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Die Faszination für Friedrich Schiller und die Verehrung seiner Person und Werke beginnt schon bald nach seinem Tod 1805. Im Dritten Reich nimmt dies ungeahnte Ausmaße an. Die Person, das Leben und die Werke Schillers werden mit der nationalsozialistischen Ideologie gleichgesetzt. In den Augen der Nationalsozialisten ist Schiller einer der ihren und sie bemühen sich, ihre Weltanschauung auf Leben und Werk des Dichters zu projizieren. Das wirkt sich insbesondere auf die Feiern rund um den Dichter aus, so auch auf die Schillerfeiern in seiner Geburtsstadt Marbach am Neckar -jährlich dort abgehalten sowohl an seinem Geburtstag als auch beispielsweise durch den Staffellauf zur "Stunde der Nation" im Schillerjahr 1934. Fenja Sommer verdeutlicht, welches Ausmaß die Schiller-Verehrung im Nationalsozialismus erreicht und sie erläutert gleichzeitig die Fortführung des Kultes rund um den Dichter nach dem Zweiten Weltkrieg, um Unterschiede zwischen der früheren und der heutigen Schillerverehrung anschaulich zu machen.
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Seitenzahl: 437
Veröffentlichungsjahr: 2015
WISSENSCHAFTLICHE BEITRÄGE AUS DEM TECTUM VERLAG
Reihe Geschichtswissenschaft
WISSENSCHAFTLICHE BEITRÄGE AUS DEM TECTUM VERLAG
Reihe Geschichtswissenschaft
Band 26
Fenja Sommer
Ein Feierkult um Schiller?
Untersuchung der Schillerfeiern im Dritten Reich in seiner Geburtsstadt Marbach am Neckar
Tectum Verlag
Geschichtswissenschaftliche Dissertation der Universität Mannheim, die am 26. September 2014 angenommen wurde.
Fenja Sommer
Ein Feierkult um Schiller? Untersuchung der Schillerfeiern im Dritten Reich in seiner Geburtsstadt Marbach am Neckar
Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag:
Reihe: Geschichtswissenschaft; Bd. 26
© Tectum Verlag Marburg, 2015
Zugl. Diss. Univ. Universität Mannheim 2014
ISBN: 978-3-8288-6258-6
Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter der ISBN 978-3-8288-3570-2 im Tectum Verlag erschienen.)
ISSN: 1861-7468
Umschlagabbildung: Marbacher Schiller-Denkmal, aufgenommen von Phillip Weingand/geschichtenfotograf.de
Satz und Layout: Norman Rinkenberge | Tectum Verlag
Besuchen Sie uns im Internetwww.tectum-verlag.de
Bibliografische Informationen der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
INHALT
1.Einleitung
1.1Ein Schillerkult in Marbach?
1.2Forschungsstand
1.3Vorgehensweise
2.Die Hintergründe der Marbacher Schillerverehrung
2.1Das 19. Jahrhundert
2.1.1Der Wunsch nach einem Denkmal
2.1.2Die Errichtung des Schillerdenkmals
2.1.3Pläne für eine dauerhafte Ausstellung – Die Entstehung des Schiller-Nationalmuseums
2.2Die Schillerverehrung bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten
2.2.1Eine Ausstellungseröffnung und Schillers 100. Todestag 1905
2.2.2Die Marbacher Feier zu Schillers 150. Geburtstag
2.3Schillers Wirkung in Marbach bis 1933
2.4Ein erstes Fazit zur Marbacher Schillerverehrung
3.Schillerrezeption im Nationalsozialismus
3.1Überblick
3.2Die Schillerrezeption in der nationalsozialistischen Literatur
3.3Der Fall des Wilhelm Tell
3.4„Friedrich Schiller – Triumph eines Genies“
3.5Zwischenfazit
4.Ein Feierkult um Schiller?
