Eine Rose im Wüstensand - Connie Brockway - E-Book
SONDERANGEBOT

Eine Rose im Wüstensand E-Book

Connie Brockway

0,0
4,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 3,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Eine besondere junge Lady auf einem Abenteuer in den Weiten der Sahara … 1890, Ägypten: Als Enkelin eines berühmten Archäologen wächst die schöne Desdemona Carlisle anders als die meisten englischen Ladies auf: An den Ausgrabungsstätten in fernen Ländern lernt sie zahlreiche Sprachen und lebt Seite an Seite mit waghalsigen Abenteurern und genialen Wissenschaftlern, die reihenweise ihrem Charme verfallen – bis auf den einen Mann, nach dem sie sich tatsächlich sehnt: Für den jungen, schweigsamen Forscher Harry Braxton scheint sie nicht zu existieren. Sollte Desdemona ihre Zuneigung lieber dem noblen Blake schenken, der ihr offen seine Gefühle zeigt – oder kann sie die Geheimnisse enthüllen, die Harry vor ihr verbirgt? Im Chaos ihrer Gefühle wird Desdemona viel zu spät klar, dass nicht nur ihr Herz in Gefahr ist …  Love and Landscape für Fans von Barbara Cartland und Julia Quinn – ein loderndes Highlight der historischen Romance!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Über dieses Buch:

 

1890, Ägypten: Als Enkelin eines berühmten Archäologen wächst die schöne Desdemona Carlisle anders als die meisten englischen Ladies auf: An den Ausgrabungsstätten in fernen Ländern lernt sie zahlreiche Sprachen und lebt Seite an Seite mit waghalsigen Abenteurern und genialen Wissenschaftlern, die reihenweise ihrem Charme verfallen – bis auf den einen Mann, nach dem sie sich tatsächlich sehnt: Für den jungen, schweigsamen Forscher Harry Braxton scheint sie nicht zu existieren. Sollte Desdemona ihre Zuneigung lieber dem noblen Blake schenken, der ihr offen seine Gefühle zeigt – oder kann sie die Geheimnisse enthüllen, die Harry vor ihr verbirgt? Im Chaos ihrer Gefühle wird Desdemona viel zu spät klar, dass nicht nur ihr Herz in Gefahr ist …

eBook-Neuausgabe September 2025

Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1997 unter dem Originaltitel »As you desire« bei Dell Publishing, New York. Die deutsche Erstausgabe erschien 1998 unter dem Titel »Die Braut Arabiens« bei Droemer Knaur

Copyright © der englischen Originalausgabe 1997 by Connie Brockway

Copyright © der deutschen Erstausgabe 1998 Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München

Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Johannes Frick, Neusäß, unter Verwendung von Motiven von iStock (Kharchenko_irina7, Kateryna Kolesnyk, OlyaSolodenko)

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (lj)

 

ISBN 978-3-69076-103-1

 

***

 

dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people . Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

 

***

 

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit gemäß § 31 des Urheberrechtsgesetzes ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected] . Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

 

***

 

Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. In diesem eBook begegnen Sie daher möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Diese Fiktion spiegelt nicht automatisch die Überzeugungen des Verlags wider oder die heutige Überzeugung der Autorinnen und Autoren, da sich diese seit der Erstveröffentlichung verändert haben können. Es ist außerdem möglich, dass dieses eBook Themenschilderungen enthält, die als belastend oder triggernd empfunden werden können. Bei genaueren Fragen zum Inhalt wenden Sie sich bitte an [email protected] .

 

***

 

Sind Sie auf der Suche nach attraktiven Preisschnäppchen, spannenden Neuerscheinungen und Gewinnspielen, bei denen Sie sich auf kostenlose eBooks freuen können? Dann melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an: www.dotbooks.de/newsletter (Unkomplizierte Kündigung-per-Klick jederzeit möglich.)

 

***

 

Besuchen Sie uns im Internet:

www.dotbooks.de

www.facebook.com/dotbooks

www.instagram.com/dotbooks

blog.dotbooks.de/

Connie Brockway

Eine Rose im Wüstensand

Roman

Aus dem Amerikanischen von Alixa N. Eicher

 

Für Doc Danger, der mein Herz besitzt – in jeder seiner vielen Gestalten

Kapitel 1

1890

 

Ein sternenklarer Mitternachtshimmel spannte sich über die gewaltige ägyptische Einöde. Hier gab es weit und breit nur Wüste, auf keiner Landkarte verzeichnet. Und wer sich verstecken wollte, fand hier willkommene Vergessenheit.

Trotzig zu Füßen einer Sanddüne hingeduckt, beherbergte die Lagerstätte der Sklavenhändler genau diesen Menschenschlag – Menschen, die sich verstecken wollten.

Es war ein kleines Lager: eine Koppel für die Kamele, ein halbes Dutzend Zelte, die um ein Feuer gruppiert waren, und vielleicht zwanzig offene Kisten, gestapelt in Reichweite des Lagerfeuerscheins.

Der Inhalt dieser Kisten wurde von mehreren Dutzend Männern begutachtet. Einige von ihnen waren ganz offensichtlich Kaufleute, die aus meilenweit entfernten Städten hierher in die Wüste gekommen waren, um die angebotene Schwarzmarktware zu erwerben. Die Kaufleute waren Araber und – vergleichsweise – Neulinge in Ägypten: denn was sind schon vierzehn Jahrhunderte in diesem alten Land? Die anderen – sogar zu dieser Nachtzeit noch verschleiert – waren Tuaregs, koptischen Ursprungs, die wahren Erben der alten Ägypter. Sie waren die Verkäufer. Und gerade dort, wo das Licht des Feuers nicht mehr hinreichte, befand sich, inmitten von einmaligen und unschätzbaren Handelswaren, ein höchst seltenes und kostbares Angebot: eine junge, blonde Engländerin.

Eine Sklavin.

Die blasse, stolze junge Frau saß ihren Fängern gegenüber und gab sich keine Mühe, ihren verachtungsvollen Blick zu verbergen. Unmittelbar nachdem sie auf dem Markt in Kairo geraubt worden war, war ihre sonst so lebhafte Intelligenz noch von Furcht gelähmt, ihr Kampfgeist noch von der schrecklichen Gewißheit geschwächt gewesen, daß sie nun bald zum Spielzeug irgendeines grausamen Wüstenscheichs werden würde.

Aber nun waren vier Tage vergangen, und kein Wüstenprinz war wegen ihr gekommen. Tatsächlich war überhaupt niemand in ihre Nähe gekommen, und die süße, zarte Blüte der Weiblichkeit stellte fest, daß der anfängliche Schreck – betäubt durch den starken Trank, den zu trinken ihre Entführer sie nötigten – langsam wich und abgelöst wurde von einer ... einer gewissen ... Langeweile?

 

Benommen lehnte sich Desdemona Carlisle gegen einen Stoß Perserteppiche und ließ das Wort eingehend auf sich wirken. Es klang in Anbetracht ihrer Situation etwas unangemessen, aber es wäre andererseits auch übertrieben gewesen, zu sagen, daß sie sich noch besonders bedroht fühlte. Sie steckte einen Finger unter den elenden Schador – einen Gesichtsschleier, den sie auf Geheiß ihrer Entführer ständig tragen mußte – und kratzte sich.

Ungeduldig? Ja!

Die junge Dame, mutig und tapfer wie sie war, konnte es kaum erwarten, ihrem Schicksal entgegenzutreten.

Aber erst einmal, dachte Desdemona, würde sie sich noch einen Schluck von jenem einzigartigen – und keineswegs ungenießbaren – milchähnlichen Getränk zu Gemüte führen, das ihr der ewig mürrische Knabe Rabi immer wieder einflößte.

Und in der Tat, außer gelangweilt herumzusitzen – voller Ungeduld, unablässig dabei, Einträge in ein Phantasie-Tagebuch zu notieren und an diesem Zeug zu nippen –, gab es nicht viel zu tun. Die gefälschte Papyrusrolle, die Rabi ihr gegeben hatte, um sie zu beschäftigen, war faszinierend, gewiß – aber ... nun ja, ein bißchen zu fesselnd, um hier an Ort und Stelle gebührend studiert werden zu können. Es war doch eher eine Lektüre für den privaten Rahmen.

