Ein Haus in Italien - Lisa St Aubin de Terán - E-Book

Ein Haus in Italien E-Book

Lisa St Aubin de Terán

0,0
9,99 €

Beschreibung

In Umbrien entdeckt die Autorin das Haus ihrer Träume: einen halbzerfallenen Palazzo am Rand eines kleinen Dorfes. Das Haus ist hohl und löchrig, es fehlen Fußböden und Türen, Abflußrohre und Wasser. Dennoch stürzt sich Lisa unbeirrt mitsamt ihrer britisch-schrulligen Familie, sechs Klavieren und zwanzig Katzen hinein in das Projekt Italien. Die Dorfbewohner wundern sich, die Handwerker sind nicht immer wohlgesonnen, Banken endlos bürokratisch, Träume in jeder Hinsicht extravagant. Der schottische Maler-Ehemann stolziert in Highland-Montur über das Anwesen, um den Fortgang der Bauarbeiten zu inspizieren, während die hübsche Tochter Iseult sämtlichen Jungen im Dorf den Kopf verdreht …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 330

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



In Umbrien entdeckt die Autorin das Haus ihrer Träume: einen halbzerfallenen Palazzo am Rand eines kleinen Dorfes. Das Haus ist hohl und löchrig, es fehlen Fußböden und Türen, Abflußrohre und Wasser. Dennoch stürzt sich Lisa unbeirrt mitsamt ihrer britisch-schrulligen Familie, sechs Klavieren und zwanzig Katzen hinein in das Projekt Italien.

 Die Dorfbewohner wundern sich, die Handwerker sind nicht immer wohlgesonnen, Banken endlos bürokratisch, Träume in jeder Hinsicht extravagant. Der schottische Maler-Ehemann stolziert in Highland-Montur über das Anwesen, um den Fortgang der Bauarbeiten zu inspizieren, während die hübsche Tochter Iseult sämtlichen Jungen im Dorf den Kopf verdreht …

»Lisa St Aubin de Terán hat einen höchst unterhaltsamen Italien-Roman geschrieben. Wer schon länger Aussteiger-Phantasien hegt, könnte nach der Lektüre dieses Buches schwach werden.« Brigitte

LISA ST AUBIN DE TERÁN

Ein Haus in Italien

Roman

Titel der Originalausgabe: A Valley in Italy – Confessions of a House Addict

Copyright © Lisa St Aubin de Terán, 1994

Umschlagfotos: Giuseppe Ceschi/Getty Images, shutterstock.com

eBook Insel Verlag Berlin 2012

© Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 1995

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des

öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung

durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form

(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren)

ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert

oder unter Verwendung elektronischer Systeme

verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlaggestaltung: bürosüd, München

1. Kapitel

Jahre bevor ich mich hier in Umbrien niederließ, hatte dieses Wort in mir die Vorstellung einer fremdartigen, wilden, von Gegensätzen bestimmten Gegend heraufbeschworen. Obwohl ich das italienische Festland oft von Norden nach Süden und von Osten nach Westen bereist und dabei alle Arterien passiert hatte, die das Eisenbahnnetz mir vorschrieb, war ich nie bis zur Lunge vorgedrungen: den wilden Wäldern Umbriens. Ich hatte gehört, in Umbrien gäbe es Bären und Wölfe und Verstecke im Wald, wo Entführungsopfer von ihren sardischen Kidnappern gefangen gehalten würden. Es war angeblich eine arme, unfruchtbare Gegend und das Leben hart für die contadini. Sie schindeten sich für ihre Feudalherren, und die waren sämtlich Söhne von Kardinälen und Päpsten.

Meine Familie und ich suchten in Italien ein Haus. Wir hielten bereits seit drei Jahren nach einer passend baufälligen Villa Ausschau. Angesichts einer so schwierigen Aufgabe hatten wir keine Zeit für Sightseeing, und so blieb der ehemalige Kirchenstaat unbekanntes Terrain am Rande unserer halbherzigen Suche. Halbherzig deswegen, weil wir selten ein Haus, eine Villa, einen Turm oder einen Bauernhof besichtigten. Unsere Anstrengungen konzentrierten sich im wesentlichen auf Bars, wo wir herumsaßen und diskutierten, wonach wir suchten. Jeden Winter kehrte dieses Traumhaus mit uns in das schlechtbeheizte gemietete Heim zurück, in dem wir gerade wohnten, und half, die spärlichen Flammen des Feuers zu entfachen, um das wir kauerten.

Ich besaß eine Vorstellung von meinem Traumhaus, die ich seit meinen Schultagen wie ein Gepäckstück mit mir herumgetragen hatte. Sie war in Venezuela und auf dem Rückweg in der Karibik gewesen. Sie war mit mir nach Nordamerika und Kanada, im Süden bis nach Patagonien gereist. Ich trug sie in Europa von einer Grenze zur anderen. Ich wollte ein so riesiges Haus, daß ich von einem leeren Raum in den nächsten gehen konnte, ohne jemanden zu stören. Der Plan des Hauses war unbeständig wie die meisten jungen Lieben, Aussehen und Grundriß veränderten sich ständig. Die einzigen Konstanten meines Phantasiebildes bildeten eine säulenbestandene Loggia, ein steinerner Rundbogen, eine Terrakotta-Balustrade und eine Reihe Wache stehender Zypressen.

Ein weiteres Detail dieser wunderschönen Villa war, daß sie ungefähr zu meinem Bankkonto passen und daher für weniger zu haben sein müßte als eine schlichte Vierzimmerwohnung auf dem Land. Dafür unterhielt ich ein Sparschwein, das ich unablässig plünderte und wieder auffüllte. Aber die Jahre der Jagd nach dem grandiosen palazzo griffen schließlich meine Ersparnisse dermaßen an, daß dessen Baufälligkeit proportional zu den schwindenden Finanzen zunehmen mußte. Keine der Villen oder großen und kleinen Häuser, die eifrige Makler präsentierten, kamen auch nur entfernt in Betracht, es sei denn, wir hätten uns dem populären italienischen Zeitvertreib des Banküberfalls angeschlossen.

