Ein Planet, viele Welten - Dipesh Chakrabarty - E-Book

Ein Planet, viele Welten E-Book

Dipesh Chakrabarty

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Beschreibung

Der Klimawandel stellt die Menschheit vor ein großes Dilemma. Es fällt uns schwer, das Streben nach einem guten Leben aufzugeben. Doch dieses Leben, das auf einem unstillbaren Hunger nach Energie beruht, die hauptsächlich aus fossilen Brennstoffen gewonnen wird, schädigt das geobiologische System, das die Existenz aller Lebensformen auf der Erde ermöglicht. Es gibt nur diesen einen Planeten. Aber zugleich ist er gespalten – in viele Welten, Kulturen, Staaten.

Die globale Herrschaft des Finanz- und Rohstoffkapitals verbindet die Menschen zwar technologisch, aber entlang tiefgreifender Achsen der Ungleichheit bleiben sie zugleich voneinander getrennt. Im Rahmen der von ihm entwickelten historischen Erzählung unserer Gegenwart erkundet Dipesh Chakrabarty in seinem neuen Buch die zeitlichen und intellektuellen Verwerfungen, die die Kollision des Planetarischen und des Globalen in der Geschichte der Menschheit hervorruft. Der große indische Historiker bietet uns damit einen einzigartigen Blick auf den Klimawandel und das Verhältnis zwischen Menschen und Natur – und nicht zuletzt auch auf vergangene und zukünftige globale Pandemien.

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Seitenzahl: 213

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Cover

Titel

3Dipesh Chakrabarty

Ein Planet, viele Welten

Die Klima-Parallaxe

Aus dem Englischen von Christine Pries

Suhrkamp

Impressum

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Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel One Planet, Many Worlds. The Climate Parallax bei Brandeis University Press.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2025

Der vorliegende Text folgt der deutschen Erstausgabe, 2025.

© der deutschsprachigen Ausgabe Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2025© 2023 Dipesh Chakrabarty

Der Inhalt dieses eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Wir behalten uns auch eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Umschlaggestaltung: Brian Barth, Berlin, nach Entwürfen von Michael Russem

eISBN 978-3-518-78378-8

www.suhrkamp.de

Motto

7BRUNO LATOUR

Zum Gedenken

FRANÇOIS HARTOG und ÉTIENNE BALIBAR

In Freundschaft und mit Bewunderung

Übersicht

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Informationen zum Buch

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Motto

Inhalt

Vorwort

Einleitung. Der Planet und das Politische

Der Planet und das Politische

1. Die Pandemie und unser Zeitgefühl

Die Pandemie und die Große Beschleunigung der menschlichen Geschichte

Die Pandemie als Präsentismus

Das Politische provinzialisieren

2. Die Historizität der Dinge, einschließlich der Menschen

Postkoloniale Geschichtsschreibung und die emanzipatorischen Modernevisionen

Das Menschen-Ding als Herausforderung für »moderne« Geschichtsphilosophien

Ein historiographisches Dilemma namens Anthropozän

3. Der Gegenwart treu bleiben

Verwebungen und Unterschiede: Moderne, Spätmoderne und Nichtmoderne

Die ursprünglichen Modernen, die Spätmodernen und die Nichtmodernen

Den Schwierigkeiten treu bleiben: Modernisierung und die Zwangslage des Menschen

Intellektuelle Verwandtschaften ausfindig machen

Schluss

Dank

Anmerkungen

Einleitung: Der Planet und das Politische

1 Die Pandemie und unser Zeitgefühl

2 Die Historizität der Dinge, einschließlich der Menschen

3 Der Gegenwart treu bleiben

Fußnoten

Informationen zum Buch

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Vorwort

Mir ist die große Ehre einer Einladung zuteilgeworden, im März 2017 die fünfte der jährlichen, aus drei Vorträgen bestehenden Mandel Lectures in the Humanities an der Brandeis University zu halten. Ich habe diese Vorlesungen sehr genossen und es als anregend empfunden, sie mit meiner liebenswürdigen und großzügigen Gastgeberin, Professorin Ramie Targoff, und ihren begabten und engagierten Kolleg:innen vor Ort zu diskutieren. Aufgrund von unglücklichen, sich meiner Kontrolle entziehenden Umständen verzögerte sich allerdings das Erscheinen dieser Vorlesungen, weshalb ich einen Teil des Materials, das ich darin präsentiert hatte, in mein Buch Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter aufnahm, das im März 2021 erschien. Ich habe diese Tatsache in dem betreffenden Buch vermerkt.