Sie war überzeugt, daß die in der Umgebung des Lagerfeuers gestapelten Kisten noch eine Reihe anderer interessanter Dinge enthielten. Doch jedes Mal, wenn sie sich in die Nähe der Kisten begab, wurde sie von ihren Bewachern zurückgerufen. Versuchte sie dann wegzurennen, wurde sie – mit wachsender Ungeduld – von ihnen wieder eingefangen. Und wollte sie schließlich ein höfliches Gespräch mit ihnen beginnen, wurde sie nur mit stummer Verachtung gestraft.

Die einleuchtendste Erklärung für diese Verschlossenheit, folgerte sie, war wohl, daß man ihre Reinheit zu bewahren trachtete, damit sie bei der Auktion einen höheren Preis erzielte. Sie fröstelte und tastete im Sand nach ihrer Blechtasse.

Als sie diese gefunden hatte und aufblickte, sah sie sich von Rabi angestarrt. Sobald er bemerkte, in welche Richtung sie schaute, drehte er sich um und stahl sich davon wie ein Hündchen. Kluges Kerlchen, dachte sie finster.

Es war Rabi gewesen, der sie gekidnappt hatte. Gerade hatte sie noch eine schöne, echt aussehende Canopus-Urne in der Hand gehalten, als sie plötzlich mit einem widerwärtigen Tuch geknebelt wurde, einen nicht minder ekelerregenden Sack über ihren Kopf gestülpt bekam und sich unversehens über eine knochige Schulter geworfen fand. Einen Augenblick später hatte er sie bereits auf etwas platziert, das – dem Geruch nach zu urteilen – nur ein Kamel sein konnte.

Sie hatte einen ganzen Tag lang vor ihm liegen und in dem schweren Sack schwitzen müssen und war dabei tüchtig durchgerüttelt worden. Und kaum waren sie angekommen, hatte er sie, um sie enthüllen zu können, sofort unsanft auf ihre Füße gestellt und mit stolzgeschwellter Stimme das Lager zusammengerufen. Dann hatte er mit einem mächtigen Schwung den Sack weg- und ihre Kopfbedeckung gleich mit heruntergerissen.

Verwirrt, ängstlich und von der schaukelnden Kamelreise seekrank, hatte sie in das blendende Licht geblinzelt und in die schweigenden, im Schatten liegenden Gesichter gespäht. Irgendjemand sagte etwas, das wie die arabische Version von »Hoppla« klang. In dem darauffolgenden aufgeregten Durcheinander hatten die Männer eilig ihre Burkos vor die Gesichter gezogen. Seitdem hatte sie keinen unverschleierten Mann mehr gesehen.

Kurze Zeit später nahmen sie Rabi beiseite und verpaßten ihm die Tracht Prügel seines Lebens. Sie vermutete, es sei deswegen, weil er versucht hatte, seine männlichen Besitzrechte an ihr geltend zu machen. Ihre Lippen kräuselten sich bei dem Gedanken. Ein Fünfzehnjähriger war nun nicht gerade ihre Vorstellung von – ja, von was eigentlich?

Sie führte ihre Tasse zu den Lippen – aber sie war leer.

»He, Rabi!« rief sie. »Ich könnte ganz gut noch was von dem Na-du-weißt-schon vertragen!« Wie von Zauberhand endeten schlagartig alle Gespräche im Zeltlager. Sämtliche Männer, allen voran die Kaufleute aus der Stadt, drehten sich um und starrten zu ihr herüber. Innerhalb von fünf Minuten waren die Araber geflohen und ließen sie mit ihren verschleierten Entführern zurück. Diese funkelten böse mit den Augen und schienen alles andere als erfreut.

»Was schaut ihr mich so an? Die hätten mich nun wirklich nicht gekauft. Ich wette, da war kein einziger Scheich dabei«, folgerte sie mit einem gewissen, vom Alkohol beflügelten Scharfsinn. Und in der Tat hatten die gerade davongerittenen Männer eher wie Geschäftsleute mittleren Alters – und zumal keine besonders erfolgreichen – denn wie echte weiße Sklavenhändler ausgesehen. Sie ließ ihren Blick umherschweifen und versuchte herauszufinden, in welche Richtung sie geritten waren und ob sie wohl noch mitkommen könnte. Vielleicht hatte sie die Sache mit den weißen Sklavinnen ganz falsch verstanden. Vielleicht hatte sie ... Und dann sah sie ihn.

Ein Reiter, der so mit seinem Roß verschmolzen war, daß er mehr Zentaur als Mensch zu sein schien, erklomm die mond- silberne Spitze einer Düne. Sein Umhang wogte im Wind wie große schwarze Schwingen. Immer näher flog er, ein fleischgewordener Mythos, galoppierte über den mitternächtlich verhüllten Sand und kam geradewegs auf sie zu.

Ihr Schicksal.

Sie stand schwankend auf. Rabi ließ die Ziegenblase fallen, aus der er gerade ihre Tasse füllte, faßte sie am Ellbogen und versuchte sie zu stützen.

»Wer ist er?« keuchte sie, ihr Blick vollkommen gebannt von der Figur, die nun fast das Lager erreicht hatte.

»Er ist wegen dir gekommen«, erwiderte Rabi.

Sie wirbelte herum, so überrascht war sie. Sie hatte stets gedacht, »trink nur, trink« wäre alles, was Rabi auf Englisch zu sagen imstande wäre. Nun sah er ausgesprochen entzückt drein.

»Du meinst ... er nimmt mich ... heute nacht ... mit?«

»Ja, ja«, sagte Rabi und schleifte sie vorwärts. »Heute nacht wirst du mit ihm gehen. Und alle werden glücklich sein.« Er zerrte sie in Richtung des Lagerfeuers, und sie fiel stolpernd auf die Knie.

»Auf, los, aufstehn«, grummelte einer der vermummten Männer und kam bis auf einen Schritt an sie heran.

Sie reckte hochmütig ihr Kinn. »Warum sollte ich?« Er versuchte nach ihr zu greifen, doch sie schnellte wieder auf ihre Füße. Sie würde niemandem mehr die Genugtuung geben, sie wie einen Sack Getreide über die Schulter werfen und in das heiße und stickige Zelt verfrachten zu können – so wie man bisher den meisten ihrer Widerspenstigkeiten begegnet war.

Sie war Engländerin; sie hatte ihren Stolz. Mit einer herausfordernden Kopfbewegung warf sie ihr Haar nach hinten und stürmte in den hellen Lichtkegel.

»Da ist Sitt«, murmelte der vor ihr stehende Mann, auf sie deutend. Er griff fahrig nach Rabis Ziegenblase und trank einen tiefen Schluck – den er jetzt nötig zu haben schien. Desdemona sah sich suchend um und hielt nach dem Unbekannten Ausschau. Ihr Herz begann zu rasen, und ihr Atem stockte. Es gab keinen Grund dafür, und doch zweifelte sie nicht einen Augenblick daran. Sie wußte es einfach: dieser Mann würde sie einmal besitzen.

Der Fremde hielt sich im Halbschatten und betrachtete sie von dort aus eingehend. Mit dem geschmeidigen, sicheren Schritt eines Panthers trat er nach vorn. Er näherte sich ihr, seinen Kopf zur Seite geneigt, und betrachtete sie. Trotz seines unbarmherzig prüfenden, scharfen Blicks gelang es ihr, Haltung zu bewahren.

Nun warf er seinen von einer juwelenbesetzten Spange gehaltenen Umhang beiseite und stemmte seine behandschuhte Faust in die Hüfte. Nur seine Augen waren zu sehen; sein Gesicht war von dem indigofarbenen Burkos verdeckt, den er unter den Rand seines Kafiya gesteckt hatte.

Auch ein Tuareg, dachte Desdemona atemlos. Das waren die wildesten unter den gesetzlosen Nomaden der Wüste.

Die Augen oberhalb seines Schleiers waren schmal und glitzerten gefährlich im unruhigen Widerschein des Feuers. Mit geschmeidiger Arroganz pirschte er sich an sie heran. Sie mußte heftig schlucken und verlor unter dem Eindruck seiner raubtierhaften Art ihre Selbstbeherrschung: sie wich zurück. Er lachte. Es war ein grausames und barbarisches Lachen, das ihren Rückzug jäh stoppte. Den Stolz von Generationen aufrechter Briten im Rücken, erwiderte sie herausfordernd seinen Blick. Mit der tödlichen Geschwindigkeit einer Kobra ließ er seine Hand hervorschießen, faßte sie am Handgelenk und zog sie zu sich heran. Sie wehrte sich verbissen – in dem sicheren Wissen, daß die Sklavenhändler keinen Finger rühren würden, um dazwischenzugehen. Ihre zuvor gezeigte Widerspenstigkeit war nun der Angst gewichen.

