Ein Leben für die Katz - Lutz Mayers - E-Book

Ein Leben für die Katz E-Book

Lutz Mayers

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Beschreibung

Lutz Mayers war sein Leben für die Katz? Ja - eigentlich eher nein. Denn wer davon ausgeht es sei ein schönes Leben, bitte nicht weiterlesen. Und seien Sie vorsichtig, ich könnte ihr Nachbarn sein. Einer der früher gebraucht und heute allein gelassen, nicht aufgeben will.

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Seitenzahl: 212

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Für die gute Zusammenarbeit

bedanke ich mich bei

Marie Luise,

Barbara &

Sylvia

und

der „Süddeutschen Zeitung“

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort/Prolog

Epilog vom Prolog: Wie der Corona-Virus mein Buchkonzept versaute

1. KAPITEL: vor der Zeit

Meine Zustandsbeschreibung: Die Selbstständigkeit Die Gerichtsvollzieher

Das Arbeitsamt

Das Sozialamt: Der Antrittsbesuch

2. KAPITEL: Diverse Tätigkeiten

Materialismus in Deutschland

Kleinere Arbeiten

Meine „teuren“ Freunde

Wer schreibt, der lebt

Die Wahrsagerin

3. KAPITEL: Meine Wohnungsprobleme

Wohnen in Schwabing

Meine Wohnung

Morgengrauen

In der Corona-Krise

Nur ein gebrauchter Tag

Tagesabläufe, wie so viele

Der „liebe“ Nachbar

Wir grillen im Hof

Die Apfelernte

Das Sozialamt: Der 2. Besuch

4. KAPITEL: Das liebe Geld

Das Monatsende

Meine Banküberweisungen

Die hohen Stromrechnungen

Das Arbeitslosengeld

Hobbies und Verkäufe

5. KAPITEL: Diverses

Kleidung, nichts als Kleidung

Der Winterschlussverkauf

Alles über Elektrogeräte

Ein Herd, kein Herd

Die ständigen Telefonprobleme

Mein Computerelend

Das Sozialamt: Fragen, nichts als Fragen

6. KAPITEL: Die „Münchner-Tafel“

Meine „Tafel“-zeit

Die Tiertafel

Die Tafel an Weihnachten

Die Obdachlosenzeitung: „Biss“

„Weißer Rabe“/Diakonie

7. KAPITEL: Weihnachten in München

Der Nikolaus in Freising

Mein Weihnachten

Meine Blutvergiftung

Weihnachten mit Sylvia

Eine, meine Weihnachtsgeschichte

Ein Zwischenfazit: Jetzt

Das Sozialamt: Unterlagen, nichts als Unterlagen

8. KAPITEL: Meine Freunde

Mein Freund Josef Boraros

Josef´s letzte Reise

Christina Raschewa, eine gute Freundin

Der Werner

Und sehr wichtig: Barbara W.

9. KAPITEL: Partnerschaften

Partnervermittlung

Salsa, nichts als Salsa

Meine Tangozeit

Hölle, Hölle, Hölle

Das Sozialamt: Alle meine Kontoauszüge

10. KAPITEL: Essen und Trinken

Über das Essen und Trinken

Über REWE, EDEKA, LIDL und ALDI

Mein Karstadteinkauf

Nur die Staatsanwaltschaft

11. KAPITEL: Verschiedenes

Blutspenden

Alles über Sesselfurzer und Vorortspiesser

Die „Jörg Pilawa Show“

Fernsehen: Die Konsumentensprache

Das Münchner Kulturleben

Tollwood-Festival

Mein neuer Baustoff

Das Sozialamt: Es wird ernst

12. KAPITEL: Meine Katzen

Ein Pärchen

Lauter Katzengeschichten

Meine, unsere Hauskatze

Alles über das Katzenfutter

Ich habe einen Vogel

13. KAPITEL: Bade- und Freizeit

Fahrrad fahren

Der Baggersee, die Badeseen

Am Starnberger See

Der Englische Garten

Biergärten in München

Umwelt und Klima

Das Sozialamt: Der Prozess

14. KAPITEL: Ärzte

Meine Hausärztin

Eine Schulteroperation

Nur eine Erkältung

Und jetzt auch noch die Schilddrüse

Zahnschmerzen

Das Sozialamt: Meine Hinrichtung!

