie das Metaversum! Was auch immer das war.

Das hier ist jedenfalls nicht real.

Nicht dein echter Sohn, die Liebe deines Lebens.

Ich erinnere mich, wie ich meine Kaffeetasse ausspülte und in die Spülmaschine stellte, bevor ich ging. Ich meine, man kann doch nicht einfach eine Tasse Kaffee auf der Küchentheke stehen lassen, wenn man für – Gott weiß wie lange – nach New Hampshire aufbricht! Ich trug etwas Lippenstift auf, obwohl meine Hand so stark zitterte, dass ich wie eine dieser Leute auf Instagram aussah, die die Ränder ihrer Lippen überschminken, um sie größer erscheinen zu lassen. Ich fing an, ein paar Sachen in eine Übernachtungstasche zu werfen, und dachte dann: Was, wenn er stirbt und ich nicht rechtzeitig da bin, um mich zu verabschieden?

Ich ließ die Übernachtungstasche fallen und rannte zur Tür hinaus zum Auto. Ich schaffte es bis nach Springfield, bevor mir auffiel, dass ich keine Schuhe trug, also musste ich an einer Tankstelle anhalten um mir Flip-Flops zu kaufen. Und Benzin. Und drei Kinderriegel und eine Flasche Wasser, weil ich kurz davor war, ohnmächtig zu werden.

Er wird nicht sterben, betete ich mir vor. Ein völlig gesunder Junge stirbt nicht einfach, nur weil er einen schlechten Pilz gegessen hat.

Es sei denn, es ist zu spät.

Es sei denn, dieser Junge aß besagten Pilz am Tag zuvor im Rahmen einer Mutprobe und erwähnte diese Tatsache nicht, weil er seine Freunde nicht in Schwierigkeiten bringen wollte. Und verbrachte dann die Nacht und den Morgen mit sogenannten Magenbeschwerden auf der Krankenstation, betreut von einer Krankenschwester, die keine Ahnung davon hatte, dass sie es mit einem Fall von Pilzvergiftung zu tun hatte.

Es sei denn, der Schaden war bereits angerichtet.

Es sei denn, sie hielten ihn nur am Leben, damit ich mich verabschieden und die Erlaubnis zur Organspende geben konnte.

Konnte man die Organe eines Kindes spenden, wenn es einen giftigen Pilz zu sich genommen hatte?

Ein Range Rover raste vorbei, New Yorker Kennzeichen. Ich schaute auf den Tacho und sah, dass ich nur 103 km/h fuhr, ganz so, als gäbe es keinen Grund zur Eile, als gäbe es keinen Notfall, als wolle ich keinen Strafzettel riskieren oder so.

Ich trat aufs Gaspedal.

Er wird nicht sterben, sagte ich laut.

Mein strahlender, wunderschöner Junge.

Der im Herbst gerne Fußball und im Frühling Baseball spielte.

Dessen Lieblingsessen S’mores waren.

Der letzte Woche mit seinen Cousins am Haus seiner Tante auf Cape Cod Boogie-Boarding machte und so tat, als würde er von einem Hai angegriffen. (Nicht lustig, sagte ich zu ihm, nachdem ich ihn aus dem Wasser gefischt hatte.)

Der am Abend vor seiner Abreise ins Camp ein altes Marmeladenglas mit Glühwürmchen füllte und mir sagte, er glaube, die Lichter kämen von all deinen Vorfahren im Himmel, die über uns wachen.

Ich schlug auf das Lenkrad. Wo waren also gestern all die verdammten Glühwürmchen?

Gerade als ich White River Junction erreichte und von der Autobahn abfuhr, begann es zu regnen. Ein paar dicke Tropfen, noch ein paar mehr, und im nächsten Moment – Monsunregen. Ich schaltete die Scheibenwischer ein. Drei Sekunden später stellte ich sie auf die höchste Stufe. Wild pumpten sie über das Glas und trotzdem konnte ich nichts sehen. Vorhänge, die vor mir herabstürzten. Als würde man versuchen, durch einen Wasserfall zu schauen.

Was als Nächstes passierte, ist eine wahre Geschichte.

Ich rase also diese Straße durch die Wälder von New Hampshire Richtung Krankenhaus. Jede Sekunde zählt. Aber ich kann keine drei Meter weit sehen. Ich strenge meine Augen an, blinzle nicht einmal, und plötzlich blitzt dieser dunkle Schatten auf und wumm! Er knallt gegen die Windschutzscheibe und die Scheibenwischer.

Wahrscheinlich schreie ich auf, ich weiß es nicht.

Nur wenige Zentimeter lang ist dieses arme Geschöpf, dieser Vogel. Er wird hin- und hergeschleudert, hin und her. Überall sind Federn, und jetzt weine ich, schreie und weine, flehe Gott an, den Vogel zu befreien, weil ich nicht anhalten kann. Ich muss meinen Sohn erreichen, bevor er stirbt.

Aber das arme Wesen bleibt in den Scheibenwischern stecken und meine Windschutzscheibe ist blutverschmiert und der Regen wäscht das Blut wieder weg. Ich kann nicht einmal erkennen, was für ein Vogel es ist. Ich fahre einfach weiter und bete und weine.

Der Regen ließ nach, als ich auf den Parkplatz des Dartmouth-Hitchcock Medical Center einbog, wohin sie Sam heute kurz nach Mittag mit dem Hubschrauber gebracht hatten.

(Später, als ich diesen Hubschrauberflug auf der Leistungsübersicht von Blue Cross sah, würde ich aufstehen, um mir ein Glas Bourbon einzuschenken.)

Aber in diesem Moment dachte ich nicht darüber nach, wie viel das alles kosten würde. Rettet meinen Sohn, das war alles, was mich interessierte. Wie durch ein Wunder fand ich einen Parkplatz in der Nähe der Notaufnahme, trat auf die Bremse und stieg aus. Ein Mann stand in der Nähe und rauchte eine Zigarette. Er starrte auf den Vogel an der Windschutzscheibe meines alten Volvo Kombis, den ich von meiner Schwester geerbt hatte.

»Ist er tot?«, fragte ich aufgewühlt.

Er sah mich an. Ich habe sein Bild immer noch im Kopf – dieser junge, kluge, abgearbeitete Kerl in grüner OP-Kleidung. Ich erinnere mich, dass ich dachte, er könnte ein Assistenzarzt oder Medizinstudent gewesen sein, so wie er aussah – ein Junge, der es auf die harte Tour geschafft hatte, keine teuren Privatschulen, keine Nachhilfelehrer oder ehrgeizigen Eltern. Mit einem Job nach der Schule als Einkaufstüten-Packer. Er wollte einfach nur Arzt werden.

»Das ist eine Eule«, stellte er fest. »Eine Baby-Eule.«

»Ist sie tot? Sagen Sie es mir einfach, ist sie tot?«

»Natürlich ist sie tot«, antwortete er.

An der Anmeldung der Notaufnahme stammelte ich dem diensthabenden Krankenpfleger eine Erklärung über Sommercamp und Pilze. Er war an hysterische Eltern gewöhnt und unterbrach mich, um mit einer Stimme, die weder freundlich noch unfreundlich war, nach dem Namen des Patienten zu fragen.

Ich holte tief Luft. »Sam Dunne.«

»Geburtsdatum?«

»10. Mai 09.«

»In welchem Verhältnis stehen sie zu dem Patienten?«

»Ich bin seine Mutter, um Gottes willen!«

Er tippte auf seiner Computertastatur und starrte auf den Bildschirm. »Name?«

»Mein Name?«

»Ja, Ma’am.«

Ich starrte auf seinen Scheitel. Hellbraune Wellen. Rosa Kopfhaut.

Der Krankenpfleger sah auf. »Ma’am? Ihr Name?«

Fängt mit M an, dachte ich. Du schaffst das.

