Verlag: Greenlight Press Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

Ein MORDs-Team - Band 1: Der lautlose Schrei E-Book

Andreas Suchanek  

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E-Book-Beschreibung Ein MORDs-Team - Band 1: Der lautlose Schrei - Andreas Suchanek

Mason, Olivia, Randy und Danielle sind vier Jugendliche, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Als Mason unschuldig eines Verbrechens bezichtigt wird, kommt es zu einer turbulenten Kette von Ereignissen, die die vier Freunde zusammenführt. Gemeinsam versuchen sie, den Drahtzieher hinter der Tat dingfest zu machen. Dabei stößt das MORDs-Team auf einen dreißig Jahre zurückliegenden Mordfall. Entsetzt müssen sie erkennen, dass ihre Eltern Teil eines gigantischen Rätsels sind, das sich bis in die Gegenwart erstreckt. Sie beginnen zu ermitteln, um die eine Frage zu klären, die alles überschattet: Wer tötete vor dreißig Jahren die Schülerin Marietta King? Dies ist der erste Roman aus der Serie "Ein MORDs-Team."

Meinungen über das E-Book Ein MORDs-Team - Band 1: Der lautlose Schrei - Andreas Suchanek

E-Book-Leseprobe Ein MORDs-Team - Band 1: Der lautlose Schrei - Andreas Suchanek

Table of Contents

»Der lautlose Schrei«

Barrington Cove, 1984

Barrington Cove, Gegenwart

Ein Samstag

Zur gleichen Zeit

Crest Point

Ein Sonntag

Zwischenspiel

Barrington Cove, ein Montag

Im geheimen Raum des Tarnowski-Hauses

Epilog I – Lose Enden

Epilog II – 1984

Vorschau

Seriennews

Impressum

Ein MORDs-Team

Band 1

»Der lautlose Schrei«

von Andreas Suchanek

 

 

Barrington Cove, 1984

 

Es war eine ganz und gar dumme Idee.

Die Silhouette des Gebäudes zeichnete sich grau gegen das Mondlicht ab, wie ein gigantischer Grabstein. Eingerahmt von mehreren kleinen Betonklötzen, wirkte der Hauptbau der Schule wie ein Mahnmal, das ganz und gar nicht zum Betreten einlud.

Im Hintergrund erkannte Harrison den Sportplatz mit seiner blutroten Gummibesohlung. Unweigerlich bekam er eine Gänsehaut.

Ich könnte jetzt in meinem warmen weichen Bett liegen.

»Alter, mach endlich«, erklang die Stimme von Jamie.

Seit der Freund mit Shannon zusammen war, wurde er immer unausstehlicher und gab ständig den großen Macker. Aber sie schien aus unerfindlichen Gründen darauf abzufahren, sonst hätte sie ihn schließlich längst in den Wind geschossen.

»Ist ja gut!« Er sprang über die hüfthohe Mauer.

Sprayer hatten darauf Sätze wie »Make Peace, Not War« und »School‘s out forever« hinterlassen, was den Direx jedes Mal zur Weißglut brachte, wenn er es sah. Tauchten die Sätze doch stets wieder auf, sobald er sie übermalen ließ.

Harrison strauchelte, wäre beinahe auf dem Beton des Schulhofs zu Boden gegangen. Wie peinlich das gewesen wäre.

Billy hatte die Tür schon erreicht und winkte hektisch, denn ohne den Schlüssel kam er jetzt nicht mehr weiter. Shannon rannte zu ihm. Sie nestelte an ihrer Gürteltasche und zog schließlich etwas hervor – den Nachschlüssel. Die Frau war ein Ass.

Jamie trat hinter sie, wie immer lagen seine Hände sofort an ihrer Taille, als wären sie ein Schatz, den es zu behüten galt. Sie schüttelte ihn ab, drohte in gespieltem Ernst mit dem Finger.

»Alles okay bei dir?«, fragte Marietta.

Harrison zuckte zusammen. »Klar.« Das Lächeln verunglückte.

