Ein dunkles Geheimnis - Marietta Brem - E-Book

Ein dunkles Geheimnis E-Book

Marietta Brem

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Beschreibung

Wir lernen die Geschichte kennen, die einmal dazu führen wird, dass es, viele Jahre später, zur Gründung von 'Sophienlust' kommen wird. Der Weg dahin schildert eine ergreifende, spannende Familiengeschichte, die sich immer wieder, wenn keiner damit rechnet, dramatisch zuspitzt und dann wieder die schönste Harmonie der Welt ausstrahlt. Das Elternhaus Montand ist markant – hier liegen die Wurzeln für das spätere Kinderheim, aber das kann zu diesem frühen Zeitpunkt noch keiner ahnen. Eine wundervolle Vorgeschichte, die die Herzen aller Sophienlust-Fans höherschlagen lässt. »Zu Beginn der letzten Stunde möchte ich euch eine Gastschülerin vorstellen, die für das nächste halbe Jahr bei uns bleiben wird. Begrüßt mit mir Olga Berger.« Gernot Schneider, Lehrer in Ausdruck und Gestaltung, klatschte in die Hände, während sich ein bildhübsches Mädchen von der hinteren Wand der Bühne löste und langsam nach vorne trat. Olga sah nicht nur sehr schön aus, sie hatte einen grazilen Gang, als wäre der Tanz ihr in die Wiege gelegt worden. Denise Montand beobachtete interessiert den Auftritt ihrer neuen Mitschülerin. Deren unterdrückte Angst, die sie sofort bemerkt hatte, weckte den Beschützerinstinkt der jungen Denise. Deshalb freute sie sich umso mehr, dass Gernot gerade sie auf die Bühne rief, um Olga abzuholen und in ihre Klasse einzuführen. »Willkommen auf der Miriam-Brandt«, flüsterte sie ihr zu und nahm ihre Hand. »Keine Sorge, wir sind alle wie eine große Familie, zu der du ab sofort gehörst. Es wird dir gefallen.« Olga warf ihr einen zweifelnden Seitenblick zu. »Bist du sicher?«, flüsterte sie, und man konnte ihr ansehen, dass sie am liebsten davongelaufen wäre. »Die gucken alle so komisch.« Denise konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, wurde aber sofort wieder ernst. »Die sind nur neugierig. Wir bekommen nicht oft neue Leute, schon gar nicht aus München. Dafür ist unsere Tanzschule zu klein und noch zu unbekannt«, flüsterte sie ihr zu.

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Seitenzahl: 104

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Sophienlust, wie alles begann – 21 –Ein dunkles Geheimnis

Warum ist Olga so verängstigt?

Marietta Brem

»Zu Beginn der letzten Stunde möchte ich euch eine Gastschülerin vorstellen, die für das nächste halbe Jahr bei uns bleiben wird. Begrüßt mit mir Olga Berger.« Gernot Schneider, Lehrer in Ausdruck und Gestaltung, klatschte in die Hände, während sich ein bildhübsches Mädchen von der hinteren Wand der Bühne löste und langsam nach vorne trat. Olga sah nicht nur sehr schön aus, sie hatte einen grazilen Gang, als wäre der Tanz ihr in die Wiege gelegt worden.

Denise Montand beobachtete interessiert den Auftritt ihrer neuen Mitschülerin. Deren unterdrückte Angst, die sie sofort bemerkt hatte, weckte den Beschützerinstinkt der jungen Denise. Deshalb freute sie sich umso mehr, dass Gernot gerade sie auf die Bühne rief, um Olga abzuholen und in ihre Klasse einzuführen.

»Willkommen auf der Miriam-Brandt«, flüsterte sie ihr zu und nahm ihre Hand. »Keine Sorge, wir sind alle wie eine große Familie, zu der du ab sofort gehörst. Es wird dir gefallen.«

Olga warf ihr einen zweifelnden Seitenblick zu. »Bist du sicher?«, flüsterte sie, und man konnte ihr ansehen, dass sie am liebsten davongelaufen wäre. »Die gucken alle so komisch.«

Denise konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, wurde aber sofort wieder ernst. »Die sind nur neugierig. Wir bekommen nicht oft neue Leute, schon gar nicht aus München. Dafür ist unsere Tanzschule zu klein und noch zu unbekannt«, flüsterte sie ihr zu.