Er wedelte langsam mit der Hand vor meinem Gesicht. »Ma’am? Möchten Sie sich setzen?«

»Mallory!« Ich sackte erleichtert zusammen. »Mallory Dunne.«

Der Krankenpfleger wandte sich wieder seinem Computer zu und tippte weiter. »Ich brauche Ihren Ausweis und Ihre Versicherungskarte, bitte, Mrs. Dunne.«

»Mein was?«

»Ausweis und Versicherung, bitte.«

Ich umklammerte die Kante des Tresens und lehnte mich vor. »Mein Sohn liegt im Sterben und Sie wollen meinen Ausweis sehen?«

»Mrs. Dunne, ich muss Sie bitten, sich zu beruhigen –«

»Mich beruhigen? Ich bin gerade drei Stunden hierher gefahren! Ich weiß nicht einmal, ob er noch lebt! Er ist zehn Jahre alt! Er ist von Fremden umgeben! Er braucht seine Mutter!«

»Mrs. Dunne –«

»Ich will – meinen – Sohn sehen!«

Der Krankenpfleger schloss die Augen, atmete geduldig ein und sagte mit einer netten, langsamen Kindergartenstimme: »Ich verstehe. Und ich muss Sie trotzdem um einen Ausweis bitten. Aus Sicherheitsgründen. Wenn Sams Vater –«

»Sams Vater«, sagte ich, »ist nicht im Bild.«

»Ungeachtet dessen –«

»Zur Hölle mit ungeachtet dessen!«

Der Krankenpfleger nahm das Telefon. »Ich werde jetzt den Sicherheitsdienst rufen.«

»Den Sicherheitsdienst? Machen Sie Witze? Mein Sohn ist da drin! Ich muss meinen Sohn sehen und Sie wollen den Sicherheitsdienst rufen?«

»Mrs. Dunne, Sie müssen sich beruhigen –«

Ich zeigte mit dem Finger auf seine Brust. »Sagen Sie einer Frau nie, sie soll sich beruhigen! Besonders nicht einer Mutter, deren Kind in der Notaufnahme liegt! Während irgendein Mann versucht, sie davon abzuhalten, es zu sehen! Und übrigens ich bin keine Misses!«

Der Krankenpfleger erhob sich von seinem Stuhl, das Telefon in einer Hand. »Hören sie mir jetzt zu, Ms. Dunne, Sie müssen jetzt wirklich zur Ruhe kommen. Denn die werden sie brauchen. Um Ihres Sohnes willen.«

Eine halbe Stunde später kam meine Schwester in den Warteraum, den sie für hysterische Eltern reserviert hatten. Ich sprang von meinem Stuhl auf.

»Paige? Was zum Teufel machst du hier?«

»Ich bin der Notfallkontakt, erinnerst du dich? Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte. Oh, Mallory.« Sie trat auf mich zu und zog mich in ihre Arme. Sie roch nach Gardenien-Seife und Verantwortung. »Du bist so ein Chaot, Schatz. Im Krankenhaus-Gefängnis zu landen, sowas kann nur dir passieren.«

»Hast du ihn gesehen? Geht es ihm gut?«

»Ich habe mit dem Arzt gesprochen. Er ist stabil. Kritisch, aber stabil –«

»Kritisch? Was bedeutet das?«

Paige trat einen Schritt zurück und hielt mich an den Schultern. »Lass uns gemeinsam zu dem Arzt gehen, okay?«

Dr. Stephens war eine zierliche, resolute Frau mit blondem Pferdeschwanz, eine von der Sorte, die frühmorgens vor der Arbeit acht Meilen laufen geht. Als ich mich ihr mit Paige näherte, blickte sie von ihrem Klemmbrett auf und sah mich durchdringend an.

»Mrs. Dunne«, grüßte sie.

Ich öffnete den Mund, um sie zu korrigieren, schloss ihn dann aber wieder.

»Doktor?«, sagte ich kleinlaut. »Ich bin Sams Mutter.«

»Ja. Es tut mir sehr leid, was passiert ist. Wir behandeln jedes Jahr eine gewisse Anzahl von Pilzvergiftungen, aber es ist selten so ernst wie in diesem Fall.«

»Wie ernst?«

»Die nächsten achtundvierzig Stunden werden entscheidend sein. Ihr Sohn hat einen Pilz namens Amanita phalloides zu sich genommen –«

»Entschuldigung, was?«

Wieder durchbohrten mich ihre Augen. »Einen Grünen Knollenblätterpilz.«

»Oh, Scheiße«, sagte ich.

»Ich dachte, Sie wären bereits informiert worden.«

»Sie sprachen von einem Pilz. Nicht von einem verfluchten Grünen Knollenblätterpilz.«

Man konnte fast hören, wie sich ihre Borsten aufstellten. Ihre Augen waren nicht klar blau, sondern undurchdringlich, wie ein bewölkter Himmel im Morgengrauen, und ich konnte nicht sagen, ob sie meine Einstellung oder meine Sprache oder beides missbilligte.

Paige packte meinen Ellbogen. »Entschuldigen Sie sie, Doktor. Es rutscht ihr raus, wenn sie emotional ist.«

»Natürlich«, sagte Dr. Stephens. »Der Grüne Knollenblätterpilz enthält zwei Hauptarten von Toxinen – Amatoxin und Phallotoxin. In der Anfangsphase, die mehrere Stunden nach der Einnahme beginnt, erlebt der Patient die üblichen Symptome einer Magen-Darm-Erkrankung – Erbrechen, Durchfall. In diesen frühen Stadien ist es also leicht zu übersehen oder als Norovirus fehlzudiagnostizieren, es sei denn, wir wissen, dass der Patient einen Pilz gegessen hat.«

»Magen-Darm-Grippe«, erklärte Paige sachkundig.

»Genau. Besonders bei Kindern, und besonders, wenn sie zögern, Erwachsenen zu erzählen, was sie angestellt haben.« Dr. Stephens klickte auf das Ende ihres Kugelschreibers. »In dieser Zeit haben die Toxine jedoch bereits begonnen, die Organe des Patienten anzugreifen –«

»Oh, Shit«, sagte ich. »Oh, Shit.«

»– hauptsächlich die Leber und die Nieren, in den schlimmsten Fällen führt das zu Organversagen und Tod.«

Ich spielte in einem Film mit, erinnerte ich mich. Das passierte nicht wirklich.

»Aber Sie können es behandeln, oder? Das ist moderne Medizin. Sie können ihm etwas geben.«

Sie sah auf ihr Klemmbrett. »Die unmittelbare Sorge gilt der Dehydrierung. Er ist an einem Tropf, der Flüssigkeit und Elektrolyte auffüllt. Es gibt ein paar verschiedene Antibiotika, die sich als wirksam erwiesen haben, um dem Toxin entgegenzuwirken –«

»Und die geben Sie ihm?«

»Ja, zusammen mit intravenösem Silibinin – das ist ein Extrakt aus der sogenannten Mariendistel –, das der Leber hilft, die durch beide Toxine verursachten Schäden zu bekämpfen.«

»Was noch?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Wir behandeln die Symptome. Der Rest liegt an seinem Körper. Wie viel er zu sich genommen hat, wann genau er es zu sich genommen hat.«

»Hat er Schmerzen?«

»Er liegt im Koma, Mrs. Dunne. Das ist in diesen Fällen üblich.«

»Kann ich ihn sehen?«

Ihr Gesicht wurde weicher. »Natürlich. Kommen Sie mit mir.«

Sie ging an uns vorbei. Ich berührte den Ellbogen ihres weißen Laborkittels, um sie aufzuhalten.

»Dr. Stephens? Es ist Ms. Dunne. Nicht Mrs.«

Die Ärztin machte eine Notiz auf ihrem Klemmbrett. »Und sein Vater?«

Diesmal war es Paige, die antwortete. »Sein Vater ist nicht im Bild.«

Gegen das weiße Kissen hatte Sams Gesicht die Farbe eines Doritos. Es kann sein, dass ich keuchte, als ich ihn sah.

»Das kommt von der Gelbsucht«, sagte die Krankenschwester.

Ich ließ mich in den Stuhl neben dem Bett fallen. Nicht weil ich wollte, sondern weil ich mich nicht mehr aufrecht halten konnte. »Scheiße«, flüsterte ich.

»Sie können ihn berühren. Mit ihm sprechen. Lassen Sie ihn wissen, dass Sie da sind.«

Um ihn herum piepsten und gurgelten die Maschinen. Sam war für sein Alter immer groß gewesen, robust wie sein Vater. Strahlend. Voll Energie, die aus seiner Haut platzte. Manchmal zu viel. So viel, dass ich abends ins Bett fiel und weinte, weil ich so erschöpft war, weil niemand sonst da war, um diesen Feuerball davon abzuhalten, in den Weltraum zu schießen, weil Sam ganz allein meine Aufgabe war.

Der geschrumpfte, gelbliche Körper auf dem Bett konnte nicht Sam sein. Er war es nicht. Da musste ein Fehler vorliegen.

Dann sah ich sein Gesicht. Eine Locke feuchten goldenen Haares auf seiner Stirn, in der gleichen Farbe seiner Haut. Ich strich sie zurück. Hinter mir legte Paige ihre Hand auf meine Schulter.

»Hey, Kumpel«, krächzte ich. »Hier ist Mom. Tut mir leid, dass es eine Weile gedauert hat. Stau.«

Die Monitore piepsten zurück.

»Wie auch immer, ich hab’s geschafft. Ich bin hier. Wir werden dich in Nullkommanichts wieder gesund machen. Und sobald du aufwachst, werde ich –«

Paige schnaubte, und hielt wohl ein Lachen zurück.

