Ein Leben später - Annette Hohberg - E-Book
SONDERANGEBOT

Ein Leben später E-Book

Annette Hohberg

0,0
14,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 14,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

»Ich setzte den Fuß in die Luft, und sie trug.« Der einfühlsame Roman »Ein Leben später« von Annette Hohberg erzählt von einer Reise nach Südfrankreich und aus der Dunkelheit ins Licht. Hals über Kopf verlässt Klavierspielerin Jule Wien, um ihrem gewalttätigen Ex zu entkommen. Zuflucht findet sie unerwartet in einem fremden Haus in der Provence. Dieses Anwesen gehört Jo, den sie im Museum getroffen hat. Ohne es zu ahnen, gibt er ihr die Möglichkeit, einen Neuanfang zu wagen. In der malerischen Landschaft Frankreichs öffnet Jule ihr Herz wieder für die Schönheiten des Alltags und stellt sich ihren Dämonen. Denn Heilung liegt in der Konfrontation mit der eigenen Geschichte und in der bedingungslosen Annahme der eigenen Zerbrechlichkeit. Das lehren sie die Gespräche mit Jo, der seine eigenen Wunden zu kurieren sucht. Doch als die Vergangenheit sie einholt und die Gefahr vor ihrer Tür steht, muss Jule eine Entscheidung treffen … Bewegende Lebens- und Liebesgeschichte zum Mitfühlen Mit psychologischem Fingerspitzengefühl erzählt Annette Hohberg die Geschichte einer mutigen Frau, die vom Leben gebeugt aber keinesfalls gebrochen wird. Der Liebesroman über Jules Kampf gegen häusliche Gewalt und für die Chance auf eine neue Liebe ist eine anrührende Mischung aus »Der Feind in meinem Bett« und Peter Mayles »Ein gutes Jahr«. Entdecken Sie auch die anderen eindringlichen Romane für Frauen von Annette Hohberg: - Was die Nacht an den Tag bringt - Stellas Traum - Das unendliche Blau

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 402

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Annette Hohberg

Ein Leben später

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Hals über Kopf verlässt Klavierspielerin Jule Wien, um ihrem gewalttätigen Exfreund zu entkommen. Zuflucht findet sie unerwartet in einem Haus in der Provence. Das Anwesen gehört Jo, den sie in einem Wiener Museum kennengelernt hat und der ihr, ohne es zu ahnen, die Möglichkeit gibt, einen Neuanfang zu wagen. In der malerischen Landschaft Südfrankreichs öffnet sie ihr Herz wieder für die Schönheiten des Alltags – und stellt sich ihren Dämonen. Die Begegnung mit Jo, der ebenfalls seine Wunden zu kurieren sucht, lehrt sie, dass Heilung in der Konfrontation mit der eigenen Geschichte und der bedingungslosen Annahme der eigenen Zerbrechlichkeit liegt. Doch als die Vergangenheit sie einholt und die Gefahr vor ihrer Tür steht, muss Jule eine Entscheidung treffen …

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de

Inhaltsübersicht

Motto

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

Epilog

Schlussbemerkung

Danksagung

»Ich setzte den Fuß in die Luft, und sie trug.«

 

Hilde Domin

1

Es ist ein leises Knacken, das sie weckt. Fast ein Knistern. Das knackende Knistern trockener Zweige.

Zunächst meint sie zu träumen. Einige Sekunden noch ummantelt der Schlaf die Geräusche unter ihrem Fenster. Traumgeräusche.

Dann plötzlich – Schnitt.

Wirklichkeit tut sich auf.

Jule fährt hoch. Sitzt aufrecht im Bett. Hört jetzt nicht nur die sich brechenden Zweige, sondern auch das laute Klopfen ihres Herzens.

Kein Zweifel. Da bewegt sich etwas im Garten. Ein Tier? Es verirren sich immer mal wieder Hasen auf das Grundstück. Aber nein, dies hier sind keine Hasen. Es sind Schritte, die sich dem Haus nähern. Jetzt, gegen Ende August, ist das Gestrüpp der Garrigue trocken, die Hitze des Sommers hat Rosmarin, Thymian, Zistrosen, Brandkräuter, Lavendel nahezu versengt. Zu dieser Jahreszeit wird die Macchia zu einem Warnmelder.

Jule schaltet kein Licht an. Sie tastet nach dem Stuhl, der neben dem Bett steht. Bevor sie sich schlafen legte, hat sie dort die Strickjacke hingeworfen, die sie am Abend auf der Terrasse getragen hatte.

Es war ein langer Abend geworden, einer, der sich weit in die Nacht hineinbeugte. Selbst hier im Süden schleicht sich irgendwann ein Hauch von Kühle in die Nächte.

Jule und Jo hatten gegessen und Wein getrunken. Sie hatten geredet. Viel über ihn. Wenig über sie. Danach schwiegen sie lange; es war ein behagliches Schweigen gewesen, getragen vom Gesang der Zikaden. Irgendwann suchten sie die Milchstraße, in einem Himmel voller Sterne.

Als die Zikaden in den Olivenbäumen verstummten, begannen Jule und Jo zu frösteln. Er holte die Strickjacke und legte sie ihr um die Schultern. Die Fürsorglichkeit dieser Geste rührte sie. Und mit einem Schlag war die Angst weg. Die Angst, die sie monatelang begleitet hatte. Mal hatte sie ihr im Nacken gesessen wie ein tollwütiger Affe, mal hatte sie sich versteckt, um ihr dann aus der Ferne plötzlich zuzuwinken: Doch, doch, ich bin noch da. Bis sie gestern Abend auf einmal verschwand. Es war, als würde man ein lange eingegipstes Bein mit einem Hammerschlag befreien. Die schwach gewordenen Muskeln zitterten vor Freude. Für einen kostbaren Augenblick herrschte endlich Stille. Stille nach einem langen Sturm.

Doch jetzt ist die Angst zurück. Hinterrücks hat sie sich angeschlichen, hat die Tür der Träume benutzt, um die Wirklichkeit erneut zu besetzen. Ihre Truppen hat sie verstärkt. Die gestrige Ruhe, sie war nur ein Trugspiel. Nun ist der nächste Sturm da. In Orkanstärke diesmal …

Jule zieht die Strickjacke über ihr Nachthemd und setzt die nackten Füße auf den Steinboden. Ihre Schuhe lässt sie unter dem Bett stehen. Schuhe machen Geräusche, und Geräusche könnten sie verraten. Barfuß tastet sie sich bis zur Tür, die sie vorsichtig öffnet. Sie kennt das Haus inzwischen. Weiß, wo sich das Geländer der Treppe befindet, die ins Erdgeschoss führt. Die Steinstufen schlucken jeden ihrer Schritte. In der Diele angekommen, versuchen Jules Augen sich an das Dunkel zu gewöhnen.

Das Knacken draußen hat aufgehört. Er muss auf der Terrasse angekommen sein. Sie weiß, dass er es ist. Fast meint sie, sein Atmen zu hören. Dieses schwere Atmen, das alles ankündigt, was dann folgt. Erst kommt das Atmen, dann kommt die Wut. So ist es immer gewesen. So wäre es auch jetzt.

Sie muss schnell sein. Schneller als er.

Noch schläft Jo, doch es würde nicht mehr lange dauern, bis er ebenfalls aufwacht. Sein Schlafzimmer liegt im Erdgeschoss, gleich hinter dem Wohnraum, von wo aus sich die großen Schiebetüren zur Terrasse hin öffnen.

Neben dem Hauseingang befindet sich die Tür zur Garage. Jule schlüpft hinein. Sie greift nach der Taschenlampe, die an einem Haken rechts hängt. Hier drinnen wird man das Licht nicht sehen; der Raum hat kein Fenster.