»Still, ihr beiden«, unterbrach Gernot Schneider, der heutige Lehrer, ihre kurze Unterhaltung. »Ihr könnt nach der Stunde so viel bereden, wie ihr wollt. Doch jetzt wird gearbeitet.«

Den restlichen Vormittag über konzentrierten sich alle auf ihre Aufgaben und auch Olga bemühte sich redlich, mitzuhalten. Dennoch war sie froh, als der Unterricht endlich beendet war. Eilig lief sie noch vor Denise in den Umkleideraum und ließ sich mit einem leisen Stoßseufzer auf die Bank fallen.

»War es so schlimm?«, fragte Denise lächelnd, die nach ihr den Raum betreten hatte. »Wenn du Probleme hast, gleich welcher Art, kannst du dich immer an mich wenden«, schlug sie vor und setzte sich neben sie. Sie schwiegen eine ganze Weile und Denise hatte auf einmal ein ähnliches Gefühl wie früher, wenn sie mit Stefanie hier gesessen hatte. »Was hat dich in unser kleines Städtchen verschlagen?«, fragte sie freundlich. »Hat es dir in München nicht mehr gefallen?« Sie lachte, wurde jedoch gleich wieder ernst, als sie merkte, dass Olga nicht mitlachte.

»Das hatte andere Gründe«, antwortete Olga ausweichend und löste die Spange, die ihre dunkelbraunen Haare im Nacken zusammengehalten hatte. »Ich werde sicher nicht für immer hier bleiben.«

»Warum bist du so abweisend?«, fragte Denise erschrocken. »Ich hab doch nichts Falsches gesagt. Oder doch?«

Olga zuckte zusammen. »Nein, natürlich nicht. Es tut mir leid.« In dem Moment sah sie aus, als würde sie gleich zu weinen anfangen. Doch sie fasste sich wieder und begann, sich umzuziehen.

»Was hast du heute noch vor? Wir könnten einen Kaffee trinken. Ich kenne ein hübsches Straßencafé und da könnten wir hingehen und ein bisschen plaudern.« Denise wollte noch nicht aufgeben. Etwas war an diesem Mädchen, das sie brennend interessierte. Sie wusste nur nicht, was es war.

Olga warf ihr einen zweifelnden Seitenblick zu. »Nimmst du die Aufforderung von Gernot nicht ein bisschen zu wörtlich? Ich bin alt genug und kann mich um mich selbst kümmern. Ich will dir nicht deinen Feierabend stehlen.«

»So ein Unsinn.« Jetzt ärgerte sich Denise über sich selbst. Manche Menschen konnten mit Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft nichts anfangen, das hatte sie bereits mehrmals feststellen müssen. »Dann halt nicht«, murmelte sie vor sich hin. Hastig zog sie sich um und griff nach ihrer Tasche. »Dann bis morgen.« Sie hatte die Türklinke bereits in der Hand und war in Gedanken schon auf dem Weg zum Bahnhof.

»Es tut mir leid«, kam es zaghaft aus Olgas Mund. »Ich bin so etwas nicht gewohnt. Ich habe keine Familie und bin meist eher für mich.« Ihre Stimme klang dünn und zitternd.

Denises Ärger war sofort verraucht. Sie blieb stehen, als müsse sie überlegen, was zu tun war. Dann drehte sie sich um und ging zu Olga zurück. »Ist schon in Ordnung. Ich bin nicht empfindlich.« Sie nickte ihr aufmunternd zu. »Also, was ist mit dem Kaffee? Eine Stunde hab ich Zeit, dann muss ich zum Bahnhof, sonst fährt heute kein Zug mehr.« Sie lachte Olga fröhlich an.

»Ich kann dich nachher zum Bahnhof bringen, ich hab ein kleines Auto. Hast du schon den Führerschein?«

Denises Gesicht verfinsterte sich. »Nein, irgendwie ist mir immer wieder etwas dazwischen gekommen«, antwortete sie ausweichend und der Gedanke an Thomas hatte ihr ein wenig die Laune verdorben.

»So etwas soll es geben«, antwortete Olga lächelnd. Sie erhob sich und folgte Denise nach draußen. »Sollen wir mit dem Auto zum Café fahren?«

»Das lohnt sich nicht. Es ist gleich um die Ecke.« Denise nahm Olgas Arm, wie sie das einstmals bei Stefanie getan hatte und wieder stellte sie überrascht fest, dass es sich fast genauso anfühlte wie früher. »Bist du ganz allein hierher gekommen?«

Olga nickte, dann antwortete sie laut, weil ihr auffiel, dass Denises es nicht gesehen hatte. Deren Blick war zielstrebig auf die wenigen Tische und Stühle gerichtet, die man vor dem fast unauffälligen Café aufgestellt hatte.