4.1Das Schillerjahr 1934
4.2Die Sonnwendfeier 1934 – Staffellauf zur ‚Stunde der Nation‘
4.3Vorbereitungen der Sonnwendfeier und des Staffellaufs
4.4Hintergrund: Albert Leo Schlageter
4.5Die ‚Huldigung der Jugend an Friedrich Schiller‘ – Der Staffellauf
4.6Die Zitatverwendung in den Urkunden
4.7Zwischenfazit zum Staffellauf
4.8Einweihung des erweiterten Schiller-Nationalmuseums und die Feier zu Schillers 175. Geburtstag
4.8.1Die Hintergründe der Erweiterung
4.8.2Die Finanzierung des Erweiterungsbaus des Schiller-Nationalmuseums
4.9Der Wortlaut der Presse zu Schillers 175. Geburtstag
4.10Der Ablauf des 175. Geburtstages in Marbach
4.11Zwischenfazit Schillerjahr 1934
4.12Der Fall Hans Burrer
5.Generelle Betrachtung der Schillerfeiern
5.1Die Abläufe
5.2Die Feier in Schillers Geburtshaus
5.3Die Abendfeiern des Marbacher Schillervereins
5.4Zwischenfazit der Schillerfeiern im Nationalsozialismus
6.Exkurs: Der Fall des Marbacher Kriegerdenkmals
6.1Hintergründe zur Entstehung des Kriegerdenkmals
6.2Die Errichtung des Denkmals unter nationalsozialistischer Herrschaft
6.3Die Einweihung des Marbacher Kriegerdenkmals
6.4Die weitere Verwendung des Kriegerdenkmals im Nationalsozialismus
6.5Fazit: Einbezug historischer Hintergründe, Schillers Intentionen und Ausblick auf die heutige Situation
7.Exkurs: Die Funktion des Schiller-Nationalmuseums und von Schillers Geburtshaus
8.Die Entwicklung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges
8.1Schillerfeiern und Schiller-Nationalmuseum
8.2Ausblick auf zwei nachfolgende Schillerfeiern
8.2.1Die Schillerrezeption in zwei deutschen Staaten
8.2.2Die Feier zu Schillers 200. Geburtstag
8.2.3100 Jahre Marbacher Schillerdenkmal – 1976
8.3Zwischenfazit
9.Fazit / Auswertung
10.Anhang
11.Abkürzungsverzeichnis
12.Literaturverzeichnis
12.1Monographien und Sammelbände
12.2Weitere Quellen
12.2.1Archive
12.2.1.1Deutsches Literaturarchiv Marbach
12.2.1.2Stadtarchiv Marbach am Neckar
12.2.1.3Stadtarchiv Ludwigsburg
12.2.1.4Staatsarchiv Ludwigsburg
12.2.1.5Redaktionsarchiv Marbacher Zeitung
12.2.2Aufsätze, Zeitungen und Zeitschriften
12.2.3Weitere Medien
Danksagung
1EINLEITUNG
„Wenn am 10. November das neue Deutschland den 175. Geburtstag Schillers begehen wird, werden die Blicke der Deutschen in aller Welt nach der Stätte gerichtet sein, an welcher unserem Volke der große nationale Dichter geschenkt wurde, dessen Bedeutung für Deutschlands Erhebung und Erneuerung Hans Fabricius in seinem Buche ‚Schiller als Kampfgenosse Hitlers’ eindringlich gewürdigt hat.“
(Otto Güntter im 38. Rechenschaftsbericht des Schwäbischen Schillervereins Marbach-Stuttgart. 1934. S. 9 f.)
1.1Ein Schillerkult in Marbach?
