Ein Geschenk des Himmels - Michaela Dornberg - E-Book

Ein Geschenk des Himmels E-Book

Michaela Dornberg

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Beschreibung

Im Sonnenwinkel ist eine Familienroman-Serie. Schauplätze sind der am Sternsee gelegene Sonnenwinkel und die Felsenburg, eine beachtliche Ruine von geschichtlicher Bedeutung. Mit Michaela Dornberg übernimmt eine sehr erfolgreiche Serienautorin, die Fortsetzung der beliebten Familienserie "Im Sonnenwinkel". Michaela Dornberg ist mit ganzem Herzen in die bezaubernde Welt des Sonnenwinkels eingedrungen. Sie kennt den idyllischen Flecken Erlenried und die sympathische Familie Auerbach mit dem Nesthäkchen Bambi. Doktor Roberta Steinfeld war eine ganz hervorragende Ärztin. Daran gab es keinen Zweifel. Aber, und das war nicht zu verkennen, sie war auch eine Frau. Und nachdem sie sich von ihrer ersten Überraschung erholt hatte, kam ihr sofort in den Sinn, dass sie furchtbar aussehen musste. Sie hatte, um den Kopf frei zu bekommen, einen Spaziergang um den See machen wollen. Und entsprechend war sie auch gekleidet. Eine bequeme Hose, einen schlabbrigen Pullover hatte sie an, an den Füßen bequeme Schuhe. Und über allem trug sie einen uralten Parka, den sie schon als Studentin in den ersten Semestern getragen hatte, und von dem sie sich einfach nicht trennen konnte, Es gab sie wirklich, die sogenannten Lieblingsstücke, und ihr oller Parka, der gehörte eindeutig dazu. Dabei konnte Roberta nicht einmal sagen, woher diese Liebe kam. Es war ein zweckmäßiges, khakifarbenes Teil, für das sie nicht einmal viel Geld gezahlt hatte. Roberta konnte sich noch sehr gut daran erinnern, dass sie zugeschlagen hatte, weil dieser Parka stark reduziert gewesen war, ein richtiges Schnäppchen. Nun, wie auch immer. Jetzt hätte sie wer weiß nicht was darum gegeben, nicht nur netter angezogen zu sein, nein, wenn sie das geahnt hätte, hätte sie sich ein wenig zurechtgemacht, geschminkt, Wimperntusche und Rouge aufgelegt, und sie hätte in ihre Haare, die sie seit einiger Zeit kinnlang trug, nicht diese dummen Kämmchen reingesteckt. Sie fühlte sich scheußlich. Und das ausgerechnet jetzt. Sie hielt sich am Gartentörchen fest und starrte den Mann an, der ganz offensichtlich, lässig mit einer Flasche Rotwein unter dem Arm, zu ihr wollte. Roberta konnte es einfach nicht glauben, und vielleicht sollte sie sich fragen, ob das jetzt nicht so etwas wie eine Fata Morgana war, dass es ihn nicht wirklich gab, sondern dass sie eine Erscheinung hatte, weil sie immerfort an ihn denken musste, diesen Fremden mit den unglaublich blauen Augen, den sie einfach nicht vergessen konnte. Es gab ihn wirklich! Geisterscheinungen redeten nicht, und das tat er. Fr grinste sie an, und Roberta stellte fest, dass seine Zähne die wahre Freude eines jeden Zahnpastaherstellers wären.

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Seitenzahl: 146

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Der neue Sonnenwinkel – 14 –Ein Geschenk des Himmels

Für Fabian Rückert ist manches ganz unglaublich

Michaela Dornberg

Doktor Roberta Steinfeld war eine ganz hervorragende Ärztin. Daran gab es keinen Zweifel. Aber, und das war nicht zu verkennen, sie war auch eine Frau.

Und nachdem sie sich von ihrer ersten Überraschung erholt hatte, kam ihr sofort in den Sinn, dass sie furchtbar aussehen musste.

