Ein Jahr Weihnachten - Jeanine Rudat - E-Book
SONDERANGEBOT

Ein Jahr Weihnachten E-Book

Jeanine Rudat

0,0
4,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 4,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein ganzes Jahr Weihnachten feiern, nur bloß nicht im Dezember – der fröhliche und berührende Weihnachtsroman für alle Fans von Jenny Colgan und Lilly Lucas »›Ich werde Weihnachten verschieben. Ich werde es nicht mehr am 24. Dezember feiern.‹ Ein bisschen skeptisch schaut mich meine beste Freundin an. ›Ok und wann dann?‹ Ich breite meine Arme aus, lächle wie eine Shoppingsenderverkäuferin und es fehlt nur noch, dass ich ›Tada‹ rufe. ›An allen anderen elf Monaten!‹« Marlene reicht es! Jedes Mal an Weihnachten passiert ihr eine Katastrophe. In den vergangenen Jahren trennten sich an Weihnachten ihre Eltern oder sie verlor ihren Job. Diesmal ist es ihr Freund, der mit ihr Schluss und einer anderen einen Heiratsantrag macht. Marlene beschließt das kommende Jahr einfach an allen anderen elf Monaten Weihnachten zu feiern, um so dem Desaster am 24. Dezember zu entkommen. Zwischen sommerlichem Lebkucheneis, wilder Office Christmas Party und besinnlicher Bergweihnacht lebt nicht nur der Kontakt zu ihrem Vater neu auf, sondern sie kommt auch dem Weihnachtsmanndarsteller Nick immer näher ... »Mit "Ein Jahr Weihnachten" ist Jeanine Rudat ein unterhaltsames Debüt über die Bedeutung von Liebe, Freundschaft und Familie gelungen, das einen zum Nachdenken anregt und in angenehme Weihnachtsstimmung versetzt.« ((Leserstimme auf Netgalley))

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mehr über unsere Autoren und Bücher: www.piper.de

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, schreiben Sie uns unter Nennung des Titels »Ein Jahr Weihnachten« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.

© Piper Verlag GmbH, München 2021

Redaktion: Manfred Sommer

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: Alexa Kim »A&K Buchcover«

Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich der Piper Verlag die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

Inhalt

Cover & Impressum

Prolog

28. Dezember

Januar

1. Januar

7. Januar

10. Januar

24. Januar

Februar

2. Februar

8. Februar

20. Februar

24. Februar

März

10. März

24. März

April

1. April

16. April

24. April

Mai

18. Mai

24. Mai

Juni

5. Juni

24. Juni

Juli

01. Juli

22. Juli

24. Juli

25. Juli

29. Juli

August

8. August

24. August

September

16. September

23. September

24. September

29. September

Oktober

18. Oktober

24. Oktober

November

15. November

25. November

Dezember

10. Dezember

13. Dezember

24. Dezember

Rezepte

Danksagung

Prolog

Last Christmas – Wham

28. Dezember

»Ich hasse Weihnachten!«

Energisch werfe ich eine weitere meiner zwölf Weihnachtstassen an die Wand. Mit einem lauten Knall zerspringt sie, und die Scherben gesellen sich zu dem kleinen Porzellanhaufen neben dem Kühlschrank.

»Das ist ein heuchlerisches Fest. Es wickelt einen mit seinen Bräuchen ein, bis aus dem zuckersüßen Weihnachtstraum ein Albtraum wird!«

»Hey.« Eine Hand legt sich sanft auf meinen Unterarm, während ich schon nach der nächsten Tasse greifen will. »Marlene, das bringt doch jetzt nichts, und ich weiß, dass du das morgen schon bereuen wirst. Das ist deine Lieblingstasse!«

Ich schaue Isa verwundert an. Normalerweise bin ich in unserer Freundschaft die Vernünftige. Sie ist die Wilde, die auf Rockkonzerte geht, die sich auch mal nur für eine Nacht einen Typ aufreißt und ihn am nächsten Tag ohne Frühstück aus der Wohnung schmeißt. Unerschrocken drückt sie auch gerne mal arroganten, reichen Typen einen Spruch rein, wenn sie sich über bettelnde Menschen vor dem KaDeWe beschweren. Schon seit Jahren arbeitet sie neben dem Studium in der Obdachlosenhilfe.

»Ich weiß, Tom hat dir übel mitgespielt. Am zweiten Weihnachtsfeiertag auf so eine Weise mit dir Schluss zu machen ist einfach scheiße! Aber da kann doch Weihnachten nichts dafür.«

»Übel mitgespielt? Das ist ja wohl noch stark untertrieben«, schreie ich die Wut über meinen dämlichen Ex heraus.

WG-Katze Missy, die gerade neugierig ihren Kopf durch die Küchentür gesteckt hat, verzieht sich sofort wieder.

Ich versuche mich wieder etwas unter Kontrolle zu bringen und atme tief ein. »Vor einer Woche ist er noch bei mir gewesen, und wir haben eine wirklich schöne Nacht zusammen verbracht. Er hat sogar gekocht, und das hat er sonst nie getan.« Ich seufze niedergeschlagen.

Isa legt ihren Arm um mich und dirigiert mich zu unserem roten Samt-Küchensofa. »Erzähl es ruhig noch mal, vielleicht hilft es dir, es zu verarbeiten«, muntert sie mich auf.

