Ein MORDs-Team - Band 23: 1985 - Andreas Suchanek - E-Book
Beschreibung

Gefangen mit den Mächtigen der Dynastien lauschen Mason, Olivia und Danielle der unbekannten Frau. Deren Worte enthüllen die wahre Geschichte des Jahres 1985 und den schicksalhaften Weg von Corey und Wendy Parker bis zum Tag der Katastrophe auf Angel Island. Und darüber hinaus. Dies ist der 23. Roman aus der Reihe "Ein MORDs-Team".

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Table of Contents

»1985«

Was bisher geschah

Prolog

1. Ein Plan nimmt Gestalt an

2. Barrington Cove

3. Graf trifft auf Dame

4. Schicht um Schicht

5. Flucht

6. Unterschlupf

7. Enthüllungen I

8. Wo alles seinen Anfang nahm

9. In der Geisterbahn

10. Das Chaos nimmt seinen Lauf

11. Enthüllungen II

12. Unbekannte Freundin

13. Auf der Klippe

14. Enthüllungen III

15. Ein letzter Atemzug

16. Das dritte Mädchen

17. Die große Liebe

18. Enthüllungen IV

19. Im dunklen Spiegel

20. Die Insel der Engel

21. Ein letzter Blick zurück

22. Alles oder nichts

23. Dantes Inferno oder ein neuer Morgen?

Vorschau

Seriennews

Impressum

Ein MORDs-Team

Band 23

»1985«

von Andreas Suchanek

 

 

Was bisher geschah

 

1985: Die Katastrophe auf dem Zirkusrummel von Angel Island hält die Stadt Barrington Cove in Atem. In Feuer und Rauch kommt es zu Toten und Verletzten. Wendy und Corey Parker gehören zur Fünften Dynastie und sind Teil der tragischen Ereignisse. Ihr Schicksal bleibt ungewiss.

Gegenwart: Die Leiche von Corey Parker, der 1985 starb, wird auf Angel Island entdeckt. Intrigen, Verwicklungen und Katastrophen sind die Folge, doch am Ende sind Mason, Olivia, Randy und Danielle dem Mörder nahe.

Im Rathaus wird entdeckt, dass der Bohrturm auf Angel Island umfunktioniert worden ist und das gesamte Wasser der Katakomben mit Flüssiggas anreichert. Ein Funke genügt und die Stadt vergeht in Feuer und Chaos. Die Bürgermeisterin beschließt die Evakuierung. Nicht ohne Folgen.

Randy wird in einen Gefängnisausbruch verwickelt und von Merilyn van Straten gekidnappt. Katrina Parker stirbt durch einen Schuss aus deren Waffe.

Mason, Olivia und Danielle begeben sich auf die Suche nach dem Ratssaal der Dynastien, wo die falsche Wendy Parker ihre Gegner gefangen hält. Auch die drei Freunde werden gefesselt. Einzig Cat – die sich dem Trio angeschlossen hat – kann entkommen.

Mit dem Zünder in der Hand enthüllt die unbekannte Frau, was 1985 geschah. Gebannt lauschen die Gefangenen der Wahrheit.

Prolog

 

Gegenwart

 

Dass ihre Suche auf diese Art enden würde, hatte Mason nicht in Betracht gezogen. Im Dämmerlicht saßen Olivia, Danielle und er den drei verbliebenen Oberen der Dynastien gegenüber.

Da war Jennifer Corvus, die Direktorin des Pinehearst College, die mit verhärmtem Mund und zu Schlitzen verkniffenen Augen schweigend in die Luft starrte.

Wallace Halbroke blickte hingegen zum Ausgang, die Augen blutunterlaufen. Der Medienmogul hatte erst vor wenigen Stunden seinen Sohn verloren, er selbst war der letzte Überlebende seiner Familienlinie.

Der Vertreter der van Stratens war Mason unbekannt. Er war in den Vierzigern und erst kürzlich in den Rat der Dynastien aufgenommen worden. Der Tod seines Vorgängers – Philip van Straten – hatte das ermöglicht. Dass dessen Frau sich als Hochstaplerin entpuppt hatte, half gewiss ebenfalls.

An der Seite stand die falsche Wendy Parker, die sie mittlerweile nur noch Fake-Wendy nannten. In ihren Händen hielt sie den Impulsgeber. Ein Knopfdruck genügte und die gesamte Stadt Barrington Cove würde in Flammen aufgehen. Über Monate hinweg hatte sie den umfunktionierten Bohrturm auf Angel Island genutzt, um Flüssiggas in die Gänge unter Barrington Cove zu pumpen. Sprengsätze waren an zentralen Stellen angebracht worden, die in der verbleibenden Zeit nicht entschärft werden konnten.

