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Wir lernen die Geschichte kennen, die einmal dazu führen wird, dass es, viele Jahre später, zur Gründung von 'Sophienlust' kommen wird. Der Weg dahin schildert eine ergreifende, spannende Familiengeschichte, die sich immer wieder, wenn keiner damit rechnet, dramatisch zuspitzt und dann wieder die schönste Harmonie der Welt ausstrahlt. Das Elternhaus Montand ist markant – hier liegen die Wurzeln für das spätere Kinderheim, aber das kann zu diesem frühen Zeitpunkt noch keiner ahnen. Eine wundervolle Vorgeschichte, die die Herzen aller Sophienlust-Fans höherschlagen lässt. Ihr Seufzen war nicht zu überhören. Immer und immer wieder, bis Denise gar nicht anders konnte als nach dem Grund zu fragen. »Was liegt dir denn so schwer auf der Seele, Mama, dass du ständig seufzen musst?«, fragte sie, obwohl sie die Antwort bereits kannte. Eva Montand hob nur kurz den Kopf, dann blickte sie wieder auf das Klassenarbeitsheft, an dem sie gerade die letzten Korrekturen vornahm. »Manchmal ist die Situation so verfahren, dass es einfach keine Lösung gibt«, antwortete sie nach kurzer Überlegung. »Ist die Arbeit so schlecht ausgefallen?« Denise tat, als wüsste sie den Grund noch immer nicht. »Manche Kinder brauchen eben länger, bis sie alles verstehen.« »Das weiß ich, Liebes. Vermutlich gehöre ich auch dazu. Ich verstehe noch immer nicht, weshalb du dir dieses Wochenende antust, obwohl du gar keine Lust dazu hast.« »Woher willst du das denn wissen?« »Ich kenne meine einzige Tochter. Wenn du dich auf etwas freust, sieht dein Gesicht ganz anders aus. Ich will dir ja nicht dreinreden. Du bist alt genug, um selbst zu entscheiden. Doch denk einmal nach, wie oft ihr euer Honeymoon Wochenende schon verschoben habt. Kommt dir nicht auch immer wieder der Gedanke, dass da jemand dran dreht und versucht, es zu verhindern?«
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Seitenzahl: 104
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Ihr Seufzen war nicht zu überhören. Immer und immer wieder, bis Denise gar nicht anders konnte als nach dem Grund zu fragen. »Was liegt dir denn so schwer auf der Seele, Mama, dass du ständig seufzen musst?«, fragte sie, obwohl sie die Antwort bereits kannte.
Eva Montand hob nur kurz den Kopf, dann blickte sie wieder auf das Klassenarbeitsheft, an dem sie gerade die letzten Korrekturen vornahm. »Manchmal ist die Situation so verfahren, dass es einfach keine Lösung gibt«, antwortete sie nach kurzer Überlegung.
»Ist die Arbeit so schlecht ausgefallen?« Denise tat, als wüsste sie den Grund noch immer nicht. »Manche Kinder brauchen eben länger, bis sie alles verstehen.«
»Das weiß ich, Liebes. Vermutlich gehöre ich auch dazu. Ich verstehe noch immer nicht, weshalb du dir dieses Wochenende antust, obwohl du gar keine Lust dazu hast.«
»Woher willst du das denn wissen?«
