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»Dan Diner öffnet einem die Augen« NZZ Geschichte
Dieses in der Presse gefeierte Buch erzählt die Anatomie des Zweiten Weltkrieges aus einer ungewohnten Perspektive: Im Zentrum des Geschehens steht das jüdische Palästina, gelegen am Schnittpunkt der europäisch-kontinentalen und außereuropäisch-kolonialen Wahrnehmung. Die Kernzeit dieser raumgeschichtlich angelegten Erzählung liegt zwischen dem Abessinien-Krieg 1935 und den Schlachten von El Alamein und Stalingrad 1942. Die Verschränkung zweier, für sich jeweils anderer Kriege – dem Zweiten Weltkrieg und dem Kampf um Palästina – konstruiert das eigentliche Drama der Erzählung und durchzieht als roter Faden das Buch.
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Seitenzahl: 494
Veröffentlichungsjahr: 2021
Über das Buch:
Dieses Buch erzählt die Anatomie des Zweiten Weltkrieges aus einer ungewohnten Perspektive: Im Zentrum des Geschehens steht das jüdische Palästina, gelegen im Schnittpunkt der europäisch-kontinentalen und außereuropäisch-kolonialen Wahrnehmung. Die Kernzeit dieser raumgeschichtlich angelegten Erzählung liegt zwischen dem Abessinien-Krieg 1935 und den Schlachten von El-Alamain und Stalingrad 1942. Die Verschränkung zweier, für sich jeweils anderer Kriege – dem Zweiten Weltkrieg und dem Kampf um Palästina – konstruiert das eigentliche Drama der Erzählung und durchzieht als roter Faden das Buch. Es entsteht ein dichtes Gewebe von Ereignisfacetten, das im global geschilderten Großereignis des Zweiten Weltkrieges durch eine besondere Sicht bislang wenig beachtete Konturen hervortreten lässt.
Über den Autor:
Dan Diner, geboren 1946, lehrt Moderne Geschichte an der Hebräischen Universität zu Jerusalem. Der international anerkannte Historiker war von 1999 bis 2014 Direktor des Simon-Dubnow-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig und ist Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften. Dan Diner steht der Alfred Landecker Stiftung vor. Bei Pantheon sind von ihm erschienen Zeitenschwelle. Gegenwartsfragen an die Geschichte (2010); Das Jahrhundert verstehen. 1917–1989 (2015) und bei DVA Rituelle Distanz. Israels deutsche Frage (2015).
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Dan Diner
EIN ANDERER KRIEG
Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg
Für
Einführung
»The Empire is Doomed«
Die Tankstelle
Irische Zustände
»… the Jews rather than the Arabs«
Denkmal für Hitler
Klagemauer des Weltgewissens
»Der kleine Krieg, der uns alles bedeutet«
Churchills Torheit
Küste und Wüste
Double jeu
Kein Amritsar in Bagdad
»Join Hands with Russia!«
Polen in Palästina
Tobruk am Carmel
»Asien den Asiaten«
Tod am Bosporus
Rettung und Erlösung
»Der reine Zufall«
Anmerkungen
Dank
Ortsregister
Personenregister
Naher Osten
Welt
Dieses Buch erzählt die Anatomie des Zweiten Weltkrieges. Dabei unterliegt der Darstellung eine wenig geläufige Perspektive: Statt die Expansion des Krieges, wie üblich, vom zentralen Verursacher des Weltenbrandes, Deutschland, ausgehend von West nach Ost bzw. Ost nach West, einer Horizontalen entlang zu beschreiben, richtet sich der Blick vom globalen Süden aus nach Norden. Jene Sicht folgt dem Verlauf der kontinentalen Ereignisse; diese den Bewegungen im kolonialen Bereich.
Beide Horizonte existieren freilich nicht unabhängig voneinander. Um ihre Verschmelzung sichtbar zu machen, liegt der Fokus auf dem jüdischen Palästina. Als Schnitt- und Angelpunkt europäisch-kontinentaler wie außereuropäisch-kolonialer Geschichte wächst ihm die Bedeutung eines Pivots historischer Wahrnehmung zu.
Topographisch am äußersten nord-westlichen Zipfel des britischen Herrschaftsbereichs in Asien gelegen, ist Palästina Teil einer weiträumigen, den indischen Subkontinent umfassenden Imperial Defence. So wird Indien beständig als Referenz der Gesamterzählung aufgerufen. Der Indische Ozean, eine Art britisches Binnenmeer, nimmt aufgrund seiner herausragenden Stellung für die global ausgelegte alliierte Logistik eine herausragende Bedeutung an. Von jener maritimen Drehscheibe aus gerät der Weltkrieg als Ganzes in den Blick.
Über seine Bedeutung als Ort der Verschmelzung zwischen einer kontinentalen und einer kolonialen historischen Wahrnehmung hinaus, dient die Konzentration auf den Yishuv, auf das jüdische Palästina, der Erkundung einer außergewöhnlichen Konstellation: dem Aufkommen einer durch die Umstände des Weltkrieges sich einstellenden existenziellen Gefahrenzone, von der die jüdische Heimstätte indes nicht in Mitleidenschaft gezogen werden sollte.
Die Bedeutung dieser wesentlich von Mai bis November 1942 anhaltenden Bedrohungslage ist dem historischen Bewusstsein weitgehend entrückt geblieben. Denn die den Raum des Nahen und Mittleren Osten umtosenden Kriegshandlungen gingen an diesem Landflecken recht eigentlich vorbei. Die durch die Militärgeographie bedingte Lage mag dazu beigetragen haben, dass Ereignisse, die Europas Juden heimsuchten, dem Yishuv verborgen blieben.
Der aus weiter, globaler Ferne eingenommene, die eingeschliffene Wahrnehmung neu justierende Fokus auf Palästina macht zudem die Verschränkung zweier Konfliktlagen, das Ineinandergreifen wie das Auseinandertreten zweier Kriege sichtbar: Der zum Weltkrieg sich ausweitende europäische Krieg und der jüdisch-arabisch-britische Krieg in und um Palästina stehen in einer weitgehend verdeckt gebliebenen Konkurrenz zueinander; füreinander waren sie jeweils andere Kriege.
Ihre Verflechtung zieht eine besondere, der gängigen historischen Wahrnehmung entzogene Periodisierung nach sich: die der Jahre 1935 bis 1942 als Kernzeit der Untersuchung. Sie beginnt mit dem im Oktober 1935 unternommenen italienischen Angriff auf Äthiopien, dem »Abessinien-Krieg«, und einem sich zeitgleich ereignenden Zwischenfall in Palästina, der zum Auslöser des im Jahr darauf anhebenden arabischen Aufstandes wurde. Und sie endet mit den kontinentalen Wendepunkten des großen Krieges, der zweiten, im November 1942 geschlagenen Schlacht von El-Alamein und dem hernach anhebenden Kampf um Stalingrad – eine Zäsur, die sich für die Zeitgenossen in Palästina sichtbar in der Aufhebung der zivilen Verdunkelungspflicht im März des darauffolgenden Jahres markiert findet. Von da an meldet sich, mit kurzer Verzögerung, der daran gemessene kleine Krieg, der Krieg um Palästina, umso heftiger zurück.
Historische Darstellungen gehen chronologisch vor – ein dem Fortschreiten der Zeit gewährtes Privileg. In dieser Erzählung kommt indes dem Raum der Vorrang zu. Dies ist in erster Linie dem tellurischen Charakter, der Erdgebundenheit militärischen Vorgehens geschuldet. Es ist darauf angelegt, Raum zu überwinden und auf Dauer zu halten. Solches Ausgreifen verlängert sich in vermeintlich sekundäre Bereiche der Kriegführung hinein. So in eine global ausgreifende Logistik – ein höchst komplexes System des Nachschubwesens zur Unterstützung und Versorgung fernab wirkender Truppen. Ihre Logik verleiht der Erzählung Kontur.
Aus dem Vorrang des Raumes ergeben sich auch Besonderheiten der Darstellung. Historische, vor allem militärische Vorgänge der Vergangenheit schreiben sich, einem Palimpsest gleich, den Orten ein, an denen sie sich ereignen. Die scheinbare Wiederkehr von Gewesenem geht mithin aus der Beständigkeit der Geographie hervor.
Zwar bleibt die für das Historische signifikante Richtung des Zeitvektors erhalten, gleichwohl wird sie von einem eher elliptischen Bewegungsmodus überlagert. So mag ein und dasselbe Ereignis mehrfach in Erscheinung treten – in seiner Bedeutung als Zeitpunkt, als Zeitlauf oder Zeitschicht. Es kann die Gestalt einer Tatsache annehmen; als Bild oder Metapher, Analogie oder Argument herangezogen werden. Dabei geraten Ereignisse aus der Zeit des Zwischenkriegs, des Großen Krieges, gar der des 19. Jahrhunderts in den Blick – und dies, soweit eine derartige Archäologie aufeinander geschichteter Zeiten zum Verständnis des Gegenstandes beiträgt.