»Mir ist auch nicht wohl dabei«, sagte sie. Neckend stupste sie mit dem Zeigefinger in seine Seite. »Aber du hast doch nicht etwa Angst?«

Wir brechen nachts in die Schule ein, um Prüfungsfragen aus dem Büro vom Direx zu stehlen, klar hab‘ ich Angst. Wenn wir erwischt werden, sind wir geliefert. »Quatsch«, sagte er. »Warum sollte ich? Das wird ein Spaziergang.«

»Für dich nur ein kurzer. Sei froh.«

Klar, einer musste ja Schmiere stehen. – Allein. Er war ja so was von froh. Nicht mal Musik durfte er hören, weil ihm sonst vielleicht etwas entging. Sehnsüchtig blickte er auf seinen Sony. In dem Walkman steckte eine Kassette mit den neuesten Chart-Hits, gerade vorhin hatte er Phil Collins und Lionel Richie aufgespielt.

Gemeinsam mit Marietta rannte er die letzten Meter zur Tür.

»Heute noch, okay?«, sagte Billy gerade.

»Bin ja dabei«, erwiderte Shannon.

Fahrig strich sie eine Strähne aus ihrem Gesicht und rüttelte am Schlüssel. Endlich drehte er sich; es klackte, als das Schloss entriegelt wurde.

»Das ist mein Babe«, sagte Jamie stolz und hauchte ihr einen Kuss in den Nacken.

»Rummachen könnt ihr später.« Billy zog die Tür auf und rannte in die Eingangshalle.

Um die Alarmanlage mussten sie sich keine Sorgen machen, das Ding war schon ewig kaputt. Da die Schule kein Geld für die Reparatur besaß, setzte der Direx nur noch auf die abschreckende Wirkung der Anlage.

Weiß doch eh jeder, dass das Teil Schrott ist.

»Okay.« Jamie öffnete seinen Rucksack und verteilte die Walkies.

»Wir funken auf Kanal 4«, sagte er und drückte Harrison das Gerät in die Hand. »Kannst du dir das merken oder muss ich es dir aufschreiben?«

»Idiot.«

Jamie grinste frech. »Dann mach‘s mal gut, Hairy-Boy. Lass dich nicht von den Geistern holen.« Er gab ihm einen Klaps auf die Schulter, legte seinen Arm um Shannon und folgte den anderen nach oben Richtung Sekretariat.

Harrison kochte vor Wut. Wenn das heute vorbei war, würde er sich Jamie schnappen und ihm mal ordentlich die Meinung geigen. Wie aufs Stichwort begann sein Rücken zu jucken. Verdammte Haare.

Kurz überlegte er, doch ein wenig Musik zu hören, verwarf den Gedanken aber gleich wieder. Wenn tatsächlich jemand kam und er ihn nicht bemerkte … Er schüttelte den Kopf. Mit einem Seufzen trabte er in eine dunkle Nische zwischen dem Getränkeautomaten und einer der Säulen.

Im Dunkeln wirkte die Eingangshalle einfach nur gespenstisch. Die Blumenkübel mit den Zierpflanzen sahen aus wie schattenhafte Kreaturen, die ihre Tentakel in seine Richtung streckten. Hinter jeder Säule konnte sich jemand verbergen. Und diese Stille. Er konnte nur hoffen, dass die anderen sich beeilten.

Langsam rutschte er in die Hocke.

Das Warten begann.

 

*

 

Mittlerweile mussten Stunden vergangen sein. Harrison warf einen Blick auf seine Swatch.

Nur ein paar Minuten, fuck.

Mit einem Mal kam er sich dumm vor.

Plötzlich erklangen Schritte. Harrison zuckte zusammen und schalt sich kurz darauf einen Narren. Wenn die anderen das gesehen hätten, könnte er sich die nächsten Wochen Jamies Witze anhören.

Oh, Hairy-Boy, du hast da ein paar graue Haare auf dem Rücken. Hat dich etwas erschreckt?

Er lauschte in die Dunkelheit. Es war nur eine Person, die zu ihm in die Aula gelaufen kam, vermutlich Marietta. Sie erschreckten sich öfter gegenseitig und momentan lag er nach Punkten vorne.

Will da jemand Revanche?

Ihm kam eine Idee.

»Einen kleinen Schreck hast du dir schließlich auch verdient«, flüsterte er vor sich hin.

Er schlich geduckt zu den Säulen, im Schatten würde sie ihn nicht sehen. Die Schritte waren jetzt ganz nahe.

