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Ein Kampf um Rom schildert den Untergang des ostgotischen Reiches im 6. Jahrhundert: Nach Theoderichs Tod kollidieren Goten und Justinians Ostrom unter Belisar und Narses. Dahn verschränkt Schlachtbilder, Hofintrigen und tragische Liebesgeschichten; Gestalten wie Amalasuntha, Witiges, Totila und Teja treten neben markante Romanfiguren. Der Ton ist pathetisch und archaisierend, die Anlage episch-breit, zugleich getragen von genauer Quellenlektüre (etwa Prokopios). Im Mittelpunkt steht die Frage nach Treue, Herrschaft und Schicksal im Strudel des Staatszerfalls. Felix Dahn (1834–1912), Jurist und Historiker der Völkerwanderungszeit, verband Forschung und Dichtung. Aus der Lektüre von Prokopios, Jordanes und Cassiodor gewann er Stoff und Deutung, die er in erzählische Bilder übersetzte. Entstanden im nationalen Aufbruchsdenken des 19. Jahrhunderts, spiegelt der Roman Bewunderung für "germanische" Tugenden, Skepsis gegenüber spätantiker Dekadenz und das Interesse an Gründungs- und Untergangsmythen. Empfehlenswert für Leserinnen und Leser, die Spätantike als Erfahrungsraum suchen: für Freundinnen großer Historienromane, für Interessierte an Ideengeschichte und an der Literatur der Nationenbildung. Wer die ideologische Färbung mitdenkt, erhält ein packendes, quellenbewusstes Panorama des Gotenkriegs – ein Schlüsseltext, um die Faszination und Ambivalenz deutscher Historienprosa des 19. Jahrhunderts zu begreifen. Quickie Classics fasst zeitlose Werke präzise zusammen, bewahrt die Stimme des Autors und hält die Prosa klar, schnell und gut lesbar – destilliert, niemals verwässert. Extras der erweiterten Ausgabe: Einführung · Zusammenfassung · Historischer Kontext · Kurze Analyse · 4 Reflexionsfragen · Redaktionelle Fußnoten.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Macht vergeht, doch die Sehnsucht nach Rom bleibt. Felix Dahns Ein Kampf um Rom ist ein historischer Roman, der den dramatischen Umbruch des 6. Jahrhunderts in Italien literarisch verdichtet. Zwischen zerbröckelnder gotischer Herrschaft und dem erneuten Anspruch des Oströmischen Reiches entfaltet sich eine Erzählung von politischen Entscheidungen, persönlichen Loyalitäten und der Anziehungskraft eines Namens, der als Idee über Städten und Heeren steht. Das Buch führt an Küsten, in Residenzen und auf Schlachtfelder, ohne seine Figuren auf bloße Allegorien zu reduzieren. Es verspricht große Geschichte und konkrete Schicksale, getragen von einer Stimme, die Pathos und Beobachtungslust verbindet.
Erstmals 1876 veröffentlicht, verankert sich das Werk im literarischen Interesse des 19. Jahrhunderts an Vergangenheit und politischem Übergang, zugleich aber in einer Spätantike, die archaisch und modern wirkt. Dahn siedelt die Handlung in Italien an: in Rom als Symbol, in Ravenna als Machtzentrum, in Städten und Landschaften, deren Wege Handel, Heerzüge und Glaubensfragen kreuzen. Der Roman gehört damit klar in das Genre des historischen Romans, der Faktenhintergrund und Dichtung verbindet, ohne den Charakter eines Geschichtslehrbuchs anzunehmen. Stattdessen entsteht ein erzählerischer Raum, in dem historische Konstellationen anschaulich werden und individuelle Entscheidungen greifbar bleiben.
Im Mittelpunkt steht eine Phase, in der das ostgotische Königtum an inneren Spannungen leidet und die oströmische Regierung die Rückgewinnung italienischer Provinzen betreibt. Ratsversammlungen, Feldzüge und Botenfahrten bilden die Kulissen, vor denen sich Bündnisse formen und zerfallen. Leserinnen und Leser lernen Würdenträger, Krieger und Bürger kennen, deren Loyalitäten zwischen Reichsidee, Stammesbindung und persönlicher Ehre schwanken. Ohne intime Hinterzimmerintrigen auszubreiten, zeigt die Erzählung öffentliche Entscheidungen und deren unmittelbare Folgen. Die Ausgangslage ist dadurch klar, die Perspektiven sind vielfältig, und der Konflikt erhält früh eine verständliche Struktur, die Neugier und Anteilnahme gleichermaßen weckt.
Die Erzählstimme ist deutlich, bisweilen feierlich, und führt mit souveränem Blick durch Ratssäle, Kirchen und Lagerfeuer. Dahn zeichnet Schauplätze und Gebräuche mit bildhafter Konkretion, ohne sich in gelehrten Exkursen zu verlieren; die Sprache wirkt stellenweise archaisierend, bleibt jedoch zugänglich und rhythmisch. Schlachten und Verhandlungen sind so komponiert, dass Spannung entsteht, aber der Überblick gewahrt bleibt. Dialoge tragen oft die Argumente der Zeit, während Beschreibungen Wetter, Landschaft und Bauten als Mitspieler erkennen lassen. Der Ton balanciert zwischen Pathos und Nüchternheit, was dem Stoff Größe gibt und zugleich seine menschliche Maßstäblichkeit erhält.
Im Zentrum stehen Fragen nach Legitimität und Recht: Wer darf Rom beanspruchen, und worauf gründet sich dieser Anspruch – auf Tradition, auf militärische Stärke, auf Zustimmung? Das Buch zeigt, wie Ideen von Ordnung, Gerechtigkeit und Ruhm in Konflikten aufeinandertreffen, aber auch, wie Nähe, Treue und persönliche Verantwortung Entscheidungen lenken. Ebenso präsent sind kulturelle Begegnungen zwischen lateinischen und gotischen Lebensformen, zwischen höfischen Sitten und militärischer Pragmatik, zwischen religiöser Autorität und politischer Zweckmäßigkeit. Diese Themen strukturieren die Handlung und öffnen Räume für Reflexion, ohne die erzählerische Bewegung in Dogmatik oder eindeutige Parteinahme zu zwingen.