Mühelos hielt er sie fest – so als wäre ihre Kraft eine zu vernachlässigende Größe – und rief über ihren Kopf hinweg in seinem rauhen, gutturalen Arabisch den tuschelnden Sklavenhändlern etwas zu. Warum nur, warum konnte sie nicht endlich einmal lernen, diese verdammte Sprache zu sprechen, statt sie immer nur zu lesen?

Einer der Männer, ein verdreckter Kerl mit einem schiefsitzenden Turban, wedelte mit der Hand in Richtung des Zeltes, in dem sie schlief. Ein weiteres tiefes Lachen, und der Fremde hatte sie gepackt und in das halbdunkle Innere des Zeltes gezerrt.

Der plötzliche Ernst der Lage hatte sie mit einem Schlag aus ihrer betrunkenen Apathie gerissen und beinahe nüchtern gemacht. Das da war kein romantischer Prinz der Wüste, das da war ein rücksichtsloser Wilder, jemand, der ihren Körper so nachlässig benutzen würde wie ein Engländer eine Serviette und der sie danach auch genauso nachlässig beiseitelegen würde.

Sie schrie. Seine große Hand schloß sich über ihrem Mund, er drehte sie rasch um ihre Achse und zog sie – unbeeindruckt von ihrem Widerstand – dabei an seine Brust. Er zischte etwas in ihr Ohr, aber sie konnte seine Worte nicht verstehen. Ihre erstickten Schreie hallten zu laut in ihrem Kopf wider. Sie wehrte sich wütend und trat und schlug dabei wild um sich.

»Würdest du jetzt, zum Teufel noch mal, aufhören damit?« donnerte er in ihr Ohr.

Sie erstarrte. Ihre Überraschung darüber, ihn nicht nur Englisch sprechen zu hören, sondern auch noch mit diesem Akzent, war so groß, daß sie völlig unfähig war, sich zu bewegen. Er löste seine Hand von ihrem Mund und riß sie herum. Im Eifer des Gefechts war sein Burkos heruntergefallen und gab sein Gesicht frei.

Sie starrte ihn an – erst ungläubig, dann verblüfft, und schließlich wütend: »Harry Braxton, wenn du mich gekauft hast, bringe ich dich um!«

Kapitel 2

 

»Ist das vielleicht eine Art, sich zu benehmen?« Harry Braxton duckte sich vor ihrem Schlag und bekam, während sie Schwung holte, ihr Handgelenk zu fassen. Mit der Zunge schnalzend, wirbelte er sie in einer improvisierten Pirouette herum, schlang seinen Arm um sie, und zog sie zu sich heran. »Und das, nachdem ich gerade deine Haut vor einem entsetzlichen Schicksal gerettet habe?« Sein warmer Atem kitzelte ihr Ohr. »Was hast du dir da eigentlich zurechtgeträumt in deiner blühenden Phantasie?«

»Was es auch war – schlimmer, als von dir besessen zu werden, hätte es gar nicht kommen können«, verkündete Desdemona und gab ihren Widerstand auf.

Sie war Harry einfach nicht gewachsen. Sie konnte die Muskeln an seinem Oberkörper spüren und hörte sein Herz schlagen. Sie spürte, wie sein Arm ihre Taille umfing, nahm den goldenen Flaum wahr, der seinen sehnigen Unterarm und sein biegsames Handgelenk bedeckte. Verdammt noch mal, er war durch und durch ein Mann. Einer, der sich seiner Kraft nicht bewußt war – und das auf eine Art, die schon an Überheblichkeit grenzte. Der Gedanke brachte sie zur Räson. Ohne Harry würde sie hier nicht rauskommen. Gut, er lachte über sie – aber er war auch wegen ihr hergekommen. Männliche Kraft hatte eben auch ihre guten Seiten.

Sie entspannte sich, und es schien ihr, als ob sein Arm sie nun fester umfaßte und sie in eine Umarmung zog, die nicht nur Festhalten bedeutete, sondern auch der Ausdruck von etwas Drängendem und Mächtigem war ...

O nein! Sie würde diesen Fehler nicht noch einmal machen. Auch wenn sie ihre Angewohnheit, sich romantische Verwicklungen auszudenken, so schnell nicht aufgeben wollte – Harry würde in keinem ihrer Tagträume mehr eine Hauptrolle bekommen. Einmal hatte sie ihm bereits eine Chance gegeben – und es war zu schmerzhaft gewesen, den Unterschied zwischen Traum und Realität entdecken zu müssen.

»Warum hast du mir nicht gesagt, daß du es bist?« fragte sie schroff und wand sich aus seiner Umarmung. Obwohl – im Nachhinein hätte es ihr klar sein müssen. Niemand, kein Wüstenprinz, kein Indianer und nicht einmal der Kapitän des Oxforder Poloteams (der Harry, wenn ihre Erinnerung sie nicht trog, einmal gewesen war) konnte ein Pferd so gut reiten wie Harry Braxton.

»Ich wollte dir nicht den Spaß verderben, den du in deiner Rolle als widerspenstige Gefangene hattest. Außerdem«, fügte er hinzu, »habe ich mit diesen Männern gelegentlich geschäftlich zu tun.«

»So?«

»Ich muß an meinen Ruf denken. Ägypten ist eine von Männern dominierte Gesellschaft. Ich habe mich wie ein dominanter Mann benommen, denn ich möchte nicht, daß diese Kerle ihren Respekt vor mir verlieren.«

»Niemand respektiert dich, Harry.«

Nachdem diese himmelschreiend unwahre Beleidigung keine erkennbare Wirkung auf ihn hatte, sank Desdemona auf die Knie und begann, unter dem Rand des dicken Teppichs, der das Zelt ausfüllte, herumzutasten.

»Was machst du da?« fragte er.

»Meine Sach’n hol’n«, gab sie zurück. Und als sie ihr leichtes Nuscheln bemerkte, sagte sie betont deutlich: »Du wirst mich doch hoffentlich nach Kairo zurückbringen? Ich sehe keinen Grund, meinen Aufenthalt hier unnötig zu verlängern – so charmant meine Gastgeber auch waren, unbestreitbarerweise ...«

»Sachen?« echote Harry. »Was für ›Sachen‹? Abdul hat gesagt, daß Rabi dich direkt vom Markt weggeholt hätte. Du hast gar keine ›Sachen‹.«

»Jetzt habe ich aber welche.«

In Harrys Augen zeigte sich ein vertrautes, habgieriges Leuchten. Das war Harry, wie sie ihn kannte. »Was denn für Sachen?«

»Nur eine al ...« Sie riß sich gerade noch rechtzeitig zusammen. Allein der Gedanke, daß Harry entdecken könnte, was für Dinge sie gelesen hatte, ließ ihr das Blut ins Gesicht schießen. »Ach, egal.«

»Du bist schon eine bemerkenswerte Frau, Dizzy. Da sitzt du herum, beschwipst von dieser vergorenen Ziegenmilch, und schaffst es immer noch, etwas zu kaufen ...« Seine Augen weiteten sich, als ihr schuldbewußtes Gesicht sie verriet. »Sie haben diese Sachen doch wohl hoffentlich nicht gestohlen, mein liebes Fräulein Carlisle? Das wäre aber ein Fehler. Man könnte fast sagen: So was gehört sich nicht, und es wäre dazu auch noch unmoralisch. Ein so tugendhaftes Beispiel englischer Weiblichkeit wie du ...«

»Ich hab’s nicht gestohlen«, protestierte sie. »Dieser Junge, Rabi, hat’s mir gegeben. Es gehört mir.«

»Du hast deine Entführer überreden können, dir Geschenke zu machen?« Er sah sie nun mit unverhohlener Bewunderung an. »Heirate mich.«

»Hör auf damit«, schnappte Desdemona. Sie hatte ihr Bündel gefunden und unter dem Teppich hervorgezogen. Hastig schob sie es unter den Bund ihres Rocks und zog ihre lose Bluse darüber.

