Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ständig wird darüber berichtet, was hier und in der großen Welt geschieht. Aber weiß man dies wirklich? Und immer plagt den Menschen die Frage, wie wird zu leben sein in 100, 150, 200 Jahren. Auch vor 150 oder 200 Jahren hatten die Menschen – auch in diesem Land – den Wunsch zu wissen, was in der Zukunft sein wird. Was wäre, wenn einem Bewohner der deutschen Lande Anfang des 19. Jahrhunderts ein genauer Blick in die heutige Gegenwart möglich gewesen wäre? Was wäre, wenn 1825 ein berühmter Bewohner Weimars seine Vaterstadt Frankfurt am Main, wie sie sich heute darstellt, sehen und besuchen würde? Was wären die Erlebnisse, die Beobachtungen des Weimarer Geheimrats von Goethe bei einem heutigen Aufenthalt in dieser Mainstadt und – vielleicht – bei einem Kurzbesuch in Italien? Es sei versucht, sich dies vorzustellen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 149
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Johannes B. Heimensteiner
Ein fünfzigjähriges Jubiläum in Weimar Johannes B. Heimensteiner published by: epubli GmbH, Berlin www.epubli.de Copyright: © 2014 Johannes B. Heimensteiner ISBN 978-3-7375-0866-7
In Radioberichten, in Tageszeitungen, im Fernsehen wird berichtet fast zeitgleich – was hier und in der großen Welt geschieht. Aber weiß man dies wirklich? Oder ist das, was wir lesen, hören, sehen das, was der Überbringer der News für berichtenswert hält?
Auf vielen Bücherseiten wurde und wird berichtet, was in der Vergangenheit geschah. Vielleicht ist unsere Kenntnis über Historisches präziser als über das derzeitige Geschehen.
Und immer plagt den Menschen die Frage – und zwar vorwiegend dann, wenn er sich einmal aus der heutigen Informationsflut ausblendet – wie wird zu leben sein in 100, 150, 200 Jahren. Welche Gerätschaften, welche Nahrungsmittel, welche Wohnformen, welche Reisemöglichkeiten stehen bereit. Woran erfreuen sich zukünftige Menschen, was haben sie für Vorstellungen, für Wünsche, für Ziele.
Welch eine Freude würde es sein, wir könnten einen klaren Blick in diese Zukunft richten. Maschinenbauer, Erfinder, Zukunftsforscher können sagen, was alsbald, in naher Zukunft, und – eingeschränkt – in ferner Zukunft technisch möglich sein wird.
Indessen hatten die Menschen in diesem Lande auch vor 150 oder 200 Jahren vermutlich in gleicher Weise ihre Wünsche – was den Blick in die Zukunft anbelangt.
Was wäre, wenn einem Bewohner der deutschen Lande Anfang des 19. Jahrhunderts ein genauer Blick in die heutige Gegenwart möglich gewesen wäre.
Was wäre, wenn 1825 ein berühmter Bewohner Weimars seine Vaterstadt Frankfurt am Main, wie sie heute sich darstellt, sehen und besuchen würde.
Was wären die Erlebnisse, die Beobachtungen des Weimarer Geheimrats von Goethe bei einem Aufenthalt in dieser Mainstadt heute - und vielleicht – bei einem Kurzbesuch in Italien
Es sei versucht, sich dies vorzustellen.
Der November dieses Jahres 1825 entsprach seinem Ruf, ein grässlicher Monat zu sein. Der goldene Oktober verwöhnt – zuweilen – mit warmen Tagen, mit heller Sonne, mit Farben des Laubes, wie sie niemals ein Maler erschaffen kann. Alle Früchte sind geerntet, die Luft ist nahezu unbewegt, Ruhe und Stille breiten sich aus. Nur das Rauschen der Blätter, die auf die Wege herabgefallen sind, erreicht das Ohr des Passanten oder des Wanderers. Die Vögel sind verstummt, sie wissen, eine harte Zeit wird kommen.
