6,99 €
Wann ist der Mann ein Mann? Macho, Held, Patriarch - die Rollenmodelle von gestern kommen heute nicht mehr gut an. Der Softie als Gegenentwurf kann auch nicht wirklich überzeugen - die Männlichkeit ist in der Krise. Kein Wunder, denn es gibt nicht nur eine Männlichkeit. Ein Streifzug durch die kulturelle Evolution zeigt: Von der Steinzeit bis in die Postmoderne entfaltet sich eine ganze Stufenfolge von Männlichkeits-Bildern, die auch heute noch in jedem Mann lebendig sind - der Naturbursche genauso wie der harte Kämpfer, der Ehrenmann ebenso wie der Macher oder der Feingeist. Und die alten Mannsbilder haben längst nicht ausgedient. Nehmen wir das Beste aus allen Epochen zusammen, dann wird ein zukunftsfähiger Männertyp sichtbar: Ein Ganzer Mann, der geerdete Körperlichkeit mit modernem Intellekt verbindet, gesunde Aggression mit Einfühlungsvermögen und Verantwortlichkeit. Das Buch macht verständlich, warum der Mann heute so orientierungslos dasteht, und entwirft die Grundlagen für ein Persönlichkeitswachstum hin zum Ganzen Mann.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 371
Veröffentlichungsjahr: 2019
»Ein ganzer Mann«
Entwicklung und Zukunft der Männlichkeit.
Eine integrale Perspektive.
Raymond Fismer
Impressum
© 2019 Raymond Fismer
Buchgestaltung: Deppe Design
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN Taschenbuch: 978-3-7345-4463-7
ISBN Hardcover: 978-3-7345-4464-4
ISBN e-Book: 978-3-7345-4465-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Bildnachweise:
©iStock.com / luoman / duncan1890 / jacquesvandinteren / oversnap / SrdjanPav / AshleyWiley / acilo / BeachcottagePhotography / fotostorm / Kittisak_Taramas / zlisjak / windujedi / ilbusca / dartlab-1 / CSA Images- B&W Engrave Ink Collection / ivan-96 / Le_Mon / kieferpix / PhotoHamster / ajt / lushik
© Andrii / © DamienGeso / © nataliya_rodenko / Fotolia.com
Inhaltsverzeichnis
Einführung
Teil I. Die Landkarte
1. Bewusstsein ist Geist und Materie, Kultur und Gesellschaft
2. Bewusstsein entwickelt sich
3. Das integrale Modell
4. Eine Skizze der Evolution
5. Arbeitsprogramm
Teil II. Entwicklungsstufen der Männlichkeit
1. Biologie
2. Jäger und Magier
3. Helden, Mythen, Krieger
4. Gesetz und Ordnung
5. Einzelkämpfer
6. Die postmoderne Infragestellung
7. Aufbruch zum integralen Mann
Teil III. Männerleben in modernen Zeiten
1. Von der Landkarte zur Realität
2. Magische Kindheit
3. Junge
4. Jugendlicher
5. Erwachsener Mann
6. Vater
7. Alter Mann
8. Mann ist mehr
Teil IV. Entwicklungsschritte zu einer neuen Männlichkeit
1. Wachstum fördern
2. Integrale Männerarbeit
3. Rückwärts oder vorwärts?
4. Sex jenseits der Fortpflanzung
Schlusswort
Danksagung
Literaturverzeichnis
Endnoten (Quellenangaben)
Über den Autor
(Inhaltliche Anmerkungen zum Text stehen in Fußnoten auf derselben Seite und sind mit arabischen Ziffern bezeichnet, während reine Quellenangaben mit römischen Ziffern bezeichnet und als Endnoten angeführt sind.)
Einführung
Die Männlichkeit ist in die Krise gekommen. Titel wie „Männer und andere Irrtümer“ oder „Männer sind primitiv, aber glücklich“ feiern in Boulevardtheater und Fernsehen Erfolge. Junge Frauen tauschen ganz selbstverständlich Männerwitze aus („Was ist ein Mann in Salzsäure? - Ein gelöstes Problem“, um eines der harmloseren Beispiele zu zitieren). „Eine Krankheit namens Mann“, titelte Der Spiegeli. „Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden“, schrieb die SPD in ihrem Grundsatzprogramm von 2007. Und schon in den 70er Jahren begann jeder Band der Reihe »rororo Mann« mit dem einleitenden Slogan „Der Mann ist sozial und sexuell ein Idiot“.
Im öffentlichen Diskurs wird Männlichkeit zunehmend entwertet und lächerlich gemacht. Und das gilt weithin als political correct, es fordert kaum Widerspruch heraus. Die Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing, sicher nicht des Chauvinismus verdächtig, sagte in einem Gespräch mit der englischen Tageszeitung „The Guardian“ 2001: „Ich bin zunehmend schockiert über die gedankenlose Abwertung von Männern, die so sehr Teil unserer Kultur geworden ist, dass sie kaum noch wahrgenommen wird. Es ist Zeit, dass wir uns fragen, wer eigentlich diese Frauen sind, die ständig die Männer abwerten. Die dümmsten, ungebildetsten und scheußlichsten Frauen können die herzlichsten, freundlichsten und intelligentesten Männer kritisieren und niemand sagt etwas dagegen. Die Männer scheinen so eingeschüchtert zu sein, dass sie sich nicht wehren. Aber sie sollten es tun.“
Es scheint kein positives Leitbild von Männlichkeit mehr zu geben, das allgemeine Anerkennung findet. Das ist Ausdruck einer revolutionären gesellschaftlichen Entwicklung, die natürlich eng mit der Emanzipation der Frau zusammenhängt. Wir sind Anfang des 21. Jahrhunderts in den industrialisierten Ländern an einem Punkt angekommen, wo die tradierten Männer-Bilder aufgelöst werden. Das Patriarchat hat nach Jahrtausenden wirklich ausgedient. Welch ein epochaler Wandel! Er eröffnet den Frauen nie dagewesene Entfaltungsmöglichkeiten; aber er hinterlässt auf Seiten der Männer ein riesiges Vakuum. In den 70er Jahren entstand als Reaktion auf die Frauenbewegung zunächst die Figur des Softie, der alle klassisch männlichen Eigenschaften ablehnte und negierte. Lange Haare, Latzhose, selbstgestrickte Pullover, viel Verständnis für die Frauenemanzipation, und bloß keine Aggressivität. Schnell wurde aber Männern wie Frauen klar, dass dieser Anti-Mann nicht das Modell der Zukunft sein kann. So ging die Suche erst richtig los: „Neue Männer braucht das Land!“, sang Ina Deter schon 1982, und Herbert Grönemeyer fragte zwei Jahre später „Wann ist der Mann ein Mann?“ Männer probierten neue Rollen aus, wurden liebevolle Väter und gleichberechtigte Partner. Andere versuchten, mit archaischen Ritualen im Wald Kontakt zu ihren Wurzeln zu finden. Oder suchten doch wieder etwas vom starken Mann zurückzugewinnen. All dem gemeinsam ist, dass sich die Männer – wohl zum ersten Mal in ihrer Geschichte – bewusst fragen mussten, was eigentlich Männlichkeit ist. Es herrscht eine breite Orientierungslosigkeit, wie ein zeitgemäßes, ein zukunftsorientiertes Mann-Sein aussehen könnte.
