Ein geheimnisvolles Grab unter der Schwelle - Petra Starosky - E-Book
Beschreibung

Welch unliebsame Überraschung auf den Käufer eines alten Hauses warten kann, muss Britta Kaltenegger schon bei der ersten Inaugenscheinnahme ihres Neuerwerbs gemeinsam mit einem Gutachter erleben. Das abgelegene Gehöft hat nicht nur Bauschäden, sondern auch ein mysteriöses Skelett unter einer Türschwelle zu bieten. Schnell führen die Spekulationen von Kindervampir und Bauopfern bis zur Besänftigung von Geistern. Während Archäologen sich den Fund vornehmen, will Britta schnelle Gewissheit, welche Leiche sie im Keller hat. Gemeinsam mit der Vampirschriftstellerin Carina Moosbach wollen die Bauherrin und ihre Freundin dem Geheimnis mit schwarzer Magie auf die Spur kommen und erleben dabei mehr als nur eine Überraschung.

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Seitenzahl:303

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Wenngleich die Örtlichkeiten durchaus an existente angelehnt sind, so sind doch die Einzelheiten, die Handlung und alle Personen frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden, toten oder untoten Wesen sind rein zufällig und unbeabsichtigt.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

1

„Schönen Urlaub, Frau Moosbach.“

„Danke, Chef! Bis übernächsten Montag dann!“

Er winkte ihr kurz zu, bevor die Tür hinter ihm ins Schloss fiel.

Carina Moosbach atmete erleichtert auf, als ihr Chef bereits eine halbe Stunde vor Feierabend das Büro verließ. So zögerte sich ihr spontaner Kurzurlaub nicht durch Überstunden hinaus.

Erst Anfang der Woche kam ihr die Idee, sich für ein paar Tage frei zunehmen. Sie hatte eigentlich nichts besonderes vor, vielleicht ein bisschen bummeln gehen, endlich den lange versprochenen Kaffee mit ihrer Freundin trinken, aber auf jeden Fall viel schlafen und um jedwede Aufregung einen großen Bogen machen. Der Job war in den letzten Wochen mehr als stressig gewesen. Diese kleine Auszeit hatte sie sich redlich verdient.

Schnell schaute sie noch einmal durch die Büros, ob alle Fenster geschlossen sind und das Licht ausgeschaltet ist. In der Küche verstaute sie kopfschüttelnd die Kondensmilch im Kühlschrank.

„Können die Jungs die Milch nicht zurückstellen? Übers Wochenende wird sie doch sauer! Und dann sind die Jungs sauer.“

Zufrieden schaltete sie schließlich ihren Computer aus.

Gerade als sie ihre Jacke aus der Garderobe holte, begann ihr Handy zu klingeln.

„Ach nö!“, stöhnte sie. „Was hat der Chef denn jetzt wieder vergessen.“ Leichtsinnigerweise hatte sie ihm vor kurzem ihre private Nummer für den Notfall gegeben. Seitdem kam es schon mal vor, dass er sie auf dem Heimweg anrief, wenn ihm noch etwas „Wichtiges“ eingefallen war.

Carina überlegte, ob sie das Klingeln einfach überhören sollte. Aber das brachte sie dann doch nicht fertig.

„Moosbach!“, meldete sie sich mit leicht gereiztem Ton.

„Guten Tag, Frau Moosbach! Ich hoffe, ich unterbreche Sie nicht bei einer dringenden Arbeit“, begrüßte sie eine andere, wohlbekannte Stimme.

„Dr. Tymann, das ist ja eine Überraschung. Wie geht es Ihnen?“

„Danke, gut. Haben Sie einen Moment Zeit für mich?“

„Aber immer!“ Carina freute sich ehrlich, von ihrem ehemaligen Kollegen zu hören.

„Ich wollte gerade Feierabend machen. Warten Sie kurz, ich ziehe mir schnell die Jacke an und schließe das Büro ab.“

Wenige Augenblicke später verließ sie das Bürogebäude mit dem Handy am Ohr.

„So, nun können wir plaudern. Was kann ich denn für Sie tun?“

Dr. Tymann holte tief Luft am anderen Ende der Leitung.

„Ich hatte Ihnen doch bestimmt erzählt, dass ich seit einiger Zeit als freier Bausachverständiger arbeite.“ Carina nickte, auch wenn ihr Gesprächspartner es nicht sehen konnte.

„Ich habe da gerade einen sehr seltsamen Auftrag. Zwei ... ähm ... Damen baten mich um gutachterliche Hilfe. Frau Kaltenegger hat die alte Schmiede am Nöckbach gekauft. Sie erinnern sich doch bestimmt an das kleine Schlösschen bei Pillnitz? Unsere gemeinsame Geschäftsleitung hegte damals den Plan, das halbverfallene Gemäuer zu kaufen und zu sanieren.“

„Ja sicher. Aber gab es da nicht ein paar Problemchen - mit den Fledermäusen?“

„Richtig, deshalb verzichtete man auf das Projekt.

Die Schmiede liegt ein Stück von diesem Schlösschen entfernt in einem Tal der Elbhänge.

Das Gebäude ist recht alt, historisch. Schon im 12. Jahrhundert könnte an der Stelle ein Hof gewesen sein, eine Mühle vielleicht oder auch bereits eine Schmiede. Das jetzige Haus ist noch nicht ganz so alt. Der Schlussstein besagt 1781.“

Carina hörte aufmerksam zu, ahnte aber nicht, warum er ihr das alles erzählte.

„Nun, heute habe ich eine erste Begehung vorgenommen. Das Haus ist in gar keinem so schlechten Zustand. Indes, der Keller birgt so einige Überraschungen.“

„Schimmel oder Schätze?“

Dr. Tymann lachte leise, wie es seine Art war.

„Soweit ich das im Vorfeld in Erfahrung bringen konnte, ist das Haus auf einen Granitfels hoch über dem Nöckbach gebaut. Das untere Stockwerk sollte eigentlich trocken sein, daher hatte ich Schimmel nicht unbedingt erwartet. Aber das, was ich vorfand, erst recht nicht.“

Er schwieg kurz und holte tief Luft. Carina lauschte neugierig.