»Schön ist es hier.« Olga schaute sich um. Ihr Blick wanderte von einem Gast zum anderen, dann interessiert zu den Passanten, die sich hier in der Einkaufsstraße tummelten.

Unauffällig beobachtete Denise ihre Begleiterin. Irgendetwas war seltsam an Olga, obwohl diese sich redlich bemühte, ganz normal zu sein. »Magst du mir nicht sagen, was dich belastet?«, fragte sie vorsichtig.

»Wie kommst du darauf?«

»Du siehst aus, als würdest du dich zu Tode fürchten vor all diesen Leuten, die hier vorbeigehen. Man könnte fast meinen, du bist auf der Flucht.« Es sollte ein Scherz sein, doch Olga lachte nicht.

»So ein Unsinn«, wiegelte sie ab. »Bist du schon lange in dieser Schule?«

»Seit fast einem Jahr, also noch nicht sehr lange.«

»Und da bekommst du schon Tanzrollen?«, fragte Olga verblüfft. »Eine Solo-Rolle hab ich noch nie bekommen, obwohl ich schon zwei Jahre an meiner Schule war.«

»Wir sind eine kleine Tanzschule«, antwortete Denise etwas verlegen. »Das allein kann es nicht sein.«

Denise zuckte mit den Schultern. »Ich liebe das Tanzen und auch, wenn keine Schule ist, übe ich zu Hause, wann immer ich Zeit habe. Mein Vater hat mir versprochen, dass er mir im kleinen Anbau einen eigenen Übungsraum einrichten lässt. Er wollte nur abwarten, ob ich wirklich dabei bleibe. Ich hab vorher nämlich einige andere Dinge angefangen und immer nur ein paar Wochen durchgehalten, weil es mir nicht mehr gefallen hat.«

»Jetzt sieht er, dass du dieses Mal am Ball bleibst«, fügte Olga lächelnd hinzu. In ihren braunen Augen schimmerte es. Wieder einmal vermisste sie ihre Eltern schmerzlich, obwohl sie sich stets bemühte, diese Gedanken nicht mehr an sich heranzulassen.

»Genau.« Denise lächelte ebenfalls. »Endlich hab ich meinen Weg gefunden. Ich will eine gefeierte Balletttänzerin werden.«

»Wollen wir das nicht alle, die wir jeden Tag trainieren bis zum Umfallen?«, fragte Olga schmunzelnd und nahm die Kaffeetasse, die die Kellnerin eben gebracht hatte. »Es muss ein herrliches Gefühl sein, im Rampenlicht zu stehen und die Zuschauer erheben sich von ihren Plätzen und jubeln dir zu.«

Denise bekam verträumte Augen. »Darüber denke ich auch immer wieder nach. Das beflügelt mich so sehr, dass ich trotz Schmerzen am ganzen Körper weiter übe.«

»Schmerzen? Ich hab manchmal Muskelkater, aber Schmerzen …?«, fragte Olga überrascht.

»Es kann schon mal vorkommen, dass ich es mit dem Üben übertreibe. Meine Mutter schaltet dann immer den Strom aus, wenn sie denkt, dass ich zu viel mache. Ohne Musik macht es keinen Spaß.«

Olga lachte herzlich. »Du musst wunderbare Eltern haben«, murmelte sie verträumt. »Meine Eltern waren auch wunderbar«, fuhr sie fort. »Als ich neun war, kamen sie von einer Vortragsreise nicht mehr zurück. Das Flugzeug stürzte kurz nach dem Start ins Meer. Ich hab nie wieder etwas von ihnen gehört, sie wurden auch nicht gefunden.«

Denise war blass geworden. »Wie konntest du danach weitermachen?«, fragte sie mit zitternder Stimme. Ihr Mitleid mit der neuen Freundin wurde immer größer.