Das New Yorker Biltmore Hotel, im Häuserblock zwischen den Avenuen Madison und Vanderbilt sowie der 43. und 44. Straße gelegen, wurde zu Silvester 1913 eröffnet. Entworfen hatte die Luxusherberge das berühmte Architektenbüro Warren & Wetmore. Von ihm stammen auch die Pläne für das unmittelbar benachbarte, im gleichen Stil gehaltene und unterirdisch mit dem Biltmore verbundene Grand Central Terminal – jene gewaltige Eisenbahnkathedrale der Metropole. Der Name des Hotels verweist auf das legendäre Biltmore Estate in Asheville, North Carolina, einen Landsitz der während des großen Eisenbahn-Booms im 19. Jahrhundert zu sagenhaftem Reichtum gekommenen Vanderbilt-Dynastie. Ihre niederländischen Wurzeln gehen zurück auf den Ort De Bilt in der Provinz Utrecht.1
Von anderen New Yorker Luxus-Hotels unterschied sich das sechsundzwanzigstöckige, gut tausend Zimmer zählende Biltmore nicht nur durch seine italienischen wie französischen Baukulturen entliehenen Stilelemente oder die erlesenen Materialien – Kalkstein, Granit, Terrakotta –, die bei der Ausführung zum Einsatz kamen. Vor allem die im sechsten Stock die parallel zueinander stehenden, separaten Gebäudeteile verbindenden exotischen Grünanlagen, die an den Mythos der Hängenden Gärten von Babylon erinnerten, beeindruckten die Besucher.2 Eine literarische Gedächtnisspur hinterließ das Biltmore Hotel in dem 1951 erschienenen Meisterwerk von J. D. Salinger Der Fänger im Roggen. Dort wird eine verfängliche Szene in der Hotel-Lobby beschrieben, die sich unter der alles überragenden, berühmt gewordenen Uhr abspielt.3 Hohen Bekanntheitsgrad erlangten die in den Räumlichkeiten des Hotels mehr als zwei Jahrzehnte residierenden Grand Central Art Galleries. In den 1970er Jahren forderte eine traditionell ausschließlich männlichen Besuchern zugängliche Hotelbar öffentlichkeitswirksamen feministischen Protest heraus. Im Jahre 1981 schloss das Biltmore für immer seine Pforten. Das Gebäude wurde entkernt und nach dem Umbau einer anderen Nutzung zugeführt.4
Seiner zentralen Lage und bequemen Erreichbarkeit wegen wurde das Biltmore Hotel mit seinen weitläufigen Fluchten und ausladenden Sälen gern für politische Zusammenkünfte und andere herausragende Versammlungen genutzt. Der Industrielle Henry Ford richtete hier 1915 eine Kommunikationszentrale in der Absicht ein, zwischen den Kombattanten des Großen Krieges zu vermitteln. 1916 wurde im Biltmore der Vertrag unterzeichnet, mit dem Dänemark den Vereinigten Staaten die dänischen Jungferninseln übertrug.5 Und zwischen dem 9. und 11. Mai 1942 fand in den Räumen des Hotels, genauer: in seinem zum Konferenzsaal umgestalteten, im Stil des Art déco mit Kristalllüstern sowie prunkvollen Plüschvorhängen ausgestatteten Dining-Room eine außerordentliche zionistische Zusammenkunft statt. Mit ihr ging der Name »Biltmore« ein in die Annalen der nationalen Geschichte der Juden.6
Am 9. Mai, pünktlich zum Sabbat-Ausgang um 19 Uhr, versammelten sich die 586 Teilnehmer, davon 519 amerikanische Delegierte und 67 Gäste aus dem Ausland, in dem recht beengt sich anfühlenden Konferenzsaal. Die Witterung war milde, die Außentemperatur der Jahreszeit gemäß. Der auf Seite 27 der New York Times vom selben Tag abgedruckte Wetterbericht sagte für den Eröffnungsabend eine Temperatur von 57 Grad Fahrenheit, etwa 14 Grad Celsius voraus. Auch eine weniger freundliche Witterung hätte den Teilnehmern, soweit sie mit dem Zug angereist waren, nicht viel anhaben können, stand den Hotelgästen doch ein Aufzug zur Verfügung, der vom Grand Central Terminal aus direkt in die Lobby führte.7
Neben dem Wetter hatte die Zeitung vom Tage freilich auch anderes zu berichten. Die auf der ersten Seite prangende Schlagzeile dürfte die Anwesenden hoffnungsfroh gestimmt haben. In großen, nach rechts geneigten Lettern war zu lesen: »Japanese Repulsed in Great Pacific Battle«.8 Rabbi Stephen Wise, Präsident des World Jewish Congress und Vorsitzender des American Emergency Committee for Zionist Affairs, jener Organisation, die zu der Konferenz geladen hatte, kam in seiner Eröffnungsrede auf die am Vorabend geschlagene Schlacht im Korallenmeer zu sprechen. Wise rühmte sie als »token and prophecy« eines die Menschheit befreienden Tages.9
Tatsächlich verdichteten sich an den Tagen der Konferenz Meldungen, die von einem Silberstreif am düsteren militärischen Horizont kündeten. Bislang hatten die Alliierten auf dem fernöstlichen Kriegsschauplatz durchweg Niederlagen erlitten. Noch zwei Tage zuvor hatten die amerikanischen Truppen auf den Philippinen kapituliert.10 Ende Februar war es den Japanern in der Javasee gelungen, einen ganzen alliierten Flottenverband zu vernichten. Damit stand ihnen – nachdem die Briten am Monatsanfang in Singapur eine demütigende Niederlage erlitten hatten – der Zugang zu den begehrten Rohstoffquellen Niederländisch-Indiens offen.
Eine weitere, der New York Times vom 9. Mai zu entnehmende Meldung sollte sich für den Kriegsverlauf als höchst bedeutsam erweisen: Im Zuge der Operation »Ironclad« waren britische Marineeinheiten auf Madagaskar gelandet und hatten den Tiefseehafen Diego Suarez, das heutige Antsiranana, erobert. Dazu war eine aus gut fünfzig Schiffen bestehende Armada über den Südatlantik und um das Kap der Guten Hoffnung geleitet worden. Das Ziel des Unternehmens bestand vornehmlich darin zu verhindern, dass die Japaner Zugriff auf die vom französischen Vichy-Regime kontrollierte Insel erhalten und dort einen Marinestützpunkt errichten, von dem aus sie den Indischen Ozean hätten kontrollieren können.11
Der Indische Ozean, jenes strategische britische Binnenmeer, diente als Drehscheibe gewaltiger US-amerikanischer Material- und Nachschubkonvois zur Versorgung dreier Kriegsschauplätze: Der bis zur Wolgamündung sich erstreckende sogenannte Persische Korridor ermöglichte die Versorgung der Roten Armee von Süden her; in indischen Häfen wurde Fracht gelöscht, die vornehmlich auf der Schiene durch den Subkontinent hindurch in den Osten des Landes und von dort aus auf dem Luftweg weiter nach Südchina zu den Truppen Tschiang Kaischeks gelangte; über das Rote Meer erreichten Materialtransporte die 8. Britische Armee in Ägypten, die sich dem Vormarsch der Achse nach Osten und damit auch auf Palästina entgegenstellte.
Ein Vorstoß der Japaner in diesen Kernbereich des britischen Empire hätte es den Achsentruppen erleichtert, über Ägypten sowie über den Kaukasus hinauszumarschieren und die kontinental-mediterranen Fronten zu verbinden, sie womöglich gar mit der asiatisch-ozeanischen Front zu arrondieren.12 Dieser Bedrohung der britischen Herrschaft im globalen Süden galt es durch das Unternehmen »Ironclad« vorzubeugen.
Auf den 10. Mai, den zweiten Tag der Biltmore-Konferenz, fiel die – vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse – ausgesprochen optimistische, von der BBC weltweit ausgestrahlte Rede Winston Churchills, seinen Worten nach eine »message of good cheer«.13 Ergänzt fanden sich die für die Alliierten erfreulichen militärischen Vorgänge durch die erst an jenem Tag in Washington verkündete Nachricht vom Erfolg einer bereits Mitte April durchgeführten Aktion: Bei dem legendär gewordenen »Doolittle-Raid« war es sechzehn von einem amerikanischen Flugzeugträger im westlichen Pazifik aus gestarteten leichten Bombern gelungen, japanische Städte zu erreichen. Erstmals nach Pearl Harbor hatten die Amerikaner damit bewiesen, dass sie fähig waren, die Heimatinseln des Kaiserreiches zu treffen. Diese Nachricht konnten die Delegierten am letzten Tag ihrer Zusammenkunft der New York Times entnehmen.14
Dass sich just am Tage der Eröffnung der zionistischen Konferenz im Biltmore Hotel günstige Nachrichten vom Kriegsgeschehen verdichten würden, war nicht zu erwarten gewesen. Die Konferenz, die überhaupt nur deshalb stattfand, weil ein weltweiter Zionistenkongress wegen des Krieges nicht durchgeführt werden konnte, war von langer Hand geplant. Ein Ende des Krieges, der seine Wende erst mit den Schlachten von Midway im Juni, von El-Alamein im November, von Stalingrad im Winter 1942/43 sowie der Atlantikschlacht im Frühjahr 1943 nehmen sollte, war nicht abzusehen. Und mochte der schließlich eingetretene Sieg der Alliierten erhofft, womöglich gar erwartet worden sein, konnte doch niemand wissen, wie lange der Krieg noch andauern würde.
Auch dazu war aus der am 9. Mai im Biltmore Hotel ausliegenden New York Times einiges zu erfahren. Eine dort auf Seite 3 abgedruckte Meldung hätte vor dem Hintergrund alsbald eintretenden Wissens verzagen lassen. Darin wird von einer am Vortag in Washington gehaltenen Rede berichtet, die der amerikanische Vizepräsident Henry A. Wallace anlässlich eines Galaabends im Rahmen des zweiten World Congress on Democratic Victory and World Organization vor Vertretern von über dreißig Staaten gehalten hatte, darunter der Außenminister der tschechoslowakischen Exilregierung, Jan Masaryk, sowie die exilierte US-amerikanische Botschafterin für Norwegen, Florence Jaffray Harriman.15
Die Ausführungen von Wallace waren wenig erbaulich. Der Hoffnung, dass alsbald in Europa eine Zweite Front eröffnet werden könnte, erteilte er eine Absage: Dafür sei es zu früh; die Alliierten, so orakelte Wallace, würden im Sommer und Herbst einer »extremen Krise« entgegengehen. Statt einer Wende zum Guten befürchte er eine drastische Verschlechterung der Lage für das Bündnis der »Vereinten Nationen«, wie sich die Alliierten damals zu nennen begannen. Ein japanisches Vorgehen gegen Alaska, ja, gegen die amerikanische Nordwestküste sei nicht auszuschließen, womöglich begleitet von deutschen subversiven Aktionen in Lateinamerika. Hitler stehe ein Zeitfenster von etwa zwei Jahren offen, das er, eine unabwendbare Niederlage vor Augen, werde nutzen können, um sein Zerstörungswerk mit allen Mitteln zu vollenden. Erst 1944, so Wallace weiter, werde die amerikanische Kriegsproduktion einen Stand erreicht haben, der den Sieg der Alliierten über die Achsenmächte bringen werde. Der amerikanische Vizepräsident wusste offenbar, wovon er sprach. Wallace stand dem für die Kriegswirtschaft entscheidenden Board of Economic Warfare sowie dem Supply Priorities and Allocation Board vor.16
Tatsächlich sollte sich jenes Zeitfenster von zwei Jahren, das Wallace im Mai 1942 beschrieb, mit der alliierten Invasion in der Normandie im Juni 1944 schließen. Dass diese zwei Jahre mit der Kernzeit des später so genannten Holocaust zur Deckung kommen würden, konnte damals weder auf der Konferenz zu Washington noch auf der parallel dazu in New York erfolgten Zusammenkunft jemand wissen. Zwar war allenthalben bekannt, dass seit dem Überfall auf die Sowjetunion, seit »Barbarossa«, entsetzliche Verbrechen in Form von Massakern an der jüdischen Bevölkerung verübt wurden, nicht aber, dass damit ein systematisch exekutierter Genozid begonnen hatte.