Einer der großen blauen Koffer, die mit mir von einer Station zur nächsten meinem Familienzirkus nachreisten und dabei Dellen und Aufkleber sammelten, war ausschließlich unbeantworteten Briefen und Papieren der unterschiedlichsten Art vorbehalten. Dazu gehörte eine Mappe mit Prospekten von Immobilien, die in Umbrien zum Verkauf standen. Keines der angebotenen Häuser schien je so passend (oder billig), daß wir es uns angesehen hätten, aber ich behielt die Angebote dennoch mit allem anderen Kram, den ich aufbewahrte und zum Ersatz für die Vertrautheit eines Zuhauses mitschleppte. Die interessanteste dieser Immobilien war ein Schloß aus dem zwölften Jahrhundert, in dem ein Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gelebt hatte. Mit der Zeit besaß ich ein Dossier über dieses Schloß. Ich hatte alles außer einem Foto. Drei Jahre vergingen, und es gab immer noch kein besseres Bild als eine verschwommene Fotokopie von etwas, das wie eine lange Reihe gemauerter Schweineställe mit einem Bogen in der Mitte aussah. Dies, erfuhr ich, sei die Rückseite; die Vorderseite sei viele Stockwerke hoch und biete einen atemberaubenden Anblick. Es gab (angeblich) ein römisches Amphitheater, eine großartige Eingangshalle, einen Innenhof, Stallungen mit Kreuzgewölbe und einen unterirdischen Tunnel – dies und einiges mehr praktisch umsonst. Eigentlich hatte das Schloß alles, um unsere Phantasie zu entzünden, außer einem Foto; aber irgendwie kamen wir nie dazu, hinzufahren, um es uns anzusehen.

Da wir kein Haus fanden, zogen mein Mann, Robbie Duff-Scott, und ich mit meiner halbwüchsigen Tochter, Kind Iseult genannt, und meinem kleinen Sohn Allie nach Venedig. Eine geräumige Villa war nicht mehr so dringend, daher wurde die Suche zeitweilig ausgesetzt. Meinen Traum von einem italienischen Garten lebte ich auf den acht Fenstersimsen unserer Wohnung aus, um die ich mich mit einigen kränklichen und inkontinenten Tauben stritt. Zum ersten Mal seit vier Jahren hatten wir ein eigenes Heim. Wir lebten beengt, aber glücklich. Robbie ist Maler großformatiger Gemälde und braucht viel Atelierraum. Und ich habe das Zeug zu einer Obdachlosen mit zahllosen Plastiktüten, denn ich neige zum Horten. Die Kinder nahmen, wie gute Venezianer, für ihre Bedürfnisse die übrige Stadt in Besitz, aber unsere Wohnung war mit Möbeln und Krimskrams so vollgestellt, daß wir uns kaum bewegen konnten. Dinge, die ein dutzendmal verpackt und transportiert worden waren, wurden schließlich ausgepackt und gesichtet, und so tauchte auch das Heilige Römische Bauwerk in Umbrien wieder auf.

Venedig erwies sich als idealer Ort, um unser schwindendes Familienvermögen durchzubringen. Wir requirierten einen Ecktisch im caffè Florian, wo wir dann ganze Nachmittage mit Blick über den Markusplatz saßen und beobachteten, wie Treibgut und haute couture Europas vorbeiflanierten. Als ich so viele unterschiedliche Gruppen bemüht sah, ihr Reisepensum zu absolvieren, mußte ich an mein Hab und Gut denken, das wie die Samen einer Pusteblume über Großbritannien und Italien verstreut war. Das Schlößchen in England aus meiner vorigen Ehe war verkauft, mein Teil der Inneneinrichtung verschwand in einem Schuppen in Norfolk langsam unter Vogelkot. Durch die gesprungenen und unbenutzten Kamine der Jagdhütte im äußersten Norden Schottlands (gekauft für einen Spottpreis und dann aufgegeben) ächzten noch immer Klagelieder. Ich liebte diese schottische Narretei, aber meine Familie mochte die Abgeschiedenheit nicht; und so lagerten wir angeknackste Eßservices, Manuskripte und Bücherkisten in den einsamen Zimmern und unter den Betten und in den Besenschränken von Freunden und Verwandten.

Meine Leidenschaft für das Sammeln von Nippes hatte bei den Aylsham-Sales ihre Erfüllung gefunden, einer Auktion in East Anglia mit reicher Beutemöglichkeit für Hortende. Jeden Montag stand ein solches Überangebot an Gegenständen so wenigen Bietenden gegenüber, daß ich Möbel und Kerschel für zahllose Zimmer erwarb. Bis ich ein palastartiges Haus haben würde, um alles unterzubringen, fühlte ich mich durch die Einrichtung dafür getröstet. Einer meiner engsten Freunde war ein ortsansässiger Spediteur, der die Lastwagenladungen mit dem Zeug nicht nur transportierte, sondern auch lagerte. Ein weiterer regelmäßiger Besucher dieser Auktionen war der Tenpenny Man, der jedes unverkaufte Stück für 10 Pence kaufte. Im Vergleich dazu bewegte ich mich in finanziellen Stratosphären, denn ich bot zwei Pfund für jedes Möbelstück, fünfzig Pence für alles andere.

Jedesmal wenn ich von England nach Italien fuhr, nahm ich in meinen Koffern einiges davon mit. Über die Jahre schaffte ich es, einige hundert Dinge unterschiedlichster Größe zu transportieren, wobei sich allerdings an Möbeln nur Stühle und Klapptische in Schrankkoffer quetschen ließen. So kam es, daß ich in Italien in der Provinz Genua, nur fünfzig Bus-Minuten von der Küste entfernt, ein Haus voll mit Gegenständen, Papieren und Strandutensilien hatte. Der Vermieter hatte das alles weggesperrt und requiriert und drohte, mich vor Gericht zu bringen. Für ihn war Streit das reine Lebenselixier, und wie eine Figur in Bleak House nahm er die Aufregung des Gerichtssaals als Medizin gegen das Leben. Vier Jahre später wartete ich immer noch darauf, daß er Vernunft annehmen und mir meine Sachen zurückgeben würde.

Weiter südlich, Richtung Toskana und näher an der Küste, lag »Raguggia« – eine schöne Ruine landeinwärts ohne nennenswerte sanitäre Anlagen und ohne jeden modernen Schnickschnack, aber mit einer wunderbaren Aussicht. Auch »Raguggia« war voller Bücher, Papiere, Leinzeug, Teppiche und viel gekonnt geklebtem Porzellan. Zu einer Zeit, als Robbie und ich keine andere Wohnung hatten, war es unser erstes italienisches Liebesnest gewesen, und wir hatten die schweren Kastanienholzmöbel des Vermieters, unsere eigenen Koffer und das Spielzeug der Kinder über einen steilen Ziegenpfad getragen, den einzigen Zugang.

