Ein Schweizer im zweiten Weltkrieg - Gregory Herger - E-Book

Ein Schweizer im zweiten Weltkrieg E-Book

Gregory Herger

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Beschreibung

Der Roman handelt von der Schweiz im 2. Weltkrieg. Die große Mehrheit der Schweizer war gegen die Nazis. Viele unterstützten Flüchtlingsorganisationen mit Geld oder mit Tat. So konnten etwa 25‘000 Juden illegal aufgenommen und versteckt werden. Allen Großmüttern und Großvätern, die so dachten und lebten, möchte ich dieses Buch widmen. Eine spezielle Widmung geht an jene Menschen, die durch die hartherzige Politik der damaligen Schweizer Regierung ihr Leben verloren haben. Neben der Flüchtlingsdramatik spielten die Aktivitäten der Geheimdienste, die damals in der Schweiz tätig waren, eine weitere wichtige Rolle in meinem Roman.

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Seitenzahl: 305

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis

Auf, nach Davos!

Erster Kontakt

Die Hochzeit

Eine Hoffnung weniger

Der Fall Berthold Jacob

Der erste Verlust

Der Teufel greift nach der Kehle

Die Kriegstrommel schlägt lauter und lauter…

Zweite Chance

Weitere Verluste

Der Krieg weitet sich aus und das Leben?

Neue Hoffnung

Dreht Euch nicht um, ein Doppelagent geht um!

Und der Krieg geht weiter…

Dem Teufel geht der Atem aus

Der Frieden kehrt zurück

Neue Herausforderungen

Lorainne Baxter

Unerwartete Schwierigkeiten und erwartete Freuden

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Auf nach Moskau!

Das letzte Kapitel

Nachwort

Der Jack the Ripper-jäger, Der Aus Dem Eis Kam und Die Wahrheit Enthüllte

Der kleine Lord Teil 2

Auf, nach Davos!