Mit den Vorgängen des Weltkriegs, mit dem zeitgenössischen Geschehen als solchem, waren die Beratungen auf der Biltmore-Konferenz kaum befasst. Eher waren sie der Zukunft zugewandt sowie nach innen gekehrt. Ihre Sache war die Begründung eines jüdischen Staates nach dem Weltkrieg. So mündete die New Yorker Zusammenkunft in jenes notorische, den Namen »Biltmore« tragende Programm der zionistischen Bewegung, das dazu aufrief, Palästina in ein jüdisches »Commonwealth« zu verwandeln. Mit dieser verrätselt anmutenden Bezeichnung galt es vornehmlich die jüdisch-amerikanischen Skeptiker einer solchen Staatsgründung geneigt zu stimmen.17
Wie auch immer das Gemeinwesen der Juden bezeichnet werden mochte – die in der Biltmore-Resolution erhobenen politischen Forderungen liefen geradewegs auf die Etablierung eines vollgültigen jüdischen Staatsgebildes hinaus. Die Entscheidung über Einwanderung und Bodenkauf etwa solle nicht länger der britischen Mandatsverwaltung, sondern der Jewish Agency obliegen. Und es gelte eine jüdische Armee für den Einsatz im Rahmen der »Vereinten Nationen«, also des alliierten Kriegsbündnisses, aufzustellen.18 Innerzionistische Streitfragen – etwa hinsichtlich der Grenzen des zu etablierenden Gemeinwesens, womöglich gar einer Teilung des Landes – wurden wohlweislich umgangen. Binationalen Vorhaben wie der Etablierung eines gemeinsamen jüdisch-arabischen Staates war eine klare Absage erteilt worden. Das »arabische Problem« wurde jedenfalls der Lösung der »jüdischen Frage« nachgeordnet.19 Nicht von ungefähr beanspruchten die in New York anwesenden Vertreter der »Jüdischen Staatspartei«, die in der zionistischen Weltorganisation verbliebenen Revisionisten, so etwas wie die Urheberschaft für das im Biltmore Hotel verkündete Programm.20 Mit ihm war in der Tat eine Art Rückkehr zu den Herzl’schen Ursprüngen des politischen Zionismus erfolgt – eben jene Revision, dem der Revisionismus seinen Namen verdankt.
Zwei Dokumente gewähren Einblick in Umstände, Ablauf und Bedeutung der Biltmore-Konferenz: ein gut fünfhundert Schreibmaschinenseiten umfassendes, die unmittelbare Mündlichkeit bewahrendes Protokoll sowie eine fotografische Momentaufnahme.21 Dem Protokoll ist zu entnehmen, dass die Konferenz der Choreographie des Veranstalters, des American Emergency Committee for Zionist Affairs, folgte und ein dem Präsidium genehmes Resultat erzielte: nämlich eine allzionistische Erklärung zur Beförderung eines nach dem Kriege zu etablierenden jüdischen Staatswesens.
Die Bildquelle steht den Bekundungen des Wortprotokolls nicht nach. Aus der Tiefe des Raumes aufgenommen, lässt die Perspektive den Unterschied zwischen den Delegierten, die der Kamera den Rücken zuwenden und nach vorne blicken, und den Präsidialen verschwinden, die ihnen an zwei leicht ansteigenden, parallelen Tischreihen gegenübersitzen. In ihrer Mitte, vor dem Hintergrund eines opulent drapierten Fahnengeflechts aus Sternenbanner und Adlerkopfsiegel der Vereinigten Staaten, rechts davon das zionistische Tuch, zieht ein Rednerpult die Blicke auf sich. Daran steht die wohl prominenteste Gestalt der Konferenz: Chaim Weizmann, der langjährige Präsident der Zionistischen Weltorganisation. Um seinen Ausführungen auch sehend lauschen zu können, wenden einige der in der Reihe vor ihm platzierten Präsidialen sich dem Redner zu. Diese Hinwendung trägt dazu bei, dass die Unterscheidung zwischen Plenum und Empore weiter eingeebnet erscheint.
Die auf Zelluloid gebannte Szene kollektiver Harmonie und Geschlossenheit indessen täuscht. Vor allem täuscht die zentrale Stellung, die der am Pult hoch aufgerichtete Redner im Bild einnimmt, über Weizmanns schwindende politische Bedeutung hinweg. So findet sich in der Fotografie eher Vergangenes inszeniert denn Zukünftiges angebahnt. Recht eigentlich dokumentiert die Biltmore-Konferenz den anhebenden Abgesang der nach Theodor Herzl wohl bedeutendsten Gestalt des Zionismus. Zwar war Weizmann in Amerika auch außerhalb der jüdischen Öffentlichkeit mit aller Ehrerbietung willkommen geheißen.22 Gleichwohl kam im Biltmore eine von ihm symbolisierte Epoche an ihr Ende. Dass Stephen Wise zum Abschluss der Zusammenkunft der amerikanischen Zionisten und ihrer europäischen Gäste, unter dem Beifall der Anwesenden, Weizmann den hinterlassenen Siegelring Theodor Herzls überreichte, mutet im Rückblick eher an wie ein Präsent zum Abschied denn wie ein Ritual der Inthronisierung.23
Schon während der Vorbereitung zur New Yorker Zusammenkunft war Weizmanns Autoritätsverfall zu verspüren. Wer sukzessive an Bedeutung gewann, war Ben Gurion. Der Vorsitzende der Exekutive der Jewish Agency – eine Art Regierung des Yishuv, der jüdischen Ansiedlung in Palästina – bestimmte zunehmend den Gang der Dinge. Mehr als mit jedem anderen verband sich das jetzt auch offen erklärte Bekenntnis zur Etablierung einer jüdischen Staatlichkeit in Palästina mit seiner Person. Um sie, wie beschlossen, nach dem Sieg der Alliierten verwirklichen zu können, bedurfte es einer Wende zionistischer Politik – weg von Britannien, hin zu Amerika; eine Entwicklung, die an der Person Weizmanns vorbeiführen wird. Mit dem in New York verabschiedeten Biltmore-Programm fand sich dieses bereits zuvor eingeleitete Revirement ratifiziert.24
Weizmann und Ben Gurion entstammten demselben, eher bürgerlichen ostpolnisch-russisch-jüdischen Milieu der Jahrhundertwende. Gleichwohl waren sie einander habituell fremd geblieben. Der in England erfolgreiche Chemiker Weizmann mit Wohnsitz in Manchester hatte 1910 die britische Staatsangehörigkeit angenommen. Nicht zuletzt aufgrund seiner während des Weltkriegs betriebenen Forschungen auf dem Gebiet der Sprengstofferzeugung verfügte er über einen privilegierten Zugang zu hohen Entscheidungsträgern britischer Politik, den er – der Tradition des jüdischen Fürsprechers, des shtadlan, entsprechend – nutzte, um zionistische Anliegen zu befördern.
Im November 1917 war ihm sein größter diplomatischer Erfolg beschieden: Er hatte die den Namen des damaligen britischen Außenministers tragende Balfour-Erklärung erwirkt.25 Mit ihr bekundete die Regierung seiner Majestät, sie stehe Plänen, eine nationale Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zu errichten, wohlwollend gegenüber und werde deren Umsetzung befördern. Diese Zusage ging in die Mandatsverfassung ein, als der Völkerbund den Briten 1922 die Treuhänderschaft über Palästina übertrug.
Der Balfour-Erklärung verdankte Weizmann seine politische Aura. Sie war das schier unerschöpfliche Kapital, von dem sein Ansehen über Jahrzehnte zehrte. Dies galt freilich nur so lange, wie die britische Krone und ihre Regierungen bereit waren, die Ziele der zionistischen Bewegung mit der weltumspannenden britischer Vorherrschaft zur Deckung zu bringen. Und darum war es mittlerweile schlecht bestellt. Im Mai 1939 hatte die britische Regierung – um den Verwerfungen im Mittleren Osten zu begegnen, die nach dem italienischen Zugriff auf Äthiopien 1935 und dem bald darauf ausgebrochenen arabischen Aufstand entstanden war – ein Weißbuch erlassen. Es sah eine strikte Limitierung der jüdischen Einwanderung für die kommenden fünf Jahre vor, schränkte den zionistischen Bodenkauf massiv ein und stellte für Palästina nach einer Karenzzeit von zehn Jahren die Errichtung eines auf Mehrheitsherrschaft beruhenden Regimes, mithin die Begründung eines arabisch geprägten politischen Gemeinwesens in Aussicht, in dem die dort lebenden Juden allenfalls den Status einer Minderheit eingenommen hätten. Damit brach das Ende der Weizmann’schen Ära an.
Der knapp zehn Jahre jüngere Ben Gurion war aus anderem Schrot und Korn. Früh suchte er sich in Palästina als Pionier und politischer Aktivist des Arbeiterzionismus zu profilieren. Seine vorläufige Krönung fand sein Aufstieg 1935, als er den Vorsitz der Exekutive der Jewish Agency übernahm. Die schleichende Entfremdung zwischen britischer Mandatsmacht und zionistischer Bewegung veranlasste Ben Gurion, sich zunehmend von den Briten abzuwenden, um in Amerika für die Sache des Zionismus zu werben.