Mittlerweile war die Evakuierung der Stadt in vollem Gange. Auf einem Monitor war die Übertragung von Channel 5 zu sehen, wo genau darüber berichtet wurde. Abgesehen von diesem Stück Technik erinnerte der Ratssaal an eine Burg. Die Tafel mit den Wappen der Dynastien, die einfachen Stühle und ein Tablett mit Getränken – mehr gab es hier unten nicht.

Noch waren nicht alle Bewohner Barrington Coves in Sicherheit. Hinzu kam, dass viele dem Aufruf, die Stadt zu verlassen, nicht Folge leisteten. Deputys waren unterwegs, um die Häuser abzusuchen und die Menschen notfalls unter Haftandrohung zu evakuieren. In den Favelas herrschte Aufruhr, die Gangs hielten alles unter Kontrolle und plünderten.

»Der abrupte Druck wird alles zerstören.« Versonnen schaute Fake-Wendy auf das Gerät in ihrer Hand. Sie hatte Masons Blick bemerkt. »Dann bleibt von dieser verdammten Stadt nichts mehr übrig. Wie gefällt euch der Gedanke?« Ihre Blicke schossen wie Dolche zu den drei Dynastienoberen. »Zum ersten Mal ist alles offen.«

»Chaos!«, spie Halbroke ihr ins Gesicht. »Wir hatten das schon einmal. Damit veränderst du vielleicht das Machtgefüge, aber letztlich werden immer die gewinnen, die Stärke zeigen.«

Neben ihm verdrehte Jennifer Corvus die Augen, schwieg aber weiter beharrlich.

Irritiert beobachtete Mason die falsche Wendy Parker, deren Gesicht von einer schwarzen Strumpfmaske verdeckt wurde. Sie benutzte obendrein einen Vocoder, wie auch der Graf es immer getan hatte. Trotzdem wirkte sie vertraut. Er konnte nicht exakt sagen, was es war - die Haltung, die Gestik, möglicherweise einzelne Betonungen … Er hatte sie schon einmal gesehen. Doch wo?

Für einen furchtbaren Augenblick sah er im Geiste das Gesicht von Hester Stone vor sich, seiner Lehrerin, die mittlerweile verkündet hatte, künftig am Pinehearst College Vorlesungen zu halten. Sie würde ihm also erhalten bleiben – ein Traum.

Natürlich war das Unsinn. Hester Stone war ein Reibeisen, aber keinesfalls böse.

Er sah an Olivias konzentriertem Blick, dass auch sie über die Identität der falschen Wendy nachdachte. Danielle hingegen war mit den Fesseln beschäftigt. Sie wollte die Knoten lösen, bedauerlicherweise saßen diese unverrückbar fest. Cat hatte es geschafft, in den Schatten des Ganges zu verschwinden. Fake-Wendy wusste nicht, dass sie da war und vermutlich lauschte.

Doch sie war machtlos. Selbst wenn sie die maskierte Frau angriff, würde diese kurzerhand den Knopf betätigen. Ihr eigenes Leben schien ihr wenig wert zu sein.

»Also, Sie wollten doch erzählen«, warf Mason schnell ein, damit Halbroke den Mund hielt. »Wenn Sie uns schon allesamt töten, dann hätten wir doch wenigstens das verdient.«

Sie betrachtete ihn eindringlich. »Womit du natürlich recht hast. Wenn ich euch alles erzähle, werdet ihr verstehen, da bin ich sicher. Dann wisst ihr auch, weshalb ich das hier machen muss. Diese Stadt ist ein Krebsgeschwür. Es reicht nicht, nur die Dynastien auszulöschen – es muss alles weg.«

Ein wenig durchgeknallt wirkte sie schon, das musste Mason sagen. Aber genau das war möglicherweise ihr aller Vorteil. Wenn sie nur endlich erzählen würde. Zum einen gewannen sie dadurch Zeit, zum anderen wollte er tatsächlich wissen, wer Corey und Wendy umgebracht hatte. Dass die unbekannte Frau dabei eine Rolle spielte, war eindeutig. Nicht umsonst hatte sie die Rolle von Wendy angenommen und ihr Versteck im alten Unterschlupf von Patrick Parker in Maple Peaks übernommen.

»Wir laufen nicht weg«, kommentierte Olivia.

Die falsche Wendy lachte.

Wieder zupfte etwas an Masons Erinnerungen. Diese Stimme, diese Art des Lachens. Es war, als müsste er nur den Vorhang wegziehen, um einen direkten Blick auf die Wahrheit zu erhaschen. Allerdings waren seine Hände in mehr als einer Hinsicht gefesselt.