Auch in der Haupt- und Residenzstadt Weimar des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach hatte der Oktober des Jahres 1825 seine Panoramen entfaltet. Sowohl im Park an der Ilm als auch in der Belvederer Allee und im Park des Schlosses Belvedere türmte sich das bunte Laub. Aber bereits am Ende des Monats Oktober war von der Licht – und Farbfülle kaum eine Spur mehr zu erkennen. Ein länger andauernder Regen, nicht heftig aber ständig über mehrere Tage hatte das form- und farbenprächtige Laub mehr und mehr zerrinnen lassen. Ein Drehen des Windes von West auf Nordost in beträchtlicher Heftigkeit hatte überdies nahezu das gesamte Blattwerk, das sich noch an den Bäumen und Sträuchern befunden hatte, von den Ästen und Zweigen gelöst und in alle Winde zerstreut. Diese Witterung mit Regen, Wind, sich verringernden Temperaturen setzte sich im November fort, Tag um Tag. Erste Schneeflocken mischten sich gelegentlich in den Regen. Sonnenschein, Wärme, Farben in Gärten und Wäldern, alles dies waren lediglich Erinnerungen, Hoffnungen.
Von Eisenach kommend, erreichte der Postwagen seinen Halt in Gotha. Im Wagen reiste lediglich ein Fahrgast, der des kühlen Wetters wegen einen festgeschlossenen, glatten Stoffmantel trug. Die Hände hatte er in die Manteltaschen tief versenkt und einen Eckplatz eingenommen. Über die Knie bis zur Brust reichend hatte sich dieser Reisende ein wärmendes Plaid gebreitet. Selbst die Füße waren hiermit teilweise bedeckt. Überraschenderweise war er ohne Kopfbedeckung. Mütze, Hut, Zylinder waren nirgends zu sehen. Dieser junge Mensch, mit glatter Frisur, bartlos, reiste barhäuptig. An der Haltestelle Gotha verblieb dieser Fahrgast im Wagen. Der Kutscher hatte vermerkt, dass der Pferdewechsel nur kurze Zeit in Anspruch nehmen würde, ein weiterer Fahrgast werde hier zusteigen und ebenfalls bis Weimar reisen. Gerade dieser Gast habe Wert darauf gelegt, dass unverzüglich die Reise weitergehe, er müsse zwingend bis zum frühen, spätestens mittleren Nachmittag in Weimar sein. Dieser Mitreisende trat hinzu, der Kutscher öffnete beflissen die Tür des Reisewagens. Der Mitreisende war ein älterer Herr, eine soignierte Erscheinung, eingehüllt in einen dunklen Mantel mit üppigem Schalkragen. Beim Einsteigen nahm er seinen glänzenden Zylinder vom Kopf und entbot dem Gast in der Kutsche einen kurzen, freundlichen Gruß. Sogleich setzte sich das Gefährt in Bewegung und nahm Fahrt auf.
Mit Ausnahme des Grußes der beiden Fahrgäste gab es zunächst keinen Gesprächskontakt miteinander. Allerdings, in einer Kutsche auf einen engen Raum angewiesen, konnte nicht ausbleiben, dass beide einander sehen mussten. Sie taten dies auch, legten es aber darauf an, das gegenseitige Betrachten möglichst unverbindlich erscheinen zu lassen. Die Blicke aus den Wagenfenstern zu beiden Seiten der Kutsche gaben immer Gelegenheit, den Miteisenden unauffällig zu sehen, zu beobachten. Der ältere der beiden Reisenden war erstaunt darüber, dass der jüngere Fahrgast keine Stiefel trug, sondern schwarze Halbschuhe mit fester, kräftiger Sohle, die mit Bändern auf der Oberseite der Schuhe, durch Ösen geführt, befestigt waren und deutlichen Glanz aufwiesen. Derartige Schuhe waren dem Beobachter bislang nirgends begegnet. Auch erschien ihm der Schnitt des festen Tuchmantels ungewohnt und insbesondere ein schmaler Kragen fiel auf. Anstelle eines Schalkragens, den man hierorts aus modischen und Zweckmäßigkeitsgründen trug, um Hals, Mund und Nase vor Witterung und Kälte zu schützen, handelte es sich hier um eine der Nackenlinie angepasste Kragenform. Dem Schutze vor Halserkältungen war ein gesonderter Schal um den Hals gelegt, der ein wenig anders gefärbt mit der Farbe des Stoffmantels jedoch angenehm harmonierte.
