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"Ubiraisja! Sidschas!" - Aussteigen. Sofort. Mitten in der Nacht an der russischen Grenze: Schlagbaum. Scheinwerfer. Befehle auf Russisch. Und mittendrin: Klaus Dewald - jung, voller Fragen, aber mit einer klaren Mission. Was als Abenteuer beginnt, wird zu einer lebensverändernden Berufung. Klaus Dewald steigt aus. Nicht nur aus dem LKW, sondern auch aus seinem bisherigen Leben. Er kündigt den Job, um Menschen in Not zu helfen - und beginnt ein Abenteuer, das ihn an die Brennpunkte der Welt führt. Mit Mut, Hingabe und einem unerschütterlichen Vertrauen in Gott. Klaus Dewald nimmt seine Leser mit auf gefährliche Hilfstransporte, zu überraschenden Wundern, an Orte, an denen Hoffnung kaum noch existiert - und zeigt, was möglich wird, wenn ein Mensch Gott sein Leben ohne Grenzen zur Verfügung stellt. Aktualisierte und ergänzte Neuauflage.
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Seitenzahl: 295
Veröffentlichungsjahr: 2026
Klaus Dewaldmit Hauke Burgarth
Mit Gott in die gefährlichsten und ärmsten Länder der Welt
In diesem Buch erzähle ich meine Geschichte, so wie sie sich tatsächlich zugetragen hat. Natürlich geschieht das aus meiner persönlichen Perspektive und muss nicht unbedingt die Ansichten, Erinnerungen und Empfindungen Dritter widerspiegeln. Wo es mir angebracht schien, wurden deshalb aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes Namen, Orte und Details geändert.
Dieses Buch ist eine überarbeitet und ergänzte Ausgabe von: Klaus Dewald /Hauke Burgarth: Ein Mann. Ein Leben. Ein Auftrag (SCM Brockhaus, 2023)
Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen:
Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002
und 2006 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Holzgerlingen.
Weiter wurde verwendet:
Hoffnung für alle ® Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.®.
Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Fontis – Brunnen Basel. (HfA)
© 2026 Brunnen Verlag GmbH, Gießen
Brunnen Verlag GmbH
Gottlieb-Daimler-Str. 22
35398 Gießen
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Die Nutzung von Bild-, Sprach- und Textdaten für sog. KI-Trainings und ähnliche Zwecke ist nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung erlaubt.
Umschlagfoto und Fotos im Innenteil: Claudia Dewald (sofern nicht anders angegeben)
Umschlaggestaltung: Jonathan Maul, Brunnen Verlag GmbH
Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach, übernommen und angepasst durch Brunnen Verlag GmbH, Gießen
ISBN Buch 978-3-7655-3375-4
ISBN E-Book 978-3-7655-7782-6
»Ich möchte, dass ihr euer Essen mit den Hungrigen teilt und heimatlose Menschen gastfreundlich aufnehmt. Wenn ihr einen Nackten seht, dann kleidet ihn ein. Verleugnet euer eigenes Fleisch und Blut nicht. Wenn du so handelst, wird dein Licht aufleuchten wie die Morgenröte.«
Jesaja 58,7-8
Vorwort von Andreas »Boppi« Boppart
Auf der Suche nach Abenteuern
Mission Wolga
War’s das?
Im Wilden Osten
Drachen in Afghanistan
Als Mann im Frauengefängnis
Mitmachen ist der Schlüssel
Offene Türen in geschlossene Länder
Afrika? Nie!
Der Mann, der überlebte
Reise in die eigene Vergangenheit
Lass Blumen sprechen
Fast gestorben
Unkonventionell ist gut
Wir waren vorbereitet
Gießen, Jerusalem, Rom
Afrika – und kein Ende in Sicht
Vieles bleibt, vieles ändert sich
Bei GAiN wird die unmissverständliche Sprache der Liebe Gottes durch konkretes Handeln sichtbar. Eine Organisation, die sich dem Ausleben von Gottes Liebe verschrieben hat. Die den einzelnen Menschen in Not im Fokus hat, die Ärmel hochkrempelt und hilft. Es ist ein Mitmachhilfswerk, das von der Leidenschaft für Menschen und dem Verändern ihrer schwierigen Lebensumstände geradezu überfließt, und das hat damit zu tun, dass es aus dem Herzen eines Mannes geboren wurde, der nicht an Leid vorbeisehen kann: Klaus Dewald. Wenn er über GAiN spricht, redet er über konkrete Menschen, Namen, Gesichter, Geschichten.
Klaus ist einer, der das Leben oft nur verschwommen sieht. Und trotzdem klarer als viele andere. Oder genau deswegen. Denn egal, wie oft ich ihn dabei schon erlebt habe – seine Augen blieben beim Erzählen nie trocken. Und das ist gut so, denn die Ungerechtigkeit auf dieser Welt darf uns nicht unberührt lassen.
Seit meinem ersten Kontakt mit GAiN wusste ich instinktiv, dass wir als Campus für Christus ebenfalls eine GAiN-Arbeit in der Schweiz beginnen müssten – es dauerte noch einige Jahre, aber inzwischen bin ich Mitglied der Geschäftsleitung. Leid und Not sind überall anzutreffen, und mit GAiN versuchen wir, Menschen genau in diesen Situationen nahezukommen. Mit der Art, wie sich Gott uns Menschen gezeigt hat. Er war sich nicht zu schade, Mensch zu werden. Es steht für mich deshalb außer Frage, dass wir uns in diese Welt hineinverschenken sollen, so wie er es selbst getan hat.