Leben und Sterben

Nur ein Nachtrag

Prolog

Wenn Sie glauben, dass das Leben eines Sozialhilfeempfängers (mit Grundsicherung!) wirklich so „schön“ ist, dann, lieber Leser, lesen Sie um Gottes Willen nicht weiter. Sollte ich Sie aber neugierig gemacht haben, auch auf meine vielen Baustellen zum Beispiel, dann würde ich mich freuen.

Ja, es ist schon seit längerem des Öfteren ein „Scheißleben“ und ja, es gibt viele wie mich, 22.000 Menschen fallen unter die Armutsgrenze, Armut in München. Und wir leben auch noch mitten unter Euch. Unsichtbar sind wir nicht! Und wie Tagelöhner oder Obdachlose sehen wir auch nicht aus. Übrigens, wir könnten auch IHR Nachbar sein. Bestimmt ein freundlicher Mensch zumal. Aber glückliche Gesichter sehen meistens anders aus. Das von Menschen eben, die an den Rand gedrängt, so ihr Leben fristen.

Das ist derzeit auch zum Dauerthema in den Medien, somit auch der Öffentlichkeit, geworden. Hier sind nur einige Schlagzeilen der letzten Jahre:

„Arm in einer reichen Stadt!“ (2012)

„Schuften bis zum Schluss!“ TV-Doku (2015)

„Zum Leben zu wenig!“ (2015)

„Es reicht noch nicht!“ (2016)

„Die Armut nach dem Arbeitsleben!“ (2017)

„Mangel im Wohlstandsland!“ (2018)

„Hunderttausende Rentner brauchen Hilfe der Tafeln!“ (2017)

„Frieren aus Scham!“ (2019)

Früher gebraucht und dann allein gelassen, Menschen im Rentenalter eben, einer wie ich, männlich, über Siebzig und im Unruhestand!! Aber aufgeben will ich nicht: Ich versuche es jeden Tag wieder, aus dieser Misere herauszukommen. Und irgendwann gelingt es mir auch! Erlebnisse aus meinem derzeitigen Leben habe ich in meinem Tagebuch aufgezeichnet – Ausschnitte daraus habe ich in diesem Taschenbuch zusammengefasst. 150 Jahre alt ist Viktor Hugos Roman „Les Misérables“, in dem der Satz steht: „So lange, wie es Ignoranz, Armut und Elend auf dieser Erde gibt, werden Bücher wie dieses hier nicht ohne Wert sein!“

Epilog vom Prolog oder wie der Corona Virus mein Buchkonzept versaute:

Was denkt sich dieser Virus eigentlich? Kommt so mir nichts dir nichts daher und stört meine Vorbereitungen zu diesem Buch.

Da sitz´ ich monatelang schreibend am Computer (hin und wieder spinnt er?), lasse am Schluss zwei sehr nette Damen Lektor spielen, bereite alles für einen Druck vor und dann das. Ich bin so was von sauer!

Man kann es verstehen, dass sich der Corona-Virus Sars-Cov-2 in China nicht mehr wohl gefühlt hat. Er wollte halt nicht mehr von einer Großen Mauer ausgegrenzt sein und die Welt kennenlernen. Klar, kennt man einen Chinesen, kennt man alle. Hat der sich gedacht. Und gleich die Seidenstraße zum Fortkommen benützt.

Das haben sie nun davon. Die Schlitzaugen. Mehr sieht man ja nicht von denen, zurzeit.

Man muss sich das bloß mal durch den Kopf gehen lassen: Zuerst kam um die Jahrhundertwende die „Spanische Grippe“, später in unserer Zeit die Vogelgrippe, dann die Schweinegrippe, Sars 2002, Mers 2012, Ebola nicht zu vergessen und jetzt, 2019/20, Covid. Und immer kostet so ein Virus viele Menschenleben! Vielleicht kann ich mich irren, aber das wird nicht der letzte Virus sein, der uns heimsucht. Wie gesagt, irren ist männlich, aber das wissen auch schon unsere Frauen.