Aufgrund verschiedener Umstände und sehr viel Trägheit schafften wir es nie, das Haus wieder leerzuräumen. Wir zogen nach Siena, und zwar vor allem, weil Allie und Iseult auf ihrem täglichen Schulweg den Schnee auf dem Ziegenpfad nicht bewältigen konnten. Wir wollten allerdings zum Sommer zurück sein. Aber Venedig kam dazwischen; und dann, ohne jede Vorwarnung, fanden wir San Orsola.

Unser erster Besuch in Umbrien war eine weitere Runde der Villenjagd. Er sollte nur bestätigen, daß die Heilige Römische Schloßruine als Sommerhaus für uns gänzlich ungeeignet war. Manchmal wachte ich mitten in der Nacht auf und wünschte mir, daß die langen Schweineställe einfach nur Schweineställe wären, mit einem hinreißenden, unsichtbaren Schloß dahinter. Es gab Zeiten, da fand ich ein Haus mit Dach unromantisch und meiner Beachtung nicht wert. Ich hatte gelesen, die Marchesa Casati habe in Venedig einen riesigen dachlosen Palast bewohnt, und jahrelang wollte ich nichts lieber, als es ihr gleichtun. Seither hatte ich in großen Häusern gelebt, in denen ich unter großen Schirmen Zuflucht suchen mußte, und der Reiz des offenen Himmels hatte nachgelassen. Nun ging ich langsam, aber nicht widerstrebend auf die mittleren Jahre zu und hatte gelernt, die Bequemlichkeit im Auge zu behalten, und eine ungedeckte Ruine lag ohne Zweifel auf der anderen Seite jenes Lattenzaunes, den ich um meinen Traum gezogen hatte.

Als Handwerker in unsere venezianische Wohnung einrückten, zogen wir vorübergehend wieder nach Siena, wo wir noch einen Mietvertrag für ein dunkles Haus hatten. Dieses Haus hatte selbstredend im Hochsommer traumhaft ausgesehen, voller Blumen, durch offene Fenster und Türen kamen Bienen, Schmetterlinge und zarte Streifen Sonnenlicht. Von September bis Juni sickerte bei Tag eine lähmende Düsternis durch die winzigen vergitterten Fenster, und bei Nacht legte sich auf alles eine grüne Moderschicht. Wegen der deprimierenden Atmosphäre, der Totenwachen-Beleuchtung und eines ständigen Defekts im Stromnetz (wodurch nicht nur alle Geräte, sondern auch die meisten Wände Stromschläge verteilten) nannten wir das Haus den Elektrischen Stuhl. Es geht die Sage, die Römer hätten ihre Gefangenen von einem Felsvorsprung am Rande des Dörfchens in der Nähe unseres Hauses gestoßen, aber nachdem ich versucht habe, in dessen arktischem Mikroklima und unheilvoller Atmosphäre einen Winter zu verbringen, bin ich überzeugt, daß diese antiken Todesfälle Selbstmorde waren.

Vom Elektrischen Stuhl aus nach Umbrien aufzubrechen, schien ein gutes Omen für unser Unterfangen. Wir würden mit allem zufrieden sein, was besser war als das, wo wir jetzt waren, und schwerlich konnte man sich viele Häuser vorstellen, die gräßlicher gewesen wären. Die Fahrt nach Umbrien nahm Züge einer Flucht an. Ich traf erhebliche Vorbereitungen, mehr als für eine Ozeanüberquerung. Die Straßenkarte zeigte sehr deutlich Siena und Perugia (und wie nah sie beieinander liegen), doch mir schien es von größter Wichtigkeit, zu einem Elf-Uhr-Termin mit dem Heilig Römischen Verkäufer vor Tagesanbruch loszufahren.

In Venedig hatte man auf die Neuigkeit, daß wir nach Umbrien führen, um Immobilien anzusehen, verächtlich reagiert, das aber war nur die übliche Verachtung für alles, was nicht zur Lagunenstadt gehörte. Der Sieneser Kellner, der uns am Vorabend unseres Abenteuers das Essen servierte, wurde viel präziser: Die Umbrier seien ein unzivilisierter Haufen Banditen und Bauern, die ihr Essen nie salzten, nicht kochen könnten und unter unansehnlichen Kröpfen litten. Sie beherrschten, wie er uns versicherte, nicht einmal die Grundregeln der Architektur und lebten in Hütten, der Armut, Bären und Wölfen zur Beute. Diese Beschreibung erinnerte an das, was wir über die Toskaner gehört hatten, als wir von der milden ligurischen Küste nach Siena gezogen waren. Bären und Wölfe allerdings waren neu, und ich begann, von einem Bärenhaus zu träumen – einem gotischen Raum mit Steinboden, in dem ein Bär die kurzen Winter verschlafen könnte.

Wir waren fast da, bevor wir losgefahren waren. Bereits um acht Uhr saßen wir in Perugia im Hotel Brufani und stocherten in den Resten eines üppigen englischen Frühstücks. Dieses Etablissement war im vergangenen Jahrhundert speziell nach den Wünschen englischer Touristen gebaut worden. Ich bin mit Byron, Keats und Shelley aufgewachsen: Ich habe Italien vergöttert, wie ein Pilger aus der Ferne Mekka vergöttern mag, fest entschlossen, eines Tages hinzufahren. Als junges Mädchen hatte ich wegen der Aussicht geheiratet, in Italien zu leben. Ich kann mich kaum an Zeiten erinnern, zu denen ich nicht in diese Vorstellung verliebt war. Ich saß auf dem Corso Vanucci im Freien, wo sich der pastellrosa- und elfenbeinfarbene umbrische Marmor in der Morgensonne erwärmte, von palastartigen Banken und Büros umgeben, die grau-grünen Berge auf der einen, die große Fontana Maggiore aus der Renaissance auf der anderen Seite, und ich verliebte mich in Umbrien. Allerdings verliebe ich mich ständig in Orte. Ich war schon in so viele Orte verliebt, daß ich mich, wie bei alten Liebhabern, nicht mehr an alle Namen erinnern kann.