Klaus hat genau das getan. Ich bin ihm unendlich dankbar, dass er seinem inneren Drängen gefolgt ist und sich selbst und seine damalige Logistikfirma in GAiN hineinverschenkte. Ob beim Aufräumen nach einem Sturm auf Haiti, beim Bau von Container-Häusern in Lettland oder in einem Flüchtlingscamp in Griechenland – es geht überall um dasselbe: mitzulieben. »Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da!«, sagte schon der griechische Dichter Sophokles im 5. Jahrhundert vor Christus.
Ich wünsche Dir, liebe Leserin und lieber Leser, dass Dir dieses Buch in Deinen Händen ermöglicht, einen Blick durch die Augen von Klaus zu werfen. Damit Du die Welt ab und zu verschwommen sehen darfst.
Und deshalb klar.
Andreas »Boppi« Boppart Leiter Campus für Christus Schweiz Mitglied der Geschäftsführung GAiN Schweiz
Nachts rollten unsere Lkw auf ein paar dunkle Gebäude zu. Der Schlagbaum dazwischen zeigte: Dies ist die Grenze. Wir hielten an und warteten, und plötzlich flammte ein Scheinwerfer auf, Türen öffneten sich und Uniformierte in schwarzen Ledermänteln standen neben unseren Wagen.
»Ubiraisja! Sidschas!« – Aussteigen. Sofort.
Ich wurde auf der einen Seite fast aus dem Lkw gezerrt und allein in einen halbdunklen Gang begleitet, der nur von wenigen Glühbirnen erleuchtet wurde. Meinem Beifahrer erging es auf der anderen Seite offensichtlich genauso. Alles war darauf ausgerichtet, um zu zeigen: Wir sind groß und du bist klein. Alles an der Grenze zwischen Polen und Russland sollte Angst machen – und wenn ich daran denke, wie ich mich in dieser Situation gefühlt habe: Es funktionierte gut. Immer wieder stellte ich mir dieselbe Frage: Warum bin ich eigentlich hier? Was treibt mich kurz nach Weihnachten nach Brest an diese Grenze, wo mich offensichtlich niemand haben will?
Während ich ohne Übersetzer auf Russisch verhört wurde und mich fragte, wie es den anderen im Team wohl ging, dachte ich zurück daran, wie die Vorbereitungen für diese verrückte Reise vor einem halben Jahr begonnen hatten.
Für mich ging alles damit los, dass ich meinen Mund ziemlich voll nahm. »Lasst es. Das funktioniert nicht!« Fünfzig Augenpaare drehten sich zu mir um. Hätte ich doch meinen Mund gehalten, aber ich konnte die Studierenden ja schlecht in ihr Unglück laufen lassen.
Claudia und ich bei den Studierenden von Campus für Christus – und ich konnte meinen Mund nicht halten. (Foto: GAiN-Archiv)
Es war 1990, ein Jahr des Aufbruchs. Ganz Deutschland lernte quasi nebenbei Russisch. Glasnost und Perestroika waren in aller Munde – Offenheit und Umgestaltung. Die innerdeutsche Mauer war bereits gefallen, doch die Sowjetunion gab es noch. Dort kämpfte Michail Gorbatschow als Staatspräsident gegen den Zusammenbruch. Erst gegen den seiner Sowjetunion, dann gegen den seiner eigenen Macht – beides war vergeblich. Jahrzehntelang hatte die Sowjetunion scheinbar alles im Griff. Jetzt nicht mehr. Die Supermacht war wirtschaftlich am Ende, und Gorbatschow machte genau das zum Thema. Immer wieder bat er deswegen international um Hilfe. Über den STERN wandte er sich zusammen mit Helmut Kohl an die Deutschen. »Helft Russland! Millionen Menschen droht ein Hungerwinter« war der Titel der November-Ausgabe, eines ganzen Heftes.
Und die Botschaft kam an. In Gießen trafen sich die Studentinnen und Studenten von Campus für Christus und diskutierten darüber. Das US-Missionswerk war schon eine ganze Weile in Deutschland unterwegs – mit dem Schwerpunkt, Studierende für ein Leben mit Jesus zu gewinnen. Die 1980er-Jahre waren eine politisch bewegte Zeit, außerdem waren einige aus der Gruppe ursprünglich Russlanddeutsche, und einer war mit einer Lettin verheiratet. Sie waren nicht nur Christen, sie waren persönlich betroffen.
»Da können wir als Christen doch nicht zusehen.«
»Stimmt, wir müssen etwas machen.«
»Aber was?«
So weit, so gut. Ich hatte zu dieser Zeit nichts, aber auch gar nichts mit Campus für Christus, Russland oder Studierenden zu tun. Ein paar Jahre zuvor hatten Claudia, meine Frau, und ich uns entschieden, als Christen zu leben. Ich verdiente mein Geld als Fuhrparkleiter einer Spedition, hatte dort reichlich zu tun und meine Arbeit gefiel mir gut. Ich war also absolut nicht auf der Suche nach etwas Neuem. Warum auch? Bei Claudia sah das anders aus. Sie arbeitete als medizinisch-technische Assistentin in der Genforschung. Den weißen Kittel und die Laboratmosphäre in der Uniklinik hatte sie nie gemocht. Sehr oft ging es bei ihrer Arbeit um die Diagnose von erblich bedingten Krankheiten und damit verbunden um Stammzellenforschung. Das machte ihr zunehmend Mühe.
Wir hatten es uns angewöhnt, regelmäßig morgens beim Frühstück miteinander zu beten. Dabei sprachen wir mit Gott auch über unsere Herausforderungen, zum Beispiel Claudias Arbeitssituation: »Herr, gib uns Klarheit, wie es damit weitergehen soll.« Um meine Arbeit ging es dabei nicht. Die war okay. Eines Morgens – wir hatten wieder einmal für Claudias Zukunft gebetet – rief sie mich bei der Arbeit an und verkündete mir: »Du, Klaus, mir ist eben gekündigt worden.« Meine erste Reaktion war: »Das war aber eine schnelle Gebetserhörung.«
Damit war meine Frau arbeitslos. Weil ich gut verdiente, konnte sie in aller Ruhe ihre Fühler ausstrecken, wie es für sie weitergehen sollte. Vielleicht wäre es gut, ein Praktikum in einem ganz anderen Bereich zu machen, überlegten wir.