Für eine zionistische Neuorientierung auf die Vereinigten Staaten stand es nicht schlecht. Während die alteingesessene amerikanisch-jüdische Elite vornehmlich deutscher Herkunft eher einem religiösen Verständnis von Judentum als einer Glaubensrichtung unter anderen anhing, war den Nachkommen ostjüdischer Einwanderer, die inzwischen die Mehrheit der amerikanischen Juden stellten, ein stärker ethnisches Gruppenbewusstsein eigen. Als Abkömmlingen von Emigranten, die zur Jahrhundertwende nach Amerika gekommen waren, um dort ihr Glück zu suchen, galt ihnen die Neue Welt als »Goldene Medine«, als ersehnter Ort rechtlicher Gleichstellung und sozialen Aufstiegs. In solcher Gewissheit von Sicherheit und säkularer Heilserwartung waren sie bestrebt, sich dort auf Dauer einzurichten. Ein Opfergang in Sachen Zionismus und Palästinas war von ihnen nicht zu erwarten, wohl aber eine anschwellende Unterstützung für das Projekt, nach dem Krieg ein jüdisches Staatsgebilde zu errichten.26
Während des Ersten Weltkriegs hatte sich Ben Gurion des Längeren in den Vereinigten Staaten aufgehalten. Er hatte das politische System der amerikanischen Republik eingehend studiert und die Lebenswelten der amerikanischen Juden beobachtet.27 Bereits vor Ausbruch des neuen großen Krieges bewies er ein außerordentliches Gespür für zwei ineinandergreifende politische Entwicklungen, die dem Zionismus förderlich sein konnten: eine innerjüdische Verschiebung vom europäischen zum amerikanischen Judentum sowie eine weltpolitische Machtverschiebung von Britannien auf Amerika – eine regelrechte translatio imperii vom Vereinigten Königreich auf die Vereinigten Staaten.28
Erste Anzeichen eines Erschlaffens des britischen Empire bei einem sich ankündigenden Machtzuwachs Amerikas waren nach dem Großen Krieg zuerst im Fernen Osten zu beobachten. Damals beschloss Britannien, die seit 1902 bestehende anglo-japanische Allianz nicht über das Jahr 1922 hinaus zu verlängern, und neigte sich, der sich anbahnenden amerikanisch-japanischen Rivalität Chinas wegen und auf Veranlassung der pazifischen Dominien, den Vereinigten Staaten zu.29 Ein Ergebnis dieser neuen Konstellation war die Washingtoner Konferenz von 1921/22, die den Rüstungswettlauf zur See, insbesondere den Bau von Großkampfschiffen durch Japan und die Vereinigten Staaten, beschränken sollte. Das Abkommen war zwar ganz im Sinne der Briten, die den Status quo zu bewahren suchten, dabei gleichwohl erstmals eine Parität mit Amerika hinzunehmen hatten.30
Um der von Japan her anwachsenden Bedrohung in Ermangelung einer eigenen pazifischen Flotte etwas entgegenzusetzen, bauten die Briten die zwischen Stillem und Indischem Ozean gelegene Festung Singapur aus. Sie sollte im Falle eines japanischen Angriffs ausharren, bis ein von den britischen Heimatinseln in Marsch gesetzter Flottenverband eintreffen würde. Ein solcher Kompromiss vermochte die ohne ausreichenden Schutz dastehenden ozeanischen Dominien nicht auf Dauer zu beruhigen. Und dass die mit der Unterzeichnung des Washingtoner Abkommens offenkundig gewordene Schwäche des Empire just auf das Jahr 1922 fiel, in dem Britannien das Völkerbundmandat für Palästina übernahm, ist für das Weitere nicht unerheblich.
Für die Abkehr von Britannien und die Hinwendung zu Amerika, die Ben Gurion spätestens seit 1940 aktiv betrieb, sprach jedenfalls vieles. Vor allem waren die Vereinigten Staaten hinsichtlich der zionistischen Bestrebungen in Palästina weit weniger dem Druck weltpolitischer Zwänge und Rücksichtnahmen ausgesetzt als das vielerorts gebundene imperiale Britannien. Allein schon ihrer überaus komplexen Arabien-, mehr noch ihrer für den Zusammenhalt des Empire maßgeblichen Indienpolitik wegen waren die Briten immer wieder gehalten, Übergeordnetes zu bedenken. In Amerika hingegen wurde die Haltung zum Zionismus und zum jüdischen Nationalheim vornehmlich von innenpolitischen Erwägungen bestimmt.31
Als die Delegierten der außerordentlichen zionistischen Zusammenkunft sich Anfang Mai 1942 im Biltmore Hotel zu New York versammelten, um über eine jüdische Nationalstaatsgründung für der Zeit nach dem Kriege zu beraten, war der machtpolitische Transfer innerhalb des alliierten Bündnisses von Britannien auf Amerika bereits erfolgt. Jetzt galt es, ihn – für alle sichtbar – auch im Rahmen des Zionismus zu vollziehen. Es war der von mancher Missstimmung und persönlichem Hader begleitete Übergang von Weizmann auf Ben Gurion. Zum Abschluss kommen sollte er auf dem ersten Zionistischen Kongress nach Kriegsende 1946 in Basel, als das nachmalige erste israelische Staatoberhaupt in seinem Amt als Präsident der Zionistischen Weltorganisation nicht bestätigt wurde beziehungsweise von sich aus darauf verzichtete.32 Zu dieser Zeit hatte die antibritische zionistische Rebellion in Palästina ihren Höhepunkt erreicht, und das britische Empire, der politische Anker eines fast ein halbes Jahrhundert währenden Weizmann’schen zionistischen Strebens, war im Gefolge des Weltkrieges in einen Zustand anhaltender Agonie eingetreten.33 Am Amtsverzicht Weizmanns und der dazu führenden Ehrverletzung aktiv beteiligt waren vor allem die dort anwesenden amerikanischen Zionisten, die sich bereits im Biltmore ungehalten über Weizmann und seinen »britischen« Kurs hatten vernehmen lassen. Abba Hillel Silver, Rabbiner an der geschätzten Temple-Synagoge zu Cleveland, Ohio, der im Biltmore eine der Grundsatzreden hielt, war hierbei besonders aktiv.34
In New York rückte Silver den historischen Nexus zwischen dem Niedergang des britischen Empire und dem Aufstieg Amerikas ins Zentrum seiner Ausführungen.35 Dabei verwies er auf die für das Empire demütigenden militärischen Vorgänge in Ostasien, etwa die britischen Kapitulationen in Hongkong und Singapur. Die Gründe für die sich häufenden britischen Niederlagen lägen auf der Hand: Die von den Europäern unterworfenen Völker stünden den japanischen Eroberern weitgehend gleichgültig gegenüber. Im Ringen der Alliierten mit den Achsenmächten sähen sie einen Kampf zwischen ihnen fremd, gar feindlich gesinnten Imperien, deren Händel untereinander sie nichts weiter angingen. Folge davon sei ein offensichtlicher Verfall des kolonialen Systems. Dies treffe für die malaiische Halbinsel ebenso zu wie für Burma – eine Tendenz, die sich, davon war Silver überzeugt, zunehmend auf Indien auswirken werde. Gleiches gelte für Palästina. Allerorts kündige sich eine solche welthistorische Neigung an. Ihren Anfang habe diese Tendenz im Kampf der Iren gegen die britische Herrschaft genommen.36
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der irische Mythos Ansporn und Vorbild für die weltweit sich regenden antikolonialen, antibritischen Erhebungen. In den Vereinigten Staaten aktualisierte die irische Erzählung die kanonisierte Geschichte der amerikanischen Rebellion gegen den englischen König. So rückte auf der Biltmore-Konferenz der unter den zionistischen Delegierten vorherrschende antibritische Affekt wirkmächtig in die Nähe eines ur-amerikanischen Patriotismus.
Silver kehrte in seiner von Ovationen unterbrochenen Rede eine politische Wahlverwandtschaft zwischen Iren und Juden heraus, indem er an deren Emanzipationsgeschichte in Britannien während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erinnerte. Dazu verlas er einen Brief, mit dem der Vorkämpfer der Emanzipation der britisch-irischen Katholiken, Daniel O’Connell, den britisch-jüdischen Fürsprecher Isaac Leon Goldsmith ermunterte, nur hartnäckig genug die Gleichstellung seiner Glaubensbrüder durch das Parlament von Westminster zu betreiben.37 Dabei dürfte Silver nicht zuletzt an die ebenso berühmten wie gefürchteten Kampagnen der irischen Katholiken, die »Monster Meetings«,38 gedacht haben, als er die amerikanischen Juden zu einer Massenmobilisierung für die Sache des Zionismus aufrief. Sich direkt auf die IRA und deren bewaffneten Kampf gegen die Briten im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zu berufen wäre auf dem – bei aller Radikalisierung doch moderat sich gebenden – zionistischen Forum im Biltmore Hotel eher heikel gewesen.