Der Ausflug zum Schloß war von dem Moment an zum Scheitern verurteilt, als der Verkäufer nach zwanzig Minuten Geholpere über einen steinigen Weg sein Auto anhielt, es parkte und uns in einen Wagen mit Allradantrieb bugsierte, der dem örtlichen Landvermesser gehörte. Ein Pfad führte uns durch Wälder und Felder, bis wir, fünfzehn mühevolle Minuten später, an einem der wenigen unattraktiven Aussichtspunkte dieses Morgens anhielten.

»Und das«, sagte der Verkäufer und wedelte beide Arme in Richtung einer kaum wahrnehmbaren Delle in den Brennesseln rundum, »dürfte das Amphitheater sein!« Bei näherem Nachfragen erwies sich diese Idee als Produkt seiner persönlichen Phantasie.

Von außen war sofort klar, daß die fotokopierte Fotografie dem Gebäude, wenn überhaupt, noch geschmeichelt hatte. Drinnen gab es eine hochmoderne Kochnische mit eingebauter Dusche, eine kleine Eingangshalle mit Zementboden sowie einem riesigen Kamin aus dem vierzehnten Jahrhundert, den man aus der Außenwand unmittelbar dahinter gerissen hatte, wo nun ein Loch von etwa vier auf vier Metern klaffte. Es gab nicht nur keine Dächer, es gab auch weder Fußböden noch Decken, von der winzigen Wohnung abgesehen. Wo der »drei Meter breite Renaissance-Treppenaufgang mit Impruneta-Kacheln« angekündigt war, befand sich ein weiteres Loch mit schwachen rötlichen Spuren an der Wand, die, wie forensische Untersuchungen ergaben, Terrakotta hätten gewesen sein können.

Etwa hundert Meter weiter, durch einige Jahrhunderte Geröll, das inzwischen fast wieder zu landwirtschaftlicher Nutzfläche geworden war, lag der sagenumwobene Stall mit Kreuzgewölbe. Darüber thronte ein nagelneuer Bungalow. Mit etwas weniger Gestrüpp dazwischen wäre ein nachbarliches Händeschütteln möglich gewesen, ohne daß eine der beiden Parteien das eigene Haus hätte verlassen müssen.

An der »Schloß«wand oder dem, was davon übrig war, blieb gerade genug Platz, um statt eines Gartens ein Spalier schmaler Bäume unterzubringen. Wo mehr als fünfzig Steine an einem Fleck zusammengeblieben waren, verkündeten breite Mauerrisse quer über die ehemals Heilig Römische Fassade »Epizentrum«.

Unterdessen spulte der Verkäufer unbeirrt sein Programm herunter, er pries die zahlreichen Möglichkeiten des Anwesens und bediente sich dabei jener speziellen Makler-Alchimie, die Katastrophen zu ausgesprochenen Glücksfällen werden läßt. Auf diese Weise verwandelte sich das Gebäude im Handumdrehen zu einem Projekt für viele High Tech-Kochnischen mit angebauten Minnesängergalerien sowie mehreren ineinandergehenden Innenhöfen. Die Innenhöfe führten zu jenen Teilen des Bauwerks, die bereits abgerissen worden waren.

Ich habe schon Ruinen gesehen, für die ich fast meine Seele verkauft hätte, aber diese gehörte nicht dazu. Angeblich brachte die römische Armee die Brennessel nach Großbritannien, um der Kälte Herr zu werden. Die römischen Soldaten peitschten ihre nackten Körper damit und vergaßen vor Schmerzen das Frieren. Diese Erinnerung an das alte Rom, die gewöhnliche Brennessel, wuchs überall, drinnen und draußen. Auf dem Weg zu unserem Auto und dessen soeben ruinierter Federung rieb ich meine angeschwollenen Hände, als der winzige örtliche Landvermesser fragte:

»Möchten Sie woanders etwas besichtigen? Es ist nicht weit, und es ist etwas völlig anderes.«

Der Verkäufer, der sich als Allround-Talent mit Gespür für Menschen und Geschäft erwies, fuhr dann mit uns etwa dreißig Kilometer weiter, um uns eine fünfstöckige Villa zu zeigen.

Beim Anblick eines schönen Hauses oder Gartens setzt mein Herz einen Schlag aus. Als Kind ging ich sonntags in den Londoner Botanischen Garten in Kew. Die Ferien verbrachten wir mit der Besichtigung vornehmer englischer Landhäuser (gegen eine geringe Gebühr und jeweils für mehrere Stunden). Sonntagabends in Clapham durchkämmte ich mit meiner Mutter und unser beider Größenwahn die Immobilienanzeigen der Sunday Times. Wir phantasierten ständig, mal dieses, mal jenes Schloß zu kaufen und zu beziehen. Über diese Kindheitserinnerungen hatte sich das Bild meines eigenen Traumhauses geschoben; als unsere Wagenkolonne an einer Dreierreihe ehrwürdiger Zypressen vorbei in eine Auffahrt einbog, sah ich das Haus, das ich mein Leben lang gesucht hatte. Es stand da wie eine verschmähte Schönheit, noch immer in ihren alten Sonntagsstaat gekleidet. Die aufgegebene Fassade ächzte unter einer Tonnenlast modellierter Terrakotta. Es hatte reihenweise hohe, elegante Fenster mit weißen Marmorsimsen, es hatte Dutzende von Bögen, eine Loggia, ein Dach, einen Balkon und eine Glyzinienkaskade.

Das erfaßte ich mit den ersten Blicken. Danach war ich, obwohl ich durch eins der fehlenden Fenster stieg und fast eine Stunde lang umherstöberte, so verzückt, daß ich wenig sah, woran ich mich deutlich erinnern könnte. Das Haus hatte eine freitragende weiße Marmortreppe, die schwindelerregend ohne Balustrade oder Geländer gegen Stürze über vier Stockwerke reichte. Es hatte einen verzierten weißen Marmorkamin, etwa drei Meter hoch, in einer geschwärzten Küche. Es hatte zwei Traktoren, einen Mähdrescher und einen Lastwagen, die alle in der Eingangshalle rosteten. Es hatte verrottende Schweinefüße, die irgendwo im dritten Stock von einer Drahtwäscheleine hingen. Es hatte mehrere verschlossene Türen; ich würde sagen, etwa die Hälfte des Hauses war verschlossen oder so verbarrikadiert, daß der Blick versperrt war. Erst viel später, ein Jahr später, bemerkte ich, daß diese verschlossenen Türen die einzigen Türen waren, die es in der ganzen Villa, drinnen wie draußen, noch gab. Damals war ich zu sehr in Bewunderung versunken, um Einzelheiten an dem Haus wahrzunehmen, das, wie ich wußte, unser Haus war.