Der Gedanke huschte davon.

»Also schön. Dann hört genau zu. Einen Teil habe ich selbst erlebt, einen weiteren hat Wendy erzählt. Anderes weiß ich von Recherchen aus den Jahren nach dem Mord und wieder anderes ist selbst für mich noch ein Geheimnis.«

Fake-Wendy legte die Fernbedienung gut sichtbar auf die runde Tafel der Dynastien, ihre Pistole war jedoch gut sichtbar hinter ihren Gürtel geschoben und mit einem Griff erreichbar.

Dann begann sie zu erzählen.

1. Ein Plan nimmt Gestalt an

 

1985

 

»Meinst du nicht, Mum macht sich Sorgen?«

Innerlich verdrehte Wendy die Augen. Corey war viel zu brav. Manchmal zweifelte sie daran, dass sie Zwillinge waren. »Wir sind ja nicht lange weg. Und sie muss nie erfahren, dass wir Barrington Cove einen Besuch abgestattet haben.« Sie schenkte ihm einen grimmigen Blick. »Willst du wirklich, dass diese Dynastien damit durchkommen?«

Erst vor wenigen Tagen hatte ihre Mum sie ins Wohnzimmer gebeten. Dort hatten Corey und Wendy die Wahrheit erfahren: dass sie Nachfahren der Fünften Dynastie waren und die anderen vier mächtigen Gründerfamilien aus dem Schatten heraus Barrington Cove regierten – die Nachbarstadt. Natürlich wusste niemand, dass es noch Nachfahren der Fünften Dynastie gab.

Drei Schwestern hatten die schreckliche Nacht überlebt, in der beinahe alle von ihnen gestorben waren. Es gab Nebenzweige, die überall in Europa verstreut lebten, natürlich alle im Verborgenen. Eine der letzten Maßnahmen des Patriarchen der Familie war es gewesen, für deren Sicherheit zu sorgen. Nach einem hinterlegten Protokoll tauchten sie alle unter und lebten fortan mit Tarnidentitäten an verschiedenen Orten auf der Welt.

So auch die drei Schwestern, die aus direkter Linie abstammten: Elisabeth, Isolde und Katrina. Ebenfalls alle mit falschem Namen.

»Aber was sollen wir dort machen?«, hakte Corey nach. »Wir wissen doch nicht mal, wer diese anderen vier sind, wie sie heißen. Mum wird uns das niemals verraten.«

Wendy biss sich auf die Lippe und rang mit sich. Sollte sie ihren Bruder einweihen?

Ihr Blick verfing sich im Sonnenlicht, das durch das dichte Blätterdach auf den Rasen hinter der Villa fiel. Farbige Blütenkelche reckten sich in die Höhe, Pollen trieben im sanften Wind durch die Luft. Es war ein Idyll. Sie konnten einfach so weiterleben wie bisher, ohne Sorgen jeden Tag zur Schule gehen, akzeptieren, dass ihr Dad tot war und sie jederzeit von den anderen Dynastien entdeckt werden konnten.

»Komm mit.«

Sie sprang auf und eilte zur Terrassentür. Ein Schaben erklang, als sie sie öffnete. Corey folgte ihr hinaus in den Garten. Da Mum Besorgungen in der Stadt machte, bestand nicht die Gefahr, dass sie sie erwischte.

»Wohin gehen wir?«, fragte Corey neugierig. Das dunkle Haar ihres Bruders wurde vom Wind zerzaust, seine Bändigungsversuche blieben erfolglos.

Wendy gab ihm keine Antwort. Er würde schon sehen. Sie bog das Gestrüpp beiseite und tauchte unter einem Ast hindurch. Hier begann jener Teil des Gartens, der Mum stets zur Weißglut getrieben hatte: Überall Gebüsch, alles wirkte ungepflegt, Unkraut wucherte. Mittlerweile wusste Wendy, dass ihr Dad absichtlich keinen Gärtner an diesen Bereich gelassen hatte.

Der Baumstumpf sah aus wie jeder andere. Sie streckte ihren Arm in das Loch und betätigte den verborgenen Schalter. Ein Klacken erklang. Die Steinplatte in Sichtweite schwang zur Seite.

»Wow!« Corey rannte zu dem Loch und blickte hinab in die Dunkelheit. »Eine geheime Höhle?« Seine Wangen glühten vor Aufregung, dann wurde sein Blick ernst. »Von Dad?«

»Von Dad«, sagte Wendy nur und stieg die Treppenstufen hinab.