„Ein Großteil der Wände ist mit außergewöhnlichen Schimmelblüten übersät. Jedoch ist das kein gewöhnlicher Schimmel.“

‚Er macht es reichlich spannend‘, dachte Carina belustigt.

„Mit Mauersalpeter hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.“

„Was ist das?“

„Das sind Mauerwerksausblühungen, die durch Tierexkremente entstehen können. Also wenn der Haustierurin mit dem Mörtel zusammentrifft ...“

Bevor Dr. Tymann zu einer ausschweifenden Erklärung ansetzen konnte, unterbrach ihn Carina: „Wie kamen denn Tiere in den Keller?“

„Ja, genau hier wird es interessant. Ich wunderte mich über das Schadensbild und begann, das Mauerwerk genauer zu untersuchen.

Dabei stieß ich auf eine zugemauerte Öffnung. Sie muss früher als Stalltür gedient haben, denn sie führt unterhalb der Schmiede hinaus auf eine Wiese. Die Steine ließen sich recht leicht herausdrücken.“

„War das nicht riskant, einfach ein Stück der Grundmauern zu entfernen?“

„Natürlich! Ohne einen Statiker sollte man keine Mauern herausbrechen. Aber ich habe zum Glück nicht Hand angelegt. Der Sohn der Bauherrin trat einfach mal gegen die Steine. Das ist vielleicht ein Früchtchen!“

Carina meinte, sein ärgerliches Kopfschütteln zu hören.

„Aber es ist nichts Schlimmeres passiert, als dass es jetzt eine Öffnung im Keller gibt, die einen Blick auf den Nöckbach erlaubt. Aber dieser Lausebengel beließ es nicht bei dieser einen Schandtat. Während ich mit der Bauherrin und ihrer Freundin nach draußen ging, um den Durchbruch von der Bachseite anzusehen, hatte er nichts Besseres zu tun, als weiter an den Steinen zu polken. Gerade als wir die Stelle gefunden hatten, begann dieser Malte plötzlich fürchterlich zu kreischen. Die Mutter rannte natürlich - haste, was kannste - zurück. Ich folgte ihr. Und mir bot sich ein wahrlich seltsamer Anblick: Der Junge, gerade noch der Coole mit großer Klappe, verkroch sich unter Mamas Rockschößen.“

Die Schadenfreude in seiner Stimme war nicht zu überhören.

„Sie zeigte nur schreckensbleich auf die Wandöffnung. Glauben Sie mir, ich bin so leicht nicht aus der Fassung zu bringen. Aber, was ich zu sehen bekam, verschlug mir doch die Sprache. Stellen Sie sich vor, aus dem freigelegten Schwellenbereich grinste mich ein Totenschädel an.“

Carina sog überrascht die Luft ein. „Ist das etwa ein Menschenschädel?“

„Ja, da bin ich mir ganz sicher. Doch es kommt noch besser: Der Knochenkopf ist klein, wie von einem Kind, und er befindet sich nicht dort, wo er hingehört!“

Dr. Tymann machte eine bedeutungsvolle Pause.

Carina überkam eine seltsame Ahnung. Sie war nicht nur Sekretärin, sondern auch Hobbyschriftstellerin. Ihr Lieblingsthema waren Geschichten über den Aberglauben, die sie oft mit Dämonen und Untoten bereicherte. Diese Entdeckung erinnerte sie sofort an mittelalterliche Bauopfer.

„Frau Wulfing, Freundin der Bauherrin, behauptet sogar, dass es sich um einen Vampir handelt. Und dem ersten Anschein nach möchte ich ihr eigentlich zustimmen.“

„Ist das Ihr Ernst? Sie glauben, dass es ein Kindervampir sein könnte?“

Carina schnappte perplex nach Luft. Sie traute Dr. Tymann so einiges zu, vor allem viel Wissen, aber dass er ernsthaft die Vampiridee in Betracht zog, überraschte sie.

„Ein Kind war es auf jeden Fall. Und der Kopf befindet sich zwischen den Schenkelknochen. So wurden doch früher Vampirverdächtige begraben, oder nicht?“

„Das stimmt“, gab Carina zu. „Aber ein Kind unter Vampirverdacht und dann noch unter einer Türschwelle ist schon recht seltsam.“

Sie schwieg einen Moment und dachte über seine Worte nach.

„Haben Sie schon die Polizei oder Archäologen benachrichtigt?“

„Frau Kaltenegger spricht gerade mit der Polizei.“ Er lauschte einen Augenblick, bevor er fortfuhr: „Aber sie scheinen sie nicht wirklich ernst zu nehmen.“

Eine erregte Stimme näherte sich Dr. Tymann: „Sagen Sie Ihrer Vampirexpertin, sie soll herkommen. Wenn sie was über diese Untoten weiß, kann sie uns besser helfen als die Polizei!“

Nun verstand Carina, warum Dr. Tymann sie anrief. Er hatte es wohl mit zwei hysterischen Frauen, einem Lausebengel und zu allem Überfluss auch noch mit deren abergläubischen Vorstellungen zu tun.

Es schmeichelte ihr, dass er sie als Vampirexpertin bereits ins Gespräch gebracht hatte. Bei den Recherchen zu ihren Geschichten sind ihr viele Bücher und Hinweise zu diesem Thema begegnet. Das erwähnte sie mal bei einem ihrer letzten Telefonate.

‚Obwohl‘, dachte sie, ‚wenn ich ein Haus kaufe und Kinderknochen im Gemäuer finde, würde ich auch erst mal ziemlich irritiert sein.‘

Carina wurde ganz hibbelig. ‚Das ist die einmalige Chance, echte Fundstücke selbst zu sehen. Wer weiß, was sich sonst noch dort finden ließ? Ich muss unbedingt zu dieser Schmiede!‘

„Frau Wulfing, beruhigen Sie sich. Ich habe Frau Moosbach gerade über die Lage informiert“, hörte sie Dr. Tymann sagen. Gleich darauf wandte er sich wieder an Carina: „Frau Moosbach, ich weiß, Sie haben sich Ihr Wochenende redlich verdient, aber ...“, er druckste verlegen.

Carina sah ihn vor ihrem geistigen Auge vor sich, wie er unsicher von einem Fuß auf den anderen trat. „Könnten Sie vielleicht morgen nach Dresden kommen?“

2

Carinas Gedanken überschlugen sich auf dem Heimweg.