Hier lege ich nun neues Material in Form von drei Kapiteln vor, von denen ich denke, dass ich sie präsentieren würde, wenn ich heute jene Vorlesungen halten müsste. Dieses Material geht auf Forschungen und Texte zurück, mit denen ich mich im Anschluss an Das Klima der Geschichte beschäftigt habe, aber aus diesem Material (wie aus jenem Buch) spricht nach wie vor die weiterhin anstehende Aufgabe, die historische und kulturelle Bedeutung des von Menschen verursachten Klimawandels aus planetarischer, globaler, postkolonialer – und mittlerweile dekolonialer – Sicht zu erkunden. Auch wenn dieses Buch sich vom Klima der Geschichte unter12scheidet, kann es genauso gut als Vorläufer wie als Fortsetzung seines Vorgängers gelesen werden. Ich habe diese Gelegenheit genutzt, um neue Fragen auszuloten, neues Material zu präsentieren, auf einige Kritikpunkte zu antworten und mich mit einigen Fragen auseinanderzusetzen, für deren gründlichere Untersuchung mir vorher die Zeit gefehlt hatte.

Die Erfahrung der Pandemie – die meiner Meinung nach durchaus Berührungspunkte mit dem Phänomen der anthropogenen Erderwärmung bzw. des Klimawandels aufweist – hat in Bezug auf Probleme im Zusammenhang mit dem Menschlichen und dem Nichtmenschlichen eindeutig einige neue Fragen aufgeworfen und Perspektiven eröffnet. Den Anfang macht eine Auseinandersetzung mit der Pandemie. Anschließend widme ich mich einem Problem, das ich in Das Klima der Geschichte lediglich kurz gestreift habe: der Untersuchung der modernen Ursprünge der Trennung von »Natur-« und »menschlicher« Geschichte und der Frage, worum es bei dieser Trennung gehen könnte. Dieses Problem und seine Erörterung bilden Kapitel 2. Das dritte und letzte Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, auf die der Titel des vorliegenden Buches verweist: Macht das Verfügen über verschiedene Welten es den Menschen schwer, mit einem einzigen Planeten zurechtzukommen? Natürlich werden viele die Behauptung in Frage stellen, dass es sich tatsächlich um einen einzigen Planeten handelt, darunter meine Freunde Christophe Bonneuil und der vor kurzem verstorbene Bruno Latour. Latour ist in allen drei Kapiteln präsent. Sein Denken ist mir sogar in den Augenblicken ein unverzichtbarer Begleiter gewesen, in denen ich nicht mit ihm übereinstimmte. Zu meinen Hauptgesprächspartner:innen im dritten Ka13pitel gehören außerdem die Philosophin Déborah Danowski und der Anthropologe Eduardo Viveiros de Castro. Durch die kritische Einbeziehung ihrer Bemühungen, die Anthropologie zu dekolonisieren, schlage ich einen Bogen von ihrer Denkweise und Überlegungen von anderen zu dem, was meines Erachtens das größte Spannungsverhältnis ist, welches das gesamte politische Spektrum im Zusammenhang mit dem Klimawandel durchzieht: das Spannungsverhältnis zwischen unserem einen Planeten und den vielen verschiedenen Welten, die wir – mit einer Vielzahl von nichtmenschlichen, sowohl lebendigen als auch unbelebten Entitäten verwobenen – Menschen erschaffen und bewohnen. Und diese Welten sind meiner Meinung nach ihrerseits miteinander verwoben.