»Gute Idee«, meinte ein Freund von uns dazu. »Ihr wisst doch, dass ich gerade im Medienteam von Campus für Christus mitarbeite. Und ich habe gehört, dass dort jemand für die Rezeption gesucht wird. Willst du dich nicht einmal bewerben?«
Claudia tat es und wurde direkt zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Als sie anschließend nach Hause kam, konnte sie sich vor Lachen kaum halten. »Die wollten gar nichts Fachliches von mir wissen, sondern eigentlich nur, ob ich gläubig bin und ob ich schwanger wäre. Ich habe den Praktikumsplatz!« So kam Claudia zu Campus für Christus in Gießen. Durch ihre Arbeit als Rezeptionistin lernte sie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schnell kennen und bekam vieles mit, was in dem Missionswerk lief. Sie hörte dabei auch die Fragen der Studierenden und bekam ihre ersten Ideen zu einer Hilfsaktion mit. Praktisch, wie sie ist, meinte sie zu mir: »Das wäre doch etwas für uns. Da könnten wir vielleicht mitmachen.« Der Logistiker in mir sagte sofort Ja, aber wie sollte das konkret aussehen? Ich hatte immerhin eine volle Stelle. Bald darauf traf sich die Gießener Studierendengruppe zur ersten Planung der Aktion Hungerwinter.
Claudia und ich waren dabei.
Gut fünfzig Studentinnen und Studenten diskutierten hin und her und entwickelten ihre Ideen. Sie wollten ein paar Hilfsgüter sammeln und diese mit VW-Bussen in den Osten transportieren. Riga und Leningrad waren als Ziele im Gespräch, weil dorthin bereits Kontakte bestanden.
In dieser Situation konnte ich mich nicht zurückhalten und rief: »Bleibt lieber daheim. So wie ihr das plant, kann es nicht funktionieren. Macht euch nicht unglücklich.« Ich dachte an meine Arbeit und die ganzen Schwierigkeiten, die wir als Profis in der Spedition mit Fahrten hinter den Eisernen Vorhang hatten. Hilfsgüter in Kleinbussen, der Grenzübertritt in den Ostblock, die Zollformalitäten: Wie sollte all das funktionieren? Und auf langen Strecken ins Ausland konnte so einiges passieren.
Ein Student des Leitungskreises sprach mich anschließend direkt an: »Demotiviere uns nicht. Wenn du weißt, wie es geht, dann hilf uns doch.«
»Okay. Ich bin dabei.«
Was war meine Motivation? Mein Glaube? Hilfe für notleidende Menschen? Nein. Es war reine Abenteuerlust. Ich war 25. Für mich ergab sich die Chance, einmal in den geschlossenen Ostblock zu kommen – ich war dabei.
Gleich zu Beginn stellte ich in der Studierendengruppe eines klar: »Ihr stellt den Leiter. Aber wenn ich mich um die Logistik kümmern soll, dann kümmere ich mich auch darum. Dann bin ich in diesem Bereich der Chef und sage, wo es langgeht.«
Sie waren einverstanden, und damit ging es los.
Schließlich war unser Konvoi bereit und die
Aktion Hungerwinter
konnte beginnen.
Mit einem Konvoi aus vielen Kleinbussen wollte ich nichts zu tun haben. Ich erklärte also meinem Chef unser Vorhaben, bat ihn um seine Unterstützung, und er stellte uns tatsächlich einen Vierzigtonner zur Verfügung. Ein befreundeter Spediteur aus Gießen lieh mir einen zweiten Vierzigtonner. Ein weiterer Unternehmer stellte uns den Sprit zur Verfügung, den wir für die gesamte Tour brauchten.
»Wieso tanken wir nicht einfach unterwegs?«, wollte jemand wissen.
»Ganz einfach«, erklärte ich, »wir fahren mitten in den real existierenden Sozialismus hinein. In eine Planwirtschaft. Ohne irgendwelche zugewiesenen Tankgutscheine bekommst du da keinen Diesel. Und niemand hat uns und unseren Verbrauch eingeplant.« Also stellten wir den Diesel für zwei Lkw und zwei Begleitfahrzeuge für eine Fahrt über 5 000 Kilometer in Fässern bereit.
Ich war hochgradig motiviert, weil die Ressourcen zusammenkamen, die wir benötigten. Den einen Lkw wollte ich fahren, für den anderen hatte ich einen guten Freund angefragt. Die Studierenden von Campus für Christus bestimmten einen Konvoileiter, es gab mehrere Dolmetscherinnen und Dolmetscher, die Russisch und Lettisch sprachen, und Hilfsgüter wurden gesammelt – an der Uni, in Kirchen und Gemeinden, aber auch spontan in der Gießener Fußgängerzone. Wir erhielten auch Geldspenden für die Transportkosten. Alles lief. Trotzdem war die Ladefläche des zweiten Lkw kurz vor der geplanten Abfahrt noch leer.
