Einstein, Gott und meine Brüder - Harry Flatt-Heckert - E-Book

Einstein, Gott und meine Brüder E-Book

Harry Flatt-Heckert

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Beschreibung

Das Leben ist schön. Harry lebt glücklich vor sich hin. Er ist selbständig, erfolgreich, glücklich verheiratet und hat zwei tolle Söhne. Bis vor fünf Jahren. Danach wurde es anders. Denn seine Frau ist seit fünf Jahren krank, sein Vater verliert den Verstand und er selbst wird mit Mitte fünfzig von einem Schlaganfall überrascht. Weitere Katastrophen reichen sich die Klinke in die Hand. Aber jeder Hiobsbotschaft hat er tapfer die Stirn geboten. Bis der Besuch eines Betriebsprüfers ihn an den Rand des Ruins treibt. Und dann schreibt er dieses Buch. Ein Buch über sein Leben, seine verkorkste, wunderschöne Kindheit, seinen verzweifelten Versuch, Philosophie zu studieren, darüber, wie er dann aus Versehen Pastor wurde und wie er sich heillos in seinem verwirrten Dasein verstrickt. Bis er eines Tages seine Frau trifft, deren Hintern ihm die Relativitätstheorie erklärt und sein kleines Universum neu ordnet. Ein Irrwitzig schneller, sensibler und anrührender Durchmarsch durch ein Leben, das zum Glück noch nicht zu Ende ist und über dem wie ein leuchtender Stern die Liebe steht.

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Seitenzahl: 353

Veröffentlichungsjahr: 2015

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HARRY FLATT - HECKERT

Einstein, Gott und meine Brüder

Biografie eines verwirrten Daseins

oder:

wie ein Hintern mir die Welt erklärte.

Roman

© 2015 Harry Flatt-Heckert

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Harry Flatt-Heckert

Satz: Harry Flatt-Heckert

Titelbild: „Frei sein“ von Diane Heckert

Printed in Germany

Erstauflage

Ein Titeldatensatz für diese Publikation ist bei der Deutschen Nationalbibliothek erhältlich.

ISBN 978-3-7375-7852-3

Auch erhältlich als

HFH-Verlag

www.harry-flatt-heckert.de

Inhalt

Vorwort

Einführende Einführung

Erstes richtiges Kapitel

Das „wie alles begann“ – Kapitel

Zweites Kapitel

Kapitel Nummer kurz vor drei

Kapitel Nummer drei

Nächstes Kapitel

Neues Kapitel

Das Wendekapitel

Ein Rückblick-Kapitel

Das Edgar-Kapitel

Das noch-mal-kurz-zurück Kapitel

8. Kapitel

Ein böses, aber ehrliches Kapitel

Neuntes Kapitel

Ein normales, vielleicht etwas kurzes Kapitel

Zehntes Kapitel

Das 11. Kapitel

Ein Ernüchterungskapitel

Paul, Frauen und Vikariat

Ein Neuanfang in Heimsen

Das Inthronisations-Kapitel

Bruder Hubert

Ein, das zieht sich jetzt aber – Kapitel

Das schönste Gemeindefest auf der ganzen Welt

Ein Konsequenz-Kapitel

Ein Seelsorge-Kapitel

Ein Auweia-Kapitel

Zwischenkapitel

„Frauen haben Frauen gern“

Das Party-Kapitel

Sie und die Erkenntnis

Ein Hintern namens Einstein

Das Kapitel am Morgen danach

Ein aufwühlendes Kapitel

Ein Kapitel, das von meiner Auferstehung erzählt

Das alles-wird-gut-Kapitel

Das Ich-bin-wieder-da! - Kapitel

Zwischenkapitel: Die Band – Vorwort

Das richtige Band-Kapitel

Das "ohne-Worte" – Kapitel

Das schönste Kapitel

Kapitel einundsiebzig oder so

Ein verdammt trauriges Kapitel: Die Band. Teil II

Heimlichkeiten - ein Kapitel ohne Namen

Trauriges Ende

Zweiter Teil

Erstes Kapitel des zweiten Teils

Zoés Rückkehr

Ein ziemlich zappeliges Kapitel

Paul auf Freiersfüßen

Das Schwiegervater-Kapitel

Baltrum – eine Orgie

Sie will!

Wir tun’s – die Hochzeit

Ein Interims-Kapitel

Der Thronfolger

Super und Nova schmecken ihm nicht

Ein Abschiedskapitel

Das „dann bauen wir eben ein Haus“ – Kapitel

Warte, wenn Paul kommt

Schon wieder alles anders

Eine Taufe in Wien – wie lecker doch Veltliner ist

Zoés Pläne und Timms Beitrag

Das „Alles auf null“ – Kapitel

Hiobs Rückkehr – mit aller Macht

Bangen und Hoffen

Kummer²

Schlimmer geht immer – Probleme³

Ein Ruhe-Kapitel

Ein „Es sieht gut aus!“ – Kapitel

Ach nee, doch nicht!

Ein Weihnachts-Kapitel

Papa allein im Wald

Eine Gesundungsfeier

Und zwischendurch? Das Leben.

Epilog

Es bedarf deines Feindes und deines Freundes

– im vereinten Werk –

um dich bis ins Mark zu verletzen:

Erster verleumdet dich,

letzterer überbringt dir die Nachricht.

Mark Twain

Vorwort

Klammer auf: Jetzt fang ich an. Klammer zu.

Dieses Buch ist eine Zumutung. Für mich, weil ich es schreiben musste. Für Sie, weil Sie es lesen müssen. Sie müssen natürlich nicht, Sie hätten es ja nicht zu kaufen brauchen. Haben Sie aber. Selbst schuld. Wenn ich Sie wäre, hätte ich das nicht getan. Wenn ich Sie wäre, würde ich es spätestens jetzt zurückbringen und umtauschen. Vielleicht finden Sie ja etwas Anderes. Etwas Nettes, einen Ratgeber, einen Liebesroman, einen Krimi, eine spannende Abhandlung über Immanuel Kants Vernunftsbegriff oder sonst irgendwas. Wenn ich Sie wäre, hätte ich dies Buch auch gar nicht schreiben müssen, weil ich ja dann Sie wäre. Und Sie hätten so ein Buch sicher nicht geschrieben. Und wenn Sie es geschrieben hätten, dann wäre das jetzt Ihr Buch und es wäre ganz anders geworden. Vielleicht schön. Oder sogar spannend. Oder wenigstens interessant. Und keine Zumutung. Dann stünde hier jetzt Ihre Geschichte und nicht meine. Hätten Sie mal. Sie hätten uns damit viel erspart. Haben Sie aber nicht. Also habe ich es geschrieben und darum steht jetzt meine Geschichte hier drin. Nicht Ihre. Meine. Erwarten Sie also nichts, was mit Ihnen zu tun haben könnte.

