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Das vorliegende Werk (unter seinem vollständigen Namen): »Claus Michael Naether: Ein Kontinent sucht die Freiheit. Afrika zwischen den Großmächten« ist 1968 im Fischer Taschenbuchverlag erschienen. Naether stellt die afrikanische Emanzipation (Schwerpunktländer: Südafrika, Ghana und Togo) im weltpolitischen Kontext dar. Neben der veränderten Afrikapolitik unter Kennedy, sowie der Afrikapolitik der Sowjetunion, Frankreichs und der beiden deutschen Staaten befasst er sich intensiv mit der chinesischen Afrikapolitik. Jean Ziegler schreibt im Originalvorwort von 1968: »Meines Wissens ist Naethers Buch der erste Versuch einer globalen Darstellung dieser an sich neuen Problematik. Naether ist meiner Ansicht nach – mit Duroselle – auch der einzige, der zur Explizierung seiner Thesen ein so genaues und umfangreiches Faktenmaterial gesammelt hat«. Naethers Werk ist heute nicht nur nach wie vor fachlich interessant, sondern auch als Zeitzeugenbericht eines Forschers, der zu dieser Aufbruchszeit in Afrika vor Ort war.
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Seitenzahl: 263
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Michael Naether: Ein Kontinent sucht die Freiheit Als E-Book veröffentlicht im heptagon Verlag © Berlin 2020 www.heptagon.de ISBN: 978-3-96024-018-1 Als Printbuch erschienen im Fischer Taschenbuch Verlag(mit altem vollem Autorennamen Claus Michael Naether) © Frankfurt am Main 1968
Michael Naether (1939–2006), Journalist und Autor, war Ende der 60er Jahre Kriegsberichterstatter in Afrika, danach Korrespondent u.a. in Lissabon und Madrid, Moskau und Paris, sowie Beobachter bei internationalen Konferenzen. In den 90er Jahren betrieb er einen Kinderzirkus am Berliner Wannsee, später ein Kindertheater am Potsdamer Platz, wo er jahrelang in einem Zirkuswagen lebte, direkt vor Augen die tiefgreifenden Veränderungen, die diese Gegend nach der Wende kennzeichneten: von der Brache zur neuen Mitte Berlins. Anschließend war Naether sehr aktiv in der Berliner Off-Theaterszene, er inszenierte, schrieb Theaterstücke und gab Seminare.
Aus seinem Nachlass sind zwei Werke im Regenbrecht-Verlag erschienen: der Roman »Fluch von Guernica« und der Kriminalroman »Potsdamer Straße, aufgeklärt«.
Das vorliegende Werk (unter seinem vollständigen Namen): »Claus Michael Naether: Ein Kontinent sucht die Freiheit. Afrika zwischen den Großmächten« ist 1968 im Fischer Taschenbuchverlag erschienen. Naether stellt die afrikanische Emanzipation (Schwerpunktländer: Südafrika, Ghana und Togo) im weltpolitischen Kontext dar. Neben der veränderten Afrikapolitik unter Kennedy, sowie der Afrikapolitik der Sowjetunion, Frankreichs und der beiden deutschen Staaten befasst er sich intensiv mit der chinesischen Afrikapolitik. Jean Ziegler schreibt im Originalvorwort von 1968: »Meines Wissens ist Naethers Buch der erste Versuch einer globalen Darstellung dieser an sich neuen Problematik. Naether ist meiner Ansicht nach – mit Duroselle – auch der einzige, der zur Explizierung seiner Thesen ein so genaues und umfangreiches Faktenmaterial gesammelt hat«. Naethers Werk ist heute nicht nur nach wie vor fachlich interessant, sondern auch als Zeitzeugenbericht eines Forschers, der zu dieser Aufbruchszeit in Afrika vor Ort war.
Aus afrikanischer Sicht muss jede amerikanische Afrikapolitik vorbelastet erscheinen – das amerikanische Bürgerrechtsproblem ist mit im Spiel. Skeptisch wird die Politik des technisch fortschrittlichsten Staates aufgenommen, dessen Gesellschaft einen gravierenden Schönheitsfehler aufweist: die weiße Hautfarbe als soziale Mimikry. In einer Botschaft an diese Nation, die »ihre Versprechen einlösen muss«, sollte John F. Kennedy eine kühle Bilanz der Ungleichheit ziehen:
»Das Negerbaby, das heute in Amerika, ganz gleich in welchem Gebiet dieses Landes, geboren wird, hat etwa die Hälfte der Chancen, die Oberschule zu besuchen, wie ein weißes Baby, das am gleichen Tag und am gleichen Ort geboren wurde; ein Drittel der Chancen, einen Beruf zu erlernen; doppelt soviel Chancen, arbeitslos zu werden, und ungefähr ein Siebentel der Chancen, im Jahr 10.000 Dollars zu verdienen; eine Lebenserwartung, die um sieben Jahre geringer ist, und etwa die Hälfte der Verdienstmöglichkeiten.«
In der nachkolonialen Ära mussten 90 Prozent des amerikanischen Volkes überlegen, unter welchen Vorzeichen das Verhältnis seiner Führung zu schwarzafrikanischen Regierungen stehen würde. Plötzlich sprachen Neger für einen ganzen Kontinent. Und dabei blickten sie auf ein Amerika, das die Möglichkeit, irgendwann einen schwarzen Präsidenten zu erhalten, wohl erst durch eine »political fiction« von Irving Wallace begriff: The Man – die schwarze Minderheit als interimistischer Senatspräsident vertretend, laut Formalverfassung die Nummer 4 in der amerikanischen Hierarchie, wird durch das Ausscheiden des herzkranken Vizepräsidenten und einen Doppelunfall, dem Präsident wie Senatspräsident erliegen, als erster Neger ins Weiße Haus geschleudert ...