Harrison lugte hinter der Säule hervor … und zuckte erneut zusammen, sein Herz raste.

Schnell zog er sich in die Dunkelheit zurück.

Marietta trug keine solch eleganten Lederschuhe, von dem Trenchcoat ganz zu schweigen.

Oh Gott, wir sind so was von am Arsch.

Vermutlich war der Hausmeister auf einem seiner Rundgänge. Doch warum in dieser Aufmachung? Wohl eher nicht. Aber wer war es dann? Harrison drückte sich tiefer in den Schatten. Der Unbekannte blieb stehen.

Stille.

Als er schon glaubte, entdeckt worden zu sein, erklangen wieder Schritte, die sich langsam entfernten.

Harrison lugte noch einmal um die Säule.

Der Mann – zumindest ging er davon aus, dass sich unter dem Trenchcoat und dem Hut keine Frau verbarg – war mittelgroß und schmächtig. Die einzigen Auffälligkeiten waren die eleganten Lederschuhe und die schwarze flache Hülle, die er in der Rechten trug. Normalerweise wurden darin Super-8-Filme verstaut.

Harrison wartete, bis der Mann durch die Eingangstür nach draußen verschwunden war, dann atmete er auf und erhob sich. Warum hatten die anderen ihn nicht gewarnt?

Als er das Walkie hob, stellte er entsetzt fest, dass Kanal drei ausgewählt war.

Super! Das wird Jamie mir noch in dreißig Jahren vorhalten.

Es knackte, als er den kleinen schwarzen Knopf drehte. Jetzt zeigte der Strich an der Seite auf die Zahl vier.

»… mich? Verdammt noch mal, was ist mit dem Ding?« Es war die Stimme von Jamie und er klang panisch.

»Alles okay, Alter, ich bin in Ordnung.«

»Lauf! Raus aus dem Schulgebäude, hast du verstanden?!«

»Wow, komm wieder runter. Er hat mich nicht erwischt.«

»Was? Wer?«

»Na, der Typ im Trenchcoat.«

»Oh Shit.«

Ein Knacken drang aus dem Lautsprecher.

»Harrison, du musst da abhauen«, erklang die Stimme von Shannon. Sie schluchzte. »Mach schon, wir sind in dem Wäldchen hinter der Schule.«

»Was ist denn passiert?«

»Marietta ist tot«, sagte sie stockend. »Lauf!«

Die Worte hallten in Harrisons Geist wider wie ein ewig währender Donnerhall. Er hatte jedes Wort verstanden, konnte den Sinn dahinter aber nicht begreifen, nicht erfassen. Die Zeit schien für einen grausamen Moment stillzustehen.

Sein Körper reagierte mechanisch.

Er rannte.

 

*

 

Barrington Cove, Gegenwart

Ein Freitag

 

Der nervende Ton der Schulklingel riss ihn aus dem Sekundenschlaf. Mason fuhr in die Höhe. »Hm?«

»Alter.« Randy grinste ihn vom Nebentisch aus an, das dunkle Haar verwuschelt wie immer. »Wenn der Kelso nicht so sehr in die soziale Struktur des Mittelalters in Europa vertieft gewesen wäre, wärst du hochkant rausgeflogen.«

»Hm.« Er schob seine Bücher in den Eastpack. Mason hasste Geschichte. Und Mathe. Und Englisch. »Ist spät geworden gestern.«

Sie verließen den Klassenraum als Letzte. Die anderen trieben sich längst auf dem Schulhof herum, nutzten jede Sekunde der Pause, die ihnen vor dem Sportunterricht zugestanden wurde.

Sport.

Das Wort drehte in Masons Kopf eine Ehrenrunde. Einst war Basketball alles für ihn gewesen, das Zentrum seines Lebens, Denkens und Fühlens. Bis zu jenem Tag vor einem Jahr, als das Schicksal mit grausamer Allmacht entschieden hatte, ihm seinen Traum zu nehmen.

»Du hast schon wieder diesen Blick drauf«, sagte Randy. Er knabberte an seiner Unterlippe, als wäre es ihm unangenehm, das Thema anzusprechen.