Neben diesem „Verunsicherten Mann“ und dem „Neuen Mann“ sind aber inmitten unserer Gesellschaft eine Vielzahl traditioneller Rollenbilder quicklebendig, an denen sich Männer orientieren: sie eifern den harten Helden aus Filmen und Computerspielen nach, verehren ihre Fußball- oder Rock-Idole, oder suchen ihr Heil in Ehre, Tradition und Autorität, jagen dem beruflichen Erfolg nach, stählen ihren Körper beim Bodybuilding oder tragen Glatze und Springerstiefel.
Wie ist dieser Wildwuchs unterschiedlicher nebeneinander stehender Männerbilder zu erklären? Wohin entwickelt sich die Rolle des Mannes? Sind die Männer ein Auslaufmodell der Evolution? Ist es – nach Jahrtausenden von patriarchalen Katastrophen und Leiden – an der Zeit, die Männlichkeit abzuschaffen? Oder können wir inmitten dieses Trümmerfeldes die Bausteine für einen neuen Typus Mann auffinden, der zukunftsfähig ist?
Ich möchte mit diesem Buch eine Landkarte zum Verständnis der vielfältigen und widersprüchlichen Erscheinungsformen des Männlichen vorlegen. Zugleich soll das entworfene Modell uns eine Navigationshilfe bieten bei der Suche nach dem Mann von Morgen.
Theorien über Männlichkeit
Der öffentliche Diskurs über das Verständnis von Männlichkeit – und von Geschlechtlichkeit überhaupt – ist bestimmt von konträren Positionen, die sich diametral gegenüberstehen.
In traditionell-religiös geprägten Kreisen herrscht im Allgemeinen ein klares Bild von der Geschlechtsidentität. Für den gläubigen Christen ist genauso wie für den traditionellen Moslem, den kastengebundenen Inder, den orthodoxen Juden unstrittig, was einen ganzen Mann ausmacht. Zumindest in patriarchalen Kulturen ähneln sich diese Rollenbilder weltweit: dem Mann werden Attribute zugeschrieben wie Stärke, Mut, Ehre, Geist, Klarheit, Zielstrebigkeit, Standhaftigkeit, Verlässlichkeit, Tapferkeit, Härte. Diese Eigenschaften gelten als ewig, als von Gott gegeben.
Im modernen, materialistischen Diskurs dagegen ist es weithin üblich geworden, die Eigenschaften von Männlichkeit rein biologisch zu erklären. Sowohl Körperbau als auch Verhalten des Mannes sind nach dieser Ansicht von der Evolution daraufhin optimiert, seine Gene möglichst effektiv zu vermehren. Und dieses Programm, das Männlichkeit ausmacht, ist vollständig mit den Genen (also insbesondere dem Y-Chromosom, das das männliche Geschlecht bestimmt) festgelegt.
Klassisch vertreten ist letztere Sichtweise in den Büchern von Allan & Barbara Pease, die lange Zeit weit oben in den Bestsellerlisten rangierten: „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ und weitere Folgebände. In ihrem Bild kommt der Mann letztlich nicht gut weg, seine archaischen Gene seien den Anforderungen einer modernen Gesellschaft schlecht angepasst. Ein paar Auszügeii: „Das Gehirn eines Mannes ist darauf programmiert, eins nach dem anderen zu erledigen und nicht mehrere Sachen gleichzeitig.“ „Männer haben sich zu Jägern und Nahrungslieferanten entwickelt, nicht zu Konversationsgenies.“ „Ein Mann ist von Natur aus misstrauisch, konkurrenzorientiert, beherrscht, defensiv und ein Einzelgänger, der seinen Gefühlszustand vor seiner Umwelt verbirgt.“ „Männer erfüllen die nötigen Voraussetzungen, um zu jagen und Beute nach Hause zu bringen, ihren Weg zurück nach Hause zu finden, in die Flammen zu starren, und sich fortzupflanzen – doch damit erschöpft sich ihr Repertoire.“1
Die genetische Sichtweise impliziert – genauso wie die traditionelle -, dass die grundlegenden Eigenschaften von Männlichkeit zeitlos und unwandelbar sind, in allen Kulturen und zu allen Zeiten dem gleichen Muster folgen und nur oberflächlichen Unterschieden unterliegen.
Der Postmoderne, dem westlichen Denken der letzten Jahrzehnte, ist das Verdienst zuzuschreiben, dass sie all diese zeitlosen Festschreibungen von Geschlechtsidentität einer kritischen Prüfung unterzogen hat. Mit dem Ergebnis, dass wenig davon haltbar erscheint. Alle traditionsgebundenen Vorstellungen erweisen sich als aus ihrem historisch-gesellschaftlichen Kontext entstanden. Sie sind mitnichten ewig, sondern vergänglich und relativ. Und der Absolutheitsanspruch der materialistischen Naturwissenschaft ist den postmodernen Geistes- und Gesellschaftswissenschaften grundsätzlich suspekt. Sie setzen gegen die biologische Determinierung eine gesellschaftliche Prägung des Geschlechts, manchmal so weitgehend, dass die Rolle der Biologie komplett geleugnet wird.
