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Mark, ein glücklicher und zufriedener Mittfünfziger, verheiratet und gutsituiert, wird durch eine Krebsdiagnose aus seinem gewohnten und geliebten Leben gerissen. Er wird sterben. Alles, was eben noch richtig und klar war, gerät durcheinander. Dieser Roman erzählt den Weg von der Diagnose bis zum unausweichlichen Ende. Aber der Weg dorthin wird von vielen Gedanken über das Leben, über Ziele, Wünsche und über den Tod begleitet. Seine Frau und seine Kinder sind in diesen letzten Wochen seines Lebens intensiv an seiner Seite und müssen sich ebenfalls massiv mit dem, was war, was ist und was sein wird, auseinandersetzen. Ein leises Buch, das man sicher ein paar Mal aus der Hand legen muss. Aber auch ein Buch, bei dem der Leser mitgenommen und vielleicht auch für sich selbst Fragen stellen und sich auf die Suche nach Antworten machen wird.
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Seitenzahl: 331
Veröffentlichungsjahr: 2016
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HARRY FLATT - HECKERT
Einmal noch!
Roman
HFH-Verlag
2016 Harry Flatt-Heckert
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Harry Flatt-Heckert
Satz: Harry Flatt-Heckert
Titelfoto: Diane Heckert © 2014
Printed in Germany
Erstauflage
Ein Titeldatensatz für diese Publikation ist bei der Deutschen Nationalbibliothek erhältlich.
ISBN: 978-3-7375-8769-3
Auch erhältlich als
HFH-Verlag
www.harry-flatt-heckert.de
Dem Leben.
„Nun sänftigt sich die Seele wieder
und atmet mit dem blauen Tag,
und durch die auferstand´nen Glieder
pocht frischen Bluts erstarkter Schlag.
Wir sitzen plaudernd Seit´ an Seite
und fühlen unser Herz vereint;
gewaltig strebt das Boot ins Weite,
und wir, wir ahnen, was es meint.“
Christian Morgenstern
Das Sterben fühlte sich nicht so an, wie Mark es erwartet hatte. Es fühlte sich gar nicht aktiv an. Er brauchte eigentlich gar nichts zu tun. Es war auch kein Kampf. Bei einem fairen Kampf weiß man nicht unbedingt, wie er ausgehen würde. Hier stand der Sieger von vornherein fest. Es brauchte keinen Kampf. Mark hatte es sich dramatischer vorgestellt. Spektakulärer. Beeindruckender. Vielleicht auch beängstigender. Zumindest aber irgendwie… wichtiger. Jetzt kam sein Tod so banal. So beiläufig banal. Sogar ein bisschen enttäuschend banal. Wie eine Postwurfsendung, die auf einmal ganz einfach im Briefkasten liegt, ohne ein besonderes Aufheben um sich zu machen. Oder wie der Schornsteinfeger, der vor der Tür steht. Regelmäßig. Ungefragt. Einfach so. Es fühlte sich so an, als würde das Leben einfach aufhören. Als würde es einfach in ihm einschlafen. Er spürte, wie das Leben müde in ihm wurde. Sein Leben. Er war ganz ruhig. Vielleicht war es auch nur das Morphium, das ihn ruhigstellte. Oder das Adagio in G-Moll von Tomaso Albinoni, das leise im Hintergrund lief und mit seinen Violinen seine Seele sänftigte.
Sarah und die Kinder waren jetzt ohne Unterbrechung da. Und Lukas. Sie saßen die ganze Zeit an seinem Bett. Fast jede Minute. Sie saßen einfach da. Hielten seine Hand, erzählten, lachten, weinten, spielten ihm seine Lieblingsplatten von Miles Davis und Nils Landgren vor – oder eben das Adagio, sein Adagio - und verbreiteten Ruhe. Eine wohltuende Ruhe. Eine friedliche Ruhe. Manchmal auch eine traurige Ruhe.
Aber es war in Ordnung. Es war jetzt alles in Ordnung. Da war nichts mehr, was es zu sagen, was es zu tun gab. Es war alles gesagt. Es war alles getan. Fast alles. Sarah flüsterte ihm ins Gesicht, dass sie noch einmal von ihm geküsst werden wollte. Bitte. Einmal noch. Sie legte ihre Mund auf seine trockenen, rissigen Lippen. Mark versuchte einen Kuss. Sarah bedankte sich mit einem Kuss auf seine glühende Stirn. Mark schloss die Augen. Er sah ihre Tränen nicht mehr. Er selbst hatte keine mehr. Dann brauchten sie nur noch zu warten. Sie warteten. Um 17.51 Uhr hatte das Warten ein Ende. Das Leben war in Mark eingeschlafen. Er merkte es gar nicht. Es war gut. Er hatte es geschafft. Sie hatten es geschafft.
Ich war wie vom Donner gerührt. So geht das nicht. Nein. So einfach kann er sich das nicht machen. Und mir auch nicht so einfach antun, dachte ich wütend. Ich hatte das anders erwartet. Ich hatte das nicht nur anders erwartet, ich hatte natürlich etwas vollkommen Anderes erwartet. Ich war wie erstarrt. Ich hörte zwar, was mein Arzt mir da sagte, erschrak auch, aber ich ärgerte mich in diesem Moment eigentlich mehr über das wie als über das was. Ganz ehrlich. So macht man das nicht. Der kann mir doch nicht einfach sagen, dass ich Krebs habe. Einfach so! Als wäre das das Normalste von der Welt. Als ginge es um Winterreifen aufziehen oder Kontoauszüge abheften.