»Ich kenne meine einzige Tochter. Wenn du dich auf etwas freust, sieht dein Gesicht ganz anders aus. Ich will dir ja nicht dreinreden. Du bist alt genug, um selbst zu entscheiden. Doch denk einmal nach, wie oft ihr euer Honeymoon Wochenende schon verschoben habt. Kommt dir nicht auch immer wieder der Gedanke, dass da jemand dran dreht und versucht, es zu verhindern?« Eva schaute ihre Tochter lange an. »Bitte, versteh mich nicht falsch. Was immer du entscheidest, ist in Ordnung für mich. Ich möchte nur nicht, dass du unglücklich zurückbleibst.«
»Das weiß ich doch, Mama, und ich verspreche dir hoch und heilig, dass ich nichts tun werde, von dem ich nicht zu hundert Prozent überzeugt bin. Ehrlich gestanden würde ich nicht fahren, wenn ich es Thomas nicht fest in die Hand versprochen hätte.« Denise wich dem Blick ihrer Mutter aus. »Ich kann ein Versprechen nicht brechen, verstehst du das?«
»Ja, aber …«
»Ich habe ihm nicht versprochen, dass ich mit ihm ins Bett gehe. Solange seine Beziehung mit Irina nicht geklärt ist, werde ich zumindest in diesem Punkt hart bleiben.«
»Und wozu fährst du dann?«
»Weil ich es versprochen habe«, wieder holte Denise und lächelte kaum merklich. »Mach dir nicht immer so viele Gedanken, Mamsi. Am Sonntag bin ich wieder zurück, und dann werden wir herzlich lachen über die ganze Geschichte. Dennoch hab ich das komische Gefühl, dass ich gerade jetzt mit ihm fahren muss. Mir ist, als würde da etwas Wichtiges passieren.«
»Du und deine Gefühle, Denise. Ich hoffe nur, sie lassen dich dieses Mal nicht im Stich. Wohl ist mir bei dem Ganzen jedenfalls nicht, das kann ich dir versichern.«
Denise legte sorgfältig ein frisch gebügeltes Shirt und ihren rosafarbenen Schlafanzug mit den kleinen Streublümchen ganz obenauf. Bei der Vorstellung, ihn anzuziehen und sich Thomas damit zu zeigen, fühlte sie sich nicht gerade gut.
»Samstagnachmittag kommt Raoul. Er will mit uns reden«, wechselte Eva das Thema. »Weißt du, was in seiner Familie wieder los ist?«
»Sie reden kaum noch miteinander«, antwortete Denise kurz angebunden, weil sie ihrem Bruder nicht vorgreifen wollte. »Er wird es euch schon erzählen.«
»Dann weißt du also mehr«, murmelte Eva besorgt. »In letzter Zeit passt in unserer Familie kein Stein mehr auf den anderen. Eigentlich haben die Probleme mit Karin begonnen, doch jetzt haben wir seit Wochen nichts mehr von dieser Frau gehört, und trotzdem reißen Kummer und Sorgen nicht ab. Denkst du, Catherine wird sich von Raoul trennen? Hat Raoul etwas gesagt?«
Denise zuckte die Schultern. »Wer weiß das schon. Ich denke, dass es inzwischen zu einem großen Teil an Raoul liegt, dass die beiden nicht zusammenkommen. Raoul hat diese Frau in Freiburg kennengelernt. Seitdem hat es Catherine noch schwerer, ihrem Mann näher zu kommen. Raoul verschließt sich, ich befürchte, er denkt ständig nur an diese Marisa.«
»Glaubst du, er liebt sie?«
»Wer weiß das schon«, sinnierte Denise. »Vermutlich weiß er das selbst nicht mal. Ich könnte mir vorstellen, dass er mit euch darüber reden will und sich von dir oder von Pap die Erleuchtung erhofft. Ihr sollt mit dem Finger schnippen, und dann ist seine Welt wieder in Ordnung, ohne dass er etwas dazu tun muss.«
»Du hast mit ihm geredet?«, fragte Eva noch einmal, weil sie bis jetzt keine zufriedenstellende Antwort bekommen hatte.
