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Das Buch handelt von der herausfordernden Situation, in Beratungs- & Erst-Erhebungssituationen eine Möglichkeit zu finden eigene Interpretationen und Ideen weitestgehend zurückzustellen und die Klienten und Klientinnen in den Mittelpunkt zu stellen. Ziel dieses Praxishandbuches ist es, Ihnen liebe Leser/innen, eine Methode an die Hand zu geben, die es Ihnen erlaubt, den Klient/innen möglichst viel Spielraum und Selbstverantwortung in Beratungsprozess zu belassen. Die S(E)E-Stern-Methode als ideales Instrument, mit leichten Fragetechniken gemeinsam zum Ziel zu gelangen!
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Seitenzahl: 152
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Dieses Buch handelt von der herausfordernden Situation, in Beratungs- und Ersterhebungssettings mit Klient/inn/en eine Möglichkeit zu finden, allein die Klient/inn/en in den Mittelpunkt zu stellen. Nicht die eigenen Interpretationen und Ideen zu wichtig zu nehmen, die während der Schilderungen des Klienten / der Klientin in uns auftauchen, stellt in Beratung, Training und Coaching eine große Herausforderung dar. Viel zu leicht nimmt der/die Berater/in zunehmend die Zügel in die Hand und steuert damit einen Weg (ein Thema) an und in weiterer Folge auf ein Ziel hin, das möglicherweise gar nicht der vorrangige Weg und das gewünschte Ziel des Klienten / der Klientin ist.
Sich der eigenen Macht nicht bewusst, erkennt der/die Berater/in möglicherweise nicht, dass die Klient/inn/en nicht etwa dem von dem/der Berater/in vorgegebenen Weg folgen, weil dieser auch ihrem Bedürfnis entspricht, sondern weil der/die Berater/in diesen als den richtigen Weg für den Klienten / die Klientin ersonnen hat und weil ihm/ihr die Kompetenz und Wissens-Autorität zugeschrieben wird, den richtigen zu folgenden Weg zu erkennen.
Es setzt mithin viel Geduld und Zurückhaltung bei Berater/ inne/n voraus, sich achtsam und – so weit es geht – unvoreingenommen und vorbehaltlos durch den Prozess mit den Klient/inn/en zu bewegen.
Indem Helga Ansorge in der Beratungspraxis immer wieder das eigene Handeln kritisch hinterfragte und eine leidenschaftlich klient/inn/enzentrierte Haltung entwickelte, konnte sie im Laufe der Jahre eine Methode entwerfen, die die eigene Einflussnahme weitestgehend reduzierte und gleichzeitig den Klienten / die Klientin unterstützt, den eigenen Weg zu finden und eigene realistische, erreichbare und in seinem/ihrem Einflussbereich liegende Ziele zu verfolgen. Ziel dieses Praxishandbuches ist es, Ihnen, liebe/ r Leser/in, eine Methode an die Hand zu geben, die es Ihnen erlaubt, sich inhaltlich zurückzuhalten und den Klient/ inn/en möglichst viel Spielraum und Selbstverantwortung im Beratungsprozess zu belassen.
Helga Ansorge, geboren 1967 in Clausthal-Zellerfeld, studierte Erziehungswissenschaften und Psychologie in Wien und gründete nach einigen Jahren als selbstständige Trainerin und Coach im Unternehmens- und Institutionsbereich das Beratungs-, Aus- und Weiterbildungsinstitut ‚ATi-Ansorge Training international‘ mit Sitz in Wien.
Sie ist seit 20 Jahren in der Erwachsenenbildung, in Studienprojekten und als Lehrende, Trainerin, Coach und Beraterin für Unternehmen, Vereine, Sozialprojekte und Ministerien tätig.