In der Sekunde, als wir in die staubige Auffahrt einbogen, waren Robbie und ich uns einig, dieses Haus zu kaufen, und zwar egal wie. Wir stellten Listen von Freunden und Angehörigen zusammen, die sich möglicherweise an einem solchen Projekt beteiligen und unser eigenes pygmäenkleines Kapital bis zu dem für eine solche Schönheit geforderten Preis aufstocken würden. Eine Stunde später fand ich mich in einer nahen Stadt in einem kleinen Büro dabei wieder, wie ich einen Scheck über zwanzig Prozent der Kaufsumme überreichte. Im Austausch erhielt ich ein Stück liniertes Papier mit sehr vielen Namen und Geburtsdaten sowie einer beiläufigen Erwähnung des Erwerbs der Villa Orsola. Es folgte eine lange Verhandlung über die Zahlungsbedingungen für die restliche Kaufsumme. An dieser Stelle ließ meine Konzentration stark nach, denn ich kam vor Hunger fast um und war außerstande, mich für die Einzelheiten von Geldern zu interessieren, die ich nicht besaß und von denen ich auch nicht recht wußte, wie ich sie auftreiben sollte. Wir erhielten ein halbes Jahr Frist, um den Rest zu bezahlen, und ich vertraute darauf, daß in den Monaten bis dahin etwas auftauchen würde, um die Schuld zu begleichen.

Ted Hughes, Hofdichter der englischen Krone, hatte mich in die Kunst des Hauskaufs eingewiesen und mir erklärt, ich müsse erst das Haus finden, das ich haben wolle, dann müsse ich es kaufen, und erst später dürfe ich mir Gedanken über die Bezahlung machen. Nach einer Reihe von Probeläufen, die mich zwar nicht in den Bankrott, aber an dessen Rand getrieben hatten, erschien mir diese Strategie für ihren Bereich fast so vernünftig wie das legendäre Parkinsonsche Gesetz. Die Villa Orsola war größer als alles, woran ich mich je getraut hatte, aber schließlich handelte es sich um mein Traumhaus. Der compromesso wurde unterschrieben, die Anzahlung von zwanzig Prozent in Form eines Euroschecks (mit der üblichen theoretischen Beschränkung auf 300 Pfund) überreicht, und wir waren die neuen Besitzer eines unfertigen palazzo.

Das Haus war hohl; es fehlten die einfachsten Dinge wie Fußböden und Türen, Abflußrohre und Wasser. Die Innenausstattung bestand nur aus Worten: den zahlreichen Versionen seiner Geschichte und den Anekdoten rund um seine Vergangenheit. Am ersten Tag hörten wir, die Villa Orsola stamme aus dem siebzehnten Jahrhundert, aus dem achtzehnten Jahrhundert, aus dem neunzehnten Jahrhundert, sie sei für einen berühmten Architekten, einen Spieler, einen Adligen, einen General, einen Franzosen, einen Griechen, einen Deutschen erbaut worden – und so weiter durch alle Berufe und Nationalitäten. Nicht zwei Geschichten stimmten überein, und jeder schien etwas über il palazzo zu wissen. Deutlich wurde allerdings, daß das scheinbar verlassene Gemäuer am Rande dem Zentrum des Dorfs irgendwie sehr nah war und daß es viele Generationen mit einer Intensität in seine kahlen Räume gezogen hatte, die sich zwischen Magnetismus und Magie bewegte.

Hinter Scheinwänden, die im palazzo eingezogen worden waren, wurde während des letzten Krieges das Getreide des Dorfes vor den Deutschen versteckt. Auf dem groben Schotter davor hatten die alten Männer als Buben Fußball gespielt, bevor man den neuen Fußballplatz baute. Seine baufälligen Bögen waren das Ziel von Schulausflügen; in seinen Hallen fanden Dorffeste statt; es gab Tanzveranstaltungen, Bälle und Rendezvous. Die Villa Orsola war nie bewohnt, aber auf ihren vielen hundert Quadratmetern waren, von jungfräulichem Stuck umgeben, zahllose Kinder gezeugt worden.

Später am gleichen Abend fuhren wir, von Glück benebelt, nach Siena zurück. Wir würden einen Film entwickeln lassen, aber bis dies geschehen war, mußten wir uns mit unseren Erinnerungen an die Villa begnügen. Ich hatte aufgrund der Aufregung und der Anstrengung, die es bedeutete, durch den compromesso-Vorvertrag mit seinen vielen Klauseln und Unterabschnitten gehetzt zu werden, eine neue persönliche Bestleistung in Schläfrigkeit erreicht. Der geforderte Preis war so niedrig, daß es unhöflich gewesen wäre, wegen Kleinigkeiten pingelig zu werden, also hatte ich sie an mir vorüberziehen lassen und Tagträumen nachgehangen. Als wir über die Autobahn rollten, bat ich Robbie, mir nochmals den Namen des Weilers zu nennen, in den wir uns gerade einge

2. Kapitel

Krankheit und Unfall suchten die Familie heim und schluckten den größten Teil des Jahres. So wurde es Frühjahr 1989, bis ich von Venedig nach Umbrien reiste, um meinen beiden Kindern den Ort zu zeigen, an dem sie leben würden. Das älteste, als das Kind Iseult bekannt, wurde für diese Bezeichnung augenfällig zu groß. Mit fünfzehn hatte sie, wenn auch nur kurz, in London und Paris als Model gearbeitet. Ihr Leben war erfüllt von wunderbaren Angeboten, und obwohl aus keinem etwas wurde, verliehen sie ihr so etwas wie Glamour unter den Gleichaltrigen, die Iseults möglichen Ruhm mit größter Hingabe diskutierten und dabei mit den Namen der Reichen und Berühmten um sich warfen, als seien sie alte und liebe Freunde. Das gesellschaftliche Leben des Kindes war derart hektisch, daß meines nach den zittrigen Ausflügen einer Greisin aussah. Sie war nach Ferngesprächen süchtig, so daß ich etwas nervös war, als ich sie in eine Villa brachte, die nicht nur kein Telefon hatte, sondern auch kein Licht, kein Wasser, weder Fenster noch Türen, dafür aber ein beträchtliches Loch im Dach.