Jakob Amstein sass im Zug, der nach Davos fuhr, hinauf zu Thomas Manns Zauberberg, wie er sarkastisch zu sich selbst sprach oder besser dachte. Was er wohl dort finden wird? Seine Arbeit war er auf alle Fälle los, immerhin hatte er zwei Jahre in einer Treuhandfirma gearbeitet, dann ist er blöderweise lungenkrank geworden. Sein Chef entliess ihn mit der Begründung, dass so eine Krankheit langwierig sei und niemand abschätzen könne, zu wie viel Prozent er noch arbeitsfähig sein werde, kurzum, eine Entlassung sei unumgänglich. Da war er nun, arbeitslos und zudem krank. Doch ganz hoffnungslos war die Sache nicht, denn er war Gewerkschaftsmitglied und bekam daher für sechs Monate Arbeitslosengeld: 50 Prozent seines bisherigen Lohnes, also 250 Franken. War das zum Heulen? Lachen? Oder Grund genug, einen unbändigen Zorn zu entwickeln? Vielleicht würde er auch bald einmal durch das Land ziehen müssen, um irgendwo fremde Ernten einzufahren helfen, so wie es derzeit in den USA der Fall ist. Er sah sich schon als Verdingbursche enden. Überhaupt, befand er, hatte er in seinem Leben nichts erreicht. Weit und breit keine Freundin, geschweige denn eine Ehefrau. Fünfundzwanzig Jahre alt war er und musste sich eingestehen, dass er versagt hatte und jetzt war er auch noch krank. Dennoch war er erwartungsfroh, als er aus dem Zug stieg. Doch auf einmal war es ihm, als lege sich plötzlich eine Kälte über seine Schultern, dabei war es doch erst September und die Sonne schien. Es fiel ihm auch auf, dass einige Menschen beschämt zu Boden blickten, während wiederum andere einem direkt in die Augen sahen. Sein Ärger kam wieder zurück, so ein Empfang, dachte er, das ist mal wieder typisch. Erst, als er im Sanatorium ankam, entwickelte sich der Empfang nach seinem Gusto. «Sie müssen Herr Amstein sein?», so begrüsste ihn die Empfangsdame des Sanatoriums. «Doktor Winzer wird Sie gleich persönlich begrüssen. Nehmen Sie doch noch einen Moment Platz.» Jakob Amstein liess sich in einen der grossen Sessel nieder, die hinter ihm standen. «Grüezi, Herr Amstein.» Mit ausgestreckten Händen und einem breiten Lächeln auf dem Gesicht wurde Amstein von Doktor Winzer begrüsst. «Wie fühlen Sie sich heute?» – «Stabil», antwortete Amstein, worauf beide lachten. «Schwester Margrit wird Ihnen Ihr Zimmer zeigen und nach dem Mittagessen werden Sie das erste Mal inhalieren.» Es gab nun allen Grund, den frostigen Empfang am Bahnhof zu vergessen. Doch Amstein fand einen Grund, der letztlich zu einer Frage an Schwester Margrit heranreifte: «Als ich ankam, war mir, als würde sich ein kalter Hauch über meine Schultern legen. Auf dem Weg ins Sanatorium fiel mir auf, dass einige Leute es nicht wagen, einem ins Gesicht zu sehen, andere wiederum blickten mich feindselig an. Ist hier irgendetwas passiert?» Schwester Margrit sah ihn erstaunt an und nach einer Weile meinte sie: «Gehen Sie heute Abend um halb acht ins Café Schnyder, dort werden Sie eine Antwort auf Ihre Frage bekommen.» – «Gut! Das werde ich tun.» Als er allein in seinem Zimmer war und mit dem Auspacken begann, übte er sich in Manöverkritik. Nach dem Abwägen des Für und Wider kam er zum Schluss, dass wirklich etwas in Davos nicht stimme und er beschloss, er wolle herausfinden, was es denn sei, das da nicht stimme. Die Atemtherapie war anstrengender, als er sich das vorgestellt hatte. Doch obschon er sehr müde war, machte er sich um sieben Uhr auf den Weg zum Café Schnyder, das direkt am Bahnhof lag. Auf der Versammlung war viel die Rede von der Solidarität, doch auch von der Bitternis, vom Rest der Schweiz im Stich gelassen worden zu sein. Konkret ging es darum, dass die Nazis damit begonnen hätten, gewisse Geschäfte, Restaurants und Hotels zu boykottieren. Dies geschah oft durch Drohungen und Zwang gegen Deutsche sowie Erpressung von Deutschen, die hier lebten. Der Mann, der dies alles zu verantworten hatte, hiess Wilhelm Gustloff. Er war der oberste Nazi in der Schweiz und hatte die Aufgabe, die Schweiz auf den Anschluss an Deutschland vorzubereiten. Es muss etwas dagegen getan werden, so war man sich schnell einig. Die Vorschläge reichten von Gegenboykott bis hin zum Mittel der Ausweisung. Plötzlich wurden ein paar Männer als Anhänger Gustloffs enttarnt, denn sie argumentierten holzschnittartig und schönfärberisch. Die Menge im Saal war darüber so aufgebracht, dass die besagten Günstlinge die Flucht ergreifen mussten. In diesem Moment richtete sich der Unmut der Menge gegen Jakob Amstein. Wer er den sei, wurde er angegangen, und als er zur Antwort gab, er käme aus Zürich, schimpfte jemand aus der Menge, dass ein Unterländer gerade das Letzte sei, was ihnen noch gefehlt habe, er solle sich doch, bitte schön, um seine eigenen Sachen kümmern. Jetzt erhob sich Amstein, doch er wollte nicht den Saal verlassen. Nein! Er