»Wo soll ich anfangen«, murmele ich und greife mir die Dose mit den Weihnachtskeksen ihrer Oma. Gedankenverloren stopfe ich einen nach dem anderen in mich hinein.

Isa schnappt sich ein Vanillekipferl. »Am besten da, wo er eingeschlafen ist. Nach eurem romantischen Abend hier.«

»Also gut.« Ich wappne mich innerlich für meine Entdeckung, die mir auch dieses Weihnachten versaut hat.

»Tom ist wie immer danach ziemlich schnell eingeschlafen, und ich habe mir in der Küche etwas zu trinken holen wollen, als ich an unseren im Flur verstreuten Klamotten vorbeigekommen bin. Ich weiß noch, wie zufrieden ich gelächelt habe, da es so ein schöner Abend gewesen ist. Na ja, als ich den Haufen aufgesammelt habe, ist aus seiner Hosentasche ein Kästchen gefallen. Ich bin natürlich neugierig gewesen, weil ich gedacht habe, dass das mein Weihnachtsgeschenk sein könnte.« Die schöne Erinnerung daran wird direkt von einer Wolke überschattet. »Und dann habe ich einen wunderschönen Ring bei ihm gefunden. Weißgold mit einem Solitärdiamanten darauf. Ich blöde Kuh habe noch gedacht: Wow, wir sind erst knapp zwei Jahre ein Paar, und zusammenziehen wollte er bis jetzt nicht, aber an Weihnachten will er mir wohl einen Antrag machen. Wie dumm kann man eigentlich sein?«

Isa streichelt mir über den Rücken, während mir Tränen der Wut die Wangen herunterlaufen.

»Und dann hat er mir am nächsten Tag plötzlich den zweiten Weihnachtsfeiertag abgesagt. Angeblich sei er krank gewesen, und er wäre auch nicht zu seinen Eltern gefahren.«

Isa reicht mir ein Taschentuch, und ich schnäuze mir die Nase.

»Ich habe ihm angeboten, mich um ihn zu kümmern, aber er hat gemeint, dass er das schon schaffen würde, es sei ja nur eine kleine Erkältung gewesen. Er würde sich melden, wenn es ihm wieder besser geht.« Ich stocke und muss schlucken.

»Und dann bist du zum Haus seiner Eltern gefahren«, ergänzt Isa und nickt mir aufmunternd zu, damit ich weiterspreche.

»Ja«, sage ich tonlos. Dort hat die Katastrophe begonnen. Und während ich Isa noch einmal alles erzähle, katapultieren mich meine Erinnerungen wieder zurück nach Grunewald.

Ich sehe es direkt wieder vor mir, wie ich vorgestern zwar etwas schüchtern, aber doch voller Zuversicht und Vorfreude zur Villa von Toms reichen Eltern gehe, die bei der britischen Botschaft arbeiten. Ich will Magret und Peter nur kurz mein Weihnachtsgeschenk und ein paar selbstgebackene Plätzchen vorbeibringen, damit sie mich endlich als Toms Freundin und baldige Verlobte akzeptieren. Ich bin nervös. Das letzte Mal, als ich hier gewesen bin, ist schon ein halbes Jahr her. Ich biege um die Ecke und sehe vor ihrem Haus ziemlich viele Autos. Vielleicht eine Weihnachtsparty? Ich gehe näher heran und schaue durchs Fenster. Frauen in schönen Abendkleidern und Männer im Jackett plaudern bei einem Glas Champagner. Wow, das sind ziemlich viele Leute. Ob ich trotzdem klingeln soll? Dann sehe ich auf einmal Tom. Elegant in einem dunkelgrauen Anzug. Was macht er hier? Ich dachte, er liegt krank im Bett? Neben ihm steht eine Frau mit langem, blondem Haar. Vertraut legt sie ihm eine Hand auf den Unterarm. Was hat das zu bedeuten? Da klopft er auf einmal an sein Glas, und alle schauen gespannt zu ihm und dieser Frau hinüber. Mir wird heiß und kalt, denn hinter den geschmacklosen Spitzengardinen spielt sich eine Szene ab, in der eigentlich ich die Hauptdarstellerin sein sollte. Tom steckt einer fremden Frau einen Ring an den Finger. Meinen Ring. Oder den Ring, den ich für meinen gehalten habe. Die zierliche Blondine fällt ihm lachend um den Hals, und alle drum herum klatschen. Schockiert trete ich ein paar Schritte zurück und stolpere über einen Buchsbaum in den Matsch. Im gleichen Moment geht die Tür auf, und Mitarbeiter einer Catering-Firma gehen zu ihrem Auto zurück. Sie haben wohl gerade das Verlobungsessen geliefert. Eine junge Frau kommt auf mich zu und fragt mich, ob sie mir helfen kann. Ich bin noch ganz geschockt und versuche ihr stotternd zu sagen, dass ich schon klarkomme. Sie hilft mir mit einem beherzten Griff trotzdem hoch und meint zuversichtlich, dass ich zwar ein bisschen spät bin, die Verlobungsparty aber jetzt mit dem Essen erst richtig losgeht. Verlobungsparty … von Tom … und dieser Frau … Spätestens da wird mir so schlecht, dass ich mich übergeben muss. Auf ihre Schuhe.