Ich habe noch nie ein Buch geschrieben. Ich habe das auch nie als Versäumnis oder gar als einen Mangel angesehen. Schon gar nicht als Lebensaufgabe. Ich bin der Letzte, der meint, dass man ein Buch in seinem Leben geschrieben haben muss. So wie einen Sohn zeugen, ein Haus bauen oder einen Baum pflanzen. Als Mann. Ich finde es sogar ausgesprochen aufdringlich, wenn irgendwelche langweiligen Menschen mich in meiner Freizeit mit irgendwelchen langweiligen Geschichten aus ihrem langweiligen Leben langweilen.

Eigentlich habe ich auch gar keine Zeit für sowas. Ich habe genug mit den wirklichen Geschichten von wirklichen Menschen zu tun. Beruflich. Und das sind meistens keine schönen Geschichten. Das sind nämlich wahre Geschichten. Und die erzählen von etwas, was nicht schön ist. Wahr ist eben nicht immer schön. Wahr ist vor allem wahr. Nicht schön. Sondern wahr. Geschichten, die vom Sterben, vom Tod, von Krankheit und so was. Erzählen. Von Eheproblemen oder Depressionen.

Und darum habe ich für sowas hier eigentlich auch keine Zeit. Und keine Lust. Aber ich muss wohl.

So, das war das Vorwort.

Klammer auf: Ich habe nur nicht daran gedacht, es oben drüber zu schreiben. Ich habe ja auch keine Erfahrung mit sowas. Und ich weiß auch überhaupt nicht, wie das geht. Ich habe es Ihnen ja gleich gesagt. Aber bitte, Sie wollten es ja so. Klammer zu.

Einführende Einführung

Eigentlich wollte ich meine Steuererklärung machen. Was heißt, ich wollte? Ich musste! Ja, ich musste unbedingt in die Puschen kommen, dachte ich, denn das Finanzamt hatte schon die Abgabe der Steuererklärung angemahnt. Das Finanzamt mahnte mich eigentlich jedes Jahr. Einmal. Ich habe es immer darauf bewenden lassen. Und dann schätzte mich das Finanzamt. Jedes Jahr. Mal zu meinen Gunsten, mal zu meinen Ungunsten. Aber das war mir egal, das ging schon irgendwie auf. Ich zahlte, was sie haben wollten. Ich hasse Papierkram. Ich bin anscheinend allergisch gegen Formulare. Es muss eine ausgesprochen starke Allergie sein. Und Steuererklärung ist nun mal gar nicht mein Ding.

Aber dieses Jahr mahnte mich das Finanzamt schon zum zweiten Mal. Das war ungewöhnlich. Ich merkte, irgendwie sitzen dir mir im Nacken. Es wird jetzt also dringend Zeit, dass ich das angehe, und wenn es mir noch so schwerfällt.

Und dann kam vor ein paar Tagen auch noch dieser alles verändernde Brief von der Oberfinanzdirektion. Oberfinanzdirektion. Das ist noch mehr als Finanzamt. Man würde mich gern für eine erweiterte Betriebsprüfung besuchen kommen. Schon in zwei Tagen. Ach du liiiieber Himmel, dachte ich.

Klammer auf: Wenn ich mich recht erinnere, dachte ich: 'Ach du Scheiße'. Aber ich weiß nicht, ob ich das hier so schreiben kann. Vielleicht sind Sie noch minderjährig und Ihre Mutter sieht das hier und ich hab' wirklich schon genug Ärger am Arsch. Klammer zu.

Irgendwann ist eben jeder dran. Dachte ich. Also setzte ich mich hin und hackte Zahlenwerk in meinen Computer, puzzelte Einnahmen und Ausgaben aus meiner Tätigkeit als freier Theologe zusammen, legte Tabellen an, guckte, was kann ich wo von der Steuer absetzen, wie kann ich mich armrechnen und wo, verdammt noch mal, ist der Kaufbeleg für das Notebook, das ich meinem Jüngsten zu Weihnachten gekauft habe und das jetzt irgendwie in mein Betriebsinventar einfließen musste, wenn ich denn wenigstens ein paar Euro vom Staat wiedersehen wollte? Wo steckst du, du mieser, kleiner Zettel?

Steuererklärung ist eigentlich gar nicht schwierig. Ich hatte mir das alles gar nicht so einfach vorgestellt. Nur lästig. Besonders, wenn man Allergie hat. Irgendwann hatte ich alles beisammen, hatte all meine Belege, Rechnungen und Quittungen, die ich so im Laufe der letzten zehn Jahre in den geklauten REWE-Körben in meinem Schuppen hortete, sortiert und konnte anfangen.

Einnahmen minus Ausgaben gleich Gewinn. Gewinn gleich mein Einkommen. Mein Einkommen plus das Einkommen meiner Frau gleich Familieneinkommen vor Steuern. Familieneinkommen vor Steuern minus all das, was man so abziehen kann - Freibeträge, Altersvorsorge, besondere Belastungen, Versicherungen. So was eben. - gleich zu versteuerndes Einkommen. Gar nicht so eine große Sache, dachte ich. Hier noch ein paar kleine Radierungen, da noch ein paar fantasievolle Nachbesserungen und irgendwann hatte ich eine Zahl, mit der ich leben konnte. Ich war stolz. Meine erste richtige Steuererklärung. Sollte der Erbsenzähler doch kommen. Ich war vorbereitet. Und ich hatte mir das alles so einfach vorgestellt. Ich stellte mir immer alles so einfach vor.

Der Betriebsprüfer kam, und nachdem wir ein wenig geplaudert hatten, präsentierte ich ihm mein Werk. Nicht ohne Stolz. Er überflog die Unterlagen kurz, schob sie beiseite und eröffnete mir sehr freundlich, dass er im Moment gar nicht so sehr an unserem Einkommen des letzten Jahres interessiert wäre, sondern vielmehr an meinen gesamten Umsätzen der letzten zehn Jahre. Seit ich selbständig wäre. Ich hätte nämlich noch nie die fällige Mehrwertsteuer an den Fiskus abgeführt. Wäre ihm aufgefallen. Dem Fiskus.

Ich erklärte ihm nachsichtig, haha, da hätte er sich den Weg zu mir aber sparen können. Ein Blick in meine Akte hätte ihm ja deutlich machen müssen, dass ich ja gar nicht mehrwertsteuerpflichtig wäre, weil ich doch als freier Pastor und Therapeut arbeitete und bei meiner Steuervoranmeldung mit meiner beginnenden Selbständigkeit vom zuständigen Finanzamt mehrwertsteuerfrei gestellt wurde. Das müsse er doch wissen!