Gut, ich hatte keine Wunder erwartet, ich wusste ja, dass Ärzte auch nur Menschen sind. Oft auch nicht mal besonders sensible Menschen. Vielleicht war es für sie ja auch normal, solche Botschaften an den Mann oder die Frau zu bringen. War ja ihr tägliches Brot. Aber man selbst hört es doch nur einmal und das auch nur höchst ungern. Dass man todkrank ist. Und keiner einem sagen kann, wie es ausgehen wird. Dass das Leben auf einmal in Gefahr oder sogar am Ende sein könnte, dass man vielleicht sogar sterben würde. Da hat man doch Angst. Da erwartet man doch ein wenig mehr Einfühlungsvermögen, oder? Ich war empört. Ich war wütend. Nein, wenn ich ehrlich war, dann war ich völlig verstört. Dr. Matthiesen erklärte mir noch kurz, was jetzt als nächstes zu tun sei, MRT zur genaueren Diagnose, OP-Planung, Chemotherapie, Anschlussheilbehandlung und so was alles. Er würde das alles in die Wege leiten und sich melden. Ich hörte das damals alles, verstand aber gar nicht, was mein Arzt da faselte, was er mir da sagen wollte. Ich wollte es auch gar nicht verstehen. Ich fand es in diesem Moment auch nicht wichtig. Ich war sauer. Stinksauer. Über die Art und Weise, wie mein Arzt das alles sagte. Vielleicht schützte mich in diesem Moment der Ärger über die wenig sensible Art auch nur vor dem Schock, vor der Panik, die der Inhalt seiner Nachricht in mir sonst wahrscheinlich ausgelöst hätte.
Dr. Matthiesen sagte noch so etwas wie, ich solle mal nicht den Kopf hängen lassen, noch hätten wir alle Möglichkeiten, jetzt müssten wir erst mal sehen. Er verabschiedete mich mit aufmunterndem Schulterklopfen. Matthiesen war ziemlich groß und es tat mir eher weh, als dass es mich aufmunterte. Ich erledigte noch unwillig bei den Sprechstundenhilfen den Papierkram, ließ mir über die Praxis einen Termin zum MRT in einer Radiologischen Fachpraxis in der Innenstadt geben und ging grußlos. Ich wollte nur noch raus. Ich stand auf der Straße. Ich stand da und fühlte mich, als sei ich aus der Zeit, wie aus der Welt gefallen. Irgendwie hatte ich schlagartig den Kontakt zur Wirklichkeit verloren. Zur Wirklichkeit und auch zu mir selbst. Was war das gerade? Was hat der Doc mir da gerade erzählt? Meinte der mich? Wirklich mich? Mark Bornstedt? Meine Wirklichkeit fühlte sich auf einmal nicht mehr an wie die Wirklichkeit, die ich kannte, nicht mehr wie die, die um mich herum war. Ich fühlte mich wie in einer Parallelwelt. Wie in einer Welt aus Plastik, in der ich nur eine kleine Figur war. Jemandes Spielzeug. Eine Welt, die außerhalb von mir stattfand und nichts mit mir zu tun haben schien. Nichts mit mir zu tun haben wollte.
Die Welt müsste doch wenigstens einen Moment anhalten, mich mit weit aufgerissenen Augen anstarren und an meinem Schicksal erschaudern. Einen einzigen Moment wenigstens. Aber sie drehte sich einfach weiter, sie drehte sich nicht mal einen winzigen Augenblick nach mir um. Die Welt nahm gar nicht wahr, was mit mir war und es war, als stünde ich unter einer Glocke, die mich von der Außenwelt abschirmte. Alles klang so weit weg. Der Autolärm, die Menschen, die rechts und links an mir vorbeihetzen. Ich war völlig isoliert. Lungenkrebs. Ich habe Lungenkrebs. Dieses Wort stand wie in Stein gemeißelt auf einmal in meinem Kopf. Lungenkrebs. Und dieser Stein schien unaufhörlich zu wachsen und ließ überhaupt keinen Platz mehr für irgendeinen anderen Gedanken, füllte meinen Denkraum immer mehr aus.
*
Ich suchte mein Auto, konnte es aber nicht gleich finden, wusste nicht mehr so ganz genau, wo ich es abgestellt hatte, musste mich extrem zusammenreißen, um mich konzentrieren zu können. Fand es aber doch schließlich. Ich muss eine rauchen, dachte ich und fummelte die Schachtel mit den Glimmstengeln aus meiner Manteltasche. Wahrscheinlich sollte ich nicht rauchen. Ich hätte nie rauchen sollen. Aber dafür war es jetzt zu spät. Jetzt war es dafür zu spät. Ich lehnte mich an mein Auto, zündete die Zigarette an und inhalierte den ersten Zug tief. Der Rauch füllte meine Lunge. Es tat gut. Aber es tat auch weh. Ich spürte diesen fiesen, stechenden Schmerz in meiner Brust und musste husten. Ich warf die gerade angerauchte Kippe weg und stieg ins Auto. Ich schlug gegen das Lenkrad. Mehrmals. So eine Scheiße. Ich atmete tief durch und gegen meinen Schmerz an. Dann fuhr ich los, wusste aber gar nicht genau, wohin ich jetzt fahren sollte. Nach Hause wollte ich jetzt nicht. Konnte ich jetzt nicht. Auch wenn Sarah wahrscheinlich schon händeringend auf mich oder wenigstens meinen Anruf wartete. Ich schaltete mein Handy aus. Ich wollte nicht reden. Mit niemandem. Nicht jetzt.
Ich fuhr einfach durch die Stadt. Am Aegi vorbei, am Neuen Rathaus und am Maschsee entlang. Der Maschsee war für mich der schönste Ort in Hannover. Der Weg um den See war Sarahs und meine Joggingstrecke. Mindestens zweimal in der Woche waren wir noch bis vor Kurzem um den See gerannt. Bis ich das vor ein paar Wochen nicht mehr konnte, weil mir einfach die Luft wegblieb. Sarah hatte ich erzählt, ich hätte Probleme mit dem linken Knie. Ich wusste nicht, ob sie mir das glaubte. Sie nahm es scheinbar so hin. Dabei wusste ich eigentlich ganz genau, dass sie nie irgendetwas einfach so hinnahm. Manchmal gingen wir da aber auch nur spazieren oder tranken im Pier51 einen Kaffee oder einen Aperol Spritz. Wir liebten unser zweisames Beisammensein an unserem See. Heute interessierte er mich nicht und ich ließ ihn einfach links liegen und fuhr weiter stadtauswärts.