Er hatte wirklich heirate mich gesagt. Harry ließ nie eine Gelegenheit aus, sie an ihre frühere Verblendung zu erinnern. Wenn er nur einmal seinen Worten Taten hätte folgen lassen ... Sie unterbrach sich und schalt sich für diese gefährliche Überlegung. »Und hör auf, mich Dizzy zu nennen. Niemand nennt mich Dizzy. Ich fühle mich in keinster Weise dizzy.« Was für eine Lügnerin sie doch war. Das Zeltinnere wirkte auf sie ungewöhnlich still und warm, und sie selbst fühlte sich aufgelöst und atemlos.

»Gerade die Ironie macht den Spitznamen so treffend. Im Übrigen kann ich dich, glaube ich, so nennen, wie ich will. Denn nach den Gesetzen in sehr vielen Kulturen, zu denen auch die Tuareg zählen, gehörst du jetzt mir.«

Sie starrte ihn mit unerschrockenem Blick an. Seltsam, obwohl ihr etwas schwindlig war, konnte sie ihn klar vor sich sehen: wie das Mondlicht unterhalb der Wangenknochen interessante Schatten zeichnete, die Lachfalten um seine Augen, sogar das feine Gewebe seiner Haut konnte sie erkennen. Und doch mußte sie betrunken sein, denn trotz seines unbekümmerten Tonfalls hatte der Ausdruck in seinem Gesicht für sie etwas Scharfes und Verlangendes. Es war mehr als Begehren, und doch war Begehren dabei. Begehren und ... Sie schüttelte den Kopf, um ihre Gedanken zu ordnen. Sie hatte eindeutig zuviel getrunken.

Ja, dachte sie, und schlang ihre Arme um ihre angezogenen Knie, das war’s: Sie war einfach völlig erledigt von der vergorenen Ziegenmilch. Es war die einzige Erklärung für den eigenartigen Ausdruck, den sie in Harrys schmalem Gesicht zu sehen meinte – ja, sie hätte schwören können, daß sie ihn dort sah.

Sie schloß die Augen und preßte ihre Fingerspitzen gegen die Schläfen, um sie zu massieren. Als sie ihre Augen wieder öffnete, konnte sie in Harrys Gesicht nicht mehr als die übliche ironische Selbstgewißheit erkennen. Genau wie sie gedacht hatte, nickte sie traurig.

»Was für ein Geschenk ist das denn?« fragte Harry.

»Ein königlicher Sarkophag«, erwiderte sie. Doch ihre Stimme war nicht so ungezwungen, wie sie sich gewünscht hatte. »Und was heißt hier, ich gehöre dir?« Sie richtete sich mühsam auf den Knien auf.

»Gehörst du mir etwa nicht?« fragte er leise. »Ich habe dich gerettet. Und du hast mir noch nicht mal gedankt.«

Sie erstarrte, als sie die volle Tragweite des Dilemmas erkannte, in dem sie sich befand. Er hatte recht – verflixt noch mal. Er hatte sie gerettet, vielleicht sogar ihr Leben gerettet – und dafür war sie ihm vermutlich etwas schuldig-

Sie warf ihm einen Blick zu. Er sah sie mit einem mitleidheischenden Ausdruck in den Augen an, den sie ihm nicht für eine Sekunde abkaufte. Nichts an Harry Braxton war auf irgendeine Art und Weise gebändigt. Er war ein Schakal – und, wie der Schakal, ein geborener Opportunist. Und trotzdem, Gott wußte, wie lange er nach ihr gesucht, sich unter der unerbittlich sengenden Wüstensonne in den Dünen abgekämpft, und wie oft er in dieser öden, unmenschlichen Landschaft draußen unter freiem Himmel geschlafen hatte. Sie fühlte, wie sie weicher wurde.

Unfaßbar unklug. Und unvermeidlich. Leider.

»Ich kann mir vorstellen, daß du eine ganze Menge für mich bezahlen mußtest«, sagte sie niedergeschlagen.

»O ja.«

Was es wohl gekostet haben mochte, sie aus den Fängen dieser Sklavenhändler freizukaufen? Wahrscheinlich ein kleines Vermögen. Sie nahm an, daß es nicht einfach war, blonde Haremsdamen zu finden.

»Ich werde irgendeinen Weg finden, es dir zurückzuzahlen, Harry. Vielleicht finde ich ja doch Zeit, die Papyrusrollen zu übersetzen, die du diesem amerikanischen Archäologen abgeluchst hast. Wenigstens wüßtest du dann, wieviel du von deinen ...Kunden ... dafür verlangen kannst.«

Sie stand stolpernd auf und stellte sich seinem beredten Schweigen. Sie hätte sich nie auf dieses Gespräch einlassen sollen. In ihrer derzeitigen Verfassung, hochgradig verletzlich, wie sie war, würde er sicher schamlos jeden Vorteil nutzen.

»Harry«, sagte sie kläglich, »du weißt doch, daß wir kein Geld haben. Großvater hat eine schreckliche Buchhaltung. Ich hatte immer den Verdacht ...« Sie kam näher, blickte sich vorsichtig nach allen Seiten um, um sicherzugehen, daß keine Indiskretionen nach draußen gelangen konnten – und wäre dabei beinahe vornübergefallen.

Harry erwischte sie am Unterarm und richtete sie wieder auf. Seine Hand fuhr sanft an ihrer Wange entlang und strich ihr dabei die Locken aus dem Gesicht. Sie zitterte, als sie das warme Prickeln spürte, das seine Berührung ausgelöst hatte. Seine Lippen öffneten sich leicht, und sie konnte seine Zähne blitzen sehen.

Sein Atem glitt zart über ihre Stirn, als versuchte er bewußt, ihn im Zaum zu halten. Er neigte sich zu ihr hin, so daß es ihr den Atem verschlug. Die unwillkürliche Reaktion ihres Körpers auf den seinen erschreckte sie. Sofort wich er zurück – und obwohl es nur wenige Zentimeter waren, kam es ihr so vor, als ob er nun viel weiter weg wäre.

»Du wolltest gerade etwas sagen ...?« half er ihr auf die Sprünge. Zwischen seinen Brauen hatte sich eine Falte gebildet, und seine Stimme klang etwas gequält.

Ihre Augenlider flatterten irritiert. Irgendwas mit Großvater ... Ach ja! »Ich hatte immer den Verdacht, daß einer der ausschlaggebenden Gründe für Großvater, diesen Posten anzunehmen, die Tatsache war, daß er so seinen Gläubigern entkommen konnte.«

Nicht, daß Harry das nicht gewußt hätte. Jeder in Kairo wußte, daß Sir Robert Carlisle, Chef der Abteilung für Antiquitätenbeschaffung am British Museum of History, ein exzellenter Archäologe und mittelmäßiger Bürokrat, in Gelddingen aber ein kompletter Versager war.

»Das mit den Gewinnen und Verlusten hat er nie verstanden.«

»Aber du schon.«

»Tja. Wenn ich genug Geld zusammenbringe, wird es Großvater möglich sein, den Posten anzunehmen, den das Museum ihm in London angeboten hat.«

»Und das ist schließlich wichtig. Die triumphale Rückkehr deines Großvaters nach England.«

Desdemona nickte heftig.

»Er hat immerhin zwanzig Jahre hier sein Genie vergeudet, Harry. Wenn wir erst einmal zurück in England sind, wird er endlich die Anerkennung bekommen, die er verdient. Kannst du dir vorstellen, wie sehr es ihm weh tut, Möchtegern-Archäologen ankommen zu sehen, die ein oder zwei Sommer hier rumgraben, dann nach England zurückkehren und sofort internationale Anerkennung bekommen?«

»Ich glaube schon.«

»Aber er wird nicht gehen, wenn er denkt, daß es für mich bedeuten würde, in schlechteren Verhältnissen leben zu müssen. Wenn wir nur diese alten Schulden loswerden könnten. Ich bin sicher, dann könnte er ganz gut leben von dem Museumsstipendium und den Vorlesungen ...«

»Ja, ja«, unterbrach sie Harry, »aber was ist mit deinen Wünschen?«

»Ich?« Sie zuckte mit den Augenlidern. »Mir wird es dort gefallen. Natürlich. Wir werden ein kleines strohgedecktes Landhaus haben, mit Malven und Ligusterhecken und ...«

» ... einem undichten Dach und einer alten Schachtel im Nachbarhaus, die jedes Mal mit der Zunge schnalzt, wenn du mit deinen Haremshosen in der Tür erscheinst.«

»Oh«, sagte Desdemona ruhig, »die werde ich alle weggeben, wenn ich erst einmal zu Hause bin.«

Harry schüttelte den Kopf. »Willst du wirklich zurück nach England gehen?«

»Was schlägst du als Alternative vor?« Sie versuchte, die Hoffnungslosigkeit in ihrer Stimme zu verbergen, indem sie ein verächtliches Schnauben von sich gab.