Er erklärte mir vorsichtig, nee, nee, dies sei leider ein bedauerlicher Fehler des zuständigen Finanzamtes. Jeder macht mal einen Fehler. Auch Irre sind menschlich. Das täte ihm auch alles sehr leid, was mich allerdings nicht von meiner Umsatzsteuerplicht entbinde. Das müsse ich doch wissen! Ich hätte ja diese Umsätze schließlich vereinnahmt. Und nichts Anderes stecke hinter dieser Betriebsprüfung, fügte er bestimmt hinzu. So.

Ich musste mich setzen und war heilfroh, dass ich schon saß, denn ich glaubte nicht, dass ich den Weg bis zum nächsten Stuhl unter diesen Umständen noch geschafft hätte. Ich war vollkommen schockiert. Ich jammerte, dass das doch wohl nicht wahr wäre und ob er sich vorstellen könne, dass das, wenn das wahr wäre, was er mir da gerade eröffnet hatte, meinen sofortigen Ruin bedeuten würde. Er sagte, ja, das könne er sich vorstellen. Aber er sei ja gar nicht so und er würde in vierzehn Tagen nochmal wiederkommen - immerhin gab er mir Zeit - und würde dann meine Bilanzen einsehen. Ich war erledigt. Mein Leben war zu Ende. Mit Mitte fünfzig. Bilanzen. Für zehn Jahre! Ich hatte noch nie eine gesehen, geschweige denn, eine erstellt.

Klammer auf: Ich weiß, dieser Part dieses Buches ist etwas schwierig. Aber bei Dostojewski hat man sich auch erst nach vierhundert Seiten eingelesen. Klammer zu.

Mir wurde schlagartig klar: jetzt bräuchte ich Ordnung. Ordnung war leider auch nicht meins. Noch nie.

Und nun sitze ich hier vor meinem Computer und kann von vorn anfangen. Für zehn Jahre Umsatzsteuer ausrechnen. Und dann wohl pleitegehen. Was für eine Aussicht. Ich hasse das. Und ich habe auch keine Lust.

Also fange ich lieber an zu schreiben. Das hier. Das liegt mir auch viel mehr, wenngleich ich auch keinerlei Erfahrung im Bücherschreiben habe. Ich bin nämlich eigentlich ein Redenschreiber. Ein Redner. Sagt das Finanzamt. Und das Finanzamt hat immer Recht. Die Oberfinanzdirektion noch viel mehr. Ich dachte, ich wäre freier Theologe und Therapeut. Denkste. Als freier Theologe und Therapeut wäre ich nämlich tatsächlich von der Umsatzsteuer befreit und ich könnte mir das hier alles ersparen. Und Ihnen auch. Als Redner aber nicht. Und darum schreibe ich dieses Buch. Als Mann, als Ehemann, als Vater, als Bruder, Sohn und Freund, als Theologe und Wissenschaftler, als ich und als Steuersünder.

Klammer auf: Aber keine Sorge, eigentlich geht es in diesem Buch gar nicht um Steuern. Klammer zu.

Erstes richtiges Kapitel

Ich hätte mir nie träumen lassen, eines Tages in eine solche Situation zu kommen. Pleite zu sein und ein Buch zu schreiben.

Klammer auf: Ich sage das nur, damit Sie nicht denken, ich würde das ja nur sagen, damit ich für später - sozusagen jetzt schon vorausbefürchtend - eine Entschuldigung hätte. Ich brauche keine Entschuldigungen. Dafür ist es auch viel zu spät. Klammer zu.

Gut, ich hatte mir so einiges nicht träumen lassen, was dann aber doch über mich kam, wie ein Sommergewitter bei strahlendem Sonnenschein.

Dass meine geliebte Frau vor fünf Jahren mit Mitte vierzig an einem ganz furchtbaren Tumor erkranken würde, dass mein ältester Sohn aus meiner ersten Ehe einmal spiel- und drogensüchtig werden könnte, weil er mit seiner Mutter nicht zurechtkommen kann, oder sie nicht mit ihm zurechtkommen will, dass das Dach meines Hauses schon nach zehn Jahren so marode werden würde, dass es komplett erneuert werden musste und ich auf den Kosten sitzen blieb, weil der Dachdecker mittlerweile insolvent war, dass mein hochintelligenter Vater mit 83 Jahren von einem zum anderen Tag so dement würde, dass er in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung untergebracht werden musste, weil er alle Leute um sich herum verprügelte, dass ich mit Anfang fünfzig aus heiterem Himmel einen Schlaganfall erleiden würde und schon gar nicht, dass die Oberfinanzdirektion Hannover für zehn Jahre die Mehrwertsteuer auf alle meine Einkünfte haben will, und zwar bitte sofort, was natürlich meinen wirtschaftlichen Ruin nach sich ziehen wird und was ich mir nun so gar nicht hatte träumen lassen wollen, warum auch, wär ich ja schön blöd, ist ja ein Albtraum.

Klammer auf: So wie der vorstehende Satz. Und ich verspreche, das war der längste Satz in diesem Buch. Der längste, der schwierigste und der schlechteste. Klammer zu.

Bis vor fünf Jahren war mein Leben eigentlich in Ordnung. Nein, das stimmt nicht. Mein Leben war nicht in Ordnung. Mein Leben war schon immer das diametrale Gegenteil von „in Ordnung“. Es war das reinste Chaos. Aber ich mochte das. Ich mochte das sogar sehr. Mein Leben war großartig, es war bunt, aufregend und schnell. Es war toll, es war noch viel mehr als das, es war ganz wunderbar. Ich war der glücklichste Mensch der Welt, so glücklich, wie ich es mir in meinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können. Ich hatte einen tollen Beruf, war erfolgreich, ich war gesund, ich hatte zwei tolle Söhne, ich hatte ein tolles Haus, viele Freunde und vor allem: ich war damals seit fast zwanzig Jahren glücklich verheiratet. Mit meiner Frau, der wohl besten aller denkbaren Frauen. Ephraim Kishon hatte ja keine Ahnung. Meine ist die beste Ehefrau von allen. Nicht seine. Meine. Bis heute.

Und ich kann das beurteilen, denn ich war schon mal verheiratet.

Klammer auf: Damit hier keine Missverständnisse aufkommen. Fast alles, was hier steht ist wahr. Leider und auch glücklicherweise. Beides. Manches habe ich vielleicht in der Spitze etwas abgemildert, damit Sie nicht denken, der spinnt doch! Ich habe auch alle Namen frei erfunden. Kramen Sie also gar nicht erst in Ihren Erinnerungen danach, ob Ihnen vielleicht der eine oder andere bekannt vorkommt. Namensähnlichkeiten sind rein zufällig. Fast alle. Nur meine Frau, meine jetzige, durfte sich ihren Namen selbst aussuchen. Ihren Namen, ihre Haarfarbe, ihre Körbchengröße. Da ließ ich ihr völlig freie Hand. Ich sage das nur, damit Sie nachher nicht ankommen und sagen, das hier sei doch alles erstunken und erlogen oder vollkommen übertrieben. Ich sag das gleich vorab, damit es hinterher keine Diskussionen gibt. Klammer zu.