Einen Unterschied zwischen Das Klima der Geschichte und Ein Planet, viele Welten sollte ich allerdings erwähnen. Das Klima der Geschichte stellte meinen Versuch dar, auf eine neue Philosophische Anthropologie hinzuarbeiten, und verblieb absichtlich im vorpolitischen Raum: »vorpolitisch« in dem Sinne, wie Karl Jaspers diesen Ausdruck verwendet hat, wie ich im letzten Kapitel jenes Buches erkläre. Ein Planet versucht das Hauptproblem zu verstehen, das den (Un-)Tätigkeitskalender der Klimapolitik umtreibt: Menschen sind politisch un-eins, während die Erdsystemwissenschaftler:innen den Planeten – das heißt das System Erde – als einen – bzw. eines – betrachten. Diesem Problem des Einen und des Vielen widmet sich das vorliegende Buch.

DIPESH CHAKRABARTY

Chicago, den 10. Oktober 2022

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Einleitung

Der Planet und das Politische

Ursprünglich hatte ich mir als Titel für diesen Band »Die Provinzialisierung Europas in einer sich erwärmenden Welt« vorgestellt. Etwa fünf Jahre bevor ich 2017 die Mandel Lectures an der Brandeis University hielt, hatte ich in der Zeitschrift New Literary History einen Aufsatz mit dem Titel »Postcolonial Studies and the Challenge of Climate Change« veröffentlicht.1 Dieser Essay knüpfte wiederum an eine Bemerkung an, die ich in meinem allerersten Aufsatz über den Klimawandel, »The Climate of History. Four Theses« (2009), gemacht hatte und die besagte, dass meine Ausbildung in Subaltern Studies, marxistischer Kapitalanalyse und Postcolonial Studies zwar meiner Einschätzung nach für die Erörterung der Globalisierung ausreichend gewesen war, aber hinter den gesteckten Zielen zurückblieb, als ich versuchte, über die Zwangslage nachzudenken, welche die Erderwärmung für die Menschen darstellte.2 Dabei dachte ich natürlich an die Tatsache, dass das Problem eines anthropogenen Klimawandels von uns verlangt, uns mit Erdsystemwissenschaft (ESS), also mit jenem interdisziplinären Zweig wissenschaftlicher Erkenntnis zu beschäftigen, der das Problem des planetarischen Klimawandels umrissen hat. Ohne eine solche Beschäftigung mag es zwar andere Erklärungen für die erratischen Wettermuster geben, die wir zur16zeit erleben, aber wie das Klimasystem des Planeten als Ganzes funktioniert, würde man so nicht verstehen.

Doch was würde es für Geisteswissenschaftler:innen heißen, sich mit der ESS zu beschäftigen? Hieße es, dass wir sie bloß unserem Repertoire der bereits in den Sozial- und Humanwissenschaften vorhandenen Analysewerkzeuge hinzufügen, die davon in keiner Weise berührt werden würden? Würde die Begegnung mit Tiefenhistorie – immerhin ist geobiologische Tiefenzeit ein intrinsischer Teil des Denkens der ESS – nicht auch die oberflächliche, »historische« Zeit verändern oder in Frage stellen, mit der Geisteswissenschaftler:innen arbeiten? Während ich als Historiker diese Fragen an die Disziplin der Geschichtswissenschaft stelle, haben der Geograph Nigel Clark und der Soziologe Bronislaw Szerszynski diese Frage bereits im Hinblick auf »soziales Denken« im Allgemeinen aufgeworfen – ein Projekt, das sie als »Geologisierung des Sozialen« bezeichnen. Sie plädieren dafür, dass wir »das Anthropozän sozialisieren« und analog dazu das Soziale »geologisieren« sollten.3