Die Reisegeschwindigkeit hatte sich ein wenig erhöht. Vermutlich war es nur eine geringfügige Unebenheit, die aber ausreichte, um die Kutsche in ein plötzliches, recht spürbares Schwanken zu versetzen. Nur mit einigem Bemühen war es dem jüngeren Reisenden gelungen, in seinem Sitzplatze sich zu halten, fast wäre er gegen den gegenüber Sitzenden gestoßen. Da seine Beine versuchten, Halt zu finden, war der ältere Reisende leicht von den Schuhspitzen des jüngeren berührt worden. Dieses kleine Malheur war Auslöser für Gespräch und Austausch. „Wann werden wir voraussichtlich in Weimar sein. Ich komme von Frankfurt am Main mit einem besonderen Auftrag, den ich in Weimar zu erfüllen suche. Mein Name ist Dr. Gerresheimer.“ „Nun, wir werden, normale Straßen- und Witterungsverhältnisse vorausgesetzt, voraussichtlich am späteren Nachmittag in Weimar eintreffen. In Erfurt ist erneut Halt und Pferdewechsel. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Halt in Erfurt ebenso nur kurze Zeit in Anspruch nehmen wird wie der Pferdewechsel in Gotha. Mein Name ist Meyer, ich leite die Bildersammlung des Großherzogs und bin auch Berater in mancherlei Fragen des Geheimrats von Goethe, der im übrigen heute ein ungewöhnliches Jubiläum begeht.“ „ Welch ein Zufall; gerade dieses Jubiläum ist der Anlass meiner Reise nach Weimar. Meine Promotion bei Professor Bergler in Frankfurt am Main ist kürzlich abgeschlossen. Die Dissertation befasste sich mit den Büchern 1 und 2 von Dichtung und Wahrheit. Unzweifelhaft nach mehr als zweijähriger Arbeit an diesen Texten wäre die Begegnung mit dem Autor etwas Außerordentliches. Ich empfände es als eine Gnade, dem berühmten Verfasser begegnen zu dürfen und insbesondere dann, wenn der Herr Staatminister mit mir sprechen würde. Mein Hauptauftrag allerdings ist eine Botschaft meines Doktorvaters an Herrn von Goethe, die ich jedoch nur ihm persönlich vortragen darf. Ich weiß, dass es nicht leicht sein könnte, empfangen zu werden, aber ich muss und will es versuchen. Die Botschaft ihm schriftlich vorzulegen, möchte ich vermeiden. Wie würden Sie, Herr Hofrat, da Sie Berater im Haus am Frauenplan sind, die Chancen einschätzen, Herrn von Goethe zu sprechen?“ „Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Tage, das ist es einfach, vom Geheimrat empfangen zu werden, es gibt andere Tage, da ist es unmöglich, den Hausherrn zu sprechen. Aber vielleicht gibt es bereits heute eine Möglichkeit. Im großen Festsaal des Stadtschlosses in Weimar findet heute Abend eine Zusammenkunft statt aus Anlass des Tages, an dem Johann Wolfgang von Goethe vor exakt 50 Jahren in Weimar ankam und seit dieser Zeit Bürger dieser Stadt ist. Der Großherzog Carl August hat geladen. Auch wenn ich längere Zeit in Gotha verbracht habe, bin ich sicher, dass mir als Hofrat und Berater des Geheimrats eine Einladung zu dieser abendlichen Zusammenkunft zugegangen ist. Wo werden Sie in Weimar wohnen?“ „ Mir ist das Hotel zum Elefanten genannt worden.“ „Gut, steigen Sie in diesem Hause ab. Ich werde Sie gegen Abend im Elefanten aufsuchen. Sie können mich begleiten zu dem Empfang im Stadtschloss. Es wird möglich sein, dass Sie in meiner Begleitung Einlass erhalten.“
Noch zu Tageslichtzeiten erreichte das Gefährt Weimar. Wenige Schritte waren es, um das Hotel Elefant zu erreichen, in welchem Dr. Gerresheimer ein gut gelegenes, ruhiges Zimmer mieten konnte. Auf Befragen war von ihm zu hören, dass er voraussichtlich zwei Nächte bleiben werde. Um sechs Uhr am Abend traf er im Eingangsraum des Hotels Hofrat Meyer. Dr. Gerresheimer hatte sich in einen dunklen Anzug gekleidet mit einem schwarzen Halstuch auf einem blütenweißen Hemd, dessen Fasson erneut dem Hofrat als ungewohnt auffiel. Behänden Schrittes erreichten sie das Stadtschloss, dem noch weitere, gut gekleidete Menschen zueilten. Der Bedienstete am Eingang grüßte mit Ehrerbietung Hofrat Meyer, seinem Begleiter wurde ohne jegliche Anmerkung der Zutritt gestattet.
