Verlag: Droemer eBook Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

Wiedersehen bei Brenda E-Book

Maeve Binchy  

4.5 (14)

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E-Book-Beschreibung Wiedersehen bei Brenda - Maeve Binchy

Das »Quentins« in Dublin ist ein Ort, an den die Menschen nicht nur wegen der kulinarischen Glanzlichter kommen - hier können sie sich geborgen fühlen und ungestörte Rendez-vous genießen. Ella Brady bekommt den Auftrag, einen Film über diese Dubliner Institution zu drehen. Sie lernt die Menschen im »Quentins« mit ihren Freuden und Sorgen kennen: Mon, die fröhliche australische Kellnerin, Quentin, den melancholischen Besitzer, Patrick und Brenda Brennan, für die das Lokal Ersatz für einen großen Verlust in ihrem Leben geworden ist, und all die Gäste, die das »Quentins« tagaus, tagein bevölkern. Ein Festschmaus für jede Leserin - anrührend, einfühlsam und lebensnah - eben eine echte Binchy!

Meinungen über das E-Book Wiedersehen bei Brenda - Maeve Binchy

E-Book-Leseprobe Wiedersehen bei Brenda - Maeve Binchy

Maeve Binchy

Wiedersehen bei Brenda

Roman

Aus dem Englischen von Gabriela Schönberger

Knaur e-books

Inhaltsübersicht

WidmungTEIL EINSKapitel einsKapitel zweiKapitel dreiKapitel vierQuentins GeschichteBrendas EntscheidungBlouse BrennanSehnsüchteTEIL ZWEIKapitel fünfKapitel sechsKapitel siebenKapitel achtDer KurzschlussDie FamilienfeierSinneswandelEin Umschlag aus braunem PackpapierWinterschlussverkaufTEIL DREIKapitel neunKapitel zehnKapitel elfVorspeisenEine emanzipierte FrauMolluskenCarissimaHeimkehrTEIL VIERKapitel zwölfKapitel dreizehnKapitel vierzehnKapitel fünfzehnKapitel sechzehn

Für Gordon,den besten aller Ehemänner.Danke für ein Leben voller Großzügigkeit,Verständnis und Liebe.

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TEIL EINS

Kapitel eins

Als Ella Brady sechs Jahre alt war, war sie zum ersten Mal im Quentins. Und es war auch das erste Mal, dass man sie mit »Madam« anredete. Eine Frau in einem schwarzen Kleid mit Spitzenkragen hatte sie an ihren Tisch geführt. Sie hatte erst Ellas Eltern Platz nehmen lassen und dann der Sechsjährigen den Stuhl hingehalten.

»Vielleicht möchten Sie ja hier sitzen, Madam, dann haben Sie einen guten Überblick«, sagte sie zu ihr. Ella war begeistert und kam sich kein bisschen komisch vor.

»Vielen Dank, ja, das wäre nett«, erwiderte sie gnädig. »Wissen Sie, ich bin zum ersten Mal hier.« Das nur für den Fall, man könnte sie für einen Stammgast halten.

Ihre Mutter und ihr Vater betrachteten sie wahrscheinlich wie immer voller Hingabe. Absolute Vernarrtheit – das war es, was aus allen Bildern aus ihrer Kindheit sprach. Ella erinnerte sich, dass ihre Mutter ihr ständig versicherte, sie sei das liebste und beste Mädchen auf der Welt, und dass ihr Vater seinem Bedauern Ausdruck verlieh, jeden Tag ins Büro gehen zu müssen, denn eigentlich würde er viel lieber den ganzen Tag bei seinem kleinen Mädchen zu Hause verbringen.

Einmal hatte Ella wissen wollen, weshalb sie keine Geschwister habe, wie das bei allen anderen der Fall zu sein schien. Ihre Mutter antwortete ihr, dass der liebe Gott ihrer Familie eben nur einmal Nachwuchs geschenkt habe, sie aber von Glück reden könnten, was für ein wunderbares Kind sie doch bekommen hätten. Erst Jahre später erfuhr Ella von den vielen Fehlgeburten und enttäuschten Hoffnungen. Doch damals hatte sie die Erklärung zufrieden gestellt. Außerdem bedeutete das, dass es niemanden gab, mit dem sie ihre Spielsachen oder ihre Eltern hätte teilen müssen, und das konnte nur gut sein. Ihre Eltern besuchten mit ihr den Zoo und zeigten ihr die Tiere, sie gingen mit ihr in den Zirkus, sooft dieser in der Stadt war, und einmal fuhren sie mit ihr übers Wochenende sogar nach London und fotografierten sie vor dem Buckingham-Palast.

Die Bradys wohnten in der Tara Road, in einem Haus, das sie viele Jahre, bevor die Preise in die Höhe schossen, gekauft hatten. Es war ein mehrstöckiges Gebäude mit einem großen Garten, was Ella die Möglichkeit bot, alle ihre Freundinnen aus der Schule dorthin einzuladen. Das Haus war in mehrere kleine Wohnungen unterteilt gewesen, als die Bradys es erwarben, sodass es auf jedem Stockwerk ein Badezimmer und eine kleine Küche gab. Die Eltern hatten es zwar so renoviert, dass ein richtiges Zuhause für eine Familie entstanden war, aber Ellas Freundinnen beneideten sie trotzdem um ihre eigene kleine Welt, die sie darin bewohnte. Es war ein friedliches, geregeltes Leben, das sie dort führten. Ihr Vater Tim ging jeden Tag zu Fuß in sein Büro. Der Hinweg dauerte zweiundzwanzig, der Heimweg neunundzwanzig Minuten, weil er dabei immer auf ein kleines Bier im Pub einkehrte und die Zeitung las.

Ellas Mutter, Barbara, war nur am Vormittag berufstätig. Sie traf täglich als Erste in den Büroräumen einer Anwaltskanzlei in der Stadt ein, gleich in der Nähe des Merrion Square. Wie sie voller Stolz immer betonte, vertraute man ihr vollkommen, dass sie alles vorbereitet hatte, wenn die Anwälte um halb zehn Uhr zur Arbeit kamen. Die Post war sortiert und wartete bereits auf dem Schreibtisch, und es war jemand da, der die ersten Anrufe entgegennahm und den Eindruck erweckte, als würde schon eifrig gearbeitet. War das getan, nahm sie sich den Inhalt ihrer Ablage vor – Barbaras Korb, wie er von allen genannt wurde –, in der Belege und alles, was mit Geld zu tun hatte, gesammelt wurde. Barbara wusste, dass sie eine äußerst tüchtige Buchhalterin war, und sie herrschte mit eiserner Hand über ihre vier schlecht organisierten und umständlichen Anwälte. Wo war die Taxiquittung, die in dem einen Fall angefallen war, wo die Rechnung für das neue Briefpapier, das jemand bestellt hatte? Gehorsam wie kleine Jungen lieferten die Herren ihre Belege bei ihr ab, die Barbara in dicken Aktenmappen aufbewahrte. Barbara fürchtete den Tag, an dem ein Computer sie ersetzen würde. Aber der war noch in weiter Ferne. Diese vier Herren würden nichts überstürzen. Am liebsten hätten sie noch mit dem Federkiel geschrieben, hätten sie die Wahl gehabt.

Mittags verließ Barbara Brady das Büro. Am Anfang noch, um Ella von der Schule abzuholen, aber selbst als ihre Tochter schon alt genug war, um mit einer Gruppe kichernder Teenager nach Hause zu gehen, blieb Barbara bei ihrer Halbtagsarbeit. Barbara wusste, dass sie in diesen viereinhalb Stunden mehr zustande brachte als die meisten in einem Fulltimejob. Und sie wusste auch, dass das ihren Arbeitgebern klar war. So war sie immer da, wenn Ella nach Hause kam, und es war für alle das Beste. Ella hatte einen Ansprechpartner, der ihr ein Glas Milch und Kekse servierte und sich ihre lebhaften Schilderungen, all die täglichen kleinen Dramen und Abenteuer anhörte. Und Barbara konnte ihr, wenn nötig, bei den Hausaufgaben helfen.

Nicht zuletzt bedeutete das auch, dass Tim Brady ein gepflegtes Zuhause und eine schmackhafte Mahlzeit vorfand, wenn er von seiner Arbeit bei der Anlageberatungsfirma zurückkehrte, die er im Laufe der Jahre mit zusehends weniger Begeisterung verrichtete. Und in ihm, der jeden Abend um dieselbe Zeit das Haus betrat, fand Ella ein zweites Publikum für ihre bunten, von den unterschiedlichsten Menschen bevölkerten Geschichten. Langsam glätteten sich dann die Sorgenfalten auf dem Gesicht ihres Vaters, wenn Ella ihm in den Garten hinaus folgte, zuerst als Kleinkind – kaum des Gehens mächtig –, später als langbeiniges Schulmädchen. Sie stellte ihm Fragen über sein Büro, die nicht einmal ihre Mutter zu fragen wagte. War Daddy in seinem Büro gut angesehen? Würde er jemals eine leitende Position innehaben? Und später, als Ella begriff, wie unglücklich ihr Vater war, fragte sie ihn, weshalb er nicht einfach irgendwo anders arbeitete.

