Verlag: Knaur eBook Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

Ein Cottage am Meer E-Book

Maeve Binchy  

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E-Book-Beschreibung Ein Cottage am Meer - Maeve Binchy

Das Stone House ist eine zauberhafte Pension im Westen Irlands. Hier begegnen sich Menschen, die sich im Alltag nie begegnen würden, hier ereignet sich so manche Tragödie – und hier trifft der Leser auf gute Bekannte aus früheren Binchy-Bestsellern. Für sie und all die anderen Gäste wird der Aufenthalt zu einem schicksalhaften Erlebnis, das Augen öffnet und Hoffnungen zerstört, das Träume wahr werden lässt und die Weichen noch einmal ganz anders stellt.

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E-Book-Leseprobe Ein Cottage am Meer - Maeve Binchy

Maeve Binchy

Ein Cottage am Meer

Roman

Aus dem Englischen von Gabriela Schönberger

Knaur e-books

Über dieses Buch

Inhaltsübersicht

WidmungChickyRiggerOrlaWinnieJohnHenry und NicolaAndersDie WallsMiss Nell HoweFreda
[home]

Für Gordon, der mir mit seiner Großzügigkeit jeden Tag aufs Neue verschönert.

[home]

Chicky

Auf der Ryans-Farm in Stoneybridge hatte jeder seine Aufgabe. Die Brüder halfen dem Vater auf den Feldern, sie flickten Zäune, brachten die Kühe zum Melken in den Stall und steckten Kartoffeln; Mary fütterte die Kälber, Kathleen buk das Brot, und Geraldine versorgte die Hühner.

Doch wäre nie jemand auf die Idee gekommen, sie Geraldine zu nennen. Chicky, wie sie von jeher von allen gerufen wurde, war ein ernsthaftes kleines Mädchen, das die Küken eigenhändig mit Haferflocken fütterte, täglich die frisch gelegten Eier einsammelte und dabei aufmunternd auf das Federvieh einredete. Chicky hatte allen Hühnern Namen gegeben, und so brachte es keiner aus der Familie übers Herz, ihr zu gestehen, dass wieder einmal eines davon als Sonntagsessen auf dem Tisch gelandet war. Selbstverständlich habe man das Huhn beim Metzger gekauft, aber Chicky konnte man so leicht nichts vormachen.

Für Kinder war das im Westen Irlands gelegene Stoneybridge ein sommerliches Paradies, aber die Sommer waren kurz, und die meiste Zeit über war es an der wilden Atlantikküste regnerisch und einsam. Doch es gab Höhlen zu erforschen, Klippen zu erklimmen und Vogelnester zu entdecken. Ganz zu schweigen von den wilden Schafen mit den mächtigen gedrehten Hörnern, denen man auflauern konnte. Und dann war da noch Stone House. Chicky kannte kein größeres Vergnügen, als in dessen großem, verwunschenem Garten zu spielen. Manchmal gestatteten es ihr die drei Schwestern Sheedy, denen das Anwesen gehörte und die ihr damals schon uralt vorkamen, sich eines ihrer Kleider auszuborgen und Verkleiden zu spielen.

Kathleen ging als Erste aus dem Haus, nach Wales, wo sie in einem großen Krankenhaus eine Ausbildung zur Pflegeschwester erhielt. Dann bekam Mary eine Stelle in einem Versicherungsbüro. Chicky interessierte sich für keinen der beiden Berufe, aber irgendetwas würde auch sie lernen müssen. Die Farm würde niemals alle Ryans ernähren. Zwei der Söhne waren bereits in größeren Städten im Westen bei verschiedenen Firmen untergekommen. Nur Brian sollte beim Vater bleiben und auf dem Hof helfen.

Chickys Mutter war ständig müde, ihr Vater machte sich fortwährend Sorgen, und so waren die Eltern sehr erleichtert, als Chicky endlich eine Anstellung in der Strickfabrik am Ort fand. Und zwar nicht als Strickerin an der Maschine oder als Heimarbeiterin, sondern im Büro. Ihre Aufgabe war es, die fertigen Strickteile an die Kunden zu versenden und die Bücher zu führen. Nicht unbedingt eine aufregende Tätigkeit, aber es bedeutete, dass Chicky zu Hause bleiben konnte, und genau das war es, was sie wollte. Sie hatte jede Menge Freunde, und jeden Sommer verliebte sie sich in einen anderen der O’Hara-Söhne, auch wenn nie etwas daraus wurde.

Eines Tages betrat ein junger Amerikaner namens Walter Starr die Strickfabrik und wollte unbedingt einen Aran-Pullover kaufen. Wie man sie angewiesen hatte, erklärte Chicky, dass sie kein Einzelhandelsgeschäft seien, sondern ihre Strickwaren lediglich auf Bestellung für den Handel oder den Postversand produzierten.

»Na, dann geht Ihnen aber einiges an Geschäft durch die Lappen«, sagte Walter Starr. »Die Urlauber, die hierher in diese abgelegene Ecke kommen, brauchen dringend einen Aran-Pullover – und zwar gleich, und nicht erst in ein paar Wochen.«

Der junge Mann sah ausnehmend gut aus. Mit seinem strahlenden Lächeln und den makellosen Zähnen erinnerte er Chicky an John F. und Bobby Kennedy in jungen Jahren. Außerdem war er braun gebrannt und unterschied sich sehr von den Bauernburschen aus Stoneybridge. Chicky wollte nicht, dass er wieder ging, und auch er schien zu zögern.

Zum Glück fiel ihr der Pullover wieder ein, den sie für den Werbekatalog fotografiert und deshalb noch auf Lager hatten. Vielleicht wollte Walter Starr diesen kaufen, obwohl er nicht mehr ganz neu war.

Walter war begeistert.

Und er fragte sie, ob sie mit ihm am Strand spazieren gehen wolle, und betonte mehrmals, wie gut es ihm hier gefiele.

Unglaublich. Der Mann war in Kalifornien und in Italien gewesen, und doch fand er es in Stoneybridge schön.

Und auch Chicky hatte es ihm angetan. Er war ganz hingerissen von ihren dunkel gelockten Haaren und den großen blauen Augen. Von da an verbrachten sie jede freie Minute zusammen. Eigentlich hatte Walter nur einen oder zwei Tage bleiben wollen, aber jetzt fiel es ihm schwer, seine Reise fortzusetzen. Es sei denn, sie würde ihn begleiten.

Chicky musste laut lachen bei der Vorstellung, sie solle ihre Arbeit in der Strickfabrik aufgeben und ihrer Mutter und ihrem Vater eröffnen, dass sie beabsichtige, mit einem Amerikaner, den sie kaum kannte, durch Irland zu trampen! Hätte sie ihnen erklärt, sie würde zum Mond fliegen wollen, hätten sie das wahrscheinlich bereitwilliger akzeptiert.

Walter war gerührt von ihrer Panik.

»Aber, Chicky, wir haben doch nur dieses eine Leben. Und sie können es nicht für uns leben. Das müssen wir schon selbst in die Hand nehmen. Glaubst du vielleicht, meine Eltern sehen es gern, dass ich mir hier am Ende der Welt ein schönes Leben mache? Nein, ihnen wäre es viel lieber, wenn ich im Country Club mit den versnobten Töchtern reicher Familien Tennis spielen würde, aber hier fühle ich mich wohler. So einfach ist das.«

In Walter Starrs Welt war alles einfach. Sie liebten sich. Was also war natürlicher, als miteinander zu schlafen? Beide wussten, dass der andere recht hatte. Warum also die Sache verkomplizieren wegen dem, was andere Leute sagten, dachten oder taten? Gott war gütig und hatte ein Herz für Liebende. Ganz im Gegensatz zu ihrem Dorfpfarrer, Father Johnson, der das Gelübde abgelegt hatte, sich niemals zu verlieben. Wozu brauchten sie irgendwelche dummen Verträge oder Urkunden?

Und so war Chicky bereit, sich mit ihm auf die Reise zu machen, als Walter nach sechs wunderbaren Wochen allmählich daran denken musste, in die Staaten zurückzukehren. Ihre Entscheidung löste endlose Streitereien und dramatische Auftritte im Haus der Ryans aus und entzweite die Familie. Aber von alledem bekam Walter nichts mit.

Chickys Vater war noch bedrückter als zuvor. Von allen Seiten würde er sich nun anhören müssen, dass er ein undankbares Flittchen großgezogen habe. Und Chickys Mutter wirkte müder und enttäuschter denn je. Nur Gott allein und die Jungfrau Maria mochten wissen, was sie falsch gemacht hatte, da Chicky ihrer Familie so große Sorgen bereitete.

Ihre Schwester Kathleen war erleichtert, dass sie bereits einen Verlobungsring am Finger hatte. Denn welcher Mann würde sie jetzt noch nehmen, wüsste er, aus welcher Familie sie stammte?

Und Mary, die in dem Versicherungsbüro arbeitete und mit einem der O’Haras ging, jammerte, dass die Tage ihrer Romanze Chickys wegen wohl nun gezählt wären. Die O’Haras seien schließlich eine höchst respektable Familie und würden ihr Benehmen niemals gutheißen.

Chickys Bruder Brian hingegen zog den Kopf ein und sagte kein Wort. Als Chicky ihn nach seiner Meinung fragte, meinte er, er habe keine. Er habe keine Zeit zum Nachdenken.