Das Gewehr liegt im Regal, hinter ein paar alten Farbdosen und eingetrockneten Pinseln. Sie hat es dort deponiert. Sie hat es auch geladen, so wie Nicolas es ihr vor einigen Wochen gezeigt hatte. Nicolas, der mit seiner Frau Sophie in der Nähe lebt. Der immer nach dem Rechten sieht und Jule mit allem hilft, was ansteht.

Damals ist sie noch allein gewesen. Ohne Jo.

 

»Ich sollte wissen, wie das Ding funktioniert«, hatte sie zu Nicolas gesagt, nachdem die Angst zurückgekommen war und Jule sich an die verstaubte Flinte in der Garage erinnert hatte. Sie hatte Nicolas von einem Mann erzählt, der sich in letzter Zeit auf der Straße herumtrieb und sie beobachtete. Einem Mann, den es nicht gab. Es gab nur ihre Angst – vor einem anderen Mann. Doch davon wollte sie ihm nichts erzählen.

Er schien zu verstehen. Eine Frau allein in einem frei stehenden Haus, nur umgeben von Garrigue, Olivenbäumen und Weinstöcken. Da bot eine Waffe Sicherheit. Er inspizierte und ölte das Jagdgewehr und erzählte ihr dabei, wie sein Vater und Jos Vater früher Fasane und Hasen und Wildschweine geschossen hatten. Als kleiner Junge schon war er dabei gewesen, hatte die Tiere gerupft oder ihnen das Fell über die Ohren gezogen. Heute jagt er manchmal noch an Wochenenden, mit Freunden aus dem Dorf. An jenem Tag half er Jule, das Gewehr zu laden; er hatte extra Patronen mitgebracht.

Sie übten draußen hinter dem Haus, schossen auf Blechbüchsen, die Nicolas auf eine halb eingefallene Mauer stellte. Die Eidechsen verließen fluchtartig ihre sonnigen Plätze auf den warmen Steinen, während Jule sich zeigen ließ, wie man lud, anlegte, zielte und den Rückstoß beim Abdrücken einkalkulierte. Nicolas stand hinter ihr, führte die Bewegungen zunächst mit ihr gemeinsam aus. Er war ihr so nah, dass sie seinen Atem spüren konnte. Er roch nach Knoblauch, wie fast alle hier im Süden. Sie mochte das. Ihn mochte sie auch. Er machte ihr keine Angst. Im Gegenteil. Er war ein Angstvertreiber.

Schließlich ließ er sie allein schießen.

»Du bist gut«, sagte er und nickte anerkennend.

Am Schluss drückte er ihr eine weitere Schachtel Patronen in die Hand. Sie verstaute alles hinter den Farbdosen und Pinseln. Die Schachtel legte sie daneben.

»Danke«, sagte sie und fragte, ob er noch einen Wein mit ihr trinken wollte. Gemeinsam saßen sie auf der Terrasse, und Nicolas erzählte, wie das damals war, vor über vierzig Jahren, wenn Jo mit seinen Eltern in den großen Ferien kam. Der Junge aus Deutschland, der sein Freund geworden war.

»Er ist ja in der letzten Zeit selten hier gewesen«, sagte Nicolas. Jule entnahm seiner Stimme Bedauern.

»Warum eigentlich?«, fragte sie. Eine Frage, die sie bereits seit Längerem stellen wollte.

Er zuckte mit den Schultern. »Ich denke, seine Frau mag das alles nicht so sehr. Sie ist nicht der Typ fürs … na ja, Ländliche. Er hat sie nach dem Tod seiner Eltern ein paarmal mitgebracht, dann kam er nur noch allein. Ich hab mich oft gefragt, ob er das Haus nicht eines Tages verkaufen wird, aber immer, wenn ich ihn darauf angesprochen habe, hat er abgewinkt. Er hat seinen eigenen Kopf, musst du wissen. Aber wahrscheinlich weißt du das sowieso schon.«

Sie verneinte. Sie wusste fast nichts von Jo. Sie lebte in dem Haus eines Mannes, den sie so gut wie nicht kannte.

»Du bist so ganz anders als sie«, sagte Nicolas. Er sprach noch immer von der Frau. Jos Frau.

»Wie meinst du das?«, fragte Jule.

»Sie würde nie ein Gewehr in die Hand nehmen«, sagte er und verzog dabei seine Mundwinkel. Ein klein wenig nur, aber genug für sie, um den Spott zu erkennen. »Und auch sonst …«, fuhr er fort.

Jules Stirnrunzeln forderte ihn zum Weiterreden auf.

»Sie hat Sophie mal abgelegte Kleider von sich schenken wollen«, sagte er. »Sie meinte das sicher nett, und es waren wirklich teure Kleider, aber Sophie war gekränkt. Sie hat ihren Stolz, musst du wissen. Ich brauche keine Almosen, hat sie damals gesagt. Nina war eingeschnappt, und …«

»Nina?«

»Ja, so heißt Jochens Frau. Du hast noch nie von ihr gehört?« Er sah sie erstaunt an.

»Nicht wirklich. Er hat sie nur nebenbei mal erwähnt.«

»Na ja, wir sind eigentlich froh, dass sie nicht mehr kommt. Du dagegen … Nun, bei dir haben wir das Gefühl, du passt hierher. Du hast dieses Haus auf eine ganz besondere Weise wiederbelebt.«

»Danke, Nicolas. Dabei habe ich mich wie abgestorben gefühlt, als ich hier ankam.«

»Das haben wir gesehen, Sophie und ich.«

Sie lächelte.

Das mochte sie an den beiden. Sie bemerkten etwas, aber sie stellten keine unnötigen Fragen. Sie stellten lieber eine Schale mit Kirschen vor die Tür. Oder luden Jule zum Essen mit Freunden ein, damit sie sich nicht so allein fühlte. Ohne die zwei wären ihre Monate hier anders verlaufen. Sie sind einfach da gewesen, von Beginn an. Seit sie Anfang April mit nichts als einer Reisetasche in diesem Haus angekommen war. Gestrandet. Eine Schiffbrüchige.

Als Nicolas an diesem Abend mit seinem alten Lieferwagen davonfuhr, sah Jule ihm nach. Sie hatte nun ein Gewehr, mit dem sie schießen konnte. Und sie hatte eine Schachtel mit Patronen.

 

Jetzt in der Garage, im Schein der Taschenlampe, tut sie das, was sie in Gedanken bereits Hunderte Male geprobt hat. Sie lädt das Gewehr, spannt den Lauf und schleicht damit zurück in die Diele. Die Taschenlampe knipst sie kurz zuvor aus und hängt sie zurück an den Haken.

Sie steht wieder im Dunkeln, das Gewehr eng an sich gepresst. Die Kälte der Fliesen kriecht in ihre nackten Füße, zieht die Beine hinauf, ergreift ihre Brust, in der das Herz laut pocht.

Sie zittert.

Ganz ruhig, befiehlt sie sich. Konzentrier dich! Auf dich allein kommt es jetzt an. Niemand wird dir helfen.

Das Geräusch von springendem Glas durchbricht die Stille. Die Terrassentür. Er hat sie eingeschlagen.

Jule hört Schritte. Dann Stimmen. Jos Stimme – und seine Stimme.

Es folgt ein Schrei, danach ein Poltern.

Nun muss sie schnell sein.

Mit dem rechten Fuß stößt sie die Tür zum Wohnraum auf, das Gewehr im Anschlag.

2

Sechs Monate zuvor

Sie warten auf jemanden, den es nicht gibt.«

Sie sah auf. Ihr Blick verließ das Bild, vor dem sie saß. Das Bild einer Landschaft. Es schien, als würde sie darin etwas suchen. Ein Geheimnis. Eine Lösung. Eine Antwort. Was auch immer. Doch nun sah sie auf – in das Gesicht eines Mannes. Ein freundliches, zugleich ernstes Gesicht, das ohne die Spur eines schmeichelnden Lächelns auskam.

»Und Sie sind ein Dieb«, erwiderte sie.

