Ein Seemann und ein Musketier - P. Howard - E-Book

Ein Seemann und ein Musketier E-Book

P. Howard

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Beschreibung

« Marchez ou crevez! » Marschieren oder krepieren!, lautet die Devise aller Fremdenlegionäre, die auch unsere guten alten Freunde, der schöne, verwegene und verhältnismäßig eiskalte Alfons Nobody, der erfahrene Autor John »Keule« Fowler und der vierschrötige Meisterdieb Delle Hopkins besonders beherzigen, als sie sich mit Hilfe aufmüpfiger Unverschämtheiten strafversetzen lassen, um auf die Suche nach dem verschollenen Sohn eines hochrangigen Offiziers zu gehen, weil sie der schriftlich geäußerten Bitte der unbekannten Yvonne, eines schönen, bezaubernden und vornehmen Fräuleins aus Paris, unbedingt nachkommen wollen. Die Suche geht durch dick und dünn mitten in das krokodilverseuchte Land am schwarzen Fluss Kongo, wo sie in einem Sträflingslager für Legionäre endlich fündig werden. Zu ihrem Erstaunen sehen sie dort keine abgezehrten Zwangsarbeiter, sondern gutgenährte, verwöhnte Soldaten, die sich an Kuchen und Zigarren gütlich tun, statt die berüchtigte Kongobahn zu bauen. Sie trauen ihren Augen nicht und wittern eine gigantische Hochstapelei. Mit von der lebensgefährlichen Partie ist auch der gute, alte, bärbeißige Sergent Potrien, dem sie ein für alle Mal abgewöhnen, sie zu schikanieren. Fehlen darf natürlich auch nicht der großnasige Türkische Sultan, ihr notorisch »verdächtiger« Kumpan, dessen Briefe so unverwechselbar sind wie die Rezepte des »großen Levin«, eines geisteskranken Kochs und manischen Feinschmeckers, dessen mysteriöser Ruhm auf den letzten Seiten endlich gelüftet wird. Und natürlich hilft ihnen auch der treue und feine »Herr Doktor Kwastitsch«, Barpianist, Morphinist und Unterweltsarzt aus St. Petersburg, der trotz seiner Leibesfülle mutig über halb gerissene Dschungelbrücken balanciert. Endlich begegnen die drei unerschrockenen Gefährten auch ihrer großen Liebe Yvonne und schlagen sich ihretwegen fast die Schädel ein, bis sie ihnen von den edlen Drei Musketieren erzählt.

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Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Impressum
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13

P. Howard (Jenő Rejtő)

Ein Seemann und ein Musketier

Ein WeltabenteuerAus dem Ungarischen kongenial übersetzt von Vilmos Csernohorszky jr.Elfenbein

Die Originalausgabe erschien 1940

unter dem Titel »A három testőr Afrikában«

bei Nova, Budapest. »P. Howard« ist ein Pseudonym von Jenő Rejtő.Vom selben Autor erschienen bereits in Vilmos Csernohorszkys jr. kongenialen Übersetzungen die Romane

»Ein Seemann von Welt« (2004)

»Ein Seemann und ein Gentleman« (2008)

»Ein Seemann in der Fremdenlegion« (2012)Erste Auflage

© 2014 Elfenbein Verlag, Berlin

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-941184-92-3 (E-Book)

ISBN 978-3-941184-28-2 (Druckausgabe)

Prolog1.

Vier Nationen waren am Tisch vertreten: ein amerikanischer Infanterist, ein französischer Gefreiter, ein englischer MG-Schütze und ein russischer Fleischsalat. Der Infanterist, der Gefreite und der MG-Schütze hatten auf der Bank Platz genommen, der Fleischsalat auf dem Tisch, in einer Schüssel.

Zeit: 7 Uhr nachmittags.

Schauplatz: Afrika, Rachmar, eine abgelegene ­Garnison in einer trostlosen Sahara-Oase, wo einige Dutzend verges­sener Fremdenlegionäre und ein paar armselige Araber dahinvegetierten.

Personen: Identität ungeklärt.

Vorkommnisse: Keine.

Das auffälligste Charakteristikum der Oase von Rachmar bildete der Umstand, dass sie die am wenigsten auffällige und charakteristische Oase Afrikas war.

In ihrer Mitte lag ein Militärlager, umgeben von einer Lehmmauer. Das Ganze bezeichnete sich ohne jeden Grund, nur so aus Gewohnheit, als »Fort«.

Einen Begriff von der Widerstandskraft des »Forts« bot ein jüngerer Vorfall, als nämlich der betrunkene Korporal wütend gegen die Wand trat und gleich darauf schwer verletzt ins Lazarett eingeliefert wurde, nachdem ein Wachtturm über ihm eingestürzt war.

Aber man nannte es dennoch »Fort«. Und eine Nummer gab man ihm auch. Dieses Fort war die Nummer 72 in der Reihe ähnlicher Baulichkeiten in der Sahara.

Hinter der Rundmauer standen ein »Stabsquartier« (ein kleines einstöckiges Haus aus Rohziegeln) und zwei Baracken für die Besatzung. In der Baracke lebten Soldaten, und in den Soldaten eine stumpfe Lethargie – infolge der Hitze und der öden Gleichförmigkeit der Tage.