So stehen sich in der öffentlichen Debatte über die Geschlechter heute zwei Positionen unvereinbar gegenüber: Biologische versus gesellschaftliche Prägung. Der Konflikt ist so polarisiert, dass oft schon Reizworte für eine strenge Abgrenzung ausreichen. Wer von „Genen“ spricht, steht gleich im Verdacht, die traditionellen Rollen inklusive ihrer patriarchalen Herrschaftsstruktur perpetuieren zu wollen. Und wer das Wort „Gender“ in den Mund nimmt, dem wird unterstellt, dass er in einem großen Umerziehungsprogramm die Geschlechterunterschiede (und speziell die Männlichkeit) abschaffen wolle.
Lange Zeit stand ich hilflos vor diesem Widerspruch, da ich beiden Positionen etwas abgewinnen konnte. Als studiertem Diplom-Physiker mit einem soliden materialistisch-naturwissenschaftlichen Weltbild leuchtete mir die genetische Erklärung durchaus ein. Mein Entwicklungsweg erschloss mir dann über die Jahre immer mehr die Welt des Sozialen: Politik, Gesellschaftswissenschaften, Gruppenprozesse und Gemeinschaften, schließlich Selbsterfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und Spiritualität. So wurde mir auch der Ansatz der gesellschaftlichen Bestimmtheit immer besser nachvollziehbar.
Ein Schlüsselerlebnis zur Lösung dieses Widerspruches war für mich die Begegnung mit den Schriften des amerikanischen Denkers Ken Wilber. Abgesehen davon, dass sein integraler Ansatz so ferne Felder wie Naturwissenschaft und Spiritualität miteinander in Beziehung setzt (was viel von meiner Geschichte widerspiegelte), faszinierte mich der Evolutions-Gedanke. Zahlreiche Denksysteme, die Wilber in sein Werk einbezieht, von Entwicklungspsychologie über diverse Philosophien bis zu traditionellen Weisheitsschulen, haben eines gemeinsam: sie begreifen das Bewusstsein des Menschen als in Entwicklung befindlich, als von Stufe zu Stufe weiter wachsend.
Die Evolution ist nicht nur ein biologischer Prozess, sondern sie nimmt mit der Kulturentfaltung des Menschen erst richtig Fahrt auf. Der Evolutions-Gedanke bietet einen Verständnisrahmen, um die ganze Entwicklung des Menschen von seinen biologischen Ursprüngen über die Urzeit und alle Stufen gesellschaftlicher Prägung bis in die Jetzt-Zeit zu integrieren. Vererbung oder gesellschaftliche Prägung, Biologie oder Kultur sind so keine sich ausschließenden Widerspruchspaare mehr, sondern Phasen einer kontinuierlichen, aufeinander aufbauenden Entwicklung.
Da ich selber auf der Suche war, was Mannsein eigentlich bedeutet, machte ich mich daran, die Entwicklungsgeschichte der Männlichkeit nachzuzeichnen.
Skizze einer integralen Auffassung von Geschlechtsidentität
Der Grund-Unterschied zwischen den Geschlechtern beginnt mit den biologischen Gegebenheiten. Die biologische Männlichkeit heißt kurz gefasst: Männer haben aufgrund des Y-Chromosoms männliche Hormone. Sie besitzen einen Körper mit männlichen primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen. Männer haben beim Geschlechtsakt den eindringenden, aktiven, samengebenden Part. Bei der Fortpflanzung sind sie nur sekundär beteiligt: Männer werden nicht schwanger, gebären nicht, stillen nicht. Und wie die neurologische Forschung erst in den letzten Jahren immer mehr aufdeckt, sind die körperlichen Unterschiede von Geburt an viel größer, als man lange dachte: das Nervensystem, der Gehirnaufbau unterscheidet sich schon beim neugeborenen Jungen aufgrund des monatelangen Einflusses seiner männlichen Hormone grundlegend von dem eines Mädchens.
Die Biologie ist aber nur der Anfang; der Mensch ist ein lernendes Wesen, er ist im Wesentlichen geprägt durch sein Bewusstsein, durch Kultur, Gesellschaft, Geschichte. Entscheidend ist, was das Bewusstsein der Menschen jeweils aus den biologischen Unterschieden macht, wie es sie in Verhaltensweisen, Regeln, Rollen, Überzeugungen umsetzt. Und diese kulturelle Umsetzung ist auf den jeweiligen Stufen der Bewusstseins-Evolution eine sehr unterschiedliche. Männlichkeit entfaltet sich in verschiedenen, gesetzmäßig aufeinander folgenden Stufen; Mann-Sein bedeutet dann jeweils:
• die von Natur und Ahnen gegebene Rolle für das Überleben des Stammes zu erfüllen,
• siegen, beherrschen, der Stärkere sein,
• seine Stellung in den Regeln der patriarchalischen Gesellschaftsordnung ausfüllen,
• sich behaupten, erfolgreich sein,
• sich selbst finden, dem Ganzen dienen,
• schließlich über sich selbst hinauswachsen, mehr sein als nur Mann.
Und all diese Mannsbilder, die im Laufe der Kulturgeschichte entstanden, sind jeweils vollgültige Ausdrucksweisen von Männlichkeit. Wenn wir nach einem zukunftsfähigen Männerbild suchen, so muss dieses auf der bisherigen Entwicklung aufbauen. Wir können unsere Geschichte nicht verleugnen, sie ist uns eingeschrieben. Ein ganzer Mann integriert das Beste aus all diesen Entwicklungsstufen, er verbindet archaische Körperverbundenheit mit modernem Intellekt, gesunde Aggression und Direktheit mit Einfühlungsvermögen und Verantwortlichkeit. Damit kann er der Frau tatsächlich als gleichberechtigter Partner begegnen, und stellt die positiven Qualitäten des Mannseins in den Dienst der Zukunft unserer Art.