Er zeigte Stirnfalten. Verwunderung. Ratlosigkeit. Erstaunen. Den Hauch eines Zögerns. »Wieso das?«, fragte er dann.

»Weil der Satz geklaut ist.«

Die Strenge in ihrer Stimme ließ ihn erröten. »Das wusste ich nicht.«

»Warum sollte ich Ihnen glauben?«

»Ich weiß es nicht.« Er presste die Handschuhe zusammen, die er in der linken Hand hielt. Schwarze Lederhandschuhe mit einigen Gebrauchsspuren. Die Geste hatte etwas Verlegenes und zugleich Entschlossenes. »Darf ich mich zu Ihnen setzen?«, fragte er.

»Nehmen sich Diebe nicht immer, was sie wollen?«

»Heißt das Ja?«

Ihr Kopf deutete eine Bewegung an, neben sich auf die Bank. Eine mit schwarzem Kunstleder bezogene Bank.

Sie rutschte ein Stück nach rechts. Er nahm links Platz. Seine Handschuhe legte er in den Abstand, den sie zwischen sich ließen. Ihre Blicke trafen sich auf dem Bild.

Es fiel kein Wort, aber das schien sie nicht zu stören.

Andere Museumsbesucher betraten den Raum, wanderten ziellos herum und gingen schließlich wieder. Für einen kurzen Moment stellte sich einer dieser Wanderer vor die Landschaft, aber dann war er verschwunden, als sei er nie da gewesen.

»Woher kommt der geklaute Satz?«, fragte der Mann mit den Handschuhen schließlich.

»Ach, das wissen Sie gar nicht?«

»Nein, ich dachte, es sei meiner.«

»Er stammt aus irgendeinem alten französischen Film. Ich glaube, es war einer mit Jane Birkin. Nouvelle Vague, vermute ich. Den Titel weiß ich nicht mehr, aber den Satz hab ich behalten. Es gibt so Sätze, die man mit sich herumträgt.«

»Stimmt er denn?«

»Ob ich auf jemanden warte, den es nicht gibt, meinen Sie?«

»Ja.«

»In gewisser Weise schon.«

»Demnach ist dieser Jemand eine Illusion?«

»Nun, sagen wir, er ist ein Irrtum. Ein Irrtum mit weitreichenden Folgen.«

»Verstehe.«

»Oh, das bezweifle ich. Da wären Sie einen entscheidenden Schritt weiter als ich, und das, obwohl wir uns gerade erst kennengelernt haben.«

»Ich möchte nicht indiskret sein.«

»Sind Sie nicht. Ich entscheide doch, was ich Ihnen sage.«

»Wollte er sich heute hier mit Ihnen treffen?«

»Um ehrlich zu sein, ich wollte es. Es ist ein neutraler Raum. Und es ist ein Ort, der einem die Augen öffnet. Bilder können so etwas.«

»Wie lange warten Sie schon?«

»Seit ich denken kann.« Sie stand auf und reichte ihm ihre Hand. Klein, mit ein paar Sommersprossen darauf. »Kommen Sie.«

Ihre Haut fühlte sich kühl an. Der Griff entschlossen. Eine zähe, nachdrückliche Hand.

Direkt vor dem Bild blieben sie stehen. »Was sehen Sie?«, fragte sie.

»Nun, ich sehe eine Landschaft«, begann er. »Mit sattgrünen Bäumen. Eine Allee, die …«

»Unsinn«, unterbrach sie ihn. »Gehen Sie näher ran. Als wollten Sie das Bild küssen.«

»Aber dann sehe ich nur noch bunte Punkte.«

»Genau! Sie sind gut. Sehr gut. Bei einem Quiz hätten Sie jetzt gewonnen.«

»Ich mag kein Quiz.«

»Ich auch nicht, aber darum geht es hier gar nicht.«

»Ich begreife nicht ganz, was Sie mir sagen wollen.« Er sah sie an, dann wieder das Bild.

»Egal. Sie haben’s erfasst, das ist zunächst mal die Hauptsache.«

»Könnten Sie trotzdem etwas konkreter werden?«

Sie lächelte, ganz kurz nur, aber lange genug, um ihm eine winzige Zahnlücke zu zeigen.

Sein Gesicht überzog sich mit leichter Röte. Er spürte die damit einhergehende Wärme wohl, denn unwillkürlich schaute er sich um, ob der Museumsangestellte an der Tür die Heizung höher gestellt hatte. Aber der Mann saß nahezu regungslos auf seinem Stuhl und blickte ins Nirgendwo.

Sie wurde wieder ernst. Fast feierlich ernst. »Je mehr wir uns einer Sache nähern, desto weniger sehen wir. Das Ganze wird erst klar, wenn wir Abstand haben. Zu viel Nähe lässt nur den verengten Blick auf das Klein-Klein zu. Man sieht lediglich Gekleckse. Der große Wurf bleibt verborgen.«

»Sind Sie Malerin?«

Wieder dieses Lächeln. »Nein. Ich bin vieles, aber das nicht.«

»Was sind Sie denn?«

»Wollen Sie’s herausfinden?«

Er nickte.

»Die haben hier ein Museumscafé. Überlassen wir den Klimt sich selbst und gehen wir einen Kaffee trinken. Einverstanden?«

»Einverstanden.«

Nebeneinander gingen sie zur Tür, vorbei an dem Mann auf seinem Stuhl. Die schwarzen Handschuhe blieben auf der Bank zurück.

 

In dem Café herrschte Hochbetrieb. Das Gewirr vieler Stimmen, die Ausdünstungen feuchter Wintermäntel, der Rauch von Zigaretten. Mit Mühe bekamen sie zwei Plätze an der Bar, direkt neben einer chromglänzenden Kaffeemaschine, die fauchend und zischend Espresso in Tassen spuckte und Milch aufschäumte. Sie bestellten zwei Cappuccino; er nahm Zucker, sie nicht.

»Ich bin Pianistin«, nahm sie das Gespräch wieder auf.

»Oh, interessant.« Er bewegte den Löffel geräuschvoll in seiner Tasse hin und her. Sonst störte sie so etwas, aber das hier verbuchte sie als Verlegenheit, die er energisch zu überspielen versuchte. Wie vorhin, als er seine Handschuhe zusammengepresst hatte. Auf eine noch unbestimmte Weise berührte sie das.

»Ach, das hört sich toller an, als es ist«, erwiderte sie. »Meine Mutter wollte unbedingt, dass ich aufs Konservatorium gehe.«

»Ist Ihre Mutter auch Musikerin?«

»Sie hat Geige gespielt. Sie war wohl richtig gut, aber dann ist mein Vater gestorben, und sie musste Geld verdienen und sich allein um mich kümmern … Aber was erzähle ich Ihnen hier eigentlich alles?«

Er lächelte. Das erste Mal. Sein Lächeln hatte etwas Raumgreifendes. Etwas, dem man sich nicht entziehen konnte.

Sie wollte sich auch gar nicht entziehen. Im Gegenteil. Sie tauchte in dieses Lächeln ein und spürte etwas, das ihr abhandengekommen war. Ganz kurz nur zeigte es sich. Zu kurz, um es festhalten zu können.