liess einen grossen Hammer auf den Amboss des Zorns in seinem Herzen fallen. Die Worte, die sich durch diesen Energiestrom entwickelten, trafen die Herzen der Menge im Saal wie Blitze. «Sie sprechen von fehlender Solidarität in der Schweiz, doch heute Abend steht jemand vor Ihnen, der sich mit Ihnen solidarisiert, und was ist Ihre Antwort darauf? Ich soll mich um meine eigenen Angelegenheiten kümmern! Doch wissen Sie was, das hier sind auch meine eigenen Angelegenheiten, oder haben Sie etwa gedacht, dass die Nazis sich mit Davos begnügen würden? Das werden sie nicht, diese Leute werden erst ruhen, wenn die Hakenkreuzfahne über der Bundeskuppel in Bern flattert und dieses Land unterjocht ist. Gebe Gott, dass dies nie geschehen möge, und was ich dazu beitragen kann, will ich tun.» Nach diesen Worten setzte sich Amstein wieder. Bevor jemand etwas erwidern konnte, ergriff der Vorsitzende dieser Versammlung das Wort: «Ich danke Ihnen, für Ihr klares Bekenntnis zu einem freien Davos und zu einer freien Schweiz. Überhaupt seien Sie versichert, dass ein solcher Mann oder eine solche Frau uns immer herzlich willkommen sind.» Stürmischer Applaus erhob sich im ganzen Saal und Jakob Amstein war es, als würde sich ein warmer Hauch auf seine Schultern legen. Die Versammlung endete nach zweieinhalb Stunden mit dem Ergebnis, dass ein Kampf- und Informationsblatt (Die Davoser Rundschau) gegen die Naziwühlerei gegründet werden solle. Ausserdem wurde beschlossen, dass jeder Mann und jede Frau, die sich direkt als Anhänger der Nazis entpuppen, in keinem Geschäft, Restaurant oder Hotel mehr bedient werden solle. Zum Schluss beschloss man, sich in vierzehn Tagen wieder zu treffen, um über weitere Massnahmen zu beraten. Jakob Amstein lag in seinem Bett und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Ob er es wollte oder nicht, er hatte mit seinen Worten eine phänomenale Reaktion ausgelöst. «Vielleicht kann ich doch etwas bewirken!» Dies war die Antwort auf die Frage, die ihn schon länger beschäftigte: «Gibt es etwas, was man gegen die Nazis tun kann?» Bis jetzt wollte er eigentliche immer die Nazis in Deutschland bekämpfen, aber nun merkte er, dass das der falsche Ansatzpunkt war. Durch das, was er hier in Davos gehört und erlebt hatte, war ihm klar geworden, dass früher oder später die Nazis auch die Schweiz ins Reich heimholen wollten, und dies auch dann, wenn die Mehrheit des Schweizer Volkes es gar nicht will. Er wusste, er brauchte mehr Beweise dafür, aber wo und wie würde er sie finden? Ein Zeitungsartikel über Professor Haushofer, den er kürzlich im Tages-Anzeiger gelesen hatte, gab ihm die Antwort. Darin war von einer neuen Landkarte Europas die Rede, in der aufgezeigt wurde, wer Deutscher sein kann und wer nicht. Für die Schweiz, so hiess es, treffe dies nur auf die 3,5 Millionen Schweizer im deutschsprachigen Teil zu. Die Reaktion der Schweizer Presse war Wut und Empörung. Vielleicht wusste Willy Zahn, wo er einen solchen Atlas bekommen könnte. Er besass eine Buchhandlung und hatte in der Versammlung erzählt, was alles die Nazis unternommen hatten, um ihn dazu bewegen, in seiner Auslage keine Bücher mehr auszustellen, die in Deutschland verboten waren. Am nächsten Morgen sah Amstein die Antwort von Willy Zahn. In der Auslage hing nun ein Plakat auf dem stand «In Deutschland verboten!». Darunter eine Anzahl derjenigen Bücher, die in Deutschland nicht mehr verkauft werden durften. Willy Zahn begrüsste Amstein herzlich: «Ah, Sie sind doch der Mann aus Zürich, seien Sie herzlich willkommen!» – «Vielen Dank! Wenn Sie erlauben, werde ich gleich zur Sache kommen. Ich suche den Atlas, der von Professor Haushofer herausgegeben wurde, darin befindet sich eine Landkarte, auf der die Schweiz als ein Teil Deutschlands dargestellt wird.» – «Verstehe», erwiderte Willy Zahn, «Sie wollen wohl in der nächsten Versammlung eine Rede halten und dafür brauchen Sie Material.» Amstein war so perplex, dass er nur mit einem «Ja!» antworten konnte. «Versuchen Sie es doch im braunen Haus, dort bekommen Sie ihn vielleicht umsonst, denn für solchen Schund sollte man nichts bezahlen.» Amstein fand die Idee gut und machte sich auf den Weg zum braunen Haus. Vor diesem Haus standen uniformierte SA-Leute, wie es Willy Zahn erwähnt hatte, als er ihn um eine Wegbeschreibung bat. Er betrat, ohne die SA-Leute gross zu beachten, das Haus und wendete sich dem Empfangsschalter zu. «Sie wünschen?» – «Ich hätte gerne den Atlas von Professor Haushofer. Ich glaube, er heisst ‹Neues Europa›.» – «So was haben wir hier nicht, da müssen Sie schon in einer Buchhandlung nachfragen.» – «Das ist aber schade, denn ich bräuchte dringend die neue Landkarte, die er von Deutschland gezeichnet hat.» Der SA-Mann hinter dem Schalter sah ihn einen Moment lang nachdenklich an, dann