Die S(E)E-Stern-Methode1 im Einsatz klient/inn/enzentrierter Problem- und Bedarfserhebungen in Training, Coaching und Beratung
1 Systemische(Erst-)Erhebungs-Stern-Methode
Meinen lieben Eltern zu ihrem 84. Geburtstag
Vorwort
1 Grundlegende Gedanken und die Haltung der Berater/innen
1.1 Zurückhaltung des Beraters / der Beraterin als Intervention
1.2 Selektive Wahrnehmung des Beraters/der Beraterin und deren Einfluss auf den Beratungsprozess
1.3 Die grundlegende Arbeitsweise im Beratungsprozess
1.4 Ziel- und lösungsorientierte Beratung?
2 Kleine Geschichte der Entstehung der Sternmitschrift im Einzelsetting
2.1 Der Einfluss des Mitschreibens und Nachfragens durch den Berater/die Beraterin auf den Klienten/ die Klientin und den Beratungsprozess
2.2 Grafisch visualisierte Mitschrift – wie und wozu?
2.3 Übersichtlichkeit und Nachvollziehbarkeit der Mitschrift
2.4 Gewichtung der einzelnen Themen in der Mitschrift und Wahl des zu Bearbeitenden
2.5 Eine neue Perspektive?
3 Systemische (Erst-)Erhebungs-Stern-Methode im Detail
4 Checkliste zur S(E)E-Stern-Methode im Einzelsetting
5 Die S(E)E-Stern-Methode in der Paar- bzw. Zweipersonenberatung
5.1 Der Erstkontakt und der Beginn der ersten Sitzung
5.2 Die Ressourcen in die erste Sitzung hereinholen, um eine gute Arbeitsbeziehung zu gewährleisten
5.3 Trennung oder Besserung
6 Die Vorgangsweise der S(E)E-Stern-Methode in der Paar- bzw. Zweipersonenberatung
7 Die Vorgangsweise der S(E)E-Stern-Methode in der mehrpersonalen Beratung
8 Die Sternmitschrift: Fragen und Antworten aus Seminaren
9 Die Variante S(E)E-Stern-Aufstellung
Rückmeldung und Rezension
Anhang
Übersichtsblatt S(E)E-Stern-Beratungsverlauf
Literaturverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Weiterführende Literatur
Das vorliegende Werk möchte eine Methode vorstellen, die es Berater/inne/n2, Trainer/inne/n, Coaches,… ermöglicht, eine Vorgangsweise zu wählen, die die Klient/ inn/en in den Vordergrund rückt und gestattet, sich selbst (Berater/in,…) und die eigenen beim Zuhören entstehenden Interpretationen und Ideen zurück-zunehmen3 mit dem Ziel, den Klient/inn/en größtmöglichen Raum für Selbstbestimmung und Entwicklung im Beratungsprozess zu belassen.
Die S(E)E-Stern-Methode wurde in der praktischen Arbeit mit Klient/inn/en erarbeitet. Sie eignet sich für Ersterhebungen (Erstgespräche mit Einzelpersonen, Paaren und Gruppen) und in späterer Folge für Erhebungen am Beginn einer jeden Sitzung. Diese Methode offenbart auch die Möglichkeit, ein für den Klienten / die Klientin wichtiges Themenfeld des Klienten / der Klientin im Detail sichtbar zu machen oder auch mehrere Themenfelder zu visualisieren.
Zunächst werden in diesem Buch die Entstehung der Methode und ihr historisches Wachsen beschrieben und welche Grundhaltungen dieser Methode zugrunde liegen. Im Weiteren wird die Methode detailliert vorgestellt und die einzelnen Schritte der Vorgangsweise werden dargelegt, sodass den Leser/inne/n ein nachvollziehbarer Verlauf sichtbar wird.
Die in diesem Buch vorgestellte Methode dient also zur Bedarfs- und Problemerhebung in der Arbeit mit Klient/ inn/en4 sowohl im Trainings- als auch im Coachingund Beratungsbereich. Außer Frage steht, dass sie auch in allen anderen Bereichen, in denen der Mensch (Klient/in) mit seinen schwierigen Lebenssituationen im Mittelpunkt der Arbeit steht, hervorragende Dienste leisten kann, da sie vor allem den Klient/inn/en als auch den explorierenden Personen (Berater/inne/n, Coaches, Trainer/inne/n) einen guten Einblick in die Problemlandschaft des Klienten / der Klientin und damit auch schon in deren mögliche Lösungslandschaft sowie eine mögliche Herangehensweise an Probleme des Klienten / der Klientin bietet.
Die Begleitung und Beratung von Klient/inn/en hat sich in vielen beruflichen Feldern und Bereichen zu einer der wichtigsten Aufgaben des menschlichen Zusammenlebens entwickelt. Wir möchten so gut wie möglich unterstützen, helfen, zusammenarbeiten…, mit dem Ziel, die Klient/inn/en in die Selbstverantwortung und das Vertrauen in eigene Entscheidungen zu begleiten.