»Erzählen Sie ruhig«, sagte er. »Ich höre Ihnen gern zu. Also, Sie meinten, Klavier zu spielen hört sich toller an, als es ist.«

»Ja. Die Ausbildung habe ich, Talent habe ich wohl auch, aber es ist schwer, Auftritte in guten Häusern zu bekommen. Früher hatte ich die, aber dann … Nun, es kam etwas dazwischen. Inzwischen begnüge ich mich mit dem, was ich kriegen kann, und mache das, was viele Musiker tun.«

»Und was ist das?«

»Ich gebe Unterricht. In passablen Monaten komme ich gerade so über die Runden, in schlechten lebe ich auf Pump.«

Er sah auf ihre sommersprossigen Hände. »Welche Art von Musik spielen Sie?«

»Kennen Sie sich aus?«

»Ein bisschen.«

»Nun, natürlich die Klassiker. Ich liebe Chopin. Aber ich versuche mich nebenher auch ein bisschen im Jazz, wenn Sie verstehen.«

»Jazz liegt mir mehr als Klassik.«

»Na dann … Ein Freund von mir ist Bassist, ein anderer Schlagzeuger. Es macht Spaß, zusammen zu improvisieren. Da kommt Neues, Eigenes heraus. Das gefällt mir. Mit etwas Glück ergattern wir ab und an einen Auftritt in einem kleinen Club.«

»Wohnen Sie hier in Wien?«

»Inzwischen, ja. Eigentlich bin ich aus München …«

»Ach, was für ein Zufall«, unterbrach er sie. »Ich lebe in München. Weshalb sind Sie …?«

»Warum ich in Österreich gelandet bin, meinen Sie? Nun, die alte Geschichte, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Ein Mann?«

Sie nickte.

Er rührte noch immer in seinem Kaffee. »Der, auf den Sie gewartet haben und den es eigentlich gar nicht gibt?«

»Sie sind wirklich schlau.« Sie lachte, doch in ihr Lachen schlich sich etwas, das er nicht zu fassen bekommen schien. Wehmut? Traurigkeit? Bitterkeit?

»Und Sie?«, fragte sie. »Was treiben Sie so, mal abgesehen davon, dass Sie in einem Wiener Museum fremde Frauen ansprechen?«

»Ich bin Literaturagent.«

Sie zog die Stirn in Falten.

»Ich verkaufe Bücher an Verlage«, erklärte er. »Suche aus den Unmengen an Autoren solche heraus, von denen ich glaube, sie hätten eine Chance auf dem Markt. Es ist eine kleine One-Man-Agentur. Ich bin mein eigener Chef.«

Sie trank einen Schluck Kaffee. »Was für Bücher mögen Sie?«

»Meine Leidenschaft sind Romane.«

»Eine besondere Sparte?«

»Nein. Ich mag zwar Krimis, weil die sich gut verkaufen. Aber es gibt auch wunderbare Familiengeschichten oder …«

»Liebesgeschichten?«

»Die auch, ja.«

»Waren Sie schon immer Agent?«

Er schüttelte den Kopf.

»Was haben Sie davor gemacht?«

»Ich war Buchhändler, hätte sogar mal Teilhaber des Ladens werden können, in dem ich gearbeitet habe.«

»Warum sind Sie’s nicht geworden?«

»Ich hatte Lust auf Neues.«

»Das verstehe ich.«

»Als Buchhändler war ich häufig auf den großen Messen. Na ja, von daher hatte ich ein paar Kontakte, und irgendwann stand der Entschluss fest. Er drängte sich geradezu auf. Mein jetziger Job macht mich nicht reich, aber er macht mich zufrieden. Zufriedener als der davor. Ich bin unabhängiger.«

»Unabhängigkeit ist wesentlich. In vielerlei Hinsicht.«

»Da haben Sie recht.«

»Schreiben Sie selbst Romane?«

Jetzt lachte er. Sein Lachen war die Steigerung seines Lächelns. »Nein«, entgegnete er. »Das kann ich nicht. Ich erkenne nur, wenn etwas gut ist. Wie heißen Sie eigentlich?«

»Jule.« Sie streckte ihm wieder ihre kleine entschlossene Sommersprossenhand hin. »Und Sie?«

»Joachim. Aber alle nennen mich Jochen.«

»Ich werde Sie Jo nennen.«

»So hat mich noch niemand genannt.«

Sie zeigte ihre Zahnlücke. »Oh, ich mag es, wenn ich die Erste bin.«

»Jo …« Er ließ den Namen nachwirken. Es schien, als würde er ihn im Mund bewegen, wie ein Bonbon. »Ja, das gefällt mir«, sagte er schließlich. »Sehr sogar. Und es gefällt mir, dass unsere Vornamen mit demselben Buchstaben beginnen.«

»Eine Alliteration. So heißt das doch in Ihrem Fach, oder?«

»Ein Stilmittel, ja.«

»Milch macht müde Männer munter. Mit diesem Satz hat es uns meine Deutschlehrerin früher erklärt. Manche Dinge merkt man sich fürs Leben. Das ist auf der Festplatte da oben gespeichert.« Sie tippte sich an die Stirn. »Wie lange bleiben Sie in Wien, Jo?«

»In einer Stunde geht mein Zug. Ich habe hier zwei meiner Autoren getroffen und nebenher ein bisschen Urlaub gemacht. Heute wollte ich mir die verbleibende Zeit noch mit etwas Kunst vertreiben.«

»Irgendwie eigenartig.«

»Ich begreife nicht ganz.«

»Da wünschen wir uns alle immer, mehr Zeit zu haben, und dann wollen wir sie vertreiben.«

»So hab ich das noch nie gesehen, aber ja, da ist was dran. Das mit den Punkten und dem Bild vorhin war übrigens auch ein sehr guter Gedanke.«

»Irgendwie habe ich gespürt, dass Sie’s verstehen. Ich sitze oft vor dieser Landschaft, wenn ich im Leben den Überblick verliere.«

»Haben Sie mit ihm auch dort gesessen? Ich meine den, der …?«

»Ich weiß schon, wen Sie meinen. Ja, habe ich. Aber wie ich bereits sagte: Er war ein Irrtum.«

»Ein Irrtum …« Er ließ das Wort nachwirken. »Das passiert wohl oft zwischen zwei Menschen.«

Sie nickte. »Zu oft.«

»Dieser Mann …«

»Den Mann, den ich glaubte zu kennen, gibt es nicht. Letztlich trauere ich um jemanden, der gar nicht existiert und im Grunde nie existiert hat. Verrückt, nicht wahr?«

»Stoff für einen Roman.« Er rückte mit dem Barhocker etwas von ihr ab und sah sie an. Als wollte er das ganze Bild sehen. Die ganze Frau.

»Ihre Augen haben die Farbe von Stachelbeeren«, sagte er schließlich.

»Mögen Sie Stachelbeeren?«

»Nein.«

Wieder schenkte sie ihm ihr Zahnlückenlachen. Normalerweise war sie weniger großzügig damit, doch diesem Mann hier gab sie es gern. Vielleicht weil sie spürte, dass er mehr davon wollte.

»Na, das ist mal ein echtes Kompliment!«, erwiderte sie.

»Entschuldigen Sie. Die Farbe, ich meinte die Farbe. Die mag ich. Dieses blasse durchscheinende Grün, mit Sprenkeln von Grau drin. Glauben Sie mir, ich rede nicht vom Geschmack.«

»Schon gut, ich glaube Ihnen. Stachelbeeren also. Das hat noch keiner zu mir gesagt. Aber ich mag es.«

»So wie ich meinen neuen Namen.«

»Dann haben wir schon mal zwei Dinge, die wir aneinander mögen. Das nenne ich eine ganz passable Basis nach einer guten halben Stunde.«

»Ich tue so was normalerweise nicht.«

»Was tun Sie nicht?«

»Fremde Frauen ansprechen und ihnen nach einer Stunde schon etwas über ihre Augen erzählen.«

»Und warum machen Sie bei mir eine Ausnahme?«

»Ich weiß es nicht.«

»Das lasse ich nicht gelten.«

»Vielleicht weil … weil Sie irgendwie so beschädigt wirken.«

»Dieses Kompliment ist fast noch besser.« Es sollte flapsig klingen, aber der Ton verrutschte ihr.

Er bemerkte es sofort. Sie war auf der Hut. Wie ein Tier, das Gefahr wittert.

»Ich mag das Versehrte, müssen Sie wissen«, beeilte er sich zu sagen. »Das Glatte liegt mir nicht.«

Sie schwieg.