»Welchen Blick?«

»Du weißt genau, was ich meine.«

Mason zuckte mit den Schultern. »Passt schon. Mir geht es gut.«

»Ist klar.« Randy hielt ihn am Arm fest. »Warte. Du kannst so nicht weitermachen, Alter. Zu spät kommen, in der Klasse schlafen und ständig abdriften. Du bist Mister Sport. Lustig, locker und smart.«

Er lachte auf. Es war mehr ein Grunzen als ein Lachen, aber immerhin. »Das ist Vergangenheit. Hör auf, dir ständig Sorgen um mich zu machen.«

»Vertauschte Rollen würd’ ich sagen.«

Sie hatten sich beide verändert. Sein bester Freund, den er seit etwas weniger als einem Jahr kannte, war nicht mehr ganz so schüchtern und introvertiert wie einst. – Aber noch immer ein Geek und ein Nerd; ein Neek eben. »Da hast du Recht.«

Mason sah zu Boden. Und was bin ich?

Als er wieder aufblickte, war es zu spät. Ein Schlag traf ihn an der Schulter, er taumelte gegen die Wand.

»Geht‘s noch?!«, rief Randy.

Der Übeltäter – kein anderer als der Sohn des hiesigen Sheriffs, Brian Bruker – wandte sich kurz um, zeigte den Mittelfinger und hetzte dann weiter. »Alles in Ordnung?«

Mason rappelte sich auf. »Hörst du jetzt endlich auf, mich das ständig zu fragen!«

»Ist ja gut.« Der Freund trat zurück und hob in einer Geste der Entschuldigung die Arme.

Vor ihnen tauchten die Schulspinde auf, in denen sie ihre Bücher vor dem Sport verstauen und die Sporttaschen holen wollten. Davor stand eine Traube aus Deputys, der Direktor und Drogenspürhunde.

Der Direx deutete in Masons Richtung. »Ah, der Mann der Stunde, Mister Collister. Öffnen Sie bitte Ihren Spind. Deputy Sachsen möchte einen Blick hineinwerfen.«

Wie er diesen aufgeblasenen Wichtigtuer hasste. Samuel – der Prinz – Samsbury leitete die Schule seit eineinhalb Jahren als Direktor und war unter den Schülern noch unbeliebter als sein Vorgänger. Der Mann stammte ursprünglich aus England und hatte sich wegen seiner nasalen Sprechweise, in Kombination mit einer ordentlichen Portion Arroganz, den Spitznamen ‚Prinz’ eingehandelt.

Randy analysierte mit gerunzelter Stirn das Geschehen, sagte aber nichts.

Mason zuckte die Schultern. Die Drogenkontrollen gehörten zum Alltag bei einer öffentlichen Schule. Mindestens einmal pro Monat fanden sie statt, dann wimmelte es hier von Deputys und Hunden und Neulingen, die mit ihren Smartphones alles aufnahmen. Das war verboten, klar, aber es fand sich immer ein Weg. Meist wurden kleinere Mengen von irgendeinem Drogenscheiß entdeckt, konfisziert, der jeweilige Schüler bestraft.

Gehörten seine Eltern zu den besser Verdienenden, blieb es bei einem Eintrag in die Akte, gehörten sie zur Unterschicht, folgte schon mal ein Schulverweis. Das übliche Spiel, das durch den mächtigen Elternbeirat gespielt wurde.

Der Prinz stand neben dem Deputy, das Gesicht ein Ausdruck an Hochnäsigkeit. Wie jeden Tag trug er einen grauen Anzug. Ein Teil der Schüler war überzeugt, dass er nur einen davon besaß, den er niemals wechselte. Andere glaubten, dass er ein Aristokrat aus England war, sich daher stets kerzengerade hielt und die Schulordnung auf den Punkt befolgte. Der Elternbeirat war ihm ein Dorn im Auge.

»Klar doch, Mister Samsbury«, sagte Mason. Immerhin würde er so den Anfang der Sportstunde verpassen. Er trat an den Spind, stellte über das Drehschloss die korrekte Kombination ein und zog die Tür auf. »Bitte.«

Erst als der Hund anschlug, begriff er, dass etwas nicht stimmte. Und dass die Sportstunde heute ausfallen würde.

 

*

 

Es war ein Albtraum. Der Direktor saß ihm gegenüber, Deputy Sachsen zu seiner Linken.