Sicher hätte Tim Brady das Büro, in dem er sich so unwohl fühlte, verlassen und eine andere Stellung annehmen können, aber die Bradys waren nicht Menschen, denen eine Veränderung leicht fiel. Sie hatten lange gebraucht, um sich für eine Ehe zu entscheiden, und noch länger, um Ella in die Welt zu setzen. Da waren sie schon fast vierzig gewesen, eine völlig andere Generation als die Eltern der anderen kleinen Kinder. Aber das hatte die Liebe zu ihrer Tochter nur vertieft und sie in ihrer Entschlossenheit bestärkt, ihr alles zu geben, was das Leben zu bieten hatte. Um einen finanziellen Grundstock für Ellas Ausbildung zu schaffen, richteten sie den Keller ihres Hauses als abgeschlossene Souterrainwohnung ein und vermieteten diese an drei junge Frauen, die bei einer Bank arbeiteten. Nie gönnten sie sich selbst etwas. Die erste Zeit traf das in ihrer Umgebung auf großes Unverständnis. Konnte es sein, dass sie zu viel für das Kind taten?, fragten sich manche. Würden sie ihre Tochter nur über alle Maßen verwöhnen? Aber so wie Ella sich entwickelte, mussten selbst die größten Zweifler zugeben, dass die viele Liebe und Aufmerksamkeit ihr nicht geschadet hatten.

Ella war ein Mensch, der von klein auf über sich und andere lachen konnte. Sie wuchs zu einem hoch gewachsenen, selbstbewussten Mädchen heran, war offen und freundlich und schien ihre Eltern ebenso zu lieben, wie diese sie liebten.

Ella besaß ein Fotoalbum, in dem sie all die glücklichen Momente ihrer Kindheit sammelte und mit launigen Kommentaren versah: »Daddy, Mam und der Schimpanse im Zoo. Der Schimpanse ist der auf der linken Seite.« Sie konnte sich immer wieder köstlich amüsieren, wenn sie es betrachtete.

Sogar im Alter von dreizehn Jahren, wenn andere Kinder nicht mehr sonderlich am Familienleben interessiert sind, brütete Ellas blonder Schopf noch über den Fotos.

»War das das blaue Kleid, das ich bei Quentins anhatte?«, wollte sie einmal wissen.

»Unglaublich, dass du dich daran noch erinnern kannst!« Ihr Vater staunte.

»Gibt es das Restaurant noch?«, fragte sie weiter.

»Und ob, es ist nur schicker und teurer geworden, aber es ist immer noch am selben Ort und läuft gut.«

»Oh.« Sie schien enttäuscht zu sein, dass es offensichtlich teuer geworden war. Ihre Eltern wechselten einen Blick.

»Es ist lange her, seit sie das letzte Mal dort war, Tim.«

»Über die Hälfte ihres Lebens«, stimmte er seiner Frau zu, und sie beschlossen, am kommenden Samstag ins Quentins zu gehen.

Ellas neugierigen jungen Augen entging nichts. Das Restaurant wirkte tatsächlich viel luxuriöser als beim letzten Mal. Auf den dicken Leinenservietten war ein verschnörkeltes Q eingestickt, und die Kellner und Kellnerinnen trugen elegante schwarze Hosen und weiße Hemden oder Blusen. Sie kannten sich sehr gut mit den Speisen aus und erklärten dem Gast, wenn er es wünschte, wie sie zubereitet waren.

Brenda Brennan war das junge Mädchen, das sich so interessiert umsah, sofort aufgefallen. Sie war genau die Tochter im Teenageralter, die Brenda so gerne gehabt hätte. Sie lachte und scherzte mit ihren Eltern, war lebhaft, freundlich und schien tatsächlich dankbar zu sein, in ein so elegantes Restaurant zum Essen ausgeführt zu werden. So etwas bekam man nur selten zu sehen. Oft waren Kinder in dem Alter gelangweilt und mürrisch. An solchen Abenden sagte sie bisweilen zu Patrick, dass sie wahrscheinlich von Glück reden konnten, einem Dasein als Eltern entronnen zu sein. Aber dieses Mädchen hier war der Traum einer jeden Mutter. Und dabei sahen ihre Eltern gar nicht mehr so jung aus. Der Mann war vielleicht schon sechzig, er wirkte müde und ließ die Schultern hängen, die Mutter war Mitte fünfzig. Die Familie Brady konnte sich glücklich schätzen, noch so spät im Leben einen solchen Schatz geschenkt bekommen zu haben.

»Was essen denn Ihre Gäste am liebsten? Gibt es irgendwelche Lieblingsgerichte?«, wollte das Mädchen von Brenda wissen, als sie die Speisekarte an den Tisch brachte.

»Viele Gäste wissen vor allem unseren Fisch zu schätzen … wir bereiten ihn sehr einfach zu, nur mit einer simplen Sauce. Und selbstverständlich gibt es heutzutage viel mehr Vegetarier als früher, sodass sich unser Koch immer neue Rezepte ausdenken muss.«

»Das muss aber ein kluger Mensch sein«, bemerkte Ella. »Spricht er eigentlich mit Ihnen, wenn er arbeitet, ich meine, so ganz normal und ohne zu schreien, oder ist er eher launisch?«

»Oh, hin und wieder spricht er schon mit mir, wenn auch nicht immer normal. Aber schließlich sind wir verheiratet, sodass ihm gar nichts anderes übrig bleibt, sonst würde ich ihn umbringen.« Sie lachten, und Ella genoss es, wie eine Erwachsene behandelt zu werden. Dann ging Brenda an einen anderen Tisch weiter.

Ella fiel auf, dass ihre Eltern sie betrachteten.

»Was ist los? Habe ich zu viel geredet?«, fragte sie und blickte von einem zum anderen. Sie wusste, dass sie manchmal nicht zu bremsen war.

»Alles in Ordnung, Schatz. Ich dachte nur gerade, wie viel Freude es macht, dich auszuführen. Du weißt mit allem und jedem etwas anzufangen«, erklärte ihre Mutter.

»Und ich habe fast dasselbe gedacht«, sagte ihr Vater freudestrahlend.

Als Ella in die Highschool kam, stellte sie sich die Frage, ob ihre Eltern nicht vielleicht doch zu viel Verständnis für sie an den Tag legten. Alle anderen Mädchen aus der Schule beschrieben ihre Eltern als wahre Ungeheuer. Sie fröstelte bei dem Gedanken, dass plötzlich auch bei ihr alles anders werden könnte. Vielleicht gefiel es ihren Eltern ja irgendwann einmal nicht mehr, wie sie sich anzog, was sie studierte oder welchen Mann sie sich aussuchte? Bisher war ihr Leben fast schon gefährlich glatt verlaufen. Aber es änderte sich nichts, nicht einmal während der vermeintlich schlimmsten Zeit – der Pubertät, als Ella sechzehn, siebzehn Jahre alt war. Jedes andere Mädchen aus ihrer Schule befand sich im offenen Kriegszustand mit einem ihrer Elternteile. Überall gab es schreckliche Szenen, Tränen und Dramen. Nur nicht im Haushalt der Bradys.

Schon möglich, dass Barbara Ellas Partykleider als zu knapp und gewagt empfand und dass Tim die Musik, die aus Ellas Zimmer drang, für zu laut hielt. Vielleicht hätte Ella sich auch gewünscht, dass ihr Vater nicht in seinem gediegenen Mittelklassewagen draußen vor der Disco auftauchte und wartete, um sie am Ende des Abends nach Hause zu bringen, als wäre sie noch sechs Jahre alt. Aber falls einer von ihnen tatsächlich so etwas gedacht haben sollte, nie fiel ein böses Wort. Zwar gab Ella schon hin und wieder zu bedenken, dass ihr Vater ihretwegen zu viel Aufhebens machte und ihre Mutter sich zu sehr um sie sorgte, aber sie tat es auf liebevolle Art und Weise und wurde nie verletzend. Als sie achtzehn wurde und zur Universität gehen sollte, lebte sie noch immer in einem Elternhaus, wie es harmonischer und friedlicher nicht hätte sein können.

Ellas Freundin Deirdre wurde jedes Mal ganz blass vor Neid. »Das ist einfach ungerecht. Deine Eltern haben sich nicht einmal darüber aufgeregt, als du dich für Naturwissenschaften entschieden hast. Die meisten weigern sich doch kategorisch, einen machen zu lassen, was man will.«

»Ich weiß«, sagte Ella besorgt. »Es ist schon fast nicht mehr normal.«

»Und streiten tun deine auch nie«, grollte Deirdre. »Die meinen hacken ständig aufeinander herum, wegen Geld oder Alkohol … eigentlich wegen allem.«

Ella zuckte die Schultern. »Tja, meine trinken nicht, und da wir die kleine Wohnung vermietet haben, ist auch immer genügend Geld da … außerdem bin ich weder drogenabhängig noch sonst wie missraten, und vermutlich haben sie deswegen auch keine Sorgen.«

»Aber wieso sind sie dann bei mir zu Hause ständig wegen jeder Kleinigkeit auf hundertachtzig?«, jammerte Deirdre.

Ella zuckte die Schultern. Sie konnte ihrer Freundin keine Antwort geben … für sie war das nun mal kein Problem.

»Warte nur, bis wir die ganze Nacht wegbleiben und mit irgendwelchen Kerlen ins Bett gehen, dann wird das auch für dich problematisch«, sagte Deirdre drohend.

Aber merkwürdigerweise war nicht einmal das ein Problem, als es so weit war.

In ihrem ersten Jahr an der Universität hatten Ella und Deirdre sich mit Nuala angefreundet, die vom Land kam und eine eigene kleine Wohnung hatte. Und so musste Nualas Apartment immer als Erklärung herhalten, wenn es mal zu spät wurde oder der Heimweg allzu umständlich gewesen wäre. Ella fragte sich, ob ihre Eltern tatsächlich immer glaubten, was sie ihnen erzählte, oder ob sie nicht doch mal den Verdacht hegten, sie könnte auf irgendwelche Abenteuer aus sein. Vielleicht wollten sie es ja lieber gar nicht wissen und stellten vorsichtshalber keine Fragen, auf die ihnen eine ehrliche Antwort missfallen hätte. Ihre Eltern vertrauten einfach weiter darauf, dass sie – wie bisher auch – schon mit allem fertig werden würde. Gelegentlich fühlte sie sich ein bisschen schuldig, aber das kam nicht sehr häufig vor.