Noch besorgter fragte ich mich, wie diese verlassene Baustelle auf ihren sechsjährigen Bruder Allie wirken würde, dem durch die Nonnen von San Giuseppe eine Welt makelloser Ordnung indoktriniert worden war. In Venedig bedeutete eine Schramme an seinen Schuhen, eine Falte in seinem breiten weißen Kragen oder seinem schwingenden schwarzen Kittel, daß er für den Rest des Tages nach Hause geschickt wurde. Seine Hausarbeiten wurden in Übungshefte mit winzigen Karos geschrieben, Kommas und Punkte mußten eine genau festgelegte Anzahl Millimeter über der vorgegebenen Linie stehen. Abweichung von dieser Präzision war eine häufige Ursache für Tränen.

Mir grauste davor, ihnen die Unannehmlichkeiten zu zeigen, die vor uns lagen, falls wir die Villa jemals bewohnbar machen wollten. Ich war einige Wochen zuvor mit Robbie dort gewesen, um die letzten Papiere zu unterschreiben und die ausstehende Summe zu übergeben, und erst da erfaßten wir die riesige Lücke, die zwischen unserem Traumhaus, das wir beim ersten Mal gesehen hatten, und dessen Fertigstellung klaffte. Bis dahin hatte keiner von uns so recht bemerkt, wieviel tatsächlich fehlte. Jetzt pflegte Robbie seinen todkranken Vater in Schottland, und es war an mir, mit der Restaurierung der Villa zu beginnen. Ich sah keine Möglichkeit, eine Aufgabe dieser Größenordnung anzugehen, ohne dort irgendwie zu campieren. Das bedeutete, daß die Kinder auf ihre üblichen Sommerferien am Meer verzichten und mit mir campen mußten.

Da ich einen beachtlichen Teil meines Lebens in Zügen zugebracht habe, sollte ich über das Streckennetz besser informiert sein, aber leider ist dem nicht so. Ein Freund versicherte mir, die nächste Station von unserem neuen Haus aus sei Cortona, also machten wir uns nach Cortona-Camucia auf. Ausflüge, die geplant sind, um den Kindern Spaß zu machen, sind meist zum Scheitern verurteilt, und dieser war keine Ausnahme. Unsere erste Enttäuschung war das Fehlen von Taxen, die zweite das Fehlen von Erfrischungen. Nach fast einer Stunde freundlichen Zuredens kam ein ramponierter Kombi den heißen, staubigen Hügel herunter auf uns zu gerattert. Wir hatten nur einen zweitägigen Ausflug geplant, aber unser Gepäck hätte für eine zweimonatige Safari gereicht. Unsere Kisten wurden ordnungsgemäß in ein sehr angenehmes Hotel im Zentrum von Cortona gebracht und unser Fahrer überredet, zu warten, bis wir zu Mittag gegessen hatten, um uns dann nach Città di Castello zu bringen.

Auf einer Nebenstraße durch die Berge, die unser Fahrer nach eigenen Angaben gut kannte, fuhren wir Richtung Umbrien. Eine Stunde später, nachdem wir im Schneckentempo zahllose schwindelerregende Kurven genommen hatten, ließen wir unsere pappardella mit Kaninchen und Petersilie am Wegesrand, und nur zwei Stunden später standen wir tatsächlich vor der Tür des örtlichen geometra-Büros. Wir brauchten keine Schlüssel zu holen, es gab keine Türen. Wir hatten beschlossen, uns von dem Taxifahrer an der Villa absetzen zu lassen, und den geometra hatten wir gebeten, uns zwei Stunden später abzuholen, so daß wir dort etwas Zeit für uns haben würden.

Ich hatte dem Kind Iseult von Marchesa Casatis ungedecktem venezianischem Palast erzählt, daß sie riesige Partys gegeben habe und eine schrille Avantgardistin in Sachen Mode gewesen sei, um die zwanzig Meter Dach, die in San Orsola fehlten, zu romantisieren, wie auch den klaffenden Spalt, wo die beiden Teile der Villa, einer aus dem achtzehnten, der andere aus dem neunzehnten Jahrhundert, nie ganz verbunden worden waren. Ich hatte Allie erzählt, er könne seinen eigenen Fußballplatz haben und dort nach Herzenslust spielen, ohne daß die alten Venezianerinnen ihn und seine Freunde fortschimpften. Die vierzig Minuten von Città di Castello nach San Orsola bestritt ich mit Überredung, dann Bestechung und schließlich Schweigen, und ich bedauerte zum ersten Mal, mich auf dieses Abenteuer eingelassen zu haben.

Bei unserer Ankunft war der Taxifahrer derjenige, den der Anblick der Familienruine am tiefsten erschütterte. Er setzte sich einige Minuten lang auf die Kühlerhaube seines Autos, schüttelte den Kopf und fluchte. Dann sagte er, er brächte uns lieber kostenlos in die Sicherheit Cortonas zurück, als uns in einem derart verlassenen Gemäuer zurückzulassen. Die erste Reaktion des Kindes auf das Haus war Enttäuschung. Sie war die wahrhaft palastartigen Ausmaße venezianischer Gebäude gewohnt und beschuldigte mich, die Villa riesig genannt zu haben, was sie aber, wie sie sagte, nicht sei. Allie hingegen fand das ganze Haus hinreißend, hatte gar nichts daran auszusetzen und nahm es auf sich, seine große Schwester herumzuführen und sie auf die Möglichkeiten des Hauses hinzuweisen. Im dritten Stock fanden sie einen Karton mit sechs neugeborenen Kätzchen. Dann veranstaltete Allie draußen ein Rennen, fiel über die Kante eines terrassierten Feldes und landete auf dem Kopf.