Also. Ich war schon mal verheiratet.

Klammer auf. Diese Klammertexte sind Ihnen jetzt vielleicht schon aufgefallen. Auch wenn ich sie auf das vertretbar Nötigste beschränken werde, Sie werden sie häufiger in diesem Buch finden. Ich bin Akademiker und sauberes wissenschaftliches Arbeiten gewöhnt. Da will ich mir nix nachsagen lassen. Ich füge sie immer dann ein, wenn ich das Gefühl habe, ich müsste etwas genauer erklären oder wenn mir einfach noch irgendetwas einfällt, was für das Gesamtverständnis wichtig sein könnte, oder ich irgendetwas in einem einigermaßen lesbaren Satzbau einfach nicht mehr unterkriege oder Gefahr laufe, mich zu verformulieren, quasi, mich in meinen eigenen Gedanken zu verheddern. Oder wenn ich etwas beim Nachlesen nicht mehr so schön oder wichtig finde, ich es aber auch nicht löschen will, weil es ja nun mal dasteht. Weil ich es eigenhändig geschrieben habe und die Worte nun wirklich auch nichts dafürkönnen, dass sie nun auf einmal auf der Welt sind. Die kann ich nicht einfach so mir nix dir nix löschen. Einfach markieren, auf die Del-Taste hauen und tschüss. Haben Sie Kinder?! Das kann ich nicht. Auf Fußnoten werde ich der flüssigeren Lesbarkeit zuliebe indes völlig verzichten. Man muss ja auch nicht übertreiben. Keine Fußnoten. Versprochen. Nur Klammern. Und vielleicht mal hier und da ein Spiegelstrich, wenn ich im Eifer des Gefechts das mit den Klammern vergessen sollte. Aber eigentlich nur Klammern. Höchstens noch mal aus Versehen einen eingeschobenen Nebensatz. Den rahme ich dann aber, zum besseren Verständnis, mit ausreichend Kommata ein. Leider muss ich „Klammer auf" und „Klammer zu" immer ausschreiben, weil meine Klammer-zu-Taste klemmt. Sie werden sich schon irgendwie dran gewöhnen. Meine Frau findet diese Klammertexte übrigens überflüssig. Ich habe sie der Vollständigkeit halber aber trotzdem nicht nachträglich gelöscht. Aber wenn Sie sich von diesen Einschüben gestört fühlen, dann tippen Sie das Buch doch einfach noch einmal schnell ab. Einfach die Klammertexte markieren und dann löschen. Ganz einfach. Inhaltlich geht dem Buch dadurch nichts verloren, verständlicher wird es dadurch aber auch nicht. Sollten Sie keinen Computer haben, wird der beherzte Einsatz einer handelsüblichen Haushaltsschere ebenfalls zum gewünschten Ergebnis führen. Aber ich weiß ja gar nicht, ob sie dies Buch überhaupt noch lesen oder es nicht doch lieber zum Buchhändler zurückgebracht haben. Dann ist dieserKlammertext für Sie nicht mehr relevant.Klammer zu.

Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Ich war schon mal verheiratet.

Das „wie alles begann“ – Kapitel

Das war nicht so toll, eher so eine Art Studentengag, der allerdings nach hinten losging und mich teuer zu stehen kommen sollte. Sehr teuer. Ich war damals noch ganz jung. Gerade zwanzig. Ich hatte eine Berufsausbildung zum Speditionskaufmann erfolgreich hinter mich gebracht, ich hatte einen gut bezahlten Job in der Export-Abteilung eines internationalen Logistik-Unternehmens. Ich kam viel rum, reiste beruflich durch ganz Europa, hatte hier und da was am Laufen und hätte glücklich sein können.

Vielleicht hätte ich es sogar sein sollen. War ich aber nicht. Ich war unzufrieden. Ich wollte nicht ein Leben lang irgendwelche Waren von irgendwelchen Herstellern in irgendwelche Länder exportieren, damit sie dort von irgendwelchen Menschen konsumiert werden. Ein Leben lang im Büro sitzen, auf Bildschirme starren, mich mit dem Zoll herumschlagen und stapelweise Formulare ausfüllen. Ich hasste Papier schon damals. Das wollte ich nicht. Da musste noch mehr sein. Ich wollte noch einmal ganz von vorne beginnen, etwas ganz Anderes machen. Und wenn nicht jetzt, wann dann? Noch war ich jung, noch hatte ich keinerlei Verpflichtungen oder Verbindlichkeiten, die mich fesseln konnten.

Dem Speditör ist nix zu schwör, aber Harry mag nicht möhr.

Also beschloss ich, zu studieren.

Aber was? Was lag mir? Wofür interessierte ich mich? BWL? Jura? Physik?

Für Jura bin ich zu intelligent, für BWL nicht korrekt genug und für Physik einfach zu blöd. Obwohl gerade Astrophysik mich wahnsinnig interessierte. Das fand ich unheimlich spannend. Immer schon. Allein die schier unendlichen Dimensionen des Weltalls, die Unfassbarkeit von Raum und Zeit überforderten meinen damaligen Vorstellungshorizont schon gewaltig. Dafür war ich zu blöd.

Geschichte, Politik, Soziologie oder Philosophie, das konnte ich mir vorstellen. Daran war ich schon immer interessiert und in der Rolle des nachdenklichen und etwas abgerockten Philosophen gefiel ich mir auch ganz gut. Diskutieren konnte ich schon immer. Mein Vater nannte das Labern.

Zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Was konnte es Spannenderes geben? Was konnte es Verlockenderes geben, als im schwarzen Rollkragenpullover bei Rotwein und selbst gedrehten Zigaretten über die existentiellen Fragen des Lebens zu sinnieren? Wo komme ich her? Wo will ich hin? Wo ist der Sinn? Was, bitte, denke ich denn, was ich bin? Fragen über Fragen..., und warum, verdammt nochmal, ist Abkürzung eigentlich ein so langes Wort? Ja, Philosophie, das wäre genau das Richtige für mich.