Meine Ausgangsbemerkung – und besonders meine Verwendung der biologischen Kategorie »Spezies« (wie zum Beispiel E. ‌O. Wilson sie gebraucht) – hat eine Vielzahl von Reaktionen ausgelöst, die von sehr feindseligen Stellungnahmen von Gelehrten, die dachten, alle menschlichen/sozialen/planetarischen Probleme hätten ihren Ursprung in sozialen und ökonomischen Ungleichheiten, bis zu differenzierteren, freundlicheren und großherzigeren – aber mitunter trotzdem kritischen – Kommentaren von Gelehrten wie Ian Baucom reichten.4 Und eine Frage, die mir bei Vorträgen und auf Konferenzen häufig gestellt wurde, betraf das Verhältnis meiner Arbeit über die Provinzialisierung Euro17pas zu dem neuen Buch über den Klimawandel. Deshalb dachte ich ständig über mögliche Verbindungen zwischen den beiden Themen nach.

Diese Kritikpunkte und Fragen waren prägend für das, was ich 2017 in meinen Vorlesungen in Brandeis gesagt habe. Sie prägen auch die Ausführungen in diesem Buch. Doch als ich die Probleme durchging, die es mir bereitete, die Erderwärmung und die Anthropozän-Hypothese zu verstehen – die Idee, dass der Planet aufgrund des menschlichen Einwirkens auf ihn die Schwelle der geologischen Epoche des Holozäns überschritten habe und in eine neue Epoche eingetreten sei, für die der Name Anthropozän vorgeschlagen wurde –, habe ich schließlich eine analytische Unterscheidung zwischen den Kategorien des »Globus« im Sinne von Erdball und des »Planeten« vorgenommen, die für humanistisches Denken erkennbar von unterschiedlicher Tragweite sind. Ich legte dar, dass diese Unterscheidung auf meine Begegnung mit der Tiefenzeit des Erdsystems zurückging – mit dem Zusammenspiel von Geologie und Biologie im Laufe der Geschichte unseres Planeten, das ein mittlerweile bedrohtes lebenserhaltendes System schuf. Dies bedeutete meiner Meinung nach (und einige mündliche und schriftliche Kommentare der Philosophin Catherine Malabou unterstützten mich darin), dass das Wort »Globus« im Ausdruck »Globalisierung« und der »Globus« der »Erd- oder globalen Erwärmung« nicht dasselbe bedeuteten. Der »Globus« der »Globalisierung« war eine höchstens 500 Jahre alte, von Menschen und ihren Verkehrs- und Kommunikationstechnologien ins Leben gerufene Entität. Seine Geschichte wurde von Menschen erzählt und Menschen standen in ihrem Mittelpunkt. Der »Globus« der »globalen Erwärmung« 18bezog sich dagegen auf das, was die ESS als Erdsystem bezeichnet. Dabei handelt es sich um ein heuristisches Konstrukt von Erdsystemwissenschaftler:innen, das planetarische Prozesse indexierte, durch die geologische und biologische Faktoren zusammen auf diesem Planeten ein System entwickelt haben, das komplexes, mehrzelliges Leben begünstigte. Auch die Geschichte des Erdsystems wird von Menschen erzählt, Menschen bilden aber nicht ihren Mittelpunkt. Disziplinen wie Geologie und (Evolutions-)Biologie können nicht anthropozentrisch sein, weil die Menschen zu spät in den Geschichten, die sie erzählen, auftreten, um im Mittelpunkt ihrer Narrative zu stehen. Dieses »Erdsystem« bzw. diese »Erdsystemwissenschaft« habe ich irgendwann als »den Planeten« bezeichnet.5 So wie ich es sah, konnte die Globus-Planet-Unterscheidung zu diesem Zeitpunkt einer weltweiten Umweltkrise die Grundlage für eine mögliche neue Philosophische Anthropologie bilden.