Heutige Leserinnen und Leser finden darin eine anschauliche Studie über den Wandel politischer Ordnungen und über die Beharrungskraft von Symbolen. Fragen nach Zugehörigkeit, nach Loyalität in Krisen und nach der Sprache von Macht wirken in aktuellen Debatten fort; das Buch liefert Anschauungsmaterial, wie Narrative Legitimität erzeugen, Identitäten formen und Handlungen motivieren. Gleichzeitig sensibilisiert es für die Perspektivgebundenheit historischer Darstellung und dafür, wie Erinnerungspolitik Erwartungen lenkt. Wer sich auf diese Ebenen einlässt, entdeckt im historischen Stoff kein fernes Tableau, sondern ein Spiegelkabinett, das Muster kollektiven Handelns und individuelle Entscheidungen nachvollziehbar macht.
Ein Kampf um Rom bietet damit ein Panorama, das große Linien der Geschichte mit der Nahsicht auf Menschen verbindet, die unter Druck handeln. Der Roman belohnt langsames Lesen: Motive, Bilder und wiederkehrende Konstellationen fügen sich zu einem Gewebe, das die Tragweite von Entscheidungen fühlbar macht. Wer historische Stoffe mit erzählerischer Energie sucht, wird fündig; wer nach Anknüpfungspunkten für heutige Fragen von Macht, Recht und Zusammenleben sucht, ebenso. So bleibt das Buch nicht nur ein Dokument literarischer Historisierung, sondern eine Einladung, in der Spannung von Kontinuität und Bruch die eigene Gegenwart zu befragen.
Ein Kampf um Rom ist ein historischer Roman von Felix Dahn, erstmals 1876 erschienen. Das Werk spielt im Italien des 6. Jahrhunderts und zeichnet den Machtkampf nach dem Tod Theoderichs des Großen nach. Im Zentrum stehen die Spannungen zwischen den Ostgoten, der römischen Senatorenaristokratie in der Stadt Rom und dem oströmischen Reich unter Kaiser Justinian. Dahn verbindet gelehrte Anlehnung an Quellen mit dramatischer Erzählung, um Bündnisse, Feldzüge und Hofintrigen zu bündeln, die das fragile Gleichgewicht der Halbinsel bedrohen. Aus wechselnden Blickwinkeln beleuchtet die Darstellung konkurrierende Legitimitätsansprüche und die Kosten imperialer Ambitionen im Umbruch der Spätantike.
Zu Beginn zeigt der Roman die Zersplitterung der gotischen Herrschaft nach der starken Hand Theoderichs. Unsichere Nachfolgeregelungen, Rivalitäten am Königshof und unterschiedliche Vorstellungen von Regierung schwächen das Reich. Der römische Senator Cethegus formiert in der Stadt Rom eine Partei, die eine Wiederherstellung römischer Selbstbestimmung anstrebt und geschickt Zwietracht unter den Goten nutzt. In Konstantinopel wächst der Wille, Italiens Schlüsselstellung zurückzugewinnen; Justinians Strategen prüfen die Gelegenheit, militärisch einzugreifen. Die Entsendung erfahrener Kommandeure markiert einen frühen Wendepunkt: Aus latenter Bedrohung wird offene Konkurrenz um Herrschaft, die diplomatische Finten mit zupackender Kriegführung verbindet und die bisherigen Kräfteverhältnisse sichtbar verschiebt.
Auf gotischer Seite rücken Gestalten wie der pragmatische Heerführer Witichis und der düstere Krieger Teja in den Vordergrund. Ihre Welt ist von Loyalität, Ehre und der Erinnerung an Theoderichs Ordnung geprägt, zugleich von wachsender Verunsicherung über den richtigen Kurs. Die Figur Mataswintha verkörpert dynastische Hoffnung und politische Versuchung zugleich; ihre Stellung verknüpft private Bindungen mit Staatsräson. Im Ringen zwischen vorsichtiger Konsolidierung und kühner Offensive mündet die Suche nach Geschlossenheit in eine erzwungene Königswahl. Dieser Schritt schafft kurzfristige Bindungskraft, legt aber auch innere Bruchlinien frei, an denen Gegner ansetzen können, und bereitet ein Klima vor, in dem Verrat verführerisch wird.
Mit dem Eintritt oströmischer Truppen verlagern sich die Konflikte in Städte und Festungen, vor allem nach Rom. Belagerungen, Ausfälle und Versorgungskrisen machen die Zivilbevölkerung zum Spielball strategischer Entscheidungen. Cethegus nutzt den Druck von außen, um innerhalb der Mauern Fronten zu verschieben, Bündnisse zu schließen und wieder zu lösen. Sein Ränkespiel trifft auf die Entschlossenheit einzelner gotischer Kommandeure, die mit knappen Mitteln Stand halten. Ein taktischer Erfolg kippt durch eine unerwartete Wendung in ein Patt, das beide Seiten zermürbt. Der Roman akzentuiert hier das Wechselspiel von Mut, List und Hunger, ohne die endgültige Entscheidung dieser Auseinandersetzung vorwegzunehmen.
Nach frühen Erfolgen der kaiserlichen Waffen kehrt das Kriegsglück, als charismatische gotische Führer neue Energie freisetzen. Totila tritt als militärisches und soziales Talent hervor, der Disziplin fordert, Gerechtigkeit inszeniert und damit Anhänger gewinnt. Feldzüge werden beweglicher, Städte wechseln die Seiten, und Italien wird von Märschen, Entsatzmanövern und wechselnden Garnisonen verwüstet. Dahn stellt dabei Gewissensfragen in den Vordergrund: Wieviel Härte ist im Namen der Ordnung erlaubt, und wie weit trägt Milde im Krieg? Die Spannweite reicht von ritterlichem Ethos bis zu rücksichtsloser Zweckmäßigkeit; beide Modelle gewinnen situativ, ohne einen dauerhaften Ausweg zu eröffnen.