In den vier Jahren an der Universität verliebte Ella sich kein einziges Mal, was eher ungewöhnlich war. Aber sie hatte Sex, wenn auch nicht gerade häufig. Ihr erster Liebhaber war Nick, ein Kommilitone. Nick Hayes war in erster Linie ein Freund, aber eines Abends gestand er Ella, dass er in sie verliebt sei, seit er sie in der ersten Vorlesung gesehen habe. Sie sei so ruhig und gelassen gewesen, während er immer übereifrig und laut die falschen Dinge gesagt habe.

»Ich habe dich nie so erlebt«, erwiderte Ella wahrheitsgemäß.

»Das kommt wahrscheinlich daher, dass ich Sommersprossen und grüne Augen habe und als Mitglied einer großen Familie immer lautstark auf mich aufmerksam machen muss«, erklärte er.

»Also, ich finde das nicht schlimm«, sagte sie.

»Soll das heißen, dass du auch ein bisschen in mich verliebt bist?«, fragte er hoffnungsfroh.

»Ich weiß nicht recht«, erwiderte sie zögernd.

Er war so enttäuscht, dass sie seine Leidensmiene nicht ertragen länger konnte. »Könnten wir nicht einfach miteinander reden, statt übereinander herzufallen?«, fragte sie. »Ich würde nämlich gern mehr über dich wissen. Warum du ein Kunststudium für einen guten Weg hältst, irgendwann zum Filmemachen zu kommen … Tja, und noch viele andere Dinge mehr«, fügte sie lahm hinzu.

»Soll das heißen, dass du mich hässlich und abstoßend findest?«, fragte er.

Ella sah ihn an. Er versuchte, witzig zu sein, aber sein verletzter Gesichtsausdruck sprach Bände »Ich finde dich sehr attraktiv, Nick«, sagte sie schließlich.

Und so gingen sie miteinander ins Bett.

Aber es war kein großer Erfolg. Merkwürdigerweise waren sie weder traurig noch verlegen, nur etwas überrascht.

Nach ein paar weiteren Versuchen stellten sie übereinstimmend fest, dass sie sich von der Sache eigentlich mehr erwartet hatten. Nick gab zu, dass es auch bei ihm das erste Mal gewesen sei, und schlug vor, dass sie beide erst mal mit anderen Partnern, die etwas mehr von der Angelegenheit verstanden, Erfahrung sammeln sollten.

»Vielleicht ist es ja wie mit dem Autofahren«, sagte er ernsthaft. »Man sollte es von jemandem lernen, der weiß, was er tut.«

Danach war eine Sportskanone an der Reihe, Ella den Hof zu machen. Der Vorzeigesportler war sehr überrascht, als sie ihm erklärte, dass sie nicht mit ihm schlafen wolle.

»Bist du frigide oder was?«, hatte er sie gefragt.

»Ich glaube eigentlich nicht«, hatte Ella erwidert.

»Oh, ich denke schon«, meinte der Sportler, der nun doch etwas gekränkt war. Also überlegte Ella, dass es vielleicht nicht schaden könnte, wenn sie es einmal mit ihm versuchte. Schließlich eilte ihm der Ruf voraus, bereits jede Menge Frauen gehabt zu haben. Aber viel besser als mit Nick war es auch nicht, und da es kaum Gesprächsstoff zwischen ihnen gab, war es im Prinzip sogar noch schlimmer. Aber wenigstens das Kompliment bekam sie zu hören, dass sie definitiv nicht frigide sei.

Es folgten noch zwei weitere flüchtige Erfahrungen, die im Vergleich zu Deirdres und Nualas Abenteuern jedoch eher belanglos waren. Aber Ella ließ sich deswegen nicht entmutigen. Sie war zweiundzwanzig Jahre alt, hatte einen Abschluss in Naturwissenschaften und würde früher oder später schon noch die große Liebe finden. So wie jede andere Frau auch.

Nuala war die Erste, die sie fand. Frank war dunkelhaarig und äußerst attraktiv, Nuala war wahnsinnig verliebt in ihn. Als er ihr erklärte, dass er seinen beiden Brüdern nach London folgen und in ihrer Baufirma mitarbeiten wolle, war sie zutiefst verzweifelt.

Das erforderte unbedingt ein Notfallessen im Quentins. »Ich habe wirklich geglaubt, ihm würde etwas an mir liegen. Wie konnte ich mich nur so täuschen und demütigen lassen?«, jammerte sie Deirdre und Ella die Ohren voll, als sie an ihrem Tisch Platz nahmen.

Sie hatten für das frühe und billigere Happy-Hour-Dinner zwischen halb sieben und acht Uhr reserviert. Eigentlich war es für Theaterbesucher gedacht, die vor der Vorstellung noch etwas zu sich nehmen wollten. Das würde dem Restaurant die Möglichkeit geben, einen Tisch an einem Abend ein zweites Mal zu belegen. Aber Deirdre, Ella und Nuala machten an diesem Abend keine Anstalten, um acht Uhr aufzubrechen. Mon, die kleine, lebhafte blonde Bedienung, räusperte sich auffordernd einige Male, aber es nützte nichts.

Schließlich wandte Ella sich direkt an Mrs Brennan. »Es tut mir sehr Leid, ich weiß, dass wir schon längst weg sein sollten, aber wir haben an unserem Tisch eine große Krise zu bewältigen und versuchen gerade, wenigstens die ärgsten Wogen zu glätten.«

Brenda hatte Humor und musste trotz der Gäste, die an der Bar bereits auf einen freien Tisch warteten, lachen.

»Na, dann glätten Sie erst mal in aller Ruhe die Wogen«, erwiderte sie gutmütig.

»Schick den Dreien eine Flasche roten Hauswein an den Tisch und schreib dazu: ›Zur Krisenbewältigung‹«, wies sie Mon an.

»Ich dachte eigentlich, wir würden sie endlich rauswerfen«, knurrte Mon.

»Natürlich hast du Recht, Mon, aber in unserem Gewerbe müssen wir auch flexibel sein«, sagte Brenda.

»Aber gleich eine ganze Flasche, Mrs Brennan?« Mon war immer noch verwirrt.

»Ja, aber keinen besonders guten Wein. Einen von Patricks Fehlgriffen. Je eher der getrunken wird, desto besser«, fügte sie hinzu.

Bei den drei jungen Frauen am Tisch löste das Präsent größte Freude aus.

»Sobald wir zu Geld kommen, werden wir hier anständig speisen«, versprach Ella.

Und dann hielten sie Kriegsrat. Sollten sie Frank lieber gleich umbringen oder erst zu ihm nach Hause fahren und ihm drohen? Sollte Nuala sich innerhalb der nächsten zwei Stunden einen neuen Liebhaber suchen und Frank damit der Lächerlichkeit preisgeben? Sollte sie ihm einen verletzten, traurigen Brief schreiben, der ihm das Herz brechen und ihn vorzeitig zum Invaliden machen würde? Doch keine dieser Varianten erwies sich als notwendig, da Frank auf der Suche nach Nuala ins Restaurant kam. Von Seiten der drei jungen Frauen schlug ihm große Feindseligkeit entgegen, worüber er sich sehr wunderte. Sie schienen sich gegen ihn verschworen zu haben und gaben ihm keine Gelegenheit, mit Nuala alleine zu sprechen.

»Na gut«, meinte er schließlich, hochrot im Gesicht und fast den Tränen nahe. »Na gut, so hatte ich es zwar nicht geplant, aber wie ihr wollt.« Umständlich kniete er sich vor Nuala hin und holte einen Diamantring hervor.

»Ich liebe dich, Nuala, und ich habe darauf gewartet, von dir ein Zeichen zu bekommen, ob du dir vorstellen könntest, mit mir nach England zu gehen. Aber als von dir nichts kam, musste ich annehmen, dass du nicht mitkommen wolltest. Deshalb möchte ich dich jetzt bitten, mich zu heiraten.«

Nuala starrte ihn verzückt an. »Ich dachte, du würdest mich nicht mehr lieben und mich verlassen«, stammelte sie.

»Willst du mich heiraten?«, wiederholte er, mittlerweile dunkelrot im Gesicht.

»Frank, weißt du, ich dachte, deine Karriere wäre dir wichtiger …«

Eine Ader pochte gefährlich an Franks Schläfe.

»Ich war so sauer, dass ich mich sogar wegen einer Stelle in London erkundigt habe …«

Ella ertrug das grausame Spiel nicht länger. »Nuala, willst du ihn jetzt heiraten … ja oder nein?«, rief sie, und alle Gäste des Restaurants waren Zeugen, als Nuala antwortete, ja, selbstverständlich, und alle johlten und applaudierten.

Drei Monate später hatten Deirdre und Ella ihren großen Auftritt als Brautjungfern.

 

»Vielleicht lerne ich bei Nualas Hochzeit ja meine große Liebe kennen«, sagte Ella zu ihrer Mutter. »Ich werde wahrscheinlich kaum zu übersehen sein in diesem grauenvollen, knallorangeroten Kleid, das wir tragen sollen.«

»Du siehst doch in allem gut aus«, widersprach Barbara ihrer Tochter.