Die Rede Silvers endete mit der von ihm apodiktisch vorgetragenen Überzeugung, dass über die Zukunft Palästinas nicht mehr in London, sondern allein in Washington befunden werde. Was den Krieg, den Weltkrieg angehe, so verdiene die englische Bevölkerung ihrer Standhaftigkeit wegen allergrößten Respekt – die britische Regierung lässt er hingegen unerwähnt. Courage und Mut werden das britische Volk zum Siege tragen; und Mut und Courage werden dem jüdischen Volk zu seinem Sieg verhelfen. Ins Publikum rufend, gleichwohl an Weizmann gewandt, fordert er diesen auf, die Sache des Zionismus mutiger, couragierter zu vertreten. Unter donnerndem Applaus schloss Silver seine Rede: »I recommend it to your great leader, Dr. Chaim Weizmann.«39
Die auf der Biltmore-Konferenz herrschende Stimmung bereitete Weizmann tiefes Unbehagen. Für den enthusiastischen Wahlbriten war die dort allseits akzeptierte Auffassung, das britische Empire sei dem Untergang geweiht – Ben Gurion habe sich, wie Weizmann behauptete, der Formulierung »The Empire is doomed« bedient –, ebenso unvorstellbar wie unerträglich.40
Auch persönlich war es in diesen Tagen um Weizmann schlecht bestellt. Die andauernden Querelen mit Ben Gurion setzten seiner Gesundheit zu. Seine Sehkraft ließ erheblich nach. Zudem hatte ihn das Schicksal schwer getroffen. Wenige Wochen zuvor war der jüngere seiner beiden Söhne, Michael Ozer, als Pilot der Royal Air Force mit seinem Flugzeug über der Biskaya abgestürzt. Weizmann war alles mit der Biltmore-Konferenz Verbundene zuwider – so sehr, dass er sie in seinen später verfassten Erinnerungen nicht einmal eines Wortes würdigte.41
Die sichtbar gewordene zionistische Ablösung von Britannien und die Hinwendung zu Amerika, der Autoritätsverlust Weizmanns und der – zugewinn Ben Gurions waren – neben der programmatischen Entscheidung für eine jüdische Staatsgründung nach dem Kriege sowie dem Wunsch nach Teilnahme an einer diese legitimierenden Friedenskonferenz – die wesentlichen Resultate der Biltmore-Konferenz. Des Weiteren wurden dort zwei Themenkomplexe debattiert, die mit jenen Vorhaben auf das Engste verbunden waren: die Aufstellung einer jüdischen Armee sowie die erwartete Masseneinwanderung heimatlos gewordener jüdischer Flüchtlinge nach dem Krieg. Letzteres nötigte dem Zukunftsprojekt der Staatsgründung angesichts der zugleich eintreffenden Nachrichten über Massentötungen von Juden auf dem europäischen Kontinent einen Blick auf die Gegenwart ab und auf das, was sich alsbald als systematische Ausrottung der Juden Europas herausstellen sollte.42
Das im Biltmore-Programm erhobene Verlangen nach Teilnahme an einer nach dem Weltkrieg einzuberufenden Friedenskonferenz erforderte die Aufstellung einer jüdischen Armee. Dafür diente der Große Krieg als Folie.43 Schließlich waren die 1919 in Paris tagenden Großen Vier den Begehren der im Weltkrieg auf Seiten der Entente mit eigenen militärischen Verbänden kämpfenden Nationen nachgekommen, ihre aus der Verfallsmasse der multinationalen Imperien hervorgegangenen politischen Gemeinwesen anzuerkennen. Die Aufstellung einer im gegenwärtigen, im Zweiten Weltkrieg auf alliierter Seite kämpfenden jüdischen Armee sollte der jüdischen Forderung nach Staatlichkeit entsprechende Legitimität verleihen.
Auf der New Yorker Konferenz war von Zehntausenden jüdischen Soldaten die Rede, die gegen die Achsenmächte zum Einsatz kommen sollten.44 Indes weckt das Pochen darauf, eine solche Armee sei ausschließlich in Palästina oder in dessen nächster Nachbarschaft bereitzustellen, Zweifel an der Bestimmtheit einer solchen Absicht. Zwar wurde ständig und immer wieder darauf verwiesen, der Kampf gegen Hitler und für eine demokratische Weltordnung sei oberstes Gebot. So machte Abba Hillel Silver in seiner gefeierten Rede deutlich, dass die zionistischen Bestrebungen ohne einen alliierten Sieg nicht realisierbar seien.45 Gleichwohl zielten die gehäuften Wortmeldungen, in denen die Bereitstellung einer jüdischen Armee gefordert wurde, zugleich auf die Zeit nach dem Weltkrieg – auf einen Krieg nach dem Kriege.46
Es bleibt schwierig, die jeweils gemeinte Bestimmung einer solchen Armee – Beteiligung am bereits vor sich gehenden Weltkrieg oder einem erwarteten Krieg um Palästina – klar voneinander zu scheiden. Das Vorhaben der Gegenwart wie das Vorhaben der Zukunft verschmolzen.47 Ein Vorrang des einen über das andere wird freilich dann erkennbar, wenn der Einsatz solcher jüdischer Einheiten auf ferner liegenden Kriegsschauplätzen explizit ausgeschlossen wird. Dass Me’ir Grossman von der revisionistisch eingefärbten »Staatspartei« vehement dafür plädierte, jüdische Soldaten aus Palästina nicht auf Schauplätzen wie Kreta oder Libyen einzusetzen, wo sie bereits 1941 unter britischer Flagge gekämpft hatten, sondern die in Palästina bereits Dienst tuenden jüdischen Soldaten an Ort und Stelle zu belassen und sie durch weitere Zehntausende heranzuführende jüdische Männer zu verstärken, damit sie zu Ende des Weltkriegs das Schicksal Palästinas mit entscheiden, dürfte nicht überraschen.48 Doch auch der als moderat geltende Stephen Wise, der sich eines direkten Zugangs zu Roosevelt rühmte, argumentierte ähnlich. Zwar lobte Wise den 1941 erfolgten Einsatz palästinisch-jüdischer Soldaten in den britischen Streitkräften in Griechenland, Syrien und Libanon, forderte gleichwohl die Briten auf, den Schutz Palästinas den hierzu sich drängenden jüdischen »Söhnen und Töchtern« des Landes zu überlassen statt den dort nur vorübergehend stationierten Empire-Truppen – »britischen Bajonetten«, wie es eher abfällig bei ihm heißt.49 Mit Blick auf die arabischen wie muslimischen Interessen des Empire standen die Briten der Idee, sich von einer aufzustellenden jüdischen Armee unterstützen zu lassen, allerdings ablehnend gegenüber und wiesen ein solches Angebot als Danaergeschenk zurück.
Die aktuelle militärische Lage spielte in der New Yorker Debatte um die Aufstellung einer jüdischen Armee eine eher untergeordnete Rolle. Der über die Entwicklungen offenbar gut informierte Israel Goldstein, Vertreter des für den Bodenkauf in Palästina zuständigen Jüdischen Nationalfonds, machte etwa darauf aufmerksam, dass die Vorstellung geradezu utopisch sei, massenhaft Juden – Militärpersonal oder Einwanderer – auf dem Seeweg nach Palästina zu befördern. Die »Atlantikschlacht« verschlinge eine gewaltige Tonnage von Schiffsraum, es stünden keine hochseetüchtigen Beförderungsmittel zur Verfügung. Allein zur Versorgung der Ägypten vor dem Ansturm der Achse bewahrenden 8. Britischen Armee mussten die Schiffskonvois, denen das Mittelmeer versperrt war, von den britischen Inseln wie von den Vereinigten Staaten über den Süd-Atlantik, den Indischen Ozean und das Rote Meer eine Strecke von dreizehntausend Meilen überwinden – der längste Versorgungsweg in der Geschichte der Kriegskunst.50 Der den Militärtransporten nachgeordnete zivile Passagierverkehr von und nach Ägypten wurde aus Mangel an Schiffsraum nicht selten über die beschwerliche, zeitaufwendige Landroute Kap-Kairo gelenkt. Selbst auf gesichertem Luftweg – ein ausgesprochenes Privileg – benötigte Ben Gurion für seine einige Monate nach Biltmore unternommene Rückreise nach Palästina sage und schreibe vierzehn Tage.51 Statt Mittel und Energie in die wenig realistische Mobilisierung einer jüdischen Armee zu investieren, sei es sinnvoller, so Goldstein, den Bodenkauf in Palästina, dem »Jewish commonwealth of tomorrow«, voranzutreiben.52
Die Forderung nach Aufstellung einer jüdischen Armee war nicht neu. Sie war integraler Bestandteil vor allem des zionistischen Revisionismus gewesen. Während des Krieges gelang es den in New York sich aufhaltenden revisionistischen Emissären, namentlich Hillel Kook alias Peter Bergson, Schmuel Merlin und Benzion Netanjahu, dieser Forderung in Amerika Gehör zu verschaffen. Mit zunehmendem Bewusstsein darüber, dass an den Juden Europas eine systematische Vernichtung verübt werde, wandten sich Kook und Merlin dann jedoch dem Bemühen um Rettung der Juden Europas zu. Der im Januar 1944 von Roosevelt etablierte interministerielle War Refugee Board geht nicht zuletzt auf ihre Aktivitäten zurück.53
Aufsehen erregt hatte der Kreis, der unter der von seinen Gegnern geprägten, eher abfällig gemeinten Bezeichnung »Bergson-Boys« Bekanntheit erlangte, im Januar 1942 mit einer dreiviertelseitigen Anzeige in der New York Times. Unter dem Titel »Jews Fight for the Right to Fight« rief darin ein Committee for a Jewish Army zur sofortigen Aufstellung jüdischer Streitkräfte auf, die sich aus palästinischen und staatenlosen Juden zusammensetzen sollten.54 Gezeichnet war der Aufruf von prominenten Unterstützern, Persönlichkeiten des amerikanischen Judentums, nicht-jüdischen Amerikanern, aber auch von illustren europäischen Emigranten wie dem Schriftsteller Lion Feuchtwanger, dem Filmemacher Ernst Lubitsch, dem Architekten Eric(h) Mendelsohn, oder dem protestantischen Theologen Paul Tillich.55 Dass auffällig viele der Unterzeichnenden – darunter der in Hollywood wirkende Drehbuchautor und in Sachen jüdische Armee führende Aktivist Ben Hecht – aus Medien, Literatur und Filmgeschäft bekannt waren, taucht die Forderung in ein imaginäres, gleichsam illusionäres Licht. Dennoch vermochten deren öffentlichkeitswirksame Aktivitäten die im Biltmore Versammelten unter Druck zu setzen.56