Als der Konflikt sich zieht, passen die kaiserlichen Strategen ihre Mittel an und setzen auf verlässliche Logistik, Bündnisse mit Föderaten und einen anderen Führungsstil. Das Auftreten neuer Befehlshaber verlagert Schwerpunkte und zwingt die Goten, verstreute Kräfte zu bündeln. Persönliche Tragödien verdichten das große Ringen: Heldenfiguren werden an Grenzen geführt, Entscheidungen im Schatten drohender Niederlagen fallen schwer. Die Erzählung zeichnet einen Ton der Unumkehrbarkeit, in dem eine Kultur um ihr Fortbestehen kämpft und zugleich von innerer Müdigkeit bedroht ist. Zugleich bleibt offen, wie sich die letzten Kräfte sammeln und welche Opfer letztlich unvermeidbar werden.
Insgesamt entfaltet der Roman ein Panorama der Spätantike, in dem Staatskunst, Loyalität und Identität aufeinanderprallen. Leitend sind Fragen nach rechtmäßiger Herrschaft, nach der Bindekraft von Tradition und nach der moralischen Bilanz militärischer Klugheit. Dahn verbindet eine romantisch geprägte Bewunderung für heroische Haltung mit kritischen Szenen politischer Berechnung. Als 1876 erschienener Beitrag zur deutschsprachigen Historienliteratur prägte das Buch populäre Vorstellungen vom Untergang eines Reiches und von der Reibung zwischen römischem Erbe und germanischer Eigenart. Die nachhaltige Wirkung liegt in seiner eindringlichen Darstellung des Übergangs, während der Ausgang der Kämpfe im Text schrittweise, nicht vorwegnehmend, entfaltet wird.
Ein Kampf um Rom spielt im Italien des 6. Jahrhunderts, vor allem in Rom, Ravenna und auf der gesamten Halbinsel. Politisch prägten drei Institutionen die Bühne: das Ostgotenreich als militärisch dominierte Herrschaft über eine mehrheitlich romanische Bevölkerung, die oströmische (byzantinische) Kaiserherrschaft mit Zentrum Konstantinopel sowie Senat und Papsttum in Rom. Konfessionell standen sich der arianische Glaube der Goten und der chalcedonische Katholizismus der römischen Bevölkerung gegenüber. Verwaltung und Recht stützten sich weiterhin auf spätrömische Strukturen, während gotische Heerkönige und Adelsgeschlechter die militärische Gewalt ausübten. Diese Spannungen geben den historischen Rahmen des Romans.
Voraussetzung der Romanhandlung ist die Herrschaft Theoderichs des Großen (493–526), der nach dem Sturz Odoakers Ravenna zur Hauptstadt machte. Er bewahrte römische Verwaltung, förderte Beamte wie Cassiodor und tolerierte konfessionelle Vielfalt, während die Ostgoten arianisch blieben. Der Senat behielt repräsentative Funktionen, und Ravenna fungierte als Residenz- und Militärzentrum. Spannungen zeigten sich dennoch: 524/525 wurden Boethius und Symmachus hingerichtet. Nach Theoderichs Tod führte die Regentschaft seiner Tochter Amalasuntha zu Machtkämpfen; ihr Cousin Theodahad gewann Einfluss. 535 wurde Amalasuntha ermordet. Der Machtzerfall des ostgotischen Königshauses und die Verunsicherung der römischen Oberschicht bilden einen zentralen geschichtlichen Hintergrund, den das Werk aufgreift.
Unter Kaiser Justinian I. verfolgte das Oströmische Reich die renovatio imperii, die Wiederherstellung kaiserlicher Herrschaft im Westen. Rechts- und Verwaltungsreformen kulminierten im Corpus Iuris Civilis (529–534). 532 wurde in Konstantinopel der Nika-Aufstand niedergeschlagen. Militärisch leitete Justinian eine Serie von Rückeroberungen: 533/534 besiegte Belisar das Vandalenreich in Nordafrika. Der Mord an Amalasuntha lieferte 535 einen Anlass, auch in Italien zu intervenieren. Diplomatie, Propaganda und das Versprechen, die legitime Ordnung zu sichern, flankierten den Feldzug. Der Konflikt, als Gotenkrieg (535–554) bekannt, wurde zu einem langwierigen Ringen um Städte, Versorgungslinien, Loyalitäten und Ressourcenströme.
Die ersten Kriegsjahre sind durch Belisars Vorstoß geprägt. 535 nahm er Sizilien, 536 nach schwerer Belagerung Neapel und zog in Rom ein. 537–538 belagerten ostgotische Truppen unter Witichis die Stadt, scheiterten jedoch. 540 fiel Ravenna an Belisar, nachdem er mit Teilen der gotischen Elite verhandelt hatte. Kurz darauf schwächten Personalwechsel und die Justinianische Pest (541/542) die Schlagkraft des Reiches. Die gotische Führung reorganisierte sich, sodass der Konflikt erneut entflammte. Diese Abfolge von Belagerungen, wechselnden Befehlshabern und erschöpften Ressourcen bildet den historischen Kern der turbulenten mittleren Romanteile. Die Wasserversorgung Roms wurde durch gekappte Aquädukte beeinträchtigt.
Mit Totila (reg. 541–552) erlebten die Ostgoten eine militärische Wiedererstarkung. Er gewann in schneller Folge Städte zurück, eroberte Rom zeitweilig und bemühte sich, die Landbevölkerung für sich zu gewinnen. 551 entsandte Justinian den Feldherrn Narses mit einem großen Heer nach Italien. 552 schlug Narses Totila bei Busta Gallorum (Taginae), Totila fiel in der Schlacht. Kurz darauf fiel auch Teja (Teias) bei Mons Lactarius. 554 ordnete die Pragmatic Sanction Italiens Stellung im Reich neu. Die Kämpfe hatten weite Landstriche verwüstet, Verkehrswege unterbrochen und die städtische Infrastruktur, darunter Aquädukte, schwer und nachhaltig beschädigt.