»Glaubst du wirklich, ich will den Rest meiner Tage hier als Zielscheibe der Neugierde verbringen? Davon habe ich genug, vielen Dank.« Eilig fügte sie hinzu: »Ich will endlich ein normales Leben. Ich möchte Menschen treffen, die sich nicht für tote Kulturen, tote Menschen oder tote Sprachen interessieren. Ich möchte jungen Herren vorgestellt werden und dabei die Hoffnung haben können, daß sie sich mehr für mich interessieren als für die Frage, ob ich ein schmuddeliges Stück Papyrus übersetzen kann, das sie immer ›gerade zufällig‹ dabeihaben. Das wird mir hier bestimmt nicht passieren.«

»Na gut, bevor du anfängst, Spitzenvorhänge zu häkeln, wirst du mir aber noch diese Übersetzung machen müssen«, sagte Harry, offensichtlich unberührt von ihrer Leidensgeschichte. »Das ist ja wohl der Preis, den du selbst als für meine Mühen angemessen festgesetzt hast.«

Sie hörte den Vorwurf in seiner Stimme und reagierte sofort darauf. »Es wird Wochen dauern, bis diese Übersetzungen fertig sind«, sagte sie und vergaß England für einen Moment völlig. »Ist das etwa nicht Entschädigung genug?« Er nickte zweifelnd. »Oh, natürlich. Was sind schon vier Tage brutale Hitze und Sonne für mich? Von den Kosten, die diese kleine Rettungsaktion verursacht hat, mal ganz zu schweigen. Das ist das Kreuz mit uns armen Sterblichen, Diz. Das Lächeln einer jungen Maid ...« – sein Gesicht umwölkte sich, und er strich mit den Knöcheln seiner Hand über ihre Wangen –, » ... so beglückend es sein mag, bringt noch keine Suppe auf den Tisch. Kleine Sorgen, sicher, aber so ist das nun mal.«

Als er sie mit seiner Hand berührte, verharrte sie reglos. Seltsam. Harry hatte sie oft berührt – auf eine vertraute, brüderliche Art. Und doch schien diese Berührung sich auf überraschende Weise von einer brüderlichen Umarmung zu unterscheiden: durchdrungen von einer peinigenden Erkenntnis, zitternder Verehrung, Entdeckung oder ... Anerkennung.

Sie hatte das Bedürfnis, sich in seine Berührung hineinfallen zu lassen, also tat sie genau das Gegenteil – in der Gewißheit, daß ihre Stimmung, der Alkohol und die skandalöse Form seines Mundes ihr dieses Verlangen eingeflüstert hatten. Wütend auf sich selbst, weil sie so einfältig und leicht verführbar war, fuhr sie ihn an. »Warum, Harry, kannst du nicht einmal etwas Bewundernswertes tun, ohne immer gleich« – sie rang nach einem passenden Ausdruck – »darauf zu schauen, was für dich dabei abfällt. Warum kannst du nicht ein einziges Mal nobel handeln?«

»Weil du dann denken würdest, daß ich wirklich nobel bin.« Die Worte kamen tief und rauh aus ihm heraus. Rauher, als er vermutlich beabsichtigt hatte, denn er senkte plötzlich seinen Blick und schüttelte unmerklich den Kopf. »Würde nicht wollen, daß du dir irgendwelche falschen Vorstellungen über mich machst.« Er blickte auf, und sein Mund verzog sich selbstironisch. »Also, Diz, was wird jetzt? Kein Lohn für den Helden trotz des beträchtlichen Aufwands?« Wie hoch das Lösegeld auch gewesen sein mochte, Harry konnte es sich leisten. Er war auf dem besten Weg dazu, einer der erfolgreichen Schakale in Ägypten zu werden.

Sie seufzte, auf unbestimmte Weise erleichtert und gleichzeitig seltsam wütend darüber, daß die Intensität der letzten paar Augenblicke verschwunden war.

»Ich werde mal sehen, ob Hammad dir nicht vielleicht dieses Halsband aus der neunzehnten Dynastie verkauft«, bot sie an. »Harry, es war wirklich sehr anständig von dir, nach mir zu suchen, und das alles ... Auch wenn du mich ausnutzt.«

»Vergiß es«, sagte er.

»Ich wollte, ich könnte es«, murmelte sie vor sich hin, im Bewußtsein, wie widerwillig ihre Dankbarkeit klingen mußte. »Ich hasse es einfach, mich dir verpflichtet zu fühlen.«

Harry hatte diese Wirkung auf sie. Allen anderen Menschen gegenüber konnte sie sich gefaßt, reif, und äußerst zuvorkommend verhalten.

Harry dagegen brachte ihre schlimmsten Eigenschaften hervor: Sarkasmus, Impulsivität, Konkurrenzdenken. Er machte immer wieder ihre Versuche zunichte, sich selbst zu einer guten Engländerin zu erziehen.

Na gut, Harry, alter Junge, dachte sie und strich mit ihren Fingern über das Päckchen, das sie unter ihrem Rockbund aufbewahrte: Wenn man schon gegen seine Natur zum Konkurrenzdenken getrieben wird, kann man genausogut auch versuchen, auf den eigenen Vorteil zu schauen. Es gab bestimmt irgendwo einen Markt für die Art von Ware, die gerade gegen ihre Körpermitte drückte. Dieser Markt würde zwar schwer zu finden sein, aber dennoch ...

»Brack-stein!« Der Ägypter mit dem schiefen Turban riß den Zeltvorhang auf. Ungeduldig winkte er sie nach draußen, Harry duckte sich unter dem Vorhang hindurch, und Desdemona folgte ihm. Der Ägypter gestikulierte in ihre Richtung und stieß dabei offensichtlich irgendwelche Verwünschungen aus, auf die Harry hitzig reagierte.

Irgend etwas stimmte nicht. Vielleicht hatte der Sklavenhändler auf einmal beschlossen, sie nicht gehen zu lassen. Vielleicht hatte er einen wohlhabenderen Käufer gefunden. »Was ist los?« Sie griff nach Harrys Arm. »Was sagt er?«

»Nichts. Gar nichts. Geh nur zu meinem Pferd und warte dort auf mich«, antwortete Harry. Der alte Händler geiferte weiter. »Los, geh schon.«

Sie war gerade im Begriff, sich an den Männern vorbeizuschlängeln, als der Ägypter unvermittelt in sein Gewand griff. Sie machte vor Schreck einen Satz, sicher, daß er einen Dolch ziehen würde. Stattdessen zog er aber eine prallgefüllte Seidenbörse heraus und warf sie Harry an den Kopf. Mit einer Hand fing Harry das Geschoß auf, und ein paar Goldmünzen purzelten heraus.

»Nimm es nur!« schrie der Ägypter. »Und nimm die Sitt! Nimm es für deine Mühen – aber nimm sie wieder mit!« Jedes einzelne Härchen auf Desdemonas Nacken sträubte sich. Sie hätte es wissen müssen. Von allen Menschen auf dieser Erde hätte sie es am besten wissen müssen: Harry, der Held, tritt ab, Auftritt Harry, der Bluthund. Leidenschaft und etwas Unerklärliches. Mein Gott, wie dumm sie war! Sie stemmte die Hände in die Hüften und lief auf ihn zu.

»Desdemona«, sagte Harry und wich vor ihr zurück, »wir haben jetzt für so was keine Zeit. Abdul ist wirklich sehr wütend, daß wir immer noch hier sind. Er will, daß wir gehen – daß du gehst –, jetzt.«

»Ha!« Sie blieb stehen und warf einen Blick auf Abdul. Der Ägypter sah ganz so aus, als würde ihn gleich der Schlag treffen.