*
Diesen Schmerz in der Lunge hatte ich nun schon lange. Bestimmt schon ein halbes Jahr. Anfangs war er nur sporadisch da, in der letzten Zeit aber war er mein ständiger Begleiter. Deshalb war ich ja nur zum Arzt gegangen. Meine Frau Sarah hatte mich dazu gedrängt. Ich selbst wäre wahrscheinlich gar nicht auf die Idee gekommen, einen Arzt aufzusuchen. Ich hasste Ärzte. Immer schon. Ärzte machten mir Angst. Angst vor schlimmen Diagnosen, Angst vor Schmerzen und vor schlimmen Aussichten, Angst vor der Wahrheit. Vor allem vor der Wahrheit. Die Wahrheit hat mir schon immer Angst gemacht. Das war mir im Laufe der Zeit zur zweiten Haut geworden. Wahrheit ist doof. Zumindest, wenn es um mich ging. Eigentlich habe ich auch immer ganz gut gespürt, was mit mir los war, wusste, was zu tun war, wenn mir irgendetwas fehlte. Dann behandelte ich mich immer selbst mit meinen homöopathischen Kügelchen und kriegte das alles auch immer ganz gut in den Griff. Keinen Alkohol, wenn es im Oberbauch zwickte, weniger Rauchen, wenn die Lunge rasselte, kein Schweinefleisch, wenn ich fürchtete, dass meine Cholesterinwerte nicht in Ordnung waren, viel Sex, wenn ich Angst vor einem Herzinfarkt hatte. Ich hatte irgendwo mal gelesen, dass Sex prophylaktisch gegen Herzkrankheiten wirke. Und seitdem hatte ich zur großen Freude von Sarah oft Angst vor einem Herzinfarkt.
*
Aber diesmal war das anders. Ganz anders. Ich hatte Schmerzen, chronische Schmerzen. Immer. Wenn ich tief Luft holte, wenn ich mich anstrengte, husten musste oder wenn ich im Bett auf der linken Seite lag. Dann war dieser Schmerz da. Außerdem hatte ich in letzter Zeit ständig Rückenschmerzen. Obwohl ich regelmäßig Sport trieb. Aber der Sport half überhaupt nicht. Im Gegenteil. Danach wurde es eigentlich immer schlimmer. Offenbar kein muskuläres Problem. Sarah hatte ich – mal wieder - nichts davon gesagt. Aber sie hörte es ja, wenn ich nachts hustete, oder stöhnte. Ich bin ja selbst davon wachgeworden. Sie merkte auch, dass ich seit einiger Zeit im Schlaf schwitzte. Jede Nacht. Irgendwann sagte sie mir, dass sie sich Sorgen machen würde. Ich habe das dann runtergespielt. Wie immer. Ich wollte nicht, dass sie sich sorgte. Ich hatte Angst vor ihren Sorgen. Und vor meinen eigenen natürlich. Vor allem vor meinen eigenen. Heute würde ich sagen, ich war ein echter Verdrängungskünstler. Das hatte ich drauf. Verdrängen. Runterspielen. Ignorieren. Das lief ja auch bisher ganz gut.
Aber diesmal war das eben anders. Diesmal ging es mir unübersehbar schlecht. Das konnte nicht mal ich selbst ignorieren. Ich hatte ziemlich viel abgenommen. Aber nicht freiwillig. Ich musste mit zunehmendem Alter immer sehr auf mein Gewicht achten. Ich neigte dazu, nein, meine Hüften neigten dazu, sich jede Mahlzeit zu merken. Jede. Und meine Hüften hatten offensichtlich ein sehr gutes Gedächtnis. Ein Langzeitgedächtnis offenbar. Wahrscheinlich waren meine Hüften das intelligenteste Organ an mir. Also musste ich in den letzten Jahren immer gegen dieses Gedächtnis ankämpfen. Machte ich auch. Da war ich erstaunlich diszipliniert. Für meine Verhältnisse. FdH und Sport hielten mein Gewicht einigermaßen im Gleichgewicht. Mal drei Kilo rauf, mal drei Kilo runter. Im Sommer ein bisschen weniger, im Winter ein wenig mehr. Alles gut. Aber in der letzten Zeit verlor ich erstaunlich viel Gewicht. Ohne, dass ich irgendetwas dafür tat. Einfach so. Und obwohl ich in meiner Mucki-Bude regelmäßig trainierte, machte ich ehrlicherweise mehr Rück- als Fortschritte. Ich fühlte mich einfach unglaublich schlapp. Und mit der Zeit immer schlapper. Das machte mir schon zu schaffen. Ja, diesmal war ich wirklich selbst beunruhigt und ich ahnte, dass es diesmal nicht mit meinen Selbstheilungsversuchen getan wäre.
Ich sah auch im Gesicht nicht gut aus, wie ich in letzter Zeit immer häufiger feststellte. Ich war oft so aschfahl im Gesicht. Obwohl ich für mein Alter, ich war jetzt zweiundfünfzig, doch eigentlich ganz gut beieinander war. Ich fand, dass ich gut aussah. Eigentlich. Kurz geschnittene, leicht verwuselte, grau melierte Haare, scharf konturierte Koteletten, Dreitagebart, graublaue Augen, markantes Kinn. Und meistens leicht gebräunt. Ich war gut gekleidet, trug gern dunkle Rollkragenpullover, mal zur Jeans, mal zu eleganten Anzughosen. Teure Schuhe. Ich legte immer großen Wert auf mein Äußeres und dass ich Sport machte, konnte man auch sehen. Selbst in meinem schlabbrigen Jogginganzug machte ich immer eine gute Figur. Fand ich.
Auch sonst ging es mir bisher ausgesprochen gut. Ich war seit vierundzwanzig Jahren verheiratet. Ich hatte Sarah ganz zufällig auf einer WM-Party in Lorettas Biergarten kennengelernt. 1990, als Deutschland in Italien zum dritten Mal Fußball-Weltmeister wurde. Wir feierten miteinander, wir lachten miteinander, wir tranken miteinander und dann schliefen wir miteinander. Acht Wochen später haben wir geheiratet. Unsere Familien und Freunde hielten uns damals für völlig bekloppt. Waren wir auch. Völlig verrückt. Aufeinander. Wie führten eine wirklich schöne Ehe. Ohne große Eskapaden oder Zwischenfälle. Ungewöhnlich, aber wahr. Sarah und ich waren glücklich, richtig glücklich. Wir hatten zwei wunderbare Kinder, Paula und Ben, die mittlerweile erwachsen waren und weitgehend ihr eigenes Leben führten. Paula arbeitete als Volontärin in der Sportredaktion einer großen Tageszeitung in Hamburg und war gerade mit ihrem Freund Thore zusammengezogen, einem Eventmanager, den Sie auf irgendeiner Vernissage kennen lernte. Thore war ein netter Kerl. Sarah und ich mochten ihn. Echt. Er passte zu ihr und irgendwie auch zu uns. Ben studierte in Prag Literaturwissenschaften im dritten Semester. Er hatte sein Studium zunächst in München begonnen, aber zu Beginn des zweiten Semesters hatte er die Möglichkeit, an die Karls-Universität zu wechseln. Wir hatten erst Bedenken, ob Ben dort zurechtkommen würde, stimmten letztlich aber zu und unterstützten ihn, so gut wir konnten. Es war eine gute Entscheidung.