Sie fand die Stelle mit dem Lichtschalter. Neonlampen leuchteten auf und tauchten den Gang in kaltes Licht. Zielsicher stapfte sie zur Tür, wich jeder Wurzel geschickt aus. Corey hielt sich hinter ihr. Am Ende des Ganges gab es eine Tür, die sich problemlos öffnen ließ. Ihrer Meinung nach hätte Dad hier wenigstens ein Sicherheitsschloss anbringen können, aber womöglich war er nicht mehr dazu gekommen.

Im Raum erwartete sie allerlei Gerümpel, Werkzeug und eine Wand voller Fotos. In jedem steckte eine Reißzwecke und fixierte einen roten Faden, der alles miteinander verband.

»Die Bilder hat Dad gemacht«, erklärte Wendy. »Ich bin ihm einmal heimlich gefolgt, als er hier heruntergestiegen ist. Er war echt sauer. Ich durfte Mum nichts davon erzählen. Sie wollte wohl nicht, dass er Nachforschungen anstellt.«

Corey betrachtete die Bilder genau. Er war zwar etwas ängstlich, aber sie wusste, dass er pfiffig sein konnte, wenn es darauf ankam. »Er wollte herausfinden, wer zu den Dynastien gehört.«

»Glaube ich auch.« Wendy verschränkte die Arme. »Ich war vor einigen Tagen noch mal hier unten.« Sie deutete auf das ledergebundene Notizbuch ihres Vaters. »Wir haben eine Tante, die Elisabeth heißt und in Barrington Cove wohnt. Sie hat wohl die Aufgabe, eine der Familien zu infiltrieren. Und in Kanada gibt es eine Agentenschule, die gerade aufgebaut wird. Tante Isolde holt dort alle zusammen, um sie für den Angriff auszubilden.«

»Das ist so cool«, hauchte Corey. Er griff nach einer Dollarnote, die auf der Werkbank lag, und betrachtete sie genau. »Die ist aber falsch.«

Wendy zuckte nur mit den Schultern. »Was weiß ich.«

Kurzerhand steckte Corey sie in seine Tasche.

»Dad hat für alle das Geld besorgt.« Sie seufzte. »Er hat Banken ausgeraubt, damit das Internat von Tante Isolde finanziert werden kann. Aber … er wollte wohl mehr und hat heimlich in Barrington Cove recherchiert.«

Die Bilder zeigten die unterschiedlichsten Personen, auf manchen waren auch nur Gebäude zu sehen. Eine Schule, ein Buchladen, das Rathaus und sogar das College. Auf einzelnen Polaroids waren rote Fragezeichen aufgemalt, andere mit Haken versehen oder durchgestrichen. Letzteres waren augenscheinlich verworfene Spuren.

Auf einer kleinen Ablagefläche lag ein Diktiergerät, dessen Inneres jedoch leer war, daneben fünf winzige Ersatzkassetten.

»Siehst du, Dad hat quasi schon alles vorbereitet.« Wendy stemmte die Fäuste in die Hüften. »Jetzt sind wir an der Reihe.«

»Wie Nancy Drew und … ihr Bruder?«

Nun musste sie doch lachen, obwohl es natürlich alles sehr ernst war. »Genau. Und am Ende sind die Dynastien erledigt.«

Corey schürzte die Lippen. »Schau mal, da hat Dad etwas notiert.«

Verblüfft erkannte Wendy, dass sie das tatsächlich übersehen hatte. Das Polaroid war ein Stück hinter die anderen geschoben worden. Darauf notiert war ›Projekt: Seawatch‹, dahinter ein Fragezeichen. Ein roter Faden verband es mit einem Bild des Zirkusrummels und einem Datum.

»Das ist nächste Woche«, stellte Corey fest. »Am Sonntag.«

Der Zirkusrummel auf Angel Island war eine gern besuchte Attraktion. Sonntags schien ganz Barrington Cove wie ausgestorben, alle befanden sich auf der Insel und genossen bei Zuckerwatte und Riesenrad die Meeresbrise. Nur im Winter beschränkte die Attraktion sich auf besondere Aufführungen, die von örtlichen Geschäftsleuten organisiert wurden. Auch Lesungen von Autoren fanden statt.

»Dann sollten wir nächste Woche loslegen.« Wendy betrachtete die Bilder. Sie zeigten eine Höhle, das Spiegelkabinett und verschiedene Personen.

Waren das die Mitglieder der Dynastien?

Sie würden es herausfinden!

»Und kein Wort zu Mum!«

Corey zögerte. »Okay.«

»Schwöre es!«

»Ich schwöre.«

Und so begann …

… das Ende.