Sie hatte, um den Kopf frei zu bekommen, einen Spaziergang um den See machen wollen. Und entsprechend war sie auch gekleidet. Eine bequeme Hose, einen schlabbrigen Pullover hatte sie an, an den Füßen bequeme Schuhe. Und über allem trug sie einen uralten Parka, den sie schon als Studentin in den ersten Semestern getragen hatte, und von dem sie sich einfach nicht trennen konnte, Es gab sie wirklich, die sogenannten Lieblingsstücke, und ihr oller Parka, der gehörte eindeutig dazu. Dabei konnte Roberta nicht einmal sagen, woher diese Liebe kam. Es war ein zweckmäßiges, khakifarbenes Teil, für das sie nicht einmal viel Geld gezahlt hatte. Roberta konnte sich noch sehr gut daran erinnern, dass sie zugeschlagen hatte, weil dieser Parka stark reduziert gewesen war, ein richtiges Schnäppchen.

Nun, wie auch immer.

Jetzt hätte sie wer weiß nicht was darum gegeben, nicht nur netter angezogen zu sein, nein, wenn sie das geahnt hätte, hätte sie sich ein wenig zurechtgemacht, geschminkt, Wimperntusche und Rouge aufgelegt, und sie hätte in ihre Haare, die sie seit einiger Zeit kinnlang trug, nicht diese dummen Kämmchen reingesteckt.

Sie fühlte sich scheußlich.

Und das ausgerechnet jetzt.

Sie hielt sich am Gartentörchen fest und starrte den Mann an, der ganz offensichtlich, lässig mit einer Flasche Rotwein unter dem Arm, zu ihr wollte.

Roberta konnte es einfach nicht glauben, und vielleicht sollte sie sich fragen, ob das jetzt nicht so etwas wie eine Fata Morgana war, dass es ihn nicht wirklich gab, sondern dass sie eine Erscheinung hatte, weil sie immerfort an ihn denken musste, diesen Fremden mit den unglaublich blauen Augen, den sie einfach nicht vergessen konnte.

Es gab ihn wirklich!

Geisterscheinungen redeten nicht, und das tat er. Fr grinste sie an, und Roberta stellte fest, dass seine Zähne die wahre Freude eines jeden Zahnpastaherstellers wären.

»Hi, zu Ihnen wollte ich«, rief er, »aber wie ich sehe, ist es kein guter Zeitpunkt. Sie müssen weg.«

Die eigentliche Roberta hätte jetzt vermutlich ein kurzes ›Ja‹ gemurmelt, dann wäre jeder seiner Wege gegangen, und die Sache wäre erledigt. Sie erinnerte sich an das Telefonat mit ihrer Freundin Nicki, die gesagt hatte, dass manchmal auch die Frauen die Initiative ergreifen und vorpreschen müssten. Das war nicht ihre Art, aber warum sollte sie nicht ein bisschen locker sein? Sie vergab sich doch nichts.

Sie schenkte ihm ihr allerschönstes Lächeln, sagte ebenfalls »Hi«, doch dann fügte sie hinzu: »Ist nicht wichtig. Ich wollte bloß ein Stückchen laufen. Doch das ist nicht vordringlich. Sind Sie gekommen, um mir die Rechnung für den an Ihrem Auto entstandenen Schaden zu präsentieren?«

Er ging auf ihren lockeren Ton ein.

»Ich bin gekommen, um mit Ihnen ein Gläschen Wein zu trinken, und ich kann nur hoffen, dass Sie französische Rotweine mögen.«

Roberta trank lieber spanische Rotweine, aber das musste sie ihm jetzt nicht auf die Nase binden. Auch die Franzosen machten hervorragende Weine, Roberta fand sie manches Mal jedoch ein wenig überbewertet, und bei den Spaniern stimmte das Preis-Leistungsverhältnis besser.

Oh Gott!

Was für törichte Gedanken gingen ihr denn jetzt durch den Kopf. Vor ihr stand ein Mann wie aus dem Bilderbuch. Aber das war es vermutlich auch. Er machte sie nervös. Und das war von der ersten Sekunde an so gewesen, nachdem er nach dem durch sie verursachten Crash aus seinem Auto gestiegen war.

»Ich liebe Rotwein«, sagte sie, »aber ich denke, wir sollten ins Haus gehen. Oder sollen wir den Wein hier auf der Straße trinken?«

Er lachte, dann folgte er ihr ins Haus. Sie spürte seinen Atem in ihrem Nacken, seinen Blick. Und das machte sie noch nervöser, obschon es da eigentlich keine Steigerung mehr gab.

