19,99 €
Die erstaunliche Wirkungsgeschichte einer antiken Schrift
Die »Germania« ist eine der berühmtesten und berüchtigtsten Schriften der Antike. Das kleine Buch, in dem der Römer Tacitus seinen Landsleuten vor Augen halten wollte, wie dekadent sie waren, schuf den Mythos der unbeugsamen, kriegstüchtigen, blauäugigen, rassereinen und trotz aller Wildheit sittsamen Germanen. Der Altphilologe und Ideengeschichtler Christopher B. Krebs erzählt erstmals für ein breiteres Publikum, wie das Buch im Verlauf seiner Geschichte immer wieder für unterschiedliche Zwecke instrumentalisiert wurde. So benutzte man den Germanenmythos im 19. Jahrhundert, um eine nationale Identität zu stiften, während im 20. Jahrhundert Rassetheoretiker bei Tacitus Argumente für die Überlegenheit der »deutschen Rasse« fanden, was die Nationalsozialisten begeistert aufgriffen. Sie begaben sich sogar auf die Suche nach der ältesten überlieferten Handschrift in Italien und gelobten, Deutschland wieder so nobel und rein zu machen, wie die Germanen einst gewesen seien.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 457
Veröffentlichungsjahr: 2013
Für meinen Vater Rudolf Bodo Jürgen Krebs zu seinem 70. Geburtstag
So sollen wir wieder werden oder wenigstens Teile von uns.
Heinrich Himmler, Tagebuch, 24. September 1924
Mit der Eile von Menschen, die wissen, dass ihre Tage gezählt sind, fuhr die SS-Abteilung über die kies- und sandbedeckte Auffahrt, die, von zwei dichten Baumreihen gesäumt, auf einen freien Platz führte. Hier, 15 Kilometer westlich der Regionalhauptstadt Ancona an der Adriaküste und unmittelbar südlich von Jesi mit seinem gefährlichen Flughafen, standen die SS-Männer nun gemeinsam mit einheimischen Helfern vor der Villa Fontedamo. Der dreigeschossige Bau, dessen Fassade mit sechs Säulen und einem kleinen Balkon geschmückt war und dessen helle Farben die Hitze von Sommernachmittagen abhalten sollten, wirkte überraschend still. Es war im Herbst des Jahres 1943. Alliierte Truppen hatten mit der Invasion in Süditalien begonnen.
Die Männer, Abgesandte des Reichsführers SS Heinrich Himmler, hämmerten an die Tür. Im Nu hatten sie sie aufgebrochen und stürmten hinein. Dabei traten sie auf ein kleines Mosaik im Fußboden, auf dem in erdfarbenen Ziffern das Baujahr der Villa zu lesen war: 1855. In dem Gebäude fanden die Nationalsozialisten niemanden vor, und sie durchsuchten nun systematisch Zimmer und Schränke, Zentimeter um Zentimeter, Stockwerk für Stockwerk. Ihre Suche artete zunehmend in bloßen Vandalismus aus, sie beschädigten Fresken, Gemälde und Bücher. Doch das Objekt der Begierde Himmlers war anderswo sicher verwahrt, und so konnten sie hier nicht fündig werden.
Der Eigentümer der Villa, Graf Aurelio Baldeschi Guglielmi Balleani, hatte seine Familie an einem anderen seiner Wohnsitze, im nahegelegenen Osimo, untergebracht. Dieses alte Bergdorf, dessen Einwohner sich i senza testa (»die Kopflosen«) nennen – eine Anspielung auf eine Reihe enthaupteter Statuen im Zentrum des Ortes –, hatte sich als sicherste Zufluchtsstätte angeboten: Es war weit genug vom Flughafen entfernt und lag über einem verzweigten Netz von Kellern, das von seinem Palazzo aus zugänglich war. Diese Stollen, Tunnel und Nischen, die man in den feuchten ockerfarbenen Sandstein gehauen hatte, gewährten bereits seit Jahrtausenden Schutz. Nun beherbergten sie den Grafen mit seiner Gattin und ihren beiden Kindern, die dank der Umsicht ihres Chauffeurs Giuseppe Angeletti und des ortsansässigen Kellners Riccardo Cerioni mit allem Lebensnotwendigen versorgt waren. Als deutsche Soldaten an die Tür dieses Domizils hämmerten, konnte man das im Untergeschoss hören. Die Baldeschi-Balleanis hatten schon früher »Besuche« erhalten: in den 1920er-Jahren von deutschen Nationalisten, seit den 1930er-Jahren von Nationalsozialisten und italienischen Faschisten. Adolf Hitler hatte persönlich sein Interesse an einem Besitzstück der Familie bekundet. Ebenso wie den SS-Männern, welche die Villa Fontedamo durchsuchten, war es ihnen allen jedoch nicht gelungen, das zu erlangen, was nach Jahrhunderten der Vergessenheit plötzlich einem Priester in die Hände gefallen war, als im Jahr 1901 in der Bibliothek eines weiteren Palazzos der Baldeschi-Balleanis im Zentrum von Jesi das älteste erhaltene Manuskript »eines der hundert gefährlichsten Bücher, die je geschrieben wurden«, auftauchte.1
Fast 2000 Jahre nach ihrer Abfassung und 500 Jahre nach ihrer Wiederentdeckung durch Manuskriptjäger war die Germania des Tacitus erneut und zum letzten Mal Objekt von Träumen und Begierden. Angesichts ihrer Geschichte war es kaum von Belang, dass der sogenannte Codex Aesinas, das handgeschriebene Manuskript der Germania aus dem 15. Jahrhundert, das man in Jesi entdeckt hatte, dem Zugriff der Nationalsozialisten entging: Seinen Schaden hatte der Text des Tacitus bereits angerichtet.
Abb 1
1. Mosaik in der Eingangshalle der Villa Fontedamo.
Heinrich Himmler, als Reichsführer SS für die Ermordung von Millionen verantwortlich, ist nicht als Bibliophiler in die Geschichte eingegangen. Warum also befasste sich der zweitmächtigste Mann des Nationalsozialismus mit der Germania? Warum entwickelte er, während die Welt vom Krieg überrollt wurde, ein derartiges Interesse an einem fast 2000 Jahre alten Text, den der römische Historiker Cornelius Tacitus im Jahr 98 geschrieben hatte und der in dem begehrten Manuskript den Titel trägt: Über den Ursprung und die Sitten der Germanen? Was machte diese ethnografische Schrift mit einem Umfang von noch nicht einmal 30 Seiten so kostbar, dass Himmler sie zu stehlen versuchte, obwohl sie für alle Nichtspezialisten unlesbar war und der Text selbst sowohl in modernen lateinischen Editionen als auch in Übersetzungen überall in Nazideutschland zur Verfügung stand – wie es bereits seit 400 Jahren der Fall war?
Die Germania wurde in der Schule gelehrt, in Naziliteratur ausgiebig zitiert, und für unzählige Nationalsozialisten, vom einfachen bis hin zum hochrangigen Parteimitglied, war sie eine Quelle der Begeisterung. Sie stellte die einzige umfassende Schilderung der germanischen Völker dar, man las sie als Bericht über die deutsche Vergangenheit und pries sie allgemein als »einzigartiges Denkmal«.2 Leider ist sie kein Bericht und handelt auch nicht von der deutschen Vergangenheit.
Eine einheitliche Definition der Volksgruppe, die man Germanen nennt, gibt es nicht. Für die Römer, die den Spuren ihres Feldherrn Gaius Julius Caesar folgten, waren sie die unbotmäßigen Nordvölker östlich des Rheins, die ein Gebiet durchstreiften, das im Norden von der Ostsee, im Süden von den Alpen und im Osten (gewöhnlich) von der Weichsel umschlossen wurde. Römische Autoren hatten zwar Kenntnis von zahlreichen germanischen Stämmen wie den Goten, den Sueben und den Teutonen, aber sie dachten sie sich als eine einzige ethnische Gruppe, die von der Geografie zusammengehalten wurde. Für einen modernen Linguisten bezeichnet der Ausdruck »germanisch« hingegen einen Zweig des indoeuropäischen Sprachbaums, aus dem dann im Lauf der Zeit die modernen Sprachen – Deutsch, Englisch, Schwedisch und andere – hervorgingen. Aus dieser Sicht versteht man unter Germanen alle Sprecher germanischer Sprachen. Archäologen verwendeten den Begriff noch etwas anders: Sie klassifizierten als »germanisch« zunächst sämtliche materiellen Funde im Norden, die nicht römischen Ursprungs waren; um 1900 aber verfeinerten sie ihre Methoden und definierten diejenigen als Germanen, welche die gleiche materielle Kultur besaßen.3
Dieses diffuse Bild weist zwei Probleme auf. An den materiellen Kulturen der germanischen Stämme zeigten die römischen Schriftsteller, darunter auch Tacitus, kaum Interesse, an ihren Sprachen noch weniger. Möglicherweise hat die Mehrzahl der Menschen, die sie mit dem lateinischen Ausdruck Germani belegten, dieselbe Sprache gesprochen und ähnliche Gegenstände verwendet, mit Sicherheit sagen können wir es nicht. Die drei Quellen – antike Zeugnisse, Sprachwissenschaft und Archäologie – führen einfach nicht zu einem einzigen Volk. Wie auch immer man jedoch die Germanen definiert, man darf sie nicht als die Vorfahren der heutigen Deutschen, als »antike Deutsche«, betrachten. Obgleich Tacitus und andere Römer die germanischen Stämme so schildern, als seien sie eine zusammenhängende ethnische Gruppe, die ein Volk bildete, waren sie das nicht. Von welchen Germanen stammen also die Deutschen ab? Welche Gemeinsamkeit verbindet sie mit ihren angeblichen Vorfahren? Und wie steht es mit den germanischen Stämmen, die außerhalb des heutigen Deutschland lebten, etwa den Goten, welche die Schweden als ihre ursprünglichen Ahnen reklamierten? Die Zeitachse zwischen der germanischen Vergangenheit und der deutschen Gegenwart ist zerbrochen: Die Germanen waren keine frühen Deutschen. Unter den Tacitus-Lesern gab es immer einige, denen dieser Sachverhalt klar war; die Mehrheit hingegen studierte die Germania vom 15. bis zum 20. Jahrhundert durch eine ideologische Brille und schätzte sie als Tor zur deutschen Vergangenheit.