‚Was hat Dr. Tymann denn für Kunden aufgerissen?‘ Sie schmunzelte über seine Ausdrucksweise, als er die „Damen“ erwähnte. Sie kannte ihn gut genug, um sich einen Reim auf seine Wortwahl zu machen.

‚Was hat es mit diesen Knochen auf sich? Ob es noch weitere merkwürdige Entdeckungen gibt?‘ Ein jahrhundertealtes Gebäude konnte so einige Überraschungen bergen.

Sie hoffte, dass Dr. Tymann einen Archäologen auftrieb, der ihr vielleicht sogar mehr über ähnliche Funde erzählen würde.

Verflogen waren die Müdigkeit und der Stress der letzten Wochen. Der Ausflug kam ihr gerade recht.

Zu Hause durchstöberte sie ihre kleine Bibliothek. Sie zog einige Bücher über Vampirismus, Volksglauben und Brauchtum heraus. Eine Weile blätterte sie darin, dann nickte sie zufrieden.

Schließlich packte sie die Bücher zusammen, verstaute ihren Laptop und natürlich auch ihre Kamera im Rucksack.

‚Ich war schon lange nicht mehr in Dresden‘, überlegte sie. Ihr Blick fiel auf einen Reiseführer über die Elbmetropole. „Rundgänge durch die Geschichte“, hieß der Band.

‚Klingt verlockend. Vielleicht bleibe ich ja ein paar Tage dort.‘

Sie entschloss sich kurzerhand, auch noch einige Kleidungsstücke und die Zahnbürste mitzunehmen.

Die Fahrt nach Dresden am Samstagmorgen konnte ihr gar nicht schnell genug gehen. Vor Aufregung übersah sie fast den Blitzer kurz vor dem Spreewalddreieck, aber zum Glück nur fast.

Erst als sie die Autobahn in Dresden-Hellerau verließ, verringerte sie die Geschwindigkeit. Bald darauf tauchte vor ihr der Hinweis auf die Waldschlösschenbrücke auf, die sie rechtsabbiegend überqueren könnte.

„Was ist eigentlich aus dem ganzen Rummel um die Brücke geworden?“, fragte sich Carina. „Hat die Stadt nicht wegen der Brücke den Weltkulturerbestatus verloren?“ Sie nahm sich vor, Dr. Tymann dazu zu befragen. Er würde es bestimmt wissen.

Kurz erhaschte sie einen Blick auf ein anderes Hinweisschild: Waldschlösschenbrauerei.

‚Auch nett‘, dachte sie.

Sie folgte den Anweisungen ihres Navi durch die Dresdner Villengegend, vorbei an den drei Elbschlössern - Schloss Albrechtsberg, Lingnerschloss und Schloss Eckberg. Steil führte sie die Schillerstraße hinab nach Loschwitz, direkt auf das Blaue Wunder zu. Sie bog links ab und fuhr auf der schmaler werdenden Straße Richtung Pillnitz.

Auf den Elbhängen reckte sich der baufällige Dresdner Fernsehturm in die Höhe. Der Herbst begann bereits, den Hangbewuchs in ein buntes Gewand zu kleiden. Vereinzelt reckten sich gelbe und rote Blätter kokett aus dem Sommergrün hervor, auch wenn das Grün noch die Oberhand hatte.

Über der Elbe hing Morgennebel. Die Sonne bahnte sich zögerlich ihren Weg. Es versprach, ein schöner Herbsttag zu werden.

Das Keppschloss tauchte hinter der Obstplantage auf.

Carina bremste abrupt. Glücklicherweise war die Pillnitzer Landstraße um diese frühe Zeit noch nicht stark befahren. Sie hielt am Straßenrand und blickte hinüber zu dem frisch sanierten Schlösschen. Es war jenes Objekt, das Dr. Tymann im Telefonat erwähnte.

Es strahlte hell im Morgenlicht mit seinen viereckigen Türmen und geschwungenen Fenstern. Dahinter erhob sich der rotbelaubte Buchenwald des Zuckerhutes. Carina schmunzelte. Bei dem Namen Zuckerhut dachten die meisten an Rio de Janeiro, weiße Strände und Samba, vielleicht noch an eine Feuerzangenbowle, aber ganz bestimmt nicht an einen Gipfel der Elbhänge in Sachsen.

„Es ist hübsch geworden“, stellte Carina fest. „Der neue Investor muss sich mit den Fledermäusen geeinigt haben.“ Der Schutz der vom Aussterben bedrohten Kleinen Hufeisennase war damals einer jener Gründe für die Aufgabe des Vorhabens. Man konnte sich mit den Naturschützern und Behörden auf keine realisierbare Lösung einigen. Carina holte ihre Kamera aus dem Auto und schoss ein paar Fotos.

Der Luftzug eines vorbeirasenden Autos schreckte sie aus ihrer Betrachtung auf. Ein grellorangefarbener Sportwagen mit offenem Dach fegte an ihr vorbei, ohne dass ein Motorengeräusch den Morgen störte. „Na, der hat es aber eilig!“ Sie sah ihm kopfschüttelnd nach.

„Ich sollte auch weiterfahren. Schließlich warten alte Knochen auf mich.“ Sie kicherte leise über das Wortspiel, denn sie dachte nicht nur an den Fund unter der Türschwelle, sondern ebenso an ihren ehemaligen Kollegen, der schon so einige Jährchen Lebenserfahrung mit sich herumtrug.

Es konnte nicht mehr weit bis zum vereinbarten Treffpunkt sein.

Nach wenigen Minuten lotste die freundliche Navistimme Carina in eine Nebenstraße, die etwas den Hang hinaufführte. Sie schlängelte sich an einem Bächlein entlang, an dem einige hundert Meter weiter aufwärts die Schmiede liegen sollte. Das letzte Stück würden sie zu Fuß gehen müssen, hatte Dr. Tymann gesagt. Die Zufahrt zum Anwesen der Damen war mit dem Auto nicht möglich.

Schmucke Häuser mit gepflegten Gärten säumten die Straße. Aus den Weinbergen reckte sich die Weinbergskirche in den Morgenhimmel.