Er zählte die Sekunden ihres Schweigens. Es waren achtundzwanzig.

»Sind Sie verheiratet?«, fragte sie unvermittelt.

»Ja.«

»Lassen Sie mich raten. Mit einer glatten Frau?« Sie hatte ihren Ton wiedergefunden.

Er nickte. »Sie ist so ziemlich ohne Fehl und Tadel. Die perfekte Ehefrau eigentlich.«

»Eigentlich ist ein verräterisches Wort.«

»Ihre Beobachtungsgabe ist erstaunlich.«

»Sollte ich Sie jetzt fragen, ob Sie glücklich sind?«

»Ich weiß nicht.«

»Sind Sie’s?«

»Ja und nein. Ich bin es, und ich bin es auch wieder nicht. Ehrlich gesagt bin ich gerade einigermaßen ratlos.«

»Warum?«

»Weil ich hier mit Ihnen sitze. Weil ich es mag. Und weil ich nicht weiß, ob ich nicht besser gleich gehen sollte.«

»Na ja, das müssen Sie ohnehin, wenn Sie Ihren Zug rechtzeitig erreichen wollen.«

»Sehe ich Sie wieder?«

Sie schaute in ihre leere Kaffeetasse. »Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.«

»Ich gebe zu, meine Ideen sind nicht immer die besten.« Er griff nach seinem Sakko, das er auf dem Barhocker neben sich abgelegt hatte. Ein dunkelbraunes Cordsakko, etwas abgewetzt an den Ärmeln. Er tastete es ab; sie sah auf seinen Hinterkopf, während er das tat. Er hatte dunkle Locken, die sich jedem Versuch von Frisur zu widersetzen schienen und ihm etwas Jungenhaftes verliehen.

Schließlich hatte er gefunden, was er suchte, holte ein Portemonnaie aus der Innentasche des Sakkos, legte sieben Euro auf den Tresen und reichte Jule eine Visitenkarte.

Sie warf einen Blick darauf und schob die Karte dann in den Ärmel ihres Pullovers.

»Wollen Sie mir Ihre Nummer auch verraten?«, fragte er.

Sie winkte einen jungen Mann herbei, der an der Kaffeemaschine stand. »Hätten Sie einen Stift für mich?«

Der Mann griff in die Brusttasche seiner Jacke, zog einen Kugelschreiber heraus und legte ihn auf den Tresen.

»Geben Sie mir Ihre Hand«, sagte Jule.

Verdutzt tat Jo, was sie verlangte. Eilig schrieb sie einige Zahlen darauf. Sie wählte die Innenseite, dort, wo die Finger wurzelten; eine geschlossene Hand würde die Ziffern verbergen. »Das ist meine Handynummer«, erklärte sie. »Nachmittags bin ich meist ganz gut zu erreichen. Am Abend sollten Sie besser nicht anrufen.«

»Weshalb nicht?«

»Das werde ich Ihnen nicht sagen.«

Er sah in seine Hand. »Hat irgendwie etwas Verschwörerisches. Wie in einem Kriminalfilm.«

Sie zeigte ihre Zahnlücke. Ihr lückenhaftes Lachen.

»Na ja«, sagte sie, »in den wirklich guten Thrillern kritzelt jemand eine Nummer auf einen Zettel, ein anderer lernt sie auswendig und schluckt den Zettel dann hinunter.«

»Sie kennen sich wirklich aus mit Filmen.«

»Ich gehe gern ins Kino, ja. Wie kommen Sie zum Bahnhof?«

»Am besten mit einem Taxi. Mein Gepäck habe ich unten an der Museumsgarderobe abgegeben.«

»Ich begleite Sie. Zur Garderobe, meine ich.«

Sie wirkten fast schon vertraut miteinander, als sie das Café verließen. Er ging voraus, hielt ihr die Tür auf. Sie deutete mit dem Kopf eine kleine Verbeugung an.

Sie waren inzwischen an der Garderobe angekommen. Die Frau hinter der Ausgabe nahm den Bon entgegen und begab sich auf die Suche. Nach kurzer Zeit kam sie mit einem schwarzen Wintermantel und einer Reisetasche zurück.

Jo zog den Mantel über sein Sakko und griff in die Taschen. »Oh, ich glaube, ich habe meine Handschuhe vergessen. Vorhin, als ich Sie traf, in der Ausstellung, da hatte ich sie noch. Ich habe sie vielleicht auf der Bank liegen lassen.«

»Ich gehe zurück und sehe nach.«

Er schaute auf die Uhr. »Mein Zug. Ich muss los.«

»Na, nun machen Sie schon, dass Sie wegkommen. Da draußen stehen jede Menge Taxis. Ich behalte Ihre Handschuhe einstweilen.« Sie lächelte. »Betrachten Sie es als eine Art Pfand«, fügte sie hinzu.

»Ein Pfand sollte eingelöst werden«, entgegnete er.

Er nahm seine Reisetasche in die linke Hand. Die rechte streckte er ihr entgegen.

»Auf Wiedersehen«, sagte er. »Und das meine ich wörtlich.«

»Wir werden sehen«, sagte sie und erwiderte den Druck seiner Hand.

Sie schaute ihm nach, als er Richtung Ausgang lief, und langsam verschwand das Lächeln aus ihrem Gesicht.

Er drehte sich nicht um. Unterließ ein letztes Winken. Das gefiel ihr. Alles andere hätte übertrieben gewirkt. Fast kitschig. Und Kitsch wäre hier unpassend gewesen.

Der Winterwind blähte seinen Mantel auf, als er durch die Drehtür nach draußen trat. Er brachte ein paar Schneeflocken mit, der Wind.

Jule blieb im Foyer des Museums stehen. Sie hatte mit dem Mann gerade mal eine Stunde verbracht, und doch hatten sie so etwas wie eine lose Abmachung getroffen. Das war mehr, als ihr Verstand ihr gestattete. Und doch war es zu wenig, um schon Furcht zu säen. Sie spürte den Grenzübertritt bereits, aber noch befand sie sich in schützendem Niemandsland. Noch konnte sie umkehren und so tun, als wäre nichts geschehen. Diese Stunde mit diesem Mann ausradieren, wie Worte auf einem Blatt Papier, die man besser nicht in die Welt setzen wollte, weil sie imstande wären, etwas ins Rollen zu bringen, das sich dann nicht mehr aufhalten ließe.

Jule ging langsam zurück in die Ausstellungsräume.

Seine Handschuhe lagen nach wie vor auf der Bank vor dem Klimt, als würden sie dort warten. Sie nahm sie an sich und strich mit ihren Fingern darüber. An einigen Stellen war das Leder rau und leicht rissig. Es fühlte sich kühl und warm zugleich an.

3

Der Versuch, die Augen zu öffnen, misslang. Lediglich ein schmaler Schlitz gewährte Jule Sicht. Eingeschränkte Sicht. Was sie sah, verwirrte sie. Eine hellgraue Wand. Ein an der Zimmerdecke hängender Fernseher. Ein hellbrauner Schrank mit zwei Türen.

Sie drehte den Kopf nach rechts. Er schmerzte.

Da war ein Fenster. Die Jalousie hatte jemand so eingestellt, dass die Sonne von draußen sie nicht blendete. Da war auch ein Ständer mit einer Infusionsflasche, die langsam Tropfen für Tropfen einer Flüssigkeit in einen Plastikschlauch entließ. Der Schlauch führte zu Jules Handrücken, in dem eine Kanüle steckte.

Wo war sie? Wie war sie hierhergekommen?

Sie versuchte, sich zu erinnern, doch die Erinnerungen blieben verschwommen. Wie hinter einer Milchglasscheibe.

Sie schloss die Augen wieder und schlief ein.

 

Sie musste lange geschlafen haben. Die Sonne schien nun nicht mehr durch die Jalousie.