Wir hatten allen Grund, stolz auf unsere Kinder zu sein. Und wir waren es auch. Es gab nur selten Probleme, wenn man mal vom allgemeinen pubertierenden Gezicke absah. Aber das war ja schon lange her. Und seit Paula und Ben nur noch ab und zu am Wochenende oder in den Semesterferien nach Hause kamen, hatten wir permanent sturmfrei und wir nutzten das reichlich. Besser konnte es eigentlich nicht sein. Ein Leben wie aus dem Bilderbuch.
Auch beruflich lief alles bestens. Ich hatte einen Job als Projektmanager in einer großen Firma, die weltweit Labortechnik vertrieb. Gutes Gehalt, privateigener Firmenwagen, Provision, viele Auslandsreisen, auf denen Sarah mich so oft wie möglich begleitete. Die Wirtschaftskrise war weitgehend spurlos an dem Unternehmen vorbeigegangen. Sarah hatte einen gutbezahlten Job in der Kreativabteilung einer Werbeagentur als Texterin. Sie war sehr erfolgreich, konnte viel von zuhause aus arbeiten und fand absolute Erfüllung darin. Sie war für ihre achtundvierzig Jahre auffallend attraktiv. Sportlich, schlank, groß, lange blonde Haare, grüne Augen, die wie Smaragde strahlten konnten. Sie hatte eine ganz besondere Wirkung auf ihre Mitmenschen. Besonders Männer konnte sie spielend um den Finger wickeln. Sie wusste durchaus, wie sie ihre Reize einsetzen musste, um das zu erreichen, was sie wollte. Sei es im Privaten, sei es im Beruflichen. Wobei sie immer ganz klar darin war, wer an ihre Seite gehörte und wer nicht, und jedem ungefragt signalisierte, dass sie keinesfalls auf irgendwelche Abenteuer aus war.
Vor allem war sie ausgesprochen intelligent und empathisch. Sie wusste schon immer was los war, bevor irgendjemand merkte, dass überhaupt irgendetwas los war. Sie spürte natürlich auch, dass mit mir etwas nicht stimmte. Dass es mir nicht gut ging, so sehr ich mich auch bemühte, das zu verstecken. Ich wollte nicht, dass sie sich sorgte. Und ich wollte mich nicht sorgen. Ich hatte immer schon Angst vor meinen Sorgen. Und dank meiner Verdrängungskünste hatte ich ein perfektes Leben. Bis jetzt.
*
Wir saßen irgendwann – es muss so Mitte September gewesen sein - im Garten unseres alten Hauses, das wir vor fünfzehn Jahren gekauft und – wie ich fand - liebevoll selbst saniert und renoviert hatten. Es war ein uriges Fachwerkhaus aus dem 19. Jahrhundert mit einem wunderschönen alten Obstgarten. Wir saßen in unserer Lieblingsecke unter einem alten Apfelbaum und tranken Kaffee. Wir saßen oft da, im Sommer meist bis spät in die Nacht, allein, mit Freunden, erzählten, tranken Wein und genossen unser Leben. Und nun saßen wir wieder da. Aber diesmal genossen wir es nicht.
Sarah nahm meine Hände in ihre und sah mir in die Augen. Lange. Länger, als ich es aushalten konnte. Ich wusste, dass es ein ernstes Gespräch werden würde. Immer wenn sie meine Hände hielt, wurde es ernst. „Was ist los mit dir, Schatz?“ Sie fragte das ganz ruhig und schaute mich dabei mit festem Blick an. Ich hielt diesem Blick nicht stand und verdrehte die Augen. Das machte ich immer, wenn ich über etwas nicht sprechen wollte. Und über mich sprach ich schon gar nicht gern. Lieber über andere. „Nichts.“, sagte ich. „Was soll sein? Alles gut.“, versuchte ich das drohende Gespräch im Keim zu ersticken. Natürlich wusste ich, dass ich damit nicht durchkommen würde. Wenn Sarah einmal angefangen hatte, ließ sie so schnell nicht locker. Ich wollte aufstehen, sagte, ich wolle mir einen Kaffee holen und ob sie auch etwas brauchte. Aber sie hielt meine Hände einfach fest und setzte nach. Ihre Stimme klang jetzt auf einmal nicht mehr so ruhig. Sie wurde bestimmter, nein, gereizter. „Nichts ist gut. Ich merke doch, wie schlecht es dir in letzter Zeit geht. Jede Nacht hustest du, ich merke, dass du Schmerzen hast und ich sehe auch, wie du aussiehst. Ich bin doch nicht blöd. Und es ärgert mich, wenn du mich für blöd verkaufen willst.“ Sarah kam in Fahrt. „Du kannst das nicht ignorieren. Ich mache mir Sorgen.“ Ich versuchte einfach, wegzuschauen und versuchte, meine Hände aus ihrem Griff zu befreien. Aber Sarah ließ nicht locker. „Wenn es etwas Schlimmes ist, dann ist es vielleicht noch nicht so schlimm und wir können etwas tun. Irgendwas. Dann wissen wir wenigstens, was los ist und wogegen wir kämpfen können. Und wenn es nichts Schlimmes ist, dann wissen wir auch Bescheid und müssen uns nicht mehr sorgen. Bitte.“ Ich versuchte immer noch verzweifelt, ihrem Blick auszuweichen. Versuchte, mich herauszuwinden, aber Sarah hielt meine Hände einfach fest und fixierte mich. „Mark, bitte! So geht das nicht. Das ist wichtig.