Dieses Buch will einen Beitrag leisten, ein integrales Bild von Männlichkeit zu entwerfen. Es ist kein handlungsorientierter Ratgeber, sondern in erster Linie ein Buch des Verstehens. Teil I führt zunächst die zugrunde liegende integrale Landkarte ein, im Teil II werden die Stufen der Entwicklung von Männlichkeit ausgeführt. Teil III betrachtet, wie diese Entwicklungsstufen in unserer heutigen Lebenswirklichkeit in Erscheinung treten. Im Teil IV schließlich geht es darum, was uns dieses gewonnene Verständnis für die Schritte zur männlichen Persönlichkeitsentwicklung sagt, für den Weg zum ganzen Mann.
1 Die Peases beschreiben treffsicher und auf angenehm humorvolle Weise viele Charakteristika und Unterschiede von Männern und Frauen in den heutigen Mittelschichten der Industrieländer. Zeitlos ist diese Beschreibung beileibe nicht, und die allein genetische Begründung enthält zwar Wahrheiten, greift aber viel zu kurz, wie wir im Folgenden noch sehen werden.
2. Bewusstsein entwickelt sich
Neben der Integration von Geist, Materie, Kultur und Gesellschaft ist es eine grundlegende Erkenntnis des integralen Ansatzes, dass Bewusstsein einer Evolution unterliegt, sich in der Zeit entfaltet. Bewusstsein heute ist ein anderes als Bewusstsein vor zehntausend Jahren. Das heutige Bewusstsein ist ein höher entwickeltes.
In Zeiten, wo die Gleichwertigkeit aller Kulturen und Menschen eingefordert wird, erscheint so eine Aussage schnell als nicht „political correct“. Sie erfordert deshalb eine genauere Betrachtung. Was bedeutet „höher entwickelt“? Wir haben gelernt, vorsichtig zu sein mit Hierarchisierungen von Menschen; und das aus gutem Grund, die Ideen vom Übermenschen und der überlegenen Rasse und die aus ihnen folgenden Wahnsinnstaten sind noch kein Jahrhundert alt. Wenn wir also von höherer Entwicklung des Bewusstseins sprechen, müssen wir sehr genau hinschauen, um was es sich handelt.
Man darf nicht dem Irrtum verfallen, unsere Vorfahren wären „dümmer“ gewesen als wir Heutigen. Schon Steinzeitmenschen haben in ihrem rauen alltäglichen Überlebenskampf Kenntnisse und Kulturleistungen hervorgebracht, über die wir heute staunen können. Man schaue sich in einem Museum die filigrane Bearbeitung der Steinwerkzeuge an, oder male sich aus, welche Gerissenheit und Erfahrung nötig sind zur erfolgreichen Jagd auf Großwild wie Mammuts, Büffel oder Wale. Die Steinzeitmenschen waren es, die sich als anpassungsfähigste aller Tierarten über die gesamte Erde ausbreiteten, sich erfolgreich in so unterschiedlichen Lebensräumen einrichteten wie der Arktis, dem tropischen Regenwald oder der Steppe. Um geringere Intelligenz geht es nicht. Die biologische Evolution, die die Leistungsfähigkeit unseres Gehirns hervorgebracht hat, spielt in Zeiträumen von Hunderttausenden von Jahren; der Steinzeitmensch (wie auch sein Gehirn) war biologisch gesehen mit uns identisch.
Aber die Intelligenz, das Bewusstsein war anderer Art. Es war von seiner Struktur her einfacher, und hat sich seitdem hin zu höherer Komplexität entwickelt. Wir werden noch genauer sehen, was „höhere Komplexität des Bewusstseins“ bedeutet. Zunächst einmal gilt es anzuerkennen, dass sich die Art des Bewusstseins systematisch gewandelt hat.
Über die Kultur von Steinzeit-Menschen ist wenig Verlässliches bekannt; richten wir unseren Blick daher lieber auf geschichtliche Epochen, aus denen genauere Zeugnisse vorliegen. Selbst in historischen Zeiträumen kann man in verschiedensten Gebieten der Kultur feststellen, wie sich das Denken im Laufe der Zeit geändert hat. Aber da unser Blick normalerweise höchstens unsere eigene Lebensspanne umfasst, sind wir geneigt, diese Änderungen zu übersehen, und der Einfachheit halber anzunehmen, alle Menschen hätten schon immer so gedacht wie wir selber.4
Zwei konkrete Beispiele mögen hier zur Illustration genügen. Sie haben unmittelbar nichts mit dem Thema Männlichkeit zu tun, aber beide zeigen nachvollziehbar auf, dass sich die Art des Bewusstseins geändert hat.
Die Entwicklung der Perspektive in der Malerei5
Die Malerei erlebte mit der Erfindung der Perspektive im Italien des 15. Jahrhunderts eine Revolution. Ohne Zweifel gibt es auch in der Geschichte davor schon viele gemalte Kunstwerke, die mit großem Geschick gestaltet sind und einen tiefen Eindruck beim Betrachter hinterlassen. Aber egal ob man sich Höhlenmalereien, ägyptische Papyri, griechische Vasenbilder, chinesische Tuschezeichnungen oder mittelalterliche Gemälde anschaut, unserem modernen Blick fällt immer wieder auf, dass in allen die korrekte räumliche Perspektive fehlt, die wir so gewohnt sind. Wenn räumliche Gegenstände abgebildet sind, erscheinen sie seltsam verzerrt.
Konnten die Maler es nicht besser? Dem widerspricht, dass sie ansonsten sehr kunstvoll und detailreich zu arbeiten wussten. Bei genauerer Betrachtung kommen viele Kunsthistoriker zu dem Schluss, dass die früheren Künstler keine Perspektive malten, da es in ihrer Wahrnehmung keine Perspektive gab. Sie hatten keinen Begriff eines Raumes, der unabhängig von den Objekten existiert, so wie er uns heute selbstverständlich ist. So selbstverständlich, dass es uns sehr schwer fällt, uns eine Weltwahrnehmung ohne Räumlichkeit überhaupt vorzustellen. Erst die Moderne hat den leeren Raum erfunden.6
Die Veränderung des Gottes-Begriffes 7
Zu allen Zeiten und in allen Teilen der Welt machten sich die Menschen Vorstellungen vom Göttlichen. Wie wir wissen, nahmen diese Vorstellungen höchst unterschiedliche Gestalten an. Die jeweils vorherrschenden Gottesbegriffe waren aber keineswegs willkürlich, sondern sie machten auf der ganzen Welt eine ähnliche Entwicklung durch: vom Vielen zum Einen, vom Konkreten zum Abstrakten. Im Animismus ist die ganze Welt von Geistern beseelt, die in jedem Fels, in jedem Baum und in jedem Tier wirken. Die Hochkulturen der Welt entwickeln ein Pantheon von vielen menschenähnlichen, aber weit in den Himmel entrückten Göttern. Mit dem Fortschreiten der Entwicklung entstehen monotheistische Religionen, die vielen Götter werden ersetzt durch den einen Gott. Schließlich wird Spiritualität noch abstrakter, hinter dem persönlichen Gott erfährt die Mystik das unnennbare Eine.