Neben der Frage einer jüdischen Armee nahm im Biltmore das beklagenswerte Schicksal der Juden Europas breiten Raum ein. Der darüber geführte Diskurs widmete sich durchaus ihrer dramatischen Lage, war aber stets verbunden mit der die Delegierten nicht weniger bewegenden Frage der Einwanderung nach Palästina nach dem Kriege.57
Die Delegierten waren durch Weizmanns Rede auf das Thema eingestimmt worden. Er hatte zu Beginn der Konferenz die anstehenden Aufgaben der zionistischen Bewegung skizziert und dabei das Schicksal der Juden in Europa ins Zentrum gestellt. Weizmann sprach von einem seit 1933 anhaltenden Krieg Nazi-Deutschlands gegen die Juden als dessen erste Opfer, sieben Jahre bevor andere Nationen unterworfen worden waren. Sie erlitten Qualen, Hunger, Versklavung und andere Formen extremer Ausbeutung – bis hin zu einem willkürlich herbeigeführten brutalen Tod.58
In seinen von düsteren Ahnungen durchsetzten, zu guter Letzt einen tröstlichen Ausblick bietenden Ausführungen wagte Weizmann eine Prognose, die über die Dauer der gesamten New Yorker Zusammenkunft als Referenz der weiteren Debatte dienen sollte. Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation stellte im Frühjahr 1942 ein für damalige Vorstellungen ungeheuerliches Ausmaß von jüdischen Opfern in den Raum: Fünfundzwanzig Prozent der Juden Ost- und Südosteuropas würden die Naziherrschaft nicht überleben. Dabei schien es ihm, als nehme sich das Schicksal für die Todgeweihten »more merciful« aus denn für die restlichen fünfundsiebzig Prozent. Deren entsetzliches Leid werde erst mit dem Sieg über die Mächte des Bösen enden.59 Solche Prognosen konnten angestellt werden, solange das Ausmaß der Katastrophe, die sich später als der Holocaust an den Juden Europas erweisen sollte, nicht bekannt war. Weizmann spricht von zwei bis drei, von fünf Millionen überlebender, entwurzelter und heimatloser Juden, »a floating population between heaven and hell, not knowing where to turn«, womit er beim eigentlichen Punkt seiner Ausführungen angelangt war: der jüdischen Frage als Flüchtlingsfrage ohne Beispiel.60
An die Erfahrung der Zwischenkriegszeit anknüpfend, ging Weizmann davon aus, dass die klassischen Einwanderungsländer sich einem solchen Ansturm verschließen werden. Schon vor diesem Hintergrund werde sich die zionistische Lösung als überaus naheliegend, ja, pragmatisch als »rational solution« erweisen: Palästina werde »simply by method of exclusion« der einzige Ort sein, an dem die Massen der heimatlos Gewordenen Aufnahme finden können.61 Vor der Welt könne man sich auf die im August 1941 bei Neufundland verkündete Atlantic Charter berufen, die allen Völkern Selbstbestimmung und ein Leben frei von Furcht und Not versprach.62 Dies könne freilich nicht die eigentliche Grundlage des Anspruches auf Eretz Israel sein, er beruhe selbstredend auf dem weitaus gewichtigeren Glauben an das verheißene Land63 – ein Bekenntnis, das durch aufmunternde Zurufe aus dem Saal bekräftigt wurde. Damit war der Glaube an die göttliche Offenbarung als letzte, als die eigentliche Instanz der Legitimität aufgerufen.64
Der sich bei Weizmann auftuende Zwiespalt in der Begründung des Anspruchs auf das Land – einerseits geboren aus dem Dasein heimatlos gewordener Flüchtlinge, andererseits der Quelle göttlicher Verheißung entsprungen – wurde naheliegenderweise vornehmlich von den religiösen Zionisten der Misrachi als anstößig empfunden.65 »Eretz Israel must remain the fountain head of Godliness«, hieß es. Und: Der jüdische Anspruch auf Palästina als Eretz Israel lasse sich nicht über die Flüchtlingsnot rechtfertigen.66
Weizmanns dramatische, von Referenzen an den Ersten Weltkrieg und die Zwischenkriegszeit durchzogene Rede ließ die Situation der Gegenwart als Wiederholung von Altbekanntem erscheinen. Ihm wie den anderen im Biltmore Hotel Versammelten stand kein anderes Arsenal von Erinnerung zur Verfügung. Daher konnte er, trotz aller bereits bekannt gewordener Schrecken, auf einen letztlich glücklichen Ausgang des Krieges hoffen. Auch während des Großen Krieges seien die Juden Ost- und Zentraleuropas entsetzlichen Prüfungen ausgesetzt gewesen. Dennoch hätten sie diese geistig ungebrochen überstanden und so die Widerstandsfähigkeit des Judentums unter Beweis gestellt. »We are still stronger than Hitler and his soldiers«, rief Weizmann aus und endete so mit dem Ausdruck der Gewissheit, dass, sollten tatsächlich ein Viertel aller Juden Europas – was Gott verhüten möge – vergehen, die große Tradition des europäischen Judentums fortleben werde.67 Die moralische Kraft, die aus diesem Inferno hervorgehen werde, so Weizmann weiter, werde alle zutiefst beeindrucken.68
Seine Rede schloss Weizmann mit dem Wunsch, Palästina, »over which a cloud of danger still hangs«, möge von den verheerenden Stürmen verschont bleiben, welche die Juden im besetzten Europa erfasst hatten.69 Die Gefahr, von der Weizmann im Mai 1942 eher beiläufig sprach, meinte den Vormarsch der Achsenmächte in Nordafrika, auf Ägypten zu. Zwischen der Panzerarmee Rommels und Palästina stand die 8. Britische Armee. Weizmanns hoffnungsfroh in die Zukunft gerichteter Blick, in die Zeit danach, ließ die über das Überleben des Yishuv verfügende Gegenwart zu einem schier achtlos dahingesagten Nebensatz schrumpfen.
Dass die Ereignisse in Europa womöglich das Ende des dortigen Judentums bedeuten könnten, war den im Biltmore Hotel im Mai 1942 Versammelten ebenso unvorstellbar wie unerträglich. Wie unerträglich eine solche Vorstellung gewesen sein musste, wird anhand der Debatte um die Stellungnahme Nahum Goldmanns deutlich.70 Der Mitbegründer des World Jewish Congress und nachmalige Präsident der Zionistischen Weltorganisation gehörte dem engen Kreis der Organisatoren der Konferenz an.71 Auf dem Präsidiumspodium im Biltmore Hotel war er in erster Reihe überaus prominent zwischen Ben Gurion und Tamar de Sola Pool, der Präsidentin der zionistischen Frauen-Organisation Hadassa platziert worden. Zu ihrer Linken saß übrigens Abba Hillel Silver.
Goldmann reagierte auf Weizmanns Prognose, ein Viertel der Juden Europas würden den Krieg wohl nicht überstehen, mit Bestürzung.72 Mit Bestürzung vor allem deshalb, weil die Delegierten dies offenbar leichthin, ganz ohne Äußerungen des Entsetzens hingenommen hätten. Er, Goldmann, sei jedenfalls zutiefst erschüttert, zumal ihn die Ahnung umtreibe, die Katastrophe könnte sich als weitaus dramatischer erweisen. Niemand wisse, was sich im Schatten der Naziherrschaft in Europa tatsächlich abspiele. Niemand könne voraussehen, wozu das Nazi-Regime in der Lage sein werde, sollte ihm sein Untergang bevorstehen. Goldmann argwöhnte jedenfalls Schlimmstes, als er die Namen von Orten wie Minsk, Pinsk und Odessa – Zentren jüdischen Lebens im Osten – aufrief.73 Zwar ließ er salvatorisch verlauten, auch er halte Gerüchte für übertrieben, im Warschauer Getto würden täglich an die achthundert Juden getötet, schließlich würde dies bedeuten, dass im Verlaufe von zwei Jahren dort eine halbe Million Juden ausgelöscht wären.74
Rückblickend betrachtet, kam Goldmann mit seiner pessimistischen Rede der damals, im Mai 1942 noch getrübten Sicht bei weitem näher als die anderen Sprecher auf der Konferenz. Vor allem sein Hinweis auf die als glückliche Fügung »für uns« erachtete Flucht von, wie er meinte, bis zu einer Million polnischer Juden in die Sowjetunion – diejenigen, die später, nach dem Krieg, als nach Palästina strebende Displaced Persons entscheidend zur jüdischen Staatsgründung beitragen sollten – zeigt ein hohes Maß an politischer Intuition.75
Goldmann war unter den Anwesenden im Konferenzsaal des Biltmore Hotels offenbar nicht sonderlich gelitten. Sein der Gegenwart zugewandter Pessimismus wirkte im Kreise einer auf die Zukunft hin orientierten Zusammenkunft offenbar anstößig. Als Hayim Greenberg, ein führender Vertreter des Arbeiterzionismus in Amerika, der die Sitzung moderierte, ihn ans Rednerpult bat und ihn in ironisch-abfälliger Weise als professionellen Schwarzseher (»a venture tonight in prognostication«)76 präsentierte, schien er damit Goldmann in eine Richtung zu drängen, die ihm als bekennendem Zionisten wenig genehm sein musste. Im Verlauf seiner Vorstellung Goldmanns bezichtigte Greenberg namentlich ungenannte jüdische Kritiker des Zionismus des Rufmordes. Die von diesen Kreisen ausgehende Verleumdung laufe auf den Vorwurf hinaus, die »zionistische Partei des jüdischen Volkes« folge dem Prinzip: »Give us Palestine, and let the Jewish people perish everywhere.«77 Es gehe nicht an, so Greenberg in höchster Erregung, dass die Zionisten als Gruppe von Wahnsinnigen (»maniacs«) hingestellt werden, die mit einer »morbid fixation on Palestine«78 das Wohl und Wehe der überall sonst lebenden Juden ignorieren. Wir sind uns sehr wohl im Klaren darüber – so Greenberg, in Anspielung auf einen Satz der Tradition –, dass der Sabbat für die Juden da sei und nicht die Juden für den Sabbat.79
Zwar war Goldmann nicht direkter Adressat dieser Philippika, gleichwohl hatte Greenberg ihn durch sein rhetorisches Manöver in die Nähe jener als Verleumder geschmähten Kritiker des Zionismus gerückt. Goldmann sah sich jedenfalls herausgefordert, seine Haltung von der ihren abzusetzen. Dabei stellte er neben seinem Zionismus seinen gleichermaßen wirksamen »Gallut-Nationalismus« heraus80 – eine politisch-lebensweltliche Orientierung, die den Juden auch in der Diaspora ein legitimes kollektives Dasein zuerkennt. Zionismus und Diaspora-Nationalismus könnten durchaus zusammenwirken.