“ Das sagte sie fast flehend. Ich wusste, ich fürchtete, dass ich mich ihr nicht entziehen konnte. Das konnte ich noch nie. Wenn Sarah sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann setzte sie das auch durch. Jetzt hatte sie sich vorgenommen, mich zu knacken, mich aufzubrechen, damit ich sie endlich an mich heranließe. Sich und die Wahrheit. Und wenn ich ehrlich bin, dann liebte ich sie genau dafür ganz besonders. Dafür, dass sie mich einfach nie entkommen ließ. Ohne sie hätte ich mich wahrscheinlich in mich selbst vergraben. Wenn das irgendwie gegangen wäre. Ich gab an diesem Abend im Garten meinen Widerstand auf. Aber ich traute mich nicht, sie anzuschauen. Ich hatte Angst. Aber ich wusste auch, dass ich diesmal nicht umhinkäme. Ich sah ihr in die Augen. „Okay. Ich lass das untersuchen.“ Wahrscheinlich klang meine Stimme nicht sonderlich stark oder überzeugend. Tief drinnen ahnte ich schon, dass es diesmal nichts war, was ich einfach wegreden oder selbst behandeln konnte. Kügelchen reichten diesmal nicht. „Ich rufe gleich morgen früh Dr. Matthiesen an.“ Sarah sah mich an. „Wirklich?“ Ich hielt ihrem Blick stand. „Versprochen!“ Sarah nahm mich in den Arm. Sie war froh, dass ich endlich eingewilligt hatte, Klarheit zu bekommen. Mich der Wahrheit zu stellen. Sie war froh, dass ich endlich aufhören wollte, mich selbst zu belügen. Und sie. Sie merkte auch, welche Angst ich in diesem Moment hatte. Ich hatte tatsächlich furchtbare Angst. Und sie auch. Wir hielten uns noch lange fest. Als es allmählich unangenehm kühl wurde, gingen wir ins Haus. Wir tranken in der Küche noch ein Glas Chardonnay und gingen dann auch bald ins Bett. Ich wusste nicht, wie ich mich fühlte. Sollte ich froh darüber sein, dass ich mich jetzt endlich untersuchen lassen würde, oder sollte ich mich fürchten, weil ich mich jetzt endlich untersuchen lassen würde.
*
Am nächsten Morgen rief ich im Büro an, nahm mir wegen kurzfristiger familiärer Angelegenheiten, die keinen Aufschub erlaubten, frei – niemals hätte ich mich krank gemeldet - und machte einen Termin bei meinem Hausarzt. Ich sollte gleich kommen. Er würde mich schon irgendwie zwischen zwei andere Patienten schieben. Dr. Matthiesen kannte uns schon lange. Und er wusste, dass es etwas Ernstes sein musste, wenn ich für mich selbst um einen Termin bei ihm nachsuchte. Ich sollte nüchtern kommen, was mir nicht wirklich schwerfiel, weil ich in letzter Zeit ohnehin keinen rechten Appetit hatte, trank daher nur einen schwarzen Kaffee und verabschiedete mich von Sarah. Eigentlich wollte sie mich begleiten. Aber ich wiegelte ab. Sie hätte sicherlich selbst genug zu tun und es wäre ja nur eine Untersuchung. Sarah war nicht wohl dabei. Aber sie war auch froh, dass ich nun überhaupt bereit war, zum Arzt zu gehen. Sie wollte mich wohl nicht noch weiter drängen. Ich stieg ins Auto und fuhr los. Sie sah mir noch einen Moment aus dem Küchenfenster nach. Sie war unruhig. Hatte Angst. Um mich.
*
Ich musste nicht lange warten. Offensichtlich erwartete Dr. Matthiesen mich schon. Nach einem kurzen, aber intensiven Gespräch über mich und meine Beschwerden, ließ ich mich gründlich untersuchen. Großes Blutbild, Röntgen, EKG. Das volle Programm. So eingehend hatte ich mich noch nie durchchecken lassen. „Und?“, fragte ich meinen Arzt möglichst beiläufig. Ich hatte natürlich erwartet, nein, ich hatte inständig gehofft, dass er sagen würde, es sei soweit alles in Ordnung, ich solle aber dringend weniger rauchen oder am besten ganz aufhören, ich solle mich weniger Stress aussetzen, mal wieder richtig Urlaub machen und sowas. Was Ärzte so sagen. Aber das sagte er nicht. Er sagte stattdessen, dass er heute gar nichts sagen könne und sich das alles erst in Ruhe anschauen müsse und sich dann bei mir melden würde. Damit entließ er mich.
Ich war etwas verwirrt. Ich hasste es, warten zu müssen. Ich fühlte sich immer so klein, so ausgeliefert und abhängig, wenn ich auf etwas warten musste. Aber es blieb mir nun nichts anderes übrig. Also atmete ich tief durch, setzte mich in mein Auto. Eigentlich wollte ich nach Hause fahren. Aber irgendwie wollte ich auch nicht und hatte auf einmal mehr Lust, Sarah anzurufen und sie zu fragen, ob sie sich nicht ins Auto setzten wollte, sich mit mir in der Stadt treffen, bummeln und vielleicht irgendwo Sushi essen wollte. Ich war zwar kein ausgesprochener Sushi-Fan, aber ich wusste, wie sehr sie es liebte. Und was konnte ich mit diesem angefangenen Tag besseres tun, als ihn mit Sarah zu verbringen? Ich rief sie an und Sarah freute sich sehr über meinen überraschenden Vorschlag. In letzter Zeit kam das viel zu selten vor. Irgendwie hatte ich alle Spontaneität, die sie, so glaubte ich zumindest, so an mir liebte, in den vergangenen Wochen und Monaten verloren. Umso glücklicher war sie jetzt.