Darüber hinaus behauptete ich, es habe an der Intensivierung des kapitalistischen und technologiegetriebenen Globalisierungsprozesses im späten 20. Jahrhundert gelegen, dass die Sphäre des Planetarischen in den Bereich des humanistischen Denkens und der Alltagsnachrichten vorgedrungen sei. Bis dahin hätten sich nur Fachwissenschaftler:innen für das besagte Erdsystem interessiert. Ich schrieb: »Die Intensivierung der kapitalistischen Globalisierung und die daraus folgenden globalen Erwärmungskrisen haben gemeinsam mit all den Diskussionen, die mit der Untersuchung dieser Phänomene einhergegangen sind, dafür gesorgt, dass der Planet – oder besser gesagt das Erdsystem […] – noch über den geistigen Horizont der Geisteswissenschaftler:innen hinaus in unserem Gesichtskreis aufgetaucht ist.«6 Und später 19dann: »Heideggerianisch ausgedrückt, kann man sagen, je mehr wir die Erde in unserem wachsenden Streben nach Profit und Macht bearbeiten, desto häufiger begegnen wir dem Planeten. Der Planet ist aus dem Globalisierungsprojekt […] hervorgegangen.«7

Um einem gängigen Missverständnis meiner Arbeit vorzubeugen, sollte ich allerdings darauf hinweisen, dass ich niemals vorgeschlagen habe, Globus und Planet würden so etwas wie ein sich wechselseitig ausschließendes Gegensatzpaar bilden. Einige unaufmerksame Leser:innen haben mir diese Sichtweise unterstellt, aber so habe ich das nie gesagt. In meinem Denken sind »der Globus« und »der Planet« stets miteinander zusammenhängende Entitäten gewesen. Was ausführlichere Angaben zu dieser analytischen – nichtbinären – Unterscheidung als einer neuen Konzeption von menschlicher Geschichte anbelangt, möchte ich die Leserschaft auf mein Buch Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter verweisen: »Trotz all ihrer Unterschiede sind das globale Denken und die planetarische Denkweise für die Menschen keine Entweder-oder-Frage.«8

Ich fand die Globus-Planet-Unterscheidung insofern sinnvoll, als sie zwei verschiedene, aber miteinander zusammenhängende Blickwinkel – Globus und Planet – lieferte, von denen aus sich gleichzeitig zwei verschiedene Perspektiven auf die menschliche Geschichte entwickeln lassen. Eine unserem Zeitalter angemessene humanistische Geschichtsschreibung muss mit beiden arbeiten. Im Hinblick auf die Frage, in welchem Verhältnis man zu dem steht, was ich den Planeten genannt habe, sind die Menschen gespalten und werden es auch bleiben. Doch im Zeitalter des anthropogenen Klimawandels ist der Planet zu einem unabwendbaren oder 20unumgänglichen Grund zur Sorge geworden. Nachstehend zähle ich die Hauptunterschiede zwischen dem »Erdsystem« (das ich den Planeten nenne) der »Erdsystemwissenschaft« und dem »Globus« der »Globalisierung« auf:

Der Globus ist menschengemacht; auf ihm sind Imperien, Kapitalismus und Technologie am Werk. Menschen stehen im Mittelpunkt seiner Geschichte; sie sind die Hauptprotagonist:innen der Entstehungsgeschichte des Globus. Der Planet – der ebenfalls ein begriffliches Konstrukt von Menschen ist – dezentriert den Menschen. Da Menschen in der geologischen und biologischen Geschichte des Planeten zu spät auftreten, können sie nicht den Mittelpunkt dieser Narrative bilden. In die Kategorie »Planet« ist zum Beispiel die Auffassung eingegangen, dass der Planet selbst dann noch 4,5 Milliarden Jahre alt wäre, wenn es keine Menschen gäbe, die sein Alter berechnen.

Das Globale zählt lediglich zur dokumentierten Geschichte der zurückliegenden 500 Jahre. Beim Planetarischen geht es um Tiefenhistorie, die geobiologische Geschichte des Planeten.

Der Globus ist einzig und allein menschlich und auf die menschliche Erfahrung der Erde fokussiert. Der Planet ist Gegenstand eines Vergleichs, denn er geht aus den menschlichen Versuchen hervor, Fragen zu beantworten wie »Kann der Mars für komplexes Leben bewohnbar gemacht werden?« oder »Wurde die Venus heiß, weil sie eine unkontrollierte planetarische Erwärmung erlebte?«. Technologie verbindet jedoch das Globale mit dem Planetarischen, vor allem wenn wir fragen: »Kann das Erdklima 21von Menschen gesteuert werden?« Diese Frage deutet als solche schon darauf hin, dass wir nicht mehr einfach im globalen Zeitalter leben; unser Zeitalter ist gleichzeitig global und planetarisch.