Unseren Nigel-Nagel-Neuen „Landesvater“ Markus Söder hat es sicher gefreut, dass mit der Pandemie. Jetzt darf er endlich Ministerpräsident spielen. Für ihn kam sie zur rechten Zeit – für mich nicht. Sch.… aber auch. Nur das mit der Solidarität klappt noch nicht so richtig (siehe Kapitel: Telefon!). Und das, obwohl die Bundesregierung diese Anzeige geschaltet hat: „Wir halten zusammen!“? Eigentlich sollten wir alle die gleichen Sorgen haben. Aber dann braucht es diese Anzeige doch nicht, oder doch?

Jetzt darf ich alles nochmal umschreiben. Und fertig werden soll alles auch noch bevor diesem Virus der Garaus gemacht wird, mittels eines Impfstoffs möglicher weise.

Dieser Zeitdruck aber auch und dieser entsetzliche Virus. Habe ich Ihnen eigentlich schon gesagt, dass ich ihn nicht mag? Darum habe mir fest vorgenommen, gesund zu bleiben. Und impfen werde ich mich demnächst auch lassen. Das hat er nun davon, der Virus. Gott sei Dank werden nur 60 % der Bevölkerung befallen, aber leider 84 % von uns „Alten“. So viel Alte in der Risikogruppe gibt es doch gar nicht oder doch?!

Ja, die gibt es. Einen amerikanischen Präsidenten, Trump, zum Beispiel, auch ein Mitglied in unserer Risikogruppe. Da hat sich doch dieser Virus rücksichtsloser weise an ihn herangemacht. Er geht nun davon aus, dass sich das nicht gehört. Wo er doch im Herbst seine Wiederwahl gewinnen will. Übrigens, er hat sie verloren – auch deswegen, weil er den Virus nicht energisch genug bekämpft hat.

Gott sei Dank bin ich immer frei von jeglicher Schadensfreude?!

Auf jeden Fall werden auch alle meine neuen Erfahrungen mit diesem Virus in meinem Leben (im Alltag) in diesem Buch ihren Niederschlag finden.

Und auch das noch: Verstorbene Menschen weltweit: (1.1.2020 – 4.4.2020)

Corona

59.206

saisonale Grippe

125.625

Malaria

253.335

Suizid

277.065

HIV/Aids

434.335

am Alkohol

646.213

durch das Rauchen

1.121.603

an Krebs

2.121.985

VERHUNGERT

2.504.806

„Alles wird gut!“ Wirklich alles?

1. KAPITEL: Vor der Zeit

Meine Zustandsbeschreibung: Die Selbstständigkeit

Das waren sie, die „Kirschen“ in meinem Leben: Ein paar Jahre vor meiner Rente hatte ich eine kleine Messebaufirma gegründet. Anfangs mit kleinen Erfolgen. Ich wollte mit stolz geschwellter Brust und etwas Kapital in Rente gehen, obwohl mein Anfangskapital schon damals nicht sehr üppig war. Die Erfolge wurden dann auch immer weniger, leider. Einige meiner Kunden bezahlten die Messestände später, Andere weniger oder eben gar nichts mehr. Manche ließen es, oft aus fadenscheinigen Gründen, zu einem Prozess kommen. Die Miete und die Betriebsausgaben wie Mieten, Gehälter und Materialkosten sind trotzdem immer angefallen. Und Rechtsanwälte kosten…, leider!

Das Geld wurde knapp und knapper, irgendwann war ich am Ende. Kosten Wahrheit – Kosten Klarheit. Da half es auch nicht mehr, dass die Bank umschuldete, umschuldete und nochmals umschuldete. Und ich verkaufte alles, was sich zu Geld machen ließ, Schmuck, Bilder, Maschinen, neuwertig noch. Nur um meine Firma zu retten!? Dann war dummerweise meine Lebensversicherung dran. Jahrzehntelang habe ich eingezahlt, es sollte auch meine Rente werden. Die ist leider auch nicht sehr hoch. Für einen „Appel“ und ein „Ei“ bekam sie die Bank. Nun ist alles weg!