Konfessionelle und institutionelle Konflikte begleiteten die Politik. Die arianische Religion der Ostgoten stand der katholischen Lehre der meisten Einwohner gegenüber, ohne dass dies stets offene Verfolgung bedeutete. Das Papsttum rang zugleich mit byzantinischem Einfluss: Papst Silverius wurde 537 abgesetzt, Vigilius folgte unter starkem Druck und rang in der sogenannten Drei-Kapitel-Kontroverse mit Konstantinopel, die 553 auf dem Zweiten Konzil von Konstantinopel verhandelt wurde. Der römische Senat verlor durch Krieg und Repression an Gewicht. Die wechselnden Loyalitäten der Aristokratie und des Offizierskorps prägten die politische Dynamik und spiegeln sich in den Handlungsbeziehungen.
Langfristig markierte der Gotenkrieg den Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter in Italien. Wirtschaftliche Netzwerke wurden unterbrochen, die Bevölkerung schrumpfte in manchen Regionen, und die Urbanität vieler Städte litt unter den Verwüstungen. Nach einer kurzen Phase byzantinischer Konsolidierung folgte 568 die Invasion der Langobarden, die ein eigenes Königreich etablierten und die kaiserliche Herrschaft auf Restgebiete wie das Exarchat von Ravenna zurückdrängten. Das Papsttum gewann in der Folge schrittweise an politischem Handlungsspielraum. Diese Entwicklungen bilden den weiteren historischen Horizont, vor dem der Roman die Tragweite der Kämpfe um Rom und Italien sichtbar macht.
Felix Dahns Ein Kampf um Rom erschien 1876 im Deutschen Kaiserreich und erreichte ein Massenpublikum. Der Autor war Jurist und Historiker; seine populären Darstellungen germanischer Frühgeschichte prägten die Lesart des Romans. Zeitgenössische und spätere Leser sahen darin häufig ein nationalistisches Epos, das germanische Identität und Staatlichkeit betont. Das Werk popularisierte ein Bild der Goten als Vorfahren deutscher Völker und verknüpfte Gelehrsamkeit mit dramatisierender Erzählung. Vor dem Hintergrund von Reichsgründung und Kulturkämpfen wurde der Roman als Kommentar zur Frage politischer Einheit, rechtlicher Kontinuität und kultureller Zugehörigkeit rezipiert, wobei Ereignisse des 6. Jahrhunderts das Gerüst bilden.
Inhaltsverzeichnis
«Dietericus de Berne, de quocantant rustici usque hodie.»
Inhaltsverzeichnis
Es war eine schwüle Sommernacht; Gewitter flackerte über der Adria, der Wind rüttelte die Pinien auf der Hügelkette beim verfallenen Neptuntempel. Ein alter Mann saß unbeweglich auf der zweiten Stufe, Regen im silbernen Bart, starr nach Ravenna. Endlich erhob er sich: «Sie kommen.» Eine Fackel näherte sich, drei Männer stiegen hinauf. «Heil, Meister Hildebrand, Hildungs Sohn!» rief der Fackelträger, ein apollinisch schöner Jüngling in weißem Mantel, Lanze in der Hand. Hinter ihm folgte sein riesiger Bruder mit Wolfsschur und Keule, dann ein bedächtiger Krieger im Stahlhelm. Hildebrand fragte: «Wo bleibt der Vierte?» – «Er wollte allein gehen.» – «Da kommt er
Das Fackellicht enthüllte einen bleichen Jüngling mit schwarzen Locken, traurigen Augen, schwarzer Rüstung und langem Beil; er nickte nur, stellte sich hinter Hildebrand. Der Alte zog die Vier an die geborstene Säule: «Ich habe euch beschieden, weil ernste Worte müssen gesprochen werden… ihr schweigt von dieser Nacht.» Der Helmträger antwortete ruhig: «Rede.» – «Unser Reich steht am Abgrund.» Der Blonde rief: «Verzeih, haben wir nicht König Theoderich[1], das herrlichste Reich?» Hildebrand hob die Stimme, erzählte, wie er Theoderich als Knäblein trug, ihm Wunden wusch, Schilde hielt; jetzt liege der große Adler krank, Leib und Seele zerrüttet, nahe dem Tod; Erben: «Ein Weib und ein Kind.
Der Helmträger sagte: «Die Fürstin ist weise.» Hildebrand winkte ab: griechische Briefe, römische Reden, doch kein gotisches Herz. Der Blonde lachte: «Ich sehe keine Gefahr; Kaiser, Bischof, Franken, Italier – alle sind Freunde.» Helmkrieger nickte: «Justinus ist schwach.» – «Doch sein Neffe Justinian ist finster wie Nacht», zischte Hildebrand. «Er will Italien, und keine Spur eines Goten soll bleiben.» Der Riese brummte: «Wenn er kann.» Der Alte erinnerte an zwölfjährige Kämpfe mit Byzanz, warnte vor Welschen Verrat, schalt den Wahn, Italien sei Heimat. «Fremd sind wir ewig Barbaren!» Er wünschte, alle Römer wären erschlagen. Stille, dann fragte Totila ernst: «Und gar keine Freundschaft möglich
«Kein Friede zwischen den Söhnen des Gaut und dem Südvolk! … der Verschoner stirbt.» Hildebad brüllt: «Wohlan, so laß sie kommen, die Griechlein… so!» und zerschmettert mit der Keule den Marmor. Totila ruft: «Ja, sie sollen’s versuchen! Wenn diese undankbaren Römer uns verraten… sieh, Alter, wir haben Männer wie die Eichen.» Hildebrand nickt: «Ja, Hildebad ist sehr stark… aber dieses Südvolk kämpft von Türmen.» Er warnt vor Narses; Witichis erklärt ernst: «Ich kenne Narses.» Er preist des Königs Verbündete, doch Hildebrand spottt: «Nichts ist das alles… Wir haben Feinde ringsum und keinen Freund als uns selbst.
