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Die Diplom-Arbeit, die 1990 an der Universität Mannheim eingereicht wurde, zeichnet der Fall der Mauer aufgrund der Ausgaben der Frankfurter Rundschau, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und des Neuen Deutschlands des Jahres 19898 nach. In sieben Handlungssträngen werden die Entwicklungen, die zum Fall der Mauer führten, dargestellt.
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Seitenzahl: 167
Veröffentlichungsjahr: 2022
Yorck Wurms
Ein deutscher Herbst
Eine Analyse des Umbruchs in der DDR
© 2021 Yorck Wurms
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7497-8179-9
Hardcover:
978-3-7497-8180-5
e-Book:
978-3-7497-8181-2
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Ein deutscher Herbst — Eine Analyse des Umbruchs in der DDR
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Problemstellung
1.2. Vorgehensweise
2. Führung
2.1 Honecker contra Reinhold — Wie die DDR die Situation einschätzte
2.2. Der Umbruch
2.3 Die kurze Ära Krenz - der schrittweise Verfall der Machtpositionen
2.4. Der Versuch, sich an die Spitze der Wende zu setzen
2. 5. 9.November
2.6. Regierung erhält eigenes Gewicht
2.7. Keine Bonner Hilfe für Modrow
2. 8. SED will "normale" Partei werden
1.9. Neues Deutschland - nicht nur Chronist
2.10. Der Runde Tisch
3.1. Ungarn, das Axiom der Geschlossenheit des Ostblockes entfällt
3.2. Prag, die letzte Chance?
3.3. Die Flüchtlinge, ihre Gründe und die Reaktionen in der DDR
4. Opposition
4.2. Risse in der Opposition
4.3. Auch die Opposition kommt den Ereignissen nicht mehr nach
4.4. 10-Punkte-Plan nimmt der DDR die Luft zu Atmen
4.5. Die Opposition stellt sich der Frage der Wiedervereinigung
4.5. Leipzig – das Spiegelbild
5. "Blockflöten”
5.1. Zwei Risse im Block
5.2. Der Block ändert den Kurs
5.3. DDR-CDU setzt auf Wiedervereinigung
1. Bundesrepublik
6.1. Die Abwesenheit der Spitzenpolitiker
6.2. CDU kennt ihr Ziel, die SPD nicht
6.3. SDP, der unerwünschte Partner
6.4. 10—Punkte—Plan ändert die internationale Tagesordnung
6.5. Das fehlende Engagement der bundesdeutschen Öffentlichkeit
6.6. Das Tempo wird gedrosselt
6.7. SPD kann SDP nicht helfen
7. Siegermächte
7.1. Wer hatte Interessen an Veränderungen?
7.2. Siegermächte denken die deutsche Frage an
7.3. Das Tempo soll verlangsamt werden
7.4. Siegermächte stellen ihre Bedingungen
8. Schlußwort
Literaturverzeichnis
Abkürzungen
Namensregister
1. Einleitung
1.1. Problemstellung
Niemand war auf den Umbruch in der DDR vorbereitet, weder in der DDR noch außerhalb. Das Bild, welches man sich in der Bundesrepublik vom anderen deutschen Staat gemacht hatte, brach wie ein Kartenhaus zusammen. Wie wenig man sich in der Bundesrepublik mit der tatsächlichen Möglichkeit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten beschäftigt hatte, zeigt die Benutzung des Begriffs Wiedervereinigung. 40 Jahre lang wurde er klaglos von fast allen gebraucht. Erst als das tatsächliche Nachdenken über die deutsche Frage einsetzte wurde klar welch sonderbaren Beigeschmack der Begriff der Wiedervereinigung hatte, denn wiederzuvereinigen gab es nur das Deutsche Reich in den Grenzen von 1937.
So überraschend der deutsche Herbst kam, so in sich logisch war die Entwicklung. Es scheint, als hätte es nie eine Alternative zur Vereinigung gegeben. Diese wäre nur Anfang Oktober aufzuhalten gewesen, wenn es zu einer gewaltsamen Niederschlagung der Demonstrationen gekommen wäre.
Wie kam aber das bundesdeutsche DDR—Bild zustande? Politikern aller Parteien muß vorgehalten werden, daß sie ihre Kenntnis über den sozialistischen deutschen Staat in der Hauptsache über die Kontakte mit der Führung der DDR hatten. Es war nicht nur die SPD, die nach "Fototerminen" mit Honecker strebte. Erwähnt sei nur der von Strauß vermittelte Milliarden—Kredit und der Besuch von Honecker 1987 in Bonn. Die DDR war in der Bundesrepublik in Vergessenheit geraten, sie war allenfalls noch gut genug, unsere Müllberge zu entsorgen. Die Sorge um die tatsächlichen Lebensumstände in der DDR war in der Bundesrepublik nicht groß.