Und immer noch glaubte ich damals an das Wunder der Wiederauferstehung, suchte nach Antworten. Die kamen dann auch. Als der erste Gerichtsvollzieher vor der Tür stand, war mir klar, ich war endgültig am Ende. Die Miete für die Werkstatt samt Büro habe ich fünf Monate lang auch nicht mehr bezahlen können. Ging dem Vermieter, so gut es ging, aus dem Weg. Es war die Hölle. Durchschlafen war auch nicht mehr. Tagelang lief ich wie Falschgeld durch die Stadt. Wenn man glaubt, es geht nicht mehr, man möchte es nicht glauben, kam von „irgendwo“ ein Lichtlein her. Ein sehr kleines allerdings, aber das reicht oft schon. Eine gute Freundin konnte das nicht mehr mit ansehen. Sie empfahl mir den Weg zum Sozialamt. Und ein Freund den Offenbarungseid. Und so lernte ich das Sozialamt und auch alle Gerichtsvollzieher kennen, die man in dieser Lage kennen muss. Ich muss gestehen, auch das dauerte noch eine Weile. Ich und ein Versager?!

Na gut, letztere waren auch sehr nett und gaben mir sogar Tipps, wie man nun mit meinen Problemen umgehen muss. Nur den Gerichtsvollziehern vom Finanzamt sollte man, so gut es geht, aus dem Weg gehen. Die würden auch meine heißgeliebten Katzen pfänden!

So habe ich mir mein Rentnerdasein eigentlich nicht vorgestellt. Als Gescheiterter…, Krisen beenden Illusionen! So musste ich lernen, wie das so ist in einem Sozialstaat und mit dieser Bürokratie. Bin nicht mehr mein eigener Herr. Tja, Würde und Rücksicht sind mehr als nur Worte, Demut auch. Dabei war ich ein Mensch, der Teil dieser Gesellschaft war und ein normales Leben führte. Mein Leben liegt vor mir wie ein Buch, dass ich weiß Gott schon ein paar Mal gelesen habe. Ich kenne mich und weiß, was ich kann und was ich nicht kann. Was mich interessiert und was nicht, wen ich liebe und was passiert, wenn ich diese Arbeiten nicht mehr ausführen kann. Die Musik, die mich aufbaut, welche Filme mich zum Heulen bringen, ja auch die Eissorten, die mir schmecken. Denn wer im Leben wenig erwartet, wird am Ende auch belohnt, heißt es. Dabei muss ich ausgerechnet an meinen „lieben“ Vater denken. Er glaubte damals schon, sein Kind wird es wohl nicht weiter als zu einem Straßenkehrer bringen! Er war halt ein Mensch mit intellektueller Einschränkung.

Die hatten damals schon einen sehr schlechten Ruf. Heutzutage sind die, logischer weise, bei der Stadt angestellt, mit allen Vergünstigungen und sie haben einen sicheren Arbeitsplatz. Deswegen allerdings hätte ich nicht studieren müssen!

Jetzt hat auch bei mir, Gott sei´s geklagt, die wohl unvermeidliche Verzwergung stattgefunden. Es lief halt alles auf einen Kontakt mit dem Sozialamt hinaus.

Die Gerichtsvollzieher

Vor ein paar Tagen habe ich Post von einem Gerichtsvollzieher bekommen: Ich muss einen Offenbarungseid leisten, demnächst, bei ihm.

Nun, ich habe schon mal einen geleistet. So einer muss anscheinend alle paar Jahre erneuert werden. Vor einiger Zeit bin ich, wie schon erwähnt, mit einer Messebaufirma in einen selbst verschuldeten Bankrott geraten. Schulden bei der Bank, was sonst.

Dabei hat mir meine Firma so viel bedeutet. Ohne Kapital kein Preis. Also habe ich alle Unterlagen zusammengerafft und bin los. Gott sei Dank kannte ich den Gerichtsvollzieher von früher. Ein sehr sympathischer und verständnisvoller Mann, das muss ich sagen. Na gut, eine Tasse Kaffee hat er mir zwar nicht angeboten, aber ansonsten ratschten wir gleich über Gott und die Welt. Das rechne ich ihm hoch an, so viele guten Ratschläge und Tipps bekommt man nicht von jedem. Ich war schon erstaunt, dass er in dem kleinen Kammerl zwischen den Bergen von Akten noch einen Platz für mich fand. Letztendlich hat er mich doch noch nach „neuen“ Werten und Objekten befragt. Die ominöse Villa im Tessin kam natürlich auch zur Sprache. Hätte ich sie nur! Den Eid schnell ablegen, so neben bei und auf dem Formular bestätigt. Ende. Beim ersten Mal hätte ich mir das eigentlich schon viel aufregender und eindrucksvoller vorgestellt!