öffnete er eine Schublade und nahm eine Broschüre heraus. «Vielleicht kann Ihnen auch das hier weiterhelfen.» Amstein faltete die Broschüre auseinander und sah darauf tatsächlich die Landkarte, die er suchte. «Das hilft mir tatsächlich weiter, haben Sie vielen Dank.» – «Falls Sie an weiteren Informationen über den Nationalsozialismus interessiert sind, würde ich Ihnen empfehlen, an der morgigen Versammlung teilzunehmen.» – «Das würde mich sehr freuen.» Der SA-Mann überreichte ihm eine Einladungskarte. «Zeigen Sie die morgen am Eingang und man wird sie hineinlassen.» Amstein bedankte sich und ging zurück in sein Hotel. Nachdem er zu Abend gegessen hatte, erhielt er einen Anruf von Willy Zahn. «Haben Sie Erfolg gehabt?» – «Ja! Man hat mir eine Broschüre gegeben, auf der die Landkarte von Professor Haushofer abgebildet ist. Aber wissen Sie, was das Beste ist, man hat mich für morgen zu einer Versammlung der Nazis eingeladen.» – «Und da wollen Sie hingehen?» – «Warum denn nicht?» – «Weil es gefährlich ist!» – «Das glaube ich nicht», erwiderte Jakob Amstein, «es ist eher eine gute Gelegenheit, neue Informationen zu erhalten!» – «Sie sollten da wirklich nicht hingehen, überdenken Sie bitte Ihren Entscheid noch einmal.» – «Gut, ich werde noch einmal darüber nachdenken, vielleicht komme ich morgen bei Ihnen vorbei, ich brauche noch andere Bücher.» – «Na dann, bis morgen!» Amstein war sich wohl bewusst, dass es gefährlich sein könnte, aber andererseits könnte es auch sein, dass die Nazis kein Interesse daran haben, noch mehr negative Aufmerksamkeit zu erregen. Am nächsten Abend stand er wieder vor dem braunen Haus. Er zeigte einem der SA-Männer seine Einladung und wurde ins Haus eingelassen. Ein Mann bat ihn, seinen Namen in eine Gästeliste einzutragen, danach erhielt er eine Naziplakette an sein Revers gesteckt und dazu die Ermahnung, diese so lange zu tragen, bis er die Versammlung wieder verlasse. Danach wurde er in einen grossen Saal geführt und man wies ihm einen Platz in der zweithintersten Reihe zu. Was dann folgte, enttäuschte ihn in seinen Erwartungen auf der ganzen Linie. Die Redner leierten in einstudierten Posen ihre nazistischen Phrasen herunter und das versammelte Publikum versuchte, begeistert zu sein. Es war aber nicht zu übersehen, dass das Publikum den Inhalt der Reden zur Genüge kannte und sich somit eine gewisse Sättigung bemerkbar machte. Jakob Amstein überlegte sich, ob er nicht gehen solle, er kramte in seiner Jacketttasche nach seiner Uhr und fand stattdessen einen Zettel. Er nahm ihn nicht heraus, das war ihm hier in der Öffentlichkeit zu gefährlich. Erst, als er allein in einer Toilettenkabine war, nahm er den Zettel heraus. «Die Schweiz ist in Gefahr!» Unterzeichnet war es mit «Ein Freund der Schweiz!». Amstein verliess die Kabine wieder, um zu versuchen, den Schreiber des Zettels zu finden. Da sah er sich zu seinem Schrecken einem SS-Mann gegenüber, beide blickten einander eine Weile lang an. Dann begann sich der SS-Mann die Hände zu waschen. Danach überraschte er Jakob Amstein damit, dass er einen Zettel aus seiner Tasche nahm und ihn Amstein auf sein Spülbecken legte. Ohne ein Wort zu sagen, verliess der SS-Mann die Toilette wieder. Amstein griff sofort nach dem Zettel und kehrte in die Toilettenkabine zurück. Er faltete ihn auseinander und las in derselben Handschrift geschrieben: «Wenn Sie der Schweiz helfen wollen, suchen Sie folgende Adresse in Zürich auf: Walter Meier, Kanonengasse 20, Zürich. Dort werden Sie weitere Informationen erhalten.» Wiederum war das Schreiben mit «Ein Freund der Schweiz!» unterzeichnet. Amstein verliess wie von Sinnen die Toiletten und kehrte in den Saal zurück. Dort setzte Gustloff zu seiner Rede an, er beklagte sich bitter über das Verhalten der Davoser Bevölkerung. Mit scharfen Worten kritisierte er die Ergebnisse der antifaschistischen Versammlung und drohte Gegenmassnahmen an. Seine Rede schloss er mit: «Auch die Schweiz wird einmal erkennen müssen, dass sie deutsch ist und zurück ins Reich geführt werden muss.» Während das Publikum in hysterischen Jubel ausbrach, nutzte Amstein diese Gelegenheit, um sich davonzumachen. Als er wieder in seinem Zimmer war, versuchte Jakob Amstein zu begreifen, was sich gerade abgespielt hatte. War das alles passiert oder hatte er geträumt? Jakob Amstein kramte die beiden Zettel aus seiner Tasche heraus und konnte dann schwarz auf weiss lesen, dass er nicht geträumt hatte. Tausend Fragen auf einmal schossen ihm durch den Kopf, ihm wurde ganz schwindlig. Jakob Amstein legte sich auf sein Bett, um sich zu entspannen und schlief bald darauf ein. Der Schlaf tat ihm gut, und als er erwachte, fand er die Antworten, die er suchte. Als Erstes entschloss sich Amstein mit dem Schweizer Geheimdienst Kontakt aufzunehmen. Zudem beschloss