4 Erst in den letzten Jahrzehnten nimmt die Evolution der Gesellschaft solch eine Geschwindigkeit auf, dass schon in der Spanne eines Menschenlebens deutliche Entwicklungen wahrzunehmen sind. Denken Sie etwa an die unglaubliche Entfaltung der Computertechnik, des Internets oder des Verkehrs in den letzten paar Jahrzehnten. Deshalb wird Evolution für uns Heutige konkret und begreifbar.
5 Genaueres hierzu findet man beispielsweise ausgeführt bei Jean Gebser.
6 Auch in der späten Antike gab es bereits Ansätze zur Perspektive, beispielsweise in spätrömischen Mosaiken. Aber dieser frühe Ansatz von modernem Bewusstsein ging mit dem Römischen Reich unter..
7 Ausführlich und auf wunderbar anschauliche Art dargestellt in Küstenmacher/Haberer/Küstenmacher „GOTT 9.0“.
3. Das integrale Modell
Diese und ähnliche Beispiele sollten klar gemacht haben, um was es geht: Die Art zu denken, die Form der Weltaneignung unterliegt historischen Wandlungen. Zahllose detaillierte Untersuchungen aus der Kulturgeschichte, der Philosophie und Entwicklungspsychologie belegen dies mittlerweile. Betrachtet man diese Studien in ihrer Summe, so fällt zweierlei auf:
Linien der Bewusstseinsentwicklung
Zum einen gibt es nicht nur eine Art von Bewusstsein, das sich entfaltet. Man muss genauer von vielen Linien des Bewusstseins sprechen, von vielerlei Intelligenzen8: es gibt die kognitive Intelligenz, aber auch die emotionale Intelligenz, soziale Kompetenz, kinästhetische Intelligenz, Moral, Ich-Identität, musische Kompetenzen, … Jede dieser Erscheinungsformen von Bewusstsein entwickelt sich auf ihre eigene Art.
Jeder Mensch verfügt damit über ein ganzes Spektrum unterschiedlich ausgeprägter Linien von Bewusstsein. Und die Entwicklung in diesen Bewusstseins-Linien kann durchaus ungleichzeitig verlaufen. Jeder hat von Menschen gehört, die intellektuell genial sind, aber emotional zurückgeblieben; vom begabten Künstler, der in Alltagsdingen lebensunpraktisch ist; oder vom hoch entwickelten spirituellen Meister, dessen moralisches Handeln zweifelhaft ist.
Der Linie der kognitiven Entwicklung (die wir gemeinhin als „Intelligenz“ bezeichnen) scheint bei der Entfaltung des Bewusstseins eine Leitrolle zuzukommen. Sie vermittelt uns die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven auf die Welt einzunehmen. Und ohne ein angemessenes Erkennen können sich die meisten anderen Entwicklungslinien schlecht entfalten.
Die Differenzierung des Bewusstseins in viele Intelligenzen, viele Linien bedeutet für unser Thema: die Entfaltung der (männlichen) Geschlechtsidentität ist eine von vielen Entwicklungslinien des menschlichen Bewusstseins. Das Bewusstsein eines jeden Mannes ist zugleich auch immer bestimmt durch seinen Entwicklungsstand von Intelligenz, von sozialer Kompetenz, von Emotionalität, von musischer Kreativität, usw. Jeder Mann ist nicht nur Mann, sondern immer auch Mensch in vielerlei Hinsicht. Allerdings besitzt die Geschlechtsidentität eine stark prägende Kraft auf die Entwicklung der gesamten Persönlichkeit.
Stufen des Bewusstseins
Zum anderen gibt es nicht nur eine Andersartigkeit von Bewusstsein, sondern es lassen sich deutlich Abfolgen verschiedener Stufen von Bewusstsein erkennen. Die Evolution hat eine Richtung. Verschiedene Forscher, Gelehrte und Weise beschreiben unterschiedlichste Modelle von Stufen des Bewusstseins; diese finden wir in den spirituellen Traditionen ebenso wie in der modernen Psychologie, Pädagogik oder Ethnologie. Jede Linie des Bewusstseins hat ihre eigene Struktur der Entwicklung.
Ein sehr einfaches Modell benennt die drei Stufen egozentrisch, ethnozentrisch und weltzentrisch. Ähnlich verfährt die Stufentheorie des moralischen Urteils von Lawrence Kohlberg: sie unterscheidet präkonventionelles, konventionelles und postkonventionelles Denken.9
Jean Gebser, ein Pionier der evolutionären Bewusstseinsforschung in der Moderne, unterscheidet fünf Stufen: archaisch, magisch, mythisch, modern und integralaperspektivisch.
Unter Pädagogen sehr bekannt ist das entwicklungspsychologische Modell der Entfaltung der kognitiven Intelligenz nach Jean Piaget. Er unterscheidet die sensomotorische, die prä-operationale, die konkret-operationale und die formal-operationale Stufe der Kindheitsentwicklung.
Auch die alten spirituellen Traditionen haben vielfach ähnliche Stufensysteme der Entwicklung aufgezeigt. Das yogische System der sieben Chakren beispielsweise lässt sich auch als Stufensystem der Entwicklung des Geistes auffassen.