Nur ihre Freundinnen Peggy, eine Kollegin aus der Strickfabrik, und Nuala, die als Dienstmädchen bei den drei Schwestern Sheedy arbeitete, waren vor Begeisterung über so viel Abenteuer und Aufregung völlig aus dem Häuschen. Wie gut, dass Chicky seit ihrer Klassenfahrt nach Lourdes einen Reisepass hatte.

Walter Starr schlug vor, dass sie zunächst bei Freunden in New York wohnen sollten. Sein Jurastudium wolle er aufgeben. Es sei ohnehin nie das Richtige für ihn gewesen. Wenn er mehrere Leben hätte, dann vielleicht, aber da er nun mal nur dieses eine hatte, war es reine Zeitverschwendung, sich mit einer so trockenen Materie wie der Juristerei zu befassen.

Am Abend vor ihrer Abreise versuchte Chicky ein letztes Mal, um Verständnis bei ihren Eltern zu werben. Mit ihren zwanzig Jahren hatte sie schließlich noch ihr ganzes Leben vor sich. Natürlich liebte sie ihre Familie und wünschte sich nichts sehnlicher, als dass auch diese sie liebte, obwohl sie sie so enttäuschte.

Die Miene ihres Vaters war hart und undurchdringlich. Seine Tochter sei in seinem Haus nicht mehr willkommen, sagte er. Sie habe Schande über sie alle gebracht.

Ihre Mutter reagierte ebenfalls mit großer Verbitterung. Ihrer Meinung nach machte Chicky eine große Dummheit. Diese Geschichte konnte niemals halten. Mit Liebe habe das nichts zu tun, das sei reine Vernarrtheit. Wenn dieser Walter ihre Tochter wirklich liebte, würde er auf sie warten und ihr ein Zuhause, einen Namen und eine Zukunft bieten, statt sie zu dieser Torheit aufzustacheln.

Die Atmosphäre im Haus der Ryans war vergiftet.

Auch Chickys Schwestern waren ihr keine große Hilfe. Doch sie blieb bei ihrer Entscheidung. Keiner von ihnen wusste, was wahre Liebe war, und deshalb würde sie ihre Pläne niemals aufgeben. Sie hatte ihren Pass, und damit würde sie nach Amerika gehen.

»Wünscht mir Glück«, hatte sie am Vorabend ihrer Abreise gefleht, aber alle hatten ihre Köpfe abgewandt.

»Lasst mich nicht so gehen, nur mit eurer Kaltherzigkeit als Erinnerung.« Tränen waren über Chickys Gesicht gelaufen.

Ihre Mutter stieß einen tiefen Seufzer aus. »Es wäre kaltherzig von uns, wenn wir dich einfach so gehen ließen und dich auch noch in deiner Dummheit bestärkten. Wir meinen es doch nur gut mit dir und wollen dir helfen, damit du das Beste aus deinem Leben machst. Das ist keine Liebe, das ist nur blinde Vernarrtheit. Wir können dir unseren Segen nicht geben. Es hat keinen Sinn, dir etwas vorzumachen.«

Und so verließ Chicky ihre Familie ohne den Segen ihrer Eltern.

Auf dem Flughafen in Shannon wimmelte es von Menschen. Viele waren gekommen, um ihre Kinder, die in die Vereinigten Staaten aufbrachen und dort ein neues Leben beginnen wollten, zu verabschieden. Chicky winkte niemand zum Abschied, aber ihr und Walter war das egal. Heute begann ihr neues Leben.

Ein Leben ohne Regeln und ohne den Zwang, sich anpassen zu müssen, um es den Nachbarn und der Familie recht zu machen.

Sie würden frei sein – frei, zu arbeiten, wo sie wollten und was sie wollten.

Sie wären nicht gezwungen, die Hoffnungen anderer zu erfüllen – einen reichen Farmer zu heiraten in Chickys Fall, oder ein Top-Anwalt zu werden, was sich Walters Familie für ihn vorstellte.

Walters Freunde nahmen sie mit offenen Armen in der großen Wohnung in Brooklyn auf. Alle waren jung, freundlich und unbekümmert. Einige ihrer Mitbewohner jobbten in Buchläden, andere kellnerten in Bars. Manche waren Musiker. In der Wohnung herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Keiner regte sich deswegen auf. Es war so ganz anders als zu Hause. Ein Paar stammte von der Westküste, eine junge Frau, die Gedichte schrieb, kam aus Chicago, und dann war da noch ein junger Mexikaner, der in Latino-Bars Gitarre spielte.

Alle waren überaus entspannt, was Chicky mit Erstaunen registrierte. Niemand stellte irgendwelche Ansprüche. Mittags gab es einen großen Topf Chili con Carne, und alle halfen beim Kochen mit. Es herrschte keinerlei Zwang.

Man jammerte zwar ein wenig, dass die eigene Familie so gar kein Verständnis für dieses unkonventionelle Leben aufbringe, aber sonderlich belastete das niemanden. Bald spürte Chicky, wie Stoneybridge in ihrer Erinnerung immer mehr verblasste.

Dennoch schickte sie weiterhin jede Woche einen Brief nach Hause. Vom ersten Tag an hatte sie sich nämlich geschworen, dass sie einer Versöhnung nicht im Weg stehen würde. Benahm eine Seite sich normal, würde die andere früher oder später einlenken und sich ebenfalls normal benehmen müssen.

Immerhin meldeten sich einige ihrer Freunde bei ihr und versorgten sie mit Nachrichten aus der Heimat. Auch Peggy und Nuala ließen von sich hören, aber es schien sich nicht sehr viel geändert zu haben. Chicky schrieb zurück, wie sehr sie sich über Kathleens Pläne, Mikey zu heiraten, freue, verschwieg jedoch, dass sie vom Ende der Romanze zwischen Mary und Sonny O’Hara erfahren hatte.

Die Kommunikation mit Chickys Mutter beschränkte sich auf spärliche, nichtssagende Postkarten. Jedes Mal erkundigte sie sich, ob ihre Tochter endlich einen Termin für die Hochzeit festgesetzt habe, und wenn ja, ob es drüben in ihrer Gemeinde überhaupt irische Priester gebe.

Chicky erzählte nichts über ihr Kommunendasein in der großen, überfüllten Wohnung, in der häufig die Mitbewohner wechselten und irgendjemand immer Gitarre spielte. Ihre Eltern hätten das ohnehin nicht verstanden.

Lieber schrieb sie, dass sie zu Ausstellungseröffnungen und Theaterpremieren ging. Zwar las sie darüber hauptsächlich in den Zeitungen, aber manchmal besuchten Chicky und die anderen tatsächlich Nachmittagsvorstellungen oder bekamen über Freunde von Freunden billige Karten, damit das Haus voll wurde.

Walter hatte inzwischen Arbeit gefunden. Alte Freunde seiner Eltern hatten ihm angeboten, ihre Bibliothek zu katalogisieren. Seine Familie hatte gehofft, ihm auf diese Weise das akademische Leben wieder schmackhaft zu machen. Der Job war nicht übel. Walter hatte seine Ruhe, und keiner wollte etwas von ihm. Mehr konnte man vom Leben wahrhaftig nicht verlangen.

Irgendwann begriff Chicky, dass dies in der Tat alles war, was Walter im Leben wollte. Deswegen ging sie ihm auch nicht mit lästigen Fragen auf die Nerven, wann sie denn nun endlich seine Eltern kennenlernen würde, wann sie sich eine eigene Wohnung suchen würden oder wie ihre Pläne für die Zukunft aussähen. Sie waren zusammen. In New York. Das war das Wichtigste.

Und meistens genügte ihr das auch.

Auch Chicky fand eine Anstellung in einem Diner. Die Arbeitszeiten waren günstig für sie. So konnte sie zeitig aufstehen und die Wohnung verlassen, ehe die anderen auf den Beinen waren. Sie sperrte auf, servierte den ersten Kunden das Frühstück und war bereits wieder zu Hause, bevor ihre Mitbewohner ausgeschlafen hatten. Jeden Tag brachte sie ihnen frische Milch und Bagels mit, und alle gewöhnten sich rasch an ihren Service.

Von zu Hause trafen weiterhin regelmäßig Nachrichten ein, aber allmählich rückte Irland für Chicky immer mehr in weite Ferne.

Kathleen hatte Mikey geheiratet und war schwanger. Mary ging inzwischen mit JP, einem Farmer, über den sie sich früher immer lustig gemacht und ihn als traurigen alten Mann verspottet hatten. Doch jetzt war daraus eine ernsthafte Beziehung geworden. Brian war mit einer der O’Hara-Schwestern liiert, worüber Chickys Familie natürlich hocherfreut war, die O’Haras jedoch weniger. Und Father Johnson wetterte in seinen Predigten gegen das bevorstehende Referendum zur Ehescheidung und behauptete, die Heilige Jungfrau würden deswegen bittere Tränen vergießen. Doch dieses Mal schien er tatsächlich zu weit gegangen zu sein, denn mehrere Gemeindemitglieder hatten heftig dagegen protestiert.

Nur wenige Monate waren vergangen, aber Chicky erschien das Leben in Stoneybridge immer unwirklicher.

Unwirklich wie ihr eigenes Leben in der großen Wohnung, in der die Leute weiterhin kamen und gingen und Geschichten von ehemaligen Mitbewohnern erzählt wurden, die sich nach Griechenland oder Italien abgesetzt hatten oder nächtelang in Kellerclubs in Chicago herumhingen und Musik machten. Real war für Chicky nur die Fantasiewelt, die sie sich über ihr erfolgreiches Leben mit vielen Freunden und Bekanntschaften in Manhattan zusammengebastelt hatte.