Ungefähr fünfzig Palmen umringten das Fort: Staubige, matte, magere, halbtote Bäume, in deren Wipfeln eine beklagenswerte Horde gemütskranker Affen herum­lungerte. Diese behaarten Väter der altehrwürdigen Evolutionstheorie wären liebend gern in üppigere Gefilde um­gezogen, wussten aber nicht, auf welchen Pfaden es sie überhaupt hierher ver­schlagen hatte.

Zwischen den Palmen standen acht bis neun schäbige Hütten, die man Duar nannte. Ihr Sinn und Daseinszweck war unbekannt, denn die eingeborenen Besitzer gingen jahraus, jahrein nicht durch die Tür. Aber sie bewegten sich auch nicht von der Türe fort. Wohin sollten sie in der heißen Oase auch gehen? Oder was sollten sie in den Hütten tun? Andererseits war es auch nicht klar, was diese Araber vor der Hütte zu suchen hatten, wo sie doch nur herumsaßen. Aber ist es denn Sinn und Zweck einer Oase, in allem den Gesetzen der Logik zu entsprechen?

Also aßen, tranken, schliefen und langweilten sich die Eingeborenen vor der Hütte. Was erwartete sie schon in der Duar? Ein eingedrückter Topf, einige zerbrochene Habseligkeiten, eine verrottete Matte und ähnliches Gerümpel lagen verstreut auf der gestampften Erde. Außerdem lebten auch einige tausend Fliegen in der Behausung. Das alles war es nicht wert, dass man es aufsuchte, und die Ziege kam auch von selber heraus, wenn ihr der Magen knurrte.

Mittelpunkt der Oase Rachmar war das »Grandhotel«. Abweichend von gleichnamigen europäischen Institutionen war das »Grandhotel Rachmar« ein mieser, kleiner Verschlag und bildete einen einsamen, pathetischen Vorposten des in Europa triumphierenden Bauhausverhaus. Der Besitzer, ein Halsabschneider, dem ein Auge fehlte und der seine zehnjährige Haftstrafe vorschriftsmäßig verbüßt hatte, war nun stolzer Betreiber dieses Speiserestaurants, gegründet mit den Erträgen aus seiner emsigen Vergangenheit. Karawanen, die nach Timbuktu zogen, und durchreisende Jagdgesellschaften bildeten seine größeren Ein­nahmequellen, während die beiden arabischen Gendarmen der Oase und die hundert Mann starke Garnison für den laufenden Geschäftsgang sorgten.

Das Grandhotel brachte, wie der Name schon sagte, die herrschaftliche Illusion der großen, weiten Welt in die Sahara. Zwar hatten sich Würmer aller Art durch die halbzolldicke Wand gefressen, zwar erinnerten diese Löcher in der Wand und die wackligen Bänke nur entfernt an die Wohlfühlabsteigen europäischer Parvenüs, aber war da nicht auch noch ein Radioapparat? Außerdem kamen so gut wie alle zwei Monate die neuesten Tageszeitungen, und vor allem tanzte hier Leila (die arabische Dämonin).

Diese durchaus bemerkenswerte Darbietung verlor aber etwas von ihrer Anziehungskraft durch jenes allseits be­kannte Faktum, dass Leila (die arabische Dämonin) ihr fünfzigstes Lebensjahr schon vor geraumer Zeit vollendet hatte. Der Zahn des Alterns sowie das Messer eines nervösen Eingeborenen hatten auf ihrem Gesicht tiefe Spuren hin­terlassen. Deshalb tanzte Leila (die arabische Dämonin) nur selten, und ihre Einlagen beschränkten sich vor allem auf das rhythmische Schlagen eines fellbezogenen Tamburins. Aber auch dies nur so lange, wie es von den Gästen geduldet wurde. Wenn sie von diesen zur Stille aufgefordert wurde, zog sie sich in eine abgelegene Ecke zurück, wo sie – in ihrer dämonischen Empfindsamkeit zutiefst gekränkt – eine traurige Pfeife rauchte. Abends aber half sie bei der Versorgung der Verwundeten.

Im Allgemeinen hielten sich nur Legionäre im Grandhotel auf. Sie würfelten, tranken oder schrieben Briefe, und manche von ihnen putzten ihre Waffen an diesem Ort, aber abends, ja abends, da schlug man sich lange und ausgiebig. Diese Nummer durfte nicht ausbleiben, so dass ein intelligenter Legionär, der in seligeren Tagen mit der Muse von Pinsel und Staffelei angebandelt hatte, ein neues Schild anfertigte:

GRANDHOTEL

Happy hour: 5 Uhr, Pastis (80 %)

Allabendlich prügelt sich das vornehme Publikum

Prima Stuhlbeine! Beste Erste Hilfe!Eintritt gratis! Austritt ungewiss!

2.