Abb 2
2. Codex Aesinas: Die ersten Zeilen der Germania des Tacitus.
Man betrachtete den Text des Tacitus als das »Morgenrot« deutscher Geschichte und meinte, er erhelle das Leben und die Sitten jener alten deutschen Zeiten.4 Das Licht des Morgenrots ist mild, und die meisten Leser gewannen einen positiven Eindruck. Kaum war die Germania im 15. Jahrhundert aus der düsteren Bibliothek eines deutschen Klosters entführt worden, da lieferte sie die Attribute, die für die deutschen Vorfahren schon bald zum Standard werden sollten: einfach, tapfer, treu, rein, gerecht und ehrenwert. Als Himmler 20 Jahre vor dem geschilderten SS-Einsatz die Germania las, ließ sie in seiner Seele einen seltenen Ton anklingen, und er vertraute seinem Tagebuch an: »So« wie unsere germanischen Vorfahren »sollen wir wieder werden«.5 Er war nur einer von vielen auf einer langen Liste von Lesern, die mit dem italienischen Humanisten Giannantonio Campano beginnt, der 1471 seine deutschen Zuhörer aufforderte, sich wieder zu dem aufzuraffen, was sie einst gewesen waren. Viele Jahrhunderte später sollte Adolf Hitler selbst für sein Buch Mein Kampf den Titel »Die germanische Revolution« in Erwägung ziehen. Und auch wenn sich Hitler, der 1936 Mussolini um die Rückgabe des Codex Aesinas bat, schließlich gegen diesen Titel entschied, wäre darin (für Hitler nur allzu passend) für die zahlreichen Nationalsozialisten, die eine »Heimkehr« zu alten Ufern forderten, eine wichtige ideologische Komponente zum Ausdruck gekommen.6 Um dieses deutsche Utopia zu erreichen, beriefen sie sich – ebenso wie Generationen von Germanophilen vor ihnen – auf Tacitus als unfreiwilligen Steuermann.
Das Werk des Tacitus übte über einen derart langen Zeitraum hinweg – insgesamt waren es 450 Jahre – einen so großen Einfluss aus, weil »Deutschland« viele Jahrhunderte lang nur ein Produkt der Fantasie war. Oder vielmehr stellte die Vorstellung von »Deutschland« eine Frage, auf welche die Germania eine Antwort lieferte. Deutsch zu sein hieß, sich zu fragen, was deutsch sei (um es mit den Worten Friedrich Nietzsches zu sagen).7 Zugunsten solcher Selbsterforschung ließe sich anführen, dass das eine legitime Fragestellung war: Bevor sich der Norddeutsche Bund und die süddeutschen Staaten am 18. Januar 1871 zusammentaten, um das Deutsche Reich zu schaffen, hatte es keinen deutschen Nationalstaat gegeben, und Kartografen pflegten verzweifelte Seufzer über den Wirrwarr in Europas Mitte auszustoßen. Vor dem 19. Jahrhundert existierte Deutschland nur als Gefühl. Da es den Hunderten von Staaten, die bis 1806 durch das lockere Band des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zusammengehalten wurden, ganz offensichtlich an geografischer und politischer Einheit mangelte, berief man sich zur Untermauerung der Idee einer einheitlichen Nation auf die Gemeinsamkeiten der Vergangenheit, der Kultur und der Muttersprache. Doch selbst diese Kulturnation erschien im politischen Kaleidoskop nur denjenigen, die bereits Anhänger der deutschen Idee waren. Die moderne Forschung hat zutage gefördert, dass dieselbe fast ebenso vielfältig und uneinheitlich war wie die politische: Das Volk hatte unbekümmert außerhalb einer nationalen Kultur und innerhalb seiner kommunalen Grenzen gelebt, es war regionalen Traditionen gefolgt und hatte lokale Dialekte gesprochen, die mit dem Deutschen oftmals nur wenig Ähnlichkeit hatten. Im Gegensatz zu den Fantasievorstellungen zahlreicher Historiker des 19. Jahrhunderts war ein deutscher Nationalstaat nicht politisch oder kulturell vorprogrammiert; etwas anderes zu denken heißt, dem deutschen teleologischen Trugschluss zu erliegen.
Dennoch lässt es sich rechtfertigen, von »Deutschen« vor 1871 zu sprechen. Als eine »imaginierte Gemeinschaft« existierte die deutsche Nation unter Intellektuellen 400 Jahre lang in einem paradoxen Zustand des Vorgriffs, ehe sie als Nationalstaat verwirklicht wurde.8 Der deutsche Nationalist Ernst Moritz Arndt, der den Beginn des Deutschen Reiches noch erlebte, drückte dieses Paradox am umfassendsten aus: »Deutsches Volk? Was bist du, und wo bist du? Ich suche und finde dich nicht.«9 300 Jahre vor ihm, im frühen 16. Jahrhundert, hatten sich Humanisten nördlich der Alpen schon bewusst als »Deutsche« bezeichnet und ihre Landsleute dazu gedrängt, ihre patria zu studieren und sich zu deren Verteidigung gegen italienische Verleumdungen zusammenzuschließen. In der Germania des Tacitus fanden sie diese patria – ein tapferes Volk, das sie als Vorfahren in Anspruch nahmen. Die kulturellen und intellektuellen Mängel, welche diese Menschen im Vergleich zu den kultivierten Römern aufwiesen, wurden durch ihre Sittlichkeit und Tapferkeit reichlich aufgewogen: In Wirklichkeit waren die deutschen Vorfahren überlegen gewesen.
Die Gegner der Deutschen wechselten – nach den Römern kamen die Italiener, nach den Italienern die Franzosen und nach den Franzosen die Juden –, aber die Entgegensetzung blieb ein charakteristischer Zug des deutschen Nationalbewusstseins. Wenn die »deutsche Frage« gestellt wurde, lieferten immer wieder die germanische Vergangenheit im Allgemeinen und die Germania im Besonderen die Antwort. Heinrich Heine hat dies satirisch in einem Frage- und Antwortspiel behandelt: »Wo fängt der Germane an? Wo hört er auf? Darf ein Deutscher Tabak rauchen? Nein, behauptete die Mehrheit. Darf ein Deutscher Handschuhe tragen? Ja, jedoch von Büffelhaut … Aber Biertrinken darf ein Deutscher, und er soll es als echter Sohn Germanias; denn Tacitus spricht ganz bestimmt von deutscher cerevisia … Wer nur im siebenten Glied von einem Franzosen, Juden oder Slawen abstammte, wurde zum Exil verurteilt.«10 Als der Nationalsozialismus weniger als ein Jahrhundert später eine germanische Revolution anstrebte, wäre der Dichter, der selbst im Exil lebte, nicht überrascht gewesen.