Ein studentischer Leiter meinte: »Wir haben schon mehr Hilfsgüter gesammelt, als wir je gedacht hätten. Lass es gut sein. Gib den Lkw zurück.«
»Die Ressourcen sind doch da, inklusive Lkw und Sprit. Ihr könnt den Lastwagen nicht einfach zurückgeben oder habt ihr Gott als Chef schon dazu befragt?«
Damit hatte ich einen Nerv getroffen. Sofort wurden Gebetsgemeinschaften gestartet. Im ersten Moment dachte ich: »Dafür ist es jetzt zu spät. Das hilft auch nichts mehr.« Doch ich staunte. Direkt nach unserem Gebetstreffen rief ein Schulleiter aus Lünen in Westfalen an und meinte: »Ihr könnt die Hilfsgüter jetzt abholen, die wir gesammelt haben.«
»Wie viel ist es denn?«
»Schwer zu sagen. Vielleicht Material für einen Siebeneinhalbtonner.«
Die meisten Laien können solche Mengen nicht realistisch schätzen und rechnen eher mit zu vielen Hilfsgütern – vor allem, wenn sie sie selbst gesammelt und dann in einer kleinen Garage gestapelt haben. Doch der Schulleiter hatte seine Kisten unter- und nicht überschätzt. Ich fuhr mit dem Vierzigtonner hin, weil wir keinen kleineren Lkw zur Verfügung hatten. Erst ärgerte ich mich über diese Verschwendung von Ressourcen, aber im Nachhinein war ich froh, denn der Laster wurde voll. Auf der Rückfahrt nach Gießen war ich stark motiviert. Ich merkte: Wenn ich mich für meinen obersten Chef in Bewegung setze, dann geschieht etwas.
Trotzdem wollte ich nicht allein auf Gottvertrauen setzen, deshalb hatte ich mir überlegt, was auf einer solchen Fahrt in den Osten alles kaputtgehen könnte, und entsprechend vorgesorgt. Ich hatte ein Begleitfahrzeug organisiert, das praktisch jedes denkbare Ersatzteil geladen hatte. Nie wieder war ich so gut auf alle Eventualitäten vorbereitet, ohne irgendetwas davon zu brauchen. Während überall in Deutschland Gänse auf die Tische kamen und sich die Familien über die Weihnachtsfeiertage gegenseitig besuchten, setzten wir uns am 25. Dezember 1990 in die beiden Lkw, den Transporter voll Ersatzteile und das Wohnmobil, in dem der Rest der Mannschaft mitfuhr. Wir waren unterwegs.
Zunächst fuhren wir bei Schneeregen gut fünfhundert Kilometer bis in die Gegend von Frankfurt an der Oder. Dort konnten wir in der Nähe der polnischen Grenze in einer ehemaligen Kaserne übernachten. Ein General außer Dienst versorgte uns freundlicherweise mit Rotkreuztafeln, die uns als humanitären Hilfstransport ausweisen sollten.
Wir schliefen nicht gut. Zu viele Gedanken gingen uns durch den Kopf. Am nächsten Tag sollte es für uns alle auf unbekanntes Terrain gehen.
Nach dem Frühstück näherten wir uns der endlosen Lkw-Schlange am Schlagbaum. Wartezeiten bis zu drei Tagen waren hier normal. Wir waren allerdings mit den Rotkreuztafeln als Hilfstransport gekennzeichnet und fuhren an den kilometerweit wartenden Fahrzeugen einfach vorbei. Polen gehörte zwar noch nicht zur EU, trotzdem wurden wir schnell durchgewunken. Wir waren im Osten.
Nun begann unser Umweg, denn wir durften nicht direkt zu unserem ersten Ziel Richtung Riga fahren. Stattdessen mussten wir über Brest im heutigen Belarus in die Sowjetunion einreisen. Auf dem Weg dorthin konnten wir nicht mehr in einer Kaserne übernachten, sondern wir schliefen in den Fahrzeugen. Die Grenze bei Brest war ein völlig anderes Kaliber als die vorige. Alles an dieser Anlage sollte zeigen: Du bist klein – wir sind groß. Gegen uns hast du keine Chance. Nachts kamen wir dort an. Wir hielten am Schlagbaum, wurden aus den Fahrzeugen geholt und isoliert. Jeder für sich wurden wir in ein Gebäude gebracht und durch lange Gänge in kleine Zimmer mit nackten Glühbirnen an der Decke geführt. Die Beamten, mit denen wir zu tun hatten, sahen in ihren langen schwarzen Mänteln aus wie Beamte der Gestapo, der Geheimen Staatspolizei, die wir nur aus Filmen übers Dritte Reich kannten. Keiner sprach deutsch oder englisch. Alles lief auf Russisch – dabei war es egal, wie viel oder wenig wir verstanden. Unsere Dolmetscher spielten keine Rolle. Sie wurden nicht zu uns gelassen.
Ich war allein, genauso wie die anderen. Ich wusste nicht, wo ich war. Was geschah mit den anderen? Klar: Sie wurden auch befragt. Die Fahrzeuge wurden untersucht. Aber was genau wollten die Grenzer von mir? Was passierte da gerade? War alles in Ordnung oder waren wir gerade auf dem Weg ins Gefängnis? Das wurde nie deutlich. Sollte es wohl auch nicht.
Einer nach dem anderen wurden wir schließlich wieder zu den Fahrzeugen zurückgebracht. Wir fuhren wenige Kilometer weiter, kamen an einen weiteren Kontrollpunkt und wurden erneut gestoppt und verhört. Als wir nach stundenlangem Befragen und ewigen Wartezeiten endlich die Grenze passiert hatten, fuhren wir erleichtert auf den ersten Parkplatz. Das war keine hell erleuchtete Asphaltfläche mit gekennzeichneten Parkplätzen, einem Restaurant und Toiletten. Es war einfach ein Lehmplatz neben der Straße. Dort warteten zwei Männer, ebenfalls in langen, schwarzen Mänteln. Aber diesmal waren es keine Polizisten – die beiden waren geschickt worden, um uns abzuholen und nach Riga zu lotsen. Viktor und sein Kollege lächelten. Sie begrüßten uns freundlich, umarmten uns und holten jeweils eine Flasche Wodka aus ihren Taschen. Kein Zweifel: Wir waren in der Sowjetunion.