Die Aufzählung solcher Evolutionsmodelle aus verschiedensten Wissensgebieten ließe sich lange fortsetzen; Ken Wilber hat in „Integrale Psychologie“ über einhundert davon systematisch verglichen. Sie unterscheiden sich hinsichtlich Anzahl und Bezeichnung der Stufen, aber aus einer integrierenden Sichtweise zeigen sie alle eine gemeinsame Struktur auf: Entwicklung vollzieht sich in gesetzmäßig aufeinanderfolgenden Stufen, und typischerweise schreitet sie vom Einfacheren zum Komplexeren, vom Begrenzten zum Umfassenden fort. So ist es möglich, allgemeine Schemata der Evolution des Bewusstseins als Ganzes aufzustellen, die für alle Linien sinnvoll anwendbar sind. Das Wesentliche, das zu beschreibende Phänomen ist die Evolution des Bewusstseins; die verschiedenen Namen und Unterteilungen sind lediglich verschiedene Maßstäbe, mit denen das Phänomen gemessen und beschrieben wird. Es ist so, als ob verschiedene Wanderer einen Berg erklimmen, und der eine die Höhe in Metern, der andere in Fuß und der Dritte in Faden angibt – die tatsächliche Höhe ist jedes Mal die gleiche.
Nicht zufällig wird der Evolutionsbegriff, der uns als „Evolution der Arten“ aus der Biologie vertraut ist, auch für die Entfaltung des Bewusstseins gebraucht. Die Evolution des Geistigen ist ja eine Fortführung der Evolution des Körperlichen. Wo die Menschwerdung nach Jahrmillionen ein Bewusstsein im eigentlichen Sinne herausgebildet hat, verlagert sich die weitere Evolution unserer Art ins Innere und erfährt dabei eine dramatische Beschleunigung.
Das Fortschreiten der Evolution von einer Stufe zur nächsten geschieht durch Überwinden und Einschließen, Transzendieren und Integrieren. Stößt das Bewusstsein in einer Entwicklungsstufe zunehmend an Begrenzungen, so kann es unter bestimmten Bedingungen einen Entwicklungssprung machen, das bisherige Denken mit seinen Einschränkungen hinter sich lassen und eine neue Stufe der Komplexität annehmen. Typischerweise bedeutet dies eine Erweiterung der Perspektive: das, womit man vorher identifiziert war, wird nun von einer höheren Warte aus überschaubar, in einen größeren Zusammenhang eingeordnet. Was vorher Subjekt war, wird nun zum Objekt des erweiterten Subjektsiii. Dabei wird das bisherige Denken transzendiert, aber es verschwindet nicht, hat nicht ausgedient, landet nicht auf dem Müllhaufen: sondern es lebt weiter als die Grundstruktur, als das Fundament, auf dem die neue Denkstruktur aufbaut.
Philosophisch entspricht die Entfaltung der Evolution dem dialektischen Drei schritt bei Hegel: jede These führt zur Herausbildung ihrer Antithese, und der Widerspruch zwischen beiden führt in einem qualitativen Sprung zur Synthese, in der das Alte aufgehoben ist im doppelten Sinne: überwunden und aufgenommen, transzendiert und integriert.10
Versteht man Evolution richtig in diesem Sinne, so kann man sich vor dem Irrtum der Überheblichkeit schützen, dem arroganten Irrglauben, man hätte in der Weiterentwicklung die früheren Stufen hinter sich gelassen. Nein, sie sind alle noch da, sie bilden das feste und notwendige Fundament, auf dem die komplexere Bewusstseinsform ruht. Nur ist etwas hinzugekommen, aber nicht einfach ein Mehr, sondern ein Höher, der Umschlag von Quantität in Qualität.
Ein paar Beispiele hierzu: Dem abstrakten Operieren mit Zahlen geht das konkrete Wahrnehmen von Gegenständen und ihrer Identität und Unterschiedlichkeit voraus; das Wahrnehmen bleibt aber beim Zählen bestehen. Jeder abstrakten Malerei, die diesen Namen zu Recht trägt, geht die Fähigkeit zum gegenständlichen Malen voraus; nur so kann von etwas abstrahiert werden. Das macht den Unterschied zwischen einem Kinderbild und einem Picasso aus.
Noch in einer weiteren Hinsicht ist die Evolution des Bewusstseins der biologischen Evolution vergleichbar. Der allmählichen Entwicklung der Arten, der Herausbildung und Veränderung des Genotyps, geht parallel die Entfaltung eines jeden individuellen Lebewesens, die Herausbildung des Phänotyps von der befruchteten Eizelle bis zum erwachsenen Individuum. In seiner Embryonalentwicklung durchläuft jeder Mensch Entwicklungsschritte, die an seine stammesgeschichtliche Evolution erinnern. So entwickelt der Embryo im Laufe seiner Entwicklung Kiemenbogen und einen deutlich ausgeprägten Schwanz am Ende des Rückgrats, genauso wie alle Wirbeltiere; und ab dem 4. Monat trägt er zeitweise eine Behaarung (Lanugo) am ganzen Körper, so wie fast alle anderen Säugetiere.
Vergleichbares gibt es bei der Evolution des Bewusstseins zu beobachten. Auch hier laufen Stammesentwicklung und Individualentwicklung analog ab. Der neugeborene Mensch durchläuft bei der Entfaltung seiner Bewusstseinsleistungen eine gesetzmäßige Folge von Entwicklungsstufen, die parallele Strukturen aufweisen mit der historischen Entfaltung des menschlichen Bewusstseins durch die verschiedenen Kulturepochen. Das Kleinkind beginnt erst allmählich, Innen und Außen zu unterscheiden, und lebt in einer magischen Vorstellungswelt. Im Älterwerden bildet sich die Ich-Identität heraus, und es erprobt seinen Willen, seine Macht über die Umwelt. Zunächst handelt es ganz konkret im Moment. Allmählich lernt es immer mehr, Regeln zu sehen, Zusammenhänge zu begreifen, vorauszuplanen, sich in andere hinein zu versetzen. Schließlich kommen Abstraktionsleistungen hinzu, es ergründet Ursachen.