Eine Stunde später trafen wir uns in einem Parkhaus in der Stadt. Wir schlenderten durch die Ernst-August-Galerie, einer neuen Einkaufspassage, die wir noch nie besucht hatten. Wir stöberten durch die Geschäfte und stellten schnell enttäuscht fest, dass diese neue Einkaufspassage allen anderen Galerien, die es in Hannover schon gab, fast aufs i-Tüpfelchen glich. Die gleichen Läden, die gleichen Fressbuden, die gleichen Coffee-Shops. Wir beschlossen, in die Altstadt am Leine-Ufer zu gehen. Da gab es wenigstens noch ein paar unabhängige Boutiquen, richtige Cafés und urige Kneipen. Außerdem war in der Seilwinderstraße ein ausgezeichnetes kleines Sushi-Restaurant. Nachdem wir ein bisschen shoppen waren – ich brauchte dringend ein paar neue Hosen und Sarah wünschte sich schon lange eine neue Übergangsjacke -, gingen wir essen. Ich war froh, heilfroh, dass ich mich endlich setzen konnte. Wir waren zwar noch nicht viel gelaufen, aber irgendwie war ich schon ziemlich erledigt. Sarah bestellte sich eine Variation von Maki- und Nigiri-Sushi, dazu einen trockenen Weißwein. Ich mochte nichts essen und trank Kaffee und stilles Wasser. Ich hatte schon wieder diese Übelkeit, die mich seit einigen Tagen zu verfolgen schien. Ich schob es auf eine Magen- und Darminfektion, die schon seit Wochen – wie jedes Jahr im Herbst – grassierte. Aber irgendwas in mir machte sich Sorgen.
Nachdem ich die Rechnung beglichen hatte, gingen wir Hand in Hand zurück zu unseren Autos, verabschiedeten uns im Parkhaus und fuhren nach Hause. Ich war extrem bedient und glücklich, dass ich allein in meinem Auto sitzen durfte. Allein und ohne reden zu müssen. Es war gerade fünfzehn Uhr, als wir zuhause ankamen. Zu spät, um jetzt noch einen verspäteten Mittagsschlaf zu machen, zu früh, um sich in unsere Küche zu setzen und eine Flasche Wein aufzumachen. Wir entschieden uns dafür, Kaffee zu machen, es uns auf dem Sofa gemütlich zu machen und uns unseren Lieblingsfilm „Au chocolat“ mit Juliette Binoche und Johnny Depp anzuschauen. Wir liebten diesen Film. Eigentlich liebte nur Sarah diesen Film. Ich ertrug ihn nur und genoss es, dass Sarah ihn liebte. Hinterher hatten wir immer grandiosen Sex. Ich war allerdings hundemüde und schlief schon nach der ersten Viertelstunde ein. Sarah bemerkte es sofort. Sie betrachtete mich. Ich atmete zwar ganz ruhig und dennoch wusste sie, so ganz tief in ihr wusste sie es, dass sie Angst haben sollte. Sie wickelte sich ihren Schal, den sie um den Hals trug, etwas enger. Sarah trug eigentlich immer Schals. Sie fand es gemütlich und so ein Schal setzte immer einen wunderbaren farblichen Akzent. Aber heute brauchte sie ihn, weil sie fror. Obwohl sie sich unter ihrer Wolldecke eingekuschelt hatte. Vielleicht war es auch die Angst, die sie frieren ließ.
*
Es war schon dunkel, als ich wieder wach wurde. Der Fernseher war aus und ich war allein auf dem Sofa. Sarah klapperte in der Küche herum. Es roch nach Essen. Irgendwie roch es nach etwas Asiatischem. Ich nahm Curry wahr. Und Koriander. Ich stand auf und ging in die Küche, wo Sarah am Herd stand. Ich schlich mich leise an und umarmte sie von hinten. „Oh, da bist du ja wieder.“, freute sie sich. Es gibt gleich Essen. „Ich rieche es, ich sehe es und ich habe einen Mordshunger.“, versicherte ich fröhlich. In Wahrheit hatte ich überhaupt keinen Appetit. Ich konnte den Geruch von Essen ehrlicherweise kaum ertragen. „Möchtest du ein Glas Wein?“, fragte ich sie. Sarah nickte, ich zog eine Flasche Weißwein auf, füllte zwei Gläser und wir stießen miteinander an. „Auf dich!“, sagte ich. Sarah antwortete mit einem stillen Nicken.
Als Dr. Matthiesen am nächsten Tag anrief und mich bat, erneut – am besten in Sarahs Begleitung – in die Praxis zu kommen, wusste ich, dass es schlimme Nachrichten gab. Warum sonst sollte ich nochmal persönlich vorbeikommen? Warum sonst konnte er mir das nicht am Telefon sagen? Warum sonst sollte Sarah mitkommen? Ich war wie erstarrt. Ich sagte Sarah nicht, dass Matthiesen mir riet, mich von ihr begleiten zu lassen. Ich wollte nicht, dass sie mich begleitete. Wenn es, wie zu befürchten war, schlimme Nachrichten gab, wollte ich sie zunächst allein hören. Ohne sie. Also fuhr ich allein. Dr. Matthiesen redete nicht lange drum herum. Er kam gleich auf den Punkt. Ich war wie erschlagen.
*
Scheiße. Scheiße. Scheiße. Ich hatte also Krebs. So eine verdammte Scheiße. Dieses Scheiße-Gefühl war das erste echte Gefühl seit Tagen. Vorher war alles, was ich fühlte so dumpf gewesen. So unwirklich. Selbst die Angst, die ich vor der Wahrheit hatte, hatte diese Dumpfheit. So, als hätte das nicht wirklich etwas mit mir zu tun. Als sei ich nur Zuschauer. Jetzt realisierte ich, dass ich kein Zuschauer war. Dass ich vielmehr der Hauptdarsteller war. Der Protagonist in einem Film, den ich nicht mochte und für den ich auch gar nicht vorgesprochen hatte. So eine gottverdammte Scheiße. Tränen schossen mir in die Augen. Ich musste irgendwo anhalten. Ich saß in meinem Auto und weinte. Ich weinte hemmungslos. Wie beschissen sich das anfühlte. So hatte ich zuletzt beim Tod meines Vaters geweint.