»Ein Pilz, um Gottes willen. Ein verfluchter Scheißpilz.«

»Mallory, nicht vor dem Kind fluchen.«

»Tut mir leid, Kumpel. Blöder Pilz.«

Die Krankenschwester beendete die Überprüfung aller Monitore und wandte sich uns zu. Hin und her, zwischen mir und Paige. »Also … Sie sind die Eltern?«

Paige zog ihre Hand von meiner Schulter. »Oh Gott, nein. Ich bin ihre Schwester. Sie ist die Mutter.«

»Verstehe. Nun, Sie haben da ein zähes Kind, das muss ich schon sagen.«

»Meinen Sie?«, hoffte ich.

»Auf jeden Fall. Irgendwie süß unter all dem Gelb, oder? Er sieht aus wie dieser Sänger.«

»Oh?«, fragte Paige unschuldig. »Welcher Sänger?«

»Sie wissen schon. Sitzt auf einem Hocker und spielt Gitarre? Dieses neue Lied über die Vögel, die nach Süden fliegen, ohne zurückzublicken.« Sie summte ein paar Takte. »Sie wissen, wen ich meine. Er war vor ein paar Wochen auf dem Cover von People. Ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten, dieser Junge.«

Ich wandte mich wieder Sam zu und umschloss seine schlaffe Hand mit meinen beiden. Mir war so schwindelig, dass ich dachte, ich müsste mich übergeben.

»Ich weiß nicht«, sagte ich. »Das habe ich nicht gehört.«

Später, wenn ich auf diese erste Woche im Krankenhaus zurückblickte, würde ich mich an nicht viel erinnern können. Man sagt, solche Erfahrungen blieben verschwommen, und vielleicht ist es ein Klischee, aber es stellte sich als wahr heraus, so wie es oft ist mit Klischees. Ich würde gerne sagen, es gab einen einzigen Moment der Offenbarung, einen Wendepunkt, nach dem wir wussten, Sam würde überleben, und wir spürten Freude und Entschlossenheit und dann gab es ein Happy End und wir dankten allen Ärzten dafür, sein Leben gerettet zu haben. Wir fuhren in diesem zerbrechlichen Moment des späten Nachmittags nach Hause, die Luft gewaschen wie Gold. Wie in den Filmen.

Aber das Leben ist kein Film, und dieser Moment kam nie.

Wir maßen die Zeit am Piepen der Monitore und am Auf- und Untergehen der Sonne auf der anderen Seite des Fensters, und dort draußen war die Welt, wo gewöhnliche Menschen mit ihrem Leben weitermachten, in den Urlaub fuhren, den Sommer genossen. Paige brachte ihre Kinder mit und buchte eines dieser Langzeithotels. Niemand beschwerte sich darüber, den Sommer am Meer zu verpassen oder über den Mangel an frittierten Muscheln in den Hügeln von New Hampshire. Ihr Mann fuhr an den Wochenenden hoch, um sich uns anzuschließen. Netter Kerl, Jake.

Paige brachte mir Kaffee und Sandwiches und stellte sicher, dass ich mir die Zähne putzte und die Kleidung wechselte.

Tag für Tag lebte Sam weiter, atmete, existierte, und die Angst vor seinem Tod wurde ersetzt durch die Angst vor der Zukunft, die vor uns lag.

Was in dieser neuen Welt kommen würde, in der mein zehnjähriger Sohn kein funktionierendes Nierenpaar besaß.

An einen bestimmten Moment erinnere ich mich. Ich erinnere mich, wie ich aus dem Krankenhaus schlurfte, um zum Hotelzimmer zu fahren, das Paige für uns gebucht hatte, nicht weil ich gehen wollte, sondern weil sie darauf bestand. Das muss am zweiten Tag gewesen sein, nachdem ich die erste Nacht schlafend – oder eher nicht schlafend – auf dem Stuhl in Sams Krankenzimmer verbracht hatte.

Du musst in einem Bett schlafen, sagte Paige zu mir. Für Sam ist es wichtig, dass du in einem Bett schläfst.

Also schleppte ich mich zum Parkplatz und fand mein Auto. Es war spät, und weil es Ende Juni und wir in New Hampshire waren, hatte der Himmel gerade erst begonnen, sich zu verdunkeln. Die Luft war schwer von Schatten. Es wäre unheimlich gewesen, wäre in dieser Welt noch irgendetwas übrig gewesen, das mich erschrecken konnte.

Ich kam zum Auto und starrte auf den Klumpen Federn, der an der Halterung der Scheibenwischer klebte.

Ich hatte den Vogel vergessen.

Ein Babyeule, hatte der Mann mit der Zigarette gesagt, und er hatte recht. Ich wusste nicht viel über Waldvögel, aber man konnte an der Form ihres Kopfes und ihren toten Glasaugen erkennen, dass er eine Eule war. Eine kleine, junge Eule. Wahrscheinlich hatte sie gerade erst das Nest verlassen. War in die weite Welt hinausgeflogen und direkt gegen meine panische Windschutzscheibe geprallt und gestorben, und die Muttereule und die Vatereule würden nie wissen, was mit ihr passiert war.

In meinen Ohren hörte ich immer noch das unerbittliche Piepen der Monitore. Das Ticken von Sams Leben.

»Es tut mir leid«, flüsterte ich der Babyeule zu. »Es tut mir so leid.«

Ich setzte mich auf den Bordstein und öffnete meine Handflächen.

An meinem rechten Handgelenk war das Armband meiner Mutter auf die falsche Seite gerutscht, sodass die Enden in die empfindliche Haut an der Innenseite meines Arms kniffen. Sie hatte es mir hinterlassen, als sie starb, und ich spürte immer noch den Schock, es um mein eigenes Handgelenk gelegt zu sehen, statt um das meiner Mutter – eine goldene Kobra, ihre Haube zum Angriff gespreizt, zwei winzige smaragdgrüne Augen und eine winzige rubinrote Zunge, die ewig nach der Spitze ihres Schwanzes griff. Ihre eigene Mutter hatte es ihr geschenkt, das hatte sie uns erzählt, als wir klein waren, und ich hatte Moms Arm nie ohne das Armband gesehen.

Bis zu ihrer Beerdigung, vor eineinhalb Jahren.

Die Augen der Schlange glitzerten mich an, in der gleichen Farbe wie die meiner Mutter.

»Ich brauche sie so sehr«, flüsterte ich. »Warum hast du sie mir genommen?«

Aber die Kobra sagte kein Wort.

KAPITEL EINS

Hannah

August 1951

Kairo, Ägypten

Die Kobra hatte sich wahrscheinlich in den Pavillon geflüchtet, als die Sonne hinter dem Hoteldach verschwand. Jetzt spreizte sie empört ihre Haube gegen Hannah. Ihre Augen waren wie Öltropfen. Sie züngelte, um die Luft zu schmecken, und schlug zu.

Hannah konnte es der Kobra nicht verübeln. Wie kann man eine Schlange dafür verurteilen, eine Schlange zu sein?

Alistair hatte sie vor den Kobras gewarnt, als sie zum ersten Mal in Kairo ankamen. Er war während des Krieges dort stationiert gewesen, also hielt er sich für einen echten Experten. Eine ägyptische Kobra wird etwa vier oder fünf Fuß lang – in seiner imperialen Stimme, während er zwei muskulöse Arme auseinanderhielt – und ist giftig wie der Teufel. Das Biest kriecht dir direkt ins Haus oder Zelt oder Hosenbein, also pass verdammt gut auf, wo du hintrittst.

Hannah hatte aufmerksam zugehört und auf ihre Schritte geachtet. Als sie und Alistair letzte Woche diesen Ausflug nach Luxor gemacht hatten, hatte sie sie von Zeit zu Zeit zwischen den Felsen erspäht, Skorpione auch, aber sie schlängelten sich immer davon. Alistair war wahrscheinlich enttäuscht. Den ganzen Tag hatte er eine Machete an seinem Gürtel getragen und die Vorstellung gehegt, im entscheidenden Moment irgendeiner Kobra den Kopf abzuschlagen. Was für eine großartige Geschichte das gewesen wäre!

Hannah hatte jetzt keine Machete. Sie hatte nicht einmal eine Nagelfeile – sie hatte einfach ihre Handtasche genommen und den Tisch verlassen. Ein Impuls, das war alles. Alistair, der über die indische Teilung schwadronierte, die Beverleys, die stumpf nickten, Alistairs überhebliche Bemerkung, als sie versuchte, eine kleine Beobachtung einzuwerfen – Sei nicht albern, Hannah.

Sie hatte etwas von einer Zigarette gemurmelt und war durch den vollen, schwatzenden Speisesaal gestolpert, durch die Arab Hall in die Gärten.