Denise nickte. »Er hat mir das gesagt, was ich dir eben erzählt hab.«
»Hat er mit dieser Marisa ein Verhältnis?«
»Das glaube ich nicht.« Heftig schüttelte Denise den Kopf. »Er hat mit ihr ein neues Gefühl bei sich entdeckt, oder besser, ein altes Gefühl, das er längst vergessen hatte. Er glaubt, wieder jung zu sein und verliebt, ohne Konsequenzen und Entscheidungen. Einfach nur Frühling, und er muss keinen Gedanken an den Sommer oder gar an den Herbst verschwenden.«
»Das hast du wunderschön ausgedrückt, mein Töchterchen.« Pierres bewundernde Worte rissen Denise aus ihren tiefen Gedanken. Erschrocken drehte sie sich um. »Warum schleichst du dich immer so an, Pap? Mich trifft noch mal der Schlag, wenn du mir so unerwartet ins Ohr flüsterst.«
Pierre lachte leise auf, wurde aber gleich wieder ernst. »Nicht sauer sein, Töchterchen. Ich wollte dir doch nur sagen, wie stolz ich auf dich bin, und dass ich froh sein werde, wenn du wieder zu Hause bist.«
»Man sollte gerade glauben, ich wollte auf Weltreise zum Mond fahren«, stellte Denise ernsthaft fest. »Ich sag euch gleich, es wird keine Hochzeitsnacht geben oder was auch immer ihr euch darunter vorstellt.«
Eva richtete ihren Oberkörper auf und klopfte gleichzeitig mit dem Korrekturstift auf die Tischplatte. »Das möchte ich doch schwer hoffen«, fuhr sie auf. »Du bist achtzehn, und der Gedanke, du könntest ein Kind von diesem …«, sie machte eine seltsame Handbewegung, indem sie Kreise in die Luft malte, »von diesem Luftikus bekommen, bereitet mir Magenschmerzen.«
Pierre lachte und legte einen Arm um seine Tochter. »Das wird sie ganz bestimmt nicht«, sagte er leise und schmunzelte vor sich hin. »Da haben wir beide schon längst vorgesorgt.« Für einen kurzen Moment legte er seine rechte Hand an den Kopf seiner Tochter und zog sie an sich. Dann ließ er sie abrupt los und verschwand genauso geräuschlos aus dem Zimmer, wie er gekommen war.
Eva starrte wie gebannt zur Tür. »Was war das denn?«, fragte sie leise.
»Das war mein Vater«, antwortete Denise lächelnd und folgte ihm. Sie hatte noch einiges zu packen.
*
Er wirkte wie ein geschlagener Krieger. Sein Oberkörper war vornübergebeugt, als müsse er schwere Kohlensäcke schleppen, und sein Gesicht drückte all die Verzweiflung und Ratlosigkeit aus, die er im Augenblick empfand. Er stand in der Diele seiner Eltern und überlegte offensichtlich, ob er vollends eintreten oder lieber wieder flüchten sollte.
»Wo bleibst du denn, Raoul?«, rief Pierre aus dem Wohnzimmer, wohin er schon mal voraus gegangen war. Er spürte, dass etwas nicht stimmte mit seinem Sohn. Hastig drehte er sich um und lief nach draußen. »Was ist denn los?«
Raoul schaute seinen Vater lange an, als müsse er erst überlegen, was er sagen durfte und was nicht. »Ich störe hoffentlich nicht?« Unsicher blickte er sich um.
Denise ist in ihrer Schule und Eva beim Einkaufen. Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass wir beide erst mal allein sind.«
Raoul schüttelte den Kopf. »Das ist jetzt auch schon egal. Catherine hat mich mit den Kindern verlassen.«
»Wie bitte?«
Der Jüngere nickte. »Sie ist einfach gegangen und hat die Kinder mitgenommen.«
»Warum hat sie das getan?«
»Weil ich ihr das Leben zur Hölle gemacht habe.« Er ging an seinem Vater vorbei ins Wohnzimmer und blieb dann neben dem Sofa stehen. »Sie konnte nicht länger bei mir bleiben, wenn sie überleben wollte.«
»Ja, um Himmels willen, das wussten wir ja alles gar nicht. Warum hast du nicht …?«
»Hätte das was geändert?«
Pierre schwieg eine ganze Zeit lang. »Ich glaub nicht«, gestand er dann leise. »Aber wir hätten wenigstens Bescheid gewusst. Setz dich bitte, ich kann es nicht leiden, wenn du an der Türe stehst, als wärest du ein Besucher und nicht mein Sohn. Erzähl bitte, was passiert ist.«
Stöhnend ließ sich Raoul aufs Sofa fallen und streckte die langen Beine weit von sich. »Angefangen hat alles, als Karin bei uns einzog«, begann er theatralisch zu sprechen. »Und es ging weiter, als sie sich nicht vertreiben ließ. Sie hatte ja eine sehr gute Fürsprecherin, nämlich Catherine. Du weißt, dass ich immer wieder versucht habe, sie aus dem Haus zu kriegen. Catherine jedoch meinte, lieber solle ich gehen als Karin.«
Pierre biss sich auf die Lippen. Diese furchtbare Situation war ihm noch sehr gut im Gedächtnis erhalten geblieben. Damals war in seinem Sohn etwas zerbrochen, das so einfach nicht zu reparieren war. Das hatte er damals bereits gespürt, auch die Angst, die er empfand bei der Vorstellung, er könnte recht behalten.