In der letzten halben Stunde unserer Besichtigung zeigte ich Iseult die Schuttberge, die eines Tages unser Garten sein würden. Ich zeigte ihr, wo der kunstvoll angelegte Blumengarten sein würde und Pergolen, ein Rosengarten, eine Glyzinienallee, Lilienteiche, Zierbüsche. Sie lauschte mit der freundlichen, nachsichtigen Miene einer Irrenärztin. Obwohl sie meine Gartenpläne ganz offensichtlich für unerreichbaren Quatsch hielt, hatte ihr der Gang um das Haus einen Eindruck von dessen tatsächlicher Größe vermittelt, und langsam begann sie sich auf die Aussicht, daß sie wieder in einem großen Haus wohnen würde, zu freuen. Mit Ausnahme der letzten vier Jahre hatte ich mit ihr immer in geräumigen Häusern gelebt, und sie sehnte sich häufig nach mehr Platz. Auf diese früheren großen Häuser waren Überseekoffer und Züge gefolgt, und häufig hausten wir in, wie sie fand, schmuddeligen (wie ich fand, malerischen) Pensionen. Hier bot sich die Chance, sich auszubreiten, Freunde einzuladen und ihre Stereoanlage so weit aufzudrehen, wie sie wollte.

Um fünf Uhr sollte der anstrengende Teil des Tages vorüber sein. Der geometra holte uns wie geplant ab, brachte uns nach Città di Castello und spendierte uns Eiscreme. Wir saßen am Eckfenster eines caffè, das über den Platz auf einen Taxihalteplatz blickte. Der geometra hatte einen Termin (das haben geometra immer, da sie wie Hamster im Rad leben), aber er würde uns gern irgendwo absetzen, falls das nötig sein sollte. Wir waren zufrieden mit unserem Eis und fühlten uns angesichts der wartenden Taxen sicher, daher trennten wir uns.

Binnen Minuten begann es zu regnen. Ein großer grauer Vorhang senkte sich unvermittelt über den Nachmittag. Der Platz leerte sich wie nach einer Bombendrohung, und rund um uns wurde es sehr kühl. Die beiden brummenden Taxen waren verschwunden, und obwohl wir ewig warteten, kehrten sie nicht zurück. Wir durchkämmten das Telefonbuch nach Taxinummern und sprachen mit zahlreichen Ehefrauen und Schwestern. In Città di Castello gab es nur zwei Taxen, das eine war nach Rom gefahren, das andere zu einer Hochzeit in die Nähe von Florenz. Keines würde an diesem Abend zurückkommen. Der Fahrer aus Cortona, wirklich unser allerletzter Notnagel mit seiner selbstauferlegten Geschwindigkeitsbegrenzung von acht Kilometern pro Stunde, war fort. Es sah ganz so aus, als seien alle fort und amüsierten sich woanders.

Wir wollten uns die Laune nicht verderben lassen und bestellten einen Berg Eclairs und noch mehr Eis. Die Kellnerin brachte uns alles mit vollendeter Anmut an den Tisch und bat uns dann, es schnell aufzuessen, da sie gleich schließe. Wir erkannten, daß wir uns in das Unabwendbare fügen mußten, gaben die Idee auf, nach Cortona zurückzukommen, zogen los, um ein Hotel zu suchen und aus dem restlichen Abend das Beste zu machen. Sowohl Iseult als auch Allie war übel. Eine nichtrepräsentative Umfrage ergab, daß 70 Prozent der Bevölkerung glaubten, daß es kein Hotel in der Stadt gab, mindestens die Hälfte davon aber wußte, daß es einmal eines gegeben hatte. Sie konnten auch den Weg zu den stehengebliebenen Grundmauern beschreiben. Weitere 10 Prozent konnten den Weg zu einer pensione beschreiben, die über den Winter geschlossen hatte und erst im Juni wieder öffnen würde. Weitere 10 Prozent schienen die Frage als solche belästigend und unsittlich zu finden und wichen jeder Antwort aus, allerdings nicht ohne darauf hinzuweisen, daß Allie sich erkälten würde. Dann waren da noch die unvermeidlichen Männer, die ihren Kurs in passenden Balzgesten und Posen absolviert hatten (oder auch nicht) und die von einem Hotel im engeren Sinne nichts wußten, aber mit dem allergrößten Vergnügen ihre Büros wieder aufschließen und dort so unterhaltsam sein würden, wie nur sie es könnten. Schließlich gab es eine Handvoll Leute, die von einem gewissen Hotel America sprachen, als handele es sich um einen entlegenen Kontinent jenseits der klammen Geborgenheit der mittelalterlichen Stadtmauer. Letztere teilten sich in diejenigen, die uns in Richtung Kathedrale und Park schickten, und solche, die uns in die entgegengesetzte Richtung schickten, die hügelige Hauptstraße hinunter, vorbei an allen geschlossenen Geschäften und Bars.

An diesem Abend, als wir auf dem Pflaster von Città di Castello entlangtrotteten, kam uns als Alternative dazu die Villa Orsola zum ersten Mal wie ein Zuhause vor. Mit fortschreitendem Abend waren die Temperaturen drastisch gesunken, und es regnete nicht mehr, es goß. Wir waren im warmen Sonnenschein zu einem Nachmittagsausflug aufgebrochen und hatten keine Mäntel dabei, ich trug Strohsandalen. Als wir diese uralten Straßen zwischen geschlossenen Fenstern auf und ab patschten, sehnten wir uns nach der Wärme eines Kaminfeuers und nach einem Ort, wo wir uns setzen könnten. Alle drei wünschten wir uns, daß wir in der Villa Orsola, die immerhin uns gehörte, geblieben wären und dort campiert hätten, statt bei Dunkelheit unser Glück in einem Städtchen versuchen zu müssen, dessen Schönheit kein Trost war.

In jener Nacht schliefen wir schlecht, wir teilten ein klammes Bett in einem Vorort. Dann holten wir unser Gepäck aus dem Hotel in Cortona, kehrten nach Venedig zurück und planten einen neuen Feldzug, zu dem gehörte, daß wir die Villa besetzen und so lange dort bleiben würden, bis sie bewohnbar wäre. Wir beschlossen, so bald als möglich zurückzufahren, ausgerüstet mit soviel überlebensnotwendigen Dingen, wie wir tragen konnten (ich fahre nicht Auto), und unser Lager im ersten Stock aufzuschlagen, dort, wo eines Tages die große Küche sein würde. Allie sollte zwei Wochen später mit den beiden irischen Au-pair-Mädchen nachkommen, da die Villa dann fließendes Wasser, eine Toilette und etwas sicherere Böden haben würde, jedenfalls im ersten Stock.