Nachdem der Wodka so lange die Runde gemacht hatte, bis alle Mitfahrenden etwas getrunken hatten und die Flaschen leer waren, fuhren wir weiter. Viktor war selbst Lkw-Fahrer. Er setzte sich als Co-Pilot zu mir in den Volvo meiner Firma. Diesen Platz gab er die gesamte Tour über auch nicht mehr her. Der moderne West-Lkw musste auf ihn wirken wie ein Flug mit Raumschiff Enterprise. Seine Lkw hatten nur einen Bruchteil der Leistung und weder eine Schlafkabine noch sonst irgendeinen Luxus. Gangwechsel per Knopfdruck oder eine funktionierende Heizung kannte er bis dahin nur vom Hörensagen. Wir verständigten uns mit Händen und Füßen, denn ich sprach nur deutsch und Viktor nur russisch. Trotzdem konnten wir uns klarmachen, was wir voneinander wollten. Schnell begriff ich seine Richtungsanweisungen: naprawa, nalewa, prjama – nach rechts, nach links, geradeaus. Er bot mir seine russische Wurst an und ich ihm meine deutsche. Gut, dass buttirbrot fast genauso klang wie auf Deutsch. Doch auch wenn Viktor meinen Lkw bewunderte, gestand er mir später, dass er auf mich herabschaute. Wer so ein »Raumschiff« fuhr, das alles scheinbar allein machte, konnte seiner Meinung nach selbst nicht richtig fahren. Nicht so wie er. Davon war er bis Leningrad überzeugt.
Zusammen mit vielen einheimischen Helfern konnte ich den ersten Lkw in Riga abladen.
Doch erst einmal kamen wir in die Lettische SSR nach Riga. Dort fuhren wir zu Christen, zu denen wir aus Deutschland bereits Kontakt hatten, und entluden den ersten Lkw. Das Ganze fand etwas außerhalb bei einem ehemaligen Kirchengebäude statt. Einige Einheimische halfen beim Abladen. Im Rückblick finde ich es spannend, was aus einigen von ihnen wurde: Heute sind sie ein Bundesrichter, ein lettischer Minister und ein landesweit bekannter Liedermacher, vergleichbar mit Reinhard Mey. Kaspars Dimiters hatte damals bereits eine Karriere als Musiker hinter sich, doch aus persönlichen Gründen hatte er aufgehört zu singen. Er engagierte sich gerade als Sozialarbeiter. In dieser Funktion hatte er das Kirchengebäude einer Baptistengemeinde restauriert und nutzte es als Begegnungszentrum. Hier trafen sich Christen, und es gab eine Suchtberatungsstelle, wo Menschen Hilfe erhielten – auch wenn das Ganze unter sowjetischer Herrschaft natürlich keine offizielle Gemeinde war. In dieser Zeit fand Dimiters ein Fundament im Glauben, das ihn trug. Später setzte er seine Künstlerkarriere fort, die bis heute andauert.
Warum wir uns etwas außerhalb der Innenstadt bewegten, war mir zuerst nicht bewusst, aber im Rückblick ist mir klar: Dadurch waren wir nicht so streng überwacht. Trotzdem wurde mir bald deutlich, dass mein großes Abenteuer die Menschen um mich herum in akute Gefahr brachte. Unser Konvoi war nicht gerade unauffällig. Wenn wir mit unseren riesigen Lkw durch die Straßen fuhren, fielen wir auf. Natürlich wurden wir beobachtet. Ich würde wieder gehen, aber unsere Kontaktpersonen blieben dort. Und sie mussten irgendwelchen KGB-Agenten erklären, warum sie Ausländer zu Besuch bekommen hatten. Dass wir solch ein Gefahrenpotenzial für die Einheimischen bildeten, hatten wir damals völlig unterschätzt. Aber wir konnten ihnen Hilfsgüter bringen, die sie an Bedürftige in ihrem Umfeld weitergaben. Daraus wuchs eine jahrzehntelange Partnerschaft.
Anschließend fuhren wir weitere sechshundert Kilometer bis nach Leningrad. Dort gab es eine theologische Akademie – also eine geduldete Ausbildungsstätte der orthodoxen Kirche. Daran angegliedert war ein kleines Krankenhaus. Als ich die enge Durchfahrt durch den Gebäudekomplex in den Innenhof sah, musste ich schlucken. Ich fragte nach, ob es drinnen eine Möglichkeit zum Wenden gebe. »Ja, du kannst da drehen.« Aber nur mit einem Kleintransporter, nicht mit einem Vierzigtonner …
Schon beim Reinfahren musste ich die Außenspiegel einklappen. Und der Innenhof war eine Sackgasse. Wir entluden den Lkw, und dann steuerte ich ihn trotz weggeklappter Rückspiegel fast dreihundert Meter weit rückwärts heraus. Ich schwitzte Blut und Wasser, aber danach wusste Viktor, mein Beifahrer, dass dieser Laster nicht alles allein machte und dass ich fahren konnte. Vorher mochten wir uns – jetzt gehörte ich dazu. Die Frage nach meinem fahrerischen Können war beantwortet.
Wir brachten die Hilfsgüter ins Krankenhaus, und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort gaben bedürftigen Menschen im Umfeld Bescheid. Sie wussten, wer Hilfe nötig hatte. Bald kamen die ersten älteren Frauen, um sich jeweils ein Paket abzuholen. Sie schnürten einen Strick darum, schulterten es und schleppten es nach Hause.