er, keine weiteren Menschen ins Vertrauen zu ziehen. Wie gewohnt brachte Amstein die Therapie hinter sich, doch auf einmal überkam ihn ein Gefühl der Enttäuschung. Ihm wurde bewusst, dass er noch immer ein einsamer Mensch war. Weit und breit war keine Frau, die er kennenlernen konnte. Amstein versuchte sofort, weitere Gedanken dazu zu verhindern, doch er konnte sie nicht stoppen. Er fühlte sich wieder als Versager und das schmerzte ihn. «Warum sind Sie so niedergeschlagen?», fragte ihn Willi Zahn. «War es so schlimm gestern Abend?» Amstein winkte ab. «Das war der Quatsch, den ich in etwa erwartet hatte. Es ist einfach, weil – ich lerne hier keine Frau kennen.» – «Verstehe! Haben Sie morgen Abend schon etwas vor?» – «Nein.» – «Dann fahren Sie morgen Abend nach Davos Dorf, dort findet im Gasthaus ‹Zum glücklichen Ochsen› ein Tanzabend statt. Versuchen Sie dort Ihr Glück.» Die Idee fand Amstein verlockend. Er konnte zwar nicht tanzen, aber das werden die Bauern hier oben auch nicht können. Doch Amstein merkte am nächsten Abend schnell, dass er sich getäuscht hatte. Die Bauern konnten sehr wohl tanzen und beherrschten die Tanzschritte der Brauchtumstänze perfekt. Während er diese mehr oder weniger überhaupt nicht kannte. Nach dem zweiten Tanz hatte Amstein genug. «Dieser Abend ist gelaufen», dachte er, «was jetzt noch helfen kann, ist eine grosse Portion Schnaps.» Er wollte an der Bar gerade seinen ersten Kirsch trinken, da sagte eine Frauenstimme zu ihm: «Tanzen ist ganz schön anstrengend.» Jakob Amstein wandte sich der Stimme zu und sah eine wunderhübsche Frau vor sich. Sie hatte lange braune Harre und war etwa ein halber Kopf kleiner als er. «Ja, vor allem, wenn man nicht tanzen kann wie ich!» Sie musste herzlich lachen. «Übrigens, mein Name ist Jakob Amstein.» – «Ich bin die Lisa Caminzent.» – «Freut mich, Sie kennenzulernen, Frau Caminzent.» – «Sie scheinen mir vom Dialekt her eher nicht aus Graubünden zu kommen.» – «Das ist richtig, ich komme aus Zürich.» – «Interessant!» – «Wie ich sehe, ist Ihr Glas leer, erlauben Sie mir, Sie zu einem Drink einzuladen?» – «Aber gerne», antwortete Lisa Caminzent. «Sind sie zur Kur hier?» – «Ja, ich habe mir eine Lungeninfektion eingefangen, aber ich bin auf dem Weg zur Besserung.» – «Das freut mich für Sie», sagte Lisa Caminzent. «Wissen Sie, dass ich am Samstag mit einer Freundin nach Zürich fahren will? Wir wollen nämlich dort ein paar Einkäufe tätigen und da fehlt uns noch ein männlicher Begleiter.» – «Madame, ich stehe Ihnen gerne zur Verfügung.» – «Gut, seien Sie um neun am Churer Bahnhof, dort werden ich und meine Freundin auf Sie warten.» – «Ich werde da sein!» – «Na dann, gute Nacht.» Sie ging zu einem Tisch, an dem noch ein paar Freunde von ihr sassen und mit ihnen verliess Lisa Caminzent die Gaststätte. Amstein kehrte in das Sanatorium zurück. Er fühlte sich einfach grossartig. Die zwei Tage bis zum Samstag gingen im Nu vorbei. Um zehn vor neun traf Amstein mit dem Zug in Chur ein. Wie vereinbart wartete er vor der Unterführung, er sah dabei unablässig auf seine Uhr und als es fünf nach neun war, meldeten sich die ersten Zweifel. Doch plötzlich stand sie vor ihm, sie hatte ihre braunen Harre zu einem Rossschwanz gebunden und trug einen weissen Hut zu ihrem roten Kleid. Ihre Freundin hatte kurze schwarze Harre und hiess Elsa Cadetsch. Mit einem gewaltigen Zischen setzte sich die grosse, schwarze Dampflokomotive in Fahrt Richtung Zürich. «Leben Sie schon lange in Zürich?», eröffnete Elsa Cadetsch das Gespräch. «Seit meiner Geburt», antwortete Amstein, «sie wird immer meine Heimatstadt bleiben.» – «Ist Ihnen Heimat wichtig?», fragte Lisa Caminzent. «Ja, ich liebe Zürich!» – «Kann nur eine Stadt oder ein Land ihre Heimat sein?», hakte Lisa nach. «Nein! Aber ich habe bis jetzt noch nicht die richtige Frau getroffen, um im schönsten Zuhause zu sein, das man mit Heimat verbinden kann. Die Liebe zur einzig wahren Frau im Leben eines Mannes, die vollkommen Liebe, die von Gott bestimmte Frau, die habe ich bis jetzt noch nicht gefunden.» Es war nicht zu übersehen, dass diese Worte auf Lisa Caminzent grossen Eindruck machten. «Ich fand es ausserordentlich mutig von Ihnen, als Sie in der Versammlung aufgestanden sind und Ihre Meinung sagten, und dann haben Sie sich auch noch in die Höhle des Löwen gewagt. Sie scheinen keine Angst zu kennen.» – «Oh doch», antwortete Jakob Amstein, «ich habe Angst! Aber nicht vor den Nazis. Ich habe eher Angst, dass ich nicht merke, dass ich der von Gott auserwählten Frau gegenübersitze und die Chance ungenutzt vorübergehen lasse.» – «Vielleicht wird Ihnen aber die Frau dabei helfen, dass dies nicht passieren kann.» Jakob Amstein hatte die Leidenschaft in ihren Augen lesen können, er beschloss, diese Leidenschaft mit allen Mitteln zu steigern. Entweder