Die anfangs erwähnte Tischgesellschaft aus drei Nationa­li­täten (den russischen Fleischsalat nicht mitgerechnet) hielt eine ernste Beratung ab. Schon seit dem frühen Nach­mittag tagten sie hier, unterhielten sich sehr leise und verstummten ganz, sobald der Besitzer vorbeikam. Dieser einäugige Einbrecher, den verjährte Steckbriefe »Brigeron« nannten, hielt als stolzer Restaurantbetreiber einiges auf seine Kochkünste, so dass er auch jetzt um die drei Soldaten herumschlich, hatten sie doch Fleischsalat bestellt. Es ist nun mal so: Die Legion ist ein merkwürdiger Ort oder Zustand, wo man zuweilen auch einen Gentleman antrifft. Kein Wunder also, dass ein so feines Gericht verlangt wurde. Und Brigeron fühlte, dass er sein Bestes gegeben hatte.

Die Gäste verliehen ihrer Anerkennung lebhaften Ausdruck. Der Fleischsalat war ganz ausgezeichnet, ein Hochgenuss sogar, der durch das Emportauchen eines kaum benütz­ten Lampendochts nicht im Mindesten getrübt wurde. Der Franzose sprach dem Besitzer seine aufrichtige Dankbarkeit aus, während er den petroleumgetränkten Lumpen überreichte. Der Wirt freute sich über das Lob und bedankte sich für den Docht, den er schon abgeschrieben hatte. Wirklich nicht einfach in dieser Gegend, derlei Utensilien zu besorgen.

»Ihre Gerichte sind überaus fein zubereitet, Wertester«, lobte ihn der Engländer.

»Aber, Monsieur«, antwortete Brigeron, der einäugige Bri­gant, »die Kochkunst habe ich bei Lewin erlernt.«

Dies Letztere ließ er immer wieder verlauten und zwar mit einigem Stolz. Niemand wusste, wo sich das Restaurant dieses berühmten Lewin befand, doch der Besitzer des »Grandhotels« sprach mit geröteten Wangen darüber und war zudem ein Mann von solchen Körperkräften, dass niemand es wagte, nach näheren Angaben zu fragen, musste man doch voraussetzen, dass seine berechtigte Entrüstung keine Grenzen mehr kennen und dem neugierigen Frechdachs einen Backenstreich einbringen würde. Außerdem schämte sich jeder, Lewin nicht zu kennen, den Chef, bei dem Brigeron kochen gelernt hatte. Deshalb schlüpften alle in die Rolle des Connaisseurs, sobald sie die schmierige Schwelle des Lokals betraten …

Ein gewisser Korporal hatte die Kost einmal mit diesen Worten gepriesen: »Etwas so Feines hat mir bis jetzt nur Maître Lewin aufgetischt …« Es war offensichtlich eine Schande, von einem Chef, der dem genialen Ritz oder Duval ebenbürtig sein musste, nie gehört zu haben. Mit der Zeit wuchs Lewins Person zu einer Legende, über jeden Zweifel erhaben, und Brigeron wurden solche und ähnliche Worte zuteil: »Lewin hätte es auch nicht besser gemacht …«

»Nun, lieber Brigeron, möchten wir eine Flasche Rotwein. Dann lassen Sie uns bitte allein.«

»Wünschen Sie eine Landkarte? Eine detaillierte Militärkarte mit allen Garnisonen und den wechselnden Flussläufen? Für eine Flucht unverzichtbar!«, versicherte der dienst­fertige Besitzer.

»Aber Wertester … Wieso denken Sie, dass wir flüchten wollen?«, fragte der, den sie Pittman nannten.

»Gäste, die Rotwein bestellen und flüstern, Monsieur, pla­nen immer eine Flucht.«

»Ein anderes Geheimnis könnten wir nicht haben?«

Der Wirt wies mit einer unbeschreiblichen Grimasse zum Fenster.

»Hier?…«

Draußen brannte die Sonne nach Leibeskräften. Die völ­lig teilnahmslosen Palmen ließen Ihre Kronen hängen wie Sterbende ihre Köpfe, und wenn sich einer der mageren Affen langatmig in Bewegung setzte, dann rieselte Staub von ihren welken Säbelblättern … Draußen brachten die Araber Steine zum Glühen: Es war die Zeit, da sie Kesra für den Abend brieten. Aus der Ferne hallte der kurze, langgezogene Befehl zum Abtreten der Wache.

Die abgestandene Luft der Schenke schien von der Hitze Risse zu bekommen, und es summten nicht weniger als eine Million Fliegen. Ein wundenübersäter, skelettartiger Greis zupfte im Hanfrausch wild an seinem weißen Bart und kreischte wie ein Papagei. Im Hintergrund spielten zwei Soldaten. Ihre schwitzenden Gesichter waren gelb angelaufen. Jede Viertelstunde heulte eine runde Uhr auf der Wand heiser auf, als würde sie gleich den Viertelstundenschlag von sich geben, aber dann schwieg sie doch. Ihr rostiges Werk erinnerte sich noch an die guten, alten Zeiten, als es noch pünktlich geschlagen hatte. Der Einbrecher, der seine Kochkünste Maître Lewin verdankte, hatte er seine bittere Frage zu Recht in den fahlen Raum gestellt? Welche Geheimnisse konnte es hier schon geben?