»Ich dachte, dass sich alles wieder einrenken kann, wenn euer Kind erst geboren ist und Karin das Haus verlassen hat. Anfangs sah es ja auch noch ganz gut aus, oder irre ich mich da?«
»Anfangs mussten wir uns um Emily kümmern. Du weißt, sie kränkelte und war etwas schwächlich. Doch als es langsam besser wurde mit ihr, da …«
»… da hast du Marisa kennengelernt.«
»Woher weißt du?«, fuhr Raoul erschrocken auf.
»Ich glaube, du hast es mal erwähnt.« Pierre wollte Denise nicht verraten, denn von ihr hatte er von dieser Frau erfahren. »Was ist denn jetzt mit dieser Marisa? Siehst du sie öfter?«
Traurig schüttelte Raoul den Kopf. »Marisa lebt in Freiburg, ist ebenfalls verheiratet und hat eine kleine Tochter. Ich war … es war auch nie etwas zwischen uns, das man vor irgendjemandem verheimlichen müsste.«
»Keine Liebesbeziehung?«
Heftig schüttelte Raoul den Kopf. »Natürlich nicht. Ich liebe Catherine und ich liebe meine Kinder.«
»Warum hast du ihr dann die Hölle auf Erden bereitet, Sohn? Das musst du mir erklären. Ich liebe Eva ebenfalls, und ich käme nie auf die Idee, ihr das Leben unnötig schwer zu machen. Es reichen die Ereignisse, die kommen und gegen die man nichts unternehmen kann, um sie aufzuhalten. Also wozu jetzt noch künstlichen Stress erzeugen?«
»Ich weiß ja, dass du recht hast«, stöhnte Raoul verhalten. »Dennoch war ich machtlos diesen Gefühlen gegenüber. Immer, wenn ich Catherine sah, hörte ich ihre spitze Stimme, als sie meinte, mich gegen Karin austauschen zu müssen. Hätte sie mich wirklich geliebt, dann hätte sie so etwas niemals sagen können. Oder gehe ich da von falschen Voraussetzungen aus?« Herausfordernd starrte Raoul seinen Vater an.
Pierre dachte lange nach, dann seufzte er, und schließlich holte er tief Luft. »Also, wenn du mich so direkt fragst, Sohn, dann muss ich gestehen, dass ich damit vermutlich ebenfalls Probleme gehabt hätte. Allerdings darfst du eines nicht vergessen. Ihr habt vier Kinder, die Mutter und Vater brauchen. Sie haben nie gesagt, dass sie bei euch geboren werden wollen. Ihr wolltet sie haben, jetzt habt ihr sie und ihr habt Pflichten euren Kindern gegenüber.«
»Ach nein, das ist jetzt aber eine Neuigkeit, mein lieber Vater«, spöttelte Raoul. »Dann weißt du jetzt sicher auch, welches Pflaster auf welche Wunde geklebt werden muss. Schließlich bist du der Doktor.«
Pierre antwortete nicht. Er spürte die Verzweiflung seines Sohnes, er spürte aber auch die Aggressivität, die ihn gerade befallen hatte. In diesem Zustand war er für ein normales Gespräch ohnehin nicht mehr zu gebrauchen. »Willst du einen Kaffee?«
Raouls Blick kam aus weiter Ferne zurück. »Ja, ein Kaffee wäre jetzt gut.« Er fuhr sich mit der flachen Hand über das Gesicht. »Was ist nur aus unserer glücklichen Familie geworden? Jeder geht seinen Weg, und nur selten führen diese Wege mal wieder in eine Richtung. Ich will … mein altes Leben zurück.« Er unterdrückte ein Schluchzen.
»Niemand kann Wunder wirken«, sagte Pierre und kam gerade mit zwei Tassen frisch gebrühtem Kaffee zurück. Eine davon stellte er vor Raoul auf den Tisch. »Trink, ich hab ihn extra stark aufgebrüht.«
Raoul kam sofort seiner Aufforderung nach, dann blickte er auf die große Wanduhr, die über der Türe hing. »Ich muss wieder zurück«, murmelte er.
»Warum? Wartet jemand auf dich oder musst du noch arbeiten?«
»Weder noch«, gestand Raoul und wich dem forschenden Blick seines Vaters aus.