Carina hielt nach einem Wegweiser Ausschau. „Eine Eule weist Ihnen den Weg zum Parken“, hatte Dr. Tymann geheimnisvoll erklärt. Sie entdeckte eine Tafel mit Wanderwegen: „Poetenweg zum Zuckerhut“, las sie. Dieses Hinweisschild schien nicht das Richtige zu sein.

Sie fuhr langsam weiter und erspähte an einer Straßengabelung einen steinernen Wegweiser. Die Eule zeigte mit ihrem Flügel nach links.

Sie hielt an und entschied sich, ihr Auto zu wenden und neben einer Grundstückseinfahrt am Straßenrand zu parken.

Als sie ausstieg, umfing sie eine ungewohnte Stille. Kein Fahrzeuglärm, keine Flugzeuge, nicht einmal Vogelgezwitscher war zu hören.

„Es ist ja auch gerade erst kurz vor neun Uhr morgens an einem Samstag.“

Sie schaute sich und entdeckte ein Schild: „Achtung Wanderer!“, hieß es dort. „Dieser Wanderweg ist wegen Baufälligkeit bis auf Weiteres gesperrt!“

‚Na prima‘, dachte sie. Sie vermutete, dass dies der schnellere Weg zur Schmiede wäre. ‚Da werden wir wohl einen ziemlichen Umweg nehmen müssen.‘

Wummern aus Autolautsprecherboxen näherte sich, durchbrach die morgendliche Stille und riss Carina aus der Betrachtung des Schildes.

Ein orangefarbener Sportwagen kam schnell auf sie zu.

‚Nanu, hat der mich nicht vorhin so rasant überholt?‘, wunderte sich Carina. ‚Aber er ist wohl bei seinem Tempo an der richtigen Abbiegung vorbeigeschossen.‘

Eine Frau in Kittelschürze schaute erbost aus einem der Fenster. Bevor sie jedoch loszetern konnte, wurde der Lärm abgestellt.

Ein sportlicher junger Mann entstieg dem Tesla Roadster.

‚Nicht schlecht‘, dachte Carina und meinte damit sowohl das Auto als auch den Mann.

Sie maß ihn bewundernd. ‚Wie passt er bloß mit seinen langen Kraxen in diesen engen Sportwagen? Vielleicht verrenkt er sich in irgendeiner Yoga-Stellung?‘ Carina kicherte belustigt.

Im gleichen Moment bog ein schwarzer Audi in die Sackgasse ein.

‚Ah, Dr. Tymann, pünktlich wie immer!‘

Auch aus seinem Fahrzeug erklang Musik. Im Gegensatz zu dem Gedröhn aus dem Tesla waren es leise, klassische Töne.

Sie schaute ihm erwartungsvoll entgegen, wartete geduldig, bis er sein Fahrzeug korrekt hinter ihrem Kleinwagen geparkt hatte.

„Guten Morgen, Frau Moosbach.“ Er trat auf sie zu und schüttelte ihr herzlich die Hand.

„Ich bin wirklich froh, dass Sie heute Zeit für mich haben. Sie haben hoffentlich ausreichend Humor mitgebracht.“

„So schlimm?“, entgegnete Carina lachend.

„Mehr noch, warten Sie es ab, bis sie die beiden und den Rüpel von Sohn kennengelernt haben!“

Der junge Mann hatte unschlüssig vor seinem Tesla gestanden und die Ankunft von Dr. Tymann argwöhnisch beobachtet.

Nun trat er zu den beiden und stellte sich vor:

„Guten Morgen, die Herrschaften. Ich bin Tristan Leopold Horst-Kevin von Kauz zu Uhlborn.“ Seinen Namen sprach er betont langsam aus, wohl, damit niemand auch nur eine Silbe davon vergessen konnte. „Ich bin die rechte Hand von Prof. Dr. Steinhaus. Er bat, dass ich mich heute Morgen um diese frühe Zeit hier bei einem Dr. Tymann einfinden soll. Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie der Genannte sind?“

Dr. Tymann verzog amüsiert das Gesicht. „Wenn Albrecht Sie geschickt hat, ist Ihre Annahme richtig.“

Der junge Mann wirkte verunsichert, ob er erst Carina oder Dr. Tymann die Hand reichen sollte. Schließlich verzichtete er ganz darauf.

Ein intensiver Hauch seines teuren Rasierwassers streifte Carina.

Sie hob spöttisch eine Augenbraue. ‚Was ist das denn für ein Vogel?

Von und zu und wie geschwollen er redet!‘

Sie musterte ihn verstohlen. Gekleidet in feinen Zwirn, mit grauer Hose, grauem Wollsakko und hellgrünem Hemd kam er ihr wie einem Modemagazin entsprungen vor.

„Guten Morgen, Herr von Kauz zu Uhlborn. Sehr erfreut.“ Er reichte dem jungen Mann die Hand und holte die Förmlichkeit nach.

„Ich hatte eigentlich Ihren verehrten Herrn Professor erwartet.“

„Der Herr Professor ist heute leider unabkömmlich“, beschied der junge Mann von oben herab. „Sie werden wohl mit mir vorliebnehmen müssen.“

Dr. Tymann runzelte die Stirn. Das sah seinem alten Freund gar nicht ähnlich, ein Versprechen nicht einzuhalten.

Bevor er sich weitere Gedanken machen konnte, klingelte sein Telefon.

„Ah, der Professor. Sie entschuldigen mich bitte.“

Er trat einen Schritt zurück, um zu telefonieren.

„Hallo Albrecht ...“

„Morgen, Bernhold. Tut mir leid, ich kann nicht selbst kommen. Meine Frau ist gestern Nachmittag böse gestürzt und hat sich die Hand gebrochen“, entschuldigte sich der Professor. Er wirkte ziemlich nervös.

„Sie musste über Nacht im Krankenhaus bleiben. Ich will jetzt gleich zu ihr fahren.“

„Ach herrje, das ist ja schrecklich. Ich habe natürlich vollstes Verständnis, dass du dich erst mal um Margarethe kümmern musst.

Richte ihr bitte meine besten Genesungswünsche aus.“ Dr. Tymann wusste, wie hilflos der Professor ohne seine Frau war. Er war ganz ein Mann der Wissenschaft, sie hielt ihm dafür den Rücken frei von jeglichen Alltagsdingen. ‚Vermutlich hat Albrecht heute Morgen schon Probleme gehabt, sich einen Kaffee zu brühen‘, dachte Dr. Tymann besorgt. Er nahm sich vor, sobald es ging, nach ihm zu sehen.