Ein Konkursverfahren habe ich damals wegen meines Alters nicht in Erwähnung gezogen. Die blöde Schufa (Aufsicht!) wäre dann auch noch dazu gekommen. Sie verhilft mir nach Ende des Verfahrens noch drei Jahre lang zu einem schlechten Image. Keine Kredite bei Banken: Nur, die bekommt man dann später als Rentner auch nicht mehr! Aber eine miese Auskunft bei geschäftlichen Kontakten, die ist kostenlos!

Ich habe es damals nicht verstanden, dass ein Konkurs in Deutschland sechs Jahre dauert. Das heißt, alles, was man in dieser Zeit verdient (abzüglich einer bestimmten monatlichen Summe, die man zum Leben braucht!) muss an die Gläubiger abgeführt werden. Zur Tilgung der Schuld. Wenn das nicht geht, muss man sechs Jahre leiden. Das verstehe ich nicht: In Frankreich geht die Konkurszeit über zwei Jahre, in Großbritannien sogar nur über ein Jahr. Zu allem Übel kommt in Deutschland auch noch die Zeit der Schufa (drei Jahre!) dazu. Wie soll man nach dieser langen Zeit, nach neun Jahren, wieder auf die Beine kommen? Es ist so, wie es ist, und ich bin mittlerweile Rentner. Er, der nette Gerichtsvollzieher, verabschiedete mich mit der Drohung: „Wenn Sie zu großem Reichtum kommen sollten…!“ Freudestrahlend habe ich JA gerufen. Die Optimisten (wie ich!) gehen halt nicht leer aus.

Das Arbeitsamt

Meine finanzielle Lage war katastrophal. Alle, Freunde zumeist, sahen ihn schon kommen – meinen Zusammenbruch. Meine kleine Messebaufirma war ruiniert. Es waren der Baustellen zu viele. Eine gute Freundin hat mich, wie gesagt, damals an das Arbeitsamt verwiesen. Eher gedroht hat sie! Ich wollte immer noch glauben, es würde so weitergehen, Hoffen und Bangen und Bangen und Hoffen usw. usw. Optimismus ist manchmal nur ein Mangel an richtigen Informationen. Mein Stolz ließ es nicht zu, jetzt die richtigen Entscheidungen zu treffen. Mein ganzes Leben war ich unabhängig und in meinen Entscheidungen so frei wie man in dieser Gesellschaft nur sein konnte. Aber irgendwann gab ich auf.

Gezwungenermaßen führte mein Weg als erstes über das Sozialamt. Sie stellten gleich meine Daten fest. Ich war zu diesem Zeitpunkt sechzig Jahre alt. Eigentlich immer noch reif für den Arbeitsmarkt. Dachte ich?

Aber die vom Sozialamt bestanden darauf, dass ich mich zuerst auf dem Arbeitsamt um einen Job bewerben sollte. Ich war dort. In der Vorhalle kann man sich selber in einem Computer um Arbeit bemühen. Ich bin Innenarchitekt. Ein Architekturbüro wäre genau das Richtige für mich. Leider war kaum noch was zu finden, was Besseres schon gar nicht. So setzten alle Büros Computerkenntnisse voraus, die ich nicht vorweisen konnte. Aus der Traum. Dabei hätte ich auch einfache Büroarbeiten übernommen. Bei der Berufsberaterin war es dann auch nicht viel besser. Ich glaube, meinte sie, dass Sie in Ihrem Alter nichts mehr finden werden, was Besseres schon gar nicht. Das Arbeitsamt wusste das schon und gab mir eine Empfehlung an das Sozialamt mit. Also, auf zur Sozialhilfe (Hartz IV) und zur Abhängigkeit. Man ist zwar mit Sechzig zu alt für einen guten Bürojob – aber nicht zu alt zum Putzen!