Der evolutionäre Ansatz geht von der Überzeugung aus, dass wir frühere Bewusstseinsstufen nicht einfach hinter uns lassen; sondern die Evolution funktioniert im Doppelschritt von Überwinden und Einschließen. Eine frühere Stufe wird im Wachstumsprozess transzendiert und in die neue Struktur integriert – im besten Falle, bei gesundem, optimalem Wachstum. Im realen Wachstum kommt es aber immer wieder (und zu einem gewissen Grade fast immer) vor, dass dieser dialektische Schritt von Transzendenz und Integration nur teilweise gelingt. So kann es zu Störungen, schlimmstenfalls zu Pathologien auf jeder Stufe kommen. Entweder die frühere Struktur wird nicht vollständig überwunden, Teile von ihr führen ein Eigenleben weiter. Oder die Integration in das Neue gelingt nicht: das Alte wird abgelehnt, bekämpft, schließlich verdrängt, und lebt im Unbewussten fort.
Diese Schattenseiten kommen uns oft als Erstes in den Sinn, wenn wir an eine bestimmte Stufe denken: das Abergläubische im Magischen, das Gewalttätige im Mythologischen, das Dogmatische im Konventionellen, das Entfremdete im Modernen, das Narzisstische im Postmodernen. Und tatsächlich ist die reale Geschichte, sowohl der Menschheit wie auch der Individuen, voll von gestörten bis pathologischen Erscheinungen. Je höher wir uns entwickeln, desto mehr wachsen auch die Möglichkeiten für Fehlentwicklungen. Das kann zu einem Kulturpessimismus führen, zur Ansicht, mit dem sogenannten Fortschritt würde alles immer schlimmer. Aber die Schatten dürfen uns nicht den Blick verstellen auf den eigentlich lichtvollen Kern der Evolution, auf die Kraft und die Potenziale, die in einer gesunden Entfaltung aller Stufen enthalten sind.
Typen
Neben der Unterscheidung von Entwicklungsstufen findet man in vielen philosophischen, spirituellen und psychologischen Systemen auch Typologien des Bewusstseins. Bekannte Beispiele sind etwa die zwölf Tierkreis-Zeichen der Astrologie, Charaktertypen wie Melancholiker, Choleriker, Sanguiniker und Phlegmatiker, die ayurvedischen Lebensenergien Kapha, Pitta und Vata, die neun Typen des Enneagramms, die taoistische Polarität von Yin und Yang.
Es ist wichtig, sich den Unterschied beider Kategorien klar zu machen. Typen des Bewusstseins stellen eine horizontale Gliederung dar. Zwischen verschiedenen Typen gibt es keine hierarchische Beziehung, sondern sie stehen gleichwertig nebeneinander: extrovertiert ist nicht besser oder schlechter, entwickelter oder grundlegender als introvertiert, genauso wenig wie blond besser ist als schwarz, Wassermann komplexer ist als Skorpion.
Entwicklungsstufen dagegen bilden eine vertikale Gliederung und bauen in einer hierarchischen Beziehung aufeinander auf. Magisch ist grundlegender als modern, und sensomotorisch ist früher als formal-operational.
Typologien sind Unterscheidungen, die sich auf jeder Entwicklungsstufe treffen lassen. Sie sind häufig ein sinnvolles Werkzeug, um die Charakterisierung von Bewusstsein noch differenzierter zu machen. Sie werden uns spätestens im Zusammenhang mit den Archetypen (im Kapitel IV.3) weiter beschäftigen.
Zusammenfassung
Fassen wir das bis hierher skizzierte integrale Modell zusammen: Bewusstsein ist ein ganzheitliches Phänomen, das in allen vier Quadranten zugleich ko-evolviert: es ist immer Geist und Materie, Kultur und Gesellschaft. Bewusstsein entfaltet sich in zahlreichen Linien, die seine Wirkungsfelder bezeichnen. Es differenziert sich in verschiedene unterscheidbare Typen. Und die Evolution des Bewusstseins vollzieht sich in einer bestimmten Stufenfolge, unter Transzendierung und Integration der früheren Stufen.11
8 Der Begriff „Bewusstsein“, wie ich ihn hier gebrauche, umfasst die Gesamtheit aller geistigen Funktionen in allen vier Quadranten und ist in seiner Komplexität kaum vollständig zu erfassen. Der verwandte Begriff „Geist“ wird meist eingeschränkt auf den oberen linken Quadranten, auf das innere Erleben, gebraucht. Mit „Intelligenz“ und „Verstand“ meint man meist die kognitiv-rationale Fähigkeit. Doch alle vier Begriffe können auch in einem weiteren Sinne gebraucht werden, so wie es etwa Howard Gardeners Konzept der „Multiplen Intelligenzen“ tut. Wo es aus dem Zusammenhang heraus nicht missverständlich ist, werde ich öfters alle Begriffe synonym für „Bewusstsein“ benutzen, schon allein um das Wort nicht ständig zu wiederholen.
9 Und dazu jeweils zwei Unterstufen.
10 Überhaupt nehmen die deutschen Idealisten (Fichte, Schelling, Hegel…) schon erstaunlich viel von der integralen Sichtweise vorweg, insbesondere die Idee einer Stufenentwicklung des Geistes. Nur blieben sie eben Idealisten, d.h. auf die linken, inneren Quadranten beschränkt.
11 Das integrale Modell, wie Ken Wilber es präsentiert, umfasst noch eine weitere Kategorie: Zustände des Bewusstseins, wie Wachzustand, Traum und Tiefschlaf. Für ein vollständiges Verständnis von Bewusstseinsphänomenen sind alle fünf notwendig. In unserer Untersuchung der Männlichkeit spielen Zustände jedoch keine wesentliche Rolle, sodass ich auf eine Ausführung verzichte.
4. Eine Skizze der Evolution
Das oben skizzierte einfache Entwicklungsmodell mit den drei Stufen egozentrisch – ethnozentrisch – weltzentrisch zeigt den grundsätzlichen Charakter der Evolution des Bewusstseins schon gut auf: vom Beschränkten zum Umfassenden, vom Einfachen zum Komplexen. Es gibt fein ausdifferenzierte Modelle, die zwölf und mehr Stufen in der Entfaltung bestimmter Bewusstseinslinien unterscheiden. Je mehr Unterteilungen ein Modell hat, desto feiner beschreibt es die Entwicklung; allerdings droht dabei die Übersichtlichkeit und damit die Anwendbarkeit verloren zu gehen.