Sturm heult; Witichis hebt den Blick: «Groß ist die Gefahr… Geholfen muß werden.» Hildebrand lobt ihn, fordert Rat. Schweigen. Donner grollt über die morschen Säulen, der Tempel bebt. Er ruft Teja: «Warum schwiegst du bisher?» Teja antwortet: «Ich schweige, weil ich anders denke denn ihr.» Er hofft nicht; Witichis mahnt, Totila schreit: «Sollen wir, das Schwert in der Scheide, untergehen?» Teja erwidert: «Kämpfen wollen wir… Der Stern der Goten sinkt.» Totila will den König flehen, doch Hildebrand schüttelt den Kopf: der Herr ist müde. Hildebad plant zwei Heere; Witichis nennt fehlende Schiffe, Hildebrand die übermächtigen Franken.
Witichis rät zum Schwurbund; Hildebrand lehnt ab: «Nur die Goten können den Goten helfen.» Er entfacht sich: «Die Erde lieb’ ich… Eins aber bleibt dem Mann… die Liebe… zu dem Geschlechte, das da Goten heißt.» Haare flattern, Waffen knirschen. Teja bejaht die Glut, zweifelt an der Masse. «Sie kann es», ruft Hildebrand und erinnert an die Hungerschlucht am Hämus: Gras gekocht, Engpaß blockiert, kaiserlicher Bote bot Brot gegen das Ende der Sprache. Der König fragte, ob sie lieber sterben. Ein tausendstimmiger Schrei, Sturmangriff, Griechen fortgefegt. «Dies allein kann uns retten… Wollt ihr opfern, was ihr seid
"Ja, das will ich, ja, das kann ich!", rufen die vier Männer. Der Alte nickt. "Wohl. Aber Teja hat recht: nicht alle Goten fühlen es. Gelobt mir, ab heute euch und Volk mit dem Geist der Stunde zu erfüllen. Fremdglanz blendet viele; tragen griechische Kleider, römische Gedanken, schämen sich Barbaren zu heißen – wehe den Toren! Weckt Knaben mit Vätersagen, warnt Männer, hütet Schwestern vor Römern, opfert alles, damit Feinde am Fels zerschellen. Wollt ihr helfen?" – "Ja", antworten sie, "das wollen wir." Der Alte lächelt. "Ich glaube euch. Nicht um euch zu binden – Falsche hält kein Schwur –, Sitte gedeiht besser; folgt mir.
Inhaltsverzeichnis
Mit erhobener Fackel führte Hildebrand die fünf durch die verfallene Cella, über Stufen hinaus ins Nachtlicht. Unter der riesigen Steineiche ragten drei Speere, darauf ein aufgeklappter Rasengürtel, darunter Kessel und Flintmesser. Der Greis stieß die Fackel in die Erde, stellte sich in die Furche, deutete Schweigen, und die Männer legten eine Handkette. Dann rief er: "Höre mich, Erde, Wasser, Luft, Flamme! Fünf vom Stamm des Gaut stehen hier: Teja, Totila, Hildebad, Hildebrand, Witichis. Wir binden einen Bund – ein Hoffen, ein Hassen, ein Lieben – wir träufeln unser Blut als Blutsbrüder." Mit dem Steinmesser ritzt er jeden Arm, rotes Blut tropft in den Kessel.
Er hebt die Stimme: "Wir schwören, Haus, Hof und Leben den Goten zu weihen. Wer sich weigert, dessen Blut soll fließen wie dieses Wasser!" Die fünf treten heraus; er kippt den Kessel, schlägt die Speere, der Rasen kracht herab. Auf der Decke stehend spricht er den Fluch; die anderen antworten: "So soll ihm geschehen." Hildebrand löst die Hände, führt sie hinter den Stamm: dort gähnt ein offenes Grab, drei bleiche Skelette im Fackelschein. Er sagt leise: "Meine drei Söhne… sie starben hier vor dreißig Jahren." Dann beendet er: "Es ist genug." Totila, Hildebad und Witichis gehen schweigend zur Stadt, während Teja Wache hält.
Inhaltsverzeichnis
Unweit des Kalixtus-Kömeteriums versammelt sich in mondloser Nacht ein Trupp römischer Priester und Patrizier. Silverius, Archidiakon von Sankt Sebastian, führt sie sicher durch verwinkelte Katakomben, Tropfen platschen, Knochen klirren, doch die Männer lehnen gelassen an den feuchten Mauern. Bronzenes Lampenlicht zeichnet ein Halbrund, Wachposten stehen in Tunnelmündungen. Als alle eintreffen, mustert Silverius die Runde, tauscht Blicke mit einem hochgewachsenen Schweiger gegenüber, prüft die Deckung und hebt dann die Hand, um die heimliche Sitzung zu eröffnen. Stille erwartet sein Wort, während hinter ihnen der unterirdische Wind wie fernes Seufzen durch Schächte fährt. Niemand zeigt Furcht heute.
Silverius beginnt: „Geliebte im Namen des dreieinigen Gottes! Das Schwert Edoms schwebt über uns, doch wir vertrauen der Feuerwolke des Herrn. Unsere Wurzeln waren klein, heute wankt schon der Thron des Pharao.“ Der junge Licinius fährt dazwischen, wirft sein Sagum zurück, das Schwert blitzend: „Zur Sache, Priester! Was geschieht?“ Silverius blickt hart. „Ungeduld kann Glauben schwächen. Heute, Licinius, fügen wir ein neues, von Gott gesandtes Glied unserem Bund ein.“ Da fragt der besonnene Scävola, den Stab zwischen den Knien: „Sind die Bedingungen erfüllt? Wer bürgt?“ – „Ich bürge selbst“, antwortet der Archidiakon vor allen hier.
Er winkt den Ostiarii. Zwei Diener führen einen vermummten Mann vor. Silverius zieht die Kapuze zurück. „Albinus!“ gellt der Chor aus Überraschung und Zorn. Licinius greift ans Heft: „Ein Verräter!“ Scävola erhebt sich: „Beweise statt Schmähung. Albinus, gesteh: sahst du ungerührt, wie Boëthius und Symmachus litten, während du dich durch einen Eid und deine Flucht rettetest?“ Ein grollendes Murren füllt das Gewölbe, der Angeklagte zittert stumm. Silverius will sprechen, stutzt unter der Feindseligkeit und wendet sich hilfesuchend zu dem schweigenden Mann an der Wand. Sein Blick bittet: Rettet diesen Augenblick. Die Versammlung gärt vor Misstrauen.