Wenn Coaches, Berater/innen, Trainer/innen, aber auch Psycholog/inn/en und Ärzt/inn/e/n5 am Beginn ihrer professionellen Tätigkeit stehen, sind sie häufig noch unsicher, müssen ihren eigenen Stil finden, wie sie dem Individuum gegenübertreten sollen, und dann ist da noch die Flut an Informationen, die auf sie einstürmt, ungebündelt, verwirrend, durcheinandergewürfelte und unübersichtliche Leiden, Wünsche und Verzweiflung. Oftmals überfordert, versuchen sie im Erstgespräch, in der Problem6- und Bedarfserhebung, das eine oder andere, das sie zu verstehen glauben, herauszupicken, müssen sich dabei vornehmlich auf ihre Intuition verlassen, die ihnen sagen soll, was denn nun gerade jetzt das Wichtigste sei, wo angesetzt werden soll.
Woher aber sollen sie wissen, woran denn nun gearbeitet werden sollte, welches der vielen genannten Themen besprochen werden sollte? Reicht Intuition? Reicht es, an irgendwelchen Stellen des Geschilderten einzuhaken und die eine oder andere Frage zu stellen? Oder sollen sie gar davon ausgehen, dass man, da sie ja außenstehend sind, von ihnen als den Profis erwartet, dass sie die Situation der Klient/inn/en besser einschätzen können als diese selbst oder es ganz generell besser wüssten als die betroffene Person…? Wie viel Ausbildung oder Erfahrung braucht man, um das Leben begreifen zu können, nicht nur das eigene, sondern das anderer? Möglicherweise müssen wir davon ausgehen, dass dies niemals der Fall sein wird. Aber wie sollen wir dann unterstützend arbeiten?
Wir stehen also am Beginn eines ersten Meetings, Settings, Beratungsstunde, Coaching…7, nachdem wir den/die Klient/inn/en begrüßt, Rahmenbedingungen geklärt,… haben.
„Wie mach ich das denn jetzt? Wie soll ich ein Problem oder einen Bedarf erheben?“ Denn das ist ja sehr schwierig. Wenn man bereits Vorinformationen seitens des Klienten / der Klientin z. B. am Telefon erhalten hat, also bereits um etwas weiß, fragt man vielleicht gezielt nach, sodass dann der Klient / die Klientin das Gespräch auf ein bestimmtes Thema lenkt. Durch das Nachfragen bleibt der Klient / die Klientin jedoch möglicherweise nicht bei sich und den eigenen Themen, sondern wird auf Nebenschauplätze verwiesen, die in der jetzigen Situation mitunter gar nicht relevant für den Klienten /die Klientin sind. Für viele stellt der Beginn mithin eine große Herausforderung dar, wenn es um ein Problem geht, aber selbst wenn es inhaltliche Bedarfe zu erheben gilt.
Die Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung und den Überlegungen, wie denn so eine Sitzung oder solch ein Beratungssetting beginnt, stellt die Grundvoraussetzung dar für eine/n jede/n Berater/in. So beginnt das erste Kapitel mit der Haltung in der Beratung und den Voraussetzungen eines Beratungsbeginns, gefolgt von einem Kapitel zur Entstehungsgeschichte und Entwicklung der S(E)E-Stern-Methode, bevor im dritten Kapitel eine Einführung in Details der Methode folgt. In den darauffolgenden Kapiteln wird ihr Einsatz in verschiedenen Feldern der Beratung betrachtet.
Das 8 Kapitel befasst sich mit Fragen aus Seminaren, deren Beantwortung möglicherweise auch für die Leser/ innen dieses Buches noch die Klärung des einen oder anderen Detailpunktes darstellen kann.
Im letzten Kapitel wird dann noch auf eine Variante der Methode hingewiesen, die durch den Einsatz von Material den Klienten / die Klientin noch stärker in den Prozess einbindet.
Ihre Berufung, andere, die Sie aufsuchen, bei einer Veränderung zu begleiten und damit zu unterstützen, die Situation einer/eines Einzelnen zum Besseren zu geleiten, ist bemerkenswert, und ich möchte Sie mit diesem Buch bestärken, nach all jenem, das Sie Gutes tun, auch weiterhin zu handeln!