Zumal mich seit dem tragischen Tod meiner Freundin Claudia die Frage nach Sinn und Unsinn des Lebens schon ziemlich umhertrieb. Claudia war doch tatsächlich als Austauschschülerin in Frankreich nach einer Gehirnerschütterung, die sie sich bei einem Basketballspiel zuzog, in der Badewanne nach einem Kreislaufkollaps ertrunken. Einfach so. Sie wurde nur sechzehn Jahre alt. Ich war siebzehn. Klammer auf: Echt wahr! Klammer zu. Ich war so unendlich traurig, so erschüttert, so wütend und vor allem so fassungslos. Ja, ich war vollkommen fassungslos. Ich wusste nicht, ob das alles ein schlechter Scherz sein sollte, was das Leben mir - und natürlich vor allem ihr - da zugemutet hat. Oder war das alles nur ein blöder Unfall? Gab es so etwas wie Zufall oder steckte ein dunkles Fatum dahinter? War das alles Bestimmung? Und wenn, wer hat das bestimmt? Das Schicksal? Ein allmächtiger Gott? Und wenn Gott, was ist denn das für einer, der so einen Scheiß bestimmt? Wenn der so allmächtig ist, hatte er dann nichts Besseres zu tun? Weltfrieden, Hunger, Ungerechtigkeit, Abschaffung der Wehrpflicht und des Dosenpfands? Da gab es doch in dieser Welt nun wirklich genug zu tun für einen allmächtigen Gott. Musste er mich doch nicht drankriegen! Aber wenn er allmächtig ist, nur mal angenommen - ich wusste ja, dass es gar keinen Gott gibt - hat er dann auch bestimmt, dass ich mit drei Jahren vor unserer Haustür überfahren wurde und das, wenn auch schwer verletzt, überleben sollte? Oder dass ich mit dreizehn Jahren nach einem Fahrradunfall einen Schädelbasisbruch erlitt, den ich auch - wiederum nur mit Not - überlebt habe? Klammer auf: Leider auch wahr! Klammer zu. Warum hat er das so bestimmt? Wie kommt er auf sowas? Und warum sollte ich das alles überleben? Hatte Gott, dessen Existenz ich mit Nachdruck vehement verneinte, etwas mit mir vor? Oder wollte er es mir nur mal zeigen? Nur mal so? Oder war mein Überleben vielleicht nur der verzweifelten Gegenwehr des nicht sterben wollenden Lebens gegen einen bösartigen Gott geschuldet? Was sollte das alles? Ja, das Leben hat mich innerlich schon früh in den schwarzen Rollkragenpullover gesteckt. Fragen hatte ich also genug. Fehlten noch die Antworten.

Philosophie also. Dem Philosoph‘ ist nix zu doof. Die Entscheidung stand. Ich werde Philosoph.

Zweites Kapitel

Meine Eltern waren damals nicht gerade begeistert, als ich ihnen eröffnete, dass ich mein junges Leben einfach über den Haufen zu werfen gedachte, um mich den wirklich wichtigen Fragen des Lebens zu widmen. Wähnten sie mich doch in einem festen Job mit großartiger Zukunft und damit sich selbst in Sicherheit. In trügerischer Sicherheit. Dachten sie doch, ich wäre endlich im Leben angekommen, erwachsen, vernünftig geworden. Vernunft, das war meinen Eltern, vor allem meinem Vater, immer sehr wichtig. Vernunft, oder das, was sie dafürhielten.

Nicht, dass mein Vater nicht vernünftig war, oder was ich dafürhielt; er war sehr gebildet, er war sogar sehr intelligent und er war... konservativ. Kriegsflüchtling aus Pommern. Das roch mir zu sehr nach Reaktionismus, Bund der Vertriebenen, Deutschland in den Grenzen von 1939 usw. Und das roch nicht nur so, so war er auch. Aber das habe ich ihm damals gar nicht vorgeworfen. Er konnte ja nichts für sein Leben. Er war eben ein Kind seiner Zeit.

Ich natürlich auch, ich war auch ein Kind meiner Zeit. Aber die Zeiten waren jetzt eben anders und ich war... jung. Das passte nicht. Das passte bei uns nie. Wenn mein Vater sagte, es geht rechts rum, dann bin ich aus Prinzip links herumgegangen. Wenn mein Vater mich vorwärts drängte, blieb ich demonstrativ stehen, wenn er mich zum Einhalten bewegen wollte, stürmte ich los. Wenn er „Hüh!" sagte, sagte ich „Hott!", wenn er mir ein autoritäres „Nein!" an den Kopf schmiss, konterte ich ihm ein aufbegehrendes „Doch!" entgegen. Wir hatten uns eigentlich immer in den Haaren.

Meine Mutter war... nett. Ja.

Und dann waren da noch meine drei Brüder. Vier Jungs also. Zunächst. Es sollten mehr werden. Aber noch nicht gleich. Erst viel später. Damals waren wir vier. Wie die Orgelpfeifen. Mein ältester Bruder Philipp, mit vollem Namen Hans-Joachim-Philipp, genannt Lülle, sollte nach den Vorstellungen meines Vaters einmal Bundeskanzler werden. Mindestens! Und er war damals tatsächlich in der Jungen Union aktiv, dieser Jugendorganisation der CDU, in der sich das ganze Yuppiegesocks tummelte. Diese komischen stereotypen Typen, die karierte Karottenhosen, Slipper mit Bommelchen und Poppertolle trugen und staatstragend herum schwafelten: "Freiheit statt Sozialismus". Was war das für ein Scheiß! Im Bundestagswahlkampf von 1980 hatte er sogar ein Plakat von FJS in seinem Zimmer. Was für ein Konterrevolutionär! Für mich waren das uniforme Reaktionäre, gleichgeschaltete Vollpfosten. Ich dagegen war in der Sozialistischen Schüler-Union. Ich gehörte zu den Guten. Wir sahen cooler aus, hatten lange Haare, Flickenjeans und Bundeswehrparker - den trugen wir natürlich nur aus Protest und weil das alle so machten - und vor allem hatten wir diesen unheilschwangeren Blick, der mal vom bevorstehenden Weltuntergang zeugte und mal die, in Kürze zu erwartende, Übernahme der Weltherrschaft durch die Arbeiterklasse vorankündigte. Und wir hatten auch die cooleren Sprüche, wie "Anarchie ist machbar, Herr Nachbar!" Wir waren Individualisten. Echt.

Der nächst ältere hieß Peter-Christian, genannt Pitze-Patze-Putze-Peter. Der war immer irgendwie nur so da. War so ein richtiges Sandwichkind. Zwischen Lülle und mir. In der Mitte. Ich glaube, er war auch politisch irgendwie in der Mitte. Sagte nie etwas dazu. Pitze-Patze-Putze fiel auch gar nicht besonders auf. Mit nix. Störte auch niemanden. Mit nix. Stotterte dafür. Oder deswegen. Außerdem war er blond und hatte blaue Augen. Wir anderen waren dunkelhaarig und braunäugig. Ich hatte - und ich habe - keine Antwort darauf.

Der dritte war also ich, Harry, genannt Negerlein - frag mich einer, warum!?

Klammer auf:Aber ich will jetzt nicht die ganze Zeit von mir reden, sonst heißt es hinterher noch, der nimmt sich aber wichtig! Klammer zu.