Die Luft brütete immer noch schwer und warm von der Spätsommersonne. Die Mücken regten sich. Der Duft von Jasmin machte sie trunken. Sie hatte Gelächter in der Nähe der Loggia gehört und war in den Schutz des Pavillons geschlichen, wo sie eine Kobra überraschte, die sich gerade für ein schönes ruhiges Nickerchen niederließ.

Von allen Orten zu sterben! Dachte man darüber nach, war es fast komisch. All diese Möglichkeiten, wie sie hätte enden können – diese Unfälle und Gegenstände, die sie hätten töten können, die Wellen von Bomben, die deutschen Soldaten, gefolgt von den sowjetischen Soldaten, ganz zu schweigen von Wetter und Keimen und hundert anderen Dingen – all diese tödlichen Momente, die sie durch ein Wunder oder Willenskraft oder einen launischen Gott, an den sie nicht mehr glaubte, überlebt hatte – und jetzt das?

Im hinteren Garten des Shepheard’s Hotel in Kairo. An einem langweiligen, vorhersehbaren Abend im August.

Was für ein Witz, ein kolossaler Witz.

Wer hätte gedacht, es würde so enden, als sie an diesem Morgen in dem weichen, schmalen Bett im Schlafzimmer erwachte, das sie mit ihrem Ehemann teilte? Als der leichtfüßige Diener an die Tür klopfte und Alistairs Tee sowie die erste von mehreren Tassen starken, süßen türkischen Kaffees brachte, die Hannah bis zum Mittagessen begleiten würden – wer hätte Hannah gesagt, sie solle diese Kaffees in vollen Zügen genießen, da es ihre letzten auf Erden sein würden?

Wer hätte gedacht, dass sie bis Mitternacht tot sein würde, als sie Alistair beim Frühstück, das auf dem Tablett serviert wurde, aus der Zeitung vorlas?

Als sie an diesem Morgen wie üblich Alistairs Krawatte gerichtet und ihm einen trockenen Kuss auf die Wange gegeben hatte? Als sie die Papiere, die er am Vorabend auf der Ecke des Schreibtisches abgelegt hatte, genommen und auf der Schreibmaschine abgetippt und korrigiert hatte? (Alistair war ein nachlässiger Rechtschreiber.) Als sie sich wie immer die Zigarette während der Fahrt zum Club erlaubt hatte, gefolgt vom Mittagessen, dem Tennis mit den Ehefrauen des Außenministeriums, gefolgt vom Gin Tonic, vor der Heimfahrt und dem langen Bad und der zweiten Zigarette?

Wer hätte gedacht, sie würde diese Dinge nie wieder erleben?

Und als Alistair vom Konsulat zurückgekehrt war und wie immer seine Bücher und seinen Stift zur Hand genommen hatte, während sie sich auf dem Sofa niederließ, um den englischen Roman zu lesen, und innehielt, um einer Eidechse zuzusehen, die hierhin und dorthin über den Boden und die Wand hinaufhuschte, um in dem Riss nahe der Decke zu verschwinden? Wer hätte sich vorstellen können, dass sie nie erfahren würde, was mit dem Mann geschah, der die Frau liebte, die mit dem anderen Mann verheiratet war?

Als es sechs Uhr schlug und sie sich vom Sofa erhob, um ihrem Mann den Scotch mit Soda einzuschenken und ihm beim Ankleiden für das Abendessen zu helfen?

Als sie das lange schwarze Kleid anzog, das ihrer Figur schmeichelte, und die Perlen und die Ellbogenhandschuhe anlegte?

Als sie den zweiten Gin Tonic mit Limette trank?

Dann die stille Fahrt über den Fluss zum Hotel. Der Champagner-Cocktail. Der zweite Champagner-Cocktail. Der Garnelen-Cocktail gefolgt von der gekühlten Tomatensuppe.

Das Gespräch über den König – diesen Esel Farouk, wie Alistair ihn genannt hatte.

Das Orchester, das nun einen Walzer spielte, als die Kellner die Suppe abräumten und den Fisch servierten. Darauf das Fleisch und das Gemüse. Dann den Salat. Das Dessert und den Käse. Und der schöne Yquem und die Indische Teilung und »Sei nicht albern, Hannah.«

Wer hätte ihr ins Ohr geflüstert – als sie sich in ihrem Stuhl zurücklehnte und den Yquem austrank und dachte: »Ich werde schreien« – »Nun, mach dir keine Sorgen, alte Hannah, du hast nur noch fünfzehn Minuten zu leben«?

Dass gerade ihre letzten Minuten verstrichen, als Hannah von ihrem Stuhl aufstand, etwas von einer Zigarette murmelte und sich ihren Weg aus dem Speisesaal durch die Arabische Halle zu den Türen bahnte, die zu den Gärten führten, wo Mr. Beck, der stellvertretende Hoteldirektor, wie aus dem Nichts auftauchte und sie fragte, ob sie etwas benötige.

* * *

Oh, Mr. Beck. Wie schade um ihn! Nun würde sie Mr. Beck nie wiedersehen.

Er war Schweizer, hatte eine der anderen Ehefrauen aus dem Außenministerium zu berichten gewusst. Alle Hoteliers im Ausland waren Schweizer. Irgendwie war ihnen der Beruf wohl angeboren, diese Frau konnte es sich nicht erklären. Vielleicht hatte es etwas mit ihrer Neutralität zu tun. Oder mit der traditionellen Gastlichkeit in den Bergen. Für Hannah war das einzig Schweizerische an Mr. Beck jedoch sein Nachname. Er hatte große, kühle grüne Augen unter geraden schwarzen Augenbrauen und lange schwarze Wimpern obendrein. Seine Gesichtszüge wirkten fast zart, abgesehen von dem starken Kinn, das den unteren Teil seines Gesichts verankerte. Wie jeder gute Hoteldirektor war er unsichtbar und lautlos, außer wenn man ihn brauchte.

Dann erschien er wie ein Dschinn.

»Benötigen Sie etwas, Mrs. Ainsworth?«, hatte er sie vor nicht einmal fünf Minuten gefragt, und dummerweise hatte sie »Nein, danke« erwidert und war weitergegangen.

»Hochmütig« nannten sie sie. Das hatte sie einmal mitgehört. »Hochmütige Schlampe, diese Frau von Ainsie. Sie wissen, wie er sie gefunden hat? Gott weiß, woher sie kam. Wer ihre Leute sind. Sie hat verdammtes Glück gehabt, dass der alte Ainsie Gefallen an ihr fand.«

Oh, sie hatte sie gut gehört. War wohl beabsichtigt. Die Engländer waren ja so höflich – sie hätten ihr diese Dinge nie ins Gesicht gesagt.

»Nein, danke«, hatte sie zu Mr. Beck gesagt, dem Hoteldirektor mit den grünen Augen, und war allein in die Gärten weitergegangen, ein wenig betrunken.

Oder sich selbst.

Jetzt diese verdammte Kobra.

In Ägypten wurde die Kobra manchmal Asp genannt, was einen an Kleopatra denken ließ. Der Legende nach ließ sie ihre Diener einen Korb mit einer Asp in ihre privaten Gemächer schmuggeln, in denen sie von Cäsar oder wem auch immer eingesperrt war.

Hannah bezweifelte diese Geschichte. Eine ägyptische Kobra war eine große Schlange und würde sich mit ziemlicher Sicherheit dagegen wehren, in einen Korb gestopft zu werden – besonders in einen, der klein genug war, um ihn unbemerkt in Kleopatras Gemächer zu schmuggeln. Aber Ptolemäus sagte es so; also musste es stimmen. Spielte es überhaupt eine Rolle, wie die Schlange in Kleopatras Schlafgemach kam? Der Punkt war, sie starb an einem Schlangenbiss. Es sei denn, der ganze Vorfall war eine Metapher – die Schlange im Schlafgemach der Dame, die die tödliche Dosis Gift verabreichte. Man versteht die Idee.

Hannahs Schlange – Kobra, Asp, wie auch immer man sie nennen wollte – war auf jeden Fall echt. Ihre winzigen Schuppen waren braun gesprenkelt und ihre Haube bildete einen perfekten Bogen. Sie lag auf dem Geländer. Als Hannah sich vor einem Moment hingesetzt hatte, war ihr Gesicht nur einen Meter von dem der Kobra entfernt. Jedenfalls war es nahe genug. Im Licht, das aus dem Hotelfenster hinter ihr fiel, war jedes Detail scharf zu erkennen.

Man sagt, die Zeit verlangsame sich im Moment der Gefahr, und Hannah hätte dem zugestimmt. Sie hatte alle Zeit der Welt gehabt, um die Schönheit der Schlange zu bewundern, die perfekte Haube, die unendlichen braungefleckten Schuppen. Alle Zeit der Welt, um den Jasmin zu riechen, die leise Melodie des Orchesters zu hören, die sie in den Schlaf singen würde.