Alle Interventionen, Methoden, Modelle sind nur Möglichkeiten, einer Klientin / einem Klienten zu begegnen, und bitte vertrauen Sie auf die Wertschätzung, die Sie Ihren Klient/inn/en schenken, wenn Sie ihm/ihr gegenübertreten, als eine Ihrer größten Ressourcen.
Sollten Sie, werte/r Leser/in, noch Fragen haben, so freue ich mich auf diese unter [email protected].
2 Da Sprache ein wesentliches Element der Beeinflussung von Wahrnehmung darstellt, wurde in diesem Buch eine Sprache gewählt, die Frauen und Männer gleichermaßen benennt. Um einen guten Lesefluss beizubehalten, wurden dafür manches Mal Formen gewählt, die eine gewisse grammatikalische Flexibilität erfordern (z. B. Kolleg/inn/en).
3 So werden Interpretationen und Ideen dort belassen, wo sie herstammen und hingehören, nämlich bei den unterstützenden Personen (Berater/inne/n, Coaches, Trainer/inne/n) und ihren Wertvorstellungen.
4 Im Weiteren wird der Begriff Klient/inn/en als Synonym für alle Personengruppen, wie Kund/inn/en, Teilnehmer/innen, Patient/inn/en, Coachees,… stehen.
5 In weiterer Folge wird der Begriff Berater/in als Synonym für alle genannten Berufe stehen.
6 Bamberger beschreibt im Zusammenhang mit dem Begriff Problem, dass die Personen, die ein Problem haben, noch nicht dort sind, „wo Sie sein möchten – und genau das ist die Grundstruktur eines Problems, nämlich die Diskrepanz zwischen Ist und Soll, wobei dieses Soll erstrebenswert erscheint, der Weg dorthin jedoch (noch) unklar ist“. (Bamberger, 20104, S. 2)
Ich möchte für die vorliegende Arbeit ein Problem wie folgt definieren: Ein Problem ist eine subjektiv als unangenehm empfundene Diskrepanz zwischen einem persönlich nicht zufriedenstellenden/unangenehmen, vorhersehbaren bzw. unvorhersehbaren IST-Zustand und einem persönlich gedachten oder gewünschten schwer bzw. gar nicht zu erreichenden, für das Individuum scheinbar optimalen SOLL-Zustand.
7 In weiterer Folge wird der Begriff Beratung als sinnverwandtes Wort stehen.
Was braucht es in der Beratungssituation, um das zu erkennen, was sich zeigt, was wirklich für den Klienten / die Klientin wichtig ist, und nicht, was wir Berater/innen glauben oder interpretieren? Und wenn interpretiert wird, wer sollte dafür zuständig sein?
Die Haltung der Beraterin / des Beraters besteht möglicherweise vor allem darin, den Klienten / die Klientin in den Fokus zu nehmen und in den alleinigen Mittelpunkt zu stellen mit dem Bewusstsein, dass dies nicht immer möglich ist und ohne eine mögliche Beeinflussung nicht auskommt. Sind mehrere Personen in der Beratung, sollten wir möglicherweise allen gleichwertig und allparteilich gegenübertreten. Keine/r ist zu bevorzugen, vor- oder nachrangig, auf- oder abwertend zu behandeln, auch dann, wenn ein bestimmtes Verhalten von Klient/inn/en nicht mit dem eigenen Wertesystem in Einklang steht.
Gerade z. B. bei einem Machtkampf zwischen Klient/inn/en in der Beratungssituation ist es wichtig, nicht als Bündnispartner/in des/der einen oder anderen zu agieren.
Möglicherweise kann der/die Berater/in den Klienten / die Klientin unterstützen, das Wesentliche zu sehen. Dafür braucht es Vertrauen und ein gewisses Maß an Nähe zu den Klient/inn/en, damit diese für sich erkennen können, was sie bewegt. Dazu bedarf es aufseiten der Berater/ innen einer Methode des Schauens, nicht des Interpretierens und Denkens, denn manches bleibt dem Verstand verschlossen.