Ungeachtet der gegenteiligen Beteuerungen Hitlers präsentierte sich ihm die Ideologie des Nationalsozialismus nicht aus dem Nichts; und der Germanenmythos ist auch nicht die einzige Komponente, die sich bis zur völkischen Bewegung und noch weiter zurück durch die vorangegangenen Jahrhunderte verfolgen lässt. Bei der Herausbildung der Kernkonzepte der NS-Ideologie – Rassismus, Ideologie des Volkes und seines Geistes sowie eben dieser Germanenmythos – hat die Germania des Tacitus eine bedeutende Rolle gespielt. Arnaldo Momigliano, ein unersättlicher Leser und eine gelehrte Autorität zum Thema Ideengeschichte, ahnte das. Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes hat er der Germania unter den »hundert gefährlichsten Büchern, die je geschrieben wurden«, hohe Priorität eingeräumt.11 Er hatte recht. Denn das Buch, das ein enthusiastischer Nazi »jedem denkenden Deutschen« als »Bibel« empfahl, wurde nicht nur von Nationalsozialisten zur Stützung ihrer ideologischen Ansichten zitiert. Wichtiger noch ist: Durch die Jahrhunderte hindurch trug es, als »goldenes Büchlein« (libellus aureus), als »bewunderungswürdiges Werk« (un admirable ouvrage) und als »ein unsterbliches Werk« bestaunt, zentrale Elemente zur Herausbildung der ideologischen Auffassungen bei, zu deren Stützung man es dann später zitierte: Ein höchst gefährliches Buch ist die Germania nicht, weil sie in den Rahmen passte, sondern weil sie dazu beigetragen hatte, diesen Rahmen zu formen. Sie erfüllte ihre eigene Verheißung. Während die nationalsozialistische Rezeption des von Tacitus verfassten »besonderen Glücksfalls« überwiegend ältere Tendenzen fortsetzte, unterschied sie sich von ihnen in einem Punkt ganz entscheidend: Innerhalb und außerhalb der Himmler’schen SS wurde tatsächlich ein Versuch unternommen, die Beschreibung des Römers in deutsche Wirklichkeit, die Vergangenheit in Zukunft, Deutsche in Germanen zu überführen.12 Eines der Nürnberger Rassengesetze – das 1936 verabschiedete sogenannte Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre – verbot Eheschließungen zwischen Juden und Deutschen ebenso, wie die Germanen des Tacitus angeblich Heiraten mit Ausländern eingeschränkt hatten.
Ideen haben Ähnlichkeit mit Viren: Sie sind auf Köpfe als Wirte angewiesen, sie vervielfältigen sich und mutieren in Inhalt oder Form, und sie rotten sich zusammen, um Ideologien zu bilden. Sie verbreiten sich vertikal über Generationen hinweg und auch horizontal von einer sozialen Gruppe zur anderen.13 Das Germania-Virus, das man gegen Ende des 15. Jahrhunderts aus Italien importiert hatte, verursachte in historischen Texten und sprachwissenschaftlichen Abhandlungen, in politischer und kultureller Philosophie wie auch im Rechtswesen, in Rassentheorien und selbst in Schultexten verschiedene lokale Symptome, die allesamt auf eine ernsthafte Krankheit deuteten. Und nach einer Inkubationszeit von 350 Jahren, in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, führte es weiter zu einer systemischen Infektion, die in der größten Krise des 20. Jahrhunderts gipfelte. Seither hat man den Text, nachdem man ihn anfangs gemieden hatte, überwiegend zu Forschungszwecken und nicht aus ideologischen Gründen studiert.
Um eine intellektuelle Epidemiologie zu schreiben, muss man die Patienten aufsuchen und die unterschiedlichen historischen und kulturellen Kontexte inspizieren, in denen dieser unschuldige, aber schädliche Text eine Rolle gespielt hat. In der Zeit von ihrer dramatischen Wiederentdeckung durch italienische Humanisten im 15. Jahrhundert bis zu den im 20. Jahrhundert unternommenen gewaltsamen Versuchen, sie einem italienischen Adligen zu entreißen, hat sich die Germania in den Bereichen Literatur, Wissenschaft und Politik in ganz Europa verbreitet. Tacitus hatte für seine Kollegen im Senat geschrieben, vielleicht sogar für den römischen Kaiser und dessen Berater. Sie würden, so nahm er an, den Kern dieser kurzen Abhandlung erfassen. Doch selbst bei seinen zeitgenössischen Zuhörern und Lesern gestaltete sich das Verständnis unterschiedlich. Denn die Bedeutung eines Textes wird durch dessen Leser vermittelt. Ihre sprachliche Sensibilität, ihre Vertrautheit mit der literarischen Tradition, ihre Kenntnis aktueller politischer und kultureller Bezüge – kurz, ihre Fähigkeit und Bereitschaft, auf das zu hören, was der Text zu sagen hat – bestimmen seine Bedeutung. Was für Tacitus’ Zeitgenossen zutrifft, gilt vermehrt für Leser, die jenseits des Horizonts dieses Autors stehen. Als sich Hunderte von Jahren danach Leser wieder der Schrift des Tacitus zuwandten, lebten sie in anderen Welten und dachten mit anderen Wörtern als den seinen. Die führenden Autoren dieser Zeiten betrieben eine Lektüre und häufig eine Umgestaltung der Germania nach ihren Kenntnissen und Interessen, wobei sie sich im Wesentlichen für germanische Überlegenheit aussprachen. In all den Jahren unternahmen nur wenige den Versuch, Tacitus so zuzuhören, als seien sie zugegen gewesen, als er im Jahr 98 in Rom seine Germania vortrug. Die meisten lasen sie vielmehr im Licht ihrer eigenen Interessen, wenn auch selten in derart grobschlächtiger Form wie ein eifriger Nationalsozialist, welcher der Ansicht war, die Gesetze über die »Judenfrage« stellten die jüngste Bemühung dar, die »rassische Reinheit« wiederherzustellen, von der in Tacitus’ kleinem Buch angeblich die Rede war.14 Während die Worte des Römers (größtenteils) erhalten blieben, wandelten sich ihre Bedeutungen je nach den aktuellen Bedürfnissen.
Die Rezeption der Germania schwankte nicht nur im Lauf der Zeit; auch zu jedem einzelnen Zeitpunkt gab es Unterschiede. Im Nachwort findet sich ein kurzer Blick auf eine alternative Geschichte, aber im Übrigen habe ich mich darauf konzentriert, den dicksten Ast zu verfolgen: den, der die Germanen als die deutschen Vorväter auffasste, der die Vergangenheit idealisierte und sie zu dem Licht erklärte, das den Weg in eine hellere Zukunft wies. Das Ende des Weges liefert die Perspektive: Wie trugen die Ideen im Text des Tacitus zu den Diskursen bei, aus denen sich schließlich der Nationalsozialismus entwickelte?
Wie jede Reise ist dieser Weg durch die Geschichte, auf dem man Ideen verfolgt, mit Risiken behaftet: Wenn wir den Blick auf das Ziel richten, achten wir kaum auf Dinge, die nicht dorthin zu führen scheinen, und vieles lesen wir als Wegweiser, auch wenn es das vielleicht nicht ist. Das bezeichnet man generell als die »Mythologie der Doktrin«, und im Fall des Nationalsozialismus hat man es als die »Nazifizierung der Vergangenheit« beklagt. Tacitus selbst war natürlich kein arischer Bauer, dessen »rassische Verbundenheit« mit den deutschen Nationalsozialisten »sein Verständnis für [deren] Ahnen« erklären kann, und die Germania enthielt auch keine nationalsozialistischen Ideen.15 Doch das »goldene Büchlein« wurde immer wieder herangezogen, um Ideen zu untermauern, die sich die Nationalsozialisten schließlich zu eigen machten. Ex nihilo nihil fit – von nichts kommt nichts.
Es gab einen Nationalsozialisten, der ein besonderes Interesse an der Germania entwickelte: Heinrich Himmler. Seine Jagd nach dem ältesten überlieferten Manuskript im Herbst 1943 beschließt die Geschichte der ideologischen Wirkung des Textes, so wie eine Manuskriptjagd im 15. Jahrhundert ihren Anfang markiert. Der SS-Einsatz steht symbolisch für die Faszination, die nicht nur den Reichsführer SS, sondern auch die durchschnittlichen Nationalsozialisten und die Leser vorangegangener Jahrhunderte erfasste. Das Unvermögen, des Pergaments habhaft zu werden, ist Symbol für den ungreifbaren Charakter des alten »Deutschland«, das hier beschrieben wird: Es ist ein Utopia – was buchstäblich »Nirgendwo« bedeutet. Denn die Germania ist kein Bericht: Tacitus hat die Ufer des Rheins aller Wahrscheinlichkeit nach nie gesehen. Er verfasste sein Werk unter Rückgriff auf ältere griechische und römische Verfasser ethnografischer Schriften, und dabei blickte er mit einem Auge auf die Verhältnisse in Rom, während er auf die Wirklichkeit im Norden nur einen flüchtigen Blick warf. Der Text, den man dann zur Definition des deutschen Nationalcharakters heranzog, war die fantasievolle Reflexion eines Römers über menschliche Werte und eine politische Aussage. Dies ist zweifellos eine der tieferen Ironien der Geschichte.
Nichts bringt mehr Ehre, nichts mehr Macht, als stets von einer zahlreichen Schar auserlesener Jünglinge umgeben zu sein.