Wäre indes ein zeitgenössischer Neger-Präsident denkbar, der die Umwälzung der amerikanischen Afrikapolitik von 1961/63 wiederaufnehmen oder neu beginnen könnte? Nirgendwo in der Entwicklungswelt, befand Arthur Schlesinger, »beschritt Kennedy so wirksam neue Wege wie in Afrika«. Im State Department war die Abteilung für Afrikanische Angelegenheiten befördert worden. Ihr Chef avancierte vom »Assistant Secretary of State« zu einem der Stellvertretenden Außenminister. Übrigens der erste Posten, der vom designierten Präsidenten besetzt wurde – mit dem bisherigen Gouverneur von Michigan, Mennen Williams, der als Exponent des »New Deal« und Bürgerrechtler hervorgetreten war. Von seiner ersten monatelangen Amtsreise zurückkehrend, war für einmal nicht von Infiltration und Subversion die Rede. Williams konnte über Erlebnisse sprechen. Von kongolesischen Schulkindern etwa, deren Chor Amerikas neuen Unterstaatssekretär auf einer entlegenen Missionsstation begrüßt hatte: »Nobody Knows the Trouble I’ve Seen ...«
Afrika? Nach Schlesinger hatte es bis anhin »nur am äußersten Rande des amerikanischen Bewusstseins existiert«.1 Washington, Monroe, Roosevelt, Hemingway – das war die Handvoll klingender Namen, die beim einfachen Amerikaner irgendwelche Afrikavorstellungen erwecken konnten. Hatten denn Neue Welt und Schwarzer Kontinent außer einem kolonialen Statussymbol, der Plantage, so wenig gemeinsam? Starrte der Kreis von neun weißen Amerikanern so gebannt auf den schwarzen Zehnten in ihrer Mitte, der an den USA mitgeschuftet hatte, dass sein afrikanischer Ursprung gar keine Rolle mehr spielte? In diesem Kreis hatte der Neger offenbar eher die Bedeutung eines historischen Schuldscheins als die eines Bindeglieds zwischen Amerika und Afrika angenommen. Zumal der große Reparationsversuch fehlgeschlagen war: Liberia, 1847 nach privatem Anstoß durch amerikanische Landkäufe an Westafrikas Küste entstanden, ein Retortenstaat mit einer von Harvard gelieferten Präsidialverfassung, mit einer binnenfremden Hauptstadt. Lange mussten die knapp 20.000 »repatriierten« Ex-Sklaven von Kanonenbooten der US-Marine davor bewahrt werden, das Schicksal unwillkommener Eindringlinge zu erleiden. Die Folgen dieser philanthropisch gedachten Kolonisation von Negro-Amerikanern waren Unterdrückung und Zwangsarbeit auf den Plantagen.
Die früheste amerikanische Pioniertat in Afrika, ebenfalls privater Natur, reichte jedoch in die Gründerjahre zurück. Aus blühenden Handelsbeziehungen eines wendigen Unternehmers zum marokkanischen Hofe war den USA das Debüt diplomatischer Anerkennung erwachsen. Am 1. Dezember 1788 sandte George Washington »unserem lieben und großherzigen Freund, Seiner Kaiserlichen Majestät, Beherrscher von Marokko« einen ersten Kurier. Mohamed III. sollte zur Kenntnis nehmen:
»Auf unserem Boden gibt es weder Gold- noch Silberminen, und unsere junge Nation, die gerade die Verwüstungen und die Verzweiflung eines langen Krieges überstanden hat, hat noch nicht Zeit gehabt, Reichtümer durch Landwirtschaft und Handel zu erringen. Aber unser Boden ist fruchtbar und unser Volk ist arbeitsam, und wir haben guten Grund, zu glauben, dass wir in der Zukunft unseren Freunden nützlich werden können.
Den Ansporn, den Seine Majestät so großzügig unserem Handel mit Seinen Staaten zuteil werden ließ, die Pünktlichkeit, mit der Sie unseren gemeinsamen Vertrag in Kraft gesetzt haben, und Ihre gerechten und großzügigen Maßnahmen machen einen tiefen Eindruck auf die Vereinigten Staaten und bestärken sie in ihren Gefühlen der Achtung und Treue gegenüber Eurer Kaiserlichen Majestät.«
Nach dem Königreich Marokko und der Republik Liberia waren es die kongolesischen Latifundien des Belgier-Königs Léopold I, die in der Neuen Welt eine breitere Aufmerksamkeit erwecken konnten. Und wiederum stand ein privater Unternehmungsgeist Pate: 1876 schickte die selige New York Herald Tribüne ihren Pionierreporter Henry Morton Stanley ins Sagenland Kongo – auf die berühmte Suche nach einem verlorenen Missionar, Livingstone, der nicht gefunden werden wollte.
Daraus resultierte die Teilnahme einer Abordnung aus Washington an der folgenreichen Berliner Kongo-Konferenz von 1885. Sie diente Léopold II. dazu, seine unermesslichen äquatorialen Wälder als Privateigentum legalisieren zu lassen, wobei die USA den Schrittmacher spielten. Dabei handelte es sich um ein verwobenes Finanzgeschäft, das an der Eintreibung willkürlicher Naturaliensteuern – Kautschukernten vonseiten der einheimischen Bevölkerung – gesunden sollte. Die Reserven waren jedoch überschätzt, die zur Amortisation fälligen Erträge vorausgeplant worden – man hatte offensichtlich auf ein verlorenes Konto eingezahlt. Der Verlust entartete in eine Peinigung der »faulen« kongolesischen Bauern (die ohnehin mit der Extensiv-Wirtschaft verwachsen waren), in die erpresserische Geißelung ihrer separierten Familien. Ihre Dezimierung ließ das damalige Haushaltswort von den Kongo-Greueln entstehen. In Amerika regte sich das Gewissen: Mark Twain geizte nicht, eine Art blutiger Leibeigenschaft zu denunzieren, die mit den spanischen »Encomiendas« und »Repartimientos«, den Zwangszuteilungen freier Indianer zu Arbeitsleistungen, gleichgestellt werden durfte. Theodore Roosevelt schiffte sich, die Sondervollmachten seines empörten Senats im Gepäck, nach Afrika ein, um dort – nach der Perspektive des Brüsseler Hofes – in der Verkleidung eines Großwildjägers herumzuschleichen.