würde der Funke ganz auf sie überspringen oder sie würde sich zurückziehen. Er sah noch einmal in ihre Augen, und es war ihm, als würde pure Liebe zu ihm herüberströmen. Sie waren sich beide bewusst, dass sie sich ineinander verliebt hatten. Doch schon bald sollte eine Frage die erste Belastungsprobe für die wachsende Liebe zwischen beiden werden. Die Frage, ob er verheiratet war, konnte er gelassen mit Nein beantworten! Als sie ihn aber fragte, welchen Beruf er ausübe, kam er etwas ins Schwitzen. Doch dann entschied er sich mutig zu sein und erklärte, dass er seine Stelle wegen seiner Krankheit verloren habe. Er erzählte ihr auch, wo und als was er gearbeitet hatte und dass es sein Traum wäre, irgendwo in der Verwaltung des Kantons Zürich zu arbeiten oder vielleicht auch beim Bund. «Die Zeiten sind hart», antwortete sie, «es kündet sich eine Konjunkturkrise an.» Dass dann bald eine Wirtschaftskrise von noch nie gekanntem Ausmass über die Schweiz hereinbrechen würde, konnte damals niemand ahnen. Sie hatte sich entschieden, sich nicht von ihm abzuwenden, sie spürte, dass er es ernst meinte. Er war froh, dass sie nicht negativ reagierte, doch er fragte sich, ob das so bleiben würde. Doch im Verlauf des Nachmittags fand er immer mehr die Gewissheit, dass dem nicht so sei. Natürlich war es ihnen nicht möglich, sich besser kennenzulernen, da sie nicht wollten, dass Elsa Cadetsch sich ausgeschlossen fühlte. So stand der Spass für den Rest ihrer Einkaufstour im Vordergrund. Bevor sie sich wieder voneinander verabschiedeten, fragte Jakob Amstein: «Darf ich Sie morgen zum Abendessen einladen?» – «Es wäre mir eine Freude», antwortete Lisa Caminzent. «Um welche Zeit darf ich Sie abholen?» – «Um sieben wäre mir am liebsten, Sie müssen beim Haus am Ried läuten.» – «Madame!» Jakob Amstein küsste ihr die Hand zum Abschied. Er verabschiedete sich auch von Elsa Cadetsch. Beide wurden von ihren Eltern in Empfang genommen, während Jakob Amstein sich wieder zu seinem Sanatorium auf den Weg machte. «Wer war der junge Mann?», fragte der Vater. «Er heisst Jakob Amstein und er wird mich morgen zum Abendessen abholen», antwortete Lisa Caminzent. «Er war der Mann, der den Feiglingen in der Versammlung die Meinung sagte, und er war der Mann, der sich ins braune Haus traute.» Nach einem Augenblick des Schweigens sagte ihre Mutter: «Er scheint ein guter Mann zu sein, ich glaube nicht, dass wir morgen Angst um dich haben müssen.» – «Danke, Mutter.» Der Vater schwieg. Nachdem Lisa Caminzent zu Bett gegangen war, überströmten sie noch einmal das unbändige Gefühl der Liebe und der Hunger nach Leidenschaft. Der Strom regte ihre Fantasie an, Bilder des Verlangens ergriffen Besitz von ihr. Sie versuchte die Gedanken zu stoppen, doch es gelang ihr nicht. So liess sie es schliesslich zu und kapitulierte. Auf einmal wurde ihr bewusst, dass Jakob Amstein der Mann sei, den sie heiraten möchte. Er ist zwar noch nicht auf der Ebene, auf der er sein müsste, doch sie würde alles unternehmen, um ihn dorthin zu führen. Jetzt durchströmte sie ein Glücksgefühl, sie spürte wohlige Zufriedenheit. Jakob Amstein hatte von alledem keine Ahnung, er wurde wieder von seinen Ängsten geplagt. Könnte hier etwas Dauerhaftes entstehen? Mich, einen Mann, der versagt hat, lieben? Diese Frau ist eine Nummer zu gross für mich, vielleicht sollte ich morgen gar nicht hingehen. Kein Treffen bedeutet keine Enttäuschung, keine Schmerzen und keinen Verlust des Glaubens an die ewige Liebe. Es war fünf vor sieben abends, als er an ihrer Haustür klingelte. Sie öffnete ihm und bat ihn herein. «Meine Eltern würden Sie gerne kennenlernen.» Jakob Amstein willigte ein. «Das ist meine Mutter Vreni. Und das ist mein Vater Urs.» – «Freut mich, Sie kennenzulernen.» – «Was sind sie von Beruf?», fragte der Vater. Bevor Amstein antworten konnte, tat Lisa das. «Er hat im Moment keine Arbeit, ihm wurde gekündigt, weil er krank wurde.» Der Vater versuchte mit einer anderen Frage Amstein in Verlegenheit zu bringen, aber jeder Versuch wurde durch seine Tochter abgeschmettert. Der Vater beschloss aufzugeben und stellte eine Schlussfrage: «Wie lange werden Sie noch bleiben?» Diesmal antwortete Lisa nicht, sondern starrte Amstein versteinert an. «In zwei Wochen werde ich abreisen, denn dann sollte ich auch ohne Höhenluft wieder atmen können.» Sie war noch immer wie versteinert und konnte kein Wort sagen. Der Vater hingegen freute sich, denn er glaubte der Sache den entscheidenden Todesstoss versetzt zu haben. «Wenn Sie erlauben, würden wir jetzt gerne gehen.» – «Geht nur und habt einen schönen Abend», sagte die Mutter. Wortlos folgte Lisa Jakob nach draussen, sie schwieg noch immer, als sie gemeinsam durchs Laub wateten. «Ich hätte es früher sagen sollen!» – «Ach was!», unterbrach sie ihn. «Lass uns Spass