Langsam änderte sich meine Motivation. Ich war auf der Suche nach Abenteuern gewesen – und ich hatte sie bekommen. Das begann mit dem filmreifen Grenzübertritt und ging auf den Fahrten durch ein fremdes und viel ärmeres Land weiter. Die Menschen erlebte ich als sehr herzlich, obwohl die Sprachbarriere zwischen uns stand. Doch zwischen uns stand noch mehr – auch das war mir damals nicht bewusst: Ich war ja als Deutscher in Leningrad.
Bereits mehrere ältere Frauen hatten mir über unsere Dolmetscherin erzählt, dass ihre Kinder in Leningrad im Zweiten Weltkrieg verhungert waren. Ich wurde durch sie mit einem Teil der Geschichte konfrontiert, von dem ich praktisch nichts wusste. Die Spuren des Krieges waren hier noch an vielen Häusern sichtbar, und es begann mich zu interessieren, was den Menschen geschehen war. Ein paar ältere Frauen begleiteten mich daraufhin zu einem Platz mit einem schlichten Gedenkstein. Hier lagen 30 000 verhungerte Kinder begraben. Auch ihre Kinder. Dies hier war kein Geschichtsunterricht wie in der Schule. Das war plötzlich sehr greifbar und gegenwärtig, als ich da als Deutscher zwischen russischen Großmüttern stand. Jetzt war ich nicht mehr der Held aus dem Westen, der mit seinem modernen Lastwagen durch die Stadt fuhr, jetzt fühlte ich mich sehr klein und elend – auch wenn mir persönlich niemand etwas vorwarf.
Frauen wie dieser konnten wir mit unseren Paketen helfen und Hoffnung schenken.
Anschließend trafen wir uns mit einem Dutzend dieser Frauen zum Kaffeetrinken. Dabei kam eine der älteren Frauen zu mir und umarmte mich. Sie sagte: »Dein Großvater kam als Feind mit der Waffe in der Hand. Aber du kommst als Freund und Bruder in Liebe und bringst uns Hilfe. Wir vergeben dir und deinem Volk die Schuld.« Ich war völlig perplex und konnte nicht in Worte fassen, was gerade geschah. Aber ich wusste: Das war etwas unglaublich Großes.
Sie vergab mir eine Schuld, für die ich mich bis zu diesem Moment überhaupt nicht schuldig gefühlt hatte. Mir liefen die Tränen herunter. Mein Kopf begann zu arbeiten: »Diese Frauen vergeben mir, Klaus Dewald, die Schuld. Und sie vergeben meinem Volk.« Musste ich mich jetzt schuldig fühlen? Nein, ich war erleichtert. War ich nicht gekommen, um etwas zu bringen? Jetzt wurde ich beschenkt.
Im Rückblick weiß ich: Damals begann etwas Neues in mir zu wachsen. Auf der Rückfahrt dachte ich oft über die Worte dieser russischen Großmutter nach. Ohne weitere Zwischenfälle fuhren wir die 2 500 Kilometer von Leningrad wieder zurück nach Gießen, wo wir Anfang Januar 1991 im mittelhessischen Schmuddelwetter wieder landeten. Ich hatte mein Abenteuer gehabt, aber es war noch viel mehr geschehen. Ich hatte wirkliche Not gesehen und war Menschen begegnet, die mich bewegten, wie zum Beispiel die russischen Omas.
In den nächsten Monaten las ich viel über Deutschland und seine Rolle im Krieg. Und ich suchte das Gespräch mit alten Menschen in meiner Umgebung. Ich traf sowohl Täter als auch Opfer. Zusätzlich zu meinen Fragen beantworteten viele von ihnen mir auch eine, die ich ihnen gar nicht gestellt hatte: »Wenn ich die Chance hätte, mein Leben noch einmal zu beginnen, dann würde ich es anders leben.«
Das machte mich sehr betroffen. Es legte geradezu einen Schalter in meinem Inneren um, und ich beschloss: Das will ich nie sagen müssen. Ich habe bereits jede Menge Fehler gemacht, und es werden noch viele dazukommen, aber wenn Gott mir erlaubt, dass ich alt werde, dann will ich ihm nicht sagen müssen, dass mein Leben komplett in die falsche Richtung verlief und ich eine zweite Chance brauche.
Auf der Fahrt war auch Zeit für eine Schneeballschlacht mit dem Team, aber insgesamt kam ich sehr nachdenklich nach Hause zurück. (Foto: GAiN-Archiv)
Mit humanitärer Hilfe und Menschen in Not hatten diese Gedanken gar nichts zu tun. Trotzdem halfen sie mir bei den nächsten Schritten. Denn wieder in Gießen kam ein studentischer Leiter auf mich zu und meinte: »Wir haben ein Problem.«
»Was ist los?«
»Es kommen immer noch Sach- und Geldspenden für die Aktion Hungerwinter herein. Was sollen wir damit tun?«
»Noch einmal fahren«, sagte ich. »Und ich bin dabei.«
Natürlich gab es einen zweiten Hilfstransport in Richtung Riga und Leningrad. Auch einen dritten. Aber irgendwann merkten die beteiligten Studentinnen und Studenten, dass sie trotz aller Begeisterung für humanitäre Hilfe ihren Schwerpunkt wieder stärker in Richtung Ernährungswissenschaft, Lehramt oder Medizin legen sollten.
Alltag kehrte ein.