Motto eines Handbuchs der Hitlerjugend, 1935, Zitat aus der Germania
Von einem Mann, der Freude daran hatte, mit einem spitzen Stift Fliegen aufzuspießen, war nichts Gutes zu erwarten. Und diese Erwartungen wurden auch nicht enttäuscht. Domitian, der letzte Kaiser der Flavierdynastie, errichtete in Rom eine Schreckensherrschaft. Als er im Jahr 96 endlich ermordet wurde, atmete die römische Aristokratie erleichtert auf. Viele ihrer Angehörigen, vor allem die Mutigen, waren diesem »ganz abscheulichen Ungeheuer«, wie ein zeitgenössischer Schriftsteller ihn charakterisierte, zum Opfer gefallen.1 Besonders in seinen letzten Herrschaftsjahren hatte er das Leben in der Hauptstadt des Römischen Reiches erstickt. Überleben wurde mit Unterwürfigkeit und Schweigen erkauft, erzwungen durch Spitzel, die alle Freiheit des Gedankenaustauschs und der Rede zunichte machten. Nach 15 Jahren der Angst – einer Zeitspanne, in der die »jungen Männer alt geworden waren und die alten beinahe ihr Lebensende erreicht hatten« – waren selbst diejenigen, die überlebt hatten, nur noch Schatten ihres einstigen Ichs, so als hätten sie »sich selbst überlebt«.2 Einer von ihnen war der führende römische Senator, der größte Historiker der lateinischen Literatur und Verfasser eines höchst gefährlichen Buchs: Cornelius Tacitus.
Autoren lassen in ihr Werk zwangsläufig ihre eigene Zeit einfließen. Jedes einzelne Blatt in den Büchern des Tacitus trägt das Wasserzeichen der Geschichte. Dies gilt mit Sicherheit auch für sein zweites Werk, die Germania, deren Eingangsworte den Leser sogleich in das abgegrenzte Territorium nördlich der Alpen führen: »Germanien in seiner Gesamtheit wird von den Galliern [im Westen] und Rätern sowie den Pannoniern [im Süden] durch die Flüsse Rhein und Donau, von den Sarmaten und Dakern [im Osten] durch gegenseitige Furcht oder Gebirge abgegrenzt; die übrigen Gebiete [im Norden] umgibt der Ozean.«3 Diese Zeilen leiten ein Büchlein von weniger als 30 Seiten Umfang ein, das weder einen Titel trägt noch mit einem Vorwort versehen ist und das einen abrupten und ironischen Schluss hat. Im ersten Teil der Schrift werden die Germanen und ihr Land im Allgemeinen vorgestellt; der zweite bietet ein Panorama der verschiedenen germanischen Stämme. Warum sollte, so könnte man sich fragen, ein römischer Senator nur wenige Monate nach der Wiederherstellung der Redefreiheit den »Ursprung und die Sitten der Germanen« als ein Thema ansehen, das seine Aufmerksamkeit und seine literarischen Bemühungen verdiente, zumal er dem Land, dem sein Interesse galt, wahrscheinlich nie auch nur nahekam?
Ihre Könige wählen sie sich nach der vornehmen Abkunft, ihre Anführer nach ihrer Tapferkeit.
Montesquieu, Zitat aus der Germania, 1748
Über die Zeit des Tacitus weiß man viel, über ihn nur sehr wenig. Über sich selbst schweigt sich der Historiker aus, wie es einem Mann zukommt, dessen Namen auf Latein »schweigend« (tacitus) bedeutet. Zusätzlich zu den spärlichen und verstreuten autobiografischen Kommentaren in seinen Schriften gibt es jedoch die Bemerkungen in den Briefen seines gesprächigen Bekannten Plinius des Jüngeren (63–113) sowie zwei äußerst fragmentarische Inschriften: Die eine, die Ende des 19. Jahrhunderts in Mylasa im Südwesten der heutigen Türkei gefunden wurde, verwendet anstelle eines Datums den Namen des Tacitus (Ereignisse datierte man häufig unter Verweis auf den Mann, der zur fraglichen Zeit an der Spitze der regionalen Verwaltung stand). Die andere, einige wenige Buchstaben, die sich auf die drei noch verbliebenen Zeilen einer Inschrift auf einem Marmorblock aus Rom verteilen, wurde erst kürzlich mit dem Historiker in Verbindung gebracht: Die Buchstaben »CITO« in der ersten Zeile und die römische Laufbahn, von der in den beiden Zeilen darunter die Rede ist, lassen es faktisch als sicher erscheinen, dass dieses Bruchstück zu Tacitus’ Grabinschrift gehört, da nur wenige römische Namen auf -citus enden (wovon -cito der Dativ ist) und Tacitus der einzige ist, von dem wir wissen, dass er die entsprechende Senatorenlaufbahn absolviert hat.4 Aus diesen literarischen und epigrafischen Quellen lassen sich die wichtigsten Stationen seiner Karriere rekonstruieren. Man sollte jedoch berücksichtigen, dass es sich bei den meisten Daten um ungefähre Angaben handelt und dass die Tatsache, dass noch nicht einmal sein erster Name mit Sicherheit bezeugt ist, ein Schlaglicht auf die generelle Unsicherheit wirft, die ihn umgibt. Was nun folgt, ist kein Porträt, sondern ein Schattenriss.
Abb 3
3. Inschrift des Grabsteins von Tacitus.
Tacitus wurde anscheinend in einer der seit Langem bestehenden römischen Provinzen geboren: entweder im Südosten Frankreichs, in Gallia Narbonensis, einer Region, von der es hieß, sie sei »eher ein Teil von Italien als eine Provinz«, oder im Norden Italiens, in einer Gegend, die man als Gallia Cisalpina (das »diesseits der Alpen gelegene Gallien«) bezeichnete und die zu Tacitus’ Zeiten keine Provinz mehr war, sondern einen Teil Italiens bildete.5 Diese anmutige Region, die von den Pyrenäen, den Alpen, dem Po und dem Mittelmeer umschlossen ist und in der häufig eine leichte Brise weht, die von der See her einen Hauch von Salzluft bringt, war nicht nur für die Fruchtbarkeit ihres Bodens und für ihre florierende Wirtschaft berühmt, sondern auch für die Sittenstrenge ihrer Bewohner. Wer nach traditionellen römischen Tugenden – Frömmigkeit, Schlichtheit, disziplinierter Rechtschaffenheit – suchte, der konnte sie hier finden, wo man »immer noch der alten Sitte anhing«, wie Tacitus selbst später schrieb. Ein ideales Reservoir, aus dem sich Inhaber römischer Ämter rekrutieren ließen.6
Tacitus’ Vater gehörte dem Ritterstand an und betrieb Finanzgeschäfte, falls er der römische Ritter ist, den der Onkel des Plinius erwähnt (was wiederum, angesichts der Seltenheit des Namens, wahrscheinlich ist). Ehrgeizig und mit hinreichendem Wohlstand gesegnet, ließ er seinem Sohn eine gründliche Bildung angedeihen und stattete ihn später mit den Mitteln aus, die er brauchte, um sich in Rom niederzulassen. Die Geburt des Historikers um 55 fiel mit dem Beginn der Herrschaft des jungen Kaisers Nero (37–68) zusammen, der auf seinen linkischen Großonkel und Adoptivvater Claudius (10 v. u. Z.–54) folgte. Dessen Leben hatte bei einer Mahlzeit geendet – wahrscheinlich Pilze, möglicherweise vergiftet, vielleicht von seiner Gattin. Der alte und ungeschickte Claudius, ein Stotterer, war von seiner peinlich berührten Familie jahrelang gezwungen worden, sich nicht in der Öffentlichkeit zu zeigen, sah sich dann aber zum Herrscher über das Römische Reich erhoben. Darüber war keiner mehr überrascht als Claudius selbst, und wie aus einer nach seinem Tod verfassten Persiflage (der Apocolocyntosis des Seneca, in etwa »die Verwandlung in einen Kürbis«) hervorgeht, lernte er nie, bequem auf seinem gepolsterten Thron zu sitzen. Nero, der letzte Kaiser der julisch-claudischen Dynastie, ein jugendlicher und scheinbar bescheidener 17-Jähriger, stand in willkommenem Kontrast zu seinem Vorgänger.