haben!» Sie rannten nun wie kleine Kinder durch die laubbedeckten Strassen und lachten, die Unbeschwertheit war zu ihnen zurückgekehrt. Mittlerweile hatten sie sich auch geduzt. «Wann hast du das erste Mal ein Mädchen geküsst?» Er hörte auf zu kauen und überlegte. «Das war mit elf, ich war in einem gemischten Chor und dort ist es passiert?» – «Das soll die Geschichte sein?» – «Nun, ich habe sie einfach geküsst, äh… ich meine, sie war so wunderhübsch und ich dachte, bei der habe ich sowieso keine Chance und darum dachte ich, ich will wenigstens ein Kuss. Sie war ganz erstaunt und ich bin dann davongelaufen und habe nie wieder ein Wort mit ihr gesprochen.» «Mein Gott! Das ist ja noch ein halber Neandertaler, lässt sich nur von seiner Lust und seinen Ängsten steuern. Na, warte! Aus dir werde ich schon noch einen zivilisierten Mann machen, du wirst lernen, deine Lust und Ängste zu kontrollieren, so wahr mir Gott helfe.» Dies dachte sie nur, zu ihm aber sagte sie: «Du Ärmster, aber mein erster Kuss war auch nicht viel besser und darauf lass uns anstossen.» Er war froh, dass das Thema gewechselt wurde, denn er hatte das Gefühl, dass er wieder was Falsches erzählt hatte. Sie spielten das Fragespiel «Was weiss ich noch nicht von dir?» weiter. Sie waren aber sorgsam bedacht, gefährliche Klippen zu umschiffen. Immer wieder tauchte ein Satz in ihrem Kopf auf: «Du musst etwas gegen seine Angst unternehmen, sonst wirst du ihn verlieren!» Und plötzlich fällte sie einen Entschluss und beendete damit diesen Gedanken. Es begann wieder zu glühen, was genau der Grund war, konnte Amstein nicht sagen. In seinen Gedanken glaubte er, dass es ihm mit seinen Antworten gelungen war, sie zu faszinieren, zumindest das schienen ihm ihre Augen auszustrahlen. Doch er sollte bald begreifen, dass er nicht einen Millimeter ihres Wesens begriffen hatte. «Nein!», sagte sie. «Ich will noch nicht nach Hause, ich möchte hinauf auf die Lichtung, von wo man ganz Davos überblicken kann.» Schweigend sahen sie auf das verträumte Davos hinab, plötzlich fasste sie seine linke Hand und zog ihn zu sich hin, sie sahen sich in die Augen und dann küsste sie ihn heftig auf den Mund. Als sie ihn wieder losliess, sah sie auf einmal die lüsterne Gier in seinen Augen und war entschlossen, ihm eine Lektion zu erteilen. Sie nahm wieder seine Hand und legte sie auf ihre rechte Brust. Er erschrak und machte sich wieder von ihr los. «Was soll den das?», stiess er hervor. «Wolltest du das denn nicht?» – «Sicher noch nicht jetzt!» – «Dann lerne endlich deine Blicke zu kontrollieren!» Er erstarrte zur Salzsäule und sah sie fassungslos an. Sie hatte ihm soeben eine volle Breitseite verpasst. «Wenn es nicht zu viele Umstände macht, möchte ich jetzt nach Hause begleitet werden.» – «Natürlich!» Schweigend wateten sie wieder durch das Laub hinab zum Haus am Ried. «Werde ich dich noch einmal wiedersehen?», fragte Jakob Amstein. «Ich liebe dich, Jakob!» Er war ein Moment lang verblüfft, sah sie an und lächelte: «Und ich liebe dich auch, Lisa! Von ganzem Herzen!» Sie umschlangen und küssten sich, lange und ohne Hast. Zum Abschied strich sie ihm durch die Haare und verschwand durch die geöffnete Haustür. Jakob Amstein schwebte von einem riesigen Glücksgefühl getragen zurück zum Sanatorium, jetzt gab es keine Zweifel mehr. Er hatte es geschafft, endlich wieder eine Freundin zu haben. Eine Frau, die ihn liebte, so wie auch er sie. Eine Frau, die ihn respektierte, so wie auch er sie. Eine Frau, die noch an die grosse Liebe glaubte, so, wie auch er dies tat. Das Leben würde nun anders verlaufen, die Tage der Einsamkeit waren vorbei. Doch dann fielen ihm plötzlich die Briefe ein, die er vom SS-Mann erhalten hatte. «Ich werde sie ihr zeigen, sie muss Bescheid wissen.» Etwa kurz vor elf Uhr am nächsten Morgen rief er sie an und fragte, ob sie nicht Lust hätte, mit ihm den Nachmittag zu verbringen. Sie beschlossen eine kleine Wanderung zu unternehmen. Um ein Uhr holte Jakob Amstein Lisa Caminzent von zu Hause ab. Nachdem sie etwa eine Stunde gewandert waren, kam Jakob Amstein auf die Zettel sprechen. «An jenem Abend, an dem ich im braunen Haus war, hat mir jemand zwei Nachrichten zukommen lassen.» Sie blieb stehen und sah ihn an. «In diesen Briefen bietet der unbekannte Helfer der Schweiz jegliche Unterstützung an.» Sie sah ihn noch immer eindringlich an. «Er nennt in einem dieser Briefe eine Adresse und eine Telefonnummer in Zürich, wo ich mich melden solle, denn dort würde ich mehr Informationen erhalten. Die Frage ist nun, soll ich dorthin gehen oder nicht?» – «Ich finde, du solltest dorthin gehen!» – «Würdest du mich begleiten?» Sie ging auf ihn zu und küsste ihn: «Ja, mein Liebster! Das würde ich sehr gerne.» Er hatte es geschafft, das war die letzte Hürde, die zwischen ihrer Liebe stand.