Isa kichert. »Der Teil mit deinem Erbrochenen auf ihren Schuhen ist doch eigentlich ganz witzig.«

Schlagartig tauche ich aus meinen Erinnerungen wieder auf. »Witzig? Ich fand da gar nichts witzig dran. Aber schön, dass wenigstens du dich amüsierst«, schnaube ich empört.

»Komm, besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Tom war eh nicht der Richtige für dich. Er war arrogant, hat nur an sich gedacht, und seine Eltern haben dich gehasst.«

»Jetzt weiß ich wenigstens, warum. Tom ist gegen ihren Willen aus Oxford weg, um hier in Berlin mal so richtig die Sau rauszulassen. Auslandsstudium, dass ich nicht lache. Er wollte sich nur einmal quer durch die Studentinnen vögeln, und das hat er ja dann auch gemacht. Nicht nur mit mir. Kein Wunder, dass seine Eltern immer so abweisend zu mir gewesen sind. Tja, und jetzt, wo sein Studium zu Ende ist, geht er schön zurück zu seiner Verlobten, um mit ihr ein für ihn schickliches Leben zu führen.«

»Wenigstens weißt du jetzt, woran du bist und musst deine Zeit nicht mehr an ihn verschwenden. Und treu wird er seiner zukünftigen Ehefrau auch nicht sein.«

»Trotzdem ist es schwer«, seufze ich und schnappe mir einen weiteren Keks aus der Dose. »Auch wenn mich seine Eltern immer abgelehnt haben, habe ich trotzdem ein zartes Gefühl von Familie und Zugehörigkeit gespürt.«

»Das verstehe ich.« Isa drückt mich an sich. »Aber du hast doch immer noch mich, und mit Dennis, Kati und Rüdiger die besten WG-Bewohner aller Zeiten. Und Missy!« Sie schnappt sich unsere etwas mollige Perserkatze, die sich mittlerweile wieder in die Küche getraut hat, und setzt sie mir auf den Schoß, wo sie sofort anfängt zu schnurren und ihr Köpfchen an meinem Arm zu reiben.

»Ich weiß, und dafür bin ich auch echt dankbar. Aber ich wünsche mir eine heile Familie. Ein hübsch geschmücktes Haus zu Weihnachten, wo mich meine Mutter mit meinem Lieblingsessen überrascht und mein Vater mich fragt, wie es beim Studium läuft. Der echtes Interesse an mir zeigt. Und einen Freund, der mich nicht verarscht und mir auch in schweren Zeiten zur Seite steht.«

Isa zieht gekonnt eine Augenbraue hoch, wie nur sie es kann. »So eine Bilderbuchfamilie gibt es nicht. Die hab nicht mal ich, obwohl ich mich mit meinen drei Geschwistern und meinen Eltern super verstehe.«

»Ich jedenfalls habe von Weihnachten die Schnauze voll und werde die Feiertage im nächsten Jahr boykottieren.«

Isa lacht. »Das hältst du niemals durch. Du bist der totale Weihnachtsfreak! Sobald du dein Halloween-Kostüm ausgezogen hast, dekorierst du bereits die ganze WG weihnachtlich, ob deine Mitbewohner wollen, oder nicht! Du gehst gerne auf den Weihnachtsmarkt, guckst alles rauf und runter, was es an Weihnachtsfilmen gibt, von Kevin allein zu Haus bis Schöne Bescherung. Auch Last Christmas ist für dich kein Grund auszuflippen, sondern das Radio noch lauter zu drehen. Du hast letztes Jahr sogar Kunstschnee für deine Zimmerpalme besorgt!«

Kurz muss ich bei der Erinnerung daran grinsen, aber dann übermannt mich die Wut wieder. »Das mag ja alles sein, aber ich habe einfach keine Lust mehr auf eine weitere Weihnachtskatastrophe. Ab sofort ist der 24. Dezember nur noch ein Datum ohne Bedeutung!«

Sofort meldet sich mein innerer Weihnachtsjunkie mit Entzugserscheinungen. Kein Weihnachtsbaumschmücken am Morgen des 24., kein gemeinsames Weihnachtsessen mit Freunden oder meinem Freund, falls ich mich jemals wieder auf einen Typen einlasse, kein Wichteln mit der WG an Heiligabend. Und beim Adventskalender höre ich dann einfach bei Türchen 23 auf? Wie soll ich das denn schaffen? Ich seufze resigniert. Das kann ich doch nie durchhalten! Isa hat recht, ich bin süchtig nach Weihnachten.

Ich sehe mich schon bei den anonymen Weihnachtsabhängigen. »Mein Name ist Marlene, und ich bin ein Weihnachtsjunkie.« »Hallo Marlene!«

Isa fängt an, die zerrissenen Weihnachtspapiere aufzusammeln, die rund um das Sofa verstreut sind. »Was kann denn überhaupt Weihnachten dafür, dass Tom mit dir Schluss gemacht hat?«

»Gar nichts, aber immer passiert mir alles Schlechte nur an Weihnachten. Als ich 15 gewesen bin, haben sich meine Eltern am ersten Weihnachtsfeiertag endgültig getrennt. Mit 18 ist meine Mutter an Brustkrebs gestorben, einen Tag vor Heiligabend. Das Weihnachten danach habe ich mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus verbracht, und vor zwei Jahren bin ich beklaut worden. Am Morgen des 24. Dezember, als ich noch Last-Minute-Weihnachtsgeschenke kaufen wollte. Ach ja, und letztes Jahr, falls du dich noch erinnerst, habe ich meinen Job verloren.«

»Deinen Nebenjob, den du eh gehasst hast.«

»Der mir aber gut Geld eingebracht hat, was ich ohne BAföG dringend brauche.« Säuerlich denke ich an das Schreiben vom BAföG-Amt, dass mein Vater zu viel verdiene. Schönen Dank auch. Aber ich komme auch ohne Hilfe zurecht.