Ich fühlte mich dabei zurückgelassen, denn meine Fragen, die die erste Reise in den Osten aufgeworfen hatte, waren für mich noch nicht beantwortet. Was bedeutete es, dass mir russische Großmütter ihre Vergebung zusprachen? Wie sollte ich es schaffen, mein Leben so zu gestalten, dass ich am Ende keine zweite Chance bräuchte? Ich lebte inzwischen schon eine Weile als Christ, doch diese Gedanken ließen mich nicht mehr los. Ich merkte: Hier ging es um mich als Person. Entscheidend waren nicht irgendwelche Richtigkeiten, sondern das, was mein Leben ausmachte. Welche Werte bestimmten mich tatsächlich? Darüber dachte ich lange nach. Und immer wieder stieß ich darauf, dass ich, wenn ich einfach so weitermachen würde wie bisher, wohl doch eine zweite Chance bräuchte …
Ich denke über solche Fragen nach, aber ich bin kein Grübler, also traf ich eine Entscheidung. Ich wusste, dass mein bisheriges Leben nicht grundverkehrt verlief, aber es würde mich nicht in die Richtung führen, in die ich gehen wollte, also kündigte ich meine Arbeitsstelle. Mein Chef schüttelte nur noch den Kopf.
»Herr Dewald, haben Sie sich das auch gut überlegt?«
Das hatte ich.
»Wissen Sie denn schon, was Sie in Zukunft machen möchten?«
Nein, das wusste ich nicht.
»Gefällt es Ihnen nicht mehr hier im Betrieb?«
Doch, sogar sehr gut.
»Könnte Sie eine Gehaltserhöhung überzeugen …?«
Ich musste lächeln. »Nein, aber vielen Dank.«
Ich hatte keine Ahnung, wie es weitergehen würde, aber mir war klar, dass meine Zukunft nicht darin lag, die nächsten Jahre und Jahrzehnte als Fuhrparkleiter die Gewinne meiner Spedition zu optimieren. So war meine Kündigung für mich weder ein »Glaubensschritt« noch eine besondere Tat, sie war einfach konsequent.
Die Reaktionen aus meinem Umfeld waren heftig: Freunde, Kollegen und Eltern waren kurz davor, mich in die Psychiatrie einliefern zu lassen. »Geht’s noch?«, war damals einer der freundlicheren Kommentare, die ich erhielt. Irgendwie hatten sie recht, denn ihre Unsicherheit und Sorge spiegelten nur meine eigene Unsicherheit wider: Ich wusste nicht, was ich wollte. Ich wusste erst einmal nur, was ich nicht wollte, und das beendete ich durch meine Kündigung.
Im christlichen Umfeld kann man in solchen Situationen punkten, wenn man sagt, dass man »berufen« wurde. Allein die Vokabel klingt gut – und sie gibt die Verantwortung für alles Folgende an Gott weiter. Doch leider hatte ich keine besondere Berufung. Mir war nur deutlich, dass ich nicht so wie bisher weitermachen wollte. Mal sehen, was jetzt passiert, dachte ich mir. Mitten in meiner unsicheren Situation war mir klar: Menschen in Not zu helfen, kann nicht so verkehrt sein. Also machte ich damit weiter. Und weil ich arbeitslos war, hatte ich auch mehr Zeit für diese Aufgabe.
Ich machte mir damals keine besonderen Gedanken über die Zukunft, denn ich hatte mich ja auf nichts festgelegt. Ich war auf dem Sprung – wusste allerdings noch nicht wohin. Und ich vertraute darauf, dass mir die nächsten Schritte zur richtigen Zeit schon deutlich werden würden. Eines schien mir allerdings schon klar zu sein: Nie würde ich als Missionar zu Campus für Christus gehen.
Viktor und ich waren schon damals ein eingespieltes Team.
Ganz praktisch half ich jedoch kurz darauf bei Campus aus. Claudia absolvierte noch ihr Praktikum an der Rezeption, und der damalige Geschäftsführer meinte zu mir, als er mir einmal begegnete: »Du hast doch jetzt Zeit und auch keine zwei linken Hände: Könntest du uns als Hausmeister stundenweise unterstützen, bis du weißt, was du in Zukunft tun möchtest?«
Viktor und sein Freund, die beiden russischen Fahrer, mit denen ich immer noch viel zusammenarbeitete, lachten sich schlapp: »Jetzt bist du der ›Big-Besen-Boss‹.« Das war mein neuer Titel. Ich konnte gut damit leben.
Durchs praktische Mitarbeiten im Missionswerk änderte sich meine Perspektive darauf. Die Mitarbeitenden waren nicht länger halbe Heilige für mich, mit denen ich nicht mithalten konnte. Ich erlebte sie, wie sie sich voll für Jesus einsetzten und im nächsten Augenblick stritten wie die Kesselflicker. Ich war geschockt. Waren das nicht Missionare? Schnell wurde mir klar, dass sie weder besonders gut noch besonders schlimm waren – es waren einfach Menschen, und ich passte gar nicht so schlecht zu ihnen.
Mühsam empfand ich die starke Ausrichtung ausschließlich aufs Evangelium. Über Gott und seine Ideen zu reden und gemeinsam in der Bibel zu lesen, war nicht nur ein wichtiger Teil ihres Lebens – es schien das Einzige zu sein, das sie beschäftigte. Aber was war mit der Praxis? Mit der Tat? Ich war immer noch mit dem Sammeln von Hilfsgütern beschäftigt und fuhr sie in den Osten. Ich erlebte regelmäßig, was das bei den Menschen dort auslöste, und in mir wuchs die Überzeugung: Wort und Tat gehören zusammen. Was sich aus heutiger Perspektive selbstverständlich anhört, war es damals – wir schrieben das Jahr 1991 – bei Campus für Christus nicht. Niemand war dagegen, Menschen in Not zu helfen, aber es tat auch niemand.