Nachhaltigkeit ist ein globaler und humanozentrischer Ausdruck. Sie wirft die Frage auf, ob die Menschen in der Lage sind, die Erde den nach ihnen kommenden Menschen in einem zukunftsfähigen Zustand zu hinterlassen. Beim Planetarischen geht es um Bewohnbarkeit – ein Problem, das sich zum Beispiel stellt, wenn wir uns fragen, wie ein Planet für Leben bewohnbar wird. Dabei bezieht »Leben« sich nicht ausschließlich auf menschliche Lebensformen.

In Globalgeschichten geht es um eine von Menschen dominierte Lebensordnung auf diesem Planeten. Die geobiologische Geschichte des Planeten macht uns dagegen bewusst, dass unsere Lebensform in der Minderheit ist und mikrobielle Lebensformen – Bakterien, Viren, Protisten, manche Pilze usw. – die Mehrheit auf dem Planeten stellen. Für unsere menschlichen Begriffe fordert diese Erkenntnis uns auf, im Hinblick auf andere Lebensformen minoritäre Denkformen zu entwickeln.

So wie sie in der modernen Historiographie verwendet werden, sind der Globus, die Erde und die Welt allesamt Kategorisierungen, die von einer Wechselbeziehung zwischen den Menschen und ihrer Umwelt ausgehen. Dies bringen wir in Sätzen zum Ausdruck wie: »Die Erde ist unser Zuhause; sie ist so gemacht, dass wir sie bewohnen können.« Diese Empfindung ist zwar alt, nimmt aber in der Moderne beständig neue Formen an. Der Planet, das heißt das Erdsystem, steht in einem anderen Verhältnis 22zu uns. Wir sind nicht der Endzweck, dem die lebenserhaltenden planetarischen Prozesse dienen sollen. Im Rahmen der Geschichte des Lebens auf diesem Planeten sind Menschen ein Produkt kontingenter Umstände. Der Planet erwidert unseren Blick nicht, sodass wir von keiner Wechselbeziehung mit ihm ausgehen können.

Der durch menschliche Institutionen und Technologie gestaltete Globus bietet sich für moralische und von daher politische Fragen an. Er ist offen für Fragen nach Fairness und Normen. Planetarische Kräfte können uns dagegen auf unser kreatürliches Leben reduzieren. Wenn wir mit der »Wut« des Planeten – wie etwa einem Tsunami, Erdbeben oder Feuersturm (die alle durch unsere Einmischung in das Erdsystem ausgelöst werden können) – konfrontiert sind, reduziert unsere Politik sich auf eine Politik des Überlebens, die Kant oder Arendt nicht als »Politik« bezeichnen würden, weil ihr jeglicher Sinn für Moral fehlt.9

Der Planet und das Politische

Die Kategorie »Planet« – wie ich sie hier verwendet und erläutert habe – stellt für das, was Menschen als Gebiet des Politischen betrachten, eine eigentümliche Herausforderung dar. Zu diesem Gebiet gehört eine ganze Reihe von Aktivitäten, die vom Nationalstaat sowie von anderen Macht- und Ungleichheitsformationen ausgehen und bis zum einzelnen Menschen hinunterreichen. Das Problem besteht in Folgendem: Der Planet, das heißt das Erdsystem, ist sowohl in sich differenziert, das heißt vielgestaltig, als auch einzigartig. Er 23ist ein »dynamisches Beziehungsgeflecht«, wie ich es genannt habe.10 Im Laufe der geologischen Zeit taumelt er von einem Zustand in den nächsten.11 Clark und Szerszynski, die zum überwiegenden Teil zur Einbeziehung dieser Vorstellung vom Planeten in die Sozialwissenschaften beigetragen haben, merken an, dass »die Erde […] mehr ist als ein einziges lebenserhaltendes System, […] es kommt zu Ent- oder Abkopplungen im planetarischen Körper sowie zu Verkopplungen«.12 Unter Berufung auf die unleugbare Tatsache, dass »der Erde das Potenzial innewohnt, von einem Zustand in einen anderen zu wechseln, und zwar schnell«, stellen sie die Idee von »planetarischer Vielheit« in den Raum. Doch wie Mark Williams und Jan Zalasiewicz in ihrem jüngsten Buch über die Geschichte der Biosphäre würdigen sie auch das Einssein dieses Planeten und betrachten ihn als »dynamische und selbstorganisierte« Entität.13