»Hey, ich weiß, dass du alles andere als ein leichtes Leben hast, und irgendwie ziehst du das Pech förmlich an, aber genauso weiß ich auch, dass du eine starke Frau bist, die alles schaffen kann«, macht mir Isa Mut.

»Wenn ich alles schaffen kann, dann schaffe ich es auch, kein Weihnachten mehr zu feiern.«

»Willst du das wirklich?« Isa schaut mich ungläubig an. »Das alles ist dir doch nur zufällig an diesen Tagen im Jahr passiert.«

»Ich habe halt einfach das Gefühl, dass ich etwas in meinem Leben ändern muss. Sonst sitze ich immer wieder an Weihnachten da und heule, weil wieder etwas Schreckliches passiert ist.«

»Und was, wenn du Weihnachten einfach wann anders feierst?«

Ich schaue Isa ungläubig an. »Wie wann anders?«

»Na ja, dir passiert immer etwas in der letzten Dezemberwoche. Wieso verschiebst du Weihnachten nicht einfach?«

Ich runzle die Stirn. »Verschieben? Etwa In den Sommer? Herzlich willkommen zu Marlys weihnachtlicher Poolparty, oder was?«

»Zum Beispiel.«

»Das ist doch lächerlich!«

»Genauso lächerlich, wie als Weihnachtsjunkie zu versuchen, auf Weihnachten zu verzichten.« Isa grinst.

Hm … Weihnachten im Sommer ist irgendwie komisch. Ich könnte es im November feiern, da ist eh schon alles weihnachtlich geschmückt, und kalt ist es auch. Aber wer weiß, vielleicht habe ich dann einfach einen Monat früher immer Pech? Nee, das ist auch keine Lösung. Ich muss dem Weihnachtsfluch irgendwie entwischen. Mir kommt der letzte Actionfilm in den Sinn, den wir zusammen in der WG geschaut haben. Eine Gruppe von Gangstern musste vor der Polizei fliehen. Und was haben sie gemacht, um zu entkommen? Sich aufgeteilt, sodass die Beamten nicht wussten, wem sie zuerst folgen sollten. Und schon waren sie in Sicherheit.

Irgendwie muss ich meinem Weihnachtsfluch auch entkommen. Mir kommt da eine Idee. Sie ist ein klein wenig verrückt, aber ich will ja etwas ändern. Also wieso nicht. »Ok.«

»Wie ok?«

»Ok, Isa. Du hast recht. Ich werde Weihnachten verschieben. Ich werde es nicht mehr am 24. Dezember feiern.«

Ein bisschen skeptisch schaut mich meine beste Freundin an. »Und wann dann?«

Ich breite meine Arme aus, lächle wie eine Shoppingsenderverkäuferin, und es fehlt nur noch, dass ich »Tada« rufe. »An allen anderen elf Monaten!«

»Was?« Isa guckt mich entsetzt an.

»Jap, ich werde Weihnachten im nächsten Jahr von Januar bis November feiern. Jeden Monat.«

»Wow, bekomme ich dann auch elf Mal Geschenke?«

Lachend buffe ich Isa meinen Ellenbogen in die Seite. »Das ist auch das Einzige, was dich interessiert, oder?«

Januar

White Christmas – Bad Religion

1. Januar

Die Sonne strahlt hell ins Zimmer. Ich blinzele kurz, kneife dann aber schnell die Augen wieder zusammen. Man, bin ich müde. Ist ja auch ganz spät geworden gestern. Dennis, seine neueste Eroberung, Isa, Kati, Rüdiger und ich haben Raclette gemacht und dazu jede Menge Spiele gespielt. Nach Ausgehen und ausschweifender Party ist mir nicht zumute gewesen. Kein Wunder, habe ich doch eigentlich mit Tom ganz romantisch in Paris ins neue Jahr feiern wollen. Aber auch so ein ruhiges Silvester hat was für sich: Zum ersten Mal seit Jahren habe ich keinen Kater. Ich strecke mich und gähne erst mal ausgiebig. So langsam fühle ich mich bereit für den Tag und für ein neues Jahr. Das wird aufregend! Am besten gehe ich gleich in die Küche, mache mir einen leckeren Latte und setze mich dann an meinen Schreibtisch, um mit den Planungen für mein erstes Weihnachtsfest zu beginnen. Praktischerweise habe ich von Kati, meiner gut strukturierten Mitbewohnerin, ein neues Bullet Journal zu Weihnachten bekommen. Ob ich noch genug Washi Tape habe? Egal, ich stehe jetzt erst mal a … argh … Mein Kopf! Entsetzt reiße ich die Augen auf und merke: 1. Ich liege nicht in meinem Bett und 2. Die Zimmerdecke ist verdammt nah. Zu nah. Aua. Ich befühle meinen Kopf. »Wenigstens kein Blut«, murmele ich vor mich hin.