Die Gefahr, dass plötzlich jemand vor ihrer Tür stehen und sie bei ihren Lügen ertappen oder ihr lächerliches Täuschungsmanöver durchschauen würde, war nicht sehr groß. Aus Stoneybridge kam nie jemand nach New York. Aber sie konnte ihnen schließlich nicht die Wahrheit sagen. Genervt von den zaghaften Vorstößen des alten Paares, er solle doch mal für ein Wochenende nach Hause fahren und seine Eltern besuchen, hatte Walter inzwischen seine Arbeit in der Bibliothek wieder aufgegeben.

Chicky konnte an dem Vorschlag nichts Verwerfliches erkennen, aber Walter schien ihn als Zumutung zu empfinden. Und so nickte sie nur verständnisvoll, als er seinen Job kündigte, und übernahm zusätzliche Schichten in ihrem Diner, um die Miete für die Wohnung zu verdienen.

Walter war in dieser Zeit sehr unausgeglichen. Bei der kleinsten Gelegenheit brauste er auf, erwartete aber von Chicky permanent gute Laune und Zuwendung. Und so spielte sie ihm die muntere und unbeschwerte Chicky vor. Doch tief in ihrem Innern war sie müde und mutlos, ließ sich jedoch nichts anmerken.

Noch immer schickte sie Woche um Woche Briefe nach Hause. Bald glaubte sie an ihr eigenes Märchen und begann, sich in einem Spiralblock die Einzelheiten ihres angeblichen Lebens zu notieren, damit sie sich nicht verriet.

Um sich selbst zu trösten, schrieb sie schließlich nach Hause, dass sie und Walter geheiratet hätten. Zwar nur standesamtlich, aber ein Franziskanerpater habe ihnen den Segen gespendet. Das sei eine wunderbare Erfahrung gewesen, und sie hofften, ihren beiden Familien eine Freude mit diesem Schritt gemacht zu haben. Leider hätten sich Walters Eltern am Tag der Trauung im Ausland aufgehalten und nicht daran teilnehmen können, aber sie seien auch so glücklich und zufrieden.

Irgendwann glaubte Chicky diese Geschichte selbst. Es war einfacher, als sich einzugestehen, dass Walter immer rastloser wurde und kurz davorstand, sie zu verlassen.

 

Das Ende kam rasch für Walter und Chicky, und jeder (außer ihr) schien damit gerechnet zu haben. Mit sanfter Stimme beteuerte Walter, wie wunderbar die Zeit mir ihr gewesen sei, aber nun sei sie eben vorbei.

Wieder einmal eröffnete sich Walter eine neue Chance. Einem Freund von ihm gehörte eine Bar, wo er arbeiten könnte. Ein neues Umfeld. Ein Neuanfang. Eine neue Stadt. Am Ende der Woche wäre er fort.

Es dauerte lange, bis Chicky begriff.

Zuerst hielt sie das alles für einen Scherz. Eine Art Test. In ihrer Brust breitete sich ein Gefühl der Leere aus, wie ein Loch, das immer größer wurde.

Es konnte nicht zu Ende sein. Nicht das, was sie miteinander verband. Chicky flehte und bettelte; was immer sie falsch gemacht habe, sie würde sich ändern.

Geduldig hatte Walter ihr versichert, dass es niemandes Schuld sei. Liebe erblühte, Liebe erstarb. Natürlich war das traurig. Das war es immer. Aber sie würden Freunde bleiben und ihre gemeinsame Zeit in zärtlicher Erinnerung behalten.

Das Beste wäre es wohl, wenn Chicky wieder nach Hause zurückkehrte, zurück nach Stoneybridge und zu den zerklüfteten Stränden, wo sie ihre langen Spaziergänge gemacht und sich ineinander verliebt hatten.

 

Doch Chicky wollte auf keinen Fall zurück.

Wenn sie etwas wusste, dann das, und dieses Wissen war ihr einziger Halt in einer Welt aus Ungewissheiten. In der großen Wohnung konnte sie unmöglich bleiben, auch wenn ihre Mitbewohner dies gern gesehen hätten. Außerhalb dieses Umfelds hatte Chicky bisher nur wenige Freunde gefunden. Dafür war sie zu verschlossen; sie hatte nichts zu erzählen und behielt ihre Meinung lieber für sich. Was sie brauchte, war die Gesellschaft von Menschen, die sie nicht mit neugierigen Fragen und Spekulationen verunsicherten.

Und ebenso dringend brauchte sie einen neuen Job.

In dem Diner konnte und wollte sie nicht bleiben. Man hätte sie zwar liebend gern dort behalten, aber sobald Walter fort wäre, würde sie auch nicht länger in ihrem alten Viertel leben wollen.

Es war ihr egal, was sie machen würde. Sie musste nur irgendwo Geld verdienen, um sich über Wasser zu halten, bis sie wieder einen klaren Gedanken fassen konnte.

 

Als Walter fort war, konnte Chicky nicht mehr schlafen, sosehr sie sich auch bemühte. Und so verbrachte sie die Nacht auf einem Stuhl in dem Zimmer, das sie fünf wunderbare und drei grausame Monate lang mit Walter geteilt hatte.

Länger als mit ihr habe er es noch nirgendwo ausgehalten, hatte er versucht, sie zu trösten, und beteuert, dass er ihr niemals habe weh tun wollen. Und er hatte sie angefleht, nach Irland zurückzukehren, wo er sie kennengelernt hatte.

Chicky hatte ihn nur stumm und unter Tränen angelächelt.

Vier Tage später hatte sie bereits einen Platz zum Wohnen und einen neuen Job gefunden. Einer der Bauarbeiter auf der Baustelle neben dem Diner war gestürzt, und man brachte ihn zu ihr ins Lokal.

»So schlecht geht es mir auch wieder nicht, dass ich ins Krankenhaus müsste«, wiegelte er ab. »Aber könnten Sie für mich Mrs. Cassidy anrufen? Sie wird wissen, was zu tun ist.«

»Wer ist diese Mrs. Cassidy?«, hatte Chicky den Mann mit dem irischen Akzent gefragt, der offensichtlich große Angst davor hatte, nicht mehr weiterarbeiten zu können.

»Ihr gehört die Pension, in der ich wohne«, erklärte er. »Sie hat ein gutes Herz und stellt keine unnötigen Fragen. Mit ihr müssen Sie reden.«

Er hatte recht. Mrs. Cassidy, eine kleine, agile Person mit scharfem Blick und strengem Knoten am Hinterkopf, verlor keine Zeit und kümmerte sich sofort um alles.

Chicky beobachtete sie bewundernd.

Mrs. Cassidy sorgte dafür, dass der verletzte Bauarbeiter in ihre Pension gefahren wurde. Eine ihrer Nachbarinnen arbeitete als Krankenschwester. Falls sich der Zustand des Mannes verschlechtern sollte, würde sie ihn in die Klinik bringen.

Am nächsten Tag klingelte Chicky an der Tür von Cassidys Gästehaus.

Zuerst erkundigte sie sich nach dem Befinden des Bauarbeiters, den man zu ihr in den Diner gebracht hatte. Dann fragte sie, ob sie für Mrs. Cassidy arbeiten könne.

»Wieso kommst du damit zu mir?«, hatte Mrs. Cassidy wissen wollen.

»Man sagt, Sie stellen keine unnötigen Fragen und sind verschwiegen.«

Mrs. Cassidy nickte. »Stimmt. Für Klatsch und Tratsch habe ich keine Zeit.«

»Ich könnte bei Ihnen sauber machen. Ich bin stark und werde nicht so schnell müde.«

»Wie alt bist du?«, fragte Mrs. Cassidy.

»Morgen werde ich einundzwanzig.«

Mrs. Cassidy, die über große Menschenkenntnis verfügte und nie viele Worte machte, musste nicht lange überlegen.

»Na, dann alles Gute zum Geburtstag«, sagte sie. »Pack schon mal deine Sachen. Morgen kannst du einziehen.«

Chicky benötigte nicht viel Zeit, um ihre Habe in eine kleine Reisetasche zu packen. Mehr nahm sie nicht mit aus ihrer Wohngemeinschaft, wo sie glückliche Monate als Walter Starrs Freundin verbracht hatte, bevor die Karawane ohne sie weitergezogen war.

Und so begann Chickys neues Leben. Ihr neues Zuhause war ein kleines, fast klösterlich anmutendes Zimmer im Dachgeschoss der Pension. Frühmorgens stand sie auf, polierte die Handläufe aus Messing, putzte die Treppe und bereitete das Frühstück zu.

Mrs. Cassidy hatte acht Logiergäste, die ausnahmslos alle aus Irland stammten. Diesen Männern, die entweder auf dem Bau oder bei der U-Bahn arbeiteten, konnte man nicht mit Müsli und Obst kommen. Diese Männer brauchten ein deftiges Frühstück aus Spiegelei mit Speck als Unterlage, damit sie bis zur Mittagspause und dem Schinkensandwich durchhielten, das Chicky ihnen, in Butterbrotpapier eingewickelt, jeden Morgen mitgab, bevor sie zur Arbeit gingen.

Anschließend waren die Betten zu machen, die Fenster zu putzen und das Wohnzimmer aufzuräumen. Und dann begleitete Chicky Mrs. Cassidy zum Einkaufen. Nebenbei lernte sie, wie man preisgünstigem Fleisch durch Marinieren Geschmack und jeder noch so einfachen Mahlzeit mit ein paar Schnittblumen oder einer Topfpflanze Stil verleihen konnte.