»Ach, komm, Mam, bitte. Wir zwei sehen darin aus, als sollten wir Benzin an einer Tankstelle verkaufen oder auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung Süßigkeiten verteilen.«

»Unsinn, du bist viel zu streng mit dir …«

»Deirdre hat erst gestern wieder gesagt, dass ihr zwei mir alles gebt, was ich haben will, und alles toll findet, was ich mache, mit einem Wort, dass ich ein verwöhntes Prinzesschen bin.«

»Das stimmt doch überhaupt nicht.«

»Aber, Mam, du nörgelst ja nicht einmal an mir herum, dass ich nicht in die Messe gehe.«

»Das kann ich schon tun, wenn du es gerne hättest. Aber was würde es nützen? Pater Kenny sagt, wir sollten uns um unsere eigenen Seelen und nicht um die anderer Menschen kümmern.«

»Das ist aber reichlich spät, dass Pater Kenny und die Kirche zu diesem Schluss kommen. Was war mit den Kreuzzügen und den Missionaren?«

»Ich nehme nicht an, dass du mir jetzt gleich erklären wirst, der arme Pater Kenny könnte persönlich etwas mit den Kreuzzügen und den Missionsstationen zu tun haben, oder?«, bemerkte Barbara lachend.

»Nein, natürlich nicht, und ich werde während der Trauungszeremonie auch höflich und respektvoll bleiben, auch wenn ich der Meinung bin, dass Nuala verrückt ist, diesen ganzen Zinnober in der Kirche mitzumachen.«

»Also brauchen wir Pater Kenny erst gar nicht zu benachrichtigen, wenn du mal an der Reihe bist?«

»Nein, Mam, aber bis es bei mir so weit ist, könnte es durchaus in sein, auf dem Planeten Mars zu heiraten.«

Ella traf bei Nualas Hochzeit nicht ihre große Liebe, aber Deirdre lernte einen von Franks verheirateten Brüdern kennen, der zur Hochzeit aus London gekommen war. Sie war sehr angetan von ihm.

»O bitte nicht, Deirdre. Ich bitte dich, schlag ihn dir aus dem Kopf«, hatte Ella gesagt.

»Was meinst du damit?« Deirdre hatte die Augen in gespielter Unschuld weit aufgerissen.

»Erstens habe ich es satt, für dich und diesen Dummkopf irgendwelche Ausreden erfinden zu müssen und Fotoaufnahmen so lange hinauszuzögern, bis die zweite Brautjungfer endlich geruht, völlig derangiert mit einem der Begleiter des Bräutigams wieder aufzutauchen. Was denkst du dir eigentlich dabei?«

»Nichts, das ist doch nur Spaß. Nuala würde es auch lustig finden – ganz bestimmt.«

»Nein, Deirdre, da täuschst du dich. Das ist jetzt ihr Schwager, jemand, den sie mit seiner Frau zweimal wöchentlich in London sehen wird. Nuala wird das nicht amüsant finden, und außerdem wird sie es gar nicht erst erfahren.«

»O Gott, du bist so negativ! So etwas macht man nun mal bei Hochzeiten, dafür gibt es sie schließlich.«

»Richte erst mal dein Kleid, Deirdre, es stehen noch ein paar Fotos an.« Ellas Stimme hatte einen Klang wie Stahl.

»Was soll das heißen – richte dein Kleid?«

»Na, zieh es hinten runter, es steckt nämlich in deinem Höschen.« Ella registrierte mit Befriedigung Deirdres verlegenes Gesicht, als sie sich vergebens verrenkte, um ihr Kleid, das wider Erwarten völlig korrekt saß, wieder in Ordnung zu bringen.

Ella sah bei der Hochzeit Nualas Cousine wieder, die sie seit Jahren nicht mehr getroffen hatte. Sie wollte gerade ihre Stelle als Lehrerin kündigen. Ob Ella vielleicht jemanden wüsste, der im Augenblick auf Arbeitssuche sei?

Ella erklärte, dass sie selbst Interesse daran habe.

»Ich wusste ja gar nicht, dass du unterrichten willst«, erwiderte die Frau überrascht.

»Ich auch nicht, bis zu diesem Moment«, sagte Ella lachend.

Auch ihre Eltern waren von der Ankündigung mehr als überrascht. »Du weißt doch, dass du weiterstudieren und noch zusätzliche Abschlüsse machen kannst. Das Geld ist da«, erklärte ihr Vater und deutete mit dem Kopf in Richtung des Apartments im Souterrain, wo die drei Damen aus der Bank sich glücklich schätzten, dafür zahlen zu dürfen, in einer so guten Straße wie der Tara Road zu wohnen.

»Nein, Vater, im Ernst, ich war sogar schon an der Schule, sie sind sehr nett dort. Es macht ihnen auch nichts aus, dass ich keine Erfahrung habe. Sie scheinen mich für fähig zu halten, mit den Kindern fertig zu werden. Na ja, immerhin bin ich ziemlich groß und kräftig … das ist schon eine Hilfe, wenn es mal hart auf hart kommt«, meinte Ella augenzwinkernd.

»Und einen guten Abschluss hast du ja auch«, warf ihre Mutter ein.

»Ja, sicher, das war natürlich auch von Nutzen, schätze ich. Auf jeden Fall muss ich nur dieses Lehrerdiplom nachmachen, aber das heißt Abendunterricht … und da die Schule in der Nähe der Universität liegt, habe ich mir überlegt …« Sie zögerte und wusste nicht sofort, wie sie ihr Anliegen, dass es an der Zeit wäre, von zu Hause auszuziehen, in Worte kleiden sollte. Doch ihre Eltern nahmen die Ankündigung sehr ruhig auf.

»Vielleicht wäre es ja nicht so schlecht, wenn du in die Souterrainwohnung ziehen würdest?«, meinte ihr Vater vorsichtig.

»Du könntest kommen und gehen, wann du wolltest, so wie die drei Mädchen von der Bank«, fügte ihre Mutter hinzu. »Kein Mensch würde dich stören.«

»Es geht nur um die Entfernung, Mam, ich habe keine Angst, dass ihr mich stört. Das habt ihr doch noch nie getan.«

»Weißt du, wir würden uns vielleicht tagelang nicht über den Weg laufen, unsere Mieter sehen wir ja auch kaum. Und die Wände sind dick, und man hört kaum etwas durch … «

Ella wusste, das war ihr letzter Versuch, dann würden sie nachgeben. »Nein, ich mache mir keine Sorgen, dass ihr meine wilden Partys bis oben hören könntet, Dad. Im Ernst, es geht mir wirklich nur darum, Zeit zu sparen und es bequemer zu haben. Außerdem werde ich euch oft besuchen und auch mal übers Wochenende bleiben, wenn ihr wollt.«

Damit war die Sache erledigt.

»Ich kann es nicht glauben, eine eigene Wohnung und ein Zimmer zu Hause. Da werde ich gleich blass vor Neid. Wieso fliegt dir eigentlich alles immer nur so zu, Ella Brady?«, fragte Deirdre.

»Weil ich ein anständiges Mädchen bin, deshalb«, entgegnete Ella. »Meinetwegen muss man sich nie Sorgen machen, das war noch nie der Fall. Deshalb ist mein Leben auch so unkompliziert.«

Und es lief tatsächlich alles bestens. Ella gefiel es recht gut an der Schule. Die anderen jungen Lehrer warnten sie vor möglichen Fallstricken – vor den Langweilern im Lehrerzimmer, vor der Gefahr, von irgendwelchen Kampagnen aufgefressen zu werden – und gaben ihr Ratschläge, wie man sich am besten auf Elternabende vorbereitete und sich eine bessere Ausrüstung für das Labor zusammenbettelte. Ella mochte die Kinder und ihre Begeisterungsfähigkeit. Es kam ihr so vor, als sei es erst gestern gewesen, dass sie auf der anderen Seite des Lehrerpults gesessen hatte. Auch der Abendunterricht war keine große Belastung, und die kleine Wohnung, die sie in einer von vielen Bäumen bestandenen Straße gefunden hatte, lag keine fünf Minuten von der Schule entfernt.

»Irgendwie fühle ich mich hier frei und unabhängig«, erklärte sie Deirdre.

»Ich verstehe eigentlich gar nicht, wieso du dir überhaupt die Mühe gemacht hast umzuziehen. Bei deinen Eltern hast du dein Essen pünktlich vorgesetzt bekommen, und einen Typen hast du hierher auch noch nicht mitgebracht, so wie es aussieht.«

»Woher willst du das denn wissen?«, fragte Ella lachend.

»Und, hast du?«

»Nein, zufälligerweise nicht, aber ich könnte ja.«

»Siehst du?«, meinte Deirdre triumphierend. »Dann verstehe ich nicht, weshalb du dich hier so frei und unabhängig fühlst, wirklich nicht.«

Und in gewisser Weise verstand es Ella ebenso wenig. Vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass sie hier nicht ständig den Zustand der Ehe ihrer Eltern vor Augen hatte. Die beiden waren alt geworden und mittlerweile weit in den sechzigern. Aber sie dachten gar nicht daran, mit dem Arbeiten aufzuhören und in den Ruhestand zu gehen, wie das andere Menschen ihres Alters taten. Sie hätten das große Haus in der Tara Road für viel Geld verkaufen und ein kleineres erwerben können. Dann hätte Mam nicht mehr jeden Tag mit bangen Erwartungen in die Anwaltskanzlei gehen müssen, wo man sie ihrer Meinung nach ohnehin nur noch aus reiner Güte beschäftigte. Und Dad wäre nicht mehr gezwungen gewesen, sich in einer Welt und unter Menschen zu bewegen, wo sich alles nur noch um Geld drehte.