»Bringen Sie den Wein!«, sagte der verträumte, blasse Junge namens Francis. »Wir plaudern über unsere Familien und planen keine Flucht.«

Der Wirt eilte davon und kam mit dem Wein zurück. Aber die Karte brachte er doch mit.

»Auch in Familienangelegenheiten, Messieurs, kann eine Karte überaus hilfreich sein. Einen Kompass haben Sie doch wohl?«

»Wozu?«

»Bei einer verzwickten Familiengeschichte kann so ein Ding schon sehr nützlich sein …«

Da wirbelte Leila (die arabische Dämonin) in die Mitte, um mit ihrem Tanz die Gäste zu unterhalten. Aber einer der Kartenspieler kläffte zähneknirschend:

»Scher dich fort, alte Hexe! Wir wollen Karten spielen, hörst du!«

Leila (die arabische Dämonin) kauerte sich entmutigt in ihre Ecke zurück.

»Wie stellst du dir das eigentlich vor, Pittman?«, fragte jetzt Francis.

»Das würde ich auch gerne wissen«, sagte Thorze, der stämmige Amerikaner.

Pittman, der Engländer, stopfte bedächtig seine Pfeife, dann vertiefte er sich in die Karte, um schließlich zufrieden zu nicken.

»Ja, es ist sonnenklar. Schaut mal her. Nach Süden, Westen, Osten kann man entwischen, im Norden aber versperrt uns die Sahara den Weg.«

»So ist es. Da führt kein Weg hindurch.«

»Wenn einem von uns die Flucht gelingen soll, dann müssen wir heute Abend in drei verschiedene Richtungen los. Und vor Morgen früh dürfen sie die Flucht nicht entdecken.«

»Wozu sich trennen, wenn wir bis jetzt zusammen gekämpft haben?«, fragte der blasse Francis leise.

»Drück dich klar aus, du verschrobener Engländer!«, schimpfte der Dicke.

»Die Garnison zählt fünfundneunzig Mann«, sagte Pittman ungerührt, und drückte den Tabak in seiner Pfeife fest.

»Das wissen wir auch.«

»Das Fort braucht zu seinem Schutz in jedem Fall mindestens die Hälfte der Truppe innerhalb der Mauern. Dies ist der strengste Punkt im Reglement. Begreifst du jetzt?!«

»Verstehe … Ganz schön ausgefuchst«, brummte Thorze, der Amerikaner.

»Ich verstehe immer noch nicht«, beklagte sich Francis Barré.

»Eine Verfolgungstruppe muss mindestens fünfundzwanzig Mann stark sein«, erklärte ihm Pittman.

»Das weiß ich!«

»Siebenundvierzig Mann müssen im Fort bleiben. Fünfundzwanzig Männer gehen nach Osten, um einen von uns zu verfolgen, fünfundzwanzig nach Westen, dem anderen nach, so dass für den dritten im Süden keiner übrigbleibt, da sich in Rachmars Oasenfort nicht mehr als fünfundneunzig Legionäre aufhalten werden, sobald wir unseren nicht ganz vorschriftsmäßigen Abschied genommen haben.«

Thorze schlug auf den Tisch:

»Klare Sache und marsch! Wenn wir in drei verschiedene Richtungen verschwinden, dann kommt einer ungeschoren davon!«

»Genau! Und dieser eine kann sich ruhig bis zur Grenze einer belgischen oder englischen Kolonie durchschlagen! Wer das sein wird, ist reines Glückspiel, und der Gewinner erfährt es, wenn er vierundzwanzig Stunden später immer noch keine Bluthunde jaulen hört.«

Da schwebte Leila (die arabische Dämonin) in die Mitte, um das »vornehme Publikum« mit ihrem Tanz zu beglücken.

»Verschwinde, Alte, lass uns in Ruhe!«, brüllten gleich mehrere der Gäste. »Lass uns Karten spielen und trinken!«

Die renommierte Künstlerin zog sich schmollend zurück und nahm wieder ihre Pfeife, die nach alten, französischen Kammerzofen duftete.

»Und die beiden, die man wieder einfängt?«, fragte Francis Barré.

»Die kommen vors Militärgericht. Sie werden erschossen oder zu den travaux forcés verurteilt. Klare Sache und marsch!«, antwortete Thorze.

»Aber einer von uns hat eine bequeme Flucht«, grinste Pittman.

Die Uhr heulte heiser auf, und es wurde still. Nur die Million Fliegen summten immer noch.

»Jeder nimmt mit, was er kann«, spann Pittman seinen Plan weiter. »Viel ist es ohnehin nicht. Ich denke, wir sollten einander als Erben einsetzen, damit die zwei Pechvögel wenigstens die Habseligkeiten des lachenden Dritten bekommen. Wozu sie dem Magazin überlassen?«

»Klare Sache und marsch!«, pflichtete ihm Thorze bei.