Der Hochgewachsene, Purpursaum an der Toga, tritt gelassen in die Mitte. Stahlharte Muskeln, kaltes Auge, verächtliches Lächeln: Cethegus beherrscht den Raum. „Was hadert ihr? Wer den Zweck will, muß die Mittel wollen. Auch ich war ihr Freund, doch ich vergesse, um zu rächen. Albinus handelte auf meinen Rat. Der Sklave entschlüsselte Briefe, der Tyrann witterte Aufruhr; Folter hätte jeden Namen erpreßt. Der Eid verschaffte Zeit, die Papiere wurden verbrannt. Boëthius und Symmachus waren verloren, aber sie schwiegen. Ein Wunder zerriß Albinus’ Fesseln, er suchte Heiligtum, nun bringt er sein ganzes Vermögen. Millionen für den Bund.
Ein Schweigen folgt, nur Licinius knurrt: „Mir gefällt solche Klugheit nicht.“ Scävola bleibt hart: „Ich war Boëthius’ Freund. Hinweg mit dem Feigen!“ Ein Chor antwortet: „Hinweg!“ Albinus erbleicht, Silverius flüstert „Cethegus!“ Der Tribun schreitet zum Seitengang, nimmt eine verschleierte Gestalt bei der Hand. „Sie kann vergeben, glaubt euren Augen.“ Gegenwehr flüstert: „Ich verfluche ihn.“ – „Du willst es, weil ich es will.“ Der Schleier fällt: „Rusticiana!“ Entrüstung mischt sich mit Staunen. Scävola protestiert: „Ein Weib, das bricht die Gesetze!“ – „Die Gesetze dienen dem Bund“, erwidert Cethegus, legt die Hand der Witwe in die zitternde von Albinus.
Das Gewölbe beruhigt sich. Silverius erklärt: „Albinus ist Glied des Bundes.“ Scävola fragt leise: „Und sein Eid?“ – „Erzwungen, von der Kirche gelöst.“ Dann verteilt der Priester eilig Befehle: „Licinius, hier der Plan von Neapolis, zeichne ihn bis morgen, er geht an Belisar. Scävola, beantworte Theodoras Briefe. Calpurnius, überbringe eine halbe Million Solidi dem fränkischen Majordomus. Pomponius, prüfe diese Liste dalmatinischer Patrioten.“ Er verkündet düstere Nachrichten aus Ravenna, verheißt den nahen Sturz des Tyrannen und setzt das nächste Treffen auf die Iden fest. „Der Segen des Herrn sei mit euch.“ Fackeln führen die Verschworenen hinaus.
Inhaltsverzeichnis
Silverius führte Cethegus und Rusticiana durch die Krypta in sein an die Basilika gebautes Haus. Ein alter Sklave entzündete eine Lampe, drehte ein Marmorpanel, und lautlos schloss sich hinter den Gästen das Geheimzimmer. Unter Holzkreuz, Schemel und Goldsymbolen wirkte die frühere Bankettnische nun wie ein heimlicher Schrein. Cethegus ließ sich auf den niedrigen Lectus fallen, studierte flüchtig das Mosaik, während der Diakonus Wein und Früchte auf einen Bronzetisch stellte. Rusticiana, schön und gezeichnet von Leidenschaften, stützte sich auf die Platte, strich über die Stirn und fixierte den Mann schweigend, bis ihre Ungeduld explodierte, inwardly trembling.
»Mensch, sage, sage, Mann, welche Gewalt du über mich hast? Ich liebe dich nicht mehr. Ich sollte dich hassen. Ich hasse dich auch. Und doch muß ich dir folgen willenlos. Wie der Vogel dem Auge der Schlange. Und du legst meine Hand, diese Hand, in die Hand jenes Schurken. Sage, du Frevler, welches ist diese Macht?« bricht sie los. Cethegus hebt kaum die Brauen: »Gewohnheit, Rusticiana, Gewohnheit.« Die Antwort entfacht ein neues Feuer; sie schildert Jugendbewunderung, gespielte Küsse, Sünde, vergebene Schuld, erkaltetes Blut und endet mit dem Aufschrei: »…blindlings deinem dämonischen Willen folgen muß – das ist eine Torheit zum Lautauflachen.
Cethegus nippt an seinem Pokal. »Du bist ungerecht, Rusticiana, und unklar. Du mischest die Spiele des Eros in die Werke der Eris und der Erinnyen. Ich war Freund des Boëthius, obwohl ich sein Weib küßte. Ich hasse die Goten, habe Willen und Fähigkeit, dir Rache zu verschaffen. Deine Schärfe ersinnt Pläne, deine Heftigkeit zerstört sie. Darum folge kühler Leitung. Das ist alles. – Aber jetzt geh. Deine Sklavin glaubt dich in der Beichte. Grüße mir Kamilla und lebe wohl.« Er führt sie zur Tür; sie nickt Silverius, wirft Cethegus einen letzten suchenden Blick zu und verschwindet.
Silverius hält inne: »Sonderbarer Kampf mit diesem Weibe.« – »Nicht sonderbar. Aber, was gibt's zu tun?« Cethegus lehnt sich zurück. Dokumente gleiten über den Tisch. »Diesmal gilt es vor allem, das Vermögen des Albinus festzustellen… Wir brauchen … Geld, viel Geld«, sagt der Diakonus. »Geldsachen sind dein Gebiet«, antwortet der andere trinkend. Silverius fährt fort: »Ferner müssen die einflußreichen Männer auf Sizilien, in Neapolis und Apulien gewonnen werden.« – »Gib her«, knackt Cethegus einen persischen Apfel. Nach einer Stunde sind Listen, Briefe und Kassenpläne geordnet und im Geheimfach hinter dem Kreuz verborgen. Die Lampe flackert, doch ihr Eifer bleibt hell.