Erster Kontakt

Als er den Mann später anrief, um einen Termin zu vereinbaren, sagte er: «Ich suche einen Freund der Schweiz!» Der Mann am anderen Ende musste kurz lachen. «Ich versichere Ihnen, diesen Freund haben Sie gefunden. Wenn Sie es erlauben, würde ich Sie gerne als Gast in meinem Haus willkommen heissen.» Sie kamen überein, dass der Samstagnachmittag für alle Beteiligten die beste Lösung sei. Der Freund der Schweiz lebte nicht allein, er hatte eine Ehefrau und zwei Kinder. Er war Handelskaufmann und unternahm viele Reisen. «Was veranlasst einen Deutschen der Schweiz zu helfen?» – «Die Liebe zu meiner Frau! Sie ist Schweizerin und meine Kinder sie sind Deutsche und Schweizer, beides miteinander. – Glauben Sie, dass Hitler in seinem Buch ‹Mein Kampf› die wahre Geschichte seines Lebens er zählt?» – «Keine Ahnung! Vielleicht…», antwortete Jakob Amstein. – «Er lügt, denn das Ganze ist nichts weiter als eine Propagandaschrift und soll ich Ihnen noch was sagen, die meisten Deutschen wissen das! Die erste Nazipartei wurde etwa 1874 gegründet und sie forderte schon damals die Ermordung des jüdischen Volkes. Aber Hitler will uns weismachen, dass der böse Versailler Vertrag an allem schuld ist. Doch wenn man Augen im Kopf hat, kann man nicht übersehen, dass in Deutschland seit Jahrhunderten ein schlimmer und böser Antisemitismus herangewachsen ist. Jetzt wird Deutschland niemand mehr aufhalten können.» – «Doch, wir werden Deutschland aufhalten!», sagte Jakob Amstein. «Sie haben recht, lassen Sie es uns versuchen! Hier habe ich eine detaillierte Aufstellung über die deutsche Wehrmacht. Sie soll spätestens bis 1935 auf 36 Divisionen ausgebaut werden.» – «Das ist ein Bruch mit dem Versailler Vertrag!» – «Es wird nicht der einzige Bruch sein. Ausserdem habe ich hier Dokumente vom Auswärtigen Amt, die beweisen, dass die Nazis von deutschen Steuerflüchtigen Geld erpresst haben. Wie Sie daraus ersehen können, handelt es sich um eine gewaltige Summe. Diese Methoden lassen tief in die Moral der Nazis blicken.» – «Warum denken Sie nur so negativ über Deutschland?», fragte Lisa Caminzent. «Es ist doch auch das Land, das uns Bach und Goethe geschenkt hat?» – «Und was ist mit Richard Wagner?» – «Was soll mit ihm sein? Natürlich ist er ein grosser Komponist.» – «Er wollte aber der Nazipartei beitreten, die 1874 gegründet worden ist. Haben Sie eine Erklärung dafür, was ein Genie wie Wagner dazu veranlassen konnte, einer Partei beizutreten, die die Vernichtung des jüdischen Volkes verlangte?» – «Nein! Die habe ich nicht und überhaupt, vielleicht wollte er gar nicht…» Sie begann nachzudenken und Verzweiflung übermannte sie und sie seufzte: «Oh, mein Gott, es ist wahr!» Jakob Amstein nahm Lisa in die Arme und liess sie an seiner Schulter weinen. «Es ist schwer zu akzeptieren, aber Hitler wäre auch ohne verloren gegangenen Krieg an die Macht gekommen, und er hätte dasselbe getan, was er jetzt tut.» Er machte eine kurze Pause und fuhr fort: «Jetzt haben wir die Chance zu bestimmen, wie hoch der Blutzoll sein wird, den die Welt zu bezahlen hat.» Die Ehefrau des Freundes der Schweiz entspannte die Situation, indem sie Kuchen und Kaffee servierte. Lisa Caminzent konnte nicht wirklich loslassen. «Gibt es keine Hoffnung mehr für Deutschland?» Der Freund der Schweiz sah sie an. «Für die heutige Generation nicht, aber für die zukünftigen Generationen könnte es Hoffnung geben, sofern nicht auch sie die früheren Generationen verraten.» – «Ich verstehe nicht ganz.» – «Es gab viele Menschen, die in der Vergangenheit für Deutschland gestorben sind. Sie traten ein für Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Brüderlichkeit. Sie finden diese Menschen in allen Epochen der deutschen Geschichte bis zurück in die Steinzeit. Die Nazis sprechen davon, dass sich die Germanen vor zweitausend Jahren von den Schwachen getrennt haben und die Starken das neue Deutschland gründeten. Hier beginnt das falsche Nationalverständnis der Deutschen, denn es stellt sich die Frage: Wer waren diese Schwachen und was wollten sie? Zur jener Zeit fanden Völkerwanderungen statt, so steht es zumindest in unseren Geschichtsbüchern. Was für eine Verharmlosung! In Wirklichkeit war es Völkermord, was die europäischen Völker untereinander anrichteten, und im damaligen Germanien gab es Menschen, die sich diesem Wahnsinn widersetzt haben. Es waren nicht einzelne Stämme, aber es waren in jedem Stamm Dutzende von Dörfern, die sich widersetzt haben. Sie taten es immer wieder, obwohl sie sich ihres zukünftigen Schicksals bewusst waren. Sie wurden eiskalt von den anderen ermordet und zu Verrätern gestempelt, doch eigentlich sind sie Helden, auf die wir stolz sein sollten. Vielleicht! Nein! Doch! Sicher werden die nachfolgenden Generationen Hitlerdeutschlands dies einmal so sehen und damit den Saatboden der Nazis zerstören, auf dem der heutige kranke Hass wächst. Dann wird ein Deutschland entstehen, auf das zukünftige Generationen stolz sein werden und das von anderen Völkern in Respekt und Achtung geliebt werden wird. Dieses Deutschland sehnt mein Herz herbei!» Sowohl Jakob Amstein wie Lisa Caminzent gefiel, was der Freund der Schweiz sagte, sie hatten nun beide das Gefühl, tatsächlich einen neuen Freund gefunden zu haben. Einen wirklichen Freund der Schweiz, der ihnen bei den schwierigen und dunkeln Stunden, die noch folgten, treu beiseitestehen würde. Die Lage hatte sich nun endgültig entspannt, auch der Freund der Schweiz hatte nun das Gefühl, Verbündete gefunden zu haben. «Wenn ich diese Informationen an unseren Geheimdienst weitergebe, wird man mich fragen, woher ich das habe. Was soll ich dann antworten?» – «Was ich Ihnen gegeben habe, kommt direkt vom Schreibtisch Hitlers, mein Informant arbeitet in der Reichskanzlei. Diese Informationen gelangen dann über verschiedene Boten zu mir. Sehen Sie, wir sind ein Verbund von Menschen, die Informationen austauschen, die für die Gegner Hitlerdeutschlands wichtig sind, und wir glauben, dass Sie unser Verbindungsmann in der Schweiz werden könnten. Mit diesen Informationen, die ich ihnen gegeben habe, und mit Hilfe ihrer Intuition wird es Ihnen gelingen, in den Schweizer Geheimdienst zu kommen. Wenn Sie dort arbeiten und Informationen erhalten, die für unsere Sache wichtig ist, leiten Sie diese an mich weiter und ich sorge dafür, dass sie die richtige Stelle erreichen.» Jakob Amstein ging in sich, das Für und Wider lief durch seine Gedanken, doch bald bemerkte er, dass es mehr befürwortende Argumente gab als ablehnende, und so entschied er sich dazu, diesem Verbund beizutreten. Er bekam ein Gelöbnis, das er unterzeichnen musste, auf dem stand: «Ich bezeuge vor Gott dem Allmächtigen mit ganzem Herzen für Demokratie, Gerechtigkeit, Brüderlichkeit und Solidarität einzustehen. Ich werde mit aller Kraft Hitler und seine Anhänger bekämpfen und notfalls dafür mein Leben geben. Wo es notwendig ist, werde ich alle Mittel einsetzen, um das Ziel zu erreichen, aber ich werde nie vergessen, dass der Zweck nicht die Mittel heiligen darf. Es gibt eine moralische Grenze, die nicht überschritten werden darf. Wir versuchen, soweit es möglich ist, die Zehn Gebote einzuhalten. Nur so werden wir die Unterstützung Gottes erhalten, um Hitler zu besiegen. Mit diesem Bewusstsein trete ich diesem Verbund bei. So wahr mir Gott helfe.» Die Worte sprachen Jakob Amstein an, es war ihm, als habe er, das selbst geschrieben. Er gab die unterzeichnete Urkunde wieder zurück und sagte, dass diese Worte für immer in seinem Herzen bleiben. «Sobald es mir möglich ist, werde ich Sie mit den anderen Mitgliedern unseres Verbundes bekannt machen.» – «Es wir mir eine Ehre sein», sagte Jakob Amstein. Während der Fahrt zurück nach Davos tauschten Lisa und Jakob ihre Eindrücke aus. Es war schon spät in der Nacht, als sie sich voneinander verabschiedeten. Am nächsten Tag wurde Jakob Amstein mitgeteilt, dass er das Sanatorium bis Montag zu verlassen habe. Man war der Meinung, dass er auch in unteren Höhenlagen wieder zurechtkommen würde. Leider konnte er Lisa erst am Abend erreichen und es war ihr nicht möglich, ihn zu treffen, da sie Besuch hatten. Somit konnten sie keinen Abend mehr zusammen verbringen. Traurig standen sie am Bahnhof und warteten auf den Zug, der sie voneinander trennen würde. Sie versprachen