Das Stufen-Modell, mit dem wir im Folgenden arbeiten werden, möchte ich nun in Kürze einführen. Es geht im Großen und Ganzen parallel mit den Stufen der „Spiral Dynamics“ von Don Beck und Christopher Cowan. Es unterscheidet (bis jetzt) sieben Stufen der Bewusstseinsevolution: sie können bezeichnet werden als archaisch, magisch, mythisch, konventionell, modern, postmodern und integral. Diese werden zur Veranschaulichung auch gerne mit Farben verbunden: beige, purpur, rot, blau, orange, grün und gelb12. Die Benennung lehnt sich an Jean Gebsers Terminologie an. Auch andere Namen sind verbreitet; ich werde sie bei den einzelnen Stufen jeweils erwähnen.
Archaisch (beige)
Der Körper des Menschen ist ein Spitzenprodukt von Jahrmillionen der Evolution. Zwar sind wir in vieler Hinsicht schwächer und empfindlicher als viele andere Tiere, aber die entscheidenden Organe unseres Körpers, die uns zum Menschen machen, besitzen eine faszinierende Komplexität und Leistungsfähigkeit. Wir laufen und balancieren souverän auf unseren zwei Beinen13. Unsere Haut, die ganz ohne den Schutz von Schuppen, Fell oder Federn unsere Grenze zur Außenwelt bildet, ist feinfühlig wie kaum eine andere und ermöglicht eine höchst wirksame Temperaturregulation. Unsere Hände können fest und sicher zupacken, aber genauso gut zart streicheln, empfindlich tasten oder virtuos Klavier spielen. Unsere Augen sind hoch auflösend und zum räumlichen Sehen in der Lage. Unser Sprachapparat erzeugt eine unvergleichlich differenzierte Symphonie von Lauten. Und unsere Sexualorgane, ob männlich oder weiblich, sind neben ihrer Fortpflanzungsfunktion zu hochentwickelten Zentren der Körperenergie geworden.
Aber ohne Zweifel ist das wunderbarste Organ unser menschliches Gehirn; mit seinen 100 Milliarden Nervenzellen, die mit bis zu 500 Billionen Synapsen vernetzt sind, können wir es mit Recht als die komplexeste bekannte Struktur im Universum bezeichnen. Es ermöglicht das, was uns als Menschen wirklich einzigartig macht: unser Bewusstsein.
Einfache, rudimentäre Formen von Bewusstsein gibt es sicherlich auch schon im Tierreich. Kennzeichen von Evolution ist, dass die Übergänge fließend geschehen, und erst im distanzierten Blick ein qualitativer Sprung erkennbar wird. So ist auch das Bewusstsein nicht auf einmal aus dem Nichts entstanden.
In manchen Teilleistungen des Gehirns sind uns einige Tiere sogar überlegen. So können wir nur staunen über die Orientierungsleistungen der Zugvögel, über die blitzschnellen Reaktionen vieler Raubtiere, oder über die instinktive Weisheit der wilden Tiere bei der Auswahl ihres Fressens.
Die Herausbildung des menschlichen Bewusstseins bedeutet vor allem das Entstehen und immer komplexere Wachsen einer Innenwelt. Zwar müssen auch Tiere schon innere Repräsentanzen ihrer Sinneseindrücke haben, sodass sie sich erinnern und in gewissem Maße vorausdenken können. Jedoch gewinnen diese inneren Bilder mit der Menschwerdung dramatisch an Komplexität. Seit frühester Zeit, seit man von Menschsein reden kann, hat der Mensch die Fähigkeit, seine Außenwelt-Erfahrungen mit geistigen, inneren Objekten zu verbinden und sie zu erleben als Wahrnehmungen, Gedanken, Begriffe, Bilder, Gefühle.
Die Sprache als Weiterentwicklung davon erlaubt es, die inneren Repräsentanzen miteinander in Beziehung zu setzen, und Aussagen über sie mit seinesgleichen auszutauschen. Zudem bereichert sich die Innenwelt mit Objekten, die kein Pendant in der Außenwelt besitzen: mit Beziehungsbegriffen, Gattungsnamen, Abstrakta usw., kurz mit den Inhalten der unteren, kollektiven Quadranten.
Unsere geistige Innenwelt besteht nicht nur aus dem, was wir bewusst wahrnehmen, sondern sie umfasst ein ganzes Kontinuum von vorbewussten Gedankensplittern über unbewusste Impulse und Bilder bis hin zu den wenigen, an die Oberfläche unseres Bewusstseins tretenden Gedanken und Eindrücken. Wenn wir hier vom „menschlichen Bewusstsein“ reden, so meinen wir diese Gesamtheit aller geistigen Inhalte. Das Wort Bewusstsein wird auch in anderer, eingeschränkterer Bedeutung gebraucht: so im Gegensatz bewusst - unbewusst, oder im Gegensatz bewusst – bewusstlos. Hier soll es zunächst auch das Unbewusste mit umfassen.
Archaische, instinktive Inhalte unseres Bewusstseins sind die Überlebensimpulse, die wir mit den Tieren teilen: Atmen, das Bedürfnis nach Essen, Trinken und Wärme, Flucht-, Schutz- und Verteidigungsreaktionen, Fortpflanzungsinstinkte.
Die Muster für die geistigen Grundfähigkeiten unserer Gattung müssen offenbar in der ererbten Struktur des Gehirns und des Nervensystems angelegt sein, denn sie entwickeln sich bei allen Menschen in sehr ähnlicher Weise. Jeder gesunde Mensch zeigt etwa die Fähigkeit zur Objektpermanenz, zur Abstraktion, zum Nachahmen, zum Rapport14. Abweichungen hiervon sind als krankhafte Störungen festzumachen.
Das bedeutet aber, dass das Bewusstsein in seinen Anfängen durch unsere biologische Herkunft bestimmt ist. Sie legt zwar nicht die Inhalte des Denkens fest, aber seine grundlegenden Formen. Man könnte auch sagen: die Potenzialitäten, in denen sich das Bewusstsein entfalten kann.
Zu diesen ererbten Möglichkeiten gehören neben den Grundformen der Wahrnehmung und Erfahrung auch die wesentlich komplexeren Grundmuster unseres Erlebens und Verhaltens, für die Carl Gustav Jung den Begriff „Archetypen“ prägte15