Sie bemerkte das exquisite Muster der Mosaikfliesen im Pavillon.

Sie stellte sich Alistairs rotes Gesicht vor, vor Entsetzen zusammengekniffen – was für ein Schock das sein würde, und wer um alles in der Welt würde ihm nun seinen Scotch mit Soda so servieren, wie er es mochte. Aber das war nur ein Augenblick. Ein anderes Gesicht schob sich vor das von Alistair; dann weitere Gesichter, jedes für sich und doch alle auf einmal, ihr Anblick traf sie in den Magen, sie konnte nicht atmen.

Wut.

Trauer.

Eine innere Aufruhr, die sie seit Jahren nicht mehr hatte fühlen können. All das in den öligen Augen der Kobra, die nach ihrem Hals schnappte. Wie dumm.

Hannah warf ihren Arm hoch. Die Zähne versenkten sich in ihren Handrücken. Als sie fiel, wurde die Welt weiß, zu hell, um es zu ertragen. Das Paar Arme, das sie auffing, war Teil des Traums.

»Benötigen Sie etwas, Mrs. Ainsworth?«

»Ja, Mr. Beck. Ich benötige alles. Ich benötige Sie.«

KAPITEL ZWEI

Mallory

Juni 2022

Cape Cod, Massachusetts

Paige ruft mich auf dem Heimweg von der Dialyse an.

»Kannst du reden?«, fragt sie.

Ich werfe einen Blick auf Sam im Sitz neben mir. Er hat seine AirPods in den Ohren und hört Musik. Zu seinem zwölften Geburtstag habe ich nachgegeben und ihm ein Handy geschenkt, mit der Begründung, dass ich ihn im Notfall erreichen können muss, nicht wahr? Seine Haare fallen ihm jetzt über die Stirn, ein paar Nuancen dunkler als in seiner Kindheit. Ich kann seinen Gesichtsausdruck nicht erkennen, während er die vorbeiziehenden Dünen beobachtet. Manchmal tut es weh zu sehen, wie er erwachsen wird und sich in jemand anderen verwandelt. Früher konnte ich jeden Gedanken, der über sein Gesicht huschte, deuten.

»Ich höre«, sage ich zu Paige.

Sie sammelt sich mit einem Seufzer. »Also, es geht um Mom«, meint sie.

»Es geht um Mom.«

Zufälligerweise waren genau das die Worte, die sie benutzt hatte, um mir die Nachricht zu überbringen, als Mom vor viereinhalb Jahren starb. Ich erinnere mich, es war Oktober, weil ich gerade Sams Halloween-Kostüm nähte. Er war acht Jahre alt und wollte ein Außerirdischer sein. Ich hatte das ganze Ding selbst entworfen. Gerade war ich dabei, die Hände fertigzustellen – eine Art Schnitt-und-Näh-Kombination aus diesem kotzgrünen Satin, den ich unter den Stoffresten gefunden hatte, und einem Paar Gummi-Haushaltshandschuhen – also war ich ein wenig genervt, als sie mich mit ihrem verdammten Anruf unterbrochen hatte.

Ich seufzte und sagte »Was ist mit Mom?« Wisst ihr, ich erwartete eine weitere unendliche Schwester-zu-Schwester-Diskussion über Viljo, Moms neuesten Liebhaber. Viljo war dieser blonde finnische Gott, etwa zwei Meter groß, mit dem Mom anscheinend den besten Sex ihres Lebens hatte, also missbilligte Paige ihn natürlich. Blabla, er ist zu jung für sie. Blabla, er will sie nur wegen ihres Geldes.

Worauf ich vielleicht etwas wie »Welches Geld?« erwidert hätte.

Worauf Paige vielleicht etwas wie »Oma und Opa waren doch reich, oder?« geantwortet hätte.

Worauf ich nie geantwortete hätte, weil Paige nicht wusste, was ich wusste, nämlich dass Mom dieses Geld als befleckt betrachtete und jeden Dollar an den Appalachian Mountain Club für die Renovierung von Hütten spendete, sobald sie es geerbt hatte. Gott weiß, Paige wäre in Ohnmacht gefallen, hätte sie das gewusst. Sie hasste schon immer diese Wanderungen in den White Mountains, zu denen Mom uns jeden Sommer schleppte. Buchstäblich das schlimmste Wetter der Welt, erinnerte sie uns. Das steht sogar in der Broschüre. Also lenkte ich das Gespräch um, und es war eine Art Schock für Paige, als der Anwalt Moms Testament vorlas, das Paige das kleine Haus in Provincetown und mir das übrige Bargeld in einem Treuhandfonds für Sams Ausbildung hinterließ.

Aber ich schweife ab.

Paige riet mir, ich solle mich setzen, und ich erklärte ihr, dass ich bereits saß, ob sie zum Punkt kommen könne, und Paige sagte: Also gut. Der Punkt ist, Mom ist gegangen.

Ich meinte, ich wüsste bereits, dass Mom weggegangen sei. Sie war mit Viljo nach Peru abgehauen.

Schätzchen, ich meine für immer weg, korrigierte Paige. Ich meine, sie ist tot.

Sie und Viljo – Paige nannte ihn Dildo – waren auf den Terrassen des Machu Picchu geklettert und Mom hatte den Halt verloren. Ich weiß nicht, ob ihr jemals Machu Picchu besucht oder die Fotos gesehen habt, aber diese Terrassen sind offenbar steil. Sie fiel ein Stück und prallte mit dem Kopf auf die Steine. Als sie per Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht wurde, lag sie bereits mit einer Hirnblutung im Koma. Sie starb am nächsten Tag in Viljos Armen.

Ehrlich, so etwas kann man sich nicht ausdenken.

Ich erspare euch das ganze Drama um Moms Überführung. Der Flug nach Peru, die Gedenkfeier, die Einäscherung, das Verstreuen der Asche vor der Küste von Cape Cod bei Sonnenuntergang. Auf der Zielgeraden das Aufspüren von Dad in Santa Anita, von wo aus er sein Beileid sandte, aber sich weigerte, an den Feierlichkeiten teilzunehmen, mit der Begründung, dass Beerdigungen ein Graus seien und der Breeders’ Cup vor der Tür stünde.

Ich erspare euch die Phasen der Trauer und die Art und Weise, wie ich mich immer noch dabei ertappe, zum Telefon zu greifen, um ihr etwas zu erzählen, nur um zu realisieren, dass sie nicht mehr da ist. Das habt ihr alles schon einmal gehört, und solltet ihr es selbst erlebt haben, tut es mir sehr leid.

Der Punkt dieser Geschichte ist, Paige rief mich an, um mir die Nachricht von Moms Tod zu überbringen, anstatt umgekehrt. Ich meine, Mom und ich waren doch ein Herz und eine Seele, oder? Sie erzählte mir alles, Dinge, die sie wahrscheinlich nicht hätte erzählen sollen, wie und wo sie ihre Jungfräulichkeit verlor und wie oft Viljo sie oral befriedigte. Sie erzählte mir die ganze Geschichte mit Dad und von dem Jahr, in dem sie ihr Cello nach Paris schleppte und in einer Metrostation musizierte, um Geld für Essen zu haben. Sie rief mich an, wenn sie einen schlechten Pap-Abstrich hatte oder einen tollen neuen Käse auf dem Bauernmarkt fand oder die Katze zum Tierarzt bringen musste.

Sie rief Paige an, um ihr zu sagen, was sie mir zu Weihnachten schenken sollte.

Wie kam es also, dass Paige vor mir von Moms Tod wusste?

Weil sie mich als ihren Notfallkontakt angegeben hat, erklärte Paige, ein wenig verlegen.

Nun, das ergab Sinn. Paige ist jedermanns Notfallkontakt. Sie ist mein Notfallkontakt. Hättet ihr einen Notfall, wolltet ihr Paige am anderen Ende der Leitung. Paige wird das Telefon abnehmen, sie wird alles stehen und liegen lassen, sie wird ihr eigenes Blut spenden. (Paige hat die Blutgruppe 0 negativ, wie zu erwarten.) Wenn eine Katastrophe eintritt, will man Paige. Sie sorgt dafür, dass Zahnpasta in der Übernachtungstasche ist und dieser Spezialist aus Dallas für eine Beratung einfliegt.

Man verlässt sich ganz sicher nicht darauf, dass Mallory die Dinge regelt.

Ich verstand das. Ich verstand das sehr gut.

Aber das bedeutet nicht, es tat nicht weh.