Und dann war da noch zu guter Letzt der Purzel, der vierte der Quadriga, der eigentlich Henning heißt. Der Kleine eben. Ein richtiges Arschloch, weil der uns Große immer terrorisierte. Und wenn wir ihn zur Strafe kollektiv verhauen wollten, rannte er zu unserer Mutter und forderte, laut „Mama, Mama" plärrend, Welpenschutz ein. Weichei! Und überhaupt. Lülle hatte drei richtige Vornamen, mein zweitältester Bruder Pitze-Patze zwei und ich als dritter wenigstens noch einen. Wenngleich es meinen Eltern offensichtlich schwerfiel, einen vernünftigen Namen für mich zu finden und sie mir den Namen meines Vaters gaben. Aber warum hatte Purzel überhaupt einen Namen? „Nummer vier" hätte doch gereicht und wäre in meiner Zählweise nur konsequent gewesen. Aber meine Eltern waren nie sonderlich konsequent. Vor allem mein Vater nicht. Er hatte zwar viele Prinzipien wie Fleiß, Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Treue und so, aber ich konnte mich schon früh des Verdachtes nicht erwehren, dass die nur für die anderen galten. Sich selbst gegenüber war er da nicht ganz so streng.

Wahrscheinlich war meine Mutter auch nur darum so nett, weil sie vier Jungs hatte. Was blieb ihr auch? Als einzige Frau in einem Haushalt mit fünf Männern muss man nett sein. Selbst unser Hund Carlo war ein Rüde. Die arme Frau.

Kapitel Nummer kurz vor drei

Klammer auf: Ich habe die Kapitelunterteilungen durchaus bewusst gewählt. Ich habe mich bei den Unterteilungen stringent darangehalten, das nicht am Inhalt zu orientieren, sondern an den realen Bedürfnissen. Ihren und meinen. Ich muss mir jetzt zum Beispiel einen Kaffee holen. Jetzt. Vielleicht mögen Sie in der Zwischenzeit pinkeln gehen oder den Rasen mähen. Klammer zu.

Kapitel Nummer drei

Aber es war nicht alles schlecht. Überhaupt nicht. Ich hatte sogar eine ausgesprochen behütete Kindheit. Wir wohnten in unserem eigenen Haus in einem kleinen, aber leider auch äußerst beschaulichen Dorf, mein Vater war Regierungsdirektor für Agrar und Forsten in Hannover, begeisterter Hobbysegler und Jäger. Meine Mutter war nach der Geburt der vier Kinder Hausfrau und Mutter. Und damit hatte sie mehr als genug zu tun. Es ging uns gut. Uns fehlte nix. Wir hatten sogar ein paar Jahre lang ein Ferienhaus am Steinhuder Meer, wo wir schon als Knirpse das Segeln lernten und mein kleiner Bruder Purzel schmerzhaft - und um ein Haar tödlich - verinnerlichen musste, dass vor dem Schwimmen-können das Schwimmen-lernen steht. Er rannte nämlich, damals vielleicht vier Jahre alt, einen Bootssteg entlang, versäumte oder schaffte es einfach nicht, rechtzeitig zu bremsen und fiel - platsch - ins Wasser. Einfach so. Zum Glück war Lülle in der Nähe und rettete den hilflos um sich schlagenden, zappelnden und schreienden Purzel aus den Fluten des Steinhuder Meeres. Verdient hatte er es eigentlich nicht. Er brüllte trotz seiner Rettung wie am Spieß. Ein Riesenspaß.

Wir vier Jungs verstanden uns richtig gut, nachdem wir Purzel die richtige Rangfolge und Dienstgrade beigebracht hatten. Wir hatten nun eine sinnvolle Hackordnung, prügelten uns regelmäßig, stritten und vertrugen uns wieder und terrorisierten nach Kräften unsere Umwelt. Allen voran meine Eltern. Dabei verstanden wir uns besonders gut. Mit meinem Bruder Pitze-Patze spielte ich sogar jahrelang gemeinsam in verschiedenen Schülerbands, die so abstruse Namen wie "Desaster", "Sudden Fear" oder "Six feet under" hatten. So hat sich das dann auch angehört. Ich spielte Gitarre, mein Bruder Schlagzeug. Und zur großen Freude meiner Eltern haben wir in unserem Haus geprobt.

Wir hatten Tiere, wir hatten Räder und später Mofas, wir hatten Freunde, wir hatten Freiheiten, wir hatten eigentlich alles, was man sich wünschen kann. Auch wenn man das als pubertierender Jugendlicher natürlich ganz anders sieht. Vor allem defizitär. Aber, summa summarum, eine schöne Kindheit und Jugend.

Wenn da nicht mit zunehmendem Alter die ständigen politischen Auseinandersetzungen gewesen wären. Der ewige Stuss, den ich in den Ohren meines Vaters von mir gab. Ich fand nämlich nicht, dass die Nato den Osten in Grund und Boden rüsten müsse oder dass die Bundesrepublik Gebietsansprüche an Polen haben könnte. Ich war der Meinung, verzockt ist verzockt. Eine Einstellung, die meinen Vater zur Weißglut bringen konnte. Mit Recht vielleicht, denn er hatte damals im Krieg gar nichts verzockt, er war ein Kind und hatte seine geliebte Heimat und Kindheit verloren. Eine Kindheit in den Weiten Pommerns, mit Pferden, eigener Landwirtschaft und einer wundervollen Zukunft. Wenn nicht dieser verdammte Krieg seine Träume zerstört hätte. Und wenn ich meinen Erzeuger auf die Palme bringen wollte, dann brauchte ich nur das Thema auf die Ostgebiete zu lenken.

Und ich wollte ihn oft auf die Palme bringen. Ich weiß gar nicht genau warum. Oder vielleicht weiß ich es doch. Ich sah ihn eben nur als meinen Erzeuger an, nicht als meinen Vater, schon gar nicht als meinen Papa. Von einem Papa hatte ich ein anderes Bild. Das Bild von jemandem, der für mich da ist, wenn ich ihn brauche. Das war er nicht. Zumindest war dieses Gefühl tief in meinem Unterbewusstsein verankert. Er war nicht da, als ich ihn brauchte. Meine Mutter auch nicht. Und in mir wuchs Stück für Stück so eine ablehnende Anti-Haltung. Und dabei konnten sie eigentlich gar nichts dafür.

Meine Eltern haben 1966 ihren ersten Urlaub geplant. Der erste gemeinsame Urlaub. Vier Kinder bekommen, Haus gebaut und nun endlich ein erster Urlaub. Allein, ohne uns. Oma und Opa sollten aufpassen. Und kurz bevor sie ihre Reise auf die Färöer-Inseln - damals eine Weltreise - antreten wollten, ließ ich mich vor unserer Haustür überfahren. Einfach so. Es war Sommer. Lülle, Pitze und ich planschten in unserem aufblasbaren Planschbecken im Garten - Purzel war noch ganz klein und schlummerte in seinem Kinderwagen - als irgendetwas - ich habe heute keine Ahnung mehr, was das war - das Interesse meiner Brüder weckte und sie schnurstracks aus dem Wasser an die Straße zog. Es dauerte ein Weilchen bis ich mich rappelte und wie der Blitz hinterherlief. Leider lief ich nicht an die Straße, sondern auf die Straße, wo ich sofort von einem Auto überfahren wurde. Sofort. Klatsch und weg. Der konnte nicht mal versuchen zu bremsen. Geschrei, die Nachbarn laufen zusammen, "oh Gott, der arme Junge!", meine Mutter kommt aus der Küche - woher auch sonst -, Rettungswagen, Tatütata, Krankenhaus. Aus die Maus.