Die zögernden ersten Schritte des jungen Kaisers verhießen Gutes – und sie täuschten. Es gab die Hoffnung, Nero werde »der erschöpften Menschheit glückselige Zeiten schaffen und das Schweigen des Rechts brechen«.7 In der Tat genoss Rom infolge der mäßigenden Beratung durch seine Erzieher – einer von ihnen war der stoische Philosoph und profilierte Schriftsteller Seneca der Jüngere – fünf Jahre lang Ruhe und Stabilität, ein Zeitraum, den man als das goldene quinquennium pries. Der Herrscher ging seinen literarischen, kulinarischen und sexuellen Interessen nach – gemessen an späteren Orgien hielt er dabei Maß – und ließ andere regieren. Als aber der Einfluss seiner Lehrer nachließ und der Bann seiner intrigierenden Mutter Agrippina der Jüngeren schwand, entartete seine Herrschaft bald zur Willkür absoluter Macht. Das »schon lange geplante Verbrechen«, die Ermordung seiner Mutter, markierte eine Wende zum Schlimmsten; ihr Tod beendete die Herrschaft der Schwester, Gattin und Mutter römischer Kaiser.8
Anklagen, Hinrichtungen und »angeregte« Selbsttötungen folgten in immer größerer Zahl. Rom brannte, »ob durch Zufall oder auf tückische Anstiftung des Kaisers«, und man munkelte, Nero habe zum Klang der prasselnden Brände die Harfe gespielt.9 Jeder Römer konnte sehen, dass die Goldene Villa des Kaisers – ein Gebäudekomplex, der sich an den Esquilin anschmiegte, bis hin zum Palatin reichte und eine Fläche von mindestens 40 Hektar bedeckte – nicht hätte errichtet werden können, wenn das Feuer nicht Wohnhäuser beseitigt hätte, die dort gestanden hatten. An die Stelle der verkohlten Überreste traten künstliche Seen, üppige Wiesen und glänzende Säle, die mit marmornen, elfenbeinernen oder goldenen Furnieren bedeckt und mit Mosaiken und Fresken verziert waren. »Rom wurde zu einem Haus«, dessen Großartigkeit nur hinter derjenigen des Egos seines Eigentümers zurückblieb.10
Geld wurde mit vollen Händen ausgegeben. Die Unzufriedenheit wuchs. Senatoren murrten halblaut, sie hätten alles verloren außer ihrem Leben – und damit konnten sie noch von Glück sagen. Es folgte eine Reihe von Verschwörungen und Aufständen. Der in die Enge getriebene Kaiser ermordete »vollkommen wahl- und maßlos aus jedem nur denkbaren Grund«.11 (Unter den Opfern war auch Neros früherer Erzieher Seneca, dessen Selbsttötung Peter Paul Rubens im frühen 17. Jahrhundert auf einem berühmten Gemälde dargestellt hat.) Doch es nützte alles nichts. Im Jahr 68 wurde Nero durch die Umstände gezwungen, sowohl seinem Thron als auch seinem Leben zu entsagen.
Als sich der Kaiser das Leben nahm, war Tacitus etwa 15 Jahre alt. Wie weit er von den Entwicklungen in Rom Kenntnis hatte, lässt sich von der historischen Forschung nicht ergründen (Gleiches gilt für den wahren Charakter der Herrschaft Neros, da die antiken historischen Darstellungen parteiisch sind). Dies waren jedoch die prägenden Jahre des künftigen Historikers, und dass er später die Herrschaft Neros als tyrannisch betrachtete, geht aus seinem zweiten großen Werk, den Annalen, hervor. Es sollte nicht seine einzige Begegnung mit der Tyrannei sein.
Bürgerkriege folgten. Das »nicht enden wollende eine Jahr« nach Neros Tod sah vier Kaiser, wenn auch gleichsam im Vorübergehen: Mit Ausnahme des letzten beteten sie alle zu römischen Göttern, die sich bereits ihrem jeweiligen Nachfolger zuwandten.12 »Rom wurde durch eigene Heere eingenommen, Italien verwüstet, die Provinzen ausgeplündert.« Die Familie des Tacitus war unmittelbar betroffen, da marodierende römische Soldaten aus den nördlichen Teilen Europas, wo einer der kurzlebigen Kaiser seinen Sitz gehabt hatte, plündernd und brandschatzend nach Italien zogen und dabei seinem Zuhause so nahe kamen, dass man dort ängstliche Nächte und zitternde Tage verlebte. Viele Jahre später sollte er erfahren, dass die Großmutter seiner Ehefrau in jenen chaotischen Monaten umgebracht worden war. Nach drei glücklosen Kaisern (von denen Tacitus spöttisch schrieb, »dass der Sieger der Schlimmere von ihnen sein werde«) kamen aus dem Osten Frieden, Stabilität und eine neue Dynastie in Gestalt des Titus Flavius Vespasianus (9–79).13
Es heißt, der ideale Herrscher wolle nicht herrschen. In diese Kategorie gehört Vespasian. Er war in der römischen Provinz Judaea stationiert (die das heutige Israel und die palästinensischen Gebiete umfasste) und sollte dort den jüdischen Aufstand niederschlagen, als er von den Entwicklungen in Rom erfuhr. Kaum hatte er dem ersten der kurzlebigen Kaiser seine Loyalität bekundet, erhielt er die Nachricht von dessen plötzlichem Tod. Er erkannte, dass Kaiser jetzt »auch anderswo als in Rom« gemacht werden konnten (bis zu Nero waren alle Kaiser in Rom vom Senat auf den Thron gehoben worden).14 Als sich der römische Statthalter der benachbarten Provinz Syrien an ihn wandte, erklärte er sich zögernd, mit Bedenken, schließlich einwilligend bereit, sich um die Kaiserwürde zu bemühen. Vespasian war ein vorsichtiger Mann, nicht zuletzt wegen der Erfahrungen, die er jüngst mit den Wechselfällen des Schicksals gemacht hatte, deren Urheber Nero selbst, Roms als Künstler dilettierender Kaiser, war: Als Vespasian es gewagt hatte, während einer Darbietung von Roms selbsternanntem größten Talent entweder einzuschlafen oder den Saal zu verlassen, wurde er degradiert. (Der römische Biograf Sueton berichtet, eine Frau habe währenddessen ein Kind geboren, da sie es nicht wagte, die Vorstellung des »Artisten«, der über Leben und Tod herrschte, zu verlassen.15) Aktivitäten von Aufständischen in Judaea zwangen Nero jedoch dazu, auf einen seiner erfolgreichsten und erfahrensten Befehlshaber zurückzugreifen, der sich an so unterschiedlichen Orten wie Britannien und Afrika bewährt hatte. Vespasian, der schon Ende 50 war, hatte nun erneut eine bedeutende Befehlsstellung inne, und er war im Besitz der Mittel, die man brauchte, um Rom und die Welt zu regieren: Er hatte Soldaten.
Als sich die Kunde von Vespasians Schritt verbreitete, fiel ihm weitere Unterstützung zu: Der Statthalter von Ägypten schloss sich ihm an, andere Führer samt ihren Legionen folgten. Im Osten, von den nördlichen bis zu den südlichen Provinzen, braute sich rasch ein Sturm zusammen, der sich sodann über Rom entlud. Während seine Bundesgenossen die Schlachten schlugen, wartete der künftige Kaiser im Süden des Römischen Reiches und sicherte sich Ägypten, die Kornkammer Roms. Unter seinen treuen Anhängern konnte er auf seinen älteren Sohn Titus zählen, der schon bald sein Mitregent werden sollte, der aber zunächst mit der Belagerung Jerusalems befasst war. Sein jüngerer Sohn Domitian hingegen »nutzte das Vermögen seines Vaters nur zu einem enthemmten Leben«.16 Dies wurde allerdings nach der Ermordung des Tyrannen geschrieben, und in der Rückschau ließ sich leicht reden.
Vespasians Einzug in Rom markierte den Beginn der Flavierdynastie. In den ersten Jahren seiner Herrschaft zog Tacitus, immer noch ein sehr junger Mann, womöglich nach Rom, um seiner Bildung den letzten Schliff zu verleihen. Der Schulunterricht umfasste damals drei Phasen: Zuerst lernten privilegierte Schüler von einem litterator, der sich nicht scheute, den Stock zu gebrauchen, Lesen und Schreiben, häufig nicht nur auf Latein, sondern auch auf Griechisch. Danach, etwa im Alter von elf Jahren, bekamen sie Unterricht bei einem grammaticus, der ihnen ein tieferes Verständnis der griechischen und lateinischen Literatur vermitteln sollte; viele Stücke waren auswendig zu lernen. Der grammaticus machte sie auch mit dem komplizierten rhetorischen System vertraut. Daraufhin, mit 15 Jahren, kamen die Schüler zu einem rhetoricus, der sie in der Kunst der guten Rede ausbildete. Am Ende stand eine Phase der Praxis und der Bewährung: Ein erfahrener und angesehener Mann der Öffentlichkeit nahm den Jüngling unter seine Fittiche, wobei er ganz allgemein als Vorbild fungierte, ihn aber auch speziell mit führenden Politikern bekannt machte, ihn bei Gericht einführte und ihm bestimmte Verfahrensweisen erklärte. Eine solide rhetorische Ausbildung war von höchster Wichtigkeit in einer Gesellschaft, in der diejenigen, die nicht gut kommunizieren konnten, nicht hoffen durften, ein öffentliches Amt zu bekleiden: »Es war schimpflich, für stumm und unberedt zu gelten.«17 Daher überrascht es nicht, dass der junge Tacitus eifrig Gesprächen zwischen führenden Älteren lauschte, wie er es in einer seiner kleinen Schriften, dem Dialogus de oratoribus (Dialog über die Redner), geschildert hat. Es dauerte nicht lange, da war er zu einem der herausragenden Redner Roms geworden, dem nun andere junge Männer folgten.