Im nächsten Moment spüre ich, wie ein dicker Fellklumpen auf meinem Bauch landet. »Missy«, rufe ich leicht genervt. Wie selbstverständlich stolziert unsere WG-Katze von meinem Bauch rauf zu meiner Brust und miaut mich an.

»Du willst jetzt schon essen?«

Ich schiele auf das Display meines Smartphones, das neben einem nach Aftershave riechenden Kopfkissen liegt. Es ist erst sechs Uhr. Wo bin ich?

Missy miaut wieder vorwurfsvoll.

Erst jetzt fällt mir wieder ein, dass Missy Schuld daran hat, dass ich in Dennis selbstgebautem Hochbett liege und nicht auf meinem Prinzessinnenbett, wie er es immer neidisch nennt. Als ich gestern schlaftrunken um zwei Uhr nachts ins Bett gewankt bin, habe ich mich beinahe in ein Haarbüschel samt Erbrochenem gesetzt. Und da ich keine Lust hatte, mitten in der Nacht meine Bettwäsche zu wechseln, bin ich lieber rüber zu Dennis gegangen, der die Nacht bei seinem aktuellen Freund verbracht hat.

»Wieso musstest du dir ausgerechnet mein Bett dafür aussuchen?«

Sie maunzt mich an und tapst wieder zurück Richtung Stufen. Auch die hat Dennis selbst gebaut, darauf ist er mächtig stolz.

»Ok, ich komme ja schon. Natürlich kriegst du dein Fresschen«, murmele ich und hieve mich weitaus weniger elegant aus dem Bett als Missy.

 

Leise tapse ich zurück in mein Zimmer, um die anderen nicht zu wecken. Ich lächle zufrieden. Mein Bett ist wieder frisch bezogen, und der Raum sieht wieder aus, wie in einem amerikanischen Teenie-Film. Das große Bett mit den vielen Kissen bildet den Mittelpunkt, die linke Wand ist komplett von weißen Bücherregalen gesäumt, und rechts vor dem großen Fenster steht mein weißer Schreibtisch, von wo aus ich im Sommer in grüne Baumwipfel schauen kann. Ich setze mich mit untergeschlagenem Bein auf meinen Schreibtischstuhl. Während ich gedankenverloren den Milchschaum vom Löffel schlecke, schlage ich mein brandneues Bullet Journal auf. Wie könnte mein erstes Weihnachten in diesem Jahr aussehen? Ich blättere zur ersten Seite und beginne zu planen.

To-do-ListeWeihnachtsmenü (vegetarisch/vegan/Braten?)Geschenke (wichteln oder ein Geschenk für jede(n))?Was ziehe ich an?Getränke (Kati nach dem Rezept für den berühmten Glühwein ihrer Mutter fragen)Deko!!! (Ganz wichtig!!!)WeihnachtsbaumEinladungs- und Tischkarten gestalten

 

Je mehr ich meiner Liste hinzufüge, desto größer wird meine Vorfreude. Hoffentlich wird das endlich mal ein Weihnachten, wo nichts schiefgeht und keine schlechte Nachricht auf mich wartet, die mir das ganze Fest verdirbt.

Ich atme tief ein und schnappe mir einen der letzten Weihnachtskekse, die Kati von zu Hause mitgebracht hatte. Der Zucker des Vanillekipferls schmilzt auf meiner Zunge. Hm … lecker.

Backen, stimmt! Das fehlt auf meiner Liste. Ich muss unbedingt noch Zutaten kaufen und Kekse backen. Am besten nicht erst am 23., sonst wird alles ziemlich hektisch.

Ich kaue an meinem Stift herum. Was fehlt noch? Weihnachtsfilme für das Fresskoma danach. Da kann ich gleich eine ganze Liste anlegen. Und Weihnachtsmusik! Dafür reserviere ich im Bullet Journal eine ganze Seite, unterteilt nach Stimmung. Festlich und Party, klassisch und modern. Am besten stelle ich mir gleich eine Playlist auf Spotify zusammen.

Ich muss grinsen. Meine Mutter hätte sich über mich ziemlich lustig gemacht. Sie war in unserer Familie eher der Grinch, mit Weihnachten konnte sie nichts anfangen. Nur für mich hat sie immer alles schön festlich geschmückt und bis weit nach Mitternacht mit mir gespielt, zusammen mit meinem Vater. Mein Planungsgen habe ich definitiv von ihm. Hoffentlich nicht noch mehr …

Es klopft.

»Ja?«

»Hey, du bist ja schon wach. Alles ok?« Isa schaut mich verschlafen aus kajalverschmierten Augen an.