Gleichwohl konnten die radikale, ausschließlich auf Palästina gerichtete Tendenz des Zionismus und der Diasporanationalismus auch auseinandertreten, womöglich gar in Konflikt zueinander geraten. Dieser Konflikt findet sich bereits in den verschiedenen, zur Geltung kommenden politischen Zeithorizonten angelegt: der Gegenwart und der Zukunft.81 Die sogenannte »Gegenwartsarbeit« widmete sich den Nöten der Juden in der Diaspora, dem Hier und Heute; die »Zukunftsarbeit« war ausschließlich auf Palästina als Eretz Israel – auf das gelobten Land – ausgerichtet.
In der komplexen Lebenswirklichkeit ließen sich Gegenwarts- und Zukunftsarbeit nicht trennscharf voneinander scheiden. Ben Gurion indes wird eine ausgesprochen palästinozentrische, allein auf Eretz Israel gerichtete Haltung nachgesagt, da er alle Anstrengung auf die Erlangung einer jüdischen Staatlichkeit in Palästina konzentrierte – die Diaspora hingegen als dem Untergang geweiht ansah. Diese Einstellung weist ein dogmatisches Moment auf, zumal dessen Geltung zu jeder Zeit wie an jedem Ort Gültigkeit beansprucht. So auch vor den Delegierten der Biltmore-Konferenz zu New York.82 Während Goldmann im Mai 1942 die Ereignisse in Europa anhand von Indizien als etwas dramatisch Neues, Unerhörtes wahrnahm, interpretierte Ben Gurion sie vor dem Hintergrund der diasporischen Lebensweise der Juden als Ausdruck einer ständigen Wiederholung des immer Gleichen. Diesem Zustand und der jederzeit drohenden Katastrophe sei alleine durch die Zusammenführung der Juden in Palästina zu begegnen.
Ben Gurion bedient sich in seiner Lagebeurteilung eines semantischen Arsenals, in dem all jene Bezeichnungen und Zuschreibungen aufscheinen, die später auch für den vollzogenen Holocaust Verwendung finden werden – freilich ohne auf ihn gemünzt zu sein. So spricht er von einer »complete physical extermination«, »a complete and total annihilation« – um im selben Atemzug seiner Überzeugung Ausdruck zu geben, das jüdische Volk werde all das überstehen.83 Zugleich behauptet er, dass im jüdischen »set-up« etwas »fundamentally wrong« sei. Das führe dazu, dass »whenever there is any trouble, Jews are singled out as its first and most suffering victims«. Es sei eine »große Illusion« zu glauben, dass »the destruction of Hitlerism alone will free the world from all ills and the Jewish people from its misery«.84 Die aus dieser Diagnose zu ziehenden Schlüsse sind evident: Die Hitlers kommen und gehen – der Judenhass, die Judenfeindschaft bleibt.
Um sich dieser Bedrohung zu entziehen, sich vor all dem zu behüten, gelte es, die Anstrengungen auf die Etablierung einer jüdischen Heimstätte, eines jüdischen Staates zu konzentrieren. Dieses Vorhaben weist freilich in die Zukunft, in die Zeit nach dem Krieg. Die Zeit des Krieges selbst, die Gegenwart, wird davon überwölbt, gleichsam hintangestellt. Und dies umso mehr, als dabei der alliierte Sieg über Hitler offenbar als gewiss erachtet wurde, genauer: vorauszusetzen war.
Nahum Goldmann, dem eine vermittelnde Haltung zwischen Gegenwarts- und Zukunftsarbeit, zwischen Diaspora-Nationalismus und Palästinozentrismus eigen war, schloss seine Rede – nachdem er sich, offenbar um von seinen vorigen, wenig erfreulichen Ausführungen abzulenken, des Längeren über Grenzen und Beschränkungen der hebräischen Sprache ausgelassen hatte, der Moderne angemessene politische Begriffe hervorzubringen – mit einem leichten Unterton der Distanzierung, indem er sibyllinisch zu verstehen gab, dass »[f]or our Zionists a Jewish political nation can be established only in Palestine«.85
Am 16. Oktober 1935 kam es im Hafen von Jaffa zu einem folgenschweren Zwischenfall. Beim Löschen der Ladung des belgischen Frachters »Leopold II« ging eines der 573 Fässer, die laut Frachtpapieren Zement enthielten, zu Bruch. Bei Begutachtung des Schadens entdeckten arabische Schauerleute im Baustoff verborgene Handfeuerwaffen. Die Hafenbehörde veranlasste umgehend eine Untersuchung der gesamten Fracht. Dabei kamen in 359 der Fässer Pistolen, Gewehre sowie leichte Maschinengewehre der Marke Lewis zum Vorschein, zudem mehrere Hunderttausend Schuss Munition. Niemand beanspruchte die brisante Ladung. Der in den Frachtpapieren ausgewiesene Empfänger, ein gewisser Herr Katan aus Tel Aviv, blieb für die Behörden unauffindbar.1
Das Ereignis wirkte wie Zunder. Die Araber Palästinas, ohnehin gewiss, die Juden bemächtigten sich des Landes, riefen in Reaktion auf den Vorgang im Hafen von Jaffa zum Streik auf. Im November zog Izze-din al-Qassam, ein aus der Nähe des syrischen Latakia stammender, in Haifa ansässig gewordener islamischer Geistlicher, mit einigen bewaffneten Gefährten in das unwegsame Gelände des gebirgigen Mittelpalästina, wo er alsbald bei einem Feuergefecht mit der Polizei zu Tode kam.2 Zum Märtyrer der arabisch-palästinensischen Sache verklärt, spornte sein Vorbild die bewaffneten Aktionen gegen die britische Mandatsmacht und das jüdische Nationalheim an, in die der im April 1936 anhebende Generalstreik überging.3 Die in zwei Schüben erfolgende, von den Behörden abwiegelnd als »disturbances« bezeichnete Revolte wurde von den Briten schließlich mit im Herbst 1938 herangeführten zusätzlichen Truppen niedergerungen, um im Jahr darauf, am Vorabend eines sich ankündigenden, zum Weltkrieg auswachsenden zweiten großen europäischen Waffengangs endgültig abzuflauen. Nach dem anglo-irischen Krieg der Jahre 1919/1921 gilt die arabische Revolte in Palästina als die größte militärische Herausforderung des Empire in der Zwischenkriegszeit.4
Havarien waren beim Löschen von Fracht im Hafen von Jaffa nicht ungewöhnlich. Wegen seichten Wassers und felsigen Untergrunds konnten die seit Mitte des 19. Jahrhunderts eingesetzten, aus Metall gefertigten Dampfschiffe mit gesteigerter Tonnage und entsprechendem Tiefgang den historischen Pilgerhafen Jerusalems nicht anlaufen. Osmanische Vorhaben, das Hafenbecken zu vertiefen und auszubauen, waren allesamt gescheitert.5 Frachtschiffe mussten deshalb weit draußen auf dem Meer vor Anker gehen. So erwarb Jaffa die paradox anmutende Zuschreibung eines »Hafens ohne Hafen«.6 Sie bezog sich auf den dort praktizierten, höchst umständlichen Vorgang des Be- und Entladens von Schiffen. Die Fracht draußen ankernder Schiffe wurde auf Leichter und Barkassen gehievt, auf diesen ans Ufer verbracht, um dort abermals entladen zu werden. Während des ganzen Hin und Her auf engstem Raum konnte es leicht zu Karambolagen und anderweitig verursachten Schadensfällen kommen.7
Bei den Gütern, die von Jaffa aus nach Übersee verschifft wurden, handelte es sich vornehmlich um Zitrusfrüchte. Großflächige Orangen-, Zitronen- und Grapefruithaine prägten die Landschaft – eine arbeitsintensive, saisonal bedingte Branche, die ihrer herausragenden Bedeutung wegen weitere Wirtschaftszweige an sich zog. Die Anforderungen der Zitrusernte bestimmten den sozialen Rhythmus des Landes, jedenfalls in der Küstenebene. Dort teilte sich das Jahr ein in die hohe Zeit des Einbringens der Früchte und in die Zeit danach. Vorbereitungen hierzu setzten schon im September ein. Die Saison selbst währte den Winter über bis in den März hinein. In halbmechanisierten Verpackungsanlagen wurden die Früchte gewaschen, sortiert und für den Transport in seegerechten Kisten vorbereitet. Diese wurden dann zum Hafen befördert, und von dort ging es weiter zu den Schiffen draußen auf dem Meer.8
Auch der alsbald ausgerufene arabische Streik und der ihn in Schüben begleitende Aufstand blieben von den Zwängen der Erntesaison nicht unberührt. Nahte sie, bemühten sich arabische Plantagenbesitzer, Transporteure, Schiffseigner und Hafenunternehmer um eine Aussetzung des Streiks. In der nationalistisch aufgeheizten Stimmung gerieten sie leicht in den Ruch patriotischer Unzuverlässigkeit.9
Jaffa wurde früh, gleich zu Beginn der mit Ende der Zitrussaison im April 1936 einsetzenden arabischen Revolte, erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Um die Kontrolle über die von Rebellen gehaltene Altstadt wiederzuerlangen und den bestreikten Hafen zu öffnen, brachen die britischen Mandatsbehörden unter dem Vorwand, marode sanitäre Anlagen erneuern zu wollen, breite Schneisen in die altehrwürdige Bausubstanz der Kasba. Im Zuge der sogenannten Operation »Anker« wurden an die zweihundertfünfzig mehrstöckige Gebäude zerstört.10 Die Briten setzten Jaffa derart übel zu, dass angesichts der dort angerichteten Verheerung die Revolte auch in anderen Städten Palästinas erlahmte und sich zeitweise aufs Land zurückzog. Erst im Sommer 1938 gelang es den Aufständischen wieder, sich in städtischen Zentren festzusetzen.11