Diesem differenzierten Bild zufolge legt der Planet bzw. das Erdsystem von verschiedenen Verwebungen Zeugnis ab: von Geologischem und Biologischem, von unterschiedlichen Lebensformen miteinander und von der Verknüpfung des Werks von Bakterien und Planktonformen zum Beispiel mit dem Sauerstoffanteil der Luft. Solche Verwebungen gehören zu den Themen, über die Donna Haraway, Anne Lowenhaupt Tsing, Bruno Latour und andere kenntnisreich und phantasievoll geschrieben haben. Die Verwebungen stehen für die differenzierte Seite des Planeten. Doch gleichzeitig handelt es sich um einen einzigen Planeten. Die »Kohlenstoffbudgets« für die Menschheit, die der Weltklimarat (IPCC) von Zeit zu Zeit veröffentlicht, beruhen auf dem Gedanken, dass wir es mit einer Atmosphäre und einem Planeten zu tun haben, mit einem planetarischen Klimasystem, 24das als ein vollständiges und einzelnes lebenserhaltendes Erdsystem anzusehen ist.14 Es ist signifikant, dass die »Wissenschaft«, die sich mit alldem befasst, »Erdsystem«wissenschaft heißt (und »System« darin nicht im Plural steht). Die Definition des von Erdsystemwissenschaftler:innen durchgeführten, inzwischen abgeschlossenen Internationalen Geosphären-Biosphären-Programms hat nichts von ihrer Relevanz eingebüßt:

Der Terminus ›Erdsystem‹ verweist auf das Zusammenspiel von physikalischen, chemischen und biologischen Prozessen auf der Erde. Das System besteht aus Land, Ozeanen, Atmosphäre und Polen. Es bezieht die natürlichen Kreisläufe auf dem Planeten – den Kohlenstoff-, Wasser-, Stickstoff-, Phosphor- und Schwefelkreislauf sowie weitere Zyklen – und Tiefenerde-Prozesse mit ein. Auch Leben ist ein integraler Bestandteil des Erdsystems. Leben hat Auswirkungen auf den Kohlenstoff-, Stickstoff-, Wasser- und Sauerstoffkreislauf sowie auf viele weitere Zyklen und Prozesse. Mittlerweile gehört auch die menschliche Gesellschaft zum Erdsystem. Unsere Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme sind inzwischen in das Erdsystem eingebettet. In vielen Fällen sind die menschlichen Systeme mittlerweile die Hauptantriebskräfte für den Wandel des Erdsystems.15

All dies soll nicht in Abrede stellen, dass es viele weitere Auffassungen und Vorstellungen über den Planeten als die von der ESS vorgeschlagene geben könnte. Indische Astrolog:innen könnten zum Beispiel ein vollkommen anderes Bündel von Gründen zur Erklärung der planetarischen Notlage der Menschen vorbringen. Von den prähistorischen Menschen, die vor Tausenden von Jahren die Inseln im Pazifik besiedelten und sich bei ihrer Fahrt über die Meere am Nachthimmel orientierten, über die altgriechische und indische Astrologie und Bauernregeln über die Jahreszeiten bis zur Kopernikanischen Revolution in den Wissenschaften und ih25ren Folgen: Dies sind alles Fälle von planetarischem Denken. Doch die Empfehlungen des IPCCs in Bezug auf Kohlenstoffbudgets für die Atmosphäre des Planeten konnten nur aufgrund der Annahme ausgesprochen werden, dass der Planet in sich differenziert und trotzdem eins ist.