»Ehrlich, Diz«, beschwor Harry sie. »Er sagt, da wären ein paar Käufer, die schon seit zwei Tagen darauf warten, mit ihm Geschäfte zu machen. Die werden nicht mehr viel länger warten – und solange du hier bist, werden sie sich dem Lager nicht nähern.«

»Ach ja?« erwiderte sie trocken. »Warum denn? Und du, Abdul« – sie durchbohrte den Sklavenhändler mit einem wütenden Blick –, »kannst jetzt mal die Klappe halten. Ich werde nicht mit Harry mitgehen, bevor ich nicht ein paar vernünftige Antworten bekommen habe.« Abdul mußte sie verstanden haben, denn sein Schimpfen ging in ein leises Gebrabbel über.

»Erklär mir das alles gefälligst mal, Harry!«

»Du bist eine Ungläubige, Di ... – Desdemona. Unser lieber Sir Baring mag nicht der rechtmäßige Herrscher Ägyptens sein, aber er regiert das Land. Glaubst du, Abdul würde einen internationalen Zwischenfall riskieren, wegen ein paar lausiger Pfund?«

Ein paar lausige Pfund. Soviel zu ihrem königlichen Lösegeld. Sie war froh, daß es dunkel war und Harry nicht sah, wie ihr das Blut ins Gesicht schoß.

»Denk doch mal darüber nach«, fuhr Harry fort. »Wenn das rauskäme, daß man dich entführt hat, dann würde nicht nur jeder rechtschaffene englische Gentleman in diesem Land« — Harry troff jetzt nur so vor Sarkasmus – »auf Abduls Kopf aus sein, sondern auch all seine Landsleute. Junge englische Fräulein zu entführen, das ist schlecht fürs Geschäft. Also hat er nach mir geschickt. Das Geld hier ist nur so eine Art Vergelt’s Gott.«

»Und warum hat Abdul mich dann überhaupt erst entführen lassen?« fragte Desdemona kalt.

»Hat er ja nicht. Rabi war es. Er hat einen Fehler gemacht. Und er ist übrigens sehr wütend auf dich, weil du ihn so an der Nase herumgeführt hast.«

»Ich ihn an der Nase herumgeführt ...?«

Harry nickte, während Abdul im Hintergrund immer noch vor sich hin brabbelte. »Rabi sagt, du hättest ihn dazu verführt zu glauben, du seist eine arme, unbeaufsichtigte Sklavin. Er fühlte sich als edler Ritter, der dich aus den Klauen eines nachlässigen Besitzers rettet. Und nachdem er dich aufgeladen hatte, bestätigte sich sein Verdacht. So dürr, knochig und schwach ...«

»Jetzt reicht’s aber ...«

»Das sind Rabis Worte, nicht meine. Er fühlt sich ziemlich mißbraucht. Er hatte, wie er sagt, nur die besten Absichten.«

»Er muß mit dir verwandt sein.«

»Wie kommst du darauf?« Harry legte seinen Kopf schief.

»Einfach so.« Sie sah erneut zu Abdul. Mit seinen aufgedunsenen Backen und der lila verfärbten Haut sah er so aus, als könnte seine Haut jeden Moment platzen. »Sollen wir hier noch die ganze Nacht stehen und reden?«

Harry stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. »Nein, natürlich nicht ...«

Ohne Abdul noch einmal eines Blickes zu würdigen, ging er zu der bereits wartenden Araberstute. Er schwang sich auf ihren Rücken, und Desdemona mußte zugeben, daß er durchaus ansehnlich war. Harry stieß das Pferd an und hielt ihr seine Hand hin. Sie ergriff sie, und ohne viel Federlesens zog Harry sie zu sich herauf, indem er sie seitlich über seinen Schoß hob.

Er schlang einen Arm um ihre Taille und zog sie näher zu sich. »Bist du sicher, daß du dich nicht wohler fühlst, wenn du mir gibst, was auch immer du da unter deinem Rockbund versteckst?« murmelte er an ihrem Nacken, und seine Lippen waren samtig-weich und warm.

Obgleich sie das Gefühl, das sein Mund auf ihrer Haut zurückließ, erschauern ließ, schüttelte sie den Kopf. »Ich bin absolut sicher, Harry.« Ihre Stimme klang unnatürlich hoch. »Danke für deine Fürsorglichkeit.«

Sie mußte erschöpfter sein, als sie wahrhaben wollte, denn nun, als die kühle Nachtbrise ihr Haar kräuselte und Harrys Schenkel die ihren berührten, fühlte sie sich doch sehr schläfrig und sehr ... zufrieden. Die Welt, die in den letzten Tagen ziemlich unwirklich und unklar und – ja, das konnte sie nun zugeben – auch furchteinflößend auf sie gewirkt hatte, begann allmählich, wieder sicher und vertraut zu werden. Sie schloß die Augen und ließ ihren Kopf gegen Harrys Schulter fallen. Harry mochte schlank sein, aber er hatte breite – und bequeme – Schultern. Viel bequemer jedenfalls als das staubige, stickige Zelt, in dem sie die letzten drei Nächte verbracht hatte.

»Diz?«

»Hm?«

»Was hat Rabi dir gegeben?«

»Liebesbriefe«, murmelte sie. Er lachte und gab dem Pferd die Sporen.

 

Sir Robert Carlisle sah von dem Buch auf, in dem er gerade las, als Desdemona durch die Vordertür hereinkam. Er spähte über den Rand der Brille, die auf seiner Nase thronte. »Oh. Hallo, Desdemona.«

Hallo? Sie war gekidnappt worden, hatte vier Tage und drei Nächte in einem stickigen Zelt verbracht und wäre beinahe in die Sklaverei verkauft worden. Sie war müde und ungewaschen, und ihr Kopf fühlte sich an, als ob er von einem Dämon als Amboß verwendet worden wäre. Und alles, was ihr verkalkter Großvater sagen konnte, war: »Hallo?«

»Großvater, ist dir klar ...«

»Guten Tag.«

Ihr Großvater sah auf und kniff die Augen zusammen. Seine Züge wurden härter. »Ach, Sie sind das, Braxton. Was machen Sie hier?«

»Ich habe Dizzy auf dem Weg hierher getroffen.« Ihr Großvater schloß die Augen; er mochte den Spitznamen, den Harry ihr gegeben hatte, genausowenig wie sie. »Und da dachte ich, ich erweise Ihnen bei dieser Gelegenheit die Ehre.«

Ihr Großvater schnaubte verächtlich, und sie tat es ihm nach.

»Großvater, man hat mich ...«

»Dizzy hat mir erzählt, was für eine schöne Zeit sie bei den Comptons verbracht hat.«

»So, hat sie?« erwiderte ihr Großvater. »Nun, das nächste Mal, wenn du jemanden besuchst, Desdemona, sag es mir lieber persönlich, anstatt einfach der Haushälterin eine Nachricht zu hinterlassen.«

Eine Nachricht hinterlassen? Magi? Ein verstohlener Blick auf Harrys unschuldigen Gesichtsausdruck sagte ihr, wer der Autor ihrer »Nachricht« gewesen war. Sie gab innerlich einen mißmutigen Seufzer von sich. So sehr sie das haßte, aber nun würde sie wohl oder übel ihren Großvater anlügen müssen. Entweder das, oder das ganze nächste Jahr in ihrem Zimmer verbringen. Verflucht. Jetzt schuldete sie Harry schon wieder etwas.

»Ich habe bemerkt, daß es bei euch jungen Leuten heutzutage etwas anders zugeht«, belehrte sie der Großvater, »und ich habe versucht, mich dem anzupassen. Aber die äußere Form muß dennoch gewahrt bleiben. Und wo wir gerade davon sprechen: Was soll eigentlich dieser Aufzug?« Seine Augen wanderten mißbilligend über ihre stark in Mitleidenschaft gezogene einheimische Tracht – und über ihre noch mehr in Mitleidenschaft gezogene Person.

Sie sann nach einer glaubwürdigen Lüge. Wenn ihr Großvater jemals etwas über ihre unbehüteten und absolut unstatthaften Ausflüge zu den Kairoer Suqs erfuhr, dann würde sie mit Sicherheit das gesamte nächste Jahr in ihrem Zimmer eingesperrt verbringen müssen.

»Kostümfest«, sagte Harry.

»Ach ja?« meinte ihr Großvater.

Ihre Augen verengten sich zu kleinen Schlitzen, und sie starrte Harry an. Der lächelte vergnügt. Sie konnte beinahe sehen, wie er vor seinem geistigen Auge den nächsten Vermerk in seiner Liste »Desdemonas Schulden bei Harry« machte.