Letztmalig wurde dies durch die Werbekampagne deutlich, die als der Übersiedlerstrom einsetzte von der Bundesregierung veranstaltet wurde. Die Übersiedler wurden als junge, arbeitswillige und gut qualifizierte Arbeitskräfte begrüßt, mit denen man das angeschlagene deutsche Sozialversicherungssystem sanieren konnte; an die Zurückgebliebenen dachte kaum jemand. Und was war mit den Übersiedlern, die nicht diesen Adjektiven entsprachen?
So wie wir die DDR vergessen hatten, so war im umgekehrten Verhältnis die Bundesrepublik immer in der DDR präsent. Das West—Fernsehen lieferte täglich Bilder vom reichen Bruder— land. Aber es war mit 3 Mio. Westbesuchen1l von DDR—Bürgern bis zum August 1989 auch die konkrete Anschauung der Bundesrepublik. Zusätzlich berichteten über 5 Millionen bundesdeutsche Besucher 1988 in der DDR über die Lebensverhältnisse im westlichen Deutschland2. Diese Vorstellungen vom Westen waren wie ein schleichendes Gift, welches die DDR von innen aushöhlte. Ab dem 9. November konnte sich jeder DDR—Bürger ein eigenes Bild von der Bundesrepublik machen, dies verstärkte das Streben nach der Einheit.
Die DDR war auch ein Staat, der in der Vergangenheit lebte. Das beschreibt vor allem die Wahrnehmung der Geschehnisse durch Honecker zu sehr war er dem kalten Krieg und den alten Parolen aus der Nachkriegszeit verhaftete und daher war er nicht in der Lage, die neue Situation wahrzunehmen und auf sie angemessen zu reagieren. Der Kapitalismus hatte für die meisten Menschen in der DDR seinen Schrecken verloren und taugte nicht mehr als Feindbild.
Die Rahmenbedingungen für die Veränderungen lieferte die UdSSR und dies in zweifacher Hinsicht. Erstens, weil sie sich nicht mehr wie früher in die inneren Angelegenheiten einmischte und zweitens, weil sie durch die Reformen unter Gorbatschow für viele Menschen die Hoffnung auf Veränderungen gab: Dies war der Antrieb für viele, auf Veränderungen hinzuwirken.
1.2. Vorgehensweise
Einen Forschungsstand zum Umbruch gibt es nicht. Eine Analyse wird zusätzlich dadurch erschwerte das auch die DDR—Forschung in der Bundesrepublik auf den Umbruch nicht vorbereitet war. Daher muß die Geschichte der DDR unter der Kenntnis ihres Zusammenbruches neu analysiert werden. Erst wenn dies geschehen ist, kann versucht werden, den Umbruch umfassend zu erklären.
Was vermag also diese Arbeit zu leisten? Sie hat viel geleistet, wenn sie die richtigen Fragen stellt und versucht, die tatsächlich wichtigen Geschehnisse zu beleuchten. Aus einer Vielzahl von Geschehnissen, Worten und Fakten wurde versucht, das m.E. Wesentliche herauszuarbeiten. Sie soll Hinweise auf die Sachverhalte geben, die einer genaueren Prüfung bedürfen. Sollte dies gelungen sein, hat sie ihren Zweck erfüllt.
Als Quellen dienen die Ausgaben der Zeitungen der Frankfurter Rundschau (FR), der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) und des Neuen Deutschland (ND) vom 1.8. - 23.12.1989. Dieser Zeitraum umfaßt den Beginn der Fluchtbewegung über Ungarn und endet mit der Öffnung des Brandenburger Tores. Die Auswahl der beiden Frankfurter Zeitungen soll dazu beitragen, daß sich die verschiedenen politischen Sichtweisen ausgleichen. Das ND wird bis Mitte Oktober dazu dienen, zu zeigen, wie die offizielle Lesart war. Im Laufe der Zeit kann das ND aber auch als Quelle für Fakten herangezogen werden.