*
Sarah war sauer. Sauer, dass ich allein zum Gespräch mit Dr. Matthiesen fahren wollte. Dass ich sie nicht dabeihaben, sie nicht an meiner Seite wollte. In diesem Moment. Sie wusste, dass es nicht gegen sie ging, dass ich solche Sachen immer erst einmal allein anging. Ich musste so etwas immer zunächst allein durchdenken, durchfühlen und durchleiden. Sie war auch nicht richtig sauer, sie war eher traurig. Oder enttäuscht. Oder alles zusammen. Ja, alles zusammen. Auch als mein Vater im letzten Jahr starb, war das so. Sarah wäre natürlich bei mir gewesen, sie hätte mich gehalten und mir gezeigt, dass sie immer, wirklich immer für mich da sein würde. Aber ich wollte das nicht. Ich zeigte früher nicht gern, wie es mir ging. Machte eher aus meinem Herzen eine Mördergrube, als dass ich mir von anderen hinter die Stirn, in meine Seele, in mein Herz schauen ließ. Ich zog mich damals mit einer Flasche Bordeaux in mein Arbeitszimmer zurück und hörte die alten Louis Armstrong-Songs, die mein Vater so geliebt und die ich ihm am Sterbebett stundenlang vorgespielt hatte. Sarah saß allein in der Küche und litt mit und wahrscheinlich noch mehr an mir, und fühlte sich in eine Reihe mit den anderen gestellt. Mit denen, die ich nicht zu meinem „inner cirle“ zählte und von denen ich mir schon gar nicht in die Karten gucken ließ. Aber sie war meine Frau. Das tat ihr damals sehr weh. Warum ließ ich in solchen Momenten niemanden an mich heran? Nicht einmal sie?
*
Sarah wartete nach dem Gespräch mit Matthiesen auf mich. Nervös. Ungeduldig. Sie fragte sich, warum ich mich nicht meldete. Sie wusste, dass mein Termin bei meinem Arzt jetzt mehr als drei Stunden her war. Warum rief ich nicht an und sagte ihr, was ich von meinem Arzt gesagt bekommen hatte? Sie wusste ja, dass es keinen Sinn hatte, mich zu drängen. Ich würde dann nur wieder ganz dichtmachen. Irgendwann konnte sie ihre eigene aufgeregte Angst wohl nicht mehr ertragen und rief mich an. Aber sie erreichte nur meine Mailbox. Sie wurde natürlich immer unruhiger, tigerte durch das Haus und versuchte verzweifelt, die Zeit mit irgendwelchen sinnlosen Beschäftigungen totzuschlagen.
*
Irgendwann hatte ich mich etwas gefangen. Ich saß in meinem Auto und rauchte eine Zigarette. Ich zog den Rauch tief ein. Es tat weh, aber das spielte jetzt keine große Rolle mehr. Es tat ja schon lange weh. Ich nahm diesen Schmerz nur ganz unterschwellig wahr und starrte stumpf vor mich hin und wusste nicht, was ich tun sollte. Ich war völlig leer. Mir war nicht danach zumute, nach Hause zu fahren und über das zu reden, was Dr. Matthiesen mir da eröffnet hatte. Wie sollte ich das meiner Frau auch beibringen? Dass ich Krebs hatte. Dass ihr geliebtes Leben – so oder so – vorbei sein würde. Dass nichts mehr so sein würde, wie bisher. Dass ich sterbenskrank war, dass ich vielleicht sogar zum Tode sterbenskrank war. Wie sollte ich ihr das erklären? Dafür hatte ich damals keine Worte. Nicht für Sarah. Ich hatte ja nicht mal einen klaren Gedanken für mich selbst.
Ich startete meinen Wagen und fuhr wieder weiter. Einfach weiter. Geradeaus. Raus aus der Stadt. Sobald ich die Stadt verlassen und auf der Landstraße war, gab ich Gas. Viel Gas. Der V12-Motor brüllte los. Ich fuhr schneller, als ich es normalerweise tat. Und ich fuhr immer etwas zu schnell. Aber jetzt drückte ich das Pedal voll durch. Die Bäume jagten an mir vorbei. Ich schloss für einen Moment, nur für einen winzigen Moment die Augen und ließ das Lenkrad los. Wie wäre es, wenn ich jetzt einfach weiterführe? Einfach so. Bis mich irgendetwas abrupt zum Stehen bringen würde. Ein Baum, ein Brückenpfeiler, ein entgegenkommendes Auto vielleicht. Ich erschrak. Ich riss die Augen auf, übernahm hastig wieder die Kontrolle über mein Auto und bremste. Das Herz schlug mir bis zum Hals. Am nächsten Feldweg hielt ich an und stieg aus. Ich ging ein paar Schritte, steckte mir eine Zigarette an und atmete tief durch. Ich musste Sarah Bescheid sagen. Jetzt. Es war nicht fair, sie so hinzuhalten. Ich schaltete mein Handy wieder ein und sah, dass Ben versucht hatte, mich zu erreichen. Und eine SMS geschrieben hatte. Ich rief Sarah an.
*
Sarah war aufgeregt und erleichtert zugleich, als sie meine Stimme hörte. „Mark, wo bist du? Geht es dir gut? Ich habe mir solche Sorgen gemacht. Sag, geht es dir gut?“ Sie schrie es fast ins Telefon. Sarah wusste natürlich, dass es mir wahrscheinlich nicht gut gehen würde. Warum sonst hatte ich mich nicht gemeldet? „Ich komme jetzt nach Hause.“, sagte ich und sie hörte an meiner Stimme ganz sicher, dass es schlimmer war, als sie befürchtet hatte. „Ja, komm nach Hause. Ich warte auf dich. Ich liebe dich. Fahr vorsichtig. Bitte.“
Sarah ging in die Küche und setzte Kaffee auf. In ihr spielten die Gefühle verrückt. Da war Erleichterung darüber, dass ich mich endlich gemeldet hatte, aber da war auch Angst vor dem, was ich ihr zu sagen haben würde, eine irrwitzige Hoffnung, dass es vielleicht doch nicht so schlimm sein würde, und eine tiefe Hilflosigkeit, weil sie nicht wusste, wie sie mir wohl helfen könnte, wenn sich doch alle Befürchtungen bewahrheiten sollten.