»Ja, Pandagirl«, ich grinse. »Aber du scheinst noch nicht wirklich wach zu sein.«

»Ist nicht meine Zeit, so frühmorgens. Aber ich konnte auch irgendwie nicht mehr schlafen.«

»Das liegt bestimmt daran, dass du gestern Abend ganz alleine eine Flasche Glühwein ausgetrunken hast. Dazu noch zwei Bier und zwei Tequila. Bei so einer Menge Alkohol fällt man ins Bett wie ein Stein, wacht dann aber meist früh auf und kann nicht wieder einschlafen. Kenn ich.«

»Wow, Miss Analyse ist aber schon ziemlich fit heute Morgen für so eine tiefgehende Diagnose!«

»Ich habe ja auch viel vor. Ich plane das perfekte Weihnachtsfest.«

»Wie ich dich kenne, mit allem Drum und Dran. Hast du an die Rentiere und den Schlitten gedacht?«

»Du Arsch«, ich knuffe Isa in die Seite, und sie stöhnt. »So streberhaft bin ich auch nicht, wobei …«

Isa schaut mich fragend an, und in mir keimt eine Idee.

»Das wird eine Überraschung, aber ich glaube, ich habe gerade die Kirsche auf der Weihnachtstorte gefunden.« Ich kritzele, abgeschirmt mit meiner Hand, Weihnachtsmann organisieren in mein Heft.

»Ich kann’s kaum erwarten«, kommt es ironisch von meiner besten Freundin.

»Du wirst schon sehen, das wird das beste Fest ever!«

7. Januar

»Einen Weihnachtsmann? Im Januar?« Die Frau von der Arbeitsagentur, Bereich Weihnachtsmannvermittlung, klingt überrascht.

Wäre ich auch. Ich grinse in mich hinein.

»Ja, ich brauche dringend einen Weihnachtsmanndarsteller, alternativ auch gerne ein Christkind. Muss also kein Mann sein.« Im Gendern bin ich gut, habe sogar bei meiner alten Arbeit meinen Chef davon überzeugt, nicht mehr Studenten, sondern Studierende in die Stellenanzeigen für einen Aushilfsjob zu schreiben. Hat mir aber auch nichts genützt. Den Job habe ich trotzdem verloren.

»Sind Sie noch dran?«

»Oh, ja, entschuldigen Sie.«

»Ich sagte, wir vermitteln im Januar keine Weihnachtsmanndarsteller. Nur im Dezember.«

»Aber Sie sind doch eine Arbeitsagentur. Da gibt es doch bestimmt viele Menschen, die arbeitssuchend gemeldet sind. Kennen Sie da nicht jemanden, der für, sagen wir 50 Euro, bei uns in der WG vorbeikommen könnte und dem wir ein paar Gedichte aufsagen können?«

Ich höre ein undeutlich genuscheltes »Lasse mich doch hier nicht verarschen«, und dann ist die Leitung tot.

Ok, dann eben keinen Weihnachtsmann. Wir kommen schon auch so in Weihnachtsstimmung!

 

»Wieso immer ich?«

»Jetzt jammere nicht und komm, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit. Ich muss noch eine Hausarbeit abgeben, und wir haben nur noch knapp zwei Wochen bis Heiligabend! Dann muss alles stehen.« Ich zerre den unwillig dreinschauenden Dennis hinter mir her durch die Gänge des Dekoladens meines Vertrauens. Während vorne schon die Frühjahrsdekoration mit hellen Vasen, weißen Kunsttulpen, kleinen Vögeln und grauen, grünen und weißen Kerzen aufgebaut ist, befindet sich hinten noch eine große Ecke voller Weihnachtssachen.

»Es ist, weil ich schwul bin, oder? Das ist Diskriminierung!«

Isa würde glatt schwarze Christbaumkugeln kaufen, das geht gar nicht. Rüdiger ist so unselbstständig und nicht entscheidungsfreudig, dass ich mit leeren Händen dastehen würde und Kati ist zu nüchtern und pragmatisch, die hat keinen Sinn für Glitzer und Glamour. Ja, Dennis als Shoppingbegleitung ist meine erste Wahl gewesen oder, besser gesagt, meine einzige Wahl. Ob schwul oder nicht.

»Du bist einfach der Experte, was Stil und Geschmack angeht«, schmiere ich ihm Honig um den nicht vorhandenen Bart. »Und mein erstes Weihnachtsfest soll einfach perfekt werden. Du weißt doch, wenn ich alleine einkaufe, ist meine Devise immer: »Masse statt Klasse.«

Etwas versöhnt, hakt er sich bei mir ein und legt eine Christbaumkugel nach der anderen in den Korb. Ich ergänze Schleifen, eine Baumspitze und jede Menge anderen Dekokram. Und alles um 75 Prozent reduziert. Weihnachten nach Weihnachten zu feiern kann echt Spaß machen. Ich gebe zu, ich eskaliere hier gerade, aber das war ja schon beim Weihnachtsschoki-Einkauf vor Silvester so, wo ich Dennis ebenfalls mitgeschleift habe.

Dennis hält mir eine Cupcake- und eine High-Heel-Weihnachtskugel hin.

»Die müssen auch mit, sie passen gut in unsere Pretty in Pink meets Mr. Mint-Baumdekoration.«

»Wow, ich wusste nicht, dass wir so ein Motto haben, aber ok.« Ich lasse ihm seinen Spaß. Würde ich auf den Klassiker Weinrot und Tannengrün bestehen, wäre er bestimmt nicht mitgekommen. Es soll schon modern sein.

»Es muss auch ein bisschen trendy sein«, sagt er auch gleich, und ich muss grinsen.