„Danke, das mache ich. Ich habe dir dafür einen meiner Studenten geschickt. Er liegt mir schon lange in den Ohren, einmal in die Feldarbeit zu dürfen. Nun kann er mal beweisen, ob er wirklich der Superstudent ist, für den er sich hält.“ Der Professor lachte leise. „Unter deiner Aufsicht weiß ich ihn in bester Betreuung. Er wird hoffentlich bald am Treffpunkt sein.“

Dr. Tymann war nicht unbedingt begeistert, dass ein schnöseliger Student statt seines Freundes die seltsamen Knochen untersuchen sollte. Er warf einen kurzen Blick zu dem jungen Mann.

„Ja, er ist bereits eingetroffen. Hast du ihn über den Fund informiert?“

„Nein, dazu bin ich noch nicht gekommen.“

„Na gut“, seufzte Dr. Tymann, „das übernehme ich gleich. Ich danke dir aber trotzdem. Und grüß Margarethe.“

Damit beendete er das Telefonat.

Carina hatte die Zeit genutzt, sich ihre Wanderschuhe anzuziehen. Sie verstaute eine Wasserflasche im Rucksack und schloss ihr Auto ab.

Wieder streifte ihr Blick über die hübschen Häuser und gepflegten Gärten. Die Frau in der Kittelschürze war eifrig damit beschäftigt, ihre Fenster zu putzen. Carina grinste belustigt. ‚So was Neugieriges. Da hat sie sicher nachher viel zu erzählen, wenn die Nachbarin vorbeikommt.‘

Erwartungsvoll schaute sie Dr. Tymann an, als er zurückkam.

„Seine Frau hat sich die Hand gebrochen.“ Er zuckte bedauernd die Schultern. „Er ist auf dem Weg zu ihr ins Krankenhaus, aber er hat uns Herrn von Kauz zu Uhlborn geschickt.“

Damit wandte er sich an den jungen Mann.

„Prof. Dr. Steinhaus ist leider nicht dazu gekommen, Sie über die Umstände unserer Begegnung zu unterrichten. Ich werde Ihnen gleich alles berichten. Zuerst möchte ich Ihnen jedoch Frau Moosbach vorstellen.“ Carina nickte Herrn von Kauz zu Uhlborn zu, da er keinerlei Anstalten machte, ihr die Hand zu reichen.

„Sie war lange Zeit eine enge Mitarbeiterin und schreibt nebenbei Romane über Aberglauben, Vampire und andere Schauergestalten. Mit dieser Materie kennt sie sich bestens aus.“

Herrn von Kauz zu Uhlborn verzog pikiert das Gesicht. ‚Was sucht ein Hobbyschreiberling bei einer archäologischen Fundstelle?‘, fragte er sich. Sein Blick glitt abschätzig über sie und ihren kleinen Ford Ka.

„Ihr Wissen wird uns hoffentlich helfen können bei dieser mysteriösen Sache“, fuhr Dr. Tymann fort. „Die Bauherren sind ein wenig - ähmschwierig. Frau Moosbach ist da die Richtige, mit ihnen umzugehen.“

„Danke für Ihr Vertrauen“, lachte Carina.

„Gut, gut. Dann sollten wir endlich beginnen.“ Herr von Kauz zu Uhlborn schaute sich ungeduldig nach den Gehöften um. „Bei welchem der Gebäude handelt es sich um das fragliche Objekt?“

„Keines dieser Häuser, es ist die alte Schmiede. Sie befindet sich bachaufwärts. Leider ist sie nur zu Fuß erreichbar.“

Dr. Tymann schaute ein wenig besorgt auf das Schuhwerk des jungen Archäologiestudenten. ‚In diesen leichten Trittchen bekommt er aber bald nasse Füße. Was ist das nur für ein Aufzug, wenn man zu einer archäologischen Grabung gerufen wird.‘ Er schüttelte unmerklich den Kopf. ‚Das kann ja heiter werden.‘

„Die Damen werden uns bereits ungeduldig erwarten. Sie haben Ihre Ausrüstung dabei?“

Herr von Kauz zu Uhlborn wandte sich entrüstet ab. Vom Beifahrersitz seines Tesla nahm er einen nagelneuen Schlangenlederkoffer. Nach einem Druck auf sein Smartphone schloss sich das Dach des Sportwagens. Nur die Beleuchtung des Wagens blieb an.

‚Soll ich ihn darauf hinweisen?‘, überlegte Carina. Sie entschied sich achselzuckend dagegen und schaute nur kurz auf die Scheinwerfer ihres Autos, bevor sie ihren Rucksack schulterte.

Dr. Tymann schlug den Pfad entlang des Baches ein.

„Der Weg ist doch gesperrt. Sehen Sie nicht das Schild?“, empörte sich Herr von Kauz zu Uhlborn.

„Ach, junger Mann, manche Dinge sollte man nicht so eng sehen, vor allem, wenn die Zeit drängt.“

3

Der Pfad führte anfangs durch Buschwerk. Brombeersträucher streckten ihre dornigen Ranken aus, als wollten sie die drei Wanderer am Weitergehen hindern. Nach wenigen Metern weitete sich das Gestrüpp und der Weg wurde angenehm breit. Er begleitete das Bächlein, das ihnen entgegenfloss. Nach dem Regen der letzten Tage standen noch etliche Pfützen auf dem Weg. Wurzeln und bemooste Steine waren feucht und forderten ihre Aufmerksamkeit, um nicht plötzlich auszurutschen.

Das Wasser sprang munter plätschernd über große Felsbrocken im Flussbett.

Die Strahlen der Morgensonne lugten immer wieder durch das Blätterdach. Noch trug der Wald sein Sommerkleid aus dichtem Laub, auch wenn sich das eine oder andere Blatt bereits zu färben begann.

Im Buschwerk entlang des Baches glitzerten Tautropfen in Spinnwebennetzen. Sogar ein paar Vögel zwitscherten munter ein Liedchen. Die Hänge waren dagegen mit großen, bemoosten Steinen übersät, zwischen denen Buchen ihren Platz behaupteten.