Sie zog ihren alten Parka aus, hängte ihn in der Garderobe an den Haken. Und als er da so schäbig hing, sagte sie sich, dass es jetzt wirklich an der Zeit war, ihn irgendwann einmal auszusortieren und in einen Kleidersack zu stecken. Er wirkte neben seiner Jacke ziemlich ärmlich. Roberta führte ihn ins Wohnzimmer, wo er sich sogleich sehr interessiert umsah. Sie war froh, dass sie irgendwann einmal mit Alma zusammen alles auf Vordermann gebracht hatte. Gäbe es Alma nicht, wäre sie noch allein, dann würde es vermutlich noch immer so aussehen, als sei sie gerade erst eingezogen oder war dabei auszuziehen.

Sie bot ihm Platz an, und während sie die Gläser und den Korkenzieher holte, fiel ihr ein, dass sie noch immer seinen Namen nicht kannte.

Das schien ihm ebenfalls bewusst geworden zu sein, denn als Roberta zurückkam, sagte er ganz nebenbei: »Ich bin Lars … Lars Magnusson.«

Ein schöner Name.

Ein Schwede?

Dafür sprach er aber sehr gut Deutsch, doch seine blauen Augen, sein Aussehen insgesamt, sprachen für ihre Vermutung.

»Ehe Sie sich wegen meines Namens Ihren Kopf zerbrechen«, ergänzte er. »Ich bin Deutscher, in Deutschland geboren, von deutschen Eltern. Aber mein Urgroßvater war Norweger, den es der Liebe wegen nach Deutschland verschlagen hat.«

Er nahm ihr den Korkenzieher aus der Hand, hantierte sehr geschickt damit. Roberta stellte fest, dass er sehr schöne Hände hatte, schlank und zupackend. Was gab es eigentlich an diesem Mann, was nicht schön war? Oder war sie auf diesen Typ Mann fixiert und benahm sich beinahe wie ein Groupie.

Er schenkte ein, lächelte sie an.

»Sie sind ja hier bekannt wie ein bunter Hund, und man schwärmt ja so richtig von Ihnen.« Er grinste. »Ich hatte zwar Ihren Namen und Ihre Adresse, aber ich habe mich ein bisschen schlau gemacht. Ich habe mich nämlich ein wenig über mich selbst geärgert, weil ich unser … Zusammentreffen, so kann man es wohl nennen, so schnell abgebrochen habe.«

Sie hoffte, er möge nichts von ihrer Aufregung mitbekommen.

»Es war okay, Sie hatten einen Termin, und ich musste meine Praxis aufmachen. Jetzt sind Sie ja da. Haben Sie das Auto reparieren lassen? Soll ich den Schaden nun doch meiner Versicherung melden? Das wäre kein Problem.«

Sie redete schon wieder so geschraubt. Welch ein Glück, dass Nicki das hier nicht mitbekam, die würde die Augen verdrehen. Im Umgang mit Männern war Roberta einfach keine Kanone. Und das würde sie auch nicht werden wollen. Im Leben setzte sie andere Prioritäten.

Er blickte sie an.

»Kaum zu glauben, dass eine so attraktive junge Frau wie Sie derart erfolgreich in ihrem Beruf ist. Sie scheinen ja beinahe so etwas wie eine Wunderheilerin zu sein.«

Er sollte davon aufhören, Roberta konnte mit Lob nur sehr schwer umgehen.

»Wo haben Sie das alles nur gehört?«, bemerkte sie. »Sind Sie von Tür zu Tür gegangen und haben Erkundigungen über mich eingezogen?«

Er schüttelte den Kopf.

»Nein, aber ich informiere mich gern. Eigentlich wollte ich mehr über den Sonnenwinkel erfahren und seine Bewohner. Und, nun ja, ich gebe es zu: Bei dieser Gelegenheit habe ich mich über Sie erkundigt. Ist das verwunderlich? Sie sind eine sehr attraktive Frau, und ich wäre ganz gewiss nicht mit dem Wein hier aufgekreuzt, wüsste ich nicht, dass es zum Glück keinen Herrn Steinfeld gibt.«

Roberta spürte, wie sie anlief wie eine überreife Tomate.