Wir Berater/innen erstreben gemeinsam mit dem Klienten / der Klientin nicht so sehr eine Diagnose (auch wenn viele Klient/inn/en herausfinden möchten, was der Grund für ihre Misere ist), sondern legen das Augenmerk auf das ‚Jetzt‘, das Erkennen der Mängel, des Verlustes, der Schwierigkeit, der Situation an sich und insbesondere welche Möglichkeiten sich aus dem Erkennen für den Klienten /die Klientin ergeben.
Könnte es für das Gegenüber hilfreich sein, wenn wir jenes zurücknehmen, zurückhalten, was wir wissen (bzw. glauben zu wissen), uns frei machen von Vorerfahrungen mit dem Klienten / der Klientin, das Augenmerk auf das legen, was wir sehen und hören, was sich beim Gegenüber zeigt oder ereignet und wann was den Klienten / die Klientin besonders berührt?
Möglicherweise sollten wir Geduld haben und auch sehr lange warten können, eine Haltung des ‚Ich habe alle Zeit der Welt‘ einnehmen, wenn da erst einmal nichts kommt, denn es zeigt sich nicht immer gleich alles – der/die Klient/in tastet sich zunächst einmal heran an die Themen und an ein Vertrauen in den/die Berater/in – dies kann ein längerer Prozess sein.
Voraussetzung dafür ist Offenheit, Aufmerksamkeit, Hinwendung und doch auch eine Distanzierung seitens der Berater/innen, um die eigenen Vorerfahrungen, Erkenntnisse und Überzeugungen so weit als möglich herauszuhalten. Es braucht die Bereitschaft, neue Erfahrungen zu machen und Überraschungen aus-zuhalten. Auch braucht es stete Wachsamkeit, weil wir immer Gefahr laufen, uns selbst zu überschätzen und uns durch kleine Hinweise sprachlicher und körpersprachlicher Art in den Prozess einzumischen und damit Wege vorzugeben, die nicht unbedingt die richtigen Wege für die Klient/inn/en sind.
Je gelassener, zurückhaltender ich innerlich bin, desto unbefangener verläuft die Beratung und umso leichter fällt es, zuzuhören und nicht zu sprechen, keine inhaltlichen Fragen zu stellen oder gar nach Lösungen für den Klienten / die Klientin zu suchen.
Natürlich stellt auch Zurückhaltung eine Intervention8 dar. Wenn jemand ein Problem hat und darüber reden möchte, so ist man möglicherweise leicht versucht, die Lösung des Problems durch Rat/schläge, Ideen, Fragen, Besänftigung… zu erleichtern. Oft verfällt man in diese Reaktionen, weil man mit der Situation überfordert ist, oder weil man meint, die beste Lösung oder Antwort für das Problem zu kennen (da man selbst einmal ein ähnliches Problem für sich lösen konnte), bzw. glaubt, man müsse das Problem selbst in die Hand nehmen und lösen. Für manche stellt es auch eine große Herausforderung dar, wirklich zuzuhören, nicht zu unterbrechen und Zeit zu lassen. Wie wir die Welt betrachten und wie wir Lösungen suchen und finden, bestimmen unsere Erfahrungen und Erlebnisse und sind für die Person, die sich in einer Problemlandschaft befindet und sich von uns durch ihre Erlebnisse und Erfahrungen unterscheidet, nicht automatisch auch die besten Lösungen etc.
Deshalb müssen wir in die Lösungsfähigkeit unserer Klient/ inn/en vertrauen und sie auf diesem Weg bestmöglich begleiten.