Die Arbeit ist vom Aufbau chronologisch, es wird aber immer wieder versucht, in den einzelnen Unterpunkten sich einer systematischen Sichtweise zu bedienen. Insgesamt werden sechs Handlungsstränge verfolgt, die nicht getrennt voneinander zu sehen sind; sie sind Mosaiksteine, die zu einem Bild werden sollen. Es sei an dieser Stelle vermerkt, daß auf, eine Chronologie der zahlreichen Demonstrationen sowie der einzelnen spektakulären Fluchten fast gänzlich verzichtet wird, da sie kaum einen Erkenntniswert besitzen. Sie sind die Tatsachen, die, die ganze Zeit präsent sind.
Die Arbeit beginnt mit der Darstellung der Politik der Führung. Bis zur Ablösung Honeckers ist sie durch Lähmung gekennzeichnet, obwohl ihr das gesamte Ausmaß von Fluchtbewegung und der anwachsenden Opposition bekannt war. Nach dem Wechsel versuchte Krenz, die sozialistische DDR zu stabilisieren. Er war zu keiner fundamentalen Änderung der Politik in der Lage, diese wäre nötig gewesen, um u.U. Vertrauen bei der Bevölkerung zu gewinnen. Sie war dadurch gekennzeichnet, daß sie immer das nachvollzog, was faktisch schon entschieden war. Mit der Aufgabe des Führungsanspruches der SED wurde ab Mitte November die Führung von der Regierung übernommen. Aber auch Modrow gelang es nicht, die Ereignisse unter Kontrolle zu bringen, obwohl seine Politik eher dazu geeignet war, dies zu erreichen als die von Krenz.
Im zweiten und dritten Teil wird die Fluchtbewegung und die Oppositionsbewegung behandelt die beide, auch wenn sie unterschiedliche Stoßrichtungen hatten, zusammengehören. Beide entwickelten sich parallel und waren aufeinander angewiesen. Bis Anfang Oktober wachsen beide Bewegungen an.
Die Fluchtbewegung wurde dann mit der Aussetzung des visafreien Verkehrs in die CSSR am 3. Oktober kurzfristig eingedämmt. Die Opposition war bis zu diesem Zeitpunkt so weit angewachsen, so daß die Situation entschieden werden mußte. Die Entscheidung fiel am 11. Oktober, als sich die Maxime des Politbüros von Konfrontation zu Dialog veränderte. Die Fluchtbewegung blieb weiterhin bestehen. Die Opposition wurde in der Folgezeit von der stürmischen Entwicklung überholt. Ihren Höhepunkt hatte sie bei Kundgebung am 4. November in Ost—Berlin. Die Grenzöffnung läutete ihren Bedeutungsverlust ein. Mit dem 10-Punkte-Plan von Kohl wurde ihr die Möglichkeit genommen, gestalterisch tätig zu werden.Die Risse bei den Blockparteien vor der Ablösung Honeckers waren sehr klein. Sie profitierten von der Bresche, die die Opposition geschlagen hatte. Sie regten sich erst nach dem Sturz von Honecker, als es ungefährlich war. In der Folge war vor allem die problemlose Wendung der DDR—CDU erstaunlich.
Der sechste Gliederungspunkt beschäftigt sich mit der Politik in der Bundesrepublik. Bis zur Grenzöffnung ist sie von Zurückhaltung geprägt. Danach bestimmt vor allem die CDU das Geschehen mit ihrem Ziel der Einheit und dem daraus resultierend 10-Punkte-Plan Das Verhalten der SPD ist von fortwährenden innerparteilichen Auseinandersetzungen über die Zielsetzung gekennzeichnet, die dazu führten, daß sie ohne Einfluß auf die tatsächliche Entwicklung blieb.
Im letzten Abschnitt wird das Verhalten der Siegermächte analysiert. Es wird gefragt, wer welche Interessen hatte und wie versucht wurde, diese durchzusetzen. Andere Länder werden nicht betrachtete obwohl gerade das Verhalten von Polen einer eingehenden Analyse bedürfte. Im Rückblick sieht manches viel klarer aus vor allem die deutschlandpolitische Position der UdSSR.
1 Vgl. Anwalt Vogel rät zum Verlassen der Ständigen Vertretung, In: FAZ, Nr.184, 11.8.1989, S.1
2 Vgl. Der deutsch—deutsche Reiseverkehr hat stetig zugenommen, In: FAZ, Nr.199, 29.8.1989, S.4
2. Führung
2.1 Honecker contra Reinhold — Wie die DDR die Situation einschätzte
Die Führung unter Honecker unternahm nie einen Versuch, das Problem der Ungarnflüchtlinge und der Massendemonstrationen politisch zu lösen. Eine Ursache könnte die Erkrankung von Honecker gewesen sein, der am 18. August operiert wurde und erst am 25. September wieder in der Öffentlichkeit auftrat. Die Frage ist aber, wie wurde die Situation und deren Konsequenzen eingeschätzt. Situation meint die Lage in Ungarn und die Opposition in der DDR. Konsequenz bedeutet: Wie reagiert die DDR—Bevölkerung auf die neue Fluchtmöglichkeit und die selbstbewußter werdende Opposition.