Zum Glück nicht ganz, ich war noch am Leben. Schwer verletzt, aber am Leben. Meine Eltern waren natürlich überglücklich, dass ich nicht tot war. Glaube ich. Und natürlich wollten sie ihren Urlaub stornieren. Sie mussten, sie wollten doch jetzt für mich da sein! Da gab es für sie keinen Zweifel. Aber der Professor, der mich damals im Krankenhaus behandelte, der Kindheitszerstörer, meinte, ich sei doch jetzt in guten Händen, hier könne mir nichts passieren und meine Eltern sollten beruhigt in den Urlaub fahren, den hätten sie schließlich dringend nötig und hier und jetzt könnten sie ohnehin nichts für mich tun. Und sie zweifelten, sie diskutierten, sie gingen mit sich selbst ins Gericht und sie fuhren. Und ich glaube, das haben sie bereut. Es war die schrecklichste Zeit ihres Lebens, und als sie da auf den Färöer-Inseln waren, da hätten sie sich am liebsten zurückgewünscht. 1966. Am Arsch der damals bekannten Welt. Da ging natürlich nichts. Ich war versorgt. Sicher. Aber ich war allein. Mutterseelenallein. Und das wusste ich. Ich bin allein. Und aus dem Gefühl des Alleinseins, des auf-mich-selbst-gestellt-seins wurde Distanz und mit der Zeit Rebellion. Und sie konnten gar nichts dafür. Sie haben nur das gemacht, was mein Arzt ihnen sagte. Bei mir hat das aber tiefe Spuren hinterlassen. Aber das konnte ich damals noch nicht verstehen. Damals noch nicht. Aber später, als ich größer wurde, war das irgendwie präsent. Da wollte ich sie, vor allem meinen Vater, auf die Palme bringen. Das war wohl meine Rache.

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Ich gehörte also in den Augen meiner Eltern mittlerweile zu den Leuten, vor denen sie mich immer gewarnt hatten. Und meine Freunde natürlich auch. Alles linkes und asoziales Gesocks. Ja, ich war Gesocks. Links, alternativ, renitent und aufsässig.

Klammer auf: Ich habe den Unterschied zwischen 'renitent' und 'aufsässig' nicht verstanden. Ich hielt es für Synonyme. Aber mein Vater bestand auf diese Unterscheidung. Klammer zu.

Und vielleicht war ich auch manchmal etwas ungeschickt, vor allem in handwerklichen Dingen. Zwei linke Hände, alles Daumen. Ein hoffnungsloser Fall. Und mein Vater vermochte es grandios, sein Missfallen und die dabei durchklingende enttäuschte Verachtung in zwei Worte zu kleiden, mit denen er mich gern bedachte: Unnusel und Dösbaddel. Beide Begriffe standen synonym dafür, dass ich durchaus dazu in der Lage war, ständig über meine eigenen Schnürsenkel zu stolpern oder mir den Kaffee über die Hose zu schütten, nur, weil ich die Tasse schon ankippte, bevor ich sie am Mund hatte. Einfach, weil ich in Gedanken war. Wobei der Begriff Unnusel eher den Schwerpunkt auf mein offensichtliches Unvermögen legte, Dösbaddel hingegen mehr auf meine Tollpatschigkeit abzielte. Ich fand beide Titulierungen gleich blöd und herabwürdigend, wobei mir auch völlig egal war, welcher Begriff für was stand. Aber für das richtige Leben war ich anscheinend nicht zu gebrauchen.

Umso erfreuter waren meine Eltern natürlich, dass ich nach der Schule eine richtige Berufsausbildung machen wollte. Eine kaufmännische noch dazu. Dass ich einen Bürojob wählte, erleichterte meine Eltern darüber hinaus dahingehend kolossal, weil man dazu in der Regel kein Werkzeug braucht, mit dem man sich oder andere verletzen könnte. Auch würde das Berufsleben mit seinen Regeln und Normen mir sicher meine verquasten politischen Spinnereien schon noch austreiben. Alles Linke war für meinen Vater so eine Art Geisteskrankheit. Und nun schien ich zu gesunden. Endlich.

Meine Eltern waren nicht nur erfreut, nein, sie waren glücklich. Sie kauften mir ein schickes kariertes Jackett, zwei dazu passende Trevirahosen, weiße und blaue Oberhemden, eine rot- und eine blaugestreifte Krawatte und ein Paar Halbschuhe, die den perfekten Bürolook komplettierten. Ich sah darin total bescheuert aus. Fand ich. Und ich fühlte mich auch so. Meine Mutter war dagegen von meinem geschäftsmäßigen Auftritt total begeistert und platzte mit tränenden und dennoch völlig verzückten Augen ein enthusiastisches "JUNGE!" hervor, wie nur eine Mutter das kann, und mein Vater sprach erstmals mit unüberhörbarem Stolz davon, dass aus mir ja doch noch etwas Vernünftiges werden könnte. Könnte! Das Outfit war also die Eintrittskarte für die höhere Vernunft. In den Augen meines Vaters wahrscheinlich sogar für die reine Vernunft. Wobei mein alter Herr von Immanuel Kant gar keine Ahnung hatte. Genauso wenig wie ich. Auch ich hielt die goldene Regel an meiner alten Schule "Was du nicht willst, das man dir tu', das füg' auch keinem andern zu!" schon für den kategorischen Imperativ. Damals.

Aber was wusste ich schon? Ich hatte mir das damals schon alles so einfach vorgestellt.

Und nun das. Ich wollte meine noch so junge und hoffnungsvolle berufliche Karriere beenden und mich wieder den unsteten Gedanken hingeben. Das weiße Hemd gegen den schwarzen Rolli tauschen. Die teuer bestrumpften Füße in den glattledernen Halbschuhen gegen barfuß in Wildledermokassins. Die Trevirahosen gegen die von meinem Vater so gehassten "Nietenhosen", die wir "Dschiens" nannten, obwohl wir doch - mein Vater kollektivierte gern meine so falschen politischen Einstellungen, die für ihn bestenfalls nur das Ergebnis von Verirrung und Verblendung, aber wahrscheinlich doch eher das Ergebnis eines gigantischen Verschwörungs- und Indoktrinierungswerks des Ostblocks sein konnten - obwohl wir doch sonst gegen alle amerikanische Segnungen wie Pershing II, Elvis oder Nato-Doppelbeschluss waren. Wir hielten uns damals in der Tat für Freie Radikale und hatten natürlich gar keine Ahnung davon, dass man mit Freie Radikale Teile von Molekülen bezeichnet, an deren Bruchstellen sich ein Atom mit einem so genannten ungepaarten Elektron befindet. Aber ich sagte ja schon, für Physik bin ich zu blöd.