2. Barrington Cove

 

»Ich dachte wirklich, dass sie uns niemals gehen lässt«, flüsterte Corey.

Instinktiv beschleunigte Wendy ihre Schritte. Es glich einem Wunder, dass ihre Mum sie auf den angeblichen Tagesausflug hatte gehen lassen. In letzter Zeit war sie extrem beschützerisch veranlagt. Doch am Ende hatte die Geschwisterpower aus Betteln, wütendem Geschrei und schlechtem Gewissen gezogen. Wendy war stolz auf Corey und sich.

Wie immer trug er seinen Rucksack bei sich. Es war sein Survival Pack. Ständig machte er ein riesiges Geheimnis daraus, was er hineintat. Dieses Mal hatte sie jedoch gesehen, dass er den Geldschein eingepackt hatte, mit dem er sich die gesamte Woche über beschäftigt hatte. Und dazu eine von Dads Lehmfiguren. Auf ihre Nachfrage hin hatte er nur etwas von Recherche gemurmelt. Sie ließ ihm den Spaß, so waren Jungs.

Gemeinsam schlenderten sie den Waldweg entlang zur Innenstadt und nahmen dort den Bus nach Barrington Cove. In Wendys Kopf war das Ganze viel schwieriger gewesen; als gäbe es eine unsichtbare Grenze, die sie zurückweisen würde, sobald sie sie erreichten. Doch der Bus fuhr gemächlich am Ortsschild vorbei. In der Innenstadt stiegen sie umgeben von einer Handvoll Mitfahrer am Marktplatz aus.

Die drei Städte Sunforest Cove, Maple Peaks und Barrington Cove übten sich in einer an Heftigkeit zunehmenden Konkurrenz. Die Bürgermeister stichelten ständig gegenseitig und versuchten, sich mit Prestigeprojekten zu übertrumpfen. In einem musste Wendy Barrington Cove aber den Sieg zusprechen: Die Stadt wirkte hell, freundlich und sauber.

Vor einem Jahr hatten Neubaumaßnahmen im Norden begonnen, die aus heruntergekommenen Gebäuden oder brach liegenden Grundstücken Wohnraum machten. Die Bewohner des südlichen Viertels liefen jedoch Sturm, da immer mehr Häuser leerstanden und verfielen. Hinter vorgehaltener Hand wurden sie bereits ›Favelas‹ genannt.

»Wohin jetzt?«, fragte Corey.

Wendy hatte das Notizbuch ihres Dads genau studiert, ebenso die Polaroids. Entgegen den eigentlichen Regeln, denen auch Katrina zugestimmt hatte, war er dabei auf etwas gestoßen. Oder besser: jemanden.

»Eisdiele«, antwortete sie.

»Das gefällt mir.«

Corey begann von irgendwelchen Serien und Comics zu sprechen, weshalb Wendy nach einer gewissen Zeit abschaltete. Wenn er damit anfing, kam er ihr immer so jung vor. Warum nur hingen Jungs so lange diesem Zeug hinterher? Comics, TV-Serien, Computerspiele – das alles war so sinnlos.

Sie spazierten am BUCHstaben-Laden vorbei, in dem sich trotz der Sommerhitze Familien und Jugendliche tummelten. Die Fußgängerzone war an diesem Samstagmittag spärlich besucht, vermutlich lag die halbe Stadt am See. Der Gedanke besaß etwas Verlockendes.

Zufrieden erspähte Wendy ihr Ziel. »Dort vorne.«

Corey beschleunigte sofort seine Schritte. Sie nahmen unter einem großen Sonnenschirm an einem Tisch am Rand Platz. Der Kellner erspähte sie sofort und nachdem Corey den größten Eisbecher bestellt hatte, den es auf der Karte gab – während Wendy zwei Kugeln Pistazie nahm -, bedeutete sie ihm, zu schweigen.

Verwirrt runzelte er die Stirn, löffelte aber lautlos.

»Nein!«, erklang eine Stimme vom Nachbartisch. »Wir brauchen auch mal frei. Leute, das geht so nicht weiter.«

»Und das von dir, Shan?«, fragte ein Junge – Jamie Collister, wie sie aus den Aufzeichnungen ihres Vaters wusste.

Sie waren zu viert.

»Gerade von mir«, gab Shannon zurück. »Marietta war meine beste Freundin, aber wir ermitteln seit einem Jahr ohne Ergebnis.«

»Und jetzt willst du einfach so …«, begann ein Junge mit schulterlangen, welligen Haaren zu sprechen. Billy Tarnowski, als sei er direkt von einem der Polaroids herabgestiegen.