»Wirt!«

»Messieurs?«

»Füller und Tinte!«

»Messieurs, auf der Karte dürfen Wege, die Ihre ganz privaten Familienangelegenheiten betreffen, nur mit Bleistift eingezeichnet werden.«

Er brachte etwas zum Schreiben, und die drei Männer machten ihr düsteres Testament:

Die Unterzeichneten hinterlassen ihre gesamten Habe ihren Freunden namens ……………………… mit denen sie die schweren Jahre ihres Afrikadienstes verbracht haben.

Rachmar, den 17. Februar 19…

»He! Zwirn, komm mal her!«

Der Kerl mit dem unschönen Namen war ein ziemlich magerer Soldat, der immerzu vor sich hin summte. Nicht aus guter Laune, sondern weil er so belämmert war.

»Wir wollen«, sagte der Amerikaner zu Brigeron und dem minderbemittelten Zwirn, »dass, wenn einer von uns in diesem Nest stirbt, die anderen seine Sachen erben.«

»Wer soll sie erben?«, stutzte der einäugige Verbrecherkönig.

»Wer überlebt.«

»Wer überlebt hier schon?«, fragte Brigeron und winkte verächtlich mit der Hand.

»Egal. Sie und Zwirn werden es bezeugen.«

Zwirn grinste so breit, dass seine Mundwinkel fast bis zu den abstehenden Ohren reichten, und wiederholte stolz:

»Der kleine Zwirn ist Zeuge!«

Wie ein Kind redete er oft in der dritten Person über sich selbst.

Die Sonne ging unter, und schlagartig wurde die Luft merklich kühler.

»Ich gehe nach Süden«, sagte Thorze.

»Und du?«, fragte Pittman höflich, die Wahl gleichsam Francis überlassend.

»Ist das nicht egal?«, erwiderte der melancholische Franzose.

Da sprang Leila (die arabische Dämonin) zur Mitte hin­aus, um die Legionäre mit ihrer exotischen Grazie zu erquicken. Indessen streifte ein weggeworfenes Bajonett ihr Gesicht um Haaresbreite, worauf sie sich gekränkt maulend auf ihren Platz zurücksetzte.

»Kann man wirklich nicht nach Norden gehen?«, fragte Francis Barré, da ihn die geringste Hoffnung am meisten verlockte.

»Im Norden liegt die Sahara«, antwortete Pittman. »Selbst eine gut ausgerüstete Expedition hätte da schlechte Aussichten.«

… Nach dem Zapfenstreich kletterten die drei Desperados die hintere Mauer des Forts hinunter, drückten einander die Hand und zogen los. Thorze nach Süden, Francis nach Westen. Und Pittman? Er hielt nach Norden zu, geradewegs auf die Sahara, wo sich seiner Ansicht nach nicht einmal eine Expedition durchschlagen konnte.

3.

Beim Morgenappell fehlten drei Männer. Der Leutnant stellte sogleich fest, dass auch drei Kamele verschwunden waren. Fahnenflucht! Innerhalb von Minuten wussten sie die Namen, und auch die Kamelspuren waren eindeutig: Einer ging nach Süden, einer nach Westen, der dritte nach Norden.

»Was ist Ihre Meinung, mon chef?«, fragte er den Feldwebel. »Wir können nur zwei Trupps aussenden. Schlaue Kerle sind das!«

»Ganz einfach, Herr Leutnant. Wer nach Norden ging, der kommt entweder um oder wird eingefangen.«

»Na gut. Ein Trupp geht nach Süden und einer nach Westen. Mehr Männer haben wir nicht. Wer zuerst wieder im Fort ist, der geht nach Norden und sucht den dritten Mann.«

»Oui, mon chef!«

… Anderntags hatten die Verfolger Thorze eingeholt. Der Amerikaner hatte für einen Augenblick den Funken Hoffnung, sich hinter einem Hügel verschanzen und von dort aus die fünfundzwanzig Mann, die im flachen Gelände nahten, in Schach halten zu können. Aber dann entschied er sich anders. Wenn er nur einen Schuss abgab, war ihm das Todesurteil sicher. Also ergab er sich.

Bis zum Abend hatte der andere Trupp Francis Barré eingeholt. Da lag er aber schon bewusstlos im Sand. Seine Feldflasche hatte ein Loch. Anscheinend würde er den neuen Tag nicht mehr erleben. Zwischen zwei Lasttieren befestigte man eine Bahre. So brachte man ihn zurück.

Nun aber machte sich eine der Truppen eiligst nach Norden auf. Der dritte Ausreißer hatte zwei Tage Vorsprung – im aussichtslosen Gelände der Sahara. Seine Spuren waren im Sand klar zu erkennen. Am anderen Tag schlängelten sich die vielen kleinen Spuren immer noch in die Ferne hinein: die Hufe seines Kamels.

»Einen halben Tag kann er dem Durst noch trotzen. Mehr als zwei Wasserschläuche trägt kein Kamel.«

»Seine englischen Eingeweide sollte man dem Kerl herausreißen!«

Sie wussten, wie stark Pittman war. Bei fünfzig Grad stieg ein erstickender Staub über der Wüste auf. Ein kleiner Luftstrom hätte schon genügt, um die Spuren des Gejagten zu verwehen. Aber das Glück schien Pittman nicht gewogen zu sein.