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Meine Eltern redeten auf mich ein, versuchten mich von meinem Entschluss abzubringen, zählten mir all die wunderbaren Vorteile auf, die mein Verbleiben in meinem Beruf haben würde, inklusive Firmenwagen und Weihnachtsgeld. Sie malten mir einerseits meine Zukunft in den hellsten Farben aus, wenn ich mir doch bloß diesen Schwachsinn aus dem Kopf schlagen würde, und sagten mir andererseits eine überaus bedrohliche und düstere Zeit voraus für den Fall, dass nicht. Finanzielle Armut, moralische Verwahrlosung und gesellschaftliche Isolation würden mir im günstigsten Falle drohen. "Wovon willst du denn leben, Junge!? Glaubst du denn, du kannst uns dann jahrelang auf der Tasche liegen? Du stellst dir das alles so einfach vor!" Das stimmte. Ich stellte mir das alles so einfach vor. Ganz einfach.

Für meinen Vater war das alles schlicht Stuss. Das war übrigens eine seiner Lieblingsaussagen, wenn er mal wieder meinte, dass ich - oder mein kollektiviertes wir - irgendeine "falsche" Meinung vertraten. "Red' nich' so'n Stuss!" Überhaupt war alles Stuss, was nicht in sein Weltbild oder seinen Horizont passte.

Aber ich wollte mich nicht beirren lassen. Ich wollte studieren. Philosophie. Jetzt. Am liebsten an der Augustana in Rom, oder in Oxford oder von mir aus auch in Paderborn. Aber ich wollte studieren, nein, ich musste studieren, endlich herausfinden, was wieso, weshalb und warum diese Welt am Drehen hält. Koste es, was es wolle.

Ich wollte einen schwarzen Rollkragenpullover, ich wollte Rotwein trinken, selbstgezwirbelte Zigaretten rauchen, ein Buch in der Hand und ein ernstes Gesicht machen. So stellte ich mir das vor. Vor allem das mit dem ernsten Gesicht fand ich sehr reizvoll und natürlich auch wichtig. Nicht so dumm aus der Wäsche gucken wie die Anderen. Nicht so gleichgültig und ignorant mit offenem Mund das Weltgeschehen an mir vorüberziehen lassen, wie die meisten meiner Mitmenschen. Ich wollte nicht sein wie die, denen man durch die Augen direkt auf die Rückwand der Schädeldecke schauen konnte. Nein, ich würde künftig den Lauf der Dinge kritisch betrachten, mit hellwachem Blick auf das, was um mich herum und in der großen weiten Welt geschieht.

Apropos Blick! Ich brauchte eine neue Brille. Die Brille, die ich mir zu Beginn meiner Lehre gekauft hatte, ging gar nicht mehr. Viel zu businesslike, viel zu modern und angepasst, viel zu sehr dem Establishment geschuldet, dem ich ja nun zu entfliehen plante. Die ging jetzt gar nicht mehr. Ich brauchte eine andere, eine, die zu meinem künftigen Gesichtsausdruck passen würde. Ein Gesichtsausdruck, der mein fragendes Fragen, mein wissendes Wissen und meine düsteren Ahnungen wiederspiegeln sollte. Eine Goldrandbrille. Das war es. Eine Goldrandbrille wie Jean-Paul Sartre sie hatte - obwohl der nie eine Goldrandbrille trug, sondern Rundbrillen aus Horn -, Hermann Hesse oder Albert Camus, - der übrigens nie eine Brille brauchte -. Aber so stellte ich mir das eben vor. Ich stellte mir das sowieso alles so einfach vor. Ich sollte das noch bereuen. Später.

Was bräuchte ich noch? Die Brille hatte ich nun. Noch ein paar schwarze Rollis, und natürlich eine Pfeife, auch wenn ich viel lieber selbstgedrehte Zigaretten rauchte. Das hatte ich übrigens von meinem Opa gelernt. Der verachtete Filterzigaretten als unsinnlich und pflegte zu sagen: Filterzigaretten rauchen, das ist so, als würde man eine Frau durch einen Strohhalm küssen. Ich liebte meine Oma, aber hätte in ihrem Fall wahrscheinlich den Strohhalm vorgezogen. Also eine Pfeife. Ich hasste Pfeiferauchen, das brannte so auf der Zunge, aber ich hielt die Pfeife für einen unverzichtbaren Ausrüstungsgegenstand für jeden Philosophen. Was noch? Eine alte, abgewetzte Ledertasche, in der ich meine Bücher und kryptischen Aufzeichnungen in ein möglichst französisches Bistro tragen konnte, und natürlich Rotwein. Französischen Rotwein, versteht sich.

Ich wusste sehr genau was ich wollte. Damals im Mai 1982. Das nächste Wintersemester, mit dem ich mein Studium beginnen wollte, war noch weit weg. Zeit genug, um mich als Freizeitphilosoph zu betätigen.

Ich suchte einschlägige Studentenkneipen in Hannover auf, saß wichtig und mit meinem neuen, zugegebenermaßen noch zu perfektionierenden Gesichtsausdruck, in der Gegend herum. Ich breitete wahlweise demonstrativ das Feuilleton der FAZ oder die ganze taz vor mir aus, sprach geheimnisvolle und mehr oder minder klug klingende Sätze laut vor mich hin, als befände ich mich in einem inneren Dialog mit mir selbst oder dem Autor des Buches, das ich gerade las, rauchte die Zigaretten, die kein Strohhalm sein sollten Klammer auf: Die Pfeife bekam ich einfach nicht durch den Hals. Klammer zu., trank Rotwein oder schwarzen, starken Kaffee - natürlich würde ich lieber behaupten können: ich trank Espresso, aber den gab es damals in Hannover noch gar nicht - und mischte mich ungefragt in Gespräche anderer Leute ein. Erstaunlich eigentlich, dass ich fast nie ein Arschvoll bekommen habe.

Meine Wohnung glich in dieser Zeit - ich war schon mit Beginn meiner Lehre von zuhause ausgezogen - dem Bild "Der arme Poet" von Carl Spitzweg. Nur, dass in meiner Wohnung mehr Rotweinflaschen zu sehen waren. Vor allem leere. Ja, ich war bereit für mein neues Leben. Ich glaube, meine Freunde bewunderten mich damals. Oder sie hielten mich für schlichtweg bekloppt.

Das Wendekapitel