Die beiden kamen doch gut miteinander aus. Oder etwa nicht? Sie stritten nie, wie sie Deirdre oft erklärt hatte. Einmal angenommen, sie hätten ihr Haus wieder in kleinere Wohnungen unterteilt und diese vermietet, dann hätten sie von den Mieteinnahmen leicht ihren Ruhestand finanzieren können. Aber sie würde das Thema erst mal nicht ansprechen, sondern die Idee reifen lassen.

Mindestens einmal in der Woche – und zusätzlich noch jeden Sonntag – ging Ella zum Abendessen nach Hause in die Tara Road. Aber sie blieb nie über Nacht. In ihrer Wohnung könne sie besser lernen, sagte sie. Nach ein paar Monaten schlug sie ihren Eltern vor, ihr Zimmer doch zu vermieten.

Nie im Leben war sie dabei auf solchen Widerstand gestoßen. Ihre Eltern fielen aus allen Wolken, dass ihr so etwas überhaupt einfallen konnte. Und in den Ruhestand wollten sie auch nicht gehen. Was sollten sie denn den lieben, langen Tag mit sich anfangen?

Schlagartig war Ella nicht mehr nach ihrem legendären Lachen zumute, und sie sah eine öde und düstere Zukunft vor sich. Wie leer musste das Leben von zwei Menschen sein, die angeblich glücklich verheiratet waren, aber den Gedanken nicht ertragen konnten, gemeinsam den Tag zu Hause zu verbringen, statt eine Arbeit zu machen, die sie ermüdend und aufreibend fanden.

»Ich wäre lieber Nonne, als in einer Ehe, die sich totgelaufen hat, nebeneinander her zu leben«, erklärte Ella Deirdre mit ernster Miene.

Deirdre arbeitete in einem betriebsamen Labor, wo sie Kontakt mit vielen Männern hatte.

»Bei deinem Lebenswandel könntest du ebenso Nonne sein«, erwiderte sie. »Ich glaube, du bist sogar eine, nur ohne Kutte.«

 

Die Zeit verstrich, aber hin und wieder erhielten sie ein Lebenszeichen von Nuala aus London. Sie hatte beschlossen, sich doch keine Arbeit bei fremden Leuten zu suchen, sondern lieber in der familieneigenen Firma als Empfangssekretärin anzufangen. Frank sei auch der Ansicht, dass es besser sei, wenn die Familiengeheimnisse innerhalb der Familie blieben, schrieb sie.

»Welche Familiengeheimnisse meint sie denn damit?«, wunderte sich Deirdre.

»Wahrscheinlich die Tatsache, dass ihre beiden Schwager alles vögeln, was dort herumläuft«, antwortete Ella trocken.

»Sehr komisch.« Trotzdem war Deirdre nicht klar, was die Brüder zu verbergen haben könnten.

»Ach, Dee, stell dich doch nicht so an. Überleg doch nur, wie sie bei der Hochzeit in ihren scharfen Anzügen herumstolzierten und alles und jeden taxierten. Diese Burschen haben mit Sicherheit keine Ahnung, was es heißt, Bücher anständig zu führen oder Steuern korrekt zu zahlen.«

»Du meinst wohl, alle Bauunternehmer sind Gangster. Das ist doch nur ein Vorurteil.« Deirdre war empört.

»Nein, denke ich nicht. Schau dir nur Tom Feather an! Seine Familie ist über jeden Verdacht erhaben. Viele andere Firmen arbeiten ebenfalls korrekt. Aber für Franks Sippe würde ich die Hand nicht ins Feuer legen.«

»Mal angenommen, du hast Recht. Meinst du, sie haben unsere Freundin Nuala in was hineingezogen?«, fragte Deirdre.

»Die arme Nuala. Ich hätte nur ungern mehr mit diesem Haufen zu tun«, meinte Ella.

»Komisch, mir würde es nicht so viel ausmachen, mit Eric, dem ältesten Bruder, etwas mehr zu tun zu haben«, bemerkte Deirdre lachend.

»Vielleicht bekommst du ja bald Gelegenheit dazu. Es soll hier in Dublin ein Familientreffen zu Ehren von Franks Eltern stattfinden. Wir sind auch eingeladen.« Ella las die letzten Zeilen des Briefs vor.

»Großartig. Ich werde mir einen von diesen geilen Strapsen besorgen.«

»Untersteh dich, Deirdre, das wirst du nicht. Die Hochzeit ist erst drei Jahre her, die haben dich noch nicht vergessen. Wir werden uns von Franks Familie lieber fern halten.«

Die Party wurde mit ungeheuerem Prunk und Pomp gefeiert. Es waren sogar ein paar Klatschkolumnisten und Fotografen eingeladen. Frank und seine drei Brüder posierten als Hauptdarsteller einer irischen Erfolgsstory und ließen sich mit Politikern und Prominenten, mit Eltern und Frauen ablichten.

»Schon ein bisschen übertrieben dieser ganze Rummel für einen vierzigsten Hochzeitstag, meinst du nicht? Die alten Herrschaften scheinen sich nicht sehr wohl in ihrer Haut zu fühlen«, ließ Deirdre verlauten.

Ella schob ihre Sonnenbrille auf den Kopf, um sich die Partygesellschaft näher anzusehen. »Nein, die beiden kommen ganz gut mit der Situation zurecht. Für Mam und Dad ist das ein triumphaler Augenblick. Jetzt können sie doch zeigen, was ihre Sprösslinge im Leben bisher alles erreicht haben.«

»Wieso magst du sie eigentlich nicht, Ella?«

»Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht, wenn ich ehrlich sein soll.«

»Glaubst du, Nuala ist glücklich?«

»Ich denke schon. Sie wirkt vielleicht ein bisschen abgehetzt. Aber sie hat bekommen, was sie wollte, also vermute ich, dass sie glücklich ist.«

Ella sollte diese letzte Bemerkung nie vergessen, denn in dem Moment, als sie das sagte, wurde ein Mann, der neben ihnen stand, von einem Pressefotografen zu ihrer Gruppe geschoben. »Bitte, Mr Richardson, könnten wir Sie noch mit auf das Foto nehmen.«

»Nein, vielen Dank, aber das ist eine Familienfeier. Das wäre nicht passend.«

»Es würde aber sicherstellen, dass wir das Foto auch in der Zeitung unterkriegen.« Der Fotograf bemühte sich, überzeugend zu klingen, aber ohne Erfolg.

»Nein, vielen Dank, wie ich bereits sagte. Ich würde mich viel lieber mit diesen beiden reizenden jungen Damen unterhalten.«

Ella drehte sich in Richtung der ruhigen, aber kraftvollen Stimme um und sah sich dem Finanzberater Don Richardson gegenüber, dessen Bild tatsächlich oft in der Zeitung zu sehen war. Aber die Fotos waren ihm nie gerecht geworden. Er sah gut aus, mit dunklem, welligem Haar und blauen Augen, aber was vor allem auffiel, war die Art, wie er sie ansah und die alle anderen in den Hintergrund treten ließ. Ella wusste, dass sie sich das nicht eingebildet hatte. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie Deirdre leicht die Schultern zuckte und wegging, um sie mit Don Richardson allein zu lassen.

Ella hatte nie Talent zum Flirten besessen. Ihr Freund Nick hielt das für eine Schwäche bei einer Frau. Männer liebten nun mal einen verheißungsvollen Blick unter dichten Wimpern. Ella sei zu direkt, meinte er, das würde den Zauber schmälern. Sie wünschte sich, sie hätte Nick besser zugehört, denn jetzt hätte sie zum ersten Mal gerne gewusst, wie man flirtet.

Selbst fünf Minuten mit Deirdre hätten ihr schon gereicht, aber ihre Freundin hatte sich langsam in die Gefahrenzone und zu Franks Brüdern vorgearbeitet.

Es stellte sich heraus, dass es gar nicht nötig war.

Er streckte die Hand aus und lächelt sie an. »Ella Brady aus der Tara Road. Wie geht es Ihnen. Ich bin Don Richardson. Es freut mich, Sie kennen zu lernen.«

»Woher wissen Sie meinen Namen?«, krächzte sie.

»Ich habe mich danach erkundigt. Danny Lynch, der Immobilienmakler, hat mir schließlich verraten, wer Sie sind. Er wohnt offensichtlich in Ihrer Nähe.«

Ella hörte sich sagen: »Ja, das heißt, gleich neben meinen Eltern. Ich bin nämlich ausgezogen, müssen Sie wissen, und habe meine eigene Wohnung.«

»Schön, das höre ich gern, Ella Brady«, erwiderte er. Und er hatte sie die ganze Zeit über angelächelt und ihre Hand gehalten.

Kapitel zwei

Irgendwie schaffte Ella es, vom Hotel aus alleine nach Hause zu kommen. Wahrscheinlich hatte sie ein Taxi genommen, überlegte sie hinterher, aber sie konnte sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern. Daheim setzte sie sich erst mal hin und sah sich in ihrer Wohnung um, ehe sie eine Art Bilanz des Abends zog. Was eben passiert war, hatte nichts mit ihr zu tun. So etwas geschah nur in albernen Filmen oder Zeitungsgeschichten, wo Liebe auf den ersten Blick das alles beherrschende Thema war. Don Richardson war nichts weiter als ein stadtbekannter Charmeur, ein mit allen Wassern gewaschener Profi, der sein Geld dadurch verdiente, dass er als vertrauensbildende Maßnahme seinem Gegenüber etwas zu lange die Hand hielt und ihm tief in die Augen sah. Heute Abend war mit Sicherheit auch eine Mrs Richardson anwesend gewesen, vielleicht sogar mehrere Damen, die den Herrn näher kannten. Und zu Hause warteten bestimmt kleine Richardsons auf ihren Vater und forderten Zeit und Zuwendung. Auf so etwas würde sich Ella Brady nie im Leben einlassen. Sie hatte die Tränen zu vieler Freundinnen getrocknet, die ihr fantasievolle Geschichten von Männern erzählt hatten, die ihretwegen ihre Frauen verlassen wollten. Diesem Club würde sie nicht beitreten. Frauen besaßen eine erstaunliche Fähigkeit, sich zum Narren halten zu lassen, Ella hatte es immer wieder mit ansehen müssen. Ihr würde so etwas nicht passieren.