»Den gab es mal«, sagte sie, »aber von dem bin ich geschieden. Ich war es bereits, ehe ich in den Sonnenwinkel kam.«

Warum erzählte sie ihm das?

Er hatte nicht nach ihrem Lebenslauf gefragt. Sie benahm sich in seiner Gegenwart unmöglich.

Er lachte.

»Oh, dann haben wir etwas gemeinsam, in meinem Leben gab es vor einer gefühlten Ewigkeit auch mal eine Frau Magnusson.«

Sie prosteten sich zu. Der Wein war köstlich, und Roberta spürte, wie sie sich allmählich entspannte. Das lag ganz bestimmt zum Teil auch daran, dass er so vollkommen unverkrampft war und dass er ganz toll erzählen konnte.

Wenn man so wollte, sprachen sie über Gott und die Welt, dabei hätte sie sehr gern etwas mehr über ihn erfahren. Doch da hielt er sich zurück, und sie wollte nicht neugierig sein und ihn ausfragen. Da war sie wirklich anders als ihre Freundin Nicki.

Die Zeit verging, und irgendwann stellte er beinahe erschrocken fest: »Haben Sie schon mal auf die Uhr gesehen?« Sofort stand er auf, und Roberta sah, dass es beinahe Mitternacht war. Sie hatten sich ganz gehörig verplaudert.

»Darf ich Sie wiedersehen?«, erkundigte er sich.

Sie konnte nur nicken. Er war ihr schon so vertraut, er kam ihr vor wie jemand, der eigentlich bereits immer in ihrem Leben gewesen war. Dabei wusste sie über ihn nicht mehr als seinen Namen und dass er geschieden war. Dabei brannte sie darauf, mehr zu erfahren.

Sie erhob sich ebenfalls, und dann begleitete sie ihn hinaus. Als er seine Jacke von der Garderobe nahm, kamen sie sich gefährlich nahe. Sie sahen sich an, die Luft war elektrisch geladen, ihre Gesichter näherten einander, dann wich er zurück.

»Es war ein wunderschöner Abend«, sagte er, »danke dafür, und ich wünsche mir wirklich sehr, dass wir ihn wiederholen. Sie sind eine großartige Frau.«

Er sah sie erneut an, dann lächelte er, und seine Stimme klang ganz rau, als er sagte: »Schlafen Sie gut.«

Dann drehte er sich abrupt um, verließ das Haus, als sei der Leibhaftige hinter ihm her.

Vorn an der Gartenpforte drehte er sich noch einmal ganz kurz um, hob seine rechte Hand, winkte ihr zu, dann verschwand er in der Dunkelheit.

Es dauerte noch eine ganze Weile, ehe Roberta ins Haus zurückging, die Haustür sorgsam abschloss.

Als sie in ihr Wohnzimmer ging, war für sie seine Gegenwart noch so präsent, dass sie sich erst einmal hinsetzen musste.

Lars Magnusson …

Sie wusste noch immer nicht mehr als seinen Namen, und sie fragte sich, was ihn mit dem Sonnenwinkel verband.

Weilte er ihr irgendwo zu Besuch? Vermutlich war es so, denn verkauft wurde gerade kein Haus, vermietet ebenfalls nicht.

Zuletzt war in das Haus von Ricky und Fabian eine Frau mit einem Mädchen eingezogen. Gäbe es etwas Neues, würde sie es von ihren Patienten erfahren, und wenn die nicht redeten, dann würde es Ursel Hellenbrink ihr erzählen, ihre treue Helferin in der Praxis, ohne die sie vollkommen aufgeschmissen wäre.

Wer war er?

Was trieb er hier?

Roberta bemerkte, dass noch etwas Wein in der Flasche war, das schenkte sie sich ein. Sie war viel zu aufgedreht, um jetzt schlafen gehen zu können. Da war es gemütlicher, bei einem wirklich guten Rotwein in einem Sessel zu sitzen.

Lars Magnusson …

Ein wenig erinnerte er sie an Kay, ihre vergangene Liebe. Äußerlich sahen sie unterschiedlich aus, Lars war auch ein paar Jahre älter. Aber diese Ungezwungenheit, dieser offene Blick, das war etwas, was sie gemeinsam hatten. Das hatte sie bei Kay vom ersten Moment an fasziniert, und dieser Ausstrahlung konnte sie sich bei Lars Magnusson ebenfalls nicht entziehen.

Kay war ein etablierter Aussteiger gewesen, er hatte hingeschmissen und tat nur noch das, worauf er Lust hatte. Ein komfortables Leben, wenn man genug Geld im Hintergrund hatte. Aber dennoch wäre es für Roberta niemals eine Option. Sie brauchte einen festen Lebensmittelpunkt, und mehr noch brauchte sie ihren Beruf, der für sie der schönste auf der ganzen Welt war. Schon als kleines Mädchen hatte sie Ärztin werden wollen, und sie hatte jede ihrer Puppen operiert.

Was Lars wohl machte?

Wie schade, dass sie sich nicht getraut hatte, ihn ein wenig auszufragen. Schließlich wusste er eine ganze Menge über sie, und sie wusste nichts. Es gab nicht einmal einen festen Termin für ein Date. Date? War sie da nicht ein wenig voreilig? Sie hatten sich sehr nett unterhalten, vielleicht war er ja auch nur gekommen, um ihr zu sagen, dass er wegen des kleinen Blechschadens an seinem Auto nichts unternehmen wollte. Das hatte er klar und deutlich zum Ausdruck gebracht, und Roberta konnte sich nicht des Eindrucks erwehren, dass es geschehen war, weil er keine Lust hatte, eine Werkstatt aufzusuchen und Zeit zu verlieren.

Wie blöd war sie denn gewesen, überhaupt keine Fragen zu stellen! Sie hatte ihn nur wie ein hypnotisiertes Kaninchen angeschaut. Hoffentlich hatte er nicht mitbekommen, wie sehr sie in ihn verknallt war.

Beinahe entsetzt stellte Roberta ihr Glas ab.

Verknallt?

Wie verrückt war das denn …

Es war nicht verrückt, vielleicht doch, auf jeden Fall musste sie sich nichts mehr vormachen. Sie hatte sich schon in ihn verguckt, ehe sie seinen Namen kannte.

Und vorhin, an der Tür …

Das bildete sie sich nicht ein. Hätten sie sich da nicht beinahe geküsst?

Roberta spürte den heftigen Schlag ihres Herzens, sie merkte, wie die Röte in ihr Gesicht stieg.

Sie atmete ganz tief durch.

Es war ungeheuerlich!

Aber es stimmte!

Sie hatte sich verliebt, sie war verliebt in Lars Magnusson.

Vorsehung, Vorbestimmung, schicksalhafte Begegnungen, das alles war eher das Ding ihrer Freundin Nicki.

Aber wenn man es so recht bedachte …

Sie, die eigentlich bedachte Autofahrerin, war einen Augenblick unaufmerksam, und genau da krachten ihre Autos ineinander.

Das konnte doch kein Zufall sein!

Roberta merkte, wie sie allmählich die Kontrolle verlor und sich da in etwas hineinsteigerte, was nicht sein durfte.

Sie war eine gestandene Frau und kein Teenie!

Sie durfte nicht mehr an ihn denken!

Sie griff nach der Fernbedienung ihres Fernsehers, begann wild von Sender zu Sender zu knipsen.

Bloß auf andere Gedanken kommen.

Nicht mehr an Lars Magnusson denken!

Aber er wollte sie wiedersehen, und er hatte sich über sie erkundigt.

Tat man das nicht nur bei Menschen, an denen man ein wirkliches Interesse zeigte?

Roberta machte den Fernseher aus, weil es keinen Sinn hatte. Es gelang ihr nicht, sich mit irgendeinem Krimi oder Liebesroman abzulenken, Selbst bei Dokumentarfilmen, die sie normalerweise sehr gern sah, schweiften ihre Gedanken ab. Sie konnte sich auf nichts konzentrieren, weil sie immerfort an Lars Magnusson denken musste. Und das war mehr als bedenklich …

*

Sandra Münster und ihre Mutter Marianne von Rieding unternahmen nicht mehr viel miteinander. Und auch die geselligen Kaffeestunden, in denen sie über Gott und die Welt redeten, gab es kaum noch, Sandra bedauerte das sehr. Andererseits freute sie sich für ihre Mutter. Die verbrachte mittlerweile die meiste Zeit mit ihrem Ehemann Carlo Heimberg. Und das war gut so. Es war auch rührend anzusehen, wie liebevoll und zärtlich die beiden miteinander umgingen.

Früher hatten sie kaum Zeit zusammen verbringen können, weil Carlo beinahe wie ein Getriebener weltweit unterwegs gewesen war. Das war bei einem international arbeitenden bekannten Architekten normal. Und wenn es sich dann auch noch um jemanden handelte, der beinahe alle bedeutenden Architekturpreise gewonnen hatte, ging es überhaupt nicht anders. Hier und da hatte Marianne ihren Mann begleitet. Doch meist war es ihr zu anstrengend gewesen, zumal auch die Zeit, die sie und Carlo miteinander verbringen konnten, immer sehr knapp bemessen gewesen war. Und was hatte sie beispielsweise von New York, wenn sie dort die meiste Zeit allein unterwegs sein musste? Das machte keinen Spaß.

Mittlerweile hatte sich vieles verändert. Freilich waren die Gründe dafür nicht zu prickelnd.

Es wäre alles so weitergegangen mit Carlo, immer auf der Überholspur, hätte man nicht einen Herzschaden entdeckt. Er war in buchstäblich letzter Minute am offenen Herzen operiert worden. Und der Professor hatte ihm deutlich klargemacht, dass sein Leben jetzt ein anderes sein musste. Carlo hatte es verstanden, aber so richtig umgehen konnte er damit noch nicht, und es war wirklich sehr gut, dass er ständig seine Frau an seiner Seite hatte. Marianne war niemals von seiner Seite gewichen, nicht im Krankenhaus, nicht in der Reha, und auch jetzt versuchte sie, immer für ihn da zu sein und ihm dabei zu helfen, mit seinem neuen, ungewohnten Alltag umzugehen. Leicht war es nicht. Und Sandra bewunderte ihre Mutter manchmal für deren Ausdauer. Sie hätte schon so manches Mal die Nerven verloren. Carlo war ein wunderbarer Mensch, aber jetzt war er nicht immer zu ertragen. Hoffentlich war es bald vorbei. Noch war er geschwächt und musste sich schon allein deswegen Grenzen setzen. Aber auch wenn es ihm besser gehen würde, könnte er sein altes Leben nicht einmal mehr annähernd führen. Und ein Schmalspur-Architekt wollte er nicht sein. Er konnte es sich einfach nicht vorstellen, plötzlich kleine Einfamilienhäuser bauen zu sollen. Das schon, aber wenn es sich dabei um einen ganzen Komplex handelte wie beispielsweise um den Sonnenwinkel.

Sandra hätte schon einige Fragen an ihre Mutter, aber sie wollte nicht immer nur über dieses eine Thema reden. Irgendwann wurde man müde davon. Das Leben ging weiter, und auch bei ihr geschah einiges, von dem ihre Mutter nichts wusste. Und das war es halt, was ihr so sehr fehlte, dieser beinahe tägliche Austausch, der ja auch möglich war, wenn man praktisch Tür an Tür wohnte.

Heute hatten sie auf jeden Fall Zeit füreinander, und das würde Sandra sehr genießen. Nach dem Tod ihres Vaters hatte Sandra viele Jahre allein mit ihrer Mutter verbracht, und so etwas prägte einen Menschen, da gab es eine enge Bindung.

Carlo war hinunter zu Frau Doktor Steinfeld in die Praxis gegangen, und dorthin musste Marianne ihren Mann nicht begleiten.

Sie unterhielten sich über Manuel und die Zwillinge, und Marianne beobachtete, wie ihre Tochter beinahe gierig Schokolade in sich hineinstopfte. Sie überlegte einen Augenblick, ob sie etwas sagen sollte. Es ging sie schließlich nichts an. Sandra war erwachsen.

Aber sie war die Mutter, und sie fand, dass es ihr zustand, eine Bemerkung zu machen.

»Sandra, hör bitte auf, Schokolade in dich hineinzustopfen. Man kann es kaum mit ansehen, und ehrlich, du hast ganz schön zugelegt. Aber das ist ja auch kein Wunder, wenn man dir zusieht.«