Menschen sind dagegen immer nur in sich differenziert, das heißt, politisch gesprochen, un-eins. In der Politik geht es nicht um eine einzige Menschheit. Sie ist auf die Differenzen zwischen den Menschen zurückzuführen. Darauf, dass das, was eine universelle Wahrheit über die Menschen sein mag – dass sie zum Beispiel eine mit anderen Lebensformen verwobene biologische Spezies sind –, keine Grundlage bildet, von der ein einheitliches politisches Subjekt herrühren und sein Bild auf die Welt projizieren könnte. In Anknüpfung an einen auf Hegel zurückgehenden Gedankengang hat Sartre in seinem Vorwort zu Frantz Fanons Die Verdammten dieser Erde einmal darauf hingewiesen, dass die Anerkennung eines Menschen durch einen anderen Menschen durchaus die Ursache für die Entstehung von Hierarchien und Trennungen, Kolonisierung, Folter, Unterdrückung, Enteignung und Versklavung sein könnte: »Man [die Europäer] stieß bei der Menschengattung auf eine abstrakte Forderung nach Universalität, die dazu diente, realistischere Praktiken zu kaschieren: jenseits der Meere gab es eine Rasse von Untermenschen, die dank unserer Hilfe vielleicht in tausend Jahren unseren Status erreicht haben würden. Kurz, man verwechselte die ganze Gattung mit der Elite.«16

Der Weltklimarat mag postulieren, dass es nur einen Planeten gibt, und zu so etwas wie einem zeitlich aufeinander abgestimmten menschlichen Handeln aufrufen, das sich auf einen einheitlichen planetarischen Kalender stützt, aber die 26Menschen und die sie repräsentierenden Institutionen werden dieses Einssein immer auf ihre Differenzen zuschneiden wollen. Der eine Planet der ESS zersplittert in die vielen Planeten der Reichen und Armen, der früheren imperialen Nationen und der Völker, die sie einst unterworfen haben oder es immer noch tun. Eine sehr eindrucksvolle und starke Artikulation dieses Standpunkts findet sich in Kathryn Yusoffs A Billion Black Anthropocenes or None:

Die Vorstellung einer planetarischen Bedrohung beschwört nur dann zwingend ein ideales ›Wir‹ herauf, wenn die Verlockungen des Spätliberalismus in Gefahr sind. Dieses ›Wir‹ weist alle Verantwortung dafür von sich, wie der Reichtum jener Geologie auf der darunter liegenden Schicht von Völkermord an den und Auslöschung der Indigenen, Sklaverei und Zwangsarbeit aufbaute und das umgeht, was die Akkumulation von Reichtum noch in der Gegenwart möglich macht – es sei denn, ›wir‹ vergessen, dass die Ökonomie der Geologie immer noch die Geopolitik und die Art und Weise weitgehend reguliert, wie Enteignung und fortgesetzter Siedlerkolonialismus naturalisiert, formalisiert und operationalisiert wird.17

Und weiter unten:

Im Grunde genommen, ist das Eintreten fürs Kollektiv in der Geologie unter dem Deckmäntelchen von Universalität oder Humanität ein Zerrbild der ausdifferenzierten subjektiven Beziehungen in der und durch die Geologie. Auf diese Weise wird die Kodifizierung der Geologie (als Land, Mineral, Metall, Gold, Ware, Wert, Ressource) zur historischen Basis für Diebstahl, weil sie Enteignungsmaßnamen auf einem Gebiet erlaubt, das die Sprache der Eindämmung nutzt, um die Rohstoffgewinnung konkret zu organisieren und Gewalt dadurch zu verbrämen, dass aus Menschen und der Erde noch mehr Wohlstand generiert wird.18

Bei diesen Bemerkungen hat Yusoff die Geschichte der Enteignung von Indigenen und von »Sklaverei und Zwangsar27