Das Sozialamt: Der Antritts -“Besuch“

Bin wieder auf dem Weg zum Sozialamt. Und sehr gespannt, was mich diesmal erwartet. Es dauerte, bis ich das richtige Zimmer im richtigen Stock gefunden habe. Ein Sozialbearbeiter, mich von oben bis unten musternd, empfängt mich gnädigst. Wieder so ein fauler Sack, hat der sicher gedacht. Na ja, dann die ewige Leier: Haben Sie alle Unterlagen dabei und dies und jenes auch noch? Irgendein Schriftstück fehlt immer, so auch bei mir. Dann wird mir ein Berg Formulare hingeschoben, vor dem Unterzeichnen gut durchlesen. Na, wenn er das sagt. Endlich kommen sie, die Belehrungen, du darfst das nicht und das geht auch nicht und dies soll ich gar nicht erst versuchen. Abhängigkeit ist ein Dreck dagegen. Bin entlassen und unendlich genervt.

Draußen fällt mir ein, dass ich ja keinen Pfennig (Cent!) in der Tasche habe. Also nichts wie zurück. „Mein“ Sozialarbeiter hat sich zwar darüber nicht so gefreut, sieht aber ein, dass ich ohne „Kohle“ nicht überleben kann. Also schreibt er eine Überweisung an die Kasse aus. In Zukunft landen die Überweisungen monatlich auf meinem Bankkonto: 432.00 Euro in ganzen Scheinen. Man glaubt es nicht: Die Kasse hatte schon zu. Zurück zum „Geldgeber“! Er wird mich einfach nicht los. Der arme Mann muss nun auch noch den Kassenwart suchen. Der ist inzwischen beim Mittagessen und über die Störung sehr (!) erfreut. Irgendwann war ich um 432,- Euro reicher und schon froh, das ungastliche Haus endlich verlassen zu dürfen. Es wird mich, wohl oder übel, nicht zum letzten Mal gesehen haben.

Daheim fällt mir ein: Das mit den Vergünstigungen für mich muss ich das nächste Mal erfragen, erbitten oder einfach verlangen? Oder gibt’s die vielleicht gar nicht?

2. KAPITEL: Diverse Tätigkeiten

Materialismus in Deutschland

Sind wir ein materialistisches Volk? Manchmal denke ich, ja das sind wir. Jetzt, wenn es mal wieder dem Ende des Monats zugeht und das verdammte Geld nicht reicht, fallen mir manchmal die vielen mehr oder minder geistreichen Sprüche über dieses Thema auf, die teilweise meine Wand tapezieren.

Und so geht’s los: „Die Welt ist gedacht für unsere Bedürfnisse und nicht für unsere Gier!“, meint Mahatma Gandhi. „Für den Reichtum sterben die Menschen – für Futter die Vögel“. Der Spruch ist zurzeit sehr aktuell, siehe FFF, „Friday for future“. Oder der: „Wer sagt, dass mit Geld alles möglich ist, der beweist, dass er nie welches besessen hat!“, meinte schon Aristoteles Onassis. Noch ein sehr reicher Mensch weiß auch, dass: „Armut nicht durch Spenden, sondern durch Investitionen beseitigt wird!“. Der ist auch gut: „Wenn man jung ist, denkt man, Geld ist alles – aber, wenn man älter ist, denkt man, Geld ist alles!“, so Oscar Wilde. Und der gefällt mir auch von ihm: “Heute kennen die Leute von allem den Preis und nicht den Wert!“. Der Gute scheint sich in seinem Leben nicht nur mit Literatur beschäftigt zu haben? „Nicht das Geld ist böse oder gut – sondern nur der, der´s brauchen tut!“, na klar, ist von einem Börsianer. Kennt ihr den: „Willst du den Wert des Geldes kennen lernen, musst du welches borgen!“, das sagt ein Ami, Benjamin Franklin. Der gefällt mir auch: „Ohne Geld wäre Armut gar nicht denkbar!“, der ist übrigens von Gerhard Polt. Von wem dieser Spruch stammt, weiß ich nicht: „Geld ist besser als Armut, wenn auch nur aus finanziellen Gründen!“. Ja, ja, Geld regiert die Welt und der Teufel die Leut`!