»Der gemeine Taugenichts!«, krächzte der Feldwebel und schnappte nach Luft. »Er weiß genau, dass er nicht entkommen kann. Trotzdem lässt er einen durch die Wüste stapfen! Ich breche ihm alle Knochen!«

Die Kamelspuren verloren sich in den weiten Hügelwel­len vor ihnen, während sich die Sonne langsam blutrot färbte, und der Himmel grau wurde …

»Da ist er!«

Einer der Soldaten zeigte mit ausgestreckter Hand in die Ferne, wo ein bunter, länglicher Fleck zu erkennen war. Ein Mann und ein Kamel, was sonst?

»Vorwärts!«

Mit zorniger Entschlossenheit hielten sie auf die Düne zu und teilten die zwei Dutzend Männer in zwei Abteilungen, um Pittman zu umzingeln. Dieser versteckte sich hinter dem Hügel. Jetzt hatten sie ihn!

Pittmans Düne erwies sich jedoch als ein Vulkan, aus der sich eine ganze Hölle ergoss: hundert Beduinen, Kampfgeschrei und einige Salven … Sie machten mit den wenigen Soldaten, die keinen Treffer abgekriegt hatten, kurzen, blutigen Prozess. Scheich Izmin steckte seinen tropfenden Krummsäbel wieder in die Scheide und sagte kampfesstolz:

»Allah ist groß. Eine Rotte mehr dieser ungläubigen Hun­de, die in der Gehenna brennen.«

»Scheich!«, trat jetzt Pittman hervor. »Du hast mir bestellen lassen, dass du mich zur großen Nordbahn bringst, wenn ich dir fünfundzwanzig Gewehre beschaffe. Hier sind sie, und viele andere nützliche Dinge, die die Ungläubigen besitzen.«

Der Scheich blickte ihn eine Sekunde lang mit gerunzelter Stirn an. Es war ein gefährlicher Augenblick. Pittman wusste es wohl. Das Wort eines räuberischen Beduinenchefs war nicht die Heilige Schrift.

»Scheich«, fügte er leise hinzu, »die Soldaten werden erfahren, dass ich frei bin. Dann wird dir jeder fluchtwillige Legionär wieder in die Hände spielen, denn dein Wort wird etwas gelten.«

Der Scheich verstand. Wenn er auch das Wort »Propaganda« nicht kannte, so war ihm doch klar, welche Tragweite dem in der Wüste von Mund zu Mund fliegenden Wort zukam.

»Es sei, wie ich gesagt habe, Ungläubiger. Meine Männer begleiten dich, und du bekommst Wasser zum Trinken, so viel du willst.«

Nach einer Stunde zogen acht Kämpfer auf Kamelen mit Pittman in den Norden.

4.

Der Engländer wusste genau, dass seine Flucht trotz dieser Hilfestellung noch lange nicht vollends geglückt war. Nur der unmittelbaren Gefahr, zugrunde zu gehen, war er entronnen.

»Wie heißt die erste Oase an der Eisenbahn?«, fragte er den Kamelreiter neben ihm.

»Okbur.«

»Wie weit?«

»Zwei Tagesritte auf diesen müden Kamelen, wenn wir keine Rast machen.«

»Bist du verrückt? Keine Minute Rast! Vorwärts!«

Trotzdem ruhten sie abends eine Stunde. Danach folgte den ganzen Tag lang ein angestrengtes Traben, und am folgenden Tag wähnten sie in der Ferne so etwas wie ein in die Wüste geworfenes Kleidungsstück.

»Okbur!«

»Einer von euch könnte mir seinen Burnus geben. Ich bin wohl braungebrannt genug, um wie ein Eingeborener auszusehen.«

»Unter den Bergbewohnern gibt es viel Halbblut; die sind auch nicht brauner als du … Hier hast du meinen Burnus.«

»Einer von euch könnte in die Oase gehen.«

»Wie du willst. Ich gehe. Ihr könnt solange hier rasten.«

Über der Wüste flirrten die Sterne am kobaltdunklen Tropenhimmel. Die Eingeborenen brieten etwas auf glühenden Steinen. Pittman aß auch etwas. Dann wickelten sie sich in ihre Decken und schliefen. Nur der einsame Deserteur lag wach und meinte, die Rundfunksender zu hören, die über ihn berichteten. Aber wo keine Garnison lag, hatte er nichts zu befürchten, und ein arabischer Gendarm war für ihn ein Kinderspiel.

Gegen Mitternacht, als der leichte Staub jede Kalorie aufgesogener Hitze von sich gegeben hatte, wurde man starr vor Kälte … Im Morgengrauen bedeckte schneeweißer Reif die Wüste. Die Sonne lag schon wach und rüstete sich zu ihrem langen, beschwerlichen Weg in den Westen, als der Ausgesandte zurückkehrte.

