11,00 €
Der 21 August 1968 in Prag steht für eine ungezügelte Großmacht- und Gewaltpolitik. Man kann die Ereignisse aber auch als Abschnitt auf dem Weg der Erosion von Macht sehen. Ein Schritt weiter, auf dem Weg bis zum Zerfall der Sowjetunion von 1991.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 64
Veröffentlichungsjahr: 2018
Für: Sylvia & Florian
Wolf Stikklas
Der geschundene FrühlingPrag 1968
Zeitzeugen Bericht
© 2018 Wolf Stikklas
Verlag & Druck: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback 978-3-7469-5463-9
Hardcover 978-3-7469-5464-6
e-Book 978-3-7469-5465-3
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Prag im August
Einleitung: Das Jahr 1968
Das Lied von der Moldau
2018 ein Jahr der Gedenktage
Meine Einladung nach Prag
Die Stadt als Brennpunkt europäischer Geschichte
Die Vorgeschichte
Krieg und Nachkriegsordnung
Der Ost-West-Gegensatz im kalten Krieg
Die Verteidigung der Planwirtschaft
Die wirtschaftliche Lage der Tschechoslowakei
1968 Ein globales Wendejahr
Der tschechische Frühling
Die Reformen
Meine Ferienpläne für den Sommer
Die Drohung
21. August 1968
ohne Nachricht
Ungeplante Rückreise über Wien
Danach
Der August in Prag ist einer der schönsten Monate, um dort die Ferien zu verbringen
Prag im AugustEinleitung: Das Jahr 1968
Das Jahr 1968, ein Wendejahr, liegt nun 50 Jahre zurück und die jüngsten Zeitgenossen dieser Ereignisse sind schon, wie ich, um die 70 Jahre. Es wird also Zeit.
Wie man sehen, lesen und hören kann, ist 1968 ein Jahr, das immer noch Folgen zeitigt und Kontroversen auslöst.
Ein halbes Jahrhundert nach dem Einmarsch der Sowjetarmee und ihrer Zwangs-verbündeten ist es weit mehr, als eines der Gedenkjahre, die sich in jedem Jahrzehnt wiederholen.
Der 21. August 1968 steht für eine ungezügelte Großmacht- und Gewaltpolitik.
Man kann die Ereignisse aber auch als Abschnitt auf dem Weg der Erosion von Macht sehen. Ein Schritt weiter auf dem Weg bis zum Zerfall der Sowjetunion von 1991.
Die Perspektive auf die damaligen Ereignisse bleibt jedoch unvollständig, wenn man sie nur lokal betrachtet. 1968 steht für eine Epoche des Umbruchs - europaweit.
Beschäftigt man sich heute mit dem Einmarsch in Prag, so kann das nur mit einem Appell zur europäischen Einheit und Vertiefung der Union beantwortet werden. Selbst die größeren Länder in Europa sind auf sich allein gestellt, zu schwach, um mehr als nur eine Nebenrolle auf der Weltbühne zu spielen.
Der Text basiert auf meinen Erlebnissen am 21. August in Prag. Das Erleben von damals kann nicht ohne Rekurs auf diedamaligen politischen und ökonomischen Verhältnisse gesehen werden.
Den Gezeitenwechsel der Geschichte in einer Stadt, einem Kontinent und der Welt ruft uns Bert Brecht im Lied von der Moldau für immer ins Gedächtnis.
Das Lied von der Moldau (1944)
„Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.
Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne
Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.
Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne
Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.
Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.“
Bertold Brecht
Ferien in Prag
Wir waren mit einer Familie, den Hlavas aus Prag, befreundet. Öfter kamen sie nach Lauingen an der Donau, meine Heimatstadt. Grund war der Besuch bei ihrer Tante Mizi. Besuche bei Verwandten erleichterten es, eine Erlaubnis für Westreisen bei den tschechischen Behörden zu erlangen. Bei uns waren sie auch zu Gast und wir besuchten sie ab und an in Prag. Der Sohn der Familie und ich schlossen Freundschaft. Er war etwas älter als ich und stand vor dem Examen an der Universität.
Das Schuljahr war abgeschlossen, die Ferien lagen vor mir und unsere Freunde hatten mich in den Augustferien nach Prag eingeladen.
Eine Reise, ohne elterliche Begleitung nach Prag, galt mit 19 Jahren schon als etwas Besonderes. Allein hinter den „Eisernen Vorhang“.
Dass meine Ferien in Prag eine unvermutete Wendung nehmen sollten, ahnten wir alle nicht.
Ermahnungen und Verhaltensregeln wurden mir noch am Bahnhof in München zuteil. Eingeschärft wurde mir, sowohl beim Zoll als auch bei der Grenzkontrolle besonders vorsichtig zu sein, da ich ja einige Geschenke für meine Gastfamilie im Koffer hatte. Auch wurde mir davon abgeraten, Tageszeitungen und Zeitschriften als Reiselektüre mitzuführen. Ein gutes Buch wäre hierzu wohl zweckmäßiger, am besten von einem unverfänglichen, klassischen Autor. Ausgestattet mit Gepäck, Lektüre, Getränken, Verpflegung und meiner Kamera trat ich meine Fahrt vom Hauptbahnhof in München an.
Mein Passbild von 1968
Wann wird man Zeitzeuge?
Dass meine Ferienreise zu einem Zeitpunkt stattfand, an dem sich die politische Lage in Europa erneut zuspitzte und ich Zeuge der Invasion der Tschechoslowakei wurde, konnte niemand ahnen.
Der Übergang zum Zeitzeugen hängt vom Alter ab: In jüngeren Jahren zählt man zu den Protagonisten, den Beobachtern oder den Betroffenen. Wird man älter, liegt die Bezeichnung „Zeitzeuge“ nahe.
Gegenwärtig liegen die Trennlinien der Generationen zwischen den Digital Natives (16 – 31 Jahre), Digital Immigrants (32 – 56 Jahre), Silver Surfern (ab 57 Jahren) und Angehörigen des Tal der Ahnungslosen. Letzteres beschreibt umgangssprachlich Bewohner von Regionen der DDR, die keine Westsender empfangen konnten und damit von Informationen außerhalb der DDR-Medien ausgeschlossen waren. Vergleichsweise entspricht dies den heutigen Medienabstinenzlern (heute auch: “The Valley of the Clueless are hopelessly bewildered people“).
Ich bin Angehöriger einer Generation, in deren Jugend der technischer Standard und die Highlights der Kommunikationsmedien aus Lochkarten, Bandlaufwerken und stationären Rechnern der Marken IBM, UNIVAC, Bull und Honeywell-Bull bestanden. Die Kommunikation lief über das Wahlscheibentelefon und in Unternehmen mit dem Lochstreifenfernschreiber. Diese Dynamik des Wandels jagt mir im Rückblick einen leichten Schauer über den Rücken.
Steigt man in der Alterspyramide weiter auf, werden Ereignisse der Vergangenheit oft präsenter als die der Gegenwart und man wird zum Zeitzeugen. Liegt das Vorkommnis weit genug zurück und sind im öffentlichen Bewusstsein nur noch bruchstückhafte Erinnerungen präsent, so wird es ein Thema für Historiker und Publizisten, deren Profession es ist, geschichtliche Ereignisse wissenschaftlich aufzuarbeiten.
Ein Nebenprodukt dieser Aufarbeitung sind Jahrestage, Gedenktage und Gedenkreden sowie Sondermarken der Post und Publikationen, um erneut das öffentliche Bewusstsein aufzufrischen.
Als Zeitzeuge zu berichten, umschließt sowohl das eigene Erleben als Augenzeuge, als auch die Bewertung der Vorfälle.
Berichte bleiben ohne Einordnung des Geschehens im weiteren Verlauf der Zeitgeschichte unvollständig. Dem Zeitzeugen stellt sich die Aufgabe, eigene Beobachtungen mit Erfahrungen in Bezug auf aktuelle Erkenntnisse zu reflektieren.
Als Zeitzeuge bleibt es nicht aus, sich mit der eigenen Vergangenheit zu konfrontieren.
Jahrestage lassen dem historischen Vorgang als Memorabilien wieder Aufmerksamkeit zukommen. Das Gedächtnis und aufgefrischte Erinnerungen, mitunter an schmerzliche Zeiten, sind unverzichtbarer Bestandteil einer Erinnerungskultur. Sie dienen nicht nur dem Verfügbarmachen der Vergangenheit, weit wichtiger ist ihre Rolle als Anstoß zur Reflektion der Gegenwart.
2018 - Ein Jahr der Gedenktage
2018 Europäisches Kulturerbjahr mit Projekten in Tschechienund Deutschland
2018 ist aufgrund vieler politischer und historischer Ereignisse ein Modelljubiläumsjahr. Prag spielt dabei eine besondere Rolle. Dort hat Europas Geschichte mehrfach Einschnitte und Wendungen erfahren, nicht selten zum Schlechteren.
Die Geschichte Mitteleuropas erfordert den Vergleich der Jahrestage Prags mit denen, die in Deutschland begangen werden. Hier sieht man, wie eng deutsche und tschechische Geschichte miteinander verknüpft sind.
Prag ist ein zentraler Angelpunkt Mitteleuropas. Es war einst die Residenzstadt des Kaisers Karl IV. (1316–1378), welcher 1348 die erste Universität im Reich gründete, die heutige Universitas Carolina.
Einige Daten:
Im Jahr 2018 liegt der Dreißigjährige nun bereits 350 Jahre zurück. Der Fenstersturz in Prag 1618 löste diesen Krieg aus. Der Westfälische Frieden, abgeschlossen im Jahr 1648 in Münster und Osnabrück, beendete das Gemetzel. Diese dreißig Jahre des Krieges sind eine Urkatastrophe Mitteleuropas.
Die Revolution von 1848 fand auch in Prag ihren Widerhall. Deren Bürger gingen für Demokratie und Mitbestimmungsrechte auf die Straße. Wie in Deutschland und Österreich auch, wurde ihr Protest gewaltsam beendet.