Was man mit Geld alles anstellen kann, hat eine bekannte TV-Moderatorin unter Beweis gestellt: Sie hat eine 155 qm große Drei-Zimmer-Wohnung „nur“ für ihre Kleidung gemietet: Monatsmiete bloß schlappe 5000,-Euro.

„Ich hab´ kein Geld! Keinen Shopping-Schotter, keine Reiserücklagen, keine Piepen für Wellness, keine Kohle für´s Kino, keine Knete für Kuchen, kein Moos für den Cappuccino im Cafe, keinen Zaster für eine Halbe im Biergarten, keine Mäuse für Sprachkurs oder Restaurantbesuche; keinen Cent für Druckerpatronen, keinen Euro für Mitbringsel, keine Kröten für Blumen. Den Elendsetat von 3,98 Euro für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke pro Tag kann ich nicht ausschöpfen, weil ich Medikamente kaufen muss. Und so gehe ich zur Tafel, weil das bisschen Scheißgeld selbst für Lebensmittel nicht reicht!“, so schreibt A. Kenter in ihrem Buch (Heart´s Fear Hartz IV!). Ich bin schon erstaunt, mit wie viel Worten man Money umschreiben kann. Es gibt sicher noch mehr so „nette“ neue Sprüche, für die ich auch wirklich dankbar bin!!! Dabei lege ich als „ambitionierter“ Sozialhilfeempfänger mit Grundsicherung inzwischen keinen so großen Wert mehr auf zu viel Geld!? Soll nur unglücklich machen…!? Aber das wiederum glaube nur ich allein. Und was Zurzeit selten passiert: Ich habe Lotto gespielt. Ich glaube, ich bleibe doch lieber arm! Gewonnen hat, wie meistens, der Lottobetreiber.

Kleinere Arbeiten

Als Sozialhilfeempfänger lebe ich nun von 432,- Euro monatlich. Und das in einer so teuren Stadt wie München. Armut in München? Es wird Zeit, anders mit meiner Bedürfnislosigkeit umzugehen. Trotzdem wird man es mir nachsehen, wenn hin und wieder doch Bekannte anrufen: Einige kleinere Arbeiten sollten so bald wie möglich bei ihnen erledigt werden. Ob ich die nicht übernehmen wolle? Was bleibt mir schon anderes übrig, als ja zu sagen. Ich bin auch nicht teuer (leider!). In den Fünfzigern habe ich eine Schreiner- und Malerlehre als Geselle abgeschlossen, ohne die Berufe lange ausgeübt zu haben. Jetzt im Alter kann ich dies gut gebrauchen. Und es gibt schon öfter was zu tun. Nur nicht immer, regelmäßig schon gar nicht. Verlernt habe ich nichts und lerne auch immer fleißig dazu. Und das richtige Werkzeug habe ich auch noch aus der Zeit des Messebaus.

Übrigens, gebe ich dann dem Amt einen 400,- Euro Job an, würden mir immerhin sofort 250.-€ abgezogen. Der Rest von 150,-Euro bleibt so bei mir. Kein Wunder, dass ich solche Arbeiten in dieser Höhe nicht annehmen will. Irgendwie soll sich die Arbeit ja finanziell noch lohnen. Arbeitskleidung und neues Werkzeug muss ich mir trotzdem selbst besorgen. Und immer wieder geht auch das Werkzeug kaputt.

Reparieren lassen will ja heute kaum mehr jemand etwas. Trotzdem biete ich dies an: Repariere Schränke, streiche Wände, verlege Teppiche und räume auch Keller aus.

Immer, wenn ich mal bei meiner Hausärztin vorbeischaue, dann lese ich auch im Wartezimmer die neuesten Fachzeitschriften, wie: “Schöner Wohnen“ interessiert. Wie gesagt, in meinem früheren Leben war ich als Innenarchitekt unterwegs. Und zurzeit ist bei Malerarbeiten Farbe angesagt. Es darf auch wieder tapeziert werden. Aber doch nicht in Deutschland! Und schon gar nicht bei meinen „Kunden“. Wohnungen haben bei uns so eintönig wie möglich zu sein, alles ist weiß, weiß, weiß. Man glaubt es nicht. Und ich würde doch so gerne mit Farben die Welt verändern.