Der große Festsaal war hell erleuchtet. Die Anwesenden, durchwegs in Festkleidung, in Fracks gekleidet, hatten sich in kleinen Gesprächsgruppen zusammen gefunden. Bedienstete reichten Getränke. Hofrat Meyer begrüßte mit deutlicher Betonung Herrn Eckermann, der seit kurzer Zeit im Hause am Frauenplan viel Zeit mit Geheimrat Goethe verbrachte. Er stellte Dr. Gerresheimer vor mit der Bemerkung, dass dieser mit ihm zusammen heute in Weimar eingetroffen sei. Der Wunsch dieses Mitreisenden aus Frankfurt am Main gehe darauf hinaus, dass er eine Botschaft Herrn von Goethe überbringen solle von dessen Hochschullehrer, Professor Bergler. Die angenehme Reiseatmosphäre, die sich auf der Fahrt von Gotha nach Weimar herausgebildet habe, sei Anlass für ihn, Hofrat Meyer, die Bitte von Dr. Gerresheim nach einem Kontakt zum Geheimrat zu unterstützen „Ich bitte auch Sie, Herr Eckermann, das Ihre zu tun, dass unser Besucher Gelegenheit erhält, den Herrn Staatsminister derart zu sprechen, dass er seinen Auftrag ausführen kann.“ Herr Eckermann erklärte sich gern bereit, behilflich zu sein, er werde versuchen, bei dieser Zusammenkunft jetzt Herrn Dr. Gerresheim Herrn von Goethe vorzustellen. Sinnvoll werde dies aber erst sein, wenn der Großherzog seine vorgesehene Adresse an den Jubilar gerichtet habe.
Dies geschah alsbald. Alle Anwesenden spürten deutlich, dass der Großherzog nicht sich einer seiner vielen Pflichten entledigte, er war sich der Bedeutung dieses Tages sehr gewiss, voller Erinnerungen, voller Emotionen. Es war eine kurze Rede. Er verwies auf die treue Anhänglichkeit des Jubilars, seine Dienstleistungen für das Großherzogtum und das Gemeinwesen und auf die besonderen Beziehungen zwischen ihm, dem Souverän und seinem Staatsminister und unterstrich, dass es sich um eine ungewöhnliche Beziehung handele, die als Freundschaft zu bezeichnen er sich nicht scheue, sondern sich rühme. Dieser Beziehung verdanke er . „den glücklichen Erfolg der wichtigsten Unternehmungen meiner Regentschaft“. Das Auditorium nahm die Worte Carl Augusts mit erkennbarer Anteilnahme, ja mit Hochachtung dem Sprechendem gegenüber zur Kenntnis.