Jährlich zieht es eine Vielzahl Besucher nach Marbach, um auf Schillers Spuren zu wandeln. Der Blumengruß am Schillerdenkmal zum Geburtstag des Dichters Friedrich Schiller ist Tradition für die Schüler. Der Musikverein spielt am 10. November an Schillers Geburtshaus, und alle zwei Jahre wird der Marbacher Schillerpreis verliehen. Seit dem ersten Schillersonntag1 im Jahre 2002 zeigt die Interessengemeinschaft der Selbständigen (IGS) Marbach zum Abschluss des Tages den im Nationalsozialismus unter der Regie von Herbert Maisch gedrehten Film „Friedrich Schiller – Triumph eines Genies“. Außerdem grüßt auf der Schillerhöhe das 1876 eingeweihte Schillerdenkmal, direkt gegenüber steht das im Stil der Solitude erbaute Schiller-Nationalmuseum, und in der Niklastorstraße befindet sich das Geburtshaus. Das Kriegerdenkmal am Torturm soll die Gefallenen des Ersten Weltkriegs ehren. Im Jahre 1934 wurde es von den Nationalsozialisten errichtet und mit einem Zitat aus Schillers Jungfrau von Orleans versehen: „Was ist unschuldig, heilig, menschlich gut, wenn es der Kampf nicht ist ums Vaterland.“2
Marbacher Kriegerdenkmal. Quelle: privat
Außerdem wird sowohl an Schillers Geburts- als auch an seinem Todestag die Schillerglocke ‚Concordia‘ geläutet. Sie wurde 1859 anlässlich des 100. Geburtstages des Dichters von in Moskau lebenden Deutschen gestiftet und hängt seit 1860 im Turm der Marbacher Alexanderkirche. Was hier eine bloße Aufstellung von Fakten zu sein scheint, eröffnet gleichzeitig eine These: Der Marbacher Schillerverehrung ist eine gewisse Kontinuität beizumessen. Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit ist daher zum einen die Frage nach der Kontinuität der Verehrung Schillers. Zudem lassen das Zitat am Kriegerdenkmal sowie die Produktion des Films „Triumph eines Genies“ im Dritten Reich erahnen, dass es auch dunkle Zeiten der Schillerverehrung gegeben hat.
Der Schillerkult wurde anscheinend im 19. und auch im 20. Jahrhundert fortgeführt und ritualisiert. Aber erschreckend fällt das Zitat von Hans Fabricius aus dem Jahre 1932 ins Auge:
„Schiller als Nationalsozialist! Mit Stolz dürfen wir ihn als solchen grüßen. Mit Stolz – und mit Dankbarkeit.“3
Fabricius forderte die Öffentlichkeit auf, dem Manne dankbar zu sein, der früh das ausgeprägte Nationalbewusstsein gezeigt habe, von dem im Dritten Reich immer wieder die Rede war. Insbesondere das Schillerjahr 1934, das Jahr, in dem Schillers 175. Geburtstag gefeiert wurde, wurde mit einer Vielzahl an Veranstaltungen begangen. Ein Staffellauf zur ‚Stunde der Nation‘ am 21. Juni 1934, bei dem 18 000 Hitlerjungen in einer sternförmigen Stafette durch Deutschland liefen, um in Marbach Grußworte an den ‚Dichter der Nation‘ zu richten, die Umbenennung der Universität Jena in Friedrich-Schiller-Universität anlässlich des Geburtstages am 10. November sowie aufwendig vorbereitete Feiern in Marbach, Frankfurt und Weimar sind nur wenige Beispiele für die Inszenierung des Tages zu Ehren des Dichters. Auch in der Folge wurden speziell die Feiern zu Schillers Geburtstag für die Weltanschauung der Nationalsozialisten in Anspruch genommen, um mit der Verwendung von Zitaten – wie beispielsweise dem am Kriegerdenkmal – aus den Werken des Literaten einen Bezug zwischen Schiller und dem Dritten Reich herzustellen. Die grundlegende Frage der Dissertation ist daher, inwiefern versucht wurde, Schiller durch Feiern und Gedenktage in die NS-Ideologie zu integrieren. Ausgehend davon soll herausgefunden werden, wie sich die Abläufe der Feiern gestalteten. Haben die Nationalsozialisten den Schillerkult zu einem Politikum des Dritten Reiches gemacht? Was und wie wurde gefeiert? Mit der nationalsozialistischen Auslegung seiner Werke wurde Schiller als „Kampfgenosse Hitlers“4 beschworen, und Joseph Goebbels, Reichspropagandaminister und promovierter Germanist, erklärte: „Hätte Schiller in dieser Zeit gelebt, er wäre zweifellos der große dichterische Vorkämpfer unserer Revolution geworden. Er war einer der unseren. Blut von unserem Blut, und Fleisch von unserem Fleisch.“5 Verehrung wurde Schiller nicht nur durch Goebbels, sondern auch durch Adolf Hitler zuteil, da dieser ihn aufgrund der Worte Schillers „Immer strebe zum Ganzen und kannst du selbst kein Ganzes werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an“6 zu einem Verfechter des Nationalsozialismus und des Vaterlandes gemacht hatte.7 Hatten diese Aussagen Auswirkungen auf die heutigen Feiern, die an seinem Geburtstag noch immer stattfinden?