Oh, und was geschah mit Viljo? Er war so erschüttert über Moms Tod, dass er nach Finnland zurückkehrte und in einem Kloster knapp innerhalb des Polarkreises die Gelübde ablegte. Er schickt uns immer noch jedes Jahr Weihnachtskarten.

Wie gesagt, so etwas kann man sich nicht ausdenken.

* * *

Der gebrauchte Volvo ist gerade jung genug, um eine Bluetooth-Verbindung zu meinem Handy zu haben, und Paiges Stimme dröhnt durch die Lautsprecher.

»Mallory? Bist du noch da?«

Ich werfe einen Blick auf Sam, der immer noch aus dem Fenster starrt. Sein Finger tippt auf seinen Knien den Takt dessen, was auch immer aus seinen Kopfhörern kommt. Ich drehe die Lautstärke der Freisprechanlage herunter.

»Ich bin noch da. Was ist mit Mom?«, frage ich vorsichtig.

»Also, ich muss dir etwas gestehen«, beginnt sie.

»Oh, Mist.«

»Na ja! Da du die Sache nicht selbst in die Hand nimmst, bleibt mir keine Wahl, oder? Ich meine, wir könnten ewig darauf warten, dass unser Arschloch von Vater seine Meinung ändert und seinem Enkel eine Niere spendet –«

»Paige, um Gottes willen. Fluche nicht vor dem Kind.«

»Was, Sam hört zu?«

»Er sitzt mit mir im Auto. Er hat seine AirPods drin.«

Paige gibt ein frustriertes Geräusch von sich. »Mallory, das ist wichtig. Das ist … das ist groß.«

»Warum konntest du dann nicht warten, bis ich persönlich da bin?«

»Wie weit bist du noch entfernt?«

»Ich weiß nicht. Eine halbe Stunde, ohne Verkehr? Gerade an der Ausfahrt Orleans vorbei.«

Sie macht ein weiteres Geräusch. »Gut. Ich werde die Wodka-Spindrifts einschenken.«

Seit Mom Paige das Haus in Provincetown, an der Spitze des Skorpionschwanzes, der Cape Cod ist, hinterlassen hat, haben Paige und ihr Mann Jake viel daran gewerkelt.

Ich weiß nicht, wie ich das taktvoll sagen soll, also sage ich es einfach geradeheraus: Jake verdient eine Menge Geld. Er ist in der Private-Equity-Branche, was auch immer das ist, und offenbar ist er gut bei dem, was er tut, obwohl man das nicht merken würde, wenn man ihm auf einem Zebrastreifen begegnet. Er würde sich entschuldigen und fragen, ob es dir gut geht und das Ding aufheben, das du fallen gelassen hast, und du würdest deinen Weg fortsetzen, die Straße überqueren, ohne je zu ahnen, dass der glatt rasierte Typ in der schmalen Khakihose und mit der Red-Sox-Kappe und der marineblauen L.L. Bean Fleece-Weste mit dem gestickten East Rock Partners-Wappen auf der linken Seite letztes Jahr fünf Millionen Dollar verdient hat. (Ich nenne einfach eine Zahl. Ich habe keine Ahnung, wie viel Kohle Jake macht – Paige spricht peinlich genau nie über Geld.) Er ist einen Meter achtzig groß, hat braunes, schütteres Haar und ein Gesicht, das so unscheinbar ist, dass es sich jeder Beschreibung entzieht. Paige lernte ihn an der Yale kennen, im ersten Jahr, und sie heirateten im Sommer nach dem Abschluss in der winzigen katholischen Kirche hier in Provincetown, mit einem Empfang am Strand vor Moms Haus.

In jenen Tagen benutzten wir das Wort skurril, um unser Elternhaus zu beschreiben. Es waren knapp neunzig Quadratmeter aus Stein und Zedernschindeln, die hundert Jahre lang Nordoststürme und gelegentliche Hurrikane überstanden hatten, ohne viel am ursprünglichen Plan zu ändern, abgesehen davon, dass Strom und Warmwasser eingeleitet wurden. Ich erinnere mich, es gab ein Schlafzimmer für Mom und ein Schlafzimmer, das ich mir mit Paige teilte, ein Badezimmer den Flur hinunter, das stöhnte, wenn man die Wanne füllte, und stöhnte, wenn man sie wieder leerte. Die Küche war ein Anbau und das Wohnzimmer diente auch als Esszimmer und Bibliothek, mit großen Fenstern, die zum Ozean zeigten und vor jedem Sturm mit Sperrholzplatten verrammelt werden mussten.

Zu ihrer Ehre sei gesagt, dass Paige, die respektvoll mit Geschichte umgeht, dieses Haus nicht abriss, als sie und Jake die Renovierungen in Angriff nahmen. Es dient jetzt tatsächlich als ihr Hauptschlafzimmer, auch die Rohre stöhnen nicht mehr, wenn man die Wanne füllt, vielleicht weil Paige ein paar Wände einriss, um das Badezimmer zu einer Oase aus Marmor und wiederverwendetem Treibholz zu vergrößern, in der es nach Spa duftet.

Dann bauten sie an unser ursprüngliches Haus ein komplettes weiteres Haus an, ein Haus im Stil einer Küstengroßmutter, was Sam als Vibe bezeichnet. (Paige und Jake nennen es Summersalt – du verstehst, wovon ich spreche?) Hier verbringen wir jeden Sommer mehrere Wochen und versuchen, nichts zu verschütten, während Sam und ich dreimal wöchentlich zur Dialyse nach Barnstaple und wieder zurückfahren, wie auch heute. Wir parken unser Auto neben der Garage und laufen über den Kies zur vorbildlichen Garderobe, wo jeder sein eigenes Fach hat, wie im Kindergarten. In der schneeweißen Küche telefoniert Paige mit jemandem, der, so hört es sich an, neue Tapeten besorgt. Sie sieht uns und sagt dieser Person, sie müsse jetzt auflegen, sie werden später wieder anrufen.

»So!« Sie schaut Sam an. »Wie ist es gelaufen, Kumpel?«

Sam gibt ihr einen seltsamen Blick. »Toll. Danke. Ist Ollie in der Nähe?«

»Sie sind unten am Strand mit Brittani, Schatz. Willst du runtergehen und dich zu ihnen gesellen?«

»Klar.« Sam wendet sich zurück zur Garderobe.

»Denk daran, nicht zu viel Wasser zu trinken!«, rufe ich ihm hinterher. Am neuen Badehaus am Rand des Rasens, kurz bevor man zum Damm über die Bucht kommt, die zu den Dünen führt, hat Paige eine Getränkestation eingerichtet, was, wie ich zugeben muss, ziemlich praktisch ist. Eis und Wasser und ein Kühlschrank voller Spindrift.

»Geht es ihm gut?«, fragt Paige. »Er ist jetzt so schwer zu lesen.«

»Ihm geht’s gut. Also, was gibt’s?«

Sie starrt immer noch auf den Eingang der Garderobe, die Stirn gerunzelt. »Haben die Ärzte etwas gesagt? Ich habe mich über die Auswirkungen von Nierenversagen und Langzeit-Dialyse informiert –«

»Hör zu, ich weiß, was du sagen willst, okay? Ja, mein Sohn braucht eine neue Niere. Ja, er steht auf der Spenderliste. Ja, wir haben alle bekannten Verwandten auf eine gute Übereinstimmung getestet. Du weißt, wie das ausgegangen ist.«

»Verdammter Dad.«

Ich zucke mit den Schultern. »Die Gewebeübereinstimmung war sowieso nicht ideal. Drei von sechs. Und es ist ja nicht so, als hätte Dad in all den Jahren besonders gut auf sich geachtet.«

»Eine schlechte Niere ist besser als keine Niere.«

»Außerdem ist er in seinen Siebzigern. Es ist eine alte Niere. Und es ist seine Entscheidung, oder? Organspende ist nicht jedermanns Sache.«

»Nur damit du es weißt«, sagt sie, »ich betrachte ihn nicht länger als meinen Vater.«

»Und ich schätze deine Loyalität. Wo ist jetzt mein Drink?«

»Oh, Mist! Ich hab’s vergessen. Der Dekorateur hat angerufen. Tapeten-Drama. Warte kurz.«

»Kein Drama ist so groß wie ein Tapeten-Drama, sage ich immer.«

Sie eilt zum Spirituosenschrank. »Im Ernst, du wirst einen brauchen. Ich bin immer noch zittrig.«

»Zittrig? Wovon redest du?«

Paige stellt den Wodka auf den makellosen Quarz und öffnet den Getränkekühlschrank, nicht zu verwechseln mit dem industriellen Sub-Zero an der gegenüberliegenden Wand, zu dem eine eigene Eversource-Unterstation gehört. »Willst du etwas Limette schneiden? Das Schneidebrett ist im Schrank direkt unter dir.«

Ich beuge mich herunter, um die Schranktür zu öffnen und hole das Holzbrett heraus. In dieser Küche aus makellosem Stein, Edelstahl und Geräten wie aus dem Weltraum scheint das Schneidebrett ein Relikt aus der Kindheit zu sein. Ich liebe die Flecken und Narben, die vertraute Maserung des Holzes. Ich kann Mom vor mir sehen, wie sie Zwiebeln, Tomaten, Auberginen, Zucchini und Basilikum schneidet. Ich greife nach einer Limette aus dem Zitrusarrangement in der Mitte der Kücheninsel.