Erneut suchte Jule die Erinnerungen. Diesmal öffnete sich die Milchglasscheibe. Nur einen Spaltbreit, aber immerhin. Die Erinnerungen offenbarten erste Konturen.

Da waren die Handschuhe. Die schwarzen Handschuhe, die sie im Februar aus dem Museum mit nach Hause genommen hatte. Sie hatte ein gutes Versteck dafür gefunden. Weit hinten in ihrem Kleiderschrank unter einem Haufen alter Socken. Da waren sie sicher. Vor ihm. Vor Mark. Mark, der eigentlich Markus hieß.

Die Visitenkarte hatte sie weggeworfen. Die Telefonnummer darauf speicherte sie auf ihrem Handy. Nicht unter Kontakten, sondern in ihren Notizen. Sie verbarg die Nummer inmitten einer längst beglichenen Reiseabrechnung. Schrieb nur die Ziffern hin. Ohne Namen. Der Name wäre verräterisch.

Jo. Sie dachte den Namen oft. Dachte ihn insgeheim vor sich hin. Das Insgeheime war ihr bevorzugter Aufenthaltsort geworden. Sie musste auf der Hut sein, lavierte sie doch auf dünnem Eis, jederzeit in Gefahr, einzubrechen. Schon einige Male hatte sie es gespürt, vielmehr geahnt, das eiskalte Wasser, das da unten lauerte und sie zu verschlingen drohte. Erst kam das Klirren des berstenden Eises, dann folgte der Sog in die Tiefe.

Jetzt war sie ganz tief unten, das fühlte sie. Sie war auf dem Grund angekommen. Du darfst nicht strampeln und herumrudern, sondern musst warten, bis du die Kiesel am Flussbett spürst, dann kannst du dich an ihnen abstoßen, um wieder nach oben zu gelangen. Das hatten ihr die Jungs verraten, mit denen sie als kleines Mädchen in der Isar gebadet hatte. Die Jungs wussten, was zu tun war, um Oberwasser zu bekommen. Oberwasser. Ein Überlebenswort. Jule hatte den Satz mit den Kieseln mit in ihr Leben genommen. Ein Satz wie ein Rettungsring, der sie vor dem Ertrinken bewahrte. Bis jetzt. Letzte Nacht wäre sie fast ertrunken. Oder war es die Nacht davor gewesen?

Das Zeitgefühl, es war noch nicht zurück.

Stattdessen kamen jetzt Bilder. Immer mehr Bilder, die sich an das der Handschuhe und der Visitenkarte und der Telefonnummer ohne Namen anfügten. Bilder, die ihre Verstecke verließen.

Der Karmelitermarkt. Am frühen Nachmittag. Jule war als Erste da gewesen. Nach dem Anruf. Dem Anruf von Jo. Er sei in Wien, hatte er gesagt. Ob sie sich sehen könnten.

Sie wusste noch, dass sie sich gefreut hatte. Immer wieder hatte sie den Nachmittag im Museum in sich abgespielt. Hatte sich an den Mann erinnert, der sich zu ihr auf die Bank gesetzt hatte. An den ersten Satz, den er zu ihr gesagt hatte. An sein Gesicht dabei, freundlich und ernst zugleich. An die Aufmerksamkeit, mit der er ihren Sätzen gefolgt war. An die Art, wie er sie angesehen hatte, neugierig, aber nicht aufdringlich. An seine dunklen Locken und seinen dunklen Wintermantel. An sein ausbleibendes Winken.

An all das hatte sie gedacht, und allen inneren Einwänden zum Trotz hatte ihr Herz zu klopfen begonnen.

Sie hatte das Handy mit in die Küche genommen und ihre Stimme gesenkt, weil Mark im Nebenzimmer sie nicht hören sollte. Danach hatte sie die schwarzen Handschuhe unter den alten Socken hervorgeholt und in den Rucksack gesteckt, den sie immer zum Einkaufen mitnahm. Sie müsse noch in der Innenstadt was besorgen, hatte sie zu Mark gesagt. Sie komme etwas später zurück. Während sie das sagte, band sie sich ein Tuch um die Haare. Ein hellgrünes mit weißen Tupfen. Dann war sie gegangen.

Sie fuhr nicht mit der Straßenbahn über den Donaukanal in den ersten Bezirk. Sie lief vielmehr die Malzgasse, in der ihre Wohnung lag, hinunter, bis sie zum Karmelitermarkt kam.

Der Platz schien unter den ersten Sonnenstrahlen dieses Märztages aufzuwachen. Die Budenbesitzer stellten wieder Blumen vor die Tür, an den Ständen wurden neben Kapuzinerkresse die frühen Erdäpfel des Jahres angeboten. Die Menschen hatten Schals und Mützen abgelegt. Saßen draußen vor den Buden auf Holzbänken. In den alten Häusern, die den Markt umstanden, waren die Fenster weit geöffnet, um die Räume nach den langen kalten Monaten durchzulüften. Manche Leute hatten ihre Daunendecken und Kissen auf die Simse gelegt. Aufbruch lag in der Luft. Der Frühling gab sich zuversichtlich. Er schien geradezu verschwenderisch im Austeilen von Zuversicht.

Auch Jule ließ sich davon anstecken. Sie meinte zu spüren, wie ihr in letzter Zeit so klammes Herz ein Lächeln probierte. Es wagte sich hinaus aus dem Insgeheimen, wo es sich verborgen gehalten hatte.

Sie suchte sich einen Platz in der Sonne und bestellte ein Sodawasser mit Zitrone. Soda-Zitron nannten die Österreicher das Getränk, und seine Frische passte zu dem Frühlingsgefühl, das den Tag für sich einnahm.

Die Handschuhe holte sie aus dem Rucksack und legte sie vor sich auf den Holztisch. So, dass die Daumen nach außen zeigten, der eine nach links, der andere nach rechts. Die Richtung, die dieses Treffen nehmen würde, war schließlich auch nicht klar.

Sein »Hallo« erschreckte sie. Sie fuhr herum und merkte, dass sie rot wurde.

»Das steht Ihnen«, sagte er und setzte sich ihr gegenüber.

»Die Röte?«, fragte sie.

Er lachte. »Die auch, ja. Aber nein, ich meinte das Kopftuch, das Sie tragen.«

»Ach, das. Es bändigt die Haare. Sie müssten wieder mal geschnitten werden.«

»Sie haben kastanienrotes Haar, oder?«

»Sie haben ein gutes Gedächtnis.«

»Ich habe oft an Sie gedacht.«

»Das war nicht vereinbart.«

»Hatten wir eine Vereinbarung?«

»Nur die, dass ich ein Pfand behalte – und Sie es irgendwann einlösen.« Sie schob ihm die Handschuhe über den Tisch. »Ich habe gut auf sie aufgepasst.«

Er strich über das Leder. »Haben Sie gar nicht an mich gedacht, während Sie auf die alten Dinger hier gut aufpassten?«

»Das habe ich nicht gesagt.« Sie trank einen Schluck von ihrem Soda-Zitron und sah ihn dabei an. Er war so, wie sie sich an ihn erinnert hatte, wenn sie seinen Namen gedacht hatte. Er trug auch heute ein leicht zerknittertes Jackett, diesmal ein dunkelblaues mit einem hellen Rollkragenpullover darunter, als traute er dem Frühling noch nicht ganz. Und doch war da etwas neu an ihm, anders als im Museum. Er wirkte entschiedener. Damals hatte er noch Ratlosigkeit eingestanden und laut darüber nachgedacht, ob es nicht besser wäre, gleich zu gehen. Jetzt saß er hier, und er sah aus, als hätte er eine Antwort gefunden, eine Richtung ausgelotet. Jules Herz folgte dieser Richtung klopfend; ihr Verstand bemühte sich um Bremsmanöver, die Jo mit seinem raumgreifenden Lächeln sabotierte.