Die Atmosphäre lockerte sich spürbar. Nicht in einem förmlichen Defilee, eher spontan und ungezwungen wandten sich die Gäste dem Jubilar zu, um mit einigen persönlichen Worten an die lange Wohndauer in Weimar zu erinnern. Dabei konnte nicht ausbleiben, dass Ereignisse erwähnt wurden aus den fünf Jahrzehnten, an welche sich die Gratulanten als besondere Ereignisse im besonderem Maße erinnerten. Die Unterhaltung mit Hofrat Meyer allerdings verlief anders. Der Staatsminister fragte unverzüglich, wie es um das in Gotha befindliche Bild des Niederländers bestellt sei. Würde eine Chance bestehen, diesen Breughel für Weimar zu erwerben. Hofrat Meyer konnte keine allzu große Hoffnung erkennen „ Mir scheint, dass man in Gotha sehr stolz auf diesen Erwerb ist, in Schloss Friedenstein wird vordringlich darüber gesprochen, in welchem Raum, in welcher Hängung dieses Bild angebracht werden soll. Ob der Großherzog in einem direkten Kontakt mit seinem Dresdner Nachbar-Regenten einen Erwerb erreichen kann, dürfte zweifelhaft sein. Wenn der Großherzog dies versuchen würde, es wäre wünschenswert. Auch darf ich einen aus Frankfurt am Main in Weimar eingetroffenen Besucher vorstellen. Dr. Gerresheimer ist heute eingetroffen und bittet um ein Gespräch, um eine Botschaft aus Ihrer Heimatstadt zu überbringen.“ Der Angesprochene wandte sich dem Gast aus Frankfurt zu, schaute ihn aufmerksam an. „Welch eine Freude, einen Bürger Frankfurts gerade an diesem Abend hier zu sehen. Und wirklich, vor 50 Jahren verließ ich die Mainstadt zur Reise nach Weimar. Wenn man es genauer betrachtet, mein Aufenthalt als Bewohner in Weimar ist doppelt so, lang wie - lässt man die Studienjahre außer Ansatz - als das Wohnen in der Geburtsstadt. Hier bei der großen Anzahl der Anwesenden gibt es wenig Raum, miteinander zu sprechen. Wenn Sie mich morgen Vormittag aufsuchen wollen, Sie sind mir willkommen.“ Dr. Gerresheimer war sehr angetan davon, am kommenden Tag, möglichst unter vier Augen, mit dem Herrn Staatsminister zu sprechen.
Der Großherzog selbst hatte sich der Tischordnung angenommen, um sicher zu stellen, dass an der langen Tafel jene Gäste möglichst zusammen saßen, die miteinander sprechen würden. Es wurde ein vorzügliches Mahl serviert, sämtliche Weine, sowohl die der Unstrut als die vom Rhein waren edle Getränke, die rundum als außerordentlich empfunden wurden. Da bereits am Festbeginn der Großherzog und der Jubilar – dieser mit einer kurzen, aber ebenso emotional geprägten Dankadresse – sich geäußert hatten, gab es keine Tischreden. Es wurde ein gelungenes Fest. Nahezu alle Teilnehmer äußerten sich beim Verlassen des Stadtschlosses überaus lobend. Dr. Gerresheimer, der dem Wein nur mäßig zugesprochen hatte, suchte das Hotel auf, zog sich in seinen Raum zurück, um nachzudenken darüber, wie er am kommenden Morgen dem Geheimrat am gefälligsten seine Botschaft vortragen könne.
Zu angemessener Zeit betrat der Besucher aus Frankfurt das Haus am Frauenplan und wurde sogleich in das Arbeitszimmer des Hausherrn geführt. Dort traf er Goethe und Hofrat Meyer, die sich in lebhaftem Gespräch befanden. Dr. Gerresheimer erwies beiden seine Reverenz und erklärte, dass er sowohl im Auftrage des Magistrats der Stadt Frankfurt am Main als auch im Auftrage von Professor Bergler gekommen sei, um Herrn von Goethe einzuladen, einen Blick in seine Stadt zu werfen, wie sie sich in 180, 190, 200 Jahren darstelle. Er sei ermächtigt, den Herrn Geheimrat zu bitten, am kommenden Morgen sich bereit zu halten, um in einem Fahrzeug des 21. Jahrhunderts eine ca. einstündigen Reise von Weimar nach Frankfurt zu unternehmen. Herr Hofrat Meyer sei ebenfalls geladen, an dieser Reise teilzunehmen. Die Reise werde unternommen in einem Luftfahrzeug, das am nächsten Morgen ca. 9 Uhr hier in Weimar eintreffen werde. Er, der Frankfurter Bote, sei ein Mensch des 21. Jahrhunderts, er halte sich für fähig, einem Bewohner Weimars aus dem 19. Jahrhundert zu versuchen darzustellen was sich zwischen dem Jahr 1825 und heute verändert habe. Er wisse sehr wohl, dass dies eine überaus schwierige Aufgabe sei um zu versuchen, dem Bewohner einer Stadt wie Weimar zu erklären, wie das Leben in einer modernen Großstadt sich darstellt, wie dies Frankfurt heute ist. Es werde aber dafür gesorgt sein, dass alle Fragen, die der Herr Geheimrat äußern werde, in kürzester Zeit beantwortet werden würden. Falls Herr von Goethe einen persönlichen Bediensteten für diese Reise glaube zu benötigen, so sei eine Mitreise natürlich möglich, es gebe jedoch in Frankfurt jeglichen Service, ein hiesiger Bediensteter sei insofern nicht zwingend erforderlich.