»Es hat mich früher schon erschreckt«, sage ich, »wie du an Tapeten oder Limetten denken konntest, wenn du wegen etwas aufgebracht warst. Weißt du, dafür zu sorgen, dass jeder einen Nachmittagscocktail in geschmackvollem Ambiente bekommt.«

»Moment, was? Was soll das denn heißen?«

Ich schneide die Limette in Hälften und die Hälften in Viertel. »Dann wurde mir klar, so gehst du mit Shit um.«

»Das ist besser als Verdrängung.«

»Wer verdrängt denn hier?«

»Das ist etwas verdammt Großes, oder?«

Ich warte, bis sie fertig mit dem Eingießen des Spindrift ist und lasse ein Limettenviertel in jedes Glas fallen. »Ich verdränge nichts, okay? Ich lebe jeden Tag mit dieser Sache. Keine Pommes, keine Bananen. Jeden Tag sehe ich meinen Sohn an und höre die Uhr ticken, verstehst du? Also sag mir nicht, ich würde verdrängen.«

Sie nippt an ihrem Drink und ich bemerke, ihre Hand zittert tatsächlich.

»Schau, wir haben es mit den Familienmitgliedern versucht, okay? Wir haben einfach nicht so viele davon. Mom ist tot. Ihre Eltern sind tot. Dad interessiert sich einen Scheiß dafür. Du kümmerst dich, wofür ich ewig dankbar bin, sogar mehr als ich sagen kann, aber du hast keine gute Übereinstimmung. Deine Kinder sind zu jung.«

»Schätzchen«, sagt sie, »ich weiß das alles. Wir haben das schon durchgekaut.«

»Also sitzen wir fest und warten auf unseren Platz auf der Transplantationsliste. Die sich dank Covid und dank Sams seltenem Gewebetyp nicht gerade schnell bewegt.«

»Wir sitzen nicht fest und warten auf der verdammten Nierentransplantationsliste, okay? Es gibt Optionen.«

Ich stelle mein Glas ab. »Nein.«

»Mallory.«

»Das ist keine Option, Paige. Das war nie eine Option.«

»Nicht einmal, um das Leben deines Sohnes zu retten?«

»Also, lass uns das mal für einen Moment auseinandernehmen –«

»Da gibt es nichts auseinanderzunehmen, Mallory.« Paige hebt ihre Finger, um Anführungszeichen um das Wort zu machen. »Er ist Sams Vater. Biologische Tatsache. Er hat Nieren. Auch eine biologische Tatsache.«

»Erstens, falls du denkst, es wäre möglich für mich, auch nur ansatzweise dieses Gespräch mit, sagen wir mal, einem Mann in seiner Position zu beginnen, bist du wahnhaft.«

»Wahnhaft? Alles, was du tun musst, ist ihm eine E-Mail zu schicken. Es ist ja nicht so, als würde er deinen Namen nicht kennen.«

»Sollte Monk Adams seine eigenen E-Mails lesen, dann bin ich Beyoncé. Seine Handlanger erhalten wahrscheinlich zehn E-Mails am Tag von Frauen, die behaupten, sein Kind der Liebe geboren zu haben. Oder es zu wollen.«

Paige zeigt mit dem Finger auf mich. »Weißt du, was du bist? Du bist feige.«

»Verarschst du mich?«

»Du hast so viel Angst davor, verletzt zu werden, dass du deinen eigenen Sohn opferst.«

»Das ist vollkommender Schwachsinn. Ich tue Sam einen Gefallen. Ich verschone ihn.«

»Wovor verschonst du ihn genau? Davor, einen Vater zu haben? Eine funktionierende Niere?«

»Denkst du – denkst du ernsthaft – ich könnte einfach zu einem der berühmtesten Männer der Welt gehen und sagen: ›Hi, Monk. Ich habe vor dreizehn Jahren deinen Sohn zur Welt gebracht, und übrigens, könntest du ihm eine Niere spenden?‹«

Paige verschränkt die Arme. »Ja. Das ist genau das, was ich denke, was du tun solltest.«

»Was, wenn er Sam ablehnt? Dafür gäbe es nicht genug Therapeuten auf der Welt, Paige. Oder schlimmer, was wenn er Sam in sein Leben hineinzieht, in diese ganze Musikwelt-Promi-Scheiße?«

»Du musst es versuchen, Mallory.«

»Er hat nicht einmal eine gute Übereinstimmung.«

»Woher willst du das wissen?«

»Die Wahrscheinlichkeit spricht dagegen.«

»Die Wahrscheinlichkeit spricht dagegen? Ist das dein Ernst?«

Ich schaue hinunter auf das Schneidebrett und die zwei übrigen Limettenspalten, die auf der Seite liegen. Das Schälmesser liegt zwischen ihnen, eine dieser deutschen Marken mit dem tödlich schwarzen Griff. Zum ersten Mal bemerke ich die Musik, die aus den magischen Lautsprechern ertönt. Ein Klavierstück, wahrscheinlich Chopin. Mom spielte immer Chopin, als wir Babys waren, um uns zu beruhigen. Da Paige nie auch nur ein einziges Detail dem Zufall überlässt, stelle ich mir vor, diese Musikauswahl ist kein Zufall.

»Paige. Lass es gut sein, okay?«

»Ich sage nur, wenn es mein Kind wäre –«

»Nun, es ist nicht dein Kind. Du weißt es nicht. Du weißt nicht, wie es ist, ein Kind ohne Vater großzuziehen –«

»Das ist deine Entscheidung, Mallory –«

»Du weißt es nicht! Du hast keine Ahnung, wie es ist, das allein durchzustehen.«

Paige nimmt ihren Wodka Spindrift und lässt das Eis klirren. Ein Pferdeschwanz hält ihr blond gestreiftes Haar zurück; etwas rosa Balsam färbt ihre Lippen. Sie trägt marineblaue Lululemon-Caprihosen und ein marineblaues V-Ausschnitt-T-Shirt. Alles an ihr ist poliert und symmetrisch.

»Weißt du was?«, sagt sie. »Du hast recht. Ich habe absolut keine Ahnung, wie es ist, den Vater seines Kindes aus seinem Leben auszuschließen. Ich habe keine Ahnung, warum du dir und Sam so etwas antust. Und weißt du, warum das so ist?«

»Weil du keine verdammte Vorstellungskraft hast?«

»Weil du mir nie ein einziges Wort darüber erzählt hast, Mallory. Du sagst kein Sterbenswörtchen darüber, was in diesem Sommer passiert ist. Wie du schwanger wurdest. Ich meine, Monk Adams. Von allen Menschen. Also ja. Gib mir nicht die Schuld, wenn ich die Lücken selbst fülle.«

»Können wir bitte kurz festhalten, dass er damals nicht berühmt war? Er war ein College-Student, okay? Er war ein Niemand.«

»Für dich war er jemand.«

»Er war ein Fehler, das ist alles. Ein großer, fetter, verdammter Fehler, für den ich jeden einzelnen Tag meines Lebens seither bezahlt habe, glaub mir.«

Weil ich das in mein Glas murmle, während ich nach der Spindrift-Dose greife, um nachzuschenken, verpasse ich den entsetzten Blick auf dem Gesicht meiner Schwester, bis mir auffällt, sie hat keine Antwort gegeben.

Ich schaue auf. Paige starrt über meine Schulter zum Eingang der Waschküche.

Ich stoße mein Glas um, als ich mich umdrehe. Überall Alkohol. Paige greift nach einem Geschirrtuch.

»Mom?«, fragt Sam. »Ich habe meine Badehose in der Wäsche vergessen.«

»Nur um das klarzustellen«, sage ich, während ich in dem Wäschehaufen wühle, »du bist nicht der Fehler, okay?«

»Mom, hör auf.«

»Dich bereue ich nicht. Ich bereue dich keine Sekunde und habe es nie getan. Das ist nicht deine, oder?«

Ich ziehe eine rosa Badehose heraus, übersät mit kleinen blauen Walen. Sam schüttelt den Kopf.

»Die gehören Onkel Jake«, sagt er.