Mrs. Cassidy zog sich immer hübsch an, wenn sie das Abendessen servierte. Die Männer schienen sich ein Beispiel an ihr zu nehmen und setzten sich nie ungewaschen und mit verschwitztem Hemd an den Tisch. Forderte man gute Manieren ein, wurde man mit guten Manieren belohnt.

Chicky nannte die Dame des Hauses stets nur »Mrs. Cassidy«. Sie kannte weder ihren Vornamen noch ihre Lebensgeschichte, geschweige denn, was aus Mr. Cassidy geworden war, falls es je einen gegeben haben sollte.

Im Gegenzug stellte ihr ihre Arbeitgeberin ebenfalls keine Fragen, und so gestaltete sich ihr Zusammenleben äußerst harmonisch.

In einem Punkt allerdings erwies sich Mrs. Cassidy als sehr hartnäckig. So hatte sie darauf bestanden, dass Chicky ihre Green Card beantragte und sich ins Wählerverzeichnis des Stadtrats eintragen ließ, damit die Iren in der City Hall wieder die Mehrheit bekämen. Zudem zeigte sie ihr, wie man ein Postschließfach einrichtete, um Briefe erhalten zu können, ohne dass jemand die Adresse oder sonst etwas über einen in Erfahrung brachte.

Ihre Versuche, Chicky davon zu überzeugen, mehr zu unternehmen, scheiterten jedoch kläglich.

Immerhin lebte sie in der aufregendsten Stadt der Welt, wo sich einer jungen Frau wie ihr zahllose Chancen boten. Aber Chicky wollte nichts davon wissen. Kein Pub konnte sie locken, keine irischen Clubs, und sie verbat sich jede Anspielung, was für einen guten Ehemann dieser oder jener Untermieter doch abgeben würde.

Schließlich begriff Mrs. Cassidy.

Gleichwohl überredete sie Chicky, Abendkurse zu belegen und sich zur Konditorin ausbilden zu lassen. Bald sprach sich herum, wie gut ihre Kuchen und Desserts schmeckten. Aber Chicky zeigte keinerlei Interesse daran, Mrs. Cassidys Pension zu verlassen, obwohl ihr eine Bäckerei um die Ecke eine gute Stelle angeboten hatte.

Chicky hatte keine großen Ausgaben, und so wuchsen ihre Ersparnisse rasch. Neben ihrer Arbeit bei Mrs. Cassidy hatte sie noch einige andere Jobs, so kochte sie bei Taufen, Erstkommunionen, Bar-Mizwas und Pensionierungspartys.

Aber die Abende verbrachte sie wie bisher bei Mrs. Cassidy und ihren Pensionsgästen am Esstisch.

Noch immer wusste Chicky nichts über Mrs. Cassidys Lebensgeschichte und hatte auch selbst keinerlei Details über ihr Leben preisgegeben. Daher war sie sehr überrascht, als Mrs. Cassidy ihr vorschlug, ihrem Heimatort Stoneybridge einen Besuch abzustatten.

»Du solltest jetzt fahren, sonst ist es irgendwann zu spät, und du musst immer mehr erklären. Wenn du dieses Jahr auf einen Kurzbesuch hinüberfliegst, fällt dir das viel leichter.«

Und es fiel ihr tatsächlich leichter, als sie gedacht hatte.

Im nächsten Brief kündigte Chicky ihren Besuch in Stoneybridge an. Walter müsse für eine Woche geschäftlich nach Los Angeles, schrieb sie, und habe ihr vorgeschlagen, die Zeit zu nützen, um nach Irland zu fliegen. Sie würde sich wirklich sehr über einen Besuch zu Hause freuen und hoffe, dass keiner etwas dagegen habe.

Fünf Jahre waren vergangen, seit ihr Vater ihr erklärt hatte, dass sie nie wieder einen Fuß über seine Türschwelle setzen dürfe. Doch jetzt hatte sich alles verändert.

Ihr Vater war ein anderer Mensch. Mehrere Herzanfälle hatten ihm die Augen geöffnet und gezeigt, dass er nicht alles in der Hand hatte, nicht einmal sein eigenes Schicksal.

Auch ihre Mutter machte sich nicht mehr so viel wie früher aus dem, was die Leute dachten.

Und sogar Chickys Schwester Kathleen – seit langem Ehefrau von Mikey und nun Mutter zweier Kinder namens Orla und Rory – hatte ihr verziehen, dass sie Schande über die Familie gebracht hatte.

Mary hatte inzwischen JP, den traurigen alten Farmer auf dem Hügel, geheiratet und war sanft wie ein Lamm.

Brian jedoch, der sehr unter der ablehnenden Haltung der O’Haras litt, hatte sich in die Arbeit gestürzt und bekam kaum mit, dass seine Schwester wieder zu Hause war.

Und so verlief dieser erste Besuch erstaunlich harmonisch, so dass Chicky von nun an jeden Sommer nach Hause fuhr und stets mit offenen Armen von ihrer Familie empfangen wurde.

In Stoneybridge unternahm Chicky kilometerlange Wanderungen und besuchte ihre Nachbarn, die sie mit Geschichten über ihr aufregendes Leben jenseits des Atlantiks unterhielt. Nur wenige Menschen aus diesem Winkel Irlands reisten jemals in die Staaten, und so konnte sie sicher sein, dass sie nie unerwarteten Besuch bekommen und dass nie ein Überraschungsgast aus Stoneybridge vor der Tür ihrer nicht existierenden Wohnung stehen und ihre sorgsam errichtete Fassade zum Einsturz bringen würde.

Bald fühlte Chicky sich zu Hause wieder wohl.

Oft traf sie sich mit ihrer Freundin Peggy, die sie über alle Dramen in der Strickfabrik auf dem Laufenden hielt. Von Nuala allerdings, die bereits vor langer Zeit nach Dublin gezogen war, hatten sie nie mehr etwas gehört.

Und auch die drei Schwestern Sheedy grüßten sie freundlich. »Immer wenn wir Chicky am Strand entlanggehen sehen, dann wissen wir, dass wieder Juli ist.«

Und Chicky freute sich und lächelte und erzählte ihnen und allen anderen, die es hören wollten, dass es für sie keinen schöneren Ort auf der ganzen Welt gebe als Stoneybridge. Und dabei habe sie schon viele schöne Plätze auf dieser Welt gesehen.

Das hörten die Leuten natürlich gern.

Es tat nun mal gut, gelobt und in seiner Entscheidung bestätigt zu werden, in Stoneybridge geblieben zu sein.

 

Natürlich wollte die Familie wissen, wie es Walter ging, und alle schienen sich über seinen Erfolg und seine Beliebtheit zu freuen. Doch falls sie sich schämen sollten, ihm unrecht getan zu haben, so verloren sie kein Wort darüber.

Aber eines Tages änderte sich das alles schlagartig.

Orla, Chickys älteste Nichte, war mittlerweile zu einem Teenager herangewachsen und plante, im folgenden Jahr mit Brigid, die aus der weitverzweigten Verwandtschaft der rothaarigen O’Haras stammte, nach Amerika zu fliegen. Nun wollte sie wissen, ob sie vielleicht ein paar Tage bei ihrer Tante Chicky und ihrem Onkel Walter unterkommen könnten. Sie würden ihnen auch bestimmt nicht auf die Nerven gehen.

Chicky ließ sich nichts anmerken.

Selbstverständlich könnten Orla und Brigid sie besuchen. Was für eine gute Idee. Sie würde sich sehr freuen, ihnen die Stadt zu zeigen. Das sei doch gar keine Frage. Innerlich war Chicky völlig durcheinander, aber äußerlich sah man ihr das nicht an. Sie durfte sich jetzt nicht aufregen. Später würde sie sich in Ruhe eine Lösung für ihr Problem überlegen. Jetzt musste sie mit dem gebührenden Enthusiasmus und in allen Details auf Orlas geplanten Besuch eingehen.

Orla wollte wissen, wie sie vom Flughafen in die Stadt kommen sollten.

»Selbstverständlich wird euch dein Onkel Walter am Kennedy-Airport abholen. Zu Hause könnt ihr euch dann ein bisschen frisch machen, und anschließend unternehmen wir mit der Circle-Line eine Bootstour rund um Manhattan, damit ihr einen ersten Eindruck bekommt. Am nächsten Tag fahren wir nach Ellis Island hinaus, und später besuchen wir China Town. Wir werden eine schöne Zeit zusammen verbringen.«

Und während Chicky in die Hände klatschte und Begeisterung heuchelte, kam es ihr so vor, als könnte sie sich den Besuch der beiden tatsächlich vorstellen. Sie sah Walter vor sich, der die zwei Mädchen aus Irland maßlos verwöhnte und lachend bedauerte, dass sie selbst keine Töchter hätten. Derselbe Walter, der sie nach ihren kurzen gemeinsamen Monaten in New York verlassen hatte und in den Westen des riesigen amerikanischen Kontinents gezogen war.

Der Schock war längst überwunden, und die Erinnerung an ihr reales Leben mit Walter verschwamm immer mehr. Eigentlich dachte Chicky nur noch selten daran. Doch ihr erfundenes, nur in ihrer Fantasie existierendes Leben stand ihr klar und deutlich vor Augen.