Die beiden irischen Au-pairs hatten ein mehr als schmeichelhaftes Foto der Honigseite der Villa gesehen, aber keine der beiden wußte, in welch betrüblichem Zustand sie sich tatsächlich befand. Ich hatte nicht gewagt, es ihnen zu sagen,

3. Kapitel

Wir packten unsere Koffer mindestens ein dutzendmal um. Wir hatten zwei Schaumgummi-Strandmatten, ein Kofferradio und eine Decke, das beanspruchte den meisten Platz. Zweimal vollzog ich das vertraute Ritual, aus unserem Gepäck Teile von Iseults Garderobe sowie zahllose Flaschen, die aus dem Badezimmerschrank stammten, zu entfernen und sie durch Teller, Tassen, Mäntel und Werkzeug zu ersetzen. Zweimal war einmal zu wenig. Als unser Taxi schließlich auf das Trümmergrundstück der Villa Orsola einbog, nachdem es die Bergstraße vom vermeintlich nahen Arezzo mit einer Geschwindigkeit von fünf Stundenkilometern zurückgelegt hatte, war mir zu speiübel, um irgend etwas zu überprüfen. Der Taxifahrer fuhr wieder fort, um viel Geld, aber auch einige Sorgen reicher. Es war ein warmer, sonniger Nachmittag, auf der gemähten Wiese vor dem Haus blühten Löwenzahn und Ehrenpreis. Als wir auspackten, kamen immer mehr Kleider, Schuhe, Stiefel und Gesichtsmasken meiner Tochter zum Vorschein.

Ich hatte gedacht, ich sei gegen die Wechselfälle des Lebens gewappnet nach Umbrien gekommen, als ich uns von Feueranzünder über Zeltbodenplanen, Thermodecken, Taschenlampen bis zu Dutzenden von nützlichen Kleinigkeiten mit allem bewaffnet hatte, womit ich uns die ersten Tage und Wochen des Campings in unserem Landhaus erträglich machen wollte. Aber das Kind Iseult war unschlagbar unpraktisch, sie lebte völlig rücksichtslos der Welt ihrer Phantasie sowie der Pflege ihrer bereits beträchtlichen Schönheit. Sie war von Natur neugierig und vertrauensselig, was sie überaus gesellig machte. Das rutschte aber rasch in Leichtgläubigkeit ab, sobald es in irgendeiner Weise um ihren Teint, ihre Figur oder ihre Kleidung ging. Niemals verwarf sie eine Substanz als zu dubios für Haar oder Haut, wenn nur eine Zeitschrift oder Freundin deren Anwendung empfohlen hatte.

Wo also die übliche Gesichtsmaske in einem kleinen Tütchen angeboten wird, das problemlos in der Seitentasche eines Koffers Platz findet, bestanden die Gesichtspackungen des Kindes aus einer Sammlung Tiegel voller Schleim und Matsch in den unterschiedlichsten Stadien: Verrührtes aus Lebensmitteln, Lehm und Kräutern, das sein Verfallsdatum so weit überschritten hatte, daß Anfänge eines Biotops erkennbar waren. In Venezuela, wo sie zur Welt gekommen war und die ersten, prägenden Jahre verbracht hatte, ist es üblich, auf jedem Fensterbrett und unter jedem Möbelstück Schüsseln mit modernder Einweichlauge stehen zu lassen. Ob diese Sucht nach Fermentierungsprozessen nun zum Nationalcharakter gehört oder nicht, ich habe jedenfalls fast zwei Jahrzehnte damit gelebt, ohne mich auch nur im geringsten dafür erwärmen zu können. Als ich in Umbrien auf dem gefliesten Küchenboden um den offenen Kamin unsere Taschen auspackte, waren es besonders diese Töpfe voller Pampe, die mich rasend machten. Es fehlte fast alles, was ich als für unser Wohlbefinden und Überleben nützlich, und sogar einiges von dem, was ich als unabdingbar erachtete, und das war schwer hinzunehmen. Die drei japanischen Kimonos, zwei Paar Reitstiefel aus den zwanziger Jahren, fünf Paar Abendschuhe, mehrere Cocktailkleider, Ballroben, perlenbestickte Kleider sowie das grüne Samtcape, die an ihre Stelle getreten waren, schienen für ihre wie meine Bedürfnisse entbehrlich; aber einen ungeeigneteren Ersatz für unsere Ausrüstung als die Näpfe mit abgestandenem Haferschleim, Gurkensaft und Eiern sowie die übelriechende Schmiere aus Kamille, Kohl und Honig konnte ich mir nicht vorstellen.

Das Kind zeigte keinerlei Reue und reservierte ihren Kummer für den beklagenswerten Zustand ihrer Naturkosmetik. Dies sei der Anfang unseres neuen Lebens. Dies sei der Augenblick, von dem wir immer geträumt hatten, das Ende unseres Umherziehens, mit einem Haus, das uns gehörte und in dem wir bestimmen würden. »Wir werden uns doch wohl nicht«, fragte sie mich, »in einem derart entscheidenden Augenblick und wegen einer solchen Banalität streiten?« In Iseults seidene Nachthemden gewickelt, war der Kassettenrekorder mit seinen acht Riesenbatterien und einigen Kassetten heil geblieben, und so fegten wir, abwechselnd zu Puccini-Klängen und Van Morrison-Gedröhne, Ruß, Spinnweben und Schutt aus der Küche.

Nachdem sie mit einem Reisigbesen einige Staubwolken von einer Ecke des Raums in eine andere geschoben hatte, kam das Kind von seinem hohen Roß herunter und entwaffnete mich mit seiner Reue. Es tue ihr leid, sie würde sich bessern, sie würde eine Liste mit allem machen, was wir brauchten, und wir würden es am folgenden Tag irgendwie besorgen.

»Reg' dich nicht auf, setz dich auf den Koffer, du wirst sehen, alles wird sich bestens regeln.«

Sie setzte sich ans Fenster, an die Stelle, wo Läden und Glas und Rahmen hätten sein sollen, zu ihrer Rechten der riesige offene Kamin, zu ihrer Linken die Eichenwaldhänge, kaute auf einem Bleistift und machte eine Liste. Sie begann mit unserem fehlenden Gepäck: Kehrblech und Besen, Feueran