»Meine Tante Susanne und mein Onkel Otto haben mich aufgenommen. Doch sie wurden nie zu einer Familie. Wir hatten mehr eine Notgemeinschaft. Als ich achtzehn war, wurde die Versicherung, die meine Eltern für mich abgeschlossen hatten, fällig. Das sichert mir für viele Jahre ein kleines Einkommen, das ausreichend ist für die Schule und eine kleine Wohnung. Meine Eltern haben verfügt, dass das Geld weiterhin bei der Versicherungsgesellschaft verbleibt und zu einem guten Zinssatz angelegt wird. So bekomme ich jeden Monat eine kleine Summe ausbezahlt, ohne dass das Kapital angegriffen wird.«

»Das tut mir so Leid«, murmelte Denise und legte ihre linke Hand auf die von Olga. »Wenn du eine Freundin haben möchtest, dann nimm mich«, bat sie liebevoll.

Olga lächelte und dieses Mal war das Lächeln sogar bis in die Augen gelangt. »Du bist ein sehr liebevoller, herzensguter Mensch. Pass nur auf, dass dir deine vertrauensselige Art nicht irgendwann zum Verhängnis wird. Es gibt auch noch andere Menschen, die nicht so gestrickt sind wie wir beide.«

Denise dachte sofort an Irina. »Ich weiß«, sagte sie leise. Sie nahm ihre Tasse und trank die letzten Schlucke. »Kalt schmeckt er nicht so gut«, stellte sie fest und verzog das Gesicht. »Sollen wir uns ein kleines Stückchen Kuchen teilen? Jeder die Hälfte, sieht ja keiner.«

Olga schüttelte den Kopf. »Ich würde ja, aber bei mir legt sich jedes Zuckerstückchen gleich irgendwo an und ich krieg es nur mit dem Notfallplan wieder weg.«

»Notfallplan?«, fragte Denise überrascht. »Wie sieht der denn aus?«

»Laufen, joggen, Krafttraining, reine Eiweißkost. Und die schmeckt nicht, das kann ich dir versichern. Kennst du das denn nicht?«

Denise schüttelte den Kopf. »Hin und wieder einen kleinen Ausrutscher kann ich mir schon gönnen. Die Waage merkt nichts davon. Ich darf es nur nicht übertreiben.«

»Du Glückliche!«, seufzte Olga neidvoll.

»Magst du mich mal besuchen?«, wechselte Denise da Thema.

»Sehr gern«, versicherte Olga sofort. Wieder lächelte sie und blickte zur Straße hinüber. Sie hatten einen guten Tisch gefunden, von wo aus sie die ganze Umgebung überblicken konnten.

»Suchst du jemanden?«

»Ich?« Olga schüttelte den Kopf und bemühte sich krampfhaft, nicht mehr zur Straße zu sehen. »Ich hab nur gern immer alles im Blick«, fügte sie lachend als Erklärung hinzu.

Doch Denise merkte, dass ihr Lachen nicht echt klang, eher blechern, als würde sie die Töne herauspressen müssen. »Ich will dir nur anbieten, wenn du Hilfe brauchst, bin ich da. Du musst mir nichts erzählen, wenn du nicht möchtest. Doch ich merke, dass du Probleme hast, die dich belasten. Du kannst nicht verhindern, dass ich mir meine Gedanken mache.«

Olga holte tief Luft. »Also …«

»Nein, fühl dich bitte nicht gezwungen etwas zu sagen«, unterbrach Denise sie. »Wir haben uns heute erst kennengelernt. Ich verstehe, dass du nicht gleich mit deinem ganzen Gepäck auftreten willst. Ich will nur, dass du weißt, dass du auf mich zählen kannst, nicht mehr und nicht weniger.«

»Danke«, sagte Olga nur und starrte vor sich hin. Tränen waren ihr in die Augen gestiegen und sie wollte nicht, dass Denise sie sah.

Die Leichtigkeit des Nachmittags war verschwunden. Doch eine neue Freundschaft hatte begonnen. Eine Freundschaft, die ihre Bewährungsprobe noch vor sich hatte.

*

Früher hatte Raoul Montand die Arbeit zu Hause und in seinem Arbeitszimmer geliebt. So konnte er bei der Familie sein, auch Pause machen, wenn eines seiner Kinder etwas brauchte, und er konnte seine Frau Catherine immer mal wieder entlasten, wenn sie zum Einkaufen oder zum Friseur wollte.

Jetzt jedoch waren ihm diese Arbeiten ein Gräuel, wenn er nicht zeitig in der Frühe in sein Auto steigen und wegfahren konnte. Er hatte das Gefühl, in den Mauern ersticken zu müssen und erwartete, dass ihm gleich die Decke auf den Kopf fiel. Doch nichts dergleichen geschah. Ein Tag verging wie der andere, ohne dass sich an seinem Gemütszustand etwas änderte.