Denn dieses Konstrukt hatte sie überleben lassen. Dies und die Illusion, dass alle in Stoneybridge sich getäuscht hatten und nur sie, die knapp zwanzigjährige Chicky, es besser gewusst und eine glückliche Ehe und ein erfolgreiches Leben in New York geführt hatte. Aber all das wäre zerplatzt wie eine Seifenblase, hätten ihre Leute zu Hause gewusst, dass Walter sie verlassen und sie sich davon ernährt hatte, Fußböden zu schrubben, Badezimmer zu putzen und in Mrs. Cassidys Pension bei Tisch zu bedienen. Dass sie geknausert und gespart und sich außer der einen Woche in Irland ein Mal im Jahr nie einen Urlaub geleistet hatte.

Dieses erfundene Leben hatte sie für alles entlohnt.

Was sollte sie nun tun, um es für Orla und ihre Freundin Brigid Wirklichkeit werden zu lassen? Käme nach all den Jahren sorgfältig konstruierter Lügen doch noch die Wahrheit ans Licht? Aber davon würde sie sich jetzt nicht die gute Laune und ihren Urlaub verderben lassen. Darüber würde sie sich später Gedanken machen.

Doch als Chicky wieder in New York war und in ihr reales Leben eintauchte (ein Leben, das sich niemand aus Stoneybridge hätte vorstellen können), da wollte ihr einfach nicht einfallen, wie sie ihr Problem mit Orla und deren Freundin Brigid O’Hara hätte lösen können. Zu dumm aber auch. Warum konnten sich diese Mädchen nicht wie so viele andere junge Iren für Australien begeistern? Warum musste es ausgerechnet New York sein?

Am ersten Abend in Mrs. Cassidys Gästehaus brach Chicky die stillschweigende Vereinbarung, die sie vor langer Zeit getroffen hatten, und kam gleich zur Sache. »Ich habe ein Problem.«

»Gut. Wir werden nach dem Essen darüber reden«, versprach Mrs. Cassidy.

Mrs. Cassidy goss zwei Gläser Portwein ein, und Chicky erzählte zum ersten Mal einem Fremden ihre Geschichte. Und zwar von Anfang an. Wie bei einer Zwiebel legte sie Schicht um Schicht das Geflecht aus Lüge und Täuschung frei. Doch jetzt war das Spiel aus: Ihre Nichte wollte zu Besuch kommen und ihren Onkel Walter kennenlernen.

»Ich würde Onkel Walter sterben lassen«, entgegnete Mrs. Cassidy nach einer Weile.

»Wie bitte?«

»Ich würde ihn bei einer Massenkarambolage auf dem Long Island Highway ums Leben kommen lassen. Die Leichen waren bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt.«

»Das funktioniert nie.«

»So etwas passiert jeden Tag, Chicky.«

 

Und wie immer hatte Mrs. Cassidy recht.

Es funktionierte.

Eine entsetzliche Tragödie, der alltägliche Wahnsinn auf der Autobahn, ein Leben ausgelöscht. Zu Hause in Stoneybridge waren alle zutiefst erschüttert und planten bereits, zur Beerdigung nach New York zu kommen. Aber Chicky wollte nichts davon hören. Das Begräbnis sollte in aller Stille stattfinden. Walter hätte es so gewollt.

Chickys Mutter schluchzte ins Telefon.

»Chicky, wir waren so ungerecht zu ihm. Möge Gott uns verzeihen.«

»Ich bin sicher, das hat er schon vor langer Zeit getan.« Chicky klang sehr gefasst.

»Wir haben es doch nur gut gemeint«, beteuerte ihr Vater. »Wir haben uns für gute Menschenkenner gehalten, aber jetzt ist es zu spät, und wir können Walter nicht mehr sagen, dass wir uns in ihm getäuscht haben.«

»Glaub mir, er hat es auch so verstanden.«

»Können wir seiner Familie schreiben?«

»Ich habe ihnen bereits in eurem Namen kondoliert, Dad.«

»Die Armen. Sie müssen vor Kummer überwältigt sein.«

»Sie sind sehr stark. Es ist ihnen ein Trost, dass Walter ein gutes Leben hatte.«

Chickys Eltern wollten wissen, ob sie eine Todesanzeige in die Zeitung setzten lassen sollten. Nein, das sei nicht nötig. Sie würde ihren Kummer am besten verarbeiten, wenn sie für immer mit ihrem bisherigen Leben abschloss. Wenn sie wirklich etwas für sie tun wollten, dann sollten sie Walter in liebevoller Erinnerung bewahren und sie in Ruhe lassen, bis die Wunden verheilt waren. Im nächsten Sommer würde sie dann wie gewohnt nach Hause kommen. Sie müsse jetzt nach vorn schauen und an ihre Zukunft denken.

Für alle, die ihre Briefe lasen, hörte sich das sehr mysteriös an. Vielleicht hatte Chicky vor Kummer den Verstand verloren. Immerhin hatten sie dem lebenden Walter Starr großes Unrecht getan. Vielleicht sollten sie ihm wenigstens jetzt, da er tot war, ihren Respekt erweisen.

Chickys Freunde verstanden ihr Bedürfnis, in Ruhe gelassen zu werden, und sie hoffte, dass ihre Familie dies ebenfalls täte.

Doch Orla und Brigid, die ihre Tante in der schicken Wohnung an der Seventh Avenue hatten besuchen wollen, waren bitter enttäuscht. Jetzt würde sie kein Onkel Walter am Flughafen abholen, der geplante Urlaub musste ins Wasser fallen, und aus der Circle-Line-Bootsfahrt mit Chicky würde auch nichts werden. Wie es aussah, wollte ihre Tante nichts mehr mit ihnen zu tun haben.

Orlas und Brigids Chancen, jemals nach New York reisen zu dürfen, standen nun denkbar schlecht. Der Unfall hätte sich wirklich zu keinem schlechteren Zeitpunkt ereignen können.

 

Trotzdem blieb man in Verbindung und hielt Chicky über alle Neuigkeiten auf dem Laufenden. Die O’Haras waren nun offensichtlich vollkommen übergeschnappt und hatten angefangen, rund um Stoneybridge Land aufzukaufen, um dort Ferienhäuser zu errichten. Zudem waren zwei der betagten Schwestern Sheedy in diesem Winter an Lungenentzündung erkrankt und vom besten Freund des Greisenalters – wie man diese Krankheit nannte – dahingerafft worden.

Jetzt war nur noch Miss Queenie Sheedy übrig. Die skurrile alte Dame lebte in ihrer eigenen kleinen Welt, und Stone House verfiel praktisch über ihrem Kopf. Man munkelte, dass sie kaum mehr das Geld hatte, um notwendige Reparaturen zu bezahlen. Alle rechneten damit, dass sie das große Haus an den Steilklippe bald würde verkaufen müssen.

Chicky las diese Briefe wie Nachrichten von einem fernen Planeten. Trotzdem buchte sie im Sommer wieder ihren Flug nach Irland, packte dieses Mal jedoch mehr dunkle Kleidung ein als sonst. Sie trug zwar nicht offiziell Trauer, wie es ihrer Familie lieber gewesen wäre, verzichtete aber auf allzu grelles Gelb und Rot und bevorzugte stattdessen mehr Grau- und Blautöne. Auch ihre Wanderschuhe nahm sie wieder mit.

Bei ihren täglichen Wanderungen entlang der Strände und Steilküsten um Stoneybridge legte Chicky oft mehr als zwanzig Kilometer zurück. Durch Wälder und Wiesen streifend, kam sie dabei auch an den Baustellen der O’Haras vorbei. Allerdings hätten die Ferienhäuser im Finca-Stil mit schmiedeeisernen Toren und großzügigen Sonnenterrassen besser in ein milderes Klima gepasst als hierher an diese wilde, windgepeitschte Atlantikküste.

Auf einem ihrer Spaziergänge begegnete Chicky eines Tages auch Miss Queenie Sheedy, die ohne ihre beiden Schwestern noch zerbrechlicher und verlorener wirkte. Tröstend fielen sich die beiden Frauen um den Hals und drückten sich gegenseitig ihr Mitgefühl über den Verlust von Schwestern und Mann aus.

»Wirst du denn wieder zurückkommen, jetzt, da dein Leben dort drüben zu Ende und dein armer lieber Mann heimgegangen ist?«, fragte Miss Sheedy.

»Ich glaube nicht, Miss Queenie. Ich würde nicht mehr hierherpassen. Außerdem bin ich zu alt, um wieder bei meinen Eltern zu wohnen.«

»Das verstehe ich, Kindchen. Alles kommt immer anders, als man denkt, nicht wahr? Ich hatte stets gehofft, dass du eines Tages in Stone House leben würdest. Das war immer mein Traum.«

Und damit begann alles.

Zuerst war da diese verrückte Idee, dass Chicky das Anwesen auf der Klippe kaufen könnte. Stone House, in dessen verwildertem Garten sie als Kind gespielt und dem sie beim Schwimmen vom Meer aus sehnsuchtsvolle Blicke zugeworfen hatte. Das Haus, in dem ihre Freundin Nuala für die drei reizenden Schwestern Sheedy gearbeitet hatte.

So abwegig war der Gedanke nicht. Es liegt allein in unserer Hand, was passieren wird. Das hatte Walter immer gesagt.

Und war Mrs. Cassidy nicht ebenfalls stets dieser Ansicht gewesen?

Miss Queenie war restlos begeistert. Das sei die beste Idee seit der Erfindung des Toastbrots, wie sie sich ausdrückte.

»Ich werde allerdings nicht so viel zahlen können wie andere Käufer«, wandte Chicky ein.

»Wozu brauche ich in meinem Alter noch Geld?«, hatte Miss Queenie gekontert.

»Und eigentlich bin ich schon viel zu lange fort«, meinte Chicky.