Fünf Antworten sind m.E. möglich:
Erstens: die Situation wurde von der Führung insgesamt falsch eingeschätzt. Somit bestand kein Handlungsbedarf, dies wäre die These des Realitätsverlustes.
Zweitens: die Situation wurde richtig eingeschätzt, die Konsequenzen wurden aber falsch eingeschätzt. Die DDR-Führung wußte, daß DDR—Bürger über Ungarn fliehen würden, sie ging aber davon aus, daß es sich hierbei nur um einige tausend handeln würde. Da diese Bürger wohl der Opposition zuzurechnen waren, stellten sie keinen Verlust für die DDR dar. Vielmehr wurde durch die Abwanderung eine Stabilisierung erwartet. Voraussetzung für diese Sichtweise war, daß das Volk die DDR und den Sozialismus mehrheitlich befürworteten.
Drittens: die Situation und deren Konsequenzen wurden richtig eingeschätzt. Trotzdem ließ man den Dingen ihren Lauf. Ziel könnte es gewesen sein, bewußt eine krisenhafte Situation herbeizuführen. Die Sowjetunion, so die Überlegung, würde dann letztlich das Honecker—System stützen und langfristig stabilisieren. Voraussetzung für diese Annahme war, daß die Sowjetunion nicht dazu bereit gewesen wäre, die DDR aus ihrem Einflußbereich zu entlassen.
Viertens: es wurde auf das Scheitern Gorbatschows spekuliert und damit auf die Zurücknahme der Reformen. Doch selbst Hardliner Ligatschow erklärte bei seinem Besuch in der DDR, daß der Prozeß der Umgestaltung keine Modeerscheinung sei und daß es dazu keine Alternative gebe3. Dies könnte bedeuten, daß es für die DDR aus sowjetischer Sicht außer dem Beginn von Reformen keine Möglichkeiten gab und daß die UdSSR selbst bei einem Führungswechsel den Reformkurs beibehalten würde.
Fünftens: die Situation und deren Konsequenzen wurde richtig eingeschätzt, aber man sah keine andere Möglichkeit, die sozialistische DDR zu retten, als an dem administrativen Sozialismus festzuhalten. Diese Einschätzung entspräche der Reinhold—These.
Tatsächlich beschäftigte sich das Politbüro nicht mit der Frage der Flüchtlinge und Demonstrationen. Mittag, der das Politbüro während der Abwesenheit von Honecker leitete, verweigerte jede Diskussion über diesen Themenkomplex4. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen5. Die Diskussion, die von einer Gruppe um Krenz ausgelöst wurde, entzündete sich an den Massenprotesten und der Fluchtwelle. Dies ist wichtig festzuhalten. Das Dilemma war die Gleichzeitigkeit der Ereignisse. Jeweils ein Problem hätte die Führung 1ösen können. Hätte es nur die Fluchtwelle gegeben, hätte die Schließung der Grenze zur CSSR ausgereicht. Hätte es nur die Demonstrationen gegeben, hätte es ausgereicht, diese niederzuschlagen. So aber vergrößerte eine Maßnahme gegen das eine Problem das andere. Als versucht wurde, die Demonstrationen Anfang Oktober gewalttätig zu unterdrücken führte dies zu Fluchtwellen; als die Grenze zur CSSR geschlossen wurde, nahmen die Demonstrationen zu. Der Umbruch wurde nur durch die Parallelität der Ereignisse ermöglicht. Wenn also in der DDR oder in der Bundesrepublik gefordert wurde, die Flüchtlinge sollen doch bleiben oder die Demonstrationen sollten beendet werden, so war dies indirekt der Aufruf dazu, die SED—Führung zu stabilisieren.