»Schließlich erwarten meine Instagram-Follower, dass ich Trends setze, statt einen auf 80er-Jahre-Wohnzimmer zu machen.«

»Aber ist Rot-Grün nicht ein Klassiker? Fast schon Vintage?«

Er schaut mich aus seinen graublauen Augen mit einer Mischung aus Mitleid und Missbilligung an.

»Nein«, sagt er schlicht und verschwindet in der nächsten Regalreihe. Den Korb trage natürlich ich.

10. Januar

»Pretty in Pink meets Mr. Mint!« Isa hält sich den Bauch vor Lachen, als ich ihr im Coffeeshop gegenübersitze.

Ich schlürfe an meiner Hazelnut-Latte und schaue sehnsüchtig noch mal zur Theke. Ich könnte jetzt noch einen Schokobrownie verdrücken oder einen Carrot Cake, der sieht auch extrem lecker aus.

Kurz kommt mir der Gedanke, dass elf Mal im Jahr Weihnachten zu feiern auch ganz schön auf die Figur gehen kann mit all den Keksen, der heißen Schokolade und den Klößen beim Weihnachtsessen. Aber was soll’s. Für eine professionelle Modelkarriere bin ich eh zu alt.

»Was grinst du so?«

»Ach, ich habe nur überlegt, ob ich mir noch ein Stück Kuchen holen soll.«

»Auf jeden Fall, und bring mir noch ein Stück New York Cheesecake mit, oder nein, besser zwei. Heiner isst den immer so gerne. Wenn ich gleich zu seinem Stammplatz am Ku’damm gehe, bringe ich ihm den vorbei.«

»Ich finde es total toll, dass du dich so für Obdachlose engagierst. Ich mache da viel zu wenig.«

»Dafür spendest du regelmäßig Futterdosen ans Tierheim. Das ist mehr als andere machen. Aber weißt du was? Wir könnten ja gucken, ob wir, statt uns jeden Monat gegenseitig was zu schenken, einfach mal was an die Diakonie für die Wohnungslosenhilfe spenden. Was meinst du?«

Ich bin gleich Feuer und Flamme. »Das ist eine tolle Idee, das machen wir. Und vielleicht könnten wir sogar Weihnachtspäckchen für die Obdachlosen packen? Oder wir machen eine kleine Weihnachtsfeier.«

Isa lacht. »Das wäre auf jeden Fall lustig. Eine Weihnachtsfeier unterm Jahr hatten wir noch nicht, und die Spendenbereitschaft nimmt auch nach Dezember spürbar ab. Am besten, ich hole uns eine weitere Runde Kuchen, und wir können mal brainstormen, was uns so einfällt.«

24. Januar

Ich bin echt aufgeregt. Ok, es ist nicht meine erste Party, natürlich nicht. Es ist auch nicht mein erstes großes Essen, das ich für mehrere Leute koche. Aber es ist das erste Weihnachten, das nicht in einer Katastrophe für mich enden soll. Stolz betrachte ich unser wunderschön geschmücktes Wohnzimmer. Überall glitzert und blinkt es. Dennis hat echt ein Händchen für Deko. Einen Weihnachtsbaum im Januar zu kriegen war Gott sei Dank kein Problem. Rüdigers Mutter hat uns einfach ihren Baum gegeben. Und da sie den immer erst am 24. Dezember in die Wohnung stellt, war er jetzt, einen Monat später, immer noch recht frisch. Lediglich ein paar Nadeln sind heruntergefallen, als ich die pinken und mintfarbenen Kugeln und Schleifen drangehängt habe. Eine rosa leuchtende Lichterkette und ein mintgrüner Stern als Baumspitze runden die Deko ab. Um den Baumständer herum habe ich eine ebenfalls mintfarbene Decke mit Flamingos draufgelegt. Das Schmücken und Dekorieren habe ich bewusst alleine gemacht. Es soll ja eine Überraschung für die anderen werden. Ich knete meine Finger. Wie immer, wenn ich aufgeregt bin. Und da klingelt es auch schon.

Mit großem Schwung und einem »Herzlich willkommen zur ersten Weihnachtsfeier im Christmaspartyjahr« öffne ich die Tür und ernte sofort einen leicht entsetzten Blick von Isa.

Sie ist, wie immer, ganz in Schwarz gekleidet und will sich gerade ihre Docs ausziehen.

Sie mustert mich von oben bis unten. »Hey Martha Stewart, wo sind die Häppchen und der Willkommensdrink?«

Ich ziehe sie lachend in die Wohnung. Ok, ich sehe wirklich ein bisschen wie eine typisch amerikanische Hausfrau aus, mit meinem langen Kleid, Weihnachtsmotivschürze und High Heels. Sogar meine braunen Locken habe ich mir hochgesteckt. Und ich bin geschminkt, was ich sonst eigentlich nie bin. Aber heute ist einfach ein besonderer Tag.

Kurz nach ihr kommen Dennis und Kati zur Tür rein.

»Ihr wisst schon, dass es gleich Essen gibt? Ich habe das alles genau getimed«, sage ich jetzt noch nervöser.