»Aber früher oder später wärst du ohnehin zurückgekommen. Du kannst doch nicht leben ohne die Spaziergänge, aus denen du deine Kraft schöpfst. Und dann dieses besondere Licht und der Himmel, der sich ständig verändert. Du wirst sehr einsam sein allein in New York, ohne den Mann, der all die Jahre über so gut zu dir war. Du wirst bestimmt nicht an dem Ort bleiben wollen, wo dich alles an ihn erinnert. Komm zurück nach Hause. Jetzt sofort. Ich ziehe ins Erdgeschoss, ins Frühstückszimmer. Ich schleppe mich ohnehin nur noch mühsam die alten Treppen hinauf.«

»Das geht doch nicht, Miss Queenie. Schließlich ist es Ihr Zuhause. Ich kann das nicht übernehmen. Und was sollte ich schon anfangen mit einem so großen Haus?«

»Du könntest ein Hotel daraus machen.« Miss Queenie schien diese Lösung sehr einleuchtend. »Die O’Haras versuchen seit Jahren, mir mein Haus abzuschwatzen. Aber sie würden es bestimmt nur abreißen. Doch das will ich nicht. Ich werde dir helfen, Stone House in ein Hotel umzuwandeln.«

»Ein Hotel? Im Ernst? Ich soll ein Hotel führen?«

»Unter deiner Leitung wird das etwas ganz Besonderes werden – ein Ort für Menschen wie dich.«

»Aber jemanden wie mich, den gibt es kein zweites Mal. Keiner ist so verkorkst und kompliziert wie ich.«

»Da würdest du dich wundern, Chicky. Davon gibt es jede Menge. Außerdem werde ich nicht mehr lange hier sein. Bald werde ich meinen Schwestern auf dem Friedhof Gesellschaft leisten. Deshalb solltest du jetzt ganz schnell eine Entscheidung treffen. Dann können wir zu planen anfangen und uns Gedanken machen, wie wir Stone House wieder in altem Glanz erstrahlen lassen.«

Chicky war sprachlos.

»Weißt du, es würde mich wirklich sehr freuen, wenn du einziehen könntest, bevor ich von dieser Welt abtrete. Ich würde doch noch so gern mit dir Pläne schmieden«, bat Queenie. Und so setzten sie sich in der Küche von Stone House an den großen Holztisch und führten ein ernsthaftes Gespräch.

 

Kaum war Chicky nach New York zurückgekehrt, unterbreitete sie Mrs. Cassidy ihre Pläne. Diese nickte zustimmend.

»Sie trauen mir das wirklich zu?«

»Du wirst mir sehr fehlen, aber damit legst du den Grundstein für deine Zukunft.«

»Werden Sie mich besuchen und in meinem Hotel übernachten?«

»Selbstverständlich, und zwar im Winter, für eine Woche. Ich bin so gern im Winter in Irland, wenn es still ist und wenn die Menschen zur Ruhe kommen.«

Mrs. Cassidy hatte noch nie Urlaub gemacht. Das wäre ein absolutes Novum.

»Ich sollte wahrscheinlich jetzt gehen, solange Queenie noch am Leben ist.«

»Ja, du solltest so bald wie möglich loslegen.« Mrs. Cassidy hasste jegliche Zeitverschwendung.

»Aber wie soll ich das meiner Familie erklären?«

»Ach, weißt du, man muss nicht immer so viel erklären, wie du glaubst. Sag einfach, du hast das Haus mit dem Geld gekauft, das Walter dir vererbt hat. Das ist schließlich die Wahrheit.«

»Welche Wahrheit?«

»Immerhin bist du Walters wegen nach New York gekommen. Und weil er dich verlassen hat, hast du hart arbeiten müssen. Und das Geld, das du dabei verdient hast, hast du auf die Seite gelegt. Also könnte man sagen, dass er es dir quasi hinterlassen hat. Für mich ist das keine Lüge.« Und damit war für Mrs. Cassidy die Diskussion beendet.

In den kommenden Wochen transferierte Chicky nach und nach alle ihre Ersparnisse auf eine irische Bank. Es folgten endlose Verhandlungen mit weiteren Banken und Rechtsanwälten. Bauanträge mussten eingereicht, Baufirmen kontaktiert, Hotelverordnungen gewälzt und steuerliche Aspekte geprüft werden. Chicky hätte nie gedacht, dass so viele Dinge zu berücksichtigen waren, ehe sie mit ihrer Ankündigung an die Öffentlichkeit gehen konnte. Bis es so weit war, erzählten sie und Miss Queenie niemandem von ihrem Arrangement.

Doch schließlich war alles erledigt.

»Jetzt kann ich es nicht mehr länger hinausschieben«, sagte Chicky eines Tages zu Mrs. Cassidy, während sie den Esstisch abräumten.

»Es bricht mir das Herz, aber du solltest wirklich morgen fliegen.«

»Morgen schon?«

»Viel länger kann Miss Queenie nicht mehr warten, und irgendwann musst du es auch deiner Familie erzählen. Und zwar bevor sie es von anderer Stelle erfahren. Das ist besser so.«

»Aber wie soll ich an einem Tag mit allem fertig werden? Ich muss schließlich noch packen und mich verabschieden …«

»Gepackt hast du in zwanzig Minuten. Du hast ja nicht viel. Und die Männer in diesem Haus werden keine langen Reden schwingen und sich wortreich von dir verabschieden. Ebenso wenig wie ich.«

»Mir ist schon ganz übel bei der Vorstellung, dass ich Sie verlassen muss, Mrs. Cassidy.«

»Du wärst schön dumm, wenn du es nicht machen würdest. Schließlich wusstest du schon immer, wie man eine Gelegenheit beim Schopf packt.«

»Vielleicht wäre ich besser dran gewesen, wenn ich die Gelegenheit mit Walter Starr nicht ergriffen hätte«, erwiderte Chicky versonnen.

»So, tatsächlich? Und was wäre dann passiert? Du hättest Karriere gemacht in der Strickfabrik, hättest irgendwann einen hinterwäldlerischen Farmer geheiratet und sechs Kinder mit ihm bekommen, die du jetzt irgendwo unterzubringen versuchen würdest. Nein, ich finde, dass deine Entscheidungen durchaus Hand und Fuß haben. So auch dein Entschluss, an meine Tür zu klopfen und bei mir um Arbeit nachzufragen. Es war garantiert kein Fehler, dass du nach New York gekommen bist, und jetzt kehrst du zurück als Besitzerin des größten Anwesens weit und breit. Wenn das kein gesellschaftlicher Aufstieg ist.«

Chicky lachte. »Mrs. Cassidy, Sie sind die Beste.«

»Na, wenn du so zu reden anfängst, dann wird es Zeit, dass du schleunigst zu den keltischen Nebelschwaden und dem mystischen Zwielicht zurückkehrst«, meinte Mrs. Cassidy barsch, aber ihre Miene war viel weicher als sonst.

 

Die Mitglieder der Familie Ryan starrten Chicky mit offenem Mund an, als sie ihnen ihre Pläne eröffnete.

Sie wollte wieder nach Hause kommen? Für immer? Sie wollte das Anwesen der Sheedys kaufen und daraus ein Hotel machen, das im Sommer und im Winter geöffnet hatte? Keiner konnte das so recht glauben.

Der Einzige, der offen seine Begeisterung zeigte, war ihr Bruder Brian.

»Das wird den O’Haras einen gehörigen Dämpfer versetzen«, sagte er mit einem breiten Grinsen. »Die sind ja seit Jahren scharf auf das Haus. Aber sie hätten es ohnehin nur abgerissen und sechs Luxusvillen hingestellt.«

Chicky nickte. »Genau das hat Miss Queenie nicht gewollt!«

»Ich würde gern Mäuschen spielen, wenn sie es erfahren«, fuhr Brian fort. Er war nie darüber hinweggekommen, dass die O’Haras ihn ihrer Tochter nicht wert erachtet hatten. Sie hatte schließlich einen Mann geheiratet, der es fertigbrachte, einen großen Teil des O’Haraschen Vermögens bei Pferdewetten zu verlieren, wie Brian oft mit Genugtuung feststellte.

 

Chickys Mutter konnte es nicht glauben, dass ihre Tochter bereits am nächsten Tag bei Miss Queenie einziehen wollte.

»Es ist besser, wenn ich vor Ort bin«, erklärte Chicky. »Außerdem kann es nicht schaden, wenn jemand da ist, der Miss Queenie ab und zu mal eine Tasse Tee aufbrüht.«

»Und ihre eine Schüssel Porridge oder eine Packung Kekse spendiert. Das wäre auch kein Fehler«, warf Kathleen ein. »Mikey hat sie vor einer Weile mal dabei beobachtet, wie sie Brombeeren gepflückt hat. Die würden nichts kosten, hat sie gemeint.«

»Und du bist sicher, dass das Haus auch wirklich dir gehört, Chicky?« Ihr Vater hatte Bedenken. »Du bist nicht nur ihr Dienstmädchen, so wie Nuala damals, aber mit dem vagen Versprechen, dass sie es dir vererben wird?«

Chicky konnte ihre Familie beruhigen, dass ihr das Anwesen tatsächlich gehörte.

Langsam dämmerte allen, dass sie es tatsächlich ernst meinte, denn sie konnte jeden Einwand, den sie vorbrachten, mit guten Argumenten entkräften. Ihre Jahre in New York hatten aus Chicky eine gewiefte Geschäftsfrau gemacht, und die Vergangenheit hatte ihre Familie gelehrt, sie nicht zu unterschätzen. Diesen Fehler würden sie kein zweites Mal begehen.