»Ein Kostümfest, Desdemona?« Desdemona nickte verdrießlich.

»Also, wenn du das nächste Mal meinst, dich wie eine Einheimische kleiden zu müssen, zieh dir gefälligst etwas Sauberes an. Meine Güte, Desdemona, was hast du dir bloß dabei gedacht? Du stinkst wie ein Kamel.«

»Das ist die Ziegenmilch, die vergorene«, erklärte Harry. Ihre erhitzten Wangen brannten nun wie ein Inferno.

»Ich gehe jetzt ins Bett«, verkündete sie.

»Eine sehr gute Idee. Sie finden ja den Weg, Braxton.«

Der Großvater verschwand im hinteren Teil des Hauses und vertiefte sich wieder in seine Lektüre.

Ohne Harrys Gehen abzuwarten, schleppte Desdemona sich die Treppe hinauf. Ein Bad, ein leichtes Essen, ein Bett, und dann ... sie tätschelte das dicke Päckchen unter ihrem Rock ... und dann würde sie sich die schockierenden, erregenden, ja geradezu unanständigen Gedichte der »Nofretete« noch einmal vornehmen.

Kapitel 3

 

Wenn ich einmal fort bin, Liebster,

wo wirst Du Deinen erhitzten Stab anbieten?

Wenn ich Dich nicht in meinem Körper spüren kann,

wer wird mit Dir der Liebe Freuden kennenlernen?

Würden Deine Finger den Schenkeln einer anderen

folgen, die Rundungen ihrer Brüste erkennen

lernen, und noch mehr?

Das alles, Liebster, ist jetzt und hier

für Dich da, und schnell entblättert.

 

Desdemona drehte sich im Bett um. Die Worte ließen sie nicht zur Ruhe kommen und kitzelten eine Wärme aus ihrem Körper, die von sehr tief kam. Den ganzen Abend hatte sie über dem Papyrus gebrütet. Es war natürlich kein echter Papyrus, denn Echnatons und Nofretetes Grabstätten waren nie gefunden worden.

Sie hätte dem Gestalter der Rolle ein paar Fingerzeige geben können, was das Vortäuschen von Alter anbelangte, dachte sie. Das hier war zu sauber, die aus Pflanzen gewonnene Farbe sah zu frisch aus, und das Ganze war zu gut erhalten. Eine völlig andere Sache war dagegen die Einbildungskraft des Autors.

Nicht nur, daß die Verse erotisch-sinnlich und anschaulich waren – nein, sie sprachen nicht nur das Herz an, sondern erregten auch ... nun ja ... den Geist.

Um zehn Uhr abends war Desdemonas Aufmerksamkeit geweckt, um Mitternacht war sie gefesselt, und um ein Uhr morgens hatte sie derartiges Herzklopfen, daß nur noch ein kaltes Bad ihr Linderung verschaffte. Und nun lag sie schon seit einer Stunde wach im Bett, weil ihr die Verse nicht mehr aus dem Kopf gehen wollten. Sie waren so ganz anders als die romantischen Bücher, die sie in der Bibliothek ihres Großvaters versteckt hielt, und weitaus anschaulicher als alles, was ihre eigene Phantasie bisher zustande gebracht hatte.

Als sie zwölf Jahre alt war, war sie mit ihren Eltern in Hamburg bei einem Professor der Altertumswissenschaften zu Besuch gewesen, der eine Tochter in Desdemonas Alter hatte: Maria. In ihr hatte Desdemona zum ersten Mal eine wirkliche Freundin gefunden. Regelmäßig jeden Tag entschuldigten die beiden Mädchen sich und sagten, sie würden sich nun dem Lernen widmen. In Wahrheit lagen sie dann immer auf Marias großem Federbett, starrten aus dem Fenster und erzählten sich gegenseitig ihre Tagträume. Sie erfanden Geschichten, die nichts mit ihren Aufgaben zu tun hatten. Stattdessen ließen sie vor ihrem geistigen Auge edle Taten vorüberziehen, vollbracht von heldenhaften Männern, die ihre wunderschönen Frauen viel mehr liebten als allen Ruhm und Wohlstand.

Es war ein harmloses Vergnügen, das Desdemona pflegte, während ihre Eltern eine scheinbar unendliche Zahl von Symposien und Konferenzen zu besuchen hatten. Sie nahm die langweiligen kleinen Vorfälle ihres Lebens und baute ausgefeilte wundervolle Geschichten um sie herum.

Als sie älter wurde, behielt sie diese Angewohnheit einfach bei, in dem sicheren Wissen, daß eine Romantikerin ja nicht gleich eine Närrin sein mußte. Sie wußte ja, daß es den Helden ihrer Träume nicht gab. Aber was war dagegen einzuwenden, wenn ein paar blumige Worte halfen, ihre namenlosen Sehnsüchte zu stillen ...

Sie wälzte sich unruhig im Bett hin und her. Romantisch war sie vielleicht, aber schwärmerisch bestimmt nicht. Ja, ja, Sehnsüchte. Wenn sie so weitermachte, dann würde sie sich am Ende noch selber davon überzeugen, daß Harry einfach nur ein unverstandener Mensch war – und nicht der reulose, charmante Schurke, als der er sich selbst bezeichnete. Sie zwang ihre Gedanken, wieder zu der Papyrusrolle zurückzukehren.

So etwas besorgte man sich nicht einfach auf dem Bürgersteig vor dem Shepheard’s Hotel. Das war eher etwas für einen ganz speziellen Typ Sammler. Einen männlichen Sammler.

Männer, das hatte Desdemona gelernt, waren eine oft eigenartig verblendete Gattung. Derselbe Mann, der keinen Moment daran denken würde, sich mit solch saftigen Obszönitäten zu befassen, solange sie sich zwischen zwei Buchdeckeln moderner Machart befanden, würde für dieselben Verse, ohne zu zögern, das Zehnfache bezahlen, wenn sie von antiker Hand auf ein langsam verrottendes Stück gestampften Zellstoffs gepinselt wären. Und ein solcher Mann wäre sicherlich nicht erfreut, wenn man ihm dann noch erzählte, daß neue Tinte auf alten Rollen aus diesen, mit Verlaub, noch keine Antiquitäten macht.

Irgendwo da draußen gab es einen Käufer. Sie mußte ihn nur finden. Auf diskrete Weise natürlich: sie konnte sich ja schlecht an die Straßenecke stellen und pornographische Verse aus Ägypten feilbieten. Solche Aktivitäten waren in der Regel dazu angetan, die gesellschaftlichen Chancen einer Person zu ruinieren. Jedenfalls in der Gesellschaft, in der sie sich gerne aufhalten würde, sobald sie nach London zurückgekehrt war.

Der Gedanke löste einen kleinen Anflug von Unzufriedenheit aus, den sie sofort unterdrückte. Es war einfach sinnlos, ohne die Spur einer Hoffnung jemanden zu begehren, den man nie bekommen konnte. Und seit sie die Vorzüge eines Sinns für das Praktische schätzen gelernt hatte, war sie entschlossen, sich, wenn ihre Zukunft schon in England lag, in Gottes Namen auch dort zu verlieben.

Ohne ihren Großvater konnte sie nicht in Ägypten bleiben, und ihr Großvater hatte es sich in den Kopf gesetzt und auch verdient, nach England zurückzukehren. Er war fast sechzig und sollte noch ein bißchen von seinem wohlverdienten Ruhm genießen können.

Sie seufzte und drückte das Gesicht in ihr Kissen, das in einem Überzug aus feinster ägyptischer Baumwolle steckte – so fein, daß man es fast für gekämmte Seide halten konnte. Die Baumwolle aus Ägypten würde sie auch vermissen.

 

Sie konnte fühlen, wie Harrys Mund, der für Ekstase und Sünde wie gemacht war, mit verbotener Zartheit ihren Hals erkundete, ihrem Schlüsselbein nachspürte und der sanften Schwellung ihrer Brust folgte, bis er schließlich ...

Desdemona erwachte allmählich von der sanften, wärmenden Brise, die durch das um ihr ägyptisches Bett gespannte Netz über sie hinwegstrich. Ein wunderbares Gefühl, wenn auch etwas merkwürdig – konnte sie sich doch genau erinnern, daß Magi letzte Nacht die Fensterläden geschlossen hatte. Ein ganz kleines Geräusch, wie von einem behutsam auftretenden Fuß, erregte ihre Aufmerksamkeit. Ohne ihren Kopf zu bewegen, öffnete sie die Augen.