»Sie sind schnell wieder hergekommen«, sagte sie. »Nach Wien, meine ich. Drei Wochen sind eine kurze Zeit.«

»Und doch sind sie mir lang erschienen. Damals hat es noch geschneit, und jetzt …«

»… zeigt sich der Frühling. Ja, Sie haben Glück mit dem Wetter. Es ist der erste warme Tag. Haben Sie diesmal auch wieder Termine in der Stadt?«

»Sagen wir mal so, ich habe sie entsprechend gelegt. Ich …«

Eine junge Frau trat an den Tisch. »Was wünschen Sie?«, fragte sie Jo.

»Eine Weinschorle, bitte.«

»Einen G’spritzten, meinen Sie?«

»Wenn man das hier so sagt, dann nehme ich den.«

Die Frau notierte etwas auf einem Block und verschwand.

Jo wandte sich wieder Jule zu. »Ich wollte Sie wiedersehen, wenn ich ehrlich bin.«

»Das ist allerdings ehrlich. Die Termine waren also eher vorgeschoben.«

»Wenn Sie so wollen.«

»Ich weiß noch nicht, ob ich das will.«

»Was ist mit Ihnen?« Er sah sie fragend an. Sein Blick verriet Sorge. Nicht Sorge um sich, sondern Sorge um sie.

»Ich weiß nicht«, erwiderte sie.

»Sie wissen gerade nicht viel, scheint mir. Im Gegensatz zu unserem ersten Zusammentreffen. Im Museum. Da wussten Sie mehr als ich.«

Sie legte ihre kleinen Sommersprossenhände auf den Tisch vor sich. Die Finger bewegten sich, als suchten sie einen Akkord, der ihr entfallen und auf keinem Notenblatt zu finden war.

»Ich bin mir nicht sicher, was ich von alldem halten soll«, sagte sie schließlich. »Ja, ich habe auch an Sie gedacht. Und, ja, ich wollte Sie auch wiedersehen. Aber …« Sie sprach nicht weiter. Stattdessen sah sie sich um, als wollte sie den Markt mit ihren Blicken abfotografieren. Sich vergewissern, dass der frühlingshafte Anschein durch nichts und niemanden eingetrübt wurde.

»Aber was?«, fragte er vorsichtig. »Sie wirken irgendwie … Wie soll ich sagen?«

»Angespannt?«

Er nickte.

Ihr Lächeln verunglückte. »Bin ich auch. Das hier … Es ist nicht ganz leicht für mich, müssen Sie wissen.«

»Mir geht es genauso.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob es Ihnen so geht wie mir.«

»Na ja«, beeilte er sich zu sagen, »ich habe ebenfalls hin und her überlegt, ob ich überhaupt so bald wieder herkommen und Sie anrufen soll. Doch dann habe ich mir gesagt …«

Sie legte ihre linke Hand auf seine. Einen kurzen Moment nur, bevor sie die Hand nach einem hastigen Blick zur Seite abrupt zurückzog. Als hätte sie ein Insekt gestochen. »Ist schon in Ordnung«, sagte sie. »Ich freue mich, dass Sie hier sind. Sehr sogar.«

Seine Hand blieb auf dem Tisch liegen. Verlassen von ihrer. Er hatte lange schmale Finger. Solche, mit denen sich gut Klaviertasten greifen ließen. Sie hatte einen Blick dafür. Er trug keinen Ring, aber er hatte mal einen getragen. Das war an der helleren Hautfärbung rechts zu erkennen, dort, wo der Ring gesessen hatte. Im Museum hatte er ihr seine Hand gegeben, damit sie ihre Telefonnummer darauf schreiben konnte. War es die rechte oder linke gewesen? Sie wusste es nicht mehr. Zumindest war ihr kein Ring aufgefallen.

Die Kellnerin kam mit dem G’spritzten und fragte, ob sie gleich kassieren dürfe. Schichtwechsel.

Jo holte ein Portemonnaie aus der Innentasche seines Jacketts.

Jule griff nach ihrem Rucksack.

»Nein, nein«, winkte er ab. »Lassen Sie mich das machen.« Er legte einen Zehneuroschein auf den Tisch und nickte. »Das stimmt so.«

Die junge Frau bedankte sich, steckte den Schein ein und wünschte noch einen sonnigen Tag.

Jule lächelte. Diesmal gelang ihr das Lächeln. »Das war großzügig. Das Trinkgeld, meine ich.«

Er lächelte zurück. Sein Lächeln wirkte wie eine Entschuldigung. »Ist wohl ein kleiner, später Protest gegen meinen recht sparsamen Vater«, sagte er. »Meine Mutter und ich haben uns früher immer ein bisschen geschämt, wenn wir mit ihm in einem Lokal waren. Sie hat dem Personal dann oft beim Hinausgehen noch heimlich etwas zugesteckt.«

»Mögen Sie Ihren Vater? Mal abgesehen von …«

»… seinem temporären Geiz? Ja, er war ein ganz wunderbarer Mensch. Klug, wach, neugierig, warmherzig. In allem großzügig, nur eben nicht unbedingt beim Geld.«

»War?«

»Meine Eltern leben beide nicht mehr.«

»Das tut mir leid. Wann …?«

»Ach, das ist schon einige Jahre her. Erst bekam meine Mutter Krebs, dann Metastasen, und dann ging alles ganz schnell. Und mein Vater ist ihr recht bald hinterhergestorben. Plötzlicher Herzstillstand. So nannten es die Ärzte. Ich nenne es gebrochenes Herz. Was vielleicht auf dasselbe hinauslief … Er hat sie sehr geliebt, und er wollte wohl ohne sie nicht sein.«

»Das ist traurig, und zugleich ist es schön. Das soll nicht heißen, dass …«

»Ich verstehe, was Sie sagen wollen«, unterbrach er sie. »Und, ja, Sie haben recht. Es ist schön, wenn sich zwei Menschen so nah sind, wie es meine Eltern waren.«

»Sie vermissen sie sehr. Zumindest hört es sich für mich so an.«

Er nickte. »Aber sie haben mir etwas hinterlassen. Einen Ort, an dem sie für mich noch lebendig sind.«

»Was für einen Ort?«

»Ein kleines Haus. In Südfrankreich. Sehr alt. Eigentlich schon ziemlich ramponiert. Mein Vater hat viel geflickt, aber wenig erneuert. Man müsste einiges machen, aber … Ich komme selten hin.«

»Das ist schade.« Sie fragte nicht nach dem Warum, weil sie merkte, dass sie damit eine wunde Stelle berühren würde. Sie wollte nichts aufreißen, sondern sie wollte, dass er weiterredete. Sie wollte mehr wissen von dem Mann, in dessen Blick sie jetzt Sehnsucht ausmachte. Eine Sehnsucht, die ihn verletzlich wirken ließ. Mit Verletzlichkeit kannte sie sich aus.