Da ihre Tochter nicht zu Hause gewesen war, als die Eltern eine Messe für Walter hatten lesen lassen, bestellten sie nun eine weitere Gedenkmesse. Als Chicky in der kleinen Kirche in Stoneybridge saß, fragte sie sich, ob es wohl tatsächlich einen Gott gab, der ihnen zusah und alles mithörte.

Sehr wahrscheinlich kam ihr das allerdings nicht vor.

Doch alle anderen hier schienen dieser Ansicht zu sein. Die ganze Gemeinde stimmte ein in die Gebete, auf dass Walter Starrs Seele in Frieden ruhen möge. Hätte es ihn amüsiert, wenn er davon gewusst hätte? Oder wäre er schockiert gewesen, wie abergläubisch die Menschen in dieser kleinen irischen Stadt waren, wo er einst eine Urlaubsromanze erlebt hatte?

Jetzt, da sie wieder zu Hause war, würde Chicky erneut ihren Platz in der Kirchengemeinde einnehmen müssen. Das würde vieles vereinfachen. Sogar Mrs. Cassidy war in New York jeden Sonntag zur Messe gegangen. Auch eines der vielen Themen, über das sie nie gesprochen hatten.

Chicky ließ ihren Blick durch die Kirche schweifen, in der sie ihre Taufe, ihre Erstkommunion und ihre Firmung erlebt hatte. Hier hatten ihre Schwestern geheiratet, und hier beteten die Gläubigen nun darum, dass die Seele eines Mannes in Frieden ruhen möge, der sich noch bester Gesundheit erfreute. Sehr eigenartig war das alles.

Und so hoffte Chicky, dass ihre Gebete wenigstens irgendeinem anderen nützen würden.

 

Damit ihr Vorhaben nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt war, musste Chicky sehr geschickt vorgehen. So durfte sie sich auf keinen Fall die Konkurrenz zu Feinden machen, die bereits eine Bed-and-Breakfast-Pension führte oder im Sommer Cottages als Ferienhäuser vermietete. Aus diesem Grund erklärte sie jedem (ob er es hören wollte oder nicht), dass ihr Hotel etwas völlig Neuartiges sei und dass sie ihnen keine Gäste wegnehmen würde.

Systematisch klapperte sie alle Gaststätten und Pubs in der näheren und weiteren Umgebung ab und bemühte sich, deren Betreiber ins Boot zu holen. Ihre Gäste würden bestimmt Ausflüge an die Steilküste und in die Berge um Stoneybridge unternehmen, argumentierte sie. Im Gegenzug würde sie ihnen empfehlen, in den traditionellen Bars, Pubs und Gasthäusern der Region einzukehren, um das echte, authentische Irland zu erleben. Wenn man sie auf dem Laufenden hielt, was es dort alles an Suppen und anderen kleinen Gerichten gab, würde sie den Wirten und Besitzern jede Saison neue Kundschaft schicken.

Da Chicky weder den O’Haras noch ihren Hauptkonkurrenten in der Baubranche den Vorzug geben wollte, entschied sie sich für fremde Baufirmen aus anderen Teilen des Landes. Das war einfacher, als sich zwischen bekannten Unternehmen entscheiden zu müssen. Dasselbe galt für den Wareneinkauf. Wie leicht konnte jemand verärgert sein, wenn bekanntwurde, dass sie einen bestimmten Lieferanten bevorzugte.

So sorgte Chicky dafür, dass jeder ein Stück vom Kuchen bekam, und es gelang ihr tatsächlich, niemanden zu verstimmen.

Am wichtigsten jedoch war es, die richtigen Architekten zu finden und die Handwerker bei Laune zu halten. Und sie würde einen Geschäftsführer brauchen, aber das hatte noch Zeit. Er oder sie sollte bei ihr im Haus wohnen und ihr auch in der Küche zur Hand gehen. Aber wie gesagt, das konnte noch warten.

Chicky hatte auch bereits jemanden im Auge. Ihre Nichte Orla. Die junge Frau war intelligent und besaß eine rasche Auffassungsgabe. Sie liebte Stoneybridge und das Leben auf dem Land. Außerdem war sie sportlich und aktiv, eine begeisterte Windsurferin, und sie kletterte gern. Orla hatte einen Computerkurs in Dublin besucht und besaß einen Abschluss in Marketing. Was das Kochen betraf, das könnte Chicky ihr beibringen. Wichtiger war, dass sie gut mit Menschen umgehen konnte. Sie wäre bestimmt ein Gewinn für Stone House. Dummerweise schien die junge Frau aber lieber in London bleiben zu wollen, wo sie eine neue Stelle angetreten hatte. Sie erklärte nicht lange, sie ging einfach weg. Die jungen Leute haben es heutzutage viel leichter als wir damals, dachte Chicky. Orla musste weder um Erlaubnis fragen noch die Zustimmung ihrer Familie einholen. Sie war erwachsen, und keiner mischte sich in ihr Leben ein.

Chickys Pläne für das Hotel nahmen langsam Gestalt an. Acht Gästezimmer waren geplant, dazu eine große Küche mit großem Essbereich, wo alle Gäste gemeinsam die Mahlzeiten einnehmen sollten. Auf einem Trödelmarkt entdeckte Chicky einen riesigen alten Holztisch, der zwar täglich gescheuert werden musste, aber authentisch wirkte. Feine Mahagonimöbel, Platzdeckchen oder Tischdecken aus handgewebtem irischem Leinen hatten in ihrem Hotel nichts verloren. Alles musste zur Entstehungszeit des Hauses passen.

Ein Schreiner am Ort fertigte vierzehn Stühle für sie an, und ein zweiter Handwerker restaurierte eine alte Anrichte für das Geschirr. Gemeinsam mit Miss Queenie besuchte Chicky Auktionen und Verkaufsausstellungen in der Umgebung, wo sie sich mit den passenden Gläsern, Tellern und Schüsseln eindeckte.

Dabei lernten sie auch Restaurateure kennen, die sich noch darauf verstanden, die alten Teppiche aufzufrischen und das abgewetzte Leder auf den kleinen antiken Tischen zu erneuern.

Dies freute Miss Queenie besonders, und sie wurde nicht müde, zu betonen, was für ein Wunder es doch sei, dass alle ihre alten Schätze bald wieder in neuem Glanz erstrahlen sollten. Wie würde das ihre Schwestern freuen. Miss Queenie war nämlich überzeugt davon, dass die beiden genau über alles Bescheid wussten, was in Stone House vor sich ging, und ihnen bewundernd von oben zusahen. Es war rührend, dass sie ihre Schwestern an einem glücklicheren Ort wähnte, wo sie nur darauf warteten, dass das Hotel endlich eröffnete und sie dabei zusehen konnten, wie die Gäste in Stoneybridge ein und aus gingen.

 

Ein wenig heikel war es jedoch, als Miss Queenie Walter Starr ins Spiel brachte, der ihrer Meinung nach den beiden Miss Sheedy im Himmel Gesellschaft leistete und jeden Fortschritt seiner tapferen und mutigen Witwe beklatschte.

Was ihre Familie betraf, so versäumte Chicky es nicht, sie wöchentlich über ihre Pläne auf dem Laufenden zu halten, damit ihre Eltern und Geschwister stets einen gewissen Informationsvorsprung besaßen. Das steigerte ihr Ansehen im Ort enorm. Denn so wussten sie bereits vor allen anderen, dass die Bauanträge genehmigt worden waren, dass man plante, einen ummauerten Küchengarten anzulegen, um eigenes Gemüse anzupflanzen, und dass im ganzen Haus eine neue Ölzentralheizung eingebaut werden sollte.

Wahrscheinlich würden sie auch einen professionellen Innenarchitekten benötigen, obwohl Chicky und Miss Queenie eine recht genau Vorstellung davon hatten, wie das Hotel aussehen sollte. Schließlich wollten sie ein anspruchsvolles Publikum ansprechen, das nicht wenig Geld dafür ausgeben würde. Und da musste alles passen. Was in Chickys Augen elegant war, mochte für einen anderen der reinste Kitsch sein.

Sie besaß nun mal keinerlei Erfahrung bei der Einrichtung von Landhotels, auch wenn sie sich in den entsprechenden Zeitschriften alle möglichen Hotels und Landhäuser angesehen hatte. Und Mrs. Cassidys Gästehaus war in Sachen Stil nicht unbedingt ein Vorbild gewesen.

Es lag also noch eine Menge Arbeit vor Chicky. Unter anderem würde sie auch eine Website benötigen und Buchungen online vornehmen müssen. Für sie noch immer eine fremde Welt. Dies würde alles in Orlas Aufgabenbereich fallen, das heißt, falls sie je wieder aus London zurückkommen sollte. Chicky hatte bereits zwei Mal mit ihr telefoniert, aber ihre Nichte hatte sich nicht sehr gesprächig gezeigt und sich nicht festlegen wollen. Ihre Tochter sei eben ausgesprochen eigenwillig und ließe nicht mit sich reden, lautete der Kommentar von Kathleen, Chickys Schwester.