Carina hätte gern gewusst, ob es Wildtiere in diesen Wäldern gab. Dr. Tymann war jedoch damit beschäftigt, dem jungen Archäologen die Umstände der morgendlichen Wanderung zu schildern.

Bald führte eine Betonbrücke mit Stahlrohrgeländer auf die andere Bachseite. Der Weg stieg nun leicht an. Wurzeln und Steine wurden zahlreicher.

Kurz darauf schälte sich aus dem Grün des Waldes ein Fachwerkhaus heraus. Es thronte über dem Nöckbach auf einem Granitfelsen. Gestrüpp versperrte jedoch einen guten Blick auf das Gebäude. Rechterhand führte der Weg über brüchige, ausgesetzte Treppenstufen hinauf.

Ein Geländer fehlte.

„Sie sollten vorsichtig sein“, warnte Dr. Tymann leicht spöttisch.

„Schließlich ist der Wanderweg wegen dieser Baufälligkeit gesperrt.“

Nach wenigen Minuten hatten sie unbeschadet den Aufstieg geschafft. Gras und Farn wucherten vor dem Haus. Wieder mussten sie aufpassen, wohin sie traten, während sie auf die Haustür zugingen. Es blieb kaum Gelegenheit, einen Blick auf das Bauwerk und die Umgebung zu werfen.

Noch bevor Dr. Tymann die Eingangstür erreichte, wurde sie aufgerissen.

„Da sind Sie ja endlich!“, wurde er vorwurfsvoll von einer kleinen, schlanken Frau begrüßt. „Haben Sie Ihre Fachleute mitgebracht?“

„Guten Morgen, Frau Kaltenegger.“ Dr. Tymann ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

Im nächsten Moment kam mit großem Gekläff ein schwarzer Hund aus der Tür geschossen. Schwanzwedelnd sprang er an Dr. Tymann hoch und ließ sich den Kopf kraulen.

Carina und Herr von Kauz zu Uhlborn waren inzwischen hinzugetreten. Auch sie wurden von dem struppigen Kläffer angesprungen. Aufgeregt leckte er über alle Hautpartien, die er erreichen konnte.

„Czerno, aus!“, schimpfte Britta Kaltenegger. „Pfui, hör auf damit.“ Der Hund ließ sich jedoch nicht beeindrucken und rannte wild bellend um die Neuankömmlinge herum.

Sie drehte sich zur Haustür um: „Malte, komm her, aber bisschen plötzlich. Bring die Leine mit.“

Es dauerte noch eine geraume Zeit, bis endlich ein pummliger, rothaariger Junge von ungefähr zehn Jahren angeschlurft kam.

„Morschn!“, grüßte er kurz angebunden. Sein sächsischer Dialekt war selbst in diesem einzigen Wort nicht zu überhören.

„Malte, heb die Füße und kümmere dich um Czerno“, keifte die Mutter ihn an.

Erst als der Junge den Hund beruhigte, wandte sie sich wieder ihren Gästen zu.

„Ja, also wie gestern besprochen“, ergriff Dr. Tymann das Wort, „konnte ich Frau Moosbach und Herrn von Kauz zu Uhlborn gewinnen, am Samstag zu Ihnen in die Schmiede zu kommen.“ Aus seinem Tonfall klang unterschwellig heraus, dass das keine Selbstverständlichkeit war.

Die beiden reichten nacheinander der Bauherrin die Hand.

„Sehr erfreut.“

„Über Frau Moosbach hatte ich Ihnen ja gestern bereits einiges erzählt.“ Erstaunt zog Carina eine Augenbraue in die Höhe. Ihr Blick pendelte zwischen Dr. Tymann und der Bauherrin. ‚Ob er mir verrät, was er so über mich preisgab?‘

Britta Kaltenegger musterte die Vampirschriftstellerin skeptisch.

„Eigentlich hatte ich Sie mir anders vorgestellt.“ Es klang leicht enttäuscht.

„Wie denn?“, fragte Carina belustigt.

„Naja, ich weiß auch nicht, aber irgendwie nicht so ... so sportlich.“ Sie schaute Carina in ihrem Freizeitoutfit von oben bis unten prüfend an.

„Nun, für eine Bachwanderung und Kellerbesichtigung fand ich das passender als mein schwarzes Gothicgewand, das ich bei Lesungen trage.“

„Da haben Sie sicher recht. Hab es auch nicht negativ gemeint.“ Frau Kaltenegger schien ihre voreilige Aussage peinlich. Eine leichte Röte schoss ihr ins Gesicht.

Dr. Tymann fuhr schnell in der Vorstellung der Gäste fort: „Herr von Kauz zu Uhlborn ist Student der Archäologie. Leider ist sein Professor heute wegen dringender privater Probleme verhindert. Aber er hat einen vertrauenswürdigen Vertreter entsandt, der sich den Fund ansehen wird.“ Die Bezeichnung kompetent vermied er.

Dr. Tymann warf dem jungen Mann einen prüfenden Blick zu. ‚Hoffentlich war das keine Übertreibung.‘ Hinter der überheblichen Fassade vermutete er Unsicherheit. Herr von Kauz zu Uhlborn stand mit seinem Koffer in der Hand und verlegener Miene neben ihm. In seinem feinen Zwirn, der auf dem Weg einige Schmutzspritzer aus den Pfützen abgekommen hatte, wirkte er inmitten des Wildwuchses vor dem Haus fehl am Platz.

„Haben Sie denn bei der Polizei etwas erreichen können?“, fuhr er fort.

„Bevor von deren Seite keine Begutachtung stattgefunden hat, dürfen wir nichts anrühren.“

„Ja, ja, erst haben die mich gestern überhaupt nicht ernst genommen. Meinten nur, das wären wohl Tierknochen, schließlich wurde der Keller früher als Stall genutzt. Aber dann habe ich den Schädel erwähnt. Letztendlich sicherte man mir zu, jemanden vorzuschicken. Ein Kommissar Heusler oder so ähnlich soll auf dem Weg hierher sein.

Eigentlich müsste er schon längst da sein.“

Sie stapfte ein paar Stufen einen Hang hinauf. Trotz ihrer zierlichen Figur fiel ihr breites, in enge schwarze Jeans gezwängtes Hinterteil sofort auf. Man - vor allem Mann - kam nicht umhin, es zu bewundern.