Das Verhalten der Führung unter Honecker ist bis zu seiner Ablösung davon gekennzeichnet, daß sie jedes Dialogangebot ablehnte. Sei es die Versuche von Kohl, einen direkten Kontakt mit Honecker herzustellen, das Absagen von Gesprächen mit der evangelischen Kirche sowie des Besuchs der SPD—Delegation und die Nicht—Annahme des Dialogangebotes des Neuen Forums (NF) Gruppendynamische Prozesse sind hierbei zu beachten. Es ist ein bekanntes Phänomen, daß eine Gruppe in einer krisenhaften Situation dazu neigt, sich von der Außenwelt abzuschotten und sich selbst in der eigenen Auffassung gegenseitig verstärkt. Vertrauliche Äußerungen von SED—Funktionären belegen, daß die SED—Führung an dem harten Kurs festhalten wollte6. Honecker charakterisiert die Politik so: "Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf7". Er berief sich darauf, daß jedes Land unter seinen Bedingungen die Gesellschaft aufbauen müsse8. Er ging damit sogar konform mit dem neuen Primat der sowjetischen Außenpolitik.
Dies war aber nur der eine Teil der Führung, es gab mit Reinhold einen führenden SED—Politiker, der die Situation exakt wahrnahm und auch die Konsequenzen richtig erfaßte. Reinhold hatte genaue Kenntnis über den inneren Zustand der DDR. So legte er 30—40 Gutachten über die Situation der DDR vor9. Seine These war, daß die DDR nur als ein sozialistischer Staat eine Existenzberechtigung hatte, Eine Übernahme von 1/8 Kapitalismus war für ihn undenkbar10. Eine genaue Betrachtung der Reinhold — These ergibt, daß sie die Problematik zusammenfaßte und die Entwicklung vorwegnahm:
• Ohne Sozialismus gab es für die DDR keine nationale Identität.
• Daraus folgernd gab es eine deutsche Frage.
• Folglich waren Reformen wie die in der UdSSR undenkbar. Denn eine Liberalisierung stellte sofort die Existenzberechtigung der DDR in Frage, was ja auch geschah. Dies ist genau der Ansatzpunkt der Politik von Kohl gewesen, wenn er wirtschaftliche Hilfen mit der Bedingung an Reformen knüpfte. Denn diese Reformen mußten letztlich zur Äuflösung der DDR führen.
• Die Konsequenz hieraus war, die DDR mußte an dem administrativen Sozialismus festhalten, wollte sie eine Existenzberechtigung haben oder behalten.
• Die Hoffnungslosigkeit der Menschen war ideologisch begründet.
• Die DDR konnte folglich so lange existieren, solange sie in der Lage war, Repressionen auf ihre Bürger auszuüben. Voraussetzung hierfür war die Solidarität des Ostblocks.
Die Politik innerhalb der Führung war schon zu diesem Zeitpunkt nicht mehr einheitlich, oder zumindest gab es erhebliche Kommunikationsprobleme. Hierfür seien zwei Beispiele angeführt. Erstens, die Begegnungen im Rahmen der Städtepartnerschaften zwischen der Bundesrepublik und der DDR wurden nur teilweise abgesagt11. Zweitens, bei dem Besuch von Tisch in der Bundesrepublik am 15. September in Stuttgart polemisiert er vormittags noch gegen die Gerüchte, daß die Delegation der SPD ausgeladen werden würde12. Am Nachmittag wurde sie dann ausgeladen. Denkbar ist hier aber auch, daß diese Entscheidung nur von einem sehr kleinen Personenkreis gefällt wurde, zu dem Tisch nicht gehörte.
Ebenfalls im September war Modrow in der Bundesrepublik. Mit seinen Äußerungen zu den Flüchtlingen zeigte er, daß ein Nachdenken unterhalb der Führungsebene hierüber eingesetzt hatte. Er sagte ungefähr das, was am 11. Oktober in der Erklärung des Politbüros "der Sozialismus braucht jeden" stand. Doch bis zu diesem ersten Einschnitt galt der Satz, den Honecker in den Kommentar des ND eingefügt hatte, daß "den Flüchtlingen keine Träne hinterherzuweinen sei13". Es war die Politik, die davon ausging, daß mit dem Ziehen lassen einiger tausend Flüchtlinge sich die Situation beruhigen lassen würde14. Daß diese These nicht richtig war, wußte wohl Wolf aus seiner langen Tätigkeit als Minister für die Staatssicherheit und Leiter der Abteilung für Aufklärung. Aus dieser Position heraus forderte er Toleranz und bekannte sich zu den russischen Reformen15.
2.2. Der Umbruch
In seiner Rede zum 40. Jahrestag der DDR stellte Honecker zum letzten Mal unter Beweis, daß mit ihm keine Kursänderung möglich war. Er zeichnete von den Errungenschaften der DDR ein Wunschbild, von dem er vielleicht sogar glaubte, es stelle die Wirklichkeit dar. Reformen mit ihm waren undenkbar.