Der arabische Streik und die ihn begleitende Gewalt – nachdem es Tote und Verletzte gegeben hatte, verließen im April 1936 an die siebentausend jüdische Bewohner die Stadt – sollten die Hafenwirtschaft Jaffas auf Dauer schädigen.12 Das benachbarte jüdische Tel Aviv, das seinen auswärtigen Handel gewöhnlich über den Hafen von Jaffa abwickelte, blieb nicht untätig. Der Einschränkungen des Wirtschaftslebens und der stets gefährdeten Sicherheitslage überdrüssig, beantragte die Stadtverwaltung von Tel Aviv auf Betreiben der örtlichen Industrie- und Handelskammer bei den Mandatsbehörden die Genehmigung zur Errichtung eines Landungspiers am nördlichen Ende der Stadt.13 Bei den Institutionen des Yishuv – die ohnehin eine jüdische Eigenstaatlichkeit befördernde sozioökonomische Trennung beider Bevölkerungsgruppen, von Juden und Arabern, anstrebten – stieß diese Initiative auf nachhaltige Zustimmung. Am 18. Mai 1938 legte das erste Schiff, der jugoslawische Frachter »Civerty«, begleitet von drei Booten der britischen Küstenwache, im neu eingerichteten Hafen von Tel Aviv an – beladen mit 950 Tonnen Zement.14
Der Hafen von Jaffa war eher von lokaler Bedeutung. Anders der im Norden des Landes in natürlicher Bucht gelegene Tiefseehafen von Haifa. Mit seiner von den britischen Behörden in den 1920er und 1930er Jahren veranlassten Erweiterung und Modernisierung kam die Stadt an die Spitze der industriellen Entwicklung des Landes zu stehen.15
Die Bedeutung Haifas reichte über Palästina hinaus. Bereits 1905, noch zu osmanischer Zeit, war die Stadt Sitz der Verwaltungszentrale des Hedschas-Bahn-Netzes geworden.16 Mit der Eroberung des Landes durch die Briten 1917/18 und der Etablierung des Mandats 1922 kam Haifa zunehmend imperialer Rang zu. Mehr noch als der dort unterhaltene, allerdings nur für leichte Kriegsschiffe ausgelegte britische Marinestützpunkt trug dazu die 1938 begonnene Errichtung einer Ölraffinerie bei.17 In Haifa endete eine der beiden vom irakischen Kirkuk ausgehenden Ölpipelines;18 die andere zweigte bei Haditha ab und führte weiter ins libanesische Tripoli. Das in Haifa anlangende Öl sollte vornehmlich der Versorgung der britischen Mittelmeerflotte dienen, die im Konfliktfall von Malta nach Alexandria verlegt werden konnte. Später, auf dem Höhepunkt des Krieges, rückte ein ständiger Tankerdienst beide levantische Hafenstädte näher aneinander heran.19
Haifa war zu einem imperialen Knotenpunkt auf der nach dem Großen Krieg von der Levante landeinwärts in Richtung Mittlerer Osten und Persischer Golf, nunmehr auch über Land erschlossenen britischen Verbindung nach Indien geworden; und dies in Ergänzung zu Ägypten, jener »Clapham Junction« des Weltreichs – so ein vom Kolonialpolitiker Alfred Milner geprägtes Bild –, in der die wichtigsten Transportwege wie in einer Nabe (hub) zusammenliefen.20 Dass Haifa dabei gelegentlich zu einem »Singapur des östlichen Mittelmeeres« überhöht wurde, war freilich eher eine schmeichelhafte Übertreibung.21 Jedenfalls war es Teil eines aus Transport- und Kommunikationswegen, Militäranlagen und Bunkerstationen gefügten dichten Gewebes eines britisch-imperialen Glacis zum Schutze Indiens in der Levante. Aufgrund seiner strategischen Bedeutung wurde Haifa mit seiner Raffinerie 1940/41 zu einem bevorzugten Ziel italienischer und deutscher Luftangriffe. Die Deutschen belegten Haifa mit der treffenden Bezeichnung »die Tankstelle«.22
Der britisch-imperiale Blick auf die Region des Vorderen Orients justierte sich von Indien her. Schon um die Jahrhundertwende hatte der damalige britische Vizekönig Indiens, Lord Curzon, den Persischen Golf als maritime Grenze eines Indischen Empire nach Westen hin verstanden.23 Auch den Namen »Mittlerer Osten« erhielt die Region in dieser Zeit. Hervorgegangen war er aus dem strategischen Konzept der »Indian Defence«, der Sicherung des dem Subkontinent vorgelagerten Bereichs.24 Befürchtet worden war ein von Russland über Persien und Afghanistan vorgetragener Angriff auf die südasiatischen Besitzungen Britanniens – eine, wie sich herausstellte, wenig begründete Besorgnis. Sie ging auf den britisch-russischen Gegensatz in Asien zurück, das sogenannte Great Game, das die Geopolitik des 19. Jahrhunderts bestimmte. Mit dem 1907 erfolgten britisch-russischen Ausgleich über Persien kam jenes Spiel an sein Ende.25
Das von Britisch-Indien ausgehende sub-imperiale Gravitationsfeld wirkte weit über den Bereich des Persischen Golfs bis in das unter osmanischer Herrschaft stehende Mesopotamien hinein. Diese Anziehung hatte sich über einen langen Zeitraum aufgebaut. Schon seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert durchdrang die East Indian Company das Zweistromland von Osten her, während die Levant Company von Westen aus dort Niederlassungen etablierte. Beide Handelsgesellschaften eröffneten vor Ort konsularische Vertretungen und unterhielten weitläufige Informationsnetzwerke.26 Bis 1914 und damit noch in osmanischer Zeit waren die Postämter in Bagdad und Basra von Indien her unterhalten worden – sichtbarer Ausdruck der dichten wirtschaftlichen Verflechtung Britisch-Indiens mit der Region des Persischen Golfs und dem südlichen Mesopotamien. Die engen Handelsbeziehungen zwischen Bagdad und Bombay waren sprichwörtlich. Dass in Mesopotamien neben dem türkischen Piaster die indische Rupie gern akzeptierte Währung war, weist die Region als Teil des indischen Sub-Imperiums aus. Bis in das Jahr 1932 hinein wurde die Rupie im Irak als Zahlungsmittel anerkannt, in Aden sogar bis Mitte des 20. Jahrhunderts.27
Bei Ausbruch des Großen Krieges im Orient, im November 1914, waren indische Truppen gegen die osmanischen Stellungen in Mesopotamien vorgegangen. Hierfür hatte der Raj, die britisch-indische Regierung in Delhi, die Indian Expeditionary Force ›D‹ bereitgestellt. Dabei war zunächst beabsichtigt gewesen, nur das am Ausgang des Schatt al-Arab – unweit des persischen Abadan mit seiner bedeutenden, von der Anglo-Persian Oil Company betriebenen Ölraffinerie – gelegene Basra zu besetzen. Im März 1915 waren die britisch-indischen Militärs schlecht beraten, als sie eine Offensive gen Bagdad unternahmen. Dieses Vorhaben sollte im April 1916 bei Kut al-Amara, nach einer die Empiretruppen auszehrenden Belagerung durch die Türken, kläglich scheitern.28
Im Süden Mesopotamiens, im Bereich des von den Briten unmittelbar zu Kriegsbeginn okkupierten Basra, wurde umgehend eine an indischen Maßgaben orientierte Administration etabliert. Schon bei Anlandung der britisch-indischen Truppen im November 1914 meldete der damalige britische Vizekönig von Indien, Lord Hardinge, nach London, der Raj behalte sich eine zukünftige Verwaltung des Gebiets vor. Schließlich seien die britischen Interessen am Golf stets von Indien aus erwogen worden. Alles spreche dafür, sich den osmanischen Wilajet Basra nach dem Kriege von Indien her einzuverleiben.29 Die sich am Ort einfindenden imperialen Amtsträger waren jedenfalls überzeugt, dass sich die britisch-indischen Regelwerke der Verwaltung, vor allem jene, die in der 1901 von Curzon eingerichteten North-West Frontier Province (NWFP) Anwendung fanden, auch in Mesopotamien bewähren würden. Die eroberten arabischen Gebiete, so die unter den britischen Administratoren weit verbreitete Auffassung, wiesen mit jener chronischen Unruheprovinz auffällig viele Gemeinsamkeiten auf.30
Den Auftrag, das südliche Mesopotamien mit den Verwaltungspraktiken des indischen Sub-Imperiums kompatibel zu machen, erhielt der von Indien her entsandte Chief Political Officer der Force ›D‹, Percy Z. Cox. Er hatte seine Karriere Ende des 19. Jahrhunderts als Offizier der britisch-indischen Streitkräfte in Bengalen begonnen und im Raj wichtige Aufgaben übernommen. Zudem vertrat er – vornehmlich an den afrikanisch-arabisch-persischen Küsten der Nebenmeere des Indischen Ozeans – die Anliegen seiner Majestät lokalen Machthabern gegenüber.31
Cox war ein bestens beleumdeter Architekt der Orient- und Arabienpolitik des Empire. Auf der Halbinsel hatte er 1915 mit dem Hause Saud ein langwährendes Bündnis gestiftet. Als britischer Gesandter in Teheran handelte er 1919 im Auftrag des inzwischen als Außenminister wirkenden Curzon einen den imperialen Belangen genehmen Anglo-Persischen Vertrag aus.32 Cox’ eigentlicher Dienst am Empire bestand darin, dass er entscheidend zur Begründung des Staates Irak beitrug, wo er mit der 1920 erfolgten Übertragung des Völkerbundmandats auf Großbritannien nunmehr als Hochkommissar in Bagdad wirkte. Während der vom amtierenden Colonial Secretary Winston Churchill im März 1921 einberufenen Kairoer Konferenz britischer Orient-Experten und lokaler arabischer Potentaten, auf der auch der haschemitische Emir Faisal für den im Irak einzurichtenden Thron auserkoren wurde, machte Cox