»Gott, sie ist wie ein Vineyard-Vines-Fiebertraum. Welche Farbe hat deine?«

»Blau. Also, dunkelblau.«

»Jedenfalls, mein Punkt ist – du weißt schon, ich liebe dich und all das. Ich würde dich gegen nichts eintauschen.«

»Mom, hör auf, okay? Ich weiß, was du meintest.«

Ich entdecke eine schmale dunkelblaue Badehose mit einem neongrünen Bund. »Kommt dir die bekannt vor?«

Er schnappt sie sich. »Danke.«

»Also, was denkst du, was ich gemeint habe?«, stochere ich nach.

Sam seufzt. Er trägt Shorts und ein T-Shirt mit der Aufschrift Bear Lake Campground – so einen Ort gibt es gar nicht; ich glaube, das Shirt ist von J. Crew Factory – und es hängt so locker an seinem dünnen Körper, dass ich ihm am liebsten einen Hamburger geben möchte. Er lässt seine Haare wachsen und die Locken fallen ihm über die Stirn. Er schiebt sie zurück und sagt: »Du meinst, es ist scheiße, mich ganz allein großzuziehen.«

»Und was ist mit dir? Ist es scheiße für dich? Keinen Vater zu haben?«

Er zuckt mit den Schultern.

»Was ist mit Onkel Jake? Er ist wie ein Vater, oder?«

»Irgendwie schon.«

»Denkst du jemals an deinen richtigen Vater?«

»Irgendwie schon.«

»Fragst du dich jemals, warum er nicht da ist?«

»Ich weiß, warum er nicht da ist.«

»Warum denn?«

»Mom, hör auf.«

»Womit aufhören?«

»Hör auf, meine Therapeutin zu spielen.«

»Aber du hast keine Therapeutin.«

»Ach was.«

»Denkst du, du brauchst eine Therapeutin?«

»Mom, du bist so schlecht darin.«

»Es tut mir leid, okay? Ich will nur, dass es dir gut geht. Ich hasse es, dass du keinen Vater hast wie die anderen Kinder. Ich meine, selbst die Scheidungskinder haben Väter, auch wenn sie nicht so oft da sind. Also fühle ich mich schlecht. Das meinte ich damit, ich würde für meinen Fehler bezahlen. Mein Fehler war, dir keinen richtigen Vater zu geben.«

»Mom, ich weiß.«

»Was weißt du?«

Er seufzt mich an, wie nur ein dreizehnjähriger Junge seine Mutter anseufzen kann. Seufzt und schiebt sein sandfarbenes Haar wieder aus dem Gesicht, und für einen Moment fühlt sich die Geste genauso an wie eine ähnliche Geste vor vierzehn Sommern, dass ich vergesse zu atmen.

»Ich weiß, wer er ist, okay? Mein Dad.«

»Was?«

»Ich sagte, ich weiß, wer er ist.«

»Wer? Wer denkst du, ist er?«

»Dieser Sänger-Typ.«

»Welcher Sänger-Typ?«

»Monk«, sagt er. »Monk Adams.«

Ich lache wie eine Verrückte. »Das ist einfach albern. Monk Adams. Wie kommst du darauf?«

»Erstens, ich habe Ohren, okay?«

»Oh, das? Du meinst gerade eben unten in der Küche?«

»Mom, bitte. So wie die ganze Zeit. Du und Tante Paige. Tante Paige und Onkel Jake. Das Mädchen, das meine Haare schneidet: Alter, du siehst genau aus wie Monk Adams.« Sam verdreht die Augen. »Außerdem ergibt es Sinn, oder? Ich meine, ich weiß, wie man Google benutzt. Ihr wart auf derselben Privatschule und alles.«

»Er lebt auf dieser Insel, wo du früher gearbeitet hast.«

Ich setze mich und lehne mich gegen den Wäschetrockner. »Also gut, Sherlock. Was noch?«

»Was meinst du mit was noch?«

»Was lässt dich noch glauben, du wärst Monk Adams’ uneheliches Kind? Abgesehen von deiner überirdischen Schönheit und deinem universumserschütternden Charisma, meine ich.«

Sam knüllt die Badehose in seiner Hand zusammen und dreht sich um, um den Raum zu verlassen.

»Weil du nie eines seiner Lieder spielst.«

* * *

Diese Worte schießen mir wieder durch den Kopf, während ich die Spülmaschinentür schließe und den Startknopf drücke.

Es geht um Mom.

Ich wende mich Paige zu, die an der Kücheninsel steht und ihr Glas Rosé nachfüllt. Seit dem Nachmittag haben wir vorsichtig umeinander herumgetanzt – das Abendessen vorbereitet, den Kinderverkehr gemanagt, jeder Satz eine halbe Oktave höher als sonst. Paige beschäftigt eine örtliche Studentin, um ihre drei Mädchen bei all den Tennisstunden, dem Schwimmtraining, der Khan Academy und dem, was sie Strandzeit nennt, auf Kurs zu halten. Das ist jetzt der offizielle Name für die Art, wie wir all unsere Sommer als Kinder verbracht haben, einfach unter minimaler Aufsicht von Erwachsenen herumzualbern. Aber Brittani geht um fünf nach Hause, um sich für ihre Kellnerinnenschicht im Black Sheep fertig zu machen, und Jake arbeitet natürlich unter der Woche in der Stadt.

So war ich mit dem einen und anderen abgelenkt.

Ich greife nach der Weinflasche. »Warte mal. Was ist mit Mom?«

»Mom?«

»Im Auto. Am Telefon. Irgendwas über Mom.«

Sie stellt das Glas ab und schlägt sich die Hand vor den Mund. »Oh mein Gott. Ich kann nicht glauben, dass ich vergessen habe, es dir zu erzählen.«

Paiges Büro liegt neben der Küche, wie eine Speisekammer, nur dass es die gesamte Familienadministration in exquisit organisierten Regalen und Aktenschubladen enthält, die geräuschlos auf ihren Schienen gleiten. Die Tapete ist eine Art modernes Paisleymuster auf meeresblauem Hintergrund. Auf der Fensterbank ist ein Stapel Kunstbücher arrangiert. Ihr Laptop liegt geschlossen auf dem eingebauten Schreibtisch. Daneben ein glänzender Aktenordner mit Madras-Karomuster, der irgendwie mit den Tapetenfarben harmoniert.

Sie nimmt den Ordner und öffnet ihn.

»Also, ich habe beschlossen, ein wenig zu recherchieren«, sagt sie.

»Was für eine Recherche?«

»Familienforschung.«

»Oh, Paige. Komm schon. Glaubst du wirklich, irgendein Cousin dritten Grades wird Sam eine Niere spenden?«

»Mallory«, sagt sie, »ich muss irgendetwas tun.«

»Weil ich nichts tue. Ist es das, was du sagen willst?«

»Die Sache mit dem Nierenspender ist, wie sie ist. Ich werde deine Meinung nicht ändern.« Sie drückt mir den Ordner gegen die Brust. »Aber vielleicht tut es das hier.«

Irgendein unwillkürlicher Reflex lässt mich nach dem Ordner greifen. Ich halte ihn zwischen meinen Fingern, als wäre es Yoricks Schädel. »Was meinst du damit?«

»Ich meine, ich habe all diese Aktenkisten durchgesehen, die Mom auf dem Dachboden gehortet hat. Sachen, die sie aus unserer Kindheit aufbewahrt hat, Sachen von ihren Eltern.«

»Und?«

Paige verschränkt die Arme. »Sieh dir die erste Seite an.«

Ich schaue nach unten.

ADOPTIONSURKUNDE, steht da.

»Heilige Scheiße. Wir wurden adoptiert?«

»Nicht wir, Dummerchen. Sie. Mom. Sieh dir das Datum an. Siebenundzwanzigster Juni 1952.«

Mein Gehirn fühlt sich an, als würde es sich auf einem Rad drehen. Die alte Maschinenschrift verschwimmt. Ich kann das nicht begreifen; ich kann es nicht einmal lesen. Adoptiert.

Ich denke an meine Großeltern. Älter, förmlich. Wie sie uns zum Abendessen in ihr Haus in Brookline einluden, der Geruch von Zitronenpolish. Mom, die sich eine Zigarette anzündete, nachdem wir wieder gegangen waren.

Ich schaue wieder zu Paige auf. »Was zum Teufel? Warum hat sie uns das nie erzählt?«

»Wer weiß? Ich meine, ich schätze, das erklärt, warum sie ein Einzelkind ist. Oma und Opa haben sie aus einem katholischen Waisenhaus in der Nähe von Galway adoptiert –«

»Warte, Irland? Du sagst, Mom wurde in einem irischen Waisenhaus geboren?«

»Und das ist nicht mal das wirklich Seltsame. Das wirklich Seltsame ist, dass die Mutter keine unverheiratete Teenagerin war –«

»Wow, danke.«