»Das ist nicht unser Auftrag.«
»Es geht an erster Stelle darum, dass Menschen Frieden mit Gott bekommen.«
»Wir müssen aufpassen, dass wir das Evangelium nicht verwässern.«
Solche und ähnliche Aussagen hörte ich immer wieder – und je häufiger sie fielen, desto weniger überzeugten sie mich. Bei aller Fokussierung auf den eigentlichen Auftrag erschienen sie mir bald als Schutzbehauptungen. Immer wieder sprach ich mit anderen Mitarbeitern und der Leitung. »Ein Missionswerk, das den konkreten Nöten der Menschen nicht begegnet, hat keine Daseinsberechtigung«, versuchte ich ihnen zu erklären. Das war meine Perspektive, und sie war für viele nachvollziehbar und richtig, für viele aber auch ein Angriff auf ihr bisheriges Denken. Mir wurde schnell deutlich: Dieser Ansatz ist in meinem neuen christlichen Umfeld eher unterbelichtet. Das fand ich allerdings nicht schlimm. Ich profitierte so viel von den Christen um mich herum, dass ich mich freute, dass sie auch etwas von mir lernen konnten.
Ich wunderte mich auch über die Kultur des Delegierens bei den Kirchen. Ihre wertvollsten Ressourcen – Mitarbeitende und Geld – vertrauten sie Missions- und Hilfswerken an. Im Einzelfall ist das sicher sinnvoll, dachte ich mir schon damals, aber wäre es nicht höchste Zeit, dass Gemeinden selbst wieder attraktiver würden?
Während ich als »Big-Besen-Boss« in Gießen mithalf und mir meine Gedanken über Sinn und Unsinn von Missionswerken machte, jobbte ich zwischendurch als Fahrer bei Speditionen, um etwas Geld zu verdienen, und sammelte und fuhr weiterhin Hilfsgüter. Natürlich machte ich mir Gedanken, wie es nach dieser Übergangszeit weitergehen sollte. Wäre es nicht sinnvoll, mich beruflich fortzubilden? In Marburg gab es das BBZ, das Berufsbildungszentrum, dort gab es die Möglichkeit, einen Meisterkurs zu besuchen. Ich nahm Kontakt zum damaligen Leiter auf, erklärte ihm, was ich bisher gearbeitet hatte, und er lächelte mich an. »Herr Dewald, unser nächster Kurs ist bereits ausgebucht, aber ich setze alle Hebel in Bewegung und bekomme Sie da noch hinein.«
An diesem Abend konnte ich Claudia erzählen, wie es für mich beziehungsweise uns weitergehen würde. Ich könnte noch eine Weile bei Campus für Christus aushelfen und Hilfstransporte fahren. Danach würde ich wieder die Schulbank drücken, meine Prüfung zum Kfz-Meister machen und eine neue Stelle suchen.
Ich sollte mich täuschen.
Kurz darauf war ich wieder in der Gießener Zentrale von Campus für Christus. Der damalige Leiter der Studierendenarbeit traf mich im Flur und rief mich zu sich ins Büro. »Nimm Platz!«
So förmlich war er sonst nie, er musste etwas auf dem Herzen haben.
»Klaus, stell dir vor, es gäbe ein Projekt, um Menschen im Ausland ganzheitlich zu helfen. Ein Teil davon wäre Evangelisation, der andere wäre humanitäre Hilfe. Du hättest dafür 500 000 D-Mark zur Verfügung. Wie würdest du sie einsetzen?«
Ich überlegte kurz und spann dann vor mich hin, dass ich zwei Lkw kaufen und weitere dazu leihen würde, dass ich Hilfsgüter in ganz Deutschland sammeln und ehrenamtliche Helferinnen und Helfer gewinnen würde. Ich träumte, aber ich träumte konkret.
Ein Teil des Mission-Wolga-Teams. (Foto: GAiN-Archiv)
Schließlich schaute er mich an, lächelte und meinte: »Alles klar. Du bist der richtige Mann für diesen Job.«
»Wie bitte?«
»Du kannst genau das machen, was du mir gerade erzählt hast, und kümmerst dich um die Logistik von Mission Wolga – das ist ein neues Campus-Projekt in Russland. Es startet noch dieses Jahr und wird mindestens bis Ende 1992 laufen.«
Für März 1992 hatte ich gerade meine Meisterschule unter Dach und Fach. Ich schluckte. »Wie lange kann ich mir das Ganze überlegen?«
»Eigentlich muss ich in den USA heute noch zusagen – aber eins ist klar: Ich bin definitiv nicht der Richtige für diese Aufgabe.«
Claudia war im Gebäude, also ging ich direkt zu ihr. Ich erklärte ihr die neue Situation und fragte sie, was sie dazu meinte. Meine Frau tat in diesem Moment etwas ganz Besonderes. Sie gab mir keinen Rat, sie gab mir großen Freiraum. »Wenn du die Meisterschule machst, dann ist das sinnvoll und gut. Ich bin überzeugt, dass Gott das unterstützt. Und wenn du dich dagegen entscheidest und nach Russland gehst, dann ist auch das sinnvoll und gut. Ich bin überzeugt, dass Gott ebenfalls dafür ist.«
Manche hätte diese Antwort sicher irritiert, für mich war sie sehr befreiend. Und Claudia unterstrich das Ganze noch, indem sie meinte: »Ich bin in jedem Fall dabei.« Ich liebe meine Frau für diese Unterstützung. Nur wenige Minuten später ging ich zurück ins Büro des Leiters und sagte zu – für ein Projekt, dessen Tragweite ich noch nicht überschauen konnte.
Obwohl ich gern die Meisterschule besuchen wollte, hatte ich mich dagegen entschieden. Mein Herz schlug einfach für die geplante Hilfsaktion. Also machte ich einen Termin mit dem Leiter des BBZ, der so vieles für mich ermöglicht hatte, und erklärte ihm meine Situation. Er war keine Spur enttäuscht und seine Reaktion überraschte mich: »Super, das ist eine tolle Aktion. Dann kommen Sie eben nächstes Jahr – ich halte Ihnen gern einen Platz frei.« Mission Wolga