Durch den Schleier des Netzes sah sie einen Mann, der sich leise im Raum bewegte. Es war Harry Braxton, der sich heimlich – und mit Übung, wie es schien – an ihrer Kommode zu schaffen machte.

Es hatte einmal eine Zeit gegeben, da hätte Harry auch etwas in ihrer Wäsche gefunden. Aber das war lange her. Die fünf Jahre, die sie Harry kannte, hatten Desdemona alles gelehrt, was man über ihn wissen mußte – und egal, wieviel vergorene Ziegenmilch man ihr auch einflößen mochte: dieses zur Vorsicht mahnende Wissen würde sie nie außer acht lassen.

Die erste Lektion war gewesen, niemals, unter gar keinen Umständen, etwas Wertvolles leicht zugänglich aufzubewahren. Wie zum Beispiel im Wäscheschrank. Na schön, dachte sie, als Harry sich aufrichtete, erschöpft seine Hände in die Hüften stemmte und dabei seinen Blick im Zimmer umherschweifen ließ: die allererste Lektion war gewesen, daß der äußere Anschein trügt.

Als sie vor fünf Jahren in Ägypten angekommen war, hatte sie sich ohne Umschweife leidenschaftlich und unglücklich in Harry verliebt. Sie war gerade erst in ein fremdes Land gezogen, zu einem Großvater, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Sie war so leichtgläubig gewesen, wie nur ein Kind von Akademikern sein konnte – kurzum: erschreckend leichtgläubig. Harry Braxton, jung, charmant und athletisch, war ihr wie der Inbegriff eines Helden erschienen.

Heute, rückblickend, um fünf Jahre Lebenserfahrung reicher, war ihr klar, daß alle anderen besser für die Rolle des Helden taugten – besser gesagt: alles andere besser dafür taugte, denn sogar ein Krokodil im Nil wäre dafür besser geeignet gewesen als Harry. Und er sah nicht einmal so gut aus, dachte sie, als sie ihn durch ihre halbgeöffneten Augen betrachtete.

Früher einmal hätte sie ihn mit einem griechischen oder römischen Gott verglichen. Sie konnte gerade noch ein Schnauben unterdrücken. Das Einzige, was an Harrys Erscheinung klassisch war, war seine Nase: ein ansehnliches, kühnes Exemplar. Der Rest seines Gesichts war entschieden nordeuropäisch und hatte nichts Mediterranes an sich. Er hatte hohe, breite Wangenknochen, einen in gerader schräger Linie verlaufenden Kiefer; dazu haselnußbraune Haare und blaßblaue Augen, die von dichten bronzefarbenen Wimpern umstanden waren. Manchmal zweifelte Desdemona sogar daran, daß Harry so etwas wie eine Seele besaß. Nein, nein, dachte sie befriedigt, als Harry in ihrem Schrank verschwand und ein paar Sekunden später wieder auftauchte, über diese kindische Vernarrtheit war sie hinweg. Dafür, daß ihre Träume ihr ab und zu einen Streich spielten und die Lektionen vergaßen, die das alltägliche Leben sie gelehrt hatte, konnte sie nichts. Es mußte genügen, daß sie tagsüber vernünftig genug war, zwischen Realität und Phantasie unterscheiden zu können.

Sie konnte sich sogar die Punkte eingestehen, wo Harrys Äußeres gar nicht so schlecht abschnitt im Vergleich zu einem griechischen Gott ...

Zum Beispiel, was seinen Mund anbetraf. Harry hatte einen hübschen Mund. Nein, die Ehrlichkeit gebot ihr, zuzugeben, daß Harry sogar einen ausgesprochen schönen Mund hatte: breit, beweglich und mit festen Lippen, von denen sich die obere sinnlich über die untere wölbte.

Sein Lächeln war gleichfalls entwaffnend. Verführerisch. Zugegeben, sie war betrunken gewesen – aber hatte nicht letzte Nacht schon das flüchtigste Lächeln ausgereicht, sie zu verführen, ihr eine Wärme vorgegaukelt, die es nicht gab? Pech, daß er das nicht nur wußte, sondern auch noch schamlos ausnutzte. Wenn sie für jede Frau, die auf Harrys Grinsen hereingefallen war, ein Pfund bekommen hätte, hätte sie von nun an bis in alle Ewigkeit Kaviar essen können, anstatt ihre Dienste als Übersetzerin und Korrespondentin anbieten zu müssen.

Und schließlich mußte sie auch zugeben, daß Harry eine gute Figur hatte – wenn man sich eher zu einer moderaten Variante des klassischen Körperbaus hingezogen fühlte –, und das war, verdammt noch mal, bei ihr der Fall. Er war geschmeidig, beweglich und stark. So wie eine Wildkatze, dachte sie, als er sich plötzlich bückte und an der Unterseite ihres Schreibtischs entlangtastete.

An dieser Stelle genehmigte sie sich ein kleines siegreiches Lächeln. Da ist nichts, alter Gauner.

Harry richtete sich verärgert wieder auf, sprang behende auf einen Stuhl, den er zuvor geräuschlos zur Wand gezogen hatte, und inspizierte die Wandleuchte.

»Für wie blöd hältst du mich eigentlich? Wenn ich dort etwas versteckt hätte, würde es doch sofort zu brennen anfangen, sobald jemand die Flamme hochdreht«, sagte Desdemona gelassen in die Stille hinein.

Harry wirbelte herum und starrte sie überrascht an.

»Dizzy, meine Liebe, du bist ja wach«, sagte er erfreut – und seine Freude klang nicht gespielt.

»Was machst du hier, Harry?«

»Ich bin nur gekommen, um zu sehen, wie’s dir geht«, versicherte er – doch es klang wie eine Frage. »Ich bin heute früh vorbeigekommen, und Magi sagte, du würdest immer noch vor dich hin schnarchen. Nächstes Mal, wenn du ein Handelslager besuchst, halte dich von dieser vergorenen Ziegenmilch fern. Das Zeug setzt einen ausgewachsenen Mann für eine Woche außer Gefecht.«

Betreten sah sie weg. Daß sie beschwipst gewesen war, war wenigstens eine Erklärung für den ganzen Unsinn, den sie sich da zusammenphantasiert hatte, bevor sie begriff, welcher Prinz tatsächlich gekommen war: der Prinz der Schakale.

Eine mythische Figur, aus Wind und Dunkelheit geformt – aber wirklich ...

Beschwipst? Sie war völlig betrunken gewesen. Der Gedanke tröstete sie.

»Nun, wie du siehst, geht es mir gut. Also, kannst du mir jetzt mal erklären, warum du in meinen Sachen herumwühlst?«

»Herumwühlen? Was für eine grobe Wortwahl«, entgegnete Harry. »Ich habe bloß darauf gewartet, daß du aufwachst, und mich in der Zwischenzeit ein bißchen umgesehen.«

»Stehlen scheint eine interessante Beschäftigung zu sein.«

»Ach«, seufzte er sanft, »du warst mal so ein süßes Geschöpf. So vertrauensvoll. Was ist bloß mit dir passiert?«

»Du bist mir passiert.«

»Dizzy, du verletzt mich. Wirklich. Eigentlich«, beeilte er sich zu sagen, da er zweifellos die Streitlust in ihren Augen sah, »bin ich ja wegen der Papyrusrolle gekommen, die du versprochen hast, mir zu übersetzen.«

»Ich habe das versprochen, als ich noch dachte, du hättest Leib und Leben riskiert, um mich aus den Klauen schrecklicher Schurken zu befreien, und nicht bloß auf einen Ruf deiner verkommenen Kumpane reagiert, die mich loswerden wollten – für eine Riesensumme, wohlgemerkt ...« schloß sie finster.

»Abdul hat eine ganze Menge Ärger auf sich genommen, um dafür zu sorgen, daß du sicher – und diskret – zurückgebracht wirst.«

»Abdul ist eine stinkende Wüstenratte, der nur mit seinesgleichen herumläuft.« Ihre Augen verengten sich mißtrauisch. »Wie bist du da eigentlich hineingeraten?«

»Schau mich nicht so an. Ich habe dich nicht kidnappen lassen.«

»Ach ja? Du hast aber ziemlich schnell eine Idee gehabt, wie ich deine Heldentat vergelten kann.«