»Wenn du uns noch etwas sagen möchtest, wäre jetzt der richtige Zeitpunkt«, sagte der Prinz. Sein Blick fiel auf das Päckchen aus durchsichtiger Plastikfolie, das von einem Klebeband zusammengehalten wurde. »Das hier ist nicht einfach nur ein Briefchen – was die Sache keinesfalls unproblematischer machen würde -, es sind 2,5 Kilo! Eine solche Menge ist strafbar.«

»Ich habe keine Ahnung, wie das Zeug in meinen Spind kommt.« Wütend ballte Mason die Hände zu Fäusten. Sie glaubten ihm kein Wort und er sah an ihren Blicken, dass er längst verurteilt worden war. »Drogen, ich? Was soll das?! Ich bin …« Seine Stimme versagte. »Ich war ein Profisportler.«

»Die Beweise sind eindeutig«, sagte Deputy Sachsen. Mimik und Gestik zaghaft, vorsichtig. »Dieses Päckchen wurde in deinem Schulspind gefunden, damit bist du der Besitzer.«

»Kommen Sie schon, die Schlösser sind easy zu knacken.« Mason konnte die Blauäugigkeit des Mannes kaum fassen. »Jeder hätte das Ding in meinen Spind legen können.«

»Hast du denn schon mal eines der anderen Schlösser geöffnet?« Die linke Braue nach oben gezogen, beugte der Prinz sich vor.

»Nur mein eigenes«, sagte Mason schnell. »Ich hab mal die Kombination vergessen. Aber das ist doch jetzt scheißegal!«

»Um was es hier geht, Mister Collister, entscheide ich.« Die Stimme des Prinzen war kalt wie ein Edelstahlmesser, das durch seine Hoffnung schnitt wie durch einen Butterblock. »Und achten Sie auf Ihren Ton. Die Regeln sind für einen solchen Fall eindeutig.«

»Ich scheiß auf die Regeln! Ich habe mit der Sache nichts zu tun!«

Erst durch die Blicke des Deputys und des Direktors bemerkte Mason, dass jemand in den Raum gekommen war. Als er sich umwandte, stand sein Dad in der Tür.

»Damit dürfte doch alles gesagt sein«, sagte der.

»Jamie Collister.« Die Stimme von Samsbury war ein einziges: Natürlich, warum wundere ich mich? »In letzter Zeit sehen wir uns beide zu oft.« Im Blick des Direktors lag noch etwas anderes, Beunruhigendes, das für Mason undeutbar war.

»Mister Collister«, sagte Deputy Sachsen. »Ihr Sohn hat eine Menge durchgemacht. Ich verstehe …«

»Nein«, unterbrach sein Dad. »Tun Sie nicht. Das spielt aber auch keine Rolle. Ich weiß, wie das Spiel abläuft. Mein Sohn und ich gehen jetzt, alles Weitere besprechen Sie mit meinem Anwalt. Das da«, er deutete auf das Drogenpäckchen, »ist nur ein Indizienbeweis.«

»Bis zur Klärung des Sachverhalts ist Mason von der Schule suspendiert«, sagte Samsbury nachdrücklich. »Aber ich nehme an, das besprechen wir am besten auch mit Ihrem Anwalt.«

Mason hatte das Gefühl, der Boden würde unter ihm wegbrechen. Wie sollte er seine Noten endlich in den Griff bekommen, wenn er nicht in die Schule durfte? Das Sportstipendium hatte sich ja ohnehin erledigt.

Plötzlich sehnte er sich nach der langweiligen Geschichtsstunde zurück, nach Mathe und Englisch.

Doch stattdessen führte sein Dad ihn aus dem Direktorenzimmer. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Der Klang hatte etwas Endgültiges. Randy saß im Vorzimmer und sprang auf, als Mason mit seinem Dad dem Ausgang entgegenstrebte.

»Hey, alles klar?« Mit den verwuschelten Haaren und den zu großen Klamotten wirkte er immer ein wenig, als entstamme er einer anderen Welt.

»Ich fürchte, du musst ein paar Tage ohne mich auskommen«, sagte Mason.

»Aber …«

Mason wandte sich ab.