Eine deutschlandweite Aufarbeitung hat Georg Ruppelt in seiner Dissertation von 19798 vorgenommen. Angesichts dessen, dass Schiller in Marbach immer noch aktuell zu sein scheint und eine vollständige lokale Aufarbeitung noch nicht erfolgt ist, wird der Fokus der Arbeit auf Marbach gelegt. Um die Hintergründe zu begreifen und darzustellen, welche Bedeutung Schiller für Marbach hat, ist es notwendig, im 19. Jahrhundert zu starten. Die Möglichkeit, Schiller zu feiern, wurde bereits in dieser Zeit genutzt. Im Jahrhundert nach Schillers Tod wurden vor allem die Begrifflichkeiten des nationalen Gedankens und der Nationalstaatsfindung auf Schiller und die Feiern übertragen. Gleichzeitig mit dem Gedanken, die Suche nach einer Nation zu forcieren, wurde der Kult um Personen und Denkmäler vorangetrieben. Quasi Hand in Hand ging der Personenkult mit dem Wunsch nach Denkmälern. Es bestand das Bestreben, ‚großen‘ Persönlichkeiten mittels verschiedener Aktionen wie Gedenkfeiern oder Denkmälern den ‚angemessenen‘ Tribut zu zollen. In diesem Falle wurde Schiller zum Vorbild einer ganzen Nation im Rahmen eines Personenkultes, der im 19. Jahrhundert einsetzte. Insbesondere der Wunsch nach einer geeinten Nation wurde auf die Person Schiller und dessen Werke projiziert. Seine Werke galten als Symbol des Strebens nach Freiheit. Aufgrund der Revolution von 1848 wurde das Streben nach nationaler Einheit unterbrochen. Mit dem Schillerjahr 1859 – Schillers 100. Geburtstag – ergab sich eine neue Möglichkeit, Nationalismus und Freiheitsdrang miteinander zu verbinden. „Das Schillerfest im November 1859 wurde dann das größte Fest, das in Deutschland jemals zu Ehren eines Dichters gefeiert wurde“, urteilte Rainer Noltenius. Mit Schiller wurde „eine Persönlichkeit aus dem kulturellen Bereich zum nationalen Symbol“. Forschungsergebnisse verschiedener Autoren zeigen, dass der Trubel um Schiller nach der Reichsgründung abnahm, „weil Goethe, ‚der andere‘, die Aufmerksamkeit stärker auf sich zog als zuvor“. Dies zog sich hin bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten. Auch wurde Johann Wolfgang von Goethe im Jahre 1932 noch groß gefeiert. In den folgenden Jahren, insbesondere nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, herrschte keine Einigkeit darüber, ob Goethe nun verehrt oder gehasst werden müsse. Weitaus weniger Probleme scheinen die Nationalsozialisten mit der Inanspruchnahme Schillers auf ihre Weltanschauung gehabt zu haben. Es gilt daher herauszufinden, welche Schwerpunkte in der Marbacher Schillerverehrung gesetzt wurden und welche Maßstäbe befolgt wurden. Es muss schlichtweg zu einem Wandel gekommen sein, der es ermöglichte, dass Schiller wie 100 Jahre zuvor erneut zu einem Vorbild der Nation gemacht wurde.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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