Am nächsten Morgen wartete er vor der Schule auf sie. Er saß in einem nagelneuen BMW und lächelte breit, als sie näher kam. Ella wünschte sich, sie hätte etwas anderes angezogen. Aber er schien ihrer Garderobe keine Beachtung zu schenken.

»Sind Sie überrascht?«, fragte er.

»Sehr«, antwortete sie.

»Können Sie sich vielleicht einen Moment zu mir setzen? Bitte«, sagte er.

»Ich muss in den Unterricht.«

Sie stieg in den Wagen. Sie wollte etwas Witziges sagen, irgendeine flapsige Bemerkung, die verschleiert hätte, wie nervös und aufgeregt sie war.

Aber dann beschloss sie, lieber gar nichts zu sagen. Sollte er doch eine Erklärung abgeben.

»Ich bin einundvierzig Jahre alt, Ella. Ich bin seit achtzehn Jahren mit Margery Rice verheiratet, der Tochter von Ricky Rice, der theoretisch mein Boss ist, auf jeden Fall aber der Geldgeber unserer Firma. Ich habe zwei Söhne im Alter von sechzehn und fünfzehn Jahren. Die Ehe von Margery und mir besteht schon lange nur noch auf dem Papier; wir sind lediglich aus Bequemlichkeit zusammen, jedenfalls momentan noch. Margerys Vater und unsere beiden Söhne sind mit dem Arrangement zufrieden. Wir besitzen draußen am Meer, bei Killiney, ein Haus, und ich habe zusätzlich noch eine kleine Wohnung im Finanzzentrum gemietet.

Margery verbringt die meiste Zeit auf dem Golfplatz oder organisiert irgendwelche Wohltätigkeitsveranstaltungen. Wir führen vollkommen getrennte Leben. Sie würden keine Beziehung zerstören, wenn Sie zustimmen würden, heute gegen acht Uhr im Quentins mit mir zu Abend zu essen.« Er hielt den Kopf schief, als wartete er auf ihren Widerspruch.

»Es würde mich freuen, mich dort mit Ihnen zu treffen«, erwiderte Ella und stieg aus dem Wagen. Sie hatte weiche Knie, als sie das Lehrerzimmer betrat. Ella Brady, die in ihrem gesamten bisherigen Dasein als Lehrerin noch keine einzige Unterrichtsstunde versäumt hatte, ging geradewegs zum Direktor und erklärte ihm, dass sie gegen Mittag gehen müsse, es handele sich um einen Notfall. Sie ließ sich die Haare richten, die Fingernägel maniküren und die Beine enthaaren. Sie kaufte frische Blumen für ihre Wohnung, wechselte die Bettwäsche und räumte gründlich auf. Kritisch musterte sie das Ergebnis. Wahrscheinlich war die Mühe vergebens, aber es war klüger, vorbereitet zu sein.

»Sie waren beim Friseur«, sagte er, als sie sich in eine der Nischen im Quentins setzte.

»Und Sie sind nach Hause gefahren und haben sich umgezogen. Langer Weg nach Killiney und wieder zurück«, erwiderte Ella lächelnd.

»Wir gehen getrennte Wege, Ella, ob Sie es mir glauben oder nicht.« Don hatte wirklich ein umwerfendes Lächeln.

»Selbstverständlich glaube ich Ihnen, Don. Da dieser Punkt nun geklärt ist, sollten wir ihn auch nicht mehr erwähnen.«

»Gibt es für mich vielleicht noch irgendetwas zu klären? Irgendwelche Langzeitlieben, eifersüchtige Verehrer, potenzielle Verlobte?«

»Nichts in dieser Art«, entgegnete sie. »Ob Sie es mir glauben oder nicht.«

»Ich glaube Ihnen aufs Wort. Und jetzt freue ich mich auf ein wunderbares Essen.«

Die Zeit schien wie im Flug zu vergehen. Ella musste sich immer wieder ermahnen, ja keine dummen Bemerkungen der Art zu machen, dass es an der Zeit sei, ihn nach Hause zu schicken. Aber für Don war alles sonnenklar. Sie waren beide frei. Sie trafen sich entweder auf der Basis absoluter Freiwilligkeit und Eigenverantwortung oder überhaupt nicht. Damit war das Thema für ihn erledigt.

Don erzählte ihr von dem Mittagessen, das sie heute im Büro zum ersten Mal von einem auswärtigen Catering-Service hatten ausrichten lassen. Was musste es doch für eine Knochenarbeit sein, erst alles schön herzurichten und dann rasch wieder hinter den Angestellten abzuräumen, die soffen wie die Bürstenbinder, deren Bosse aber nicht sehen sollten, wie viele Wodkas und Tonics sie gekippt hatten.

Aber die beiden jungen Leute, die den Service betrieben, seien wirklich Klasse gewesen, sagte er, alles habe wie am Schnürchen geklappt, und er würde ihnen noch öfter Aufträge zukommen lassen. Und dann wollten sie nicht einmal Bargeld annehmen. Ihr Steuerberater sei besonders pingelig, was die Mehrwertsteuer angehe, hätten sie erzählt. Ella meinte, das würden doch alle Leute so machen.

»Natürlich, sicher tun sie das. Ich wollte den beiden von Scarlet Feather auch nur eine Chance geben.«

»Oh, Scarlet Feather, die beiden kenne ich! Tom und Cathy, die sind großartig«, bemerkte Ella, die sich freute, dass sie offensichtlich gemeinsame Bekannte hatten.

»Ja, sie machten mir einen ganz patenten Eindruck. Ich werde sie bestimmt wieder engagieren. So werden sie zwar nicht schnell reich werden, aber das ist ihre Angelegenheit.«

Weil sie nicht so schnell zu Geld kommen würden, schienen sie einen Moment lang in seiner Achtung gesunken zu sein. Ein Schatten legte sich über den Tisch. Vielleicht zählten für Rice und Richardson nur Menschen mit viel Geld.

»Woher kennen Sie eigentlich die Bauunternehmer, Eric und seine Brüder?«, fragte Ella.

»Oh, geschäftlich«, erwiderte er rasch. »Wir verwalten für die drei einige Kapitalanlagen. Und Sie?«

»Meine Freundin Nuala ist mit Frank, dem jüngsten Bruder, verheiratet«, antwortete sie.

»Die Stadt ist wirklich klein. Kaum zu glauben, dass Sie dieses Paar vom Catering-Service ebenfalls kennen. Aber sprechen wir über etwas anderes. Wie war denn Ihre Mittagspause, Ella, mein Engel?«

Ella erzählte ihm zwei kleine Anekdoten von dem älteren Lehrerkollegen, der befürchtete, die Mikrowelle würde sie alle verstrahlen, und von dem Sportlehrer, der seine Zähne eingebüßt hatte, als er in ein hartes Brötchen biss. Und sie erzählte ihm von den dritten Klassen, die beabsichtigten, eine Petition einzureichen. Ihrer Ansicht nach sei die Schuluniform gefährlich für pubertierende Mädchen. Sie würden dadurch nur der Lächerlichkeit preisgegeben. Aber in Wirklichkeit hatte sich an dem Tag nichts von alledem ereignet. In der Mittagspause war Ella wie ein Wirbelwind durch ihre Wohnung gefegt, um aufzuräumen und sich seelisch und körperlich auf alles, was dieser Abend noch bringen mochte, vorzubereiten. Trotzdem stimmten diese Geschichten, nur dass sie sich zu einem anderen Zeitpunkt im Lehrerzimmer ereignet hatten. Aber sie brachten ihn zum Lachen. Und es schien ihr von äußerster Wichtigkeit, Don Richardson bei Laune zu halten.

Es war kein Platz für Trübsinn, wollte man mit ihm befreundet sein oder eine andere Beziehung mit ihm haben.

Ganz und gar nicht.

Don Richardson fuhr sie nach Hause zurück.

»Ich habe diesen Abend sehr genossen«, sagte er.

»Ich auch.« Ella hatte einen Kloß im Hals und ein beklemmendes Gefühl in der Brust. Sollte sie ihn in ihre Wohnung bitten? Schließlich waren sie freie und eigenverantwortliche Menschen. Oder würde sie sich wie ein Flittchen benehmen? Aber warum eigentlich? Warum sollte für eine Frau nicht möglich sein, was für einen Mann normal war? Trotzdem, sie würde warten und ihn den Zeitpunkt bestimmen lassen.

»Also, Ella, mein Engel, ich habe Ihre Telefonnummer. Vielleicht können wir ja wieder einmal zusammen ausgehen?«, fragte er.

»Sicher, gerne.« Sie küsste ihn auf die Wange und stieg aus dem Wagen, solange sie noch die Kraft dazu hatte.

Er winkte und wendete.