Wenn seine Schriften einen Schluss auf seine Redeweise zulassen, dann war Tacitus mit Ironie und Sarkasmus gewappnet. Der bekannte Briefschreiber Plinius der Jüngere pries ihn als »äußerst beredt« und bezeichnete seinen Stil als »würdevoll«.18 Schon beinahe von Anfang an muss Tacitus einen bemerkenswerten Eindruck gemacht haben. Mit seinen öffentlichen Auftritten lenkte er die persönliche Aufmerksamkeit des Kaisers auf sich, der immer auf der Suche nach Talenten war, um die zahlreichen Verwaltungsposten in Rom und in seinem ausgedehnten Reich zu besetzen. Rasch kam der Erfolg. Mit dem Ehrgeiz des Mannes aus der Provinz, der sich im begehrten Zentrum der Welt sieht, heiratete Tacitus eine Frau aus geachteter Familie und schlug die traditionelle Ämterlaufbahn ein.
Als Vespasian Kaiser wurde, war er 61 Jahre alt. Die politische Stabilität erforderte Aussicht auf Kontinuität, und sei sie auch nur dynastischer Art, das Gespenst mächtiger Befehlshaber, die erneut um den verwaisten Thron rangen, musste gebannt werden. Unmittelbar nachdem sein älterer Sohn Titus im Jahr 71 nach seinem erfolgreichen und zerstörerischen Feldzug, bei dem er Jerusalem samt Tempel einnahm, in Rom eingezogen war, erklärte Vespasian ihn offiziell zum Teilhaber seiner Macht. Wie sein Vater erhielt er den Titel Caesar, und ihm wurde das Kommando über die Prätorianergarde übertragen, die in der Nähe von Rom stationiert war. Diese Garde war zwar für den Schutz des Lebens der Kaiser verantwortlich, hatte aber wiederholt Beihilfe zu ihrer Ermordung geleistet. (Im Wesentlichen fand man damit einen Vormund für die Garde.) Im Lauf der folgenden Jahre baute der Vater den Sohn zu seinem Nachfolger auf und ermöglichte ihm, zusätzlich zu seinen kriegerischen Leistungen auch Verwaltungserfahrungen zu sammeln. Doch das Schicksal griff ein: Im Jahr 79 trat Titus nach dem Tod des Vaters zwar die Alleinherrschaft an, aber nur zwei Jahre später starb auch er. Auf seinem Totenbett soll er gesagt haben: »Ich habe nur einen einzigen Fehler gemacht.«19 Ein glücklicher Mann, zweifellos, ja sogar glückselig, denn niemand weiß, welchen schweren Fehler er bereute.
Wahrscheinlich wurde Tacitus während der kurzen Kaiserherrschaft des Titus zum quaestor gewählt, das Amt, in dem er die finanziellen Angelegenheiten in Rom oder in einer der Provinzen überwachte. Diese Ernennung markierte den ersten großen Schritt auf der römischen Ämterlaufbahn und beinhaltete automatisch den Eintritt in den römischen Senat. Das Wort senatus, das von dem lateinischen Wort senex (»alter Mann«) abgeleitet ist, bedeutet wörtlich »Ältestenrat«. In der Republik hatte dieses Organ als oberstes und wichtigstes Regierungsgremium fungiert; in der Kaiserzeit schwankte seine Bedeutung, aber es blieb der höchste Rat, selbst wenn es von einem herrschsüchtigen Kaiser ignoriert wurde. Mit seinem Amtsantritt war Tacitus in die Korridore der Macht vorgedrungen, in denen er sich fortan 30 Jahre lang bewegen sollte.
Als Vespasians jüngerer Sohn Domitian (51–96) Anfang der 80er-Jahre die Herrschaft als Kaiser antrat, gingen Gerüchte um, er habe die Krankheit seines Bruders durch Gift verursacht. Wenn dies zutrifft, dann muss Neid das Motiv gewesen sein, denn Domitian fehlte das, was Titus hatte: militärischer Erfolg, Anerkennung als Verwaltungsmann und Liebenswürdigkeit. Vor allem durch seinen Sieg im Jüdischen Krieg hatte sich Titus als fähiger Befehlshaber etabliert. Seinen Triumph feierte man mit einem heute noch erhaltenen Bogen, auf dem seine Leistungen ebenso zur Schau gestellt sind wie die Defizite Domitians. Während sein Bruder die Partnerschaft mit dem Vater genossen hatte, war Domitian nur einige Male Konsul gewesen und hatte unbedeutende Funktionen als Priester ausgeübt – er muss gespürt haben, dass seine Position durch Machtlosigkeit unter dem Schein von Verantwortung gekennzeichnet war. Und der Anekdote über das Aufspießen von Fliegen nach sieht es so aus, als hätten Domitian auch soziale Fähigkeiten gefehlt. Einmal, nachdem er mehrere Stunden allein verbracht hatte, wurde der Wächter, der vor seiner Tür postiert war, von einem Vorübergehenden gefragt, ob jemand beim Kaiser sei. »Nicht einmal eine Fliege«, lautete die passende Antwort.20
Der historischen Überlieferung zufolge erfüllte der neue Kaiser seine Herrschaft mit Verfolgungswahn und einem Minderwertigkeitskomplex (wobei Letzterer häufig von übersteigertem Selbstbewusstsein begleitet war). Man zitierte ihn mit den Worten, niemand glaube an die Furcht eines Kaisers vor einer Verschwörung, bis er durch seinen eigenen Tod von ihr überzeugt werde. In den späteren Jahren seiner Herrschaft liebte Domitian es, durch Säulengänge zu wandeln, deren Oberflächen so glatt poliert waren, dass er darin sein Spiegelbild sehen konnte – und, was noch wichtiger war, auch das, was hinter seinem Rücken geschah. Furcht löste Furcht aus. Bald warfen auch Senatoren einen Blick hinter sich.
Ungebildet und übereifrig unternahm der Kaiser militärische Feldzüge, was ihm bei den Senatoren nur Missmut eintrug. Der Norden und der Osten, die Gebiete an Rhein und Donau, waren unter Domitians Herrschaft die Hauptunruheherde. Bereits 83 feierte er seinen ersten Triumph über den germanischen Stamm der Chatten, bevor sie besiegt waren. Boshafte Zeitgenossen bemerkten höhnisch, er feiere lieber Siege, als Schlachten zu gewinnen. Sie deuteten an, dass die Gefangenen, die traditionell bei einem Triumphzug in Rom präsentiert wurden, in diesem Fall gekauft und verkleidet worden waren.21 Ihnen erschien es kaum gerechtfertigt, dass Domitian Münzen schlagen ließ, auf denen in der Titulatur des Kaisers auch die Abkürzung für Germanicus erschien. (Dies könnte Tacitus einen Grund dafür geliefert haben, zwei Jahre nach der Ermordung seine Germania zu schreiben: um zu enthüllen, dass ganz Germanien noch nicht besiegt war.) Andere Zeugnisse lassen jedoch darauf schließen, dass die Feldzüge des geschmähten Kaisers Rom tatsächlich Besitzungen eintrugen: Er gründete zwei germanische Provinzen, begann mit dem Bau des römischen Walls gegen barbarische Erhebungen, des Limes, und stabilisierte das Donaugebiet durch einen Vertrag mit dem mächtigen König Decebalus. Die Gegner Domitians im Senat wären jedoch lieber gestorben, als ihm Anerkennung zu zollen; und wie Tacitus schreibt, taten das auch einige.