»Ja, das ist es«, erwiderte er, »denn jedes Mal, wenn ich dann doch da bin, fühle ich mich, na ja, irgendwie geborgen. Es ist ein Ort, an dem ich mit mir und bei mir sein kann und zugleich die Nähe meiner Eltern spüre. Ich habe viele, viele Sommer dort mit ihnen verbracht, oft mehrere Monate. Sie wollten später ganz in ihr Petit Paradis ziehen. Das haben sie immer gesagt. Nun, das Später wurde zu einem Nie, und das kleine Paradies lebt von Erinnerungen und wartet auf mich, der vermeintlich Wichtigeres zu tun hat oder sich einreden lässt, was wichtiger ist. Aber warum erzähle ich Ihnen das alles?«

»Vielleicht, weil ich frage. Und Ihnen zuhöre. Wohnt jemand dort? Ich meine, wenn Sie nicht da sind?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Ein Freund von mir da unten und seine Frau sehen ab und an mal nach dem Rechten, lüften durch und machen das Nötigste im Garten, bevor die Garrigue alles übernimmt.«

»Die Garrigue?«

»Wildes Gestrüpp, das nach Süden duftet und im Laufe des Sommers immer trockener wird. Macchia, sagen die Italiener dazu.«

»Ach, das habe ich schon mal gehört.«

»Ja, die meisten kennen nur die italienische Bezeichnung. Doch die Franzosen mögen es nicht, wenn man ihre Garrigue Macchia nennt.«

»Sie sind eigen, die Franzosen, aber ich mag sie.«

»Kennen Sie Frankreich?«

»Ich war als junges Mädchen öfter dort. Schüleraustausch, na, Sie wissen schon … Das haben wir ja alle gemacht. Später haben wir dann mit der Abschlussklasse des Konservatoriums eine kleine Konzertreise nach Paris unternommen. Das war sehr aufregend für mich.«

»Sie sprechen also Französisch?«

Sie lachte und ließ sie ihn wieder sehen, ihre Zahnlücke. »Mein damaliger Freund war Franzose. Das ist die beste Art, eine Sprache zu lernen.«

»Der Freund …?«

»Den habe ich verloren. Perdu sozusagen. Aber seine Briefe habe ich noch. Und einige Rezepte seiner Großmutter. Die Frau hat sagenhaft gut gekocht.«

»Kochen Sie gern?«

»Nicht mehr. Es ist … Ach, das ist eine andere Geschichte.«

»Die Sie mir nicht erzählen wollen.«

Sie schüttelte den Kopf. »Es ist eine unschöne Geschichte.« Da war eine wunde Stelle bei ihr, das merkte er, und wie sie ließ auch er davon ab.

Er beugte sich vor, sodass ihre Gesichter nahe beieinander waren. Sie sah, dass er sich seit ein paar Tagen nicht rasiert hatte. Sie bemerkte kleine Fältchen, die verrieten, wie gern er lachte. Sie nahm einen leichten Geruch nach Seife wahr.

»Sie hatten übrigens recht mit dem Bild damals im Museum«, sagte er. »Ich habe viel darüber nachgedacht. Auch ich sehe in meinem Leben gerade viele Punkte und Kleckse, aber nicht das große Ganze.«

»Ich sollte jetzt wohl sagen: Dann halten Sie Abstand.«

»Und? Sagen Sie es?«

Sie schüttelte kaum merklich den Kopf, aber doch so, dass er es registrierte. Sie rückte auch nicht von ihm ab; ihr Gesicht blieb, wo es war.

»Abstand hilft oft, die Dinge klarer zu sehen«, sagte sie schließlich, »doch manchmal braucht man wohl Nähe, um nicht zu erstarren.«

»Wie ist es bei Ihnen gerade?«

»Es ist schwierig.«

»Inwiefern?«

»Betrachte ich mein momentanes Leben mit Abstand, bekomme ich Angst. Genauso geht es mir beim Gedanken an Nähe. Ich erwarte nicht, dass Sie das verstehen. Ich verstehe es ja selbst nicht.«

»Hört sich an, als seien Sie in einem Zustand, den man im Englischen in between nennt.«

Sie nickte und sah in den Himmel, der heute so blau und strahlend war. »Das bin ich wohl, ja.«

»Angst ist kein guter Begleiter.«

»Das stimmt. Sie lässt sich nur leider schwer abhängen. Es ist einfach zu viel passiert, müssen Sie wissen.«

»Vielleicht erzählen Sie mir irgendwann einmal davon.«

»Das könnte sein.«

Er schien zu spüren, dass es keinen Sinn hatte, weiter Antworten aus ihr herauszulocken. Sie entzog sich. Ließ ihn nicht in sich hineinblicken. Schließlich kannten sie sich noch kaum. Ihr war bewusst, dass er das ändern wollte. Er wollte sie, Jule, diese Frau, die so oft in Rätseln sprach, ergründen. Sie kennenlernen. Nicht zuletzt deswegen war er wieder nach Wien gekommen. Um herauszufinden, was sie selbst vergessen hatte: wer sie wirklich war.

Er schaute auf seine Armbanduhr. »Ich habe gleich noch einen Termin mit einem Autor«, sagte er. »Sehen wir uns heute Abend? Es gibt da ein kleines Lokal in der Nähe meines Hotels. Wir könnten essen gehen.«

Er hatte sich vorgewagt. Fast beiläufig und zugleich freimütig. Eine Absage riskierend. Jetzt war sie an der Reihe.

Sie holte tief Luft, die sie schließlich durch die leicht geöffneten Lippen wieder ausstieß. Während sie das tat, jonglierte sie in Gedanken bereits mit den Lügen, die sie würde aufbieten müssen, um das dünne Eis, auf dem sie sich bewegte, nicht herauszufordern. Sie spürte es bereits, das leise Knacken, das Klirren und Bersten ankündigte. Gleichzeitig ahnte sie, dass sie sich schon zu weit hinausgetraut hatte, um jetzt noch zurück ans sichere Ufer gelangen zu können.

Doch was hieß schon Sicherheit? War die nicht auch trügerisch, wie so vieles andere?

Sie wollte es doch auch. Sie wollte den Mann, der seine Frage gerade auf den Tisch zwischen sie beide gelegt hatte, wiedertreffen. Weil sie sein Lächeln mochte, seine Offenheit, seine Entschiedenheit und seine Verletzlichkeit. Weil sie ihn mochte. Drei Wochen lang hatte sie gefürchtet und gehofft, dass er sich meldet, um seine Handschuhe abzuholen. Die Furcht war kleinlaut geworden, als ihr Handy heute Morgen geklingelt hatte. Die Hoffnung hatte begonnen, den Takt vorzugeben. Mit Jo konnte Jule sein, was sie schon lange nicht mehr gewesen war. Sie spürte, dass es ihm ähnlich ging. Und nun saß er ihr gegenüber, in seinem leicht zerknitterten Jackett, und sie musste nur noch Ja sagen. Die Furcht in sich gänzlich zum Schweigen bringen.

Natürlich würde sie vorsichtig sein. Aufpassen, was sie tat. Ihre Schritte genau abwägen. Den Besuch bei einer Freundin erfinden. Da gab es Vera; die würde verstehen, worum es ging. Vera war die Einzige, mit der sie ab und an über ihre Angst vor dem Ertrinken sprach. Ihre Angst vor Mark. Niemals ging sie dabei ins Detail. Immer beließ sie es bei Andeutungen. Aber Vera fing diese Andeutungen auf und erklärte sich selbst den Rest. Das machte die Sache leichter.

»Gut«, sagte Jule jetzt und sah Jo dabei direkt an. Ihre Augen, die er mit der Farbe von Stachelbeeren verglichen hatte, suchten seine. Er erwiderte ihren Blick. Es war, als würden sie sich anfassen. Es war die Fortsetzung der kurzen Berührung ihrer Hände vorhin. Das fühlten beide, und beide schienen noch nicht genau zu wissen, was sie davon halten sollten. Zu unwägbar war das Terrain, auf das sie sich vorgewagt hatten. Anders noch als vor drei Wochen im Museum. Damals hatten sie nichts weiter als ihre Telefonnummern und damit eine Möglichkeit, die sie ergreifen konnten oder auch nicht. Jetzt hatten sie bereits eine Verabredung.

Er nannte ihr die Adresse des Lokals und sagte, er werde um halb acht dort auf sie warten. Dann stand er auf und gab ihr seine Hand. Er hielt die ihre etwas länger fest, als ob er das Nachdrückliche darin wieder spüren wollte.

»Ich werde da sein«, sagte sie. Und in dem Augenblick wünschte sie sich nichts mehr als das.

 

Sie war nicht da gewesen.

Sie stellte sich vor, wie er auf sie gewartet und dabei immer wieder auf die Uhr gesehen hatte. Erst freudig gespannt, dann unsicher, schließlich enttäuscht. Vielleicht hatte er noch versucht, sie anzurufen, oder ihr eine SMS