Ella schwor sich, in Zukunft nicht einen Gedanken daran zu verschwenden, ob er die elf Meilen nach Süden, nach Killiney und der totgelaufenen Ehe, oder die eine Meile nach Norden, Richtung Stadt und Junggesellenapartment, zurücklegte.

Sie schloss ihre Wohnungstür auf und warf der Vase mit den teuren frischen Blumen, die sie erst vor wenigen Stunden darin arrangiert hatte, einen vorwurfsvollen Blick zu.

»Ihr wart mir auch keine große Hilfe«, sagte sie.

Die Blumen gaben keine Antwort.

Vielleicht sollte ich mir eine Katze oder einen Hund anschaffen, dachte Ella, etwas, das einen Laut von sich gibt, wenn ich allein nach Hause komme. Aber andererseits war es nicht gesagt, dass sie immer allein nach Hause käme.

Am nächsten Tag hatte ihr Vater Geburtstag. Ella hatte ihm einen Geschenkgutschein für ein Hotel in den Wicklow Mountains besorgt, einem richtig altmodischen Haus mit einem großen, verwilderten Garten. Als sie noch ein Kind gewesen war, waren sie am Sonntag hin und wieder zum Mittagessen hinausgefahren. Ihr Vater hatte ihr die Blumen gezeigt, und sie hatte ihre Namen gelernt. Ella erinnerte sich gern an das lächelnde Gesicht ihrer Mutter, die nachmittags im Garten gesessen und ihnen Tee eingegossen hatte.

Vielleicht würde es ihre Eltern ja freuen, wieder an diesen ruhigen, friedlichen Ort zurückzukehren. Der Gutschein umfasste ein Abendessen, Übernachtung und Frühstück und war irgendwann im Laufe des nächsten Monats einzulösen. Hoffentlich gefiel ihnen die Idee.

Beide waren begeistert davon. Ella traten fast die Tränen in die Augen, als sie ihre dankbaren Gesichter sah.

»Was für ein wunderbares Geschenk«, wiederholte ihr Vater ein ums andere Mal.

Ella fragte sich, wieso die beiden selbst nicht auf die Idee gekommen waren, wenn es sie so freute, vor allem ihre Mutter.

»Wir drei zusammen im Holly’s. Und übernachten werden wir auch noch!«, strahlte sie.

Ella wurde schlagartig klar, dass sie annahmen, sie würde ebenfalls mitkommen.

»Und, wann fahren wir?« Ihr Vater war mittlerweile aufgeregt wie ein kleines Kind.

»An einem Freitag oder lieber an einem Samstag?«, schlug Ella resigniert vor. Sie konnte ihnen jetzt unmöglich die Stimmung verderben und erklären, dass sie eigentlich nicht mitkommen wollte.

»Entscheide du«, sagte ihr Vater.

Don würde mit Sicherheit nicht an einem Samstag mit ihr ausgehen wollen, diese Zeit gehörte bestimmt seiner Familie.

Also einigten sie sich auf den kommenden Samstag. Gerade als Ella das Hotel anrufen und reservieren wollte, klingelte ihr Handy.

»Hallo«, meldete sich Don Richardson.

Ihr fiel auf, dass er sich nicht mit Namen meldete. Irgendwie war es arrogant, davon auszugehen, dass sie sofort wusste, wer er war. Aber Spiele dieser Art lagen ihr nicht.

»Oh, hallo«, sagte sie freundlich.

»Können wir reden?«, fragte er.

»Natürlich, immer«, erwiderte Ella, stand aber auf und ging zu der Wendeltreppe, die hinaus in den Garten führte. Sie warf ihren Eltern einen entschuldigenden Blick zu, als handelte es sich um einen Pflichtanruf, den sie entgegennehmen musste.

»Hätten Sie vielleicht Lust, am Samstag mit mir essen zu gehen?«

Ella warf einen Blick zurück ins Wohnzimmer. Ihre Eltern studierten den Hotelprospekt, als wäre es der Plan für eine Schatzsuche. Sie konnte jetzt unmöglich absagen.

Ella umklammerte den schmiedeeisernen Handlauf. »Es tut mir wirklich Leid, aber ich habe eben im Moment eine andere Verabredung getroffen, und es wäre schwierig …«

Er fiel ihr ins Wort.

»Das macht nichts, es war nur ein Versuch, es gibt noch andere Abende.«

Er schien auflegen zu wollen. Sie wusste, dass sie jetzt nicht anfangen durfte, ihn mit einem Wortschwall zu überschütten, aber sie wollte unbedingt weiter mit ihm reden.

»Ich wünschte wirklich, ich müsste nicht …«

»Aber Sie müssen«, sagte er steif, ehe sie noch Gelegenheit hatte, den Ausflug mit ihren Eltern abzusagen und ihm zuzusagen – ganz gleich, was er ihr auch vorgeschlagen hätte. »Ich melde mich wieder.« Und schon war er weg.

Während des ganzen Abendessens war Ella schwer ums Herz. Und hinterher, als sie ihrer Mutter beim Abwaschen half, führte sie ein erstaunliches Gespräch mit ihr.

»Ella, du hättest deinem Vater nichts Schöneres schenken können. Es ist genau das, was er jetzt braucht. Er steht in der letzten Zeit bei der Arbeit sehr unter Druck.«

»Aber warum bist du dann nicht schon früher mit ihm ins Holly’s gefahren, Mutter?« Ella hoffte, dass sie sich nicht so ungeduldig anhörte, wie sie sich fühlte. Ihre Mutter blickte sie erstaunt an.

»Aber was hätten wir zwei denn allein dort tun sollen? Uns die ganze Zeit über anstarren? Wir können ebenso gut hier bleiben und uns hier anschauen, statt allein dort hinzufahren.«

Ella sah ihre Mutter schockiert an. »Das ist nicht dein Ernst, Mam, oder?«

»Was?« Das Unverständnis ihrer Mutter war echt.

»Dass Vater und du euch nichts mehr zu sagen habt.«

»Aber was sollen wir denn noch miteinander reden, haben wir nicht schon alles besprochen?« Für ihre Mutter schien das eine Tatsache und das Natürlichste von der Welt zu sein.

»Aber wenn das wirklich so ist, weshalb verlässt du ihn dann nicht? Wieso trennt ihr euch nicht?« Ella stand fassungslos da und hielt sich an einem nassen Teller fest, bis ihre Mutter ihn ihr schließlich aus der Hand nahm.

»Ella, jetzt mach dich doch nicht lächerlich. Warum, um alles auf der Welt, sollten wir uns trennen? So einen Unfug habe ich ja noch nie gehört.«

»Es gibt Leute, die trennen sich deswegen.«

»Ja, aber nicht Menschen wie dein Dad und ich. Aber jetzt komm wieder mit ins Wohnzimmer, und wir besprechen unseren Ausflug ins Holly’s.«

Ella fühlte sich, als hätte ihr jemand eine federleichte, warme Wolldecke über den Kopf gelegt, die ihr langsam die Luft raubte.

Nach dem Essen mit ihren Eltern ging sie mit Deirdre ins Kino und danach noch etwas trinken. Sie unterhielten sich ganz normal wie sonst auch. Jedenfalls war Ella dieser Ansicht. Aber dann holte Deirdre noch einen Drink für sie und fragte Ella: »Hier gibt es auch Sandwiches. Möchtest du vielleicht eines?«

»Was?«, erwiderte Ella. »Ja, wie du meinst.«

»Gut, dann bringe ich dir eines mit Mäusedreck und Vogelscheiße mit«, meinte Deirdre munter.

»Was?«

»Oh, schön. Willkommen unter den Lebenden. Anscheinend bist du jetzt wieder ansprechbar«, feixte Deirdre lachend.

»Ich weiß nicht, was du meinst.«

»Ella, du hast von dem Film absolut nichts mitbekommen, du hast hinterher kein einziges Wort mit mir gesprochen. Du hast nur auf deinen Lippen gekaut und mit den Füßen gescharrt. Erzählst du mir jetzt alles oder nicht?«

Seit sie dreizehn Jahre alt war, hatte sie Deirdre immer alles erzählt, aber jetzt konnte sie nicht. Es war merkwürdig – einerseits war es zu viel, andererseits zu wenig, was sie zu erzählen hatte. Zu viel, dass sie sich in den völlig falschen Mann verliebt hatte und dass die dreißigjährige Ehe ihrer Eltern, die sie immer für glücklich gehalten hatte, im Grunde hohl und leer war. Und trotzdem war es zu wenig. Für Deirdre wäre das alles ganz einfach. Sie würde sagen, dass Ella sich den Mann schnappen solle, verheiratet oder nicht. Sie solle sich einfach nehmen, was sie wolle, aber darauf achten, sich nicht verletzen zu lassen. Und was die zerrüttete Ehe ihrer Eltern betraf, das sei eben so, bei allen Eltern.

»Es gibt nichts zu erzählen, Dee, ich bin heute nur ein bisschen nervös und schlecht gelaunt … das ist alles, ehrlich.«

»Mehr ist es doch nie, trotzdem erzählst du mir immer alles«, knurrte Deirdre.

»Weißt du, ich beneide dich wirklich um deine unkomplizierte Art, die Dinge zu sehen.«

»Nein, tust du nicht. Du hältst mich für wahllos, was Männer angeht, und für hartherzig … Jetzt komm schon, du beneidest mich ganz und gar nicht.«

»Doch, das tue ich. Aber erzähl mir lieber von deinem letzten amourösen Abenteuer.«

»Na ja, ich hatte ein scharfes Rendezvous mit diesem Don Richardson. Du weißt schon, dieser Finanztyp, den man ständig in der Zeitung sieht. Ein toller Typ ist das, der kann überhaupt nicht genug kriegen, sag ich dir.«

Deirdre hielt den Kopf schief und betrachtete prüfend Ellas Gesicht. Aber schon nach wenigen Sekunden meinte sie zerknirscht: »Ella, du Dummerchen, ich mache doch nur Spaß.«

Ella bekam keinen Ton heraus, sondern fasste sich mit beiden Händen an den Kopf, als versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen.