Es drängte sich ja direkt ins Blickfeld.

Die drei Wanderer folgten ihr. Die ebenfalls bröckelnde Treppe führte zu einer Wiese mit einer großen, schattenspendenden Linde. Unter dem Baum lud eine Holzbank zur Rast ein.

Britta Kaltenegger blieb an der Linde stehen und stemmte die Hände in die Hüften.

Suchend schaute sie über eine kleine Brücke den Waldweg entlang.

Carina nutzte die Gelegenheit, sich etwas umzusehen. Das Haus lag zwar auf einem Plateau oberhalb des Nöckbaches, doch wurde das ganze Anwesen von den Elbhängen umschlossen. Zwei Wege führten hinauf auf die Hochebenen. Geradezu hinter der Brücke verlor sich eine befestigte Schneise im Wald. Links zwischen Elbhang und Lindenplatz entdeckte Carina einen Teich. Das Ufer säumten Riedgras und Kalmus.

Seerosen schaukelten im leichten Luftzug des Morgens. Sein Wasser floss unter der Brücke hinab in den Nöckbach. ‚Richtig romantisch‘, dachte Carina verträumt.

Britta Kaltenegger lief in gespannter Erwartung in Richtung Waldweg und wieder zurück. „Wo bleibt dieser Kommissar nur?“

Wie aufs Stichwort rumpelte ein Jeep über den zugewachsenen Forstweg, der früher einmal asphaltiert war. Kurz vor der Schmiedenbrücke hielt er. Fluchend stieg ein kräftiger Mann in Jeans und dunklem Sakko aus.

„Was für ein Scheißweg! Da ramponiert man sich nicht nur den Wagen, sondern gleich noch die Eier mit!“

Sein kahler Schädel leuchtete in der Morgensonne. „Und was ist das für eine Sauerei?“ Sein empörter Blick fixierte einen nummernschildlosen Kleinbus, der am Wegesrand stand. „Darum kümmern wir uns später.“

‚Na, der ist ja gut drauf.‘ Carina runzelte unbehaglich die Stirn.

Er schien im besten Mannesalter und wirkte sportlich. Mit weitausholenden Schritten ging er auf die Brücke und Britta Kaltenegger zu. Ungeduldig blickte er sich mehrfach zu seinem Wagen um.

„Es gibt also doch eine Zufahrt“, entrüstete sich der junge Archäologe. Carina konnte sich eine bissige Bemerkung nicht verkneifen: „Die scheint aber tiefergelegten Sportwagen nicht zuträglich, wenn schon ein geländegängiges Fahrzeug seine Probleme hat.“ Er ignorierte ihren Spott.

„Dieser Fahrweg ist eigentlich gesperrt“, merkte Britta Kaltenegger an.

„Wir haben nur mit viel Überredungskunst eine Sondergenehmigung erhalten, um mit dem Auto bis hierher zu fahren.“

„Gesperrter als der Fußweg, den wir genommen haben?“ Herr von Kauz zu Uhlborn war noch immer über die Missachtung des Verbotes empört.

„Für den Rückweg können Sie gern den Pfad oben über die Elbhänge nehmen.“ Dr. Tymann wies auf zwei markierte Wanderwege, die rechts und links den Hang hinaufführten. „Es sind nur ein paar Kilometer mehr.

Hier sehen Sie!“ Er deutete auf die Ausschilderung. Brummig wandte sich der Archäologe ab. Laufen, zumal in nicht kultivierter Umgebungalso im städtischen Szeneviertel - war nicht sein Ding.

‚Davon hat der Professor auch nichts erwähnt‘, grummelte er.

Die Beifahrertür des Jeeps öffnete sich und eine junge Blondine in Polizeiuniform stieg aus. Sie beeilte sich, ihrem Chef zu folgen.

Zu guter Letzt krabbelte vom Rücksitz ein korpulenter Herr heraus und zerrte einen abgewetzten Koffer aus dem Auto.

Er keuchte, als er die anderen erreichte. Mit einem blau-weiß-karierten Taschentuch wischte er sich den Schweiß von der Stirn.

„Kriminalhauptkommissar Heusler“, stellte sich der Fahrer des Jeeps vor. Er deutete auf die junge Frau: „Meine Assistentin, Frau Ruweler, und unser Gerichtsmediziner, Dr. Ahlbrand.“

„Guten Morgen.“

Der Kommissar schaute in die Runde der Herrschaften samt Kind und Hund, die sich mittlerweile vor dem Gebäude der alten Schmiede versammelt hatten.

Er musterte jeden skeptisch von Kopf bis Fuß. Selbst Czerno würdigte er mit einem langen Blick.

„Darf ich fragen, wer sie alle sind?“

Als die allgemeine Vorstellung beendet war, tauchte in der Türöffnung eine weitere Frau auf. Sie wirkte noch mehr fehl am Platz als Herr von Kauz zu Uhlborn. Mitten im Wald an der alten Schmiede trug sie einen schwarzen Minirock, der ihr breites Gesäß gut betonte. Die üppige Oberweite hatte sie in ein enges Schnürkorsett gezwängt. Ihre Füße steckten in hohen Lackstiefeln mit Absätzen, die nicht zum Laufen geeignet sein konnten.

„Ah, das ist meine Freundin Doretta Wulfing.“ Diese nickte nur grüßend in die Runde unter der Linde hinauf.

„Kommen noch mehr Personen oder sind wir vollzählig?“, brummte der Kommissar.

„Gut, Frau Kaltenegger, zeigen Sie mir und dem Gerichtsmediziner den Fundort“, befahl der Kommissar barsch, als keiner auf seine Frage reagierte. „Die anderen warten.“ Er winkte seiner Assistentin. „Frau Ruweler, Sie kommen mit. Sie sollen ja schließlich was lernen.“

4

„Folgen Sie mir bitte.“ Britta Kaltenegger ging voran. Sie führte den Kommissar und seine Begleiter durch eine zweiflügelige Tür in das Fachwerkhaus und danach eine steile Treppe hinab. Es war finster, elektrisches Licht gab es nicht. Die Hausherrin war lediglich mit einer kleinen Taschenlampe bewaffnet, die notdürftig den nächsten Auftritt aus der Dunkelheit schälte.