»Hey little Miss Perfekt, es wird schon alles gut gehen«, beruhigt mich Isa. »Ich helfe den beiden noch beim Geschenkeeinpacken, und dann kann es auch schon losgehen. Wo ist Rüdiger?«

»Der wollte noch Beamtenmikado erledigen, das ist so eine komische Quest bei World of Warcraft, aber das ist auch schon wieder zwei Stunden her.«

»Krass, WoW gibt es immer noch? Das hat mein großer Bruder früher immer gespielt«, Isa grinst. »Na ja, Rüdiger halt.«

Ich gehe zurück in die Küche und auf dem Weg am Flurspiegel vorbei. Ich muss grinsen. Wie ich selbst sehe ich wirklich nicht aus. Definitiv overdressed. Ich mache mir die Haare wieder auf und schüttele meine braunen Locken. Dann wische ich mir noch mit dem Handrücken über den Mund und pfeffere die High Heels in die Ecke. Schon besser. Jetzt ist es eher Sex and the City, anstatt Die Frauen von Stepford. Ich bin zufrieden.

»Essen«, brülle ich durch die Wohnung, und alle strömen aus ihren Zimmern ins Wohnzimmer.

»Wow, der Baum sieht ja toll aus!«

»Und der Tisch, wann hast du angefangen zu kochen? Vor vierzehn Tagen?

»Geschenke!«

Alle rufen durcheinander, nur Rüdiger ist wie immer ruhig, aber an seinem Lächeln sehe ich, dass auch er sich freut. »Sieht cool aus«, sagt er anerkennend.

Ein Glücksgefühl steigt in mir hoch. Michael Bublé singt Holly Jolly Christmas, und das Essen steht dampfend auf dem Tisch. Sogar einen Adventskranz habe ich noch gebastelt. Natürlich hat es auch da die obligatorischen Dekotipps von Dennis gegeben. Mintfarbene Kerzen, Rosa Schleifen und Kugeln in Mint und Rosa schmücken die Tannenzweige.

»So, jetzt erklär mal, was gibt es zu essen?«

»Klar, dass du wieder zuerst fragst, Isa«, grinse ich.

»Also, für die Fleischesser unter uns gibt es einen Rinderbraten in Rotweinsauce, für die anderen Linsenbraten, auch mit Rotweinsauce. Dazu habe ich Klöße selbst gemacht, Rotkohl gekocht und Rosenkohl in Honig karamellisiert.«

 

Ich komme kaum mit dem Nachfüllen hinterher, so schnell verschlingen Dennis, Kati, Isa und Rüdiger die Hauptspeise. Auch die Flasche Sekt zum Aperitif, die zwei Flaschen Rotwein und den Nachtisch, eine etwas angebrannte, aber leckere Crème Brûlée, sind gefühlt in Sekunden weg. Jetzt sitzen wir alle bei Glühwein und Keksen unterm Weihnachtsbaum auf dem Boden.

»Ich habe euch ja gesagt, dass wir für ein richtiges Weihnachtsfeeling auch ein bisschen Programm brauchen. Gedichte und Musik. Wer will anfangen?«, versuche ich meine vollgegessenen Partygäste zu motivieren.

Dennis guckt verstohlen auf die Uhr. »Wollen wir damit nicht noch ein bisschen warten?«

»Auf was sollen wir denn warten? Auf das Christkind?« Ich lache.

Kati steht etwas schwankend auf, das Glühweinglas noch in der Hand, und nuschelt etwas von »dann hab ich’s hinter mir«, unterbrochen von einem hartnäckigen Schluckauf. Ich muss jetzt schon grinsen.

»Advent, Advent,

ein Lichtlein brennt.

Erst eins, dann zwei,

dann drei, dann vier,

dann steht das Christkind vor der Tür.«

Wir alle ergänzen grölend:

»Und wenn die fünfte Kerze brennt,

dann hast du Weihnachten verpennt!«

Wir klatschen und johlen, und Kati läuft rot an. Sie setzt sich schnell wieder hin, nicht ohne sich ein weiteres Glas Glühwein einzuschenken.

Ich stehe auf und hole mein altes Keyboard aus meinem Zimmer. Ich bin froh, dass ich wenigstens gestern noch mal geübt habe. Erstaunlicherweise haben meine Finger von ganz allein ihren Weg auf den Tasten gefunden, obwohl ich seit Jahren nicht mehr gespielt habe.

Nach ein paar einleitenden Akkorden erkennen alle die Melodie von Stille Nacht, Heilige Nacht, und zum Schluss singen wir alle mit.

»Wisst ihr eigentlich, dass Stille Nacht das bekannteste Weihnachtslied der Welt ist und in über 300 Sprachen übersetzt wurde?«

»Ähm, nein Rüdiger, das wussten wir sicherlich noch nicht.« Dennis guckt mich Hilfe suchend an und macht mit der Hand eine Plappergeste.

Ich grinse.

»Ein Pastor und ein Organist aus dem Salzburger Land haben das Lied zusammen erfunden, in einer Zeit, die für die Leute sehr schwierig war. Napoleon hatte Europa mit seinen Feldzügen ganz schön geschleift und …«

»So, jetzt bin ich dran. Nicht, dass ihr gleich alle zu betrunken seid, um den Zauber meiner Darbietung zu würdigen!« Dennis guckt Isa erleichtert an, die bereits aufgestanden ist und in den Flur geht.

Rüdiger schüttelt nachsichtig lächelnd den Kopf und murmelt: »Kulturbanausen.«

Da kommt sie auch schon zurück. Bepackt mit einem Verstärker und ihrer Gitarrentasche.

Ich ahne Schlimmes.