Von ebensolchem Eifer getragen war die Selbsternennung des Kaisers zum censor, das Amt, in dem er die Moral überwachte und schlechtes Verhalten bestrafte. Seit Beginn seiner Herrschaft wollte Domitian Rom säubern. Nach den Angaben zeitgenössischer Schriftsteller zu urteilen dürfte es dafür nicht an Gründen gemangelt haben. Dass er die virgines Vestales (»die vestalischen Jungfrauen«), hochgeachtete Priesterinnen, die das heilige Feuer der Herdgöttin Vesta in ihrer Obhut hatten, hinrichten ließ, ist nur das bekannteste Beispiel dafür, mit welchen drakonischen Mitteln er vorging, um die römischen Sitten zu wahren. Die Anführerin der Vestalinnen, der man den Verlust ihrer Jungfräulichkeit vorwarf, wurde bei lebendigem Leibe begraben – und mit ihr der Ruf Domitians: Unter seiner Herrschaft »war selbst der Friede brutal«.22
Als Autokrat und Kleinkrämer machte Domitian seinen größten Fehler mit seinem Verhalten im Senat. Er ließ sich gern als »Herr und Gott« anreden, und Anstoß erregte hier das Wort dominus (»Herr«), was andere Kaiser dazu veranlasst hatte, es zu meiden. Immer wenn Domitian in dieser Weise angeredet wurde, erinnerte das den Senat an seine sklavische Stellung, und dies war umso schmerzlicher, als er sich immer noch der Illusion hingab, er verfüge über Macht. Seine Zeit sollte jedoch kommen. Als der »Herr« von Angehörigen seines Hofes, darunter seine in die Verbannung geschickte und dann wieder zurückgerufene Ehefrau, ermordet worden war, hatten die Senatoren das letzte Wort, als sie die damnatio memoriae (»Verdammung des Angedenkens«) anordneten. Der Name des Tyrannen wurde ausgelöscht: Seine Statuen wurden zerstört oder umgewidmet (indem man einen anderen Kopf daraufsetzte), Inschriften mit seinem Namen tilgte man, als habe er nie existiert. (Manchmal sorgt jedoch Auslöschung für Erinnerung: Wie jeder Besucher der Sala del Maggior Consiglio in Venedig weiß, gehört das geschwärzte Porträt von Marino Faliero, dem 55. Dogen, immer zu denjenigen, die in Reiseführern erwähnt sind, und häufig ist es das einzige, auf das hingewiesen wird.) Am Ende hatte Domitian das Schicksal, dass man ihn nicht vergaß, sondern sich seiner als Ungeheuer erinnerte. Schriftsteller aus dem Senatsmilieu, Tacitus beispielsweise, sorgten dafür, dass seine Herrschaft jahrhundertelang als despotisch galt. Sie haben seine Verrufenheit bis auf den heutigen Tag bestimmt. Ebenso wie die Herrschaft Neros (mit dem Domitian, von Satirikern als »kahlköpfiger Nero« bezeichnet, verglichen wurde) lässt sich die Regierung Domitians nicht mit letzter Sicherheit charakterisieren: Die zeitgenössischen Schriften sind von Kriecherei erfüllt, die späteren Darstellungen von Abscheu.23
Im Vorwort zu seinem literarischen Debüt, einer im Jahr 98 verfassten Biografie seines Schwiegervaters Agricola, erklärt Tacitus, die Herrschaft Domitians habe aus dem Leben der Menschen 15 Jahre herausgeschnitten. Dies sind genau die Jahre, in denen er auf der Karriereleiter unaufhaltsam eine Stufe nach der anderen erklomm. In einer seiner wenigen persönlichen Bemerkungen teilt der »Schweigende« seinen Lesern mit, im Jahr 88 habe er neben der Erfüllung seiner Pflichten als praetor (das zweithöchste republikanische Amt in Rom) eine Funktion in dem Priesterkollegium erfüllt, das als quindecimviri (»15 Männer«) bezeichnet wird (diesen Namen behielt man auch bei, als die Mitgliederzahl auf 16 erhöht worden war).24 Diese Männer hatten vor allem die Pflicht, in Zeiten der Not griechische Orakel zu befragen und die Säkularspiele zu veranstalten, wie es im Jahr 88 geschah, fast sieben Jahre nachdem Domitian auf seinen Bruder Titus gefolgt war. Da dieser Posten gewöhnlich verdienten älteren Staatsmännern zufiel oder aber jungen Adligen, deren größtes Verdienst in ihrer Abstammung lag, zeugt die Ernennung des Tacitus entweder von außerordentlichen Leistungen oder von außerordentlicher Patronage; oder aber – vielleicht das Wahrscheinlichste – von einem Zusammentreffen beider Faktoren. Gewöhnlich ließ eine solche Position für das künftige Fortkommen Gutes erwarten, und in seinem Fall galt das mit Sicherheit. Nach den Ämtern, die er in Rom innegehabt hatte, verließ er die Stadt und übernahm einen Verwaltungsposten in den Provinzen; wohin er ging, ist ungewiss. Kurz nach Domitians Tod, im Jahr 97, stieg er zum Konsul auf, womit er den Höhepunkt der politischen Laufbahn in der Republik erreichte und das Amt übernahm, das auch im Kaiserreich immer noch das höchste war – selbst wenn es vorwiegend repräsentativen Charakter hatte. Der etwa 40-jährige Tacitus wurde möglicherweise noch von dem verabscheuten Tyrannen selbst nominiert.
Der Preis für diese Phase des Aufstiegs jedoch war Schweigen, und Schweigen begünstigte Untaten. Blutig waren letztlich nicht die Hände des Tyrannen, sondern »unsere Hände, die [den Staatsmann und eigenwilligen Philosophen] Helvidius in den Kerker führten«.25 Integrität hätte, so schien es, den Vorrang vor Furcht haben sollen. Gleichzeitig erforderte jedoch römische Respektabilität den Dienst an der Öffentlichkeit, ein Römer sollte »zuerst an das denken, was dem Vaterland nützt, dann an seine Eltern, als drittes und zuletzt an das Eigene«.26 Ein Protest gegen den Kaiser auf Kosten des Reiches (und häufig auch des Lebens des Protestierenden) stieß bei Tacitus auf entschiedene Kritik – und auf heimliche Bewunderung.
In seinem ersten Werk Agricola, das die Beschränkungen einer normalen Biografie hinter sich lässt, macht sich Tacitus Gedanken über die Frage, wie man in »so schrecklichen und Tugenden so feindseligen Zeiten« tugendhaft sein könne.27 Er versucht zu beweisen, dass menschliche Werte in einem unmenschlichen System überdauern können, dass es »bedeutende Männer sogar unter schlechten Herrschern geben kann«. Sein Schwiegervater dient als Beispiel eines Mannes, der Beiträge leistete, ohne mit dem Regime zu kollaborieren. Es könnten jedoch noch tiefere Beweggründe im Spiel gewesen sein. Vielleicht wollte Tacitus diese Behauptung auch zu seiner eigenen Verteidigung aufstellen. Wenn dies der Fall ist, dann ist es ihm anscheinend nicht gelungen, sich selbst zu überzeugen. In seinem ersten Werk, das veröffentlicht wurde, unmittelbar nachdem Rom aus dem langen Schatten herausgetreten war und lichtere Zeiten bevorzustehen schienen, ist der selbstanklägerische Ton allzu laut vernehmbar. Schon allein das Datum der Veröffentlichung enthielt eine Botschaft: Stimmen, die man zum Schweigen gebracht hatte, konnten wieder sprechen, da es nun möglich war, »zu denken, was man will, und zu sagen, was man denkt«.28 Später kehrte Tacitus zu den Mitgliedern der Flavierdynastie zurück, deren Herrschaft er zusammen mit den vorangegangenen kurzzeitig regierenden Kaisern in seinem ersten großen Geschichtswerk, den Historiae (Historien), behandelte. Im Vorwort gesteht er offen ein, dass er sich in der Zeit dieser Kaiser emporgearbeitet hat, und er verbirgt nicht seinen Aufstieg unter Domitian. Doch was hätte er anderes tun können? Jeder Leser in Rom musste gewusst haben, dass der Autor, der ein leidenschaftsloser Kritiker des Systems zu sein behauptete, dazu beigetragen hatte.
Doch die Flavier und insbesondere Domitian beeinflussten Tacitus auch noch auf andere Weise: Zwar laufen Exegeten Gefahr, sich lächerlich zu machen, wenn sie einen Text zu eng mit dem Leben des Autors verknüpfen, aber es steht außer Frage, dass die Zeit unter Domitian sein Schriftstellerdasein prägte. Wäre er am Ende der Herrschaft des Tyrannen geboren, wäre er in den ersten Jahren des »besten Kaisers« Trajan zu politischem Bewusstsein gelangt und hätte er ein glückliches Leben bis zu den Tagen des weisen Mark Aurel (des letzten der fünf guten Kaiser, der 181 starb) geführt, wäre er vielleicht trotzdem Schriftsteller geworden, aber ein ganz anderer – möglicherweise nicht einmal Historiker. Der Historiker Tacitus setzt den Tyrannen Domitian voraus. Seine bissigen Worte über sklavische Senatoren müssen an seinem eigenen Stolz genagt haben.
Tacitus’ Interesse an der Frage, in welcher Weise Werte von sozialen und politischen Verhältnissen abhängen, sollte ihn auf seiner gesamten literarischen Laufbahn begleiten – eine der Fragen, auf die er auch in seiner zweiten kleinen Schrift, der Germania, eingeht.
Ich bin überzeugt, daß die verschiedenen Stämme Germaniens, unbefleckt durch Ehen mit fremden Völkern, seit jeher ein besonderes, unvermischtes Volk bilden, welches nur sich selber gleicht. Die Leibesbildung ist bei allen diesen Menschen dieselbe: strahlende blaue Augen, rötliches Haar, hohe Gestalt.