„Passen Sie auf, dass Sie nicht ausrutschen. Die Stufen sind glitschig.

Der Keller hier unten ist irgendwie feucht, wobei Keller sicher nicht das richtige Wort ist. Schließlich sind wir noch immer hoch über dem Nöckbach. Und da dürfte es gar nicht feucht sein. Na ja, höchstens von der Wiese und dem kleinen Wasserfall. Die Schmiede steht ja auf einem Fels. Wissen Sie, das Mauerwerk ist schon ziemlich alt. Darum habe ich den Gutachter beauftragt, sich das Haus genauer anzusehen“, plapperte sie aufgeregt. „Da ist so ein weißer Flaum auf den Steinen.

Aber was wir dann gefunden haben, das ist einfach unglaublich.“

Kommissar Heusler folgte vorsichtig der Bauherrin die Treppe hinab. Mangels Licht tastete er mit den Händen seine Umgebung ab. Bereits an der Eingangstür schrammte sein Schädel nur knapp am Türbalken vorbei. Kellertreppenabgänge waren erfahrungsgemäß noch niedriger.

So sah sich der Kommissar genötigt, seinen Kopf einzuziehen, um sich keine Beule zu holen.

Dicht dahinter stiefelte die junge Polizistin ihrem Chef hinterher zum Fundort.

Zu guter Letzt schnaufte der Gerichtsmediziner mit seinem Koffer. Seine Körperfülle ließ ihn nicht leichtfüßig die Treppe hinabgehen. Die Holzstufen knarrten empört und es dauerte, bis er die Kellersohle erreichte.

Die Erklärungen von Britta Kaltenegger hallten aber laut genug durch das alte Gemäuer, so dass auch der Gerichtsmediziner keines ihrer Worte überhören konnte.

„Wie sind Sie denn auf die Knochen gestoßen?“, unterbrach Kommissar Heusler ihren Redeschwall, als er die letzte Stufe ohne Blessuren hinter sich gelassen hatte.

„Bei der Begutachtung der Wände fand Dr. Tymann eine zugemauerte Türöffnung.“ Sie verschwieg allerdings die Umstände der Entdeckung.

‚Der denkt sonst noch, Malte ist ein Randalierer oder sowas!‘, erklärte sie sich selbst die Unterschlagung der Information.

„Hier ist sie.“ Britta Kaltenegger leuchtete mit spärlichem Taschenlampenlicht auf ein Loch im Mauerwerk auf Höhe des Fußbodens.

„Die Steine ließen sich einfach so herausdrücken.“ Sie schüttelte verwundert den Kopf.

Kommissar Heusler zog Einweghandschuhe aus einer Jackentasche.

Vorsichtig befühlte er die Wand.

„Frau Ruweler, haben Sie etwas mehr Licht?“

„Selbstverständlich, Chef.“ Sie nahm eine große Taschenlampe von ihrem Gürtel und schaltete sie ein. Versehentlich richtete sie den Lichtstrahl genau auf das Gesicht des Kommissars. Er zuckte geblendet zurück.

„Passen Sie doch auf.“

„Entschuldigung“, murmelte sie betroffen und senkte die Lampe.

Er wandte sich wieder dem Loch in der Wand zu.

„Was haben Sie gemacht, nachdem die Steine entfernt waren?“

„Dr. Tymann meinte, wir sollten uns das einmal von der Außenseite ansehen. Also sind wir rauf und dann runter über die Wiese zum Nöckbach. Mir ist dabei gar nicht aufgefallen, dass Malte, also mein Sohn, nicht mitgekommen ist, sondern noch im Keller war. Und als wir gerade vor der offenen Stelle standen, fing er unheimlich an zu schreien. Durch das Loch in der Mauer war es deutlich zu hören. Aber es klang grauenerregend, als wenn nicht nur er, sondern auch ein Geist wimmert. Ich hatte gleich so ein ungutes Gefühl, als wenn da etwas nicht mit rechten Dingen zugeht!

Natürlich bin ich sofort wieder zurückgerannt in den Keller. Nun stellen Sie sich das mal vor, da lagen plötzlich Knochen und dazwischen dieser schreckliche Schädel! Das arme Kind!“, jammerte sie aufgeregt und meinte damit nicht die kleine Leiche, sondern ihren Sohn. „Er hat ja einen fürchterlichen Schreck bekommen. Hoffentlich behält er davon nicht einen innerlichen Schaden, ein Trauma oder Schlimmeres. Zum Glück hatte meine Freundin einen Jaspis dabei. Den habe ich Malte gleich um den Hals gehängt. Er soll ja helfen bei seelischem Schock.“

Der Kommissar verdrehte die Augen über diesen Redeschwall. Er verzichtete darauf, sich nach den Umständen der Knochenfreilegung zu erkundigen. Er hatte so eine Ahnung, dass Malte etwas damit zu tun haben könnte. ‚Genaueres kann später Frau Ruweler in Erfahrung bringen.‘

Genervt kratzte er sich seinen haarlosen Kopf. Er war froh, dass sie im dunklen Keller standen und keiner seine Reaktion bemerkte. Der Lichtstrahl der Lampe war noch immer auf die Maueröffnung gerichtet. Die bleichen Knochen leuchteten hell, der Totenschädel schien ihnen aufmerksam zu lauschen.

„Doretta, also Frau Wulfing, ist sich sicher, dass es sich um einen Vampir handelt, der unter der Türschwelle verscharrt wurde. Sehen Sie sich das nur an, dieser Kopf und wie die Knochen da liegen.“ Sie zeigte auf das kleine Skelett.

„Darum hat sie Dr. Tymann auch gedrängt, die bekannte Schriftstellerin, Frau Moosbach, herzubitten. Sie kennt sich damit aus. Ist das nicht ein glücklicher Zufall, dass der Gutachter solche Leute kennt?“

Langsam hatte der Kommissar genug. Die schrille, hektische Stimme der Bauherrin spielte auf seinen Nervensträngen eine unsägliche Melodie.

„Gut, gut. Wir werden uns jetzt den Fund einmal genauer ansehen. Dr.

Ahlbrand, wo stecken Sie denn?“