„Wie mag eine derartige Reise möglich sein?“ Herr von Goethe zeigte sich überaus irritiert. Welche Menschen werde er in Frankfurt sehen und sprechen. Er könne sich noch sehr gut an seinen letzten Aufenthalt in seiner Heimatstadt vor 10 Jahren erinnern, der mit mancherlei besonderen Erinnerungen verknüpft sei. Vor allem die längeren Aufenthalte seiner Zeit in der Gerbermühle bei der Familie von Willemer sind von vielfältiger Bedeutung. Ein leichtes Lächeln überzog das Gesicht des Dr. Gerresheimer „ Wenn wir, wie vorgeschlagen, um 9 Uhr hier starten, sind wir ca. 10 Uhr am Römerberg in Frankfurt. Die wichtigsten Honoratioren der Stadt erwarten Sie zu dieser Zeit im Römer. Anschließend werden wir zur Gerbermühle fahren, wo ein Imbiss vorbereitet ist. Professor Bergler ist der Gastgeber, der sehr begierig ist, mit Ihnen über verschiedene Ihrer Texte zu sprechen.“
„Das alles ist mir unvorstellbar, lieber Freund, was ist ein Luftfahrzeug? Wie soll eine solche Reise vonstatten gehen?“. „Das angekündigte Luftfahrzeug wird auch als Hubschrauber oder Helikopter bezeichnet“ erwiderte Dr. Gerresheimer „ Da ist eine Fahrgastkabine, wo auch der Bediener dieser Maschine, der Pilot, mit seinen Instrumenten seinen Platz hat. Ein Maschine, ein Motor liefert Energie, die über eine feste Zuleitung seine Kraft auf langgezogene Metallblätter überträgt. Diese Blätter werden in sehr hohe Umdrehungsgeschwindigkeit versetzt und sind damit geeignet durch geringfügige Einstellungsänderungen das gesamte Fahrzeug in die Luft zu heben und in jede gewünschte Richtung zu lenken. Die Luft ist, wie wir wissen, ein überaus wichtiges Element und kann, wie sich gezeigt hat, unter bestimmten Bedingungen auch Lasten und Gewichte tragen. Jener Motor wird mit einem Produkt in Betrieb versetzt, das die Natur bietet, nämlich Erdöl, das in einigen Regionen dieser Erde in großen Mengen sich im Laufe der Jahrtausende gebildet hat. In den deutschen Landen gibt es nur wenig Erdöllager, dafür gibt es hier, wie Herr Geheimrat wissen, viele und hochwertige Kohlenvorräte, die im Prinzip nichts anderes sind als verfestigtes Erdöl.“ „ Das ist eine überraschende Erläuterung, auch wenn vieles, was zu hören war, unverändert schwer verständlich erscheint. Aber welche Meinung vertritt Hofrat Meyer, den ich nicht nur als wahren Kunstkenner, sondern auch als praktischen, vernünftigen Menschen kennen gelernt habe?“ „Euer Ehren, ich empfinde wie Sie. Es übersteigt alles Vorstellbare. Indessen, die Begegnungen mit unserem Frankfurter Gast haben mir erwiesen, dass es sich um einen ernsthaften Menschen handelt, der seine Worte zu setzen weiß. Wenn, wie Dr. Gerresheimer sagte, Morgen Vormittag ein Luftfahrzeug hier sein werde, wäre dies ein Beleg der Wahrhaftigkeit seines Vortrages. Wir können sodann dieses Gefährt sehen und uns gleichsam spontan entscheiden, ob wir der Einladung folgen und uns diesem Abenteuer aussetzen.“ „Dies ist“, so der Gastgeber,