»Sie ist noch starrköpfiger, als du es je warst«, fügte Kathleen grollend hinzu. »Und das will was heißen.«

Chicky lachte. »Und jetzt schau dir an, wie gut ich mich gemacht habe.«

»Noch läuft der Laden nicht«, erwiderte Kathleen düster. »Wir werden ja sehen, wie gut du dastehst, wenn das Hotel eröffnet ist.«

Einzig Mrs. Cassidy in New York und Miss Queenie glaubten tatsächlich an ihren Erfolg. Alle anderen redeten Chicky nur nach dem Mund und hofften für sie, dass es gut laufen würde – so wie sie auch auf einen langen, heißen Sommer und auf einen Sieg der irischen Mannschaft bei der nächsten Fußballweltmeisterschaft hofften.

Manchmal wurde Chicky alles zu viel. Dann marschierte sie am Abend einfach los, wanderte die Klippen entlang und schaute lange hinaus auf den Atlantik, um Kraft zu sammeln.

Lange Zeit vor ihr hatten Menschen den Mut aufgebracht, in winzigen Booten aufzubrechen und über diese stürmische See zu segeln, ohne zu wissen, was sie dort drüben erwartete. Da konnte es doch wohl nicht so schwierig sein, ein Landhotel zu eröffnen, oder? Gestärkt kehrte Chicky danach wieder ins Haus zurück, wo Miss Queenie in die Küche eilte und für sie beide einen Becher heiße Schokolade zubereitete. Seit ihren Mädchentagen sei sie nicht mehr so glücklich gewesen, versicherte die alte Dame. Seit jenen Tagen, als sie und ihre Schwestern zu Jagdbällen gingen und darauf hofften, endlich einen schneidigen jungen Mann zum Heiraten zu finden. Dazu war es zwar nie gekommen, aber dieses Mal würde es funktionieren. Stone House sollte wieder zum Leben erwachen.

Woraufhin Chicky Miss Queenie beruhigend die Hand tätschelte und beteuerte, dass sie bald das Gesprächsthema Nummer eins im ganzen Land wären. Und während sie das sagte, glaubte sie fest daran, und alle ihre Sorgen waren wie weggeblasen. Ob das an der steifen Brise lag, die sie draußen durchgepustet hatte, an der tröstlichen heißen Schokolade, an Miss Queenies hoffnungsfrohem Gesicht oder an einer Kombination aus allem – auf jeden Fall hatte es zur Folge, dass Chicky in dieser Nacht wieder einmal gut schlafen konnte.

Am nächsten Morgen erwachte sie ausgeruht und war bereit, sich allen Aufgaben zu stellen. Und das war wichtig, denn in den vor ihr liegenden Monaten gab es jede Menge Herausforderungen, die auf sie warteten.

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Rigger

Rigger kannte seinen Vater nicht. Er war nie ein Thema gewesen. Auch seine Mutter Nuala kannte er im Grunde kaum. Zum einen arbeitete sie ständig und erzählte nur wenig über ihr früheres Leben im Westen Irlands in einem kleinen Ort namens Stoneybridge. Rigger wusste nur, dass sie in einem großen Haus als Dienstmädchen für drei alte Damen, die Schwestern Sheedy, gearbeitet hatte. Aber sie wollte nie über diese Zeit sprechen und auch nicht über ihre Familie zu Hause.

Meist tat er es mit einem Schulterzucken ab. Erwachsene waren nun mal nicht zu verstehen.

Nuala hatte nie etwas besessen, das nur ihr allein gehört hätte. Als Jüngste der Familie wurden die Kleidungsstücke an sie weitergereicht, die bereits alle Geschwister vor ihr aufgetragen hatten. Für Extravaganzen war kein Geld vorhanden, nicht einmal für ein Kommunionkleid, und als Nuala fünfzehn Jahre alt war, ging sie in Stellung zu den Schwestern Sheedy in Stone House. Das waren ganz feine Damen, alle drei.

Die Arbeit war hart. Steinböden mussten geschrubbt, Holztische gescheuert und alte Möbel poliert werden. Nualas Zimmer mit dem eisernen Bettgestell darin war winzig. Aber es gehörte ihr allein, und das war mehr, als sie jemals zu Hause gehabt hatte. Sehr begütert waren die Schwestern Sheedy auch nicht, und so war es im Haus ein ständiger Kampf gegen Feuchtigkeit und Schimmel und undichte Stellen im Dach. Nie war genügend Geld vorhanden, um das Haus anständig zu heizen oder ihm einen ordentlichen Anstrich zu verpassen. Und beides hätte es dringend nötig gehabt. Auch am Essen wurde gespart, aber daran war Nuala gewöhnt. Die vier Frauen aßen wie die Spatzen, doch niemals wäre es den drei Schwestern in den Sinn gekommen, bei Tisch auf Stoffservietten mitsamt den Serviettenringen zu verzichten und jede Mahlzeit mit einem kleinen Gongschlag anzukündigen. Nuala staunte nicht schlecht und kam sich vor wie in einem Theaterstück.

Hin und wieder erkundigte sich Miss Queenie, ob Nuala denn einen Freund habe, aber die anderen Schwestern schnalzten nur missbilligend mit der Zunge, als wäre dies kein passendes Thema, um es mit dem Dienstmädchen zu diskutieren.

Nicht dass es etwas zu diskutieren gegeben hätte. In Stoneybridge und Umgebung gab es nicht viele passende Kandidaten. Alle Freunde ihrer Brüder waren nach England oder Amerika ausgewandert, um dort Arbeit zu suchen, und für die O’Haras oder andere angesehene Familien am Ort war Nuala nicht gut genug. So hoffte sie, dass es ihr eines Tages wie Chicky ergehen und auch sie einen Sommerurlauber auf der Durchreise kennenlernen würde, der sich in sie verliebte und dem es nichts ausmachte, dass sie nur eine Hausangestellte war.

Und tatsächlich lernte sie einen jungen Mann kennen, einen gewissen Drew, die Abkürzung für Andrew. Er war ein Freund der O’Haras. Sie hatten alle zusammen am Strand Ball gespielt. Nuala saß in einiger Entfernung und bewunderte die Mädchen in ihren schicken Badeanzügen. Wie wunderbar musste es sein, einfach in die Stadt fahren und dort solche schönen Dinge wie bunte Korbtaschen und farbenfrohe Badetücher kaufen zu können.

Da kam Drew zu ihr herüber und fragte sie, ob sie mitspielen wolle. Nach einer Woche war sie unsterblich in ihn verliebt. Nach zwei Wochen waren sie ein Liebespaar. Es war alles so normal und natürlich, dass Nuala nicht begriff, weshalb sie und die anderen Mädchen in der Schule immer nur hinter vorgehaltener Hand darüber getuschelt hatten. Drew versicherte ihr, dass er sie liebe und dass er ihr jeden Tag schreiben würde, wenn er wieder in Dublin sei.

Er schrieb ihr genau einen Brief. Es sei ein zauberhafter Sommer für ihn gewesen, und er werde sie niemals vergessen. Eine Adresse hinterließ er ihr nicht, und Nuala wäre nie auf die Idee gekommen, die O’Haras danach zu fragen. Nicht einmal, als sie feststellte, dass ihre Periode ausblieb und dass wie wahrscheinlich schwanger war.

Als sie absolute Gewissheit hatte, wusste sie nicht mehr aus noch ein. Hätte ihre Mutter davon erfahren, es hätte ihr das Herz gebrochen. Noch nie im Leben hatte Nuala sich so allein gefühlt.

Sie beschloss, sich an die drei Miss Sheedy zu wenden.

Sie räumte den Tisch ab und spülte das Geschirr, bevor sie mit ihrer Geschichte herausrückte. Während sie erzählte, hielt Nuala die ganze Zeit über den Blick auf den Steinboden in der Küche gesenkt, um den Schwestern nicht in die Augen sehen zu müssen.

Die Damen waren schockiert. Es fehlten ihnen die Worte, um ihrem Entsetzen darüber Ausdruck zu verleihen, dass diese Ungeheuerlichkeit geschehen war, während Nuala unter ihrem Dach lebte.

»Was, um Himmels willen, wirst du jetzt tun?«, fragte Miss Queenie, Tränen in den Augen.

Miss Jessica und Miss Beatrice reagierten weniger mitfühlend, wussten aber auch keine Lösung.

Was hatte Nuala erwartet? Dass sie ihr den Vorschlag machten, das Kind in ihrem Haus großzuziehen? Dass sie sagen würden, mit einem Kind im Haus würden sie sich alle wieder jung fühlen?

Nein, das hatte sie nicht zu hoffen gewagt, aber wenigstens ein klein wenig Trost hatte sie erwartet und die Bestätigung, dass die Welt nicht gleich für sie untergehen würde, weil sie schwanger war.

Die drei versprachen ihr immerhin, dass sie Erkundigungen einziehen würden. Sie hatten von einem Ort gehört, an dem Nuala vielleicht bleiben konnte, bis das Baby geboren wurde und sie es zur Adoption freigeben konnte.

»Oh, aber ich werde mein Baby nicht weggeben«, widersprach Nuala.

»Aber du kannst das Kind nicht behalten«, erklärte Miss Queenie.

»Ich hatte noch nie etwas, das nur mir allein gehört. Abgesehen von dem Zimmer, das Sie mir gegeben haben, und dem Bett darin.«

Die Schwestern sahen einander an. Nuala schien nicht zu begreifen, was alles auf sie zukam. Die Verantwortung, der Ärger, die Schande.

»Wir leben schließlich im zwanzigsten Jahrhundert«, sagte Nuala, »nicht mehr im Mittelalter.«

»Ja, aber Father Johnson ist immer noch Father Johnson«, meinte Miss Queenie.

»Würde der fragliche junge Mann eventuell …?«, begann Miss Jessica zögerlich.