»Ella! Es stimmt nicht, ich habe mich nie mit ihm getroffen, du dummes Ding, du. Ich wollte doch nur herausfinden, ob er es ist, auf den du scharf bist.«

Ella ließ ihre Hände sinken.

»Und wie es scheint, hatte ich Recht«, fügte Deirdre hinzu.

»Woher wusstest du das?«, flüsterte Ella.

»Weil ich deine beste Freundin bin und weil du ihn an dem Abend bei Nuala, als er sich zu uns stellte, mit den Augen regelrecht verschlungen hast.«

»War das erst vorgestern?«, staunte Ella.

»Soll ich uns noch eine halbe Flasche Wein holen?«, schlug Deirdre vor.

»Lieber eine ganze«, antwortete Ella, deren Gesicht langsam wieder Farbe annahm.

 

Am Samstag darauf verließen die Bradys bereits am frühen Nachmittag die Tara Road. Sie wollten in Ruhe noch einen Abstecher in die Wicklow Mountains machen, ehe sie ins Holly’s weiterfuhren. Wenn Ella schon einen Ausflug mit ihren Eltern organisierte, dann richtig. Sie sollten diesen Tag und diesen Abend nicht so schnell vergessen. Merkwürdigerweise war Deirdre tief beeindruckt gewesen, dass sie es abgelehnt hatte, sich an diesem Samstag mit Don zu verabreden. Denn hätte sie sofort zugestimmt, hätte es ausgesehen, als sei Ella leicht zu haben. Er würde bestimmt wieder anrufen, Ella könne Deirdre vertrauen, sie habe Erfahrung in solchen Dingen.

Ella hatte ihre mitgebrachte Thermoskanne mit Kaffee und drei kleine Plastikbecher ausgepackt und bewunderte jetzt zusammen mit ihren Eltern die Landschaft in der warmen Nachmittagssonne. Auf den baumlosen Hügeln wuchsen hellgelber Stechginster und vereinzelte Büschel von dunkellila Heidekraut. Hier und da trottete ein mageres Schaf über die sanften Hänge und schien verwundert, dass es nicht mehr grünes Gras zu fressen gab.

»Nicht eine menschliche Behausung zu sehen, und dabei sind wir so nahe an Dublin. Ist das nicht erstaunlich?«, meinte Ella.

»Wie im Moor in Yorkshire. Ich war mal dort«, sagte ihr Vater.

Das hatte Ella nicht gewusst. »Warst du auch dabei, Mam?«

»Nein, das war vor meiner Zeit.« Sie klang sehr kurz angebunden.

»Diese Weite erinnert mich auch ein wenig an Arizona, nur dass die Wüste dort drüben rot ist«, erklärte Ella. »Wisst ihr noch, als ihr mir das Geld für die Tour mit dem Greyhound-Bus gegeben habt? Als Deirdre und ich auf Weltreise waren?«

»Da warst du einundzwanzig«, erinnerte sich ihre Mutter.

»Und alle drei Tage hast du uns eine Postkarte geschickt«, warf ihr Vater ein.

»Ihr wart sehr großzügig damals. Ich habe so viel gesehen, das ich nie vergessen werde. Und das habe ich nur euch zu verdanken. Deirdre musste sich das ganze Geld selbst verdienen und irgendwoher zusammenleihen. Ich glaube, sie hat immer noch nicht alles zurückgezahlt.«

»Wozu hat man denn ein Kind, wenn man es nicht einmal in Urlaub schicken kann?« Barbara Brady verzog missbilligend den Mund angesichts von Menschen, die ihre Aufgabe, Eltern zu sein, nicht ernst nahmen.

»Und was hat man von dem vielen Geld, wenn alles vorbei ist?«, fügte Tim Brady hinzu, der sein gesamtes Arbeitsleben – Stunden, Wochen, Jahre – damit zugebracht hatte, andere Menschen in Geldangelegenheiten zu beraten.

Wieder stand Ella vor einem Rätsel. Aber dann fiel ihr Deirdres Rat ein, sich wegen ihrer Eltern nicht den Kopf zu zerbrechen; es gab wahrscheinlich nichts, das sie hätte verstehen müssen.

Holly’s Hotel war voller Menschen, die meisten Gäste waren zum Abendessen extra aus Dublin gekommen. Aber die Bradys hatten ihre Zimmer vorbestellt, und so blieb ihnen noch ein wenig Zeit für einen kleinen Spaziergang im Garten und für ein entspannendes Bad. Anschließend trafen sie sich in der kleinen, liebevoll eingerichteten Bar auf einen Sherry und warfen schon mal einen Blick auf die Speisekarte.

»Ich muss sagen, das ist schon ein ganz besonderes Geschenk«, bemerkte ihr Vater.

»Du bist wirklich eine aufmerksame Tochter«, bestätigte ihre Mutter.

Ella erzählte ihnen von ihrer Gewohnheit, andere Gäste im Restaurant zu beobachten und sich Geschichten über sie auszudenken. Zum Beispiel dieses Paar am Fenster. Das waren bestimmt zwei Drogendealer aus Dublin, die mit der Absicht hierher gekommen waren, in einer gepflegten, respektablen Umgebung ein Wochenende zu verbringen und einmal zu erfahren, wie die »anderen« lebten.

»Meinst du wirklich?«, fragte ihre Mutter erschrocken.

»Natürlich nicht«, beruhigte sie Ella. »Das habe ich mir doch nur ausgedacht. Aber schaut euch mal die Gruppe dort drüben an – was haltet ihr von denen?«

Erst zögernd, aber dann mit wachsender Begeisterung ließen sich ihre Eltern auf das Spiel ein. »Das ältere Paar versucht das jüngere zu überreden, sich zur Hälfte am Kauf eines Bootes zu beteiligen«, schlug Tim Brady vor.

»Nein, nein, das jüngere Paar erklärt dem älteren gerade, dass sie pleite sind, und bittet um einen Kredit«, widersprach Barbara Brady.

»Ich glaube, dass sie wegen einer Gruppensexparty gekommen sind. Sie haben alle auf eine von Miss Hollys Anzeigen für ein Frauentausch-Wochenende geantwortet«, lautete Ellas Vorschlag.

Sie lachten gerade herzlich über die absurde Vorstellung, so etwas könnte ausgerechnet in einem Hotel wie diesem stattfinden, als Ella aufblickte und bemerkte, wie Don Richardson und seine Familie von der Bar ins Restaurant geführt wurden. Auch er sah in diesem Moment zu ihnen hinüber. Die Szene sollte sich für immer in Ellas Gedächtnis einbrennen. Die Bradys, die lachend an einem Tisch saßen, und Don, der seinem Schwiegervater, seinen sechzehn und fünfzehn Jahre alten Söhnen und seiner Frau Margery, die eigentlich Golf spielen oder eine ihrer Wohltätigkeitsveranstaltungen besuchen sollte, die Tür aufhielt. Margery, die keine stattliche, wettergegerbte Walküre war, sondern eine elegante Frau in einem eleganten Kostüm aus roter Seide und mit einer jener Handtaschen am Arm, die ein Vermögen kosteten. Sie war schmal und zierlich und blickte lächelnd zu ihrem Gatten hoch. Etwas, das Ella nie gelingen würde, da sie exakt so groß war wie er.

Ellas Vater war jetzt in die Speisekarte vertieft. Ob ein Salat aus geräucherter Forelle als Vorspeise wohl zu üppig wäre, wenn er sich für Guinness, Steak und Austernpastete entschied?

Ella prüfte kurz, ob die Gefahr bestand, dass sie in Ohnmacht fallen könnte. Was hatte das zu bedeuten? Sollte sie aus der Situation schließen, dass Don wegen ihrer Weigerung, sich mit ihm zu treffen, kurzerhand beschlossen hatte, die seltene Rolle des Familienmenschen zu spielen? War das nicht Selbsttäuschung der schlimmsten Art? Könnte sie gar in seiner Achtung sinken, weil sie mit ihren Eltern zusammen war? Oder war vielleicht genau das Gegenteil der Fall? Würde er sie ansprechen? Geistesabwesend bestellte Ella irgendetwas zu essen und wählte den Wein. Jetzt war es zu spät, darum zu bitten, das Essen oben in ihren Zimmern zu servieren. Sie musste sich der Situation stellen.

Ihr Platz im Restaurant befand sich ziemlich weit vom Tisch der Richardsons entfernt. Mit Blick zu ihr saßen die beiden halbwüchsigen Jungen und deren Großvater, das Ehepaar, das nichts mehr miteinander verband, hatte den Bradys den Rücken zugewandt.

Ellas Eltern waren immer noch damit beschäftigt, sich Geschichten über die anderen Gäste auszudenken. Nach Ansicht ihrer Mutter planten die beiden Frauen in der Ecke entweder gerade einen gigantischen Einkaufsbummel, oder sie trafen den Entschluss, ihren Vater in ein Altersheim stecken zu wollen. Ellas Vater meinte ihnen anzusehen, dass sie illegal in einen fremden Computer eingedrungen waren, dabei ein Vermögen ergaunert hatten und jetzt überlegten, wie sie es am besten ausgeben könnten.

»Was meinst du denn, Ella?«