Schenck argumentierte, daß es für die DDR—Führung zwei Möglichkeiten gab16: Erstens, die gewaltsame Unterdrückung, oder zweitens, die Einleitung von Reformen mit Beteiligung der Opposition. Da die gewaltsame Niederschlagung nicht stattgefunden hatte, wahrscheinlich auch wegen der fehlenden russischen Unterstützung für die Option, war klar, daß ein Führungswechsel erfolgen müßte. Denn selbst Honecker erkannte, daß die DDR an einem historischen Punkt angelangt war, und wie er die Situation lösen wollte, machte er daran deutlich, indem er Vergleiche zu den konterrevolutionären Unruhen in China zog17. Seine ablehnende Haltung gegenüber der Opposition dokumentierte er z.B. damit, daß er Gespräche in Leipzig zwischen NF und SED absagen ließ18.
Die Führung der SED brach auseinander, als sich Hager für Reformen aussprach19. Aber auch innerhalb des Apparates gab es Abstimmungsprobleme. So beschuldigte die Volkspolizei die Staatssicherheit, an den Ausschreitungen in Berlin schuld zu sein20. Die Frage stellt sich, woraus resultierten die Abstimmungsprobleme? Sie könnten Indiz für interne Auseinandersetzungen sein. Denkbar ist, daß sich die Staatssicherheit vielmehr verselbständigt hatte, als bisher angenommen. Das ND gab mit der breiten Berichterstattung über die "Ausschreitungen bei Volksfesten" zur 40. Jahrfeier zu, daß es sich um landesweite Proteste handelte21. Wichtiger als die Wendungen in der Führung waren indes die Kursänderungen der SED vor Ort, denn sie beruhigten die Situation und wirkten auf die Bevölkerung überzeugender. Zu ersten Gesprächen zwischen Opposition und SED kam es in Dresden zwischen der Gruppe der "20" und Berghofer, diese waren von Hempel vermittelt worden22. In dem Gespräch sagte Berghofer, daß das Problem der freien Wahlen und der Reisefreiheit gelöst werden müsse23. Parallel zu den Gesprächen forderte die "Sächsische Zeitung" zu einem breiten demokratischen Dialog in der Partei auf und diese Aufforderung wurde im ND abgedruckt24. Ein Indiz dafür, daß dies mit Unterstützung aus der obersten Parteiführung erfolgte.
Das Datum des Umschwunges ist der 11. Oktober als eine Krisensitzung des Politbüros stattfand, was sehr selten geschah, um das ZR erweitert wurde. In der Erklärung zu dieser Sitzung hieß es, daß der Sozialismus jeden brauche und daß es nicht gleichgültig sei, wenn sich Menschen von der DDR los sagten25. Damit hatte sich die Maxime der Politik grundlegend geändert, galt doch davor der Satz von Honecker, daß den Flüchtlingen keine Träne hinterherzuweinen sei. In der Erklärung wurde zu gemeinsamen Beratungen aufgefordert26. Nach der Politbürositzung versuchte Honecker, seine ins Wanken geratene Position zu festigen. Erführte ein Gespräch mit den Vertretern der Blockparteien und suchte dabei Unterstützung für die Fortführung seiner Politik. Seine Position hatte er aber nur graduell verändert. So sei es ihm nicht gleichgültig, ob Menschen die DDR verließen und er forderte einen offenen Dialog, der den Sozialismus attraktiver machen sollte27. Die Blockparteien rief er zu einem eigenständigen Beitrag auf28. dies sollte dazu dienen, die Proteste in die Blockparteien umzulenken. Die erste Konsequenz der Kursänderung durch das Politbüro war die offenere Berichterstattung durch die Zeitungen. So druckte die "Neue Zeit", die Zeitung der DDR—CDU, eine redaktionell geänderte vorher undenkbar ADN—Meldung zu den Demonstrationen ab, in der Bezeichnungen der Demonstranten als Randalierer weggelassen wurde29.
Am 18.Oktober wurde Honecker abgelöst, wobei die übliche Form noch gewahrt wurde, indem er offiziell aus gesundheitlichen Gründen um seine Ablösung gebeten hatte30.
Eine Übung, auf die in der Folgezeit verzichtet wurde. Dies zeigt aber, wie wenig es sich dabei um eine tatsächliche Wende handelte. Krenz