Sein bester Freund blieb hinter ihnen zurück, als sie die Eingangshalle durchquerten und das Schulgelände verließen.

 

*

 

»Das können die doch nicht machen«, sagte Randy. Er saß auf der Fensterbank und starrte fassungslos zu ihm herüber.

Mason hatte eigentlich keine große Lust zu quatschen. Andererseits war er froh, dass Randy direkt nach der Schule hierher geradelt war und sein Zimmer gestürmt hatte, so war er nicht alleine. »Haben sie aber.«

Er lag auf dem Bett und warf den Basketball gegen die Decke, wie er es oft tat, wenn er wütend war. Normalerweise dauerte es keine fünf Minuten, bis seine Mum oder sein Dad hereingestürmt kamen. Heute ließen sie ihn in Ruhe.

Dops.

Zielsicher landete der Ball im Zentrum der drei ineinander gemalten Kreise an der Decke und kehrte zurück in Masons Hand.

Randy nippte an seiner Coke. Die Eiswürfel klimperten. Draußen ging gerade ein sonniger Tag zu Ende, Schatten breiteten sich im Zimmer aus.

»Die sind doch froh darüber mich loszuwerden«, sagte Mason. Wie er diese eingebildeten Widerlinge hasste. Den Prinz, den Deputy und alle anderen.

»Wie kommst du darauf?«

»Ich hab sie blamiert. Der große Supersportler, Captain der Mannschaft, besitzt die Frechheit, mitten auf dem Spielfeld zusammenzubrechen.«

Jetzt wirkte Randy geschockt. »Alter, das ist doch längst Geschichte.«

Mason stieß ein bitteres Lachen aus.

Dops.

»Keiner von denen vergisst das. Würde mich nicht wundern, wenn Brian dahinter steckt.« Sein Magen zog sich zusammen, als er an den ehemaligen besten Freund dachte. Nach dem epileptischen Anfall war Mason aus dem Team ausgeschlossen worden. Aus versicherungstechnischen Gründen, hatte Samsbury gesagt. Er selbst hatte bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal gewusst, dass er unter der Krankheit litt. Es hatte nicht lange gedauert und ein anderer hatte seinen Platz eingenommen. Aus der Nummer zwei war eine Nummer eins geworden.

Dops.

Brian Bruker, Sohn des Sheriffs und Arschloch in Personalunion, war zu seinem Nachfolger aufgestiegen. Es kostete ihn einen Monat und er ging mit Sally Elkin, alle Jungs im Team eiferten ihm nach und vertraten geschlossen den Standpunkt, dass Mason ein Loser war.

»Möglich, glaube ich aber nicht. Der hat viel zu viel Schiss vor seinem Dad«, sagte Randy. »Und was die Sache mit deinem Anfall angeht, hat das der Prinz doch längst vergessen.«

»Quatsch«, fauchte Mason. »Das passt doch wunderbar ins Bild. Mason Collister bekommt wegen Tablettenmissbrauch einen epileptischen Anfall, wird aus dem Basketballteam ausgeschlossen und gerät vollends in den Drogensumpf. Spätestens morgen kleben dem die Eltern an der Backe, damit er mich endgültig von der Schule kickt.«

Randy winkte ab. »Du übertreibst.«

Dops.

»Du hast halt keine Ahnung.«

»Alter, jetzt mach dich mal locker. Ich steh auf deiner Seite, okay!«

»Davon merke ich aber nichts.«

Dops.

»Aua! Ach, shit!« Er hatte den Ball zu fest geschleudert. Das harte Leder traf ihn am Auge. Reflexartig schlug Mason aus. Der Basketball sauste durch die Luft und knallte gegen das Colaglas in Randys Hand, worauf sich die schwarze Flüssigkeit über dessen T-Shirt ergoss.

»’Ne Cola-Dusche, echt cool. Danke, Mann. Ich denke, ich geh jetzt besser.«

»Ja genau, hau doch auch ab.«

Randy schaute ihn noch einen Moment kopfschüttelnd an, dann raffte er seinen Eastpack zusammen und stapfte hinaus.

Als die Tür hinter ihm zuschlug, vergrub sich Mason in seiner Decke.

Ihr könnt mich alle mal.

 

*

 

Ein Samstag