Adams und Lenz beschreiben sehr anschaulich, dass viele Arten des Reagierens auf eine Person in einer Problemsituation zu Nicht-Annahme und Abwehr beim Gegenüber führen können. Im Folgenden werden diese Kommunikationssperren und Abblocker beispielhaft beschrieben:
1. Befehl, Anweisung, Forderung, Kommandieren
„Beruhigen Sie sich!“ – „Denken Sie erst einmal nicht mehr daran!“ – „Schlafen Sie erst einmal darüber, dann reden wir weiter.“
2. Drohung, Warnung, Ermahnung
„Wenn Sie nicht damit aufhören, werden Sie auch die Konsequenzen tragen müssen.“ – „Wenn Sie sich weiterhin so verhalten, dürfen Sie sich nicht wundern!“
3. Moralisieren, predigen, verpflichten
„Sie dürfen Ihren Partner nicht anlügen.“ – „Das hätten Sie mir längst sagen müssen.“
4. Rat geben, Lösungen anbieten, Vorschläge unterbreiten
„Sie sollten erst mal darüber nachdenken, bevor Sie es in die Tat umsetzen.“ – „Am besten Sie trennen sich erst einmal.“
5. Unterweisen, Fakten anbieten
„Ich werde Ihnen erklären, warum…“ – „In der Wissenschaft spricht man in diesem Fall von…“
6. Beurteilen, beschuldigen, kritisieren
„Wenn Sie sich nicht so gehen ließen, wären Sie nicht so unglücklich.“ – „Im Prinzip haben Sie sich das alles selbst zuzuschreiben.“
7. Loben, schmeicheln
„Das haben Sie ganz hervorragend geschafft.“ – „Sie sind doch eine attraktive Frau.“
8. Beschimpfen, lächerlich machen, beschämen
„Sie sind so ein Frauenhasser.“ – „Das glauben Sie doch selber nicht?!?“
9. Interpretieren, analysieren, diagnostizieren
„Sie machen das doch nur, um Aufmerksamkeit zu bekommen.“ – „Solch ein Verhalten lässt darauf schließen, dass Sie das noch nicht wirklich verarbeitet haben.“
10. Besänftigen, mitfühlen, trösten, ermutigen
„Wirst sehen, morgen wird alles besser.“ – „Ich verstehe das gut, war ich doch selbst einmal in dieser Lage.“
11. Infrage stellen, verhören, untersuchen
„Wann ist das das erste Mal passiert?“ – „Weiß dein Mann davon?“
12. Rückzug, Ablenken, Themawechsel, Distanzierung
„Lass uns ein anderes Mal darüber reden.“ – „Jetzt kümmern wir uns erst mal um die anderen Themen.“
Diese weit verbreiteten Reaktionen wirken auf den/die Gesprächspartner/in negativ, da dieser/diese daraufhin z. B.10
aufhört zu sprechen oder das Gespräch verlässt,
sich minderwertig und schwach fühlt,
sich unterlegen, schuldbewusst oder beschämt fühlt,
sich so, wie er/sie ist, nicht angenommen fühlt,
das Gefühl hat, man traue ihm/ihr nicht zu, die Probleme
selbst zu lösen.
So wie man laut Watzlawick11 in sozialen Situationen nicht nicht handeln kann, so kann auch der/die Berater/in in Beratungssituationen nicht nicht intervenieren.
Alles, was der/die Berater/in im Laufe eines Beratungsprozesses macht oder nicht macht, gilt als Intervention und hat möglicherweise Auswirkungen auf den Klienten / die Klientin.
Genauer: Der/die Berater/in übt auch dann Einfluss aus, wenn es scheint, dass er/sie nichts tut, wie etwa eine Frage zu übergehen oder zu überhören. Auf bestimmte Fragen oder Aussagen in bestimmten Situationen (z. B. der Problem- oder Themenerhebung) nicht (verbal) zu antworten / zu reagieren, stellt somit auch eine gewählte Intervention dar.
Die Methode der Zurückhaltung basiert auf einer
erkennenden/lösungsorientierten und somit ressourcensuchenden statt auf einer wertenden/defizitorientierten und damit ursachensuchenden Haltung – auf einer klient/inn/enorientierten statt einer berater/innenorientierten Haltung.
Die defizitorientierte Haltung bei Berater/inne/n provoziert ein Hineinfragen in die Probleme, da sie dem Defizit auf die Spur kommen möchte und möglicherweise weniger an den Eigenideen der Klient/inn/en interessiert ist, als selbst Ideen anzubieten. Je mehr die Klient/inn/en jedoch durch unser Nachfragen eintauchen in die Problemlandschaft und wir ihnen auf diesem Weg folgen, desto dichter wird die Themenlandschaft, und es besteht die Gefahr, sich in diesem Dickicht zu verlieren.
Gesprochen wird in diesem Zusammenhang von der sogenannten Problemtrance. Klient/in wie Berater/in haben das Gefühl von ‚Taubheit‘ im Kopf, das Gefühl, nicht mehr richtig denken zu können und sich nicht mehr auszukennen. Wie hilfreich ist diese Situation, um weiterarbeiten zu können?
Das Prinzip der Ziel- und Lösungsorientierung12