Silverius reibt sich die Augen: »Nein, im Ernst, Cethegus, du bist mir auch sonst ein Rätsel.« – »Das will ich hoffen.« – »Hältst du dich für so überlegen?« – »Ganz und gar nicht… nur tief genug, ein Rätsel zu sein.« Der Priester nennt Beweggründe der Mitverschwörer; Cethegus murmelt »Natürlich« und spottet: »Und das ist sehr unbequem, nicht wahr?« Sie einigen sich: »Daß die Barbaren fort müssen.« Beim Abschied erhebt Cethegus den Becher: »Wehe den Barbaren!« – »Ein höchst bedeutendes Werkzeug!« denkt Silverius. Heimwärts schreitet Cethegus, begrüßt das Wetterleuchten, öffnet die versiegelte Tafel: »Unser Herr und König liegt im Sterben… Eile sogleich nach Ravenna.
Inhaltsverzeichnis
Schwüle Beklemmung liegt über der riesigen, halb verfallenen, halb erneuerten Cäsarenburg von Ravenna; Spinnweben verhüllen Honorius’ Bäder, Eidechsen huschen durch Placidias Toilettenzimmer, während in den Mosaikhallen gotische Rosse schnauben. Die Kriegsleute haben Mauern eingerissen und Nachbarhäuser verschmolzen, so daß die Festung wie das Reich wirkt: zugleich roh, glanzvoll, unfertig. Heute drückt das Dunkel noch schwerer; der große Dietrich von Bern[2], Heros zweier Welten, liegt im Sterben. Ärzte haben das Urteil gesprochen, die Nachricht ist durch die Stadt gefahren; Trauer, Furcht und bange Erwartung halten Goten und Italier im Atem, denn ihre Sonne verlischt.
Seit Morgengrauen jagen Boten vom Palast, Bürger drängen sich auf Straßen und Plätzen, flüstern Neuigkeiten, blicken nach vornehmen Heimkehrern. Frauen hocken auf Türschwellen, Bauern aus den Dörfern strömen herein, besonders weinende Goten. Cassiodorus hat Ordnung geboten: alle Zugänge sind verriegelt, ein Reiterzug steht vor dem Forum Honori, Schildträger lagern stumm auf den Marmorstufen des Hauptportals. Nur Cyprian und Witichis dürfen Eintritt gewähren. Cyprian hebt für Cethegus den Vorhang. Schweigend geht der Patrizier durch Trinkhalle und Korridore, sieht junge Führer flüstern, alte Waffenbrüder weinen, einen Kaufmann laut schluchzen; er schweift mit frostigem, gleichgültig Blick daran vorbei.
Im Gesandtensaal beraten die herzöglichen Balten Thulun, Ibba, Pitza sowie Hildebad und Teja über Thronwechsel und Italiens Schicksal; feindselige Augen verfolgen den Römer, doch er hebt nur den Wollvorhang. Im Vorzimmer steht Amalaswintha, tief verschleiert, stolz und reglos vor Urkunden; an ihrem Arm hängt der kränkliche siebzehnjährige Erbe Athalarich; weiter, am Fenster, träumt die überragend schöne Mataswintha, deren rotgoldenes Haar wie Feuer glänzt. Die schiere Wucht dieser Schönheit läßt sogar Cethegus’ erkaltetes Herz kurz schlagen. Zugleich eilt Cassiodor, der graue Minister, herbei, ehrenvoll und doch verzweifelt, Tränen im milden Gesicht, um den Ankommenden zu begrüßen.
Er stützt sich an Cethegus’ Schulter. „Welch ein Tag!“ stöhnt er. „Ein verhängnisvoller Tag,“ antwortet jener ruhig. „Recht sprichst du, Patricius, und wie ein Römer.“ Amalaswintha löst Athalarichs Griff, tritt vor und sagt: „Sei gegrüßt.“ Cethegus verneigt sich: „Die Schülerin der Stoa bewährt an diesem Tage die Weisheit Zenos und eigene Kraft.“ Cassiodor verbessert: „Sagt lieber, die Gnade Gottes kräftigt ihre Seele wunderbar.“ Die Königin nickt und beginnt die Verhandlung; doch vorher bewundert sie den Mann: „Du bist derselbe Cethegus, der die ersten zwei Gesänge der Äneis ins Griechische setzte!“ Der Römer lächelt bei diesem schmeichelnden Erinnern, damit ihr Stolz sich in Stunde erhoben fühle.
Cethegus lächelt: „Indandum renovare jubes, regina, dolorem. Eine Jugendsünde. Ich verbrannte alle Abschriften, sobald Tullias Fassung erschien.“ Sie zeigt kaum, daß sie ihr Pseudonym verraten glaubt, und fährt ernst fort: „Du weißt, wie es steht. Die Atemzüge meines Vaters sind gezählt. Ich führe Regentschaft, bis Athalarich mündig wird.“ – „So will es der König, Goten und Römer stimmten zu“, bestätigt Cethegus. „Die rohen Männer verachten die Herrschaft eines Weibes“, mahnt sie. Cassiodor fügt an: „Es widerspricht dem Staatsrecht beider Völker.“ Cethegus murmelt: „Die undankbaren Rebellen!“ Amalaswintha seufzt: „Ich fürchte – Rom und die Römer.“ Cassiodor ergänzt: „Wir rechnen mit Aufruhr: Anschluß an Byzanz oder Kaiser.
„Darum muß ein entschlossener, mir ergebener Mann Rom vorab sichern,“ erklärt sie. „Willst du übernehmen?“ Während er den goldenen Griffel aufhebt, rasen Gedanken: Verrat? Chance? Doch er richtet sich und sagt fest: „Königin, ich übernehme das Geschäft.“ – „Das ist gut,“ ruft sie, Cassiodor drückt seine Hand. Cethegus: „Hat Cassiodor mich genannt, bewies er Menschenkenntnis. Ich gestehe, Barbaren – verzeih – sehe ich ungern in Italien herrschen.“ – „Dieser Freimut ehrt dich.“ – „Beatus ille qui procul negotiis,“ seufzt er, „doch sollen die Weisen regieren. Ich opfere dir meine Muße, stehe dir für Rom mit meinem Kopf.“ – „Hier liegen die Vollmachten.