Tacitus, Germania,
zitiert von Houston Stewart Chamberlain, 1899
Über die Ermordung eines Tyrannen entscheidet das, was danach kommt. »Der beste Tag nach einem schlechten Kaiser ist der erste«, und nur ein besserer Nachfolger rechtfertigt die Tat.29 Marcus Cocceius Nerva (30–98), der Mann, für den sich der Senat als Nachfolger Domitians entschied, empfahl sich durch seine beträchtliche politische Erfahrung wie auch durch sein Alter und seine Kinderlosigkeit, wobei der letztgenannte Umstand angesichts des jüngsten Falls von dynastischem Abstieg besonders willkommen war. Er distanzierte sich und seine Politik gebührend von seinem verhassten Vorgänger und schwor, Senatoren würden nicht umgebracht werden. Nach Jahren der Verzagtheit kehrte in Rom »endlich der Lebensmut zurück«.30 Nerva leitete die glücklichste und wohlhabendste Periode ein, wie es der Historiker Edward Gibbon sah. Fünf Kaiser, von denen jeder wegen seiner vielversprechenden Talente von seinem Vorgänger adoptiert worden war, sollten in einem Reich, das, auf dem Höhepunkt seiner Ausdehnung, ganz Westeuropa, den Norden Afrikas, den Nahen Osten und das Gebiet westlich und südlich des Schwarzen Meers umfasste, fast ein Jahrhundert lang für Frieden und Wohlstand sorgen. Nerva, im Jahr 96 schon weit in den Sechzigern, war der Erste, der einen Nachfolger adoptierte. Ein rechtzeitiger Schritt: 15 Monate nach Beginn seiner Herrschaft starb er, und Marcus Ulpius Trajanus (53–117), der Statthalter der Provinz Germania superior, bestieg den Thron.
Trajan eilte nicht nach Rom, sondern blieb in seiner Provinz, um zu konsolidieren, womit Domitian begonnen hatte: die obere und die untere germanische Provinz sowie den Limes. Unterdessen kannte in Rom niemand die Absichten des neuen Kaisers. Ein zeitgenössischer Dichter bat den Rhein, er möge »den Trajan seinem Volk und seiner Stadt« zurückgeben.31 Viele Aristokraten hatten jedoch den Wunsch, er möge gemäß dem römischen Credo, »Unterworfne zu schonen und Empörer niederzukämpfen«, endlich den Rhein überqueren und ganz Germanien (einschließlich der östlich des Flusses gelegenen Gebiete) erobern.32 Seit Germanen und Römer im Norden Italiens erstmals ihre Kräfte gemessen hatten, waren nicht weniger als 210 Jahre vergangen. Stand nach den zahlreichen Triumphen, die römische Führer über den immer noch unbesiegten Feind gefeiert hatten, nun womöglich ein fähiger Feldherr am Ufer des Rheins?
Besagte Germanen wussten allerdings nicht, dass sie in Germanien lebten. Die Grenzen waren von den Römern gezogen worden. Julius Caesar, der Mann, der zuerst Gallien und dann die römische Republik erobert hatte, definierte den Rhein als die Grenzlinie zwischen den gallischen und den germanischen Stämmen – zwischen denen, die er mit militärischen Mitteln gefügig machte, und denen, die ihn mit ihrem Widerstand zur Verzweiflung brachten. Er war anscheinend der Erste, der zwischen diesen beiden Stammesgruppen unterschied (zahlreiche spätere Autoren sahen sie dann wieder als ein einheitliches keltisches Volk an). Die Germanen als ein einziges Volk, das in Germanien lebte, wurden von Caesar erfunden: Unter bewusster Außerachtlassung germanischer Siedlungen westlich des Rheins definierte er Germanien als das Territorium östlich dieses Flusses, die Einwohner nannte er Germanen, als bildeten sie einen politischen Verband. Doch die zahlreichen Stämme, zersplittert und zerstritten, konnten sich kaum zu einer Mahlzeit zusammensetzen, ohne dass es zu Raufereien gekommen wäre (Tacitus betete später darum, dass diese germanische Streitsucht erhalten bleiben möge, da dem Römischen Reich »das Schicksal nichts Größeres gewähren« könne).33 Caesars Motiv für diese geografische und ethnische Neuausrichtung war politischer Natur, und die Politik beeinflusste die römischen Interessen in Nordeuropa auch weiterhin. Von den vielen, die über Germanien schrieben, war der Senator Tacitus jedoch der einzige, der eine Monografie verfasste.
Ebenso wie Julius Caesar, aber abweichend vom zeitgenössischen politischen Sprachgebrauch kennzeichnete Tacitus den Rhein als Westgrenze Germaniens (womit er die beiden römischen Provinzen im Wesentlichen ausschloss). Von den zahlreichen Stämmen, die im zweiten Teil der Germania vorkommen, hatte er zwar durchaus Kenntnis, aber er fasste sie (wiederum ebenso wie Caesar) als ein einziges Volk auf und beschrieb sie auch so. Im ersten Teil des Buchs erfahren die Leser etwas von diesem germanischen Volk – von seiner Entstehung und seinem Aussehen sowie von seinen Sitten, Bräuchen und Institutionen. Niemand würde, so behauptet Tacitus, in ihr Land ziehen, »dessen Landschaften hässlich sind, das ein raues Klima hat und durch seine Lebensart und sein Aussehen abstoßend ist«.34 Seine am Mittelmeerraum geschulten Augen fanden kaum etwas Anziehendes an einem Land, das er als »entweder durch seine Wälder grauenerregend oder durch seine Sümpfe grässlich« schilderte. Dieses Land brachte jedoch, so Tacitus weiter, aus seinem Boden den Gott Tuisto hervor, und dieser erdgeborene Gott hatte einen Sohn namens Mannus, dessen man in alten germanischen Liedern – »der einzigen Art geschichtlicher Überlieferung, die es bei ihnen gibt« – als Begründer des germanischen Volkes gedachte. (Die moderne Linguistik hat enthüllt, dass der Name Tuisto das germanische Wort twi für »zwei« enthält, das möglicherweise auf die hermaphroditische Natur des Gottes verweist, während der Name seines Sohnes Mannus »Mensch« bedeutet.35) Der Erde selbst entsprungen, blieben die Germanen von anderen Menschen isoliert, fügt Tacitus hinzu, weil ihr Land so abstoßend war. In der einflussreichsten Passage des Textes, die als Motto dieses Abschnitts zitiert ist, schließt er sich denjenigen an, die an den indigenen Charakter und die ethnische Reinheit des germanischen Volkes glauben, und er schreibt den Germanen die physiognomischen Züge zu, die griechische und römische Autoren als charakteristisch für Menschen des Nordens ansahen.
Um eine unzusammenhängende Abfolge von Eigenschaften zu vermeiden, verwendet Tacitus ein stilistisches Verfahren, das insbesondere in antiken ethnografischen Texten zur Anwendung kam und das mit assoziativen Verknüpfungen arbeitet, die das Textgefüge ohne schroffe Übergänge eng verflechten. Er beginnt mit einer Erörterung des germanischen Territoriums und setzt »Germanien in seiner Gesamtheit« ganz an den Anfang seines Buchs. Danach geht er zu »den Germanen« über und beschließt ihr Porträt, das in sich stringent strukturiert ist, mit einem Verweis auf ihr Klima und ihren Boden. Das darauffolgende Kapitel beginnt mit dem »Land« (terra), das beschrieben und im Hinblick auf seine Metallschätze erörtert wird, was zu einer Beschreibung der Waffen führt; daran schließt sich eine Darstellung ihres Militärwesens an, die durch ein Profil ihrer Anführer ergänzt wird. Die Germania ist eine vorzüglich gewebte Erzählung, ihr Verfasser war alles andere als ein Anfänger.
Das germanische Leben, sowohl im privaten als auch im öffentlichen Bereich, entwickelt Tacitus in einigem Detail, und er geht dabei näher auf diejenigen menschlichen Werte ein, an denen er ein ausgeprägtes Interesse zeigte: Freiheit, Tapferkeit, Sittlichkeit und Einfachheit. All das war anscheinend immer noch zu finden, wenn nicht in Rom, dann zumindest in Germanien. Die häufig nur implizite Antithese zwischen dem römischen Leben und dem Leben in Germanien zieht sich durch Tacitus’ gesamte Darstellung hindurch. Dort kennen sie »keinen Prunk«, wie ihre schlichten Wohnstätten, ihre äußerst spärlichen Waffen und ihre lediglich zweckbetonten Utensilien zeigen: Irdene und metallene Gefäße werden »mit der gleichen Geringschätzung behandelt« (ein typisches Beispiel für taciteische Knappheit: Die Germanen machen sich aus dem einen ebenso wenig wie aus dem anderen).36Dort widerstehen sie dem Luxus und dem mit ihm verschwisterten Laster, der Dekadenz: Der Schwerttanz ist das einzige Schauspiel, das sie kennen, und lockere und laszive Gastmähler veranstaltet man nur in Rom. Da die Einfachheit die Sittlichkeit festigt und Mangel an Versuchung Abweichungen verhindert, sind Fälle von Ehebruch ebenso selten, wie die Bestrafung streng ist: »Der Mann schert [der Ehebrecherin] das Haar kurz, entblößt sie, treibt sie so vor den Augen der Verwandten aus dem Haus.« Wie so häufig im Werk des Tacitus beschließt eine passende Sentenz die Schilderung sexueller Zurückhaltung: »Mehr vermögen dort gute Sitten als anderswo gute Gesetze.« Diesen Ausspruch, aus seinem Kontext gerissen, sollten sich deutsche Humanisten bei ihren Bemühungen um ein Gegengewicht zu ihrer angeblich barbarischen Vergangenheit an ihre Fahnen heften.