Sie setzte sich an den Küchentisch und wartete. Sie starrte aus dem Fenster auf die Straße. Eigentlich liebte sie diesen Platz. Vor allem in den Wintermonaten saßen wir oft in der Küche und erzählten uns gegenseitig von den Erlebnissen des Tages, flirteten oder blödelten herum. Erst bei Kaffee, dann bei einem guten Glas Wein. Es war ein ganz vertrauter Ort. Aber jetzt löste dieser Platz Unruhe in Sarah aus. Sie konnte förmlich durch das Schnaufen, Schlürfen und Fauchen der Kaffeemaschine hindurch das Ticken der Küchenuhr hören. Die Zeit zog sich wie Kaugummi. Sie goss sich einen großen Becher Kaffee ein und steckte sich eine Zigarette an. Seit kurzem rauchte sie wieder. Leider. Sie hatte damit aufgehört, als sie mit Paula schwanger war. Aber vor ein paar Monaten fing sie auf irgendeiner Party aus einer Weinlaune heraus blöderweise wieder damit an. Nach über zwanzig Jahren. Wie bescheuert. Einfach so. Erst eine, dann zwei, dann immer mehr. Bis sie wieder ihr altes Pensum brauchte. Wahrscheinlich sogar eher mehr. Ich rauchte eigentlich schon immer. Ich hatte zwar auch schon ein paar Mal versucht, damit aufzuhören, war aber immer daran gescheitert. Irgendwie war ich zu schwach. Aber ich rauchte nur in meinem Arbeitszimmer oder im Garten. In der Küche rauchten wir erst wieder, seitdem die Kinder ausgezogen waren.
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Seitdem auch Ben das elterliche Nest verlassen hatte, waren wir uns noch nähergekommen. Noch näher. Wir waren uns immer schon in besonderer Weise nahe. Wir konnten irgendwie gar nicht ohne einander. Wollten wir auch gar nicht. Ich fand immer, dass wir – für ein so lange verheiratetes Paar – einen ungewöhnlich zärtlichen Umgang miteinander pflegten. Auf andere machten wir, so dachten wir, oft den Eindruck eines ganz frisch verliebten Paares. Manch einer, der uns nicht kannte und nur beobachtete, im Café, beim Spazierengehen oder sonst irgendwo, mochte vielleicht auch denken, wir hätten eine Affäre miteinander. Es knisterte immer noch. Jeden Tag. Andere Beziehungen machten auf uns oft so einen abgenutzten, vom Alltag verschlissenen, fahlen Eindruck. Da gab es in unserem Bekanntenkreis genügend Beispiele. Da wurde dann nicht selten mit einem gelegentlichen außerehelichen Flirt oder einem heimlichen Treffen versucht, einen flüchtigen Glanzpunkt in das sonst so farblose Dasein eines ICH innerhalb eines zäh dahinfließenden WIR zu setzen. Ein WIR, in dem das ICH unterging. Mit der Zeit untergehen musste. In dem sich die eigene Persönlichkeit in die ‚Müllers‘, die ‚Meiers‘ oder die ‚Schmidts‘ auflöste. Wir waren für unsere Freunde, für unsere Bekannten nie die ‚Bornstedts‘. Wir waren immer Sarah und Mark. Allerdings haben wir auch immer etwas dafür getan. Haben uns als Paar nicht vom Alltag einlullen, nicht von unseren Rollen als Mutter und Vater funktionalisieren, nicht von unseren Jobs unterpflügen lassen. Haben immer ganz bewusst dafür gesorgt, dass wir uns als Paar nicht aus den Augen verloren, daran gearbeitet, dass wir im anderen immer das DU für das eigene ICH erkennen konnten. Sarah und Mark. Ich hielt das jedenfalls für die Basis unseres Glücks.
Und seit die Kinder aus dem Haus waren, hatten wir noch mehr Zeit für uns. Unser Tagesablauf richtete sich nur noch nach uns selbst. Nach unseren Bedürfnissen. Und danach, welche Freiräume uns unsere Jobs ließen.
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Das wummernde Gedonner, das mein Auto von sich gab, riss Sarah aus ihren Gedanken. Mit dem englischen Sportwagen hatte ich mir vor zwei Jahren einen Kindheitstraum erfüllt. Ich stand schon immer auf die Autos der britischen Nobelmarke und war stolz wie Oskar, als ich ihn endlich beim Händler abholen konnte. Wie hatte ich diese ganzen Familienkutschen, die ganzen Tourans und Sharans, die Zafiras dieser Welt, die ganzen Volvo und Passat Kombis und wie sie alle hießen, satt. Als Paula und Ben auszogen, führte mich mein erster Weg zum Jaguar-Händler. Nie wieder ein Van. Ich freute mich wie ein kleines Kind. Sarah hörte mich immer schon von Weitem. Das war nicht zu überhören. Ihr war das manchmal fast peinlich. Aber sie freute sich auch mit mir. Ich fuhr die schmale Auffahrt von der Straße zum Haus hinauf. Ihr Herz raste. Sie wusste nicht, ob sie mir entgegenlaufen oder lieber in der Küche auf mich warten sollte. Sie hörte die Wagentür klappen, hörte meinen Schlüssel im Schloss der Haustür, hörte, wie sie sich öffnete und wieder schloss, hörte, wie ich mein Schlüsselbund in die Schale auf dem Sideboard am Eingang warf, und dann hielt sie es nicht mehr aus. Sie ging mir entgegen.
Ben saß in der Küche seiner Altbau-WG am Platz der Republik im Prager Stadtteil Staré Mĕsto, dem schönsten der alten Prager Stadtbezirke. Seine Wohnung lag im dritten Stock eines riesigen Patrizierhauses. Voll saniert, vier große Zimmer, Echtholzparkett, stuckverzierte hohe Decken, in jedem Zimmer ein alter Kachelofen. In Deutschland wäre eine solche Wohnung wohl unbezahlbar gewesen. Aber hier war sie durchaus erschwinglich. Er wartete auf seine beiden Mitbewohner Nina und Spiro, mit denen er zum Kochen verabredet war. Sie kochten eigentlich fast jeden Abend gemeinsam. Erstens war das erheblich billiger, als ständig irgendwo irgendwas Fertiges zu kaufen oder Essen zu gehen. Er musste schließlich mit dem Geld, das wir ihm jeden Monat überwiesen, auskommen, und er hatte weder Zeit noch Lust, sich neben seinem Studium noch etwas dazu zu verdienen. Zweitens war es mit Sicherheit auch viel gesünder. Und letztlich machte es außerdem auch immer viel Spaß. Meistens machten sie Pasta. Pasta in allen Variationen. Das hatte er bei uns gelernt. Dazu Bier, Wein und laute Musik. Das WG-Leben fand fast ausschließlich in der großen Küche statt.