Er überfliegt die Pergamente. „Hier fehlt die Unterschrift des jungen Königs.“ Amalaswintha taucht die Purpurfeder: „Komm, schreibe deinen Namen, mein Sohn.“ Athalarich richtet sich, das Gesicht fiebrig gerötet: „Nein! Ich schreibe nicht. Nicht bloß, weil ich diesem kalten Römer nicht traue; nein, ich traue dir gar nicht, stolzer Mann! Hinter jenen Vorhängen stirbt der größte Held, und ihr Zwerge greift schon nach seiner Krone. Schämt euch eurer Fühllosigkeit!“ Er kehrt ihnen den Rücken, schreitet zum Fenster, legt den Arm um Mataswintha und streicht behutsam über ihre funkelnde Mähne, während seine Brust vor Zorn heftig bebt.
Eine Weile schweigt er. Mataswintha erwacht aus dem Traum, packt seinen Arm und flüstert: „Athalarich, wer ist der Mann dort im blauen Stahlhelm, der eben um die Säule biegt? Sprich, wer ist es?“ – „Laß sehn,“ beugt er sich. „Der dort? Ei, das ist Graf Witichis, der Besieger der Gepiden, ein wackrer Held,“ entgegnet er und schildert dessen Taten. Cethegus blickt zur Fürstin; sie hebt die Hand: „Laß ihn!“ Da trennt sich der Vorhang. Elpidios, der griechische Arzt, meldet, der König sei erwacht und wünsche nur den alten Hildebrand an seiner Seite, in stiller Treue dort.
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Goldschwer lastet römischer Prunk an Wänden und Decke, doch mitten darin ruht der Gotenkönig auf rauem Eichengestell, Löwenfell zu seinen Füßen. Neben dem Schild steht Hildebrand, den Blick sorgend auf das majestätische, mager gewordene Gesicht. Theoderich lächelt, reicht ihm die Hand. "Alter Freund, lass uns Abschied nehmen." Der Waffenmeister kniet, will nicht aufstehen. "Sieh, ich muß sterben, heute noch, vor Nacht?" fragt der König. Hildebrand antwortet fest: "Ja, Gotenkönig, du wirst die Sonne nicht mehr sinken sehen." "Es ist gut", erwidert Theoderich ohne Zittern. "Der Grieche log von Tagen, mir bleibt wenig Zeit.
Hildebrand fragt: "Willst du die Priester rufen?" – "Nein, ich brauche sie nicht mehr; Gott und ich selbst genügen", sagt der Kranke. Er vertraut dem Gefährten seine Qual an. "Die Welschen reden von Reue wegen Boëthius und Symmachus." – "Ich verachte sie!" bricht Theoderich aus. "König: dein Erbe ist ein Kind, und Feinde sind nah", warnt Hildebrand. "Du triffst näher", bekennt der Herrscher, gesteht nächtliche Angst um Reich und Krone, dann seufzt: "Wessen Bild verfolgt mich?" – "Odoaker!", haucht er. Das Wort füllt den Raum, und beider Herz stockt, ehe Stille wie ein Messer fällt.
Hildebrand bricht los: "Was quälst du dich wie ein Weib? Die Schlacht hat Tausende gekostet; ein Schlag rettete zwei Völker. Ich hätt’ ihn siebenmal erschlagen!" Theoderich schüttelt den Kopf. "Das ist nichts. Er war der Einzige meinesgleichen. Kein Kreuz, kein Priester wäscht dieses Blut. Ich kann mich nicht verstecken." – "Glaubst du noch an Odin?" flüstert der Alte. "Nein; doch Walhall ist nichts für mich. Ich habe mich Gott geweiht: Er mag mein Haus zerschmettern, doch nicht das Volk der Goten." Frieden leuchtet auf. "Komm, hilf mir aufstehen. Gib mir Schwert, Helm, Lanze. So, ruf meine Tochter und Cassiodor.
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So stand der König, als die Vorhänge fielen. "Meine Tochter, sind die Briefe fertig?" – "Hier." – "An Justinus, an Justinianus – gut. Doch "Schutz" streich, "Freundschaft" reicht." Er hob die dritte Rolle. "An Theodora, die Tänzerin?" Cassiodor: "Sie lenkt ihren Gemahl." – "Ich schreibe keiner Dirne!" Er zerriss das Blatt. Zu Witichis: "Was tust du nach meinem Tod?" – "Ich mustere das Fußvolk." – "Wünsch dir etwas." – "Befrei den Kerkerwart, verbanne Folter." – "Erledigt. Nimm Wallada; gerätst du in Not, flüstere meinen Namen." Neapolis? "Totila." – "Ein sonniger Knabe!" Rom? "Cethegus." – "Sieh mich an; verrate Italien nicht. Kein Römer wird hier gedeihen.
"Was ist der Lärm?" – "Nichts, Vater." – "Auf die Türen!" Die Pforte öffnet sich, Awaren in Wolfsfellen knien. "Gesandte der Awaren, bringt ihr Tribut?" – "Pelze, Teppiche, Waffen, doch nächstes Jahr…" – "Ihr dachtet, ich sei tot. Irrt euch!" Er zerbricht ein Schwert: "Schlechte Klingen." Dann ruft er: "Athalarich, zeig ihnen meinen Speer." Der Junge schleudert, Schild und Holz zersplittern. "Geht heim und meldet, was ihr saht." Türen fallen zu. "Einen Becher ungemischten Wein! Ich trinke der Goten Heil." Er leert den Pokal, wankt, greift an die Brust, sinkt in Hildebrands Arme; alles schweigt, bis Athalarich aufschreit über der Leiche.
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«Wo wär’ die sel’ge Insel wohl zu finden?»Schiller, Wilhelm Tell