Erst nach beiden Weltkriegen erinnerte Amerika sich wieder an Afrika. Ohne den fast restlos kolonisierten Kontinent bereist zu haben, entsprach die Auffassung F.D. Roosevelts dennoch einer Erkenntnis, zu der sein unterlegener Konkurrent um das Präsidentenamt, Willkie, nach einer Untersuchung an Ort und Stelle gelangt war: »In Afrika bedeutet Freiheit die ordentliche, aber planmäßige Aufhebung des Kolonialsystems.«2
Am ersten November-Wochenende des Jahres 1942 erhielt Robert Murphy, Amerikas Generalkonsul in Algerien, ein verschlüsseltes Telegramm: »Hello Robert, Franklin arrives!« In der Nacht zum Sonntag landeten die Alliierten in Nordafrika. Admiral Darlan, Vichys Oberbefehlshaber im Maghreb, konnte sein Versprechen, die Amerikaner ins Meer zurückzuwerfen, nicht erfüllen – worüber selbst Charles de Gaulle enttäuscht gewesen sein soll. Zumal Generalkonsul Murphy bereits ein Vierteljahr darauf einen algerischen Apotheker namens Ferhat Abbas empfing, von ihm ein Manifest des algerischen Volkes entgegennahm, worin unter Anrufung Roosevelts »die Anwendung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker auf alle kleinen und großen Länder« gefordert wurde.
Schon im Vormonat Januar waren in Casablanca Präsident Roosevelt und der erst 33-jährige Mohamed V. zu so diskreten Absprachen zusammengetroffen, dass sie sich lediglich von ihren begleitenden Söhnen Eliott respektive Hassan II. (seinerzeit 14-jährig) belauschen ließen. Ein Ausfluss dieser Gespräche war die baldige Gründung der marokkanischen Unabhängigkeitspartei (Istiqlal). Revue passierend, hob Roosevelt junior später hervor:
»Mein Vater sagte, der Sultan könne leicht die Mitarbeit amerikanischer Wirtschaftsunternehmen in Anspruch nehmen, die ihm durch günstige Zinssätze oder durch Garantiesummen helfen könnten, ein wirtschaftliches Programm zu verwirklichen.«
Der Sherifen-Prinz hingegen äußerte sich, rückblickend, weniger pragmatisch:
»Wenn Roosevelt nicht so früh gestorben wäre, hätte er eine große Rolle bei der Emanzipation Marokkos und des ganzen afrikanischen Kontinents gespielt.«3
Roosevelts Streben, die Verantwortung Westeuropas für seine Kolonien der treuhänderischen Beobachtung einer neuen Weltorganisation zu unterstellen, wobei er Stalin zu interessieren versuchte, scheiterte an Churchills Widerstand. Das Jalta-Protokoll nennt den Grund des britischen Premiers: »Unter keinen Umständen würde er jemals zulassen, dass vierzig oder fünfzig Nationen ihre unternehmungslustigen Finger in die Lebensexistenz des Empire steckten.« So kam es zur apokalyptischen Dekolonisation, die allseits Hekatomben an Menschenleben kostete. Anders ließen sich die legitimen Ansprüche der kolonisierten Völker nicht behaupten.
Der folgende Ost-West-Konflikt sollte die Frage nach afrikanischer Selbstbestimmung vonseiten der zur Verantwortungsmacht aufgestiegenen USA beinahe verstummen lassen. Erst 1957, auf den Höhen des Algerienkrieges, kam aus Washington abermals eine weitklingende Stimme, die Freiheit auch für Afrika verlangte. Sie gehörte dem Senator John F. Kennedy. Er war, wie Konrad Adenauer ein Jahrzehnt später sagte, »eigentlich nicht für die Politik bestimmt«.4
Die USA bestritten in den Nachkriegsjahren über 50 Prozent der industriellen Produktion und ein Drittel des Welthandels, während die Wirtschaften der weltkriegsgeschädigten westeuropäischen Kolonialmächte anhaltend belastet blieben: durch eine Vielzahl von »Kleinkriegen« in Asien und Afrika; in Vietnam und Malaya, Algerien und Kenia. Afrikas damalige politische Elite – wenigstens Nigerias Dr. Azikiwe oder Ghanas Dr. Nkrumah – musste ihre Hoffnungen, dass man Britannien und Frankreich zur Auflösung ihrer Kolonialreiche überreden könnte, selbstverständlich eher auf Washington denn auf Moskau richten. Blättert man heute jedoch in einer einschlägigen Geschichte der afrikanischen Dekolonisation, so wird man Namen wie Truman oder Eisenhower bestenfalls zwischen den Zeilen entdecken.
Zwar bestätigte J.C. Satterthwaite, Leiter des Afrikabüros in der Eisenhower-Administration, diese Hoffnungen, doch enttäuschte er sie ausgerechnet mit demokratischen Argumenten:
»Unsere Antwort auf diese Forderung wird letztlich vom Verhalten des amerikanischen Volkes bestimmt. Denn im Gegensatz zu einer totalitären Macht wird die Politik der Vereinigten Staaten wirklich von der öffentlichen Meinung beeinflusst.«5
Es war klar: Afrika spukte in den Köpfen der Satterthwaites als NATO-Hinterland herum, das entweder kolonisiert oder pro-kommunistisch sein würde. Dabei beriefen sie sich auf Außenminister Dulles’ Warnung:
»Die klassische Leninsche Lehre« sagte ihm, »dass der Kommunismus als Erstes den Nationalismus anfachen sollte, um die Bande zwischen Kolonialländern und Kolonialmächten zu zerreißen«.6
Dass die unmittelbar von der Fremdherrschaft Betroffenen darüber ein eigenes Urteil haben könnten, schien abwegig. Und da alles so einfach war, folgerte Satterthwaite sogleich, der »neue Imperialismus der Sowjetunion« sei Afrikas beherrschendes Problem.
Junior-Senator John F. Kennedy, der sich algerische Nationalisten in Algier persönlich angehört hatte und der vertrauliche Kontakte zum Maghreb-Spezialisten des State Department unterhielt7, lernte beizeiten, die sowjetische Propaganda hinsichtlich Afrikas auf ihren Nennwert zu prüfen: Der Kampf der Algerischen Befreiungsfront wurde, das fand der Amerikaner bald heraus, im Wesentlichen von Peking und Belgrad unterstützt – in Übereinstimmung mit dem damals lebendigen Geist von Bandung. Obschon solche Einsicht einen relativ geringen Einsatz gefordert hatte, wurde Kennedy ein Jahrfünft nach seiner Senatsrede von 1957 geringstenfalls ein »seltener Weitblick« zuerkannt:
»Weder Frankreich noch die Vereinigten Staaten dürfen sich durch Höflichkeit, Wunschdenken, Traditionsverbundenheit oder Bedauern an der Erkenntnis hindern lassen, dass Algeriens Unabhängigkeit der entscheidende erste Schritt ist, wenn Frankreich und der Westen in Nordafrika irgendeinen Einfluss behalten wollen.«
Im algerischen Maquis wurde darauf ein amerikanischer Berichterstatter gefragt, welche Präsidentschafts-Chancen der mutige Senator besitze. Doch nicht allein Algerier horchten auf: Im Pariser Universitätsviertel versammelten sich viele namenlose Afrikaner, die aus dem Bekenntnis des amerikanischen Außenseiters neue Hoffnung schöpften; darunter Moktar Ould Daddah, der Mauretaniens Staatschef werden sollte.
1958 übernahm Kennedy den Vorsitz des Afrika-Unterausschusses im Außenpolitischen Gremium des Senats. Ein »starkes Afrika« fordernd, setzte er sich zunehmend von Dulles’ Vorstellungen ab. Als naheliegendstes Spannungsfeld, »auf dem die Freiheit unserer Zeit verteidigt wird«, erschien ihm die südliche Halbkugel, »wo die erwachenden Völker danach streben, dass Unrecht, Tyrannei und Ausbeutung ein Ende finden«. Diese Völker, sagte er, »wollen mehr als ein Ende, sie wollen einen Anfang«.
Mittlerweile hatten sich südlich der Sahara Ghana wie Guinea mit der Relativität ihrer jungen politischen Unabhängigkeit auseinanderzusetzen. Schon war für die von ihnen anvisierte Blockfreiheit – Neutralismus im Kalten Krieg als Kriterium einer Dritten Welt – im Globalentwurf der westlichen Diplomatie kein Platz mehr frei. Unter Dulles sollte jedes afrikanische Engagement gegen den Ostblock mit großzügiger (Rüstungs-)Hilfe belohnt werden, wogegen der proklamierte Positive Neutralismus von Ländern, die allein im afrikanischen Sinn und Interesse charakteristisch zu sein gedachten, als anormal, wenn nicht unmoralisch betrachtet wurde. Amerikas Liberalen musste solcherart kategorisches Denken primitiv erscheinen. Kennedy versuchte zu unterscheiden:
»Wenn Neutralität das Ergebnis einer Konzentration auf innere Probleme ist, [...] akzeptiere ich es. Das war mehr als hundert Jahre auch Teil unserer eigenen Geschichte.«
Die Freie Welt, der sich regenden Dritten Welt nur wenig Freiheiten lassend, sollte in eine Welt der Wahl verwandelt werden. 1960 dann wurde Afrika erstmals in der Geschichte amerikanischer Präsidentschaftswahlen zum Kampfthema. Der Kandidat der Demokraten, die Zahl kongolesischer Studenten ebenso wie Libyens durchschnittliche Einkommensquoten aus dem Gedächtnis nennend, verblüffte Richard Nixon im Laufe jener berühmten TV-Debatte mit scheinbaren Selbstverständlichkeiten. Er wünsche, sagte Kennedy, dass auch die afrikanischen Völker auf die USA blickten, was gegenwärtig nicht der Fall sei, »weil wir die Bedürfnisse und Hoffnungen der Afrikaner vernachlässigt und ignoriert haben«. Der Parole folgte die Aktion: Kenianische Studenten mit amerikanischen Stipendien, denen kein Reisebillett beigefügt war, erhielten ihre Fahrkarte von der Kennedy-Stiftung.
Schließlich bekam das US-Konsulat in Algier eine Plastikbombe ab: »Zu Ehren« – so lautete das Begleitschreiben – »von Präsident Kennedy.«
So umfangreich die Literatur über John F. Kennedy auch geworden ist – im Grunde wissen wir sehr wenig. Denn seine besten Biographen haben den Einsatz des amerikanischen Präsidenten für die Dritte Welt zwar lückenlos dargestellt und glänzend analysiert, aber nicht restlos geklärt, worin seine Hinwendung zu dieser Weltgegend eigentlich begründet lag. Wenn die Vereinigten Staaten Ende dieses Jahrhunderts einen Präsidenten haben sollten, der heute wider Willen in Vietnam steht oder als Peace-Corps-Volontär mit Kongolesen jahrelang unter demselben Hüttendach lebt – wenn dieser fiktive Präsident anstelle der hungernden Länder von potentiellem Reichtum, deren Darlehen zur Deckung von Entwicklungsschulden nötig sind, die lediglich Appetit verspürenden Industrienationen für die Crux der Welt hielte, so würde dies wohl jedermann einleuchten. Kennedy jedoch hielt sich – wie viele andere Senatoren – nur zu kürzeren Informationsbesuchen in Algier und Saigon auf. Keine ideologische Etikette verpflichtete ihn, etwa kaltblütig über eine Welt zu schwärmen, deren künftige Mehrheit reich statt arm sein sollte. Seine Worte waren auch nicht bloß progressive Hüllen eines konservativen Kerns. Setzen wir bei John F. Kennedy ein persönliches Engagement für die Völker Afrikas, Asiens wie Lateinamerikas voraus, so kann seine Vernunft keine Ausschließlichkeits-Erklärung dafür sein. Vielmehr sollten die Historikerwerke und Mitarbeiterberichte durch Fußnoten der Kennedyfamilie aufgeschlüsselt werden.
Brauchte es nicht ein solches Engagement, um unermüdlich gegen eine zementierte Wand anreden zu können? Gegen das amerikanische Establishment, gegen eine ungenügend informierte Öffentlichkeit, gegen Zahlungsbilanz und Kongress, die Bürokratie des State Department, gegen die Generalität des Pentagon. Gleich bei seiner Inauguration, es war ein frostiger Wintertag, ergriff Präsident Kennedy eines der heißen Eisen unserer Zeit:
»Den Völkern in den Hütten und Dörfern der halben Welt, die die Ketten der Massenarmut abstreifen wollen, versprechen wir, so lange wie notwendig zu helfen, damit sie sich selbst helfen können. Wir tun das nicht, weil die Kommunisten es tun, und nicht, weil wir ihre Stimmen gewinnen wollen. Wir tun es, weil es recht ist. Wenn eine freie Gesellschaft den vielen nicht helfen kann, die arm sind, dann wird sie niemals die wenigen retten können, die reich sind.«
Der Rest des Jahrhunderts besaß damit seine Magna Charta. Heute indes, rund sieben Jahre nach ihrer Verkündung, gehen die Geschäfte der Entwicklungswelt noch schlechter als vor Kennedy. Später werden wir herauszufinden versuchen, ob sich der ökonomische Rassismus, dessen Leidtragender Afrika bis einschließlich 1960 gewesen ist, mittlerweile, nach 1963, zu einem stillen unerklärten Wirtschaftskrieg verschlimmert hat. Vorerst mag ein Hinweis auf Arthur Schlesinger genügen, demzufolge es während jener 1.000 Tage Kennedys keine Veränderung gegeben hat, »die weniger bemerkt und doch bemerkenswerter war als die Revolution in der amerikanischen Haltung gegenüber der blockfreien Welt«.
Zweifellos benötigt jede Präsidenz, besonders wenn sie umwälzenden Prinzipien Allgemeingültigkeit zu schaffen sucht, einen überaus zuverlässigen Apparat, dessen Räder ziemlich reibungslos in dieselbe Richtung rollen. Die Praxis sowjetischer Regierungskomitees wie auch die französische Kabinettspolitik mögen als Beispiele dienen. In Kennedys Administration indes, das versicherte uns einer seiner Professoren-Freunde, soll es nicht selten »drunter und drüber gegangen« sein. Seinen loyalsten Mitarbeitern, zumal in Afrika oder Asien, hätte man zwar eine gewisse Sportlichkeit nicht absprechen dürfen – deren intellektuelle Leistungen wären allerdings nicht immer bestechend gewesen. Der Zweifel, man weiß es, setzte nicht erst bei Außenminister Rusk ein, dem ein starkes soziales Sensorium offenbar abging, und hörte beim Vizepräsidenten nicht auf: Lyndon Johnsons zeitiger Antrittsbesuch in Afrika zum Beispiel löste bei der senegalesischen Regierung einige Beklemmung aus. Selbst Männer, die den Kennedys persönlich kaum nahestanden – wie Mennen Williams etwa –, zeigten sich über die Nominierung von Johnson und Rusk »deprimiert«. Nun waren aber Begeisterung und Elan des Unterstaatssekretärs für Afrikanische Angelegenheiten dem passiven Widerstand eines Vorgesetzten ausgesetzt. Die Anhänger des Außenministers – Monate damit zubringend, Afrikas jährlichen Kommunistenschwund fasziniert zu beobachten und zu registrieren – waren Sand in Williams’ Getriebe. Ihr heimliches Verständnis für die gelegentliche Konsternation des Londoner Foreign Office, von antikolonialen Bemerkungen Williams’ in Kenia und Uganda hervorgerufen, ließ Kennedy manches Machtwort sprechen.
Zuweilen wurden die Spannungen im State Department an untergeordneten Beamten abreagiert: So gab es in Nordafrika einen jungen Funktionär, der sich die Mühe gemacht hatte, die philosophische Berbersprache zu lernen – um dann nach Mittelamerika abgeschoben zu werden.
Schließlich gab es Robot-Intellektuelle, wir meinen den Präsidentenberater Walt Rostow, die ihre Dogmen ohne viel Rücksicht auf die jeweils herrschenden Machtverhältnisse austüftelten und an den Präsidenten brachten: Für Kennedy schrieb Rostow einen der nichtindustriellen Welt empfohlenen Wirtschafts-Wegweiser, für Johnson seinen famosen »Plan 7«, wohinter sich die Theorie der Bombardisierung Nordvietnams bis zu seiner Verhandlungsbereitschaft verbirgt.
Um auf die Reihe höchst verantwortlicher Vertreter des Außendienstes zurückzukommen, deren geringste Schwäche zuviel oder zuwenig Selbständigkeit verhieß: Sie schloss nicht einmal Sargent Shriver aus. Er fand kaum etwas dabei, den Geruch von Vetternwirtschaft in Regierungskreisen aufkommen zu lassen:
»Wie ich höre, hat Präsident Kennedy mich zum Aufbau des ›Peace Corps‹ ausgesucht, weil [...] es leichter gewesen wäre, einen Verwandten rauszuwerfen als einen befreundeten Politiker.«
Dennoch (oder deshalb?) sollte der Präsidentenschwager sich einer Grundsatzdirektive entziehen, die die Überwachung der Peace-Corps-Tätigkeiten durch lokale US-Ambassadoren vorsah. Diese Haltung entsprach durchaus den beim CIA eingerissenen Gepflogenheiten.
Kennedy, seine Berater bestätigten es, schlüpfte bald in die Rolle eines Ministers für die Dritte Welt, und nur wenig seiner Dossiers, Verlautbarungen, Communiqués und Ansprachen wollten auf das neue Umgangswort im Weißen Haus verzichten: Revolution. Diese leidige Vokabel aus den Manuskripten des Exekutivchefs zu streichen, versuchte Dean Rusk immer aufs Neue. Schematisches Denken erschwerte offenbar die Erkenntnis, dass die (vom Präsidenten gemeinten) nationalen Revolutionen die Zentrifugalkräfte eines Lagers freilegen konnten, das bis anhin die als Weltrevolution beschönigte Unterordnung oder Unterwerfung als unvermeidlich hingenommen hatte. Nationale Revolutionen der Entwicklungsländer schienen geeignet, die dualistische Ost-West-Welt in Richtung auf eine globale Vielfalt in Bewegung zu setzen.
Als die politische Praxis der Kennedy-Administration gegenüber dem blockfreien Lager den denkbar übelsten Anfang nahm, hatte man die Wahl zwischen Zweifeln an der Aufrichtigkeit des Präsidenten und Zweifeln an der Treue einiger seiner wichtigsten Mitarbeiter. Es geschah, dass ein Karrierediplomat fern von Washington Politik nach eigenem Gutdünken betrieb, und dazu eine mit verheerenden Folgen.
In einem Brief an seinen Freund Chester Bowles – ab 1961 Erster Stellvertretender Außenminister, ab 1962 Kennedys Repräsentant bei Nehru – hatte John Gunther8 die Weigerung der belgischen Kongoverwaltung beklagt, »dem Afrikaner Gelegenheit zum Erwerben einer höheren Bildung – oder auch nur einer höheren technischen Ausbildung – zu geben« Schließlich nahm diese Weigerung des Brüsseler Kolonialismus die Bedeutung einer der objektiven Gründe des nachkolonialen Kongo-Chaos an das zu Kennedys Amtsantritt bereits ein halbes Jahr wahrte. Zum Jahreswechsel 1960/1961 hatte Kongo-Premier Lumumba längst jene 20 bis 30 Pfund an Gewicht verloren, die man als politischer Gefangener üblicherweise einbüßt. Wie konnte das möglich sein, während US-Botschafter Timberlake9 in dem Ruf stand, zu diesem Zeitpunkt der »starke Mann« im Kongo zu sein? Kursierte doch ebenfalls im Januar 1961 durch Washington wie New York die Nachricht, wonach Adlai Stevenson – erster amerikanischer UNO-Botschafter mit Kabinettsrang – Order besaß, für die Freilassung des kongolesischen Ministerpräsidenten zu missionieren. Endlich wurde Clare Timberlake in Windeseile aus Léopoldville abberufen, zu »dringenden Konsultationen«.
Der Anlass zu dieser Beurlaubung wurde weniger in seiner Beanstandung gesehen, 2.000 Dollar Monatsspesen wären einer amerikanischen Legation nicht würdig. Gegner der Korruption sprachen vielmehr von einem unwürdigen Verwendungszweck zusätzlich geforderter Mittel. Damit nicht genug: Botschafter Timberlake hatte jedem, der es hören wollte, versichert, Patrice Lumumba würde jedes Lokal, das er mit einem Tablett auf dem Kopf beträte, als Geschäftsführer wieder verlassen. Er soll Staatspräsident Kasavubu, dessen offene Ohren für die Gegner seiner Gegner Berühmtheit erlangten, überredet haben, Regierungschef Lumumba abzusetzen, den ehrgeizigen Oberst Mobutu überredet haben, Lumumbas folgenden parlamentarisch-legalistischen Widerstand durch einen Putsch zu brechen, den kongolesischen Fouché – Sicherheitsdirektor Nendaka – überredet haben, den Versuch einer möglichen Einigung zwischen Kasavubu und Lumumba zu unterminieren. Zudem soll er die Schließung der sowjetischen und der tschechischen Botschaft in Léopoldville angeregt haben, worüber Mobutu in der dortigen Rigna-Bar denn auch seinen Stolz bekundete. Soviel Effektivität musste geradezu unheimlich wirken, zumal sie der Diplomatie in der Demokratie bekanntlich nicht eingeräumt wird.
Andere Beobachter gingen in ihren Feststellungen noch weiter. Danach soll Victor Nendaka, der wie Mobutu über Lumumbas Partei an die Macht gelangt war, über den persönlichen Hubschrauber des amerikanischen Botschafters verfügt haben, als dem mit ägyptischer Hilfe entkommenen Lumumba der Fluchtweg in seine heimatliche Kasai-Provinz verstellt wurde.10
Die Anfälligkeit des zierlichen US-Diplomaten für die handfesten Manieren des heimatlichen Geheimdienstes wurde an Léopoldvilles Nachrichtenbörse ziemlich offen diskutiert. Was hatte die »Central Intelligence Agency« an Lumumbas Telegramm an Chruschtschow, »stündlich über die Lage zu wachen«, eigentlich zu beanstanden? Und was konnte Mr. Timberlake in seiner Überzeugung bestärken, Katanga besitze eine »antikommunistische Regierung«? In diesen Fragen deutete sich an, was flugs zur Gewissheit wurde: Noch Anfang 1961 diente im Kongo ein Botschafter der Opposition zu Kennedy. Letzterer weilte auf seinem Wochenendsitz in Middleburg, als ihn im Februar die Bestätigung von Lumumbas Tod in Katanga – wohin der Premier von seinem Staatssekretär für Landesverteidigung, Oberst Mobutu, ausgeliefert worden war – erreichte. Begreiflicherweise sprach der amerikanische Präsident von einem »Schock«.
In der Folge waren US-Bürger außerhalb Südkatangas fast überall im Kongo Repressalien ausgesetzt: In der Kivuprovinz allein wurde eine Missionarshelferin viermal misshandelt. Selbst in Lagos, der Hauptstadt des konservativ regierten Nigeria, fanden anti-amerikanische Massenkundgebungen statt. Moskau drohte zu intervenieren. Und in Harlem hieß es, die Ermordung Lumumbas werde auf das Rassenverhältnis in den USA nicht ohne Wirkung bleiben.
Tatsächlich markierten die Regierungsjahre Kennedys, besonders 1961, auch einen Schnittpunkt in den Beziehungen zwischen amerikanischen und afrikanischen Negern einerseits, schwarzen und weißen Amerikanern andererseits. Dass das ferne und fiktive »Guinea«, irdisches Paradies in der Mythologie amerikanischer Neger, viel Anziehungskraft eingebüßt, der Neger der Neuen Welt »keinen Zion hat« – wie der Stifter der Panafrikanischen Ideologie, Burghardt DuBois, erklärte –, schien eine Studie des »Institute of International Education« (Manhattan, 1961) zu belegen: »63 Prozent (der afrikanischen Studenten) sagten, sie hätten Reibungen mit US-Negern erfahren.« Das nach Befragung beider Seiten als repräsentativ erkannte Motiv dieser Erscheinung war sozialer Natur: »Sie wünschen sich mit der oberen Gruppe zu identifizieren«, sagte einer der negro-amerikanischen Studenten, »und das sind nicht wir«; umgekehrt fragte ein afrikanischer Student: »Was ist ein akademischer Rang für einen eurer Neger wert?« Es ist eine Frage, die in ihrem Ausdruck bereits über das hinausgeht, was der schwarz-amerikanische Soziologe Franklin Frazier bezüglich seiner Rassenbrüder feststellte:
»Infolge der Unmöglichkeit, Gebrauch von ihren Talenten zu machen, haben sie sich häufig in eine Welt künstlicher Träume geflüchtet.«
Ob sich diese fortgesetzte Unmöglichkeit nun auf ungenutzte Talente oder gar Qualifikationen bezieht – die Betroffenen haben darin längst eine afro-amerikanische Gemeinsamkeit entdeckt, um ihre elende Sozialmoral im rassischen Kontext zu sehen. Die seit 1961 gewachsene politische Solidarität, der 1967 deutlich in Erscheinung getretene Afro-Amerikanismus, wird als ein Ausfluss davon angesehen. Es hatte sich herumgesprochen, in welchem Maße die Elite-Bildung irgendeiner schwarzen Nation unfruchtbar blieb, solange dieser Elite die Kontrolle international wirksamer Machtmittel politischer wie wirtschaftlicher Art vorenthalten wurde.
Im unfreiwilligen Nebeneinanderleben mit Weißen hatte der schwarze Mensch meist nur die Wahl zwischen Demoralisierung und Radikalisierung. Als einziger unfreiwilliger Immigrant der Neuen Welt wollte der Neger aus lauter Verzweiflung lange Zeit seine Identität leugnen; James Baldwin dazu:
»›Wasche mich!‹, rief der Sklave zu seinem Schöpfer, ›und ich werde weiß sein, weißer als der Schnee.‹ Denn Schwarz ist die Farbe des Bösen. Nur die Gewänder der Erlösten sind weiß.«11 Eine sehr genaue Deutung des französischen Historikers Alexis de Tocqueville, auf den schwarzen Amerikaner des 19. Jahrhunderts bezogen, entspricht weitgehend der heutigen Beobachtung aufmerksamer Südafrikabesucher:
»Gewaltsam hat man ihn in den Sklavenstand übergeführt, doch ist ihm die Knechtschaft zur Gewohnheit geworden und hat in ihm eine Sklavenmentalität erzeugt. Seine Tyrannen bewundert er mehr noch als er sie hasst und findet seine größte Freude und Genugtuung im hündischen Nachahmen jener, die ihn unterdrücken.«12
Wir sagen nicht, dass eine derartige Demoralisierung plötzlich und fast nahtlos von einer breiten Radikalisierung abgelöst wird. Vielmehr scheint sich im Bewusstsein des versklavten amerikanischen oder kolonisierten afrikanischen Negers ein längerer Prozess vollzogen zu haben, der mindestens drei wesentliche Erkenntnisetappen enthält.
1. Etappe: Die Nachahmung wird als ein Verzicht auf den Anspruch verstanden, gleiche Werte und damit gleiche Rechte zu besitzen.
2. Etappe: Dieser Verzicht verleitet den Unterdrücker zu der Annahme, seine Vorherrschaft werde durch Duldung anerkannt.
3. Etappe: Diese Duldung provoziert die Möglichkeit verstärkter Knechtschaft, woraus der Betroffene schließen kann, dass der Bedrücker durchaus kein nachahmenswertes Beispiel abgibt.
Bei den sporadischen Erhebungen amerikanischer Neger im 19. Jahrhundert war es noch möglich (wie gegenwärtig im noch von Europäern beherrschten Afrika), die schwarzen Rebellen einfach durch weiße Polizisten aufhängen zu lassen. Das hat sich ändern müssen. Auf die Dauer haben die herrschenden sozialen, wirtschaftlichen und politischen Zustände das Bewusstsein der amerikanischen Neger so weit geschärft, dass sie es für aussichtslos halten, auf den Kampf gegen die Verantwortlichen (statt, wie bisher, gegen die von Weißen geschaffenen Zustände) weiterhin zu verzichten. John F. Kennedys Gegenspieler von 1960, Richard Nixon, sollte im Vorwahljahr 1967 die Warnung aussprechen:
»Die Gewalt in unseren Städten nimmt mehr und mehr den Aspekt einer Guerilla an. Die zur Meuterei aufrufen, sind Guerillachefs von klassischem Typ.«13
Am Ende der langen Wandlung von der Gewaltlosigkeit Martin Luther Kings und Roy Wilkins’ über die Sit- und Lie-ins um James Farmer bis zur »Schwarzen Macht« Rap Browns wie Stokely Carmichaels ließ ein namenloser schwarzer Heckenschütze erkennen, wie sich Demoralisierung und Radikalisierung miteinander verwickelt hatten:
»Ich lebe mit meiner Schwester, die eine Prostituierte ist, in einem schmutzigen Loch, und ich habe keine Lust, nach Hause zu gehen. Ich habe selbst zwei Kinder gemacht, die ich niemals sehe, denn ich habe ihnen nichts mitzubringen ...«
Der Aufruhr von Los Angeles etwa, wo Neger die passablen Behausungen ihres Ghettos in Brand setzten, zeigte jedoch, inwieweit das Streben nach sozialer Gleichberechtigung als hauptsächliches Unruhemotiv bereits überholt sein dürfte.
Für den populären Cassius Clay jedenfalls, der als Black-Muslim-Propagandist sicherlich gefürchteter denn als Boxchampion war, bedeutet diese Gleichberechtigung nicht mehr viel:
»Der sogenannte Neger sagt, er wolle besser wohnen. Er will der Nachbar des Weißen werden. Der Hund bringt es noch weiter; der Hund lebt im selben Hause wie der Weiße, und häufig schläft er sogar in seinem Bett. Der sogenannte Neger will die gleichen Transportmittel wie der Weiße. Der Hund jedoch sitzt im Auto des Weißen, auf dem Platz neben dem Chauffeur. Der sogenannte Neger will in denselben Restaurants essen wie der Weiße, er will mit ihm verkehren, an seinem gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Die Hunde essen nicht nur in den gleichen Restaurants, sondern sogar aus den gleichen Tellern wie die Weißen. In meinen Augen kämpfen deshalb die sogenannten Neger nicht um die Gleichstellung mit dem weißen Mann, sondern um die Gleichstellung mit seinem Hund.«14
Tatsächlich lässt Clays vergiftende Prosa nicht wenige US-Neger vergessen, dass sie – ähnlich wie die in Afrika geborenen Weißen – keine andere Wahl haben, als die brasilianische Erfahrung rassischer Koexistenz und Assimilation auf ihr Geburtsland anzuwenden. Dennoch: Wenn sich der Überdruss an einem Nachbarn, von dem nur Erniedrigung und Beleidigung ausgegangen sind, einstellt, so kann die Abkehr von ihm nicht ganz unverständlich sein. Spätestens als Washingtons Capitol im Sommer 1967 eine Vorlage zur »Agitatoren«-Überwachung durchbrachte und gleichzeitig Mittel zur Rattenbekämpfung in Negerslums verweigerte, durfte James Farmer, früherer Direktor des Kongress for Racial Equality« (CORE), auf die Frage, was für die weißen Sozialgesetzgeber zu tun bleibe, die traurige Auskunft geben: »Nichts.«
Es stimmt: Mit mehr sauberen Wohnungen, Kanalisation, Lohn und Lehrbüchern allein ist nichts mehr auszurichten. Der Schwarze fühlt und verhält sich nunmehr als Märtyrer einer Ordnung, die einen schwerbewaffneten Polizisten schuf, der allzu selten als Freund und Helfer des Negers aufgetreten ist. Endlich tut der Mensch ohne anerkannte Würde, was ihn in der primitiven Vorstellung des Ehrabschneiders emanzipiert erscheinen lässt: Er schlägt den Hütern dieser Ordnung ins Gesicht. Die Erklärung lieferte ein schwarzer Sozialhelfer aus Watts:
»Ihr Weißen habt immer geglaubt, der Neger sei kein Mensch. Wir haben uns das jahrelang angesehen, und jetzt können wir nicht mehr. Jetzt mussten wir einmal zeigen, wie wir sind; oder vielmehr bestätigen wir euch einmal, dass wir auch so sein können, wie ihr uns seht. Wenn das geschieht, bricht alle Ordnung zusammen, und niemand achtet mehr sein Leben.«
Es ist die Tragik des amerikanischen Systems und Geschichtsablaufes, dass der einmal errungene Fortschritt durch die Ermordung des Präsidenten über Nacht rückgängig gemacht und somit nicht beständig verfolgt werden konnte. Noch unter John F. Kennedy galt die klassische Auslegung des Rassismus – wonach der Schwarze erfunden werden müsste, falls es ihn nicht gäbe – als Ursache von Schuld und Unbehagen, als unausweichlicher Sündenbock, ohne den sich Amerikas Gesellschaft laut Baldwin unvollständig vorkäme.