Na gut, man kann ja dann zur Not auch einen Keller ausräumen. Das spricht sich, Gott sei Dank, herum. Solange ich nur vom Sozialamt unterstützt werde, komme ich von ihm auch nicht los. Und ewig kann ich dies in meinem Alter auch nicht machen, rauf auf die Leiter und runter, es ist einfach zu anstrengend für mich. Da dachte ich mir, wenn mich die vom Amt schon fürs Nichtstun “bezahlen“, dann werde ich eben Schriftsteller. Ich brauche dann nur noch LESER! Ja, das wäre was, ich schreibe Bücher und kann auch noch davon leben. Möglicherweise fehlt mir dann doch die Gängelung vom Amt. Dann ist mir allerdings auch nicht mehr zu helfen. Wow!!!

Die Zeiten ändern sich und ich mit ihnen. Der Corona-Virus hat uns im Griff. Klar, uns Arme trifft es nicht so stark wie Selbstständige. Die zudem kaum Rücklagen haben und not gedrungen jetzt auch Hartz IV-Empfänger werden. Ihre ehemaligen Geschäftsbeziehungen, die können sie auch vergessen. Rücklagen haben wir Sozialhilfeempfänger zwar auch nicht, aber mit der Not umgehen können wir, gelernt ist gelernt, über die Jahre. Jetzt müssen auch alle mit diesem, bis jetzt „gepimperten“, Leben klarkommen. Und die Welt wird dann nicht mehr dieselbe sein.

Zurzeit soll ja niemand arbeiten, der lieben Kollegen und Kunden zuliebe. Wir, das heißt, ich, sitze begeistert zu Hause herum und hadere mit der Zukunft. Auch das so beliebte „Schwarz“-Arbeiten entfällt derzeit. Wie gesagt, ich könnte ja irgendeinen Kunden anstecken, das geht gar nicht. Wo ich doch vom Alter her auch noch zu einer Risikogruppe gehöre und trotzdem, immer noch(?), gesund bin. Ich bin gespannt, wenn ich mich demnächst Impfen lasse, ob sich das dann für mich ändert und ich doch den einen oder anderen Auftrag bekomme?

Meine „teuren“ Freunde

Heute bin ich bei alten und sehr erfolgreichen Freunden eingeladen. Die laden einen Sozialhilfe-Empfänger zum Abendessen ein, ich fasse nicht. Werde mich hüten, das gleich am Anfang zu erzählen. Vor mehreren Jahren hatte ich beruflich mit einem Bekannten zu tun. Über den freundeten wir uns etwas besser an. So lernte ich auch die Ehefrau kennen. Dann haben wir uns auseinandergelebt. Jetzt hat er eine gute Geldanlage für mich vorgesehen (bei 432,-Euro monatlicher Beihilfe!) und mich gleich angerufen. Na ja, es war ein ganz angenehmer Abend, in einem feudalen Haus. Habe vorher noch schnell meine Hose aufgebügelt und den alten Anzug angezogen. Aufgebrezelt wie für eine Hochzeit. Weil sie außerhalb Münchens wohnen, nahm ich ein Taxi. Ich werde es bei meinen nächsten Essensausgaben spüren, nächstens.

Zuerst gab es eine Tomatenmousse, danach einen Poularden-Salat mit grünen Bohnen. Zu den gefüllten Kalbsröllchen mit Salbeinudeln wurde ein alkoholreicher Weißwein mit geschmeidigen anhaltendem Abgang ausgeschenkt. Vorsichtshalber hatte ich schon vorher das Mittagessen ausfallen lassen.

Was für Geschäfte haben sie nach diesem Abendessen mit mir vor? Im Laufe des Gesprächs kamen wir dann doch auf die wirtschaftliche Situation im Allgemeinen und die meine im Besonderen zu sprechen. Nun ließ ich es raus. Die Gesichter der beiden muss man gesehen haben. Während er mich noch ungläubig musterte, sah seine Frau ihn vorwurfsvoll an. „Ich hätte doch mein billiges Geschirr hernehmen sollen!!“ Und ich wäre sicher in der Küche abgefüttert worden. Na gut, die Nachspeise, den Mandelgugelhupf mit Heidelbeerkompott ließ ich mir noch schmecken. Irgendwann waren sie dann froh, als ich mich verabschiedete – es war ungastlich geworden.