»Nun?«

»Alles in allem nur zwei Goumiers in der Oase. Mit denen wirst du notfalls auch allein fertig.«

»Und die Eisenbahn?«

»Der Wärter ist ein Europäer, der nie nüchtern ist. Dem Häuptling des Araberstammes habe ich gesagt, dass du Scheich Izmins Freund bist. Auf die kannst du dich verlassen. Sie hassen die ungläubigen Hunde, und die Legion hat sich dieses Ortes noch nicht bemächtigt … Sie werden dir beistehen.«

»Danke …«

Auf den Kristallspitzen des Raureifs begannen die ersten Sonnenstrahlen in allen Farben zu funkeln wie ein geheimer Schatz unzähliger feuriger Diamanten, die ein launischer, aber wohlwollender Dschinn auf seinem nächtlichen Flug durch die mondhellen Wolken großzügig grinsend mit vollen Händen über der Wüste verstreut hatte.

Pittman erreichte einen rot bemalten Palmenstamm mit einem Schild:

OASE OKBUR

5.

In der Umgebung des Wärterhäuschens war alles ruhig, nur entlang den Schienen grasten einige verwahrloste Ziegen. Pittman öffnete die Tür und erblickte einen Tisch, an dem ein zerlumpter Mann saß. Sein Gesicht erinnerte an die Schrumpfköpfe Arizonas, die von den Indianern aus Erwachsenenschädeln so geschickt faustgroß präpariert werden, dass sich die ursprünglichen Gesichtszüge erhalten.

»Guten Morgen«, grüßte der Engländer.

»Lassen wir das«, sagte der Mumienkopf heiser. »Was wollen Sie?«

»Ich bin Karawanenführer. Der Trupp ist weiter nach Tim­buktu gezogen, und ich möchte wieder nach Marrakesch.«

»Da sind Sie schön dumm … Warum sind sie nicht mit nach Timbuktu? Wo steckt bloß der Schnaps?«

Nach kurzem Suchen fand er ihn.

»Wann fährt der Zug?«, fragte Pittman, der allmählich die Geduld verlor.

Der Wärter schob sich ein Fischstück in den Mund und zuckte nur die Achseln, während er mit vollem Gesicht aß.

»Mann! Wissen Sie nicht, wann der Zug fährt?«

»Ich weiß nur, wann er ankommt.«

»Und wann kommt er an?!«

»Je nachdem …«

»Wann ist zuletzt einer angekommen?«

»Tja … Heute Morgen ist einer eingefahren, ist aber auch schon wieder fort.«

»Und wann kommt der nächste?«

»In zwei bis drei Wochen … Hängt davon ab. Nehmen Sie Platz.«

Pittman blieb verzweifelt stehen.

»Sind Sie von der Bahn?«

»Ja, schon, aber Musik habe ich auch studiert. Mein On­kel wollte nämlich einen Dirigenten aus mir machen.«

»Wie dumm von ihm!«

»Gar nicht dumm, nur dass mir die Neigung dazu fehlt. Mir ist das Zeichnen lieber. Deshalb bin ich bei der Bahn …«

Der Mann ist schwachsinnig, dachte der Deserteur. Der schrumpfköpfige Bahnwärter trank jetzt Schnaps zum Hering. Seine Augenhöhlen hatten eine rötliche Färbung, als ob er ständig weinte.

»Gibt es gar keinen Verkehr in den Norden? Fährt nur die Eisenbahn dorthin?«

»Die Vögel zum Beispiel …«

»Geben Sie anständige Antworten! Seit wann fahren von hier Züge?«

»Ich bin seit zwei Jahren hier. In der Zeit fuhren die Leute immer nur Zug.«

»Und vorher?«

»Vorher war ich Fagottist bei einem Salonorchester … Aber vom Trinken ist mir die Fähigkeit zu exaktem Blasen verlorengegangen.«

»Reden Sie klar, sonst können Sie was erleben!«

»Mein Herr, wenn das nicht klares Reden ist, was werden Sie dann in einer Stunde sagen? Jetzt haben wir sieben Uhr fünfzehn. Um acht bin ich voll wie eine Haubitze und beantworte alle Fragen mit Volksliedern.«

»Wissen Sie das so genau?«

»Bei der Eisenbahn zählt nur die Genauigkeit. Um sieben Uhr dreißig fährt eine volle Flasche ab, mit Anschluss zum Palmwein um acht Uhr zwanzig. Um neun Uhr zehn fährt eine Person ein.«

»Was für eine Person?«

»Eine arabische Person weiblichen Geschlechts. Sie bringt eine Relaismischung aus zwei Schnapssorten. Um neun Uhr fünfundvierzig habe ich einen Tobsuchtsanfall. Deshalb stau­ne ich darüber, dass Sie mich in dieser ruhigen Phase für nicht zurechnungsfähig halten. Um diese Zeit erkenne ich doch jeden wieder!«

Der Schrumpfkopf redete so unbeteiligt und ausdruckslos, mit einem so vernebelten Blick, und seine maskenhaften Gesichtszüge zeugten so deutlich vom Endstadium des delirium tremens, dass jeder weitere Versuch aussichtslos schien.

»Und ich … soll jetzt zwei Wochen hier warten?«

»Davon rate ich ab. Einen Revolver habe ich, und wenn ich herumtobe, schieße ich durch die Gegend. Aber Sie kön­nen ja im Depot für Straßenbau übernachten. Auf der großen Kiste ist gut schlafen.«

»Danke.«

»Nur müssen Sie aufpassen, wenn Sie rauchen! In der Kiste ist Dynamit. Aber Ihr Mitbewohner wird Ihnen alles erklären.«

»Was für ein Mitbewohner?«

»Ein Offizier mit seinem Burschen.«

Pittman bekam ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend. Er blinzelte zur Depottüre hin und machte Schritte nach hinten.

»Er ist … da drin?«

»Ja, er schläft. Sie bauen eine große Station am Kongo. Er organisiert den Bau. Ich bat ihn um eine Stelle als Stationsaufseher. Muss großartig sein, wenn diese kleine Stelle hier schon so viel Schnaps bietet. Er will aber nicht. Es sagt, es gebe ohnehin schon so viele Missbräuche, obwohl es meiner Ansicht nach gar nicht genug Missbräuche beim Bau einer Kongo-Bahn geben kann.«

Er blickte auf die Uhr und trank, da es gerade sieben Uhr dreißig war, die halbe Flasche Schnaps leer.

»Gehen Sie jetzt, denn schon sehr bald werde ich singen«, warnte der zuvorkommende Trinker seinen Gast.

»Sie haben Recht … Also dann, auf Wiedersehen, Wertester … Wie war doch Ihr Name?«

»Wassilitsch. Wassilitsch Fedor Emmanuel; mütterlicherseits bin ich mit den bulgarischen Guntscheffs verwandt.«

»Und wer sind die?«

»Zwiebelhändler. Im Distrikt von Salegutsch bei Varna.«

Pittman drehte sich um und wollte zur Tür hinaus, aber plötzlich hörte er eine Stimme:

»Ihren Ausweis!«

In der Tür zum Depot stand ein strenger Oberleutnant mit seinem Burschen. Beide hielten Revolver in der Hand. Pittman befand sich mit einem Sprung bei der Tür. Ein Schuss.

»Hinterher! Das ist der Mann!«

Der Flüchtige fiel mit einem Schrei durch die Tür. Er war tot oder verwundet. Der Bursche setzte ihm nach.

»Was wollen Sie von diesem frommen Muselmanen?«, fragte Wassilitsch Fedor Emmanuel entrüstet.

»Dummer Kerl! Der ist auch nicht mehr Araber als ich!«

»Sie sind Araber? Verzeihung, aber ich habe immer gedacht, dass Eingeborene keine Offiziere der Legion sein dürfen.«

»Ich bin kein Araber, und dieser Mann da auch nicht! … Haben Sie nicht das Telegramm erhalten, dass Scheich Izmins Horden einen Trupp Legionäre massakriert haben?«

»Ach! Und der Mann da ist der Scheich!«

»Das ist ein Legionär!«

»Und den haben sie massakriert?«

»Idiot!«

»Das sah ich auch sofort, aber muss man ihn deshalb gleich abknallen?«

»Er hat seine Kameraden an den Scheich verschachert, um desertieren zu können. Sein Name ist Pittman. Denn ich wette meinen Kopf, dass er es ist …«

Der Bursche kam zurück. In der Hand hielt er einen Geldbeutel und einige Dokumente.

»Sie können telegrafieren, Herr Oberleutnant, dass der gesuchte Pittman bei der Flucht verwundet und festgenommen wurde. Hier sind seine Dokumente …«

»Wer hätte das gedacht«, brummte Wassilitsch, »dass dieser einfache Mann … Pittman, der Scheich …« Und er machte einen tiefen Zug aus der Flasche, die wegen der un­erwarteten Ereignisse eine ziemliche Verspätung hatte. Dabei ist Pünktlichkeit alles bei der Eisenbahn…

6.

Fünf Jahre sind seit diesen afrikanischen Denkwürdigkeiten vergangen, deren aufsehenerregendes Nachspiel in John Fowlers schriftstellerischem Werk aufgezeichnet worden ist. John Fowler, der für seine zahlreichen Freunde und verschwindend wenigen Verehrer nur unter dem vielsagenden Pseudonym »Keule« bekannt ist, leistet heute (also fünf Jahre nach obigen Geschehnissen) Dienst bei der Fremdenlegion und hat – zusammen mit dem vorliegenden – bereits zwei Bücher geschrieben. Ich übergebe das Wort an ihn, dessen literarischen Qualitäten unsere Geschichte viel eher entspricht. Wer den Autor nicht schätzt, der sollte wissen, was namhafte Kritiker von ihm denken: Noch in Jahrzehnten wird man von ihm sprechen; besonders diejenigen, die aus dem einen oder anderen Grund einen Kinnhaken von ihm einstecken mussten.

Erstes Kapitel1.

Entgegen dem Drängen meiner Freunde habe ich beschlossen, dieses epochale Romanmachwerk (mein zweites!) zu verfassen. (Ist aus dem Leben gegriffen.) Meine Kumpel haben ebenso wort- wie muskelgewandt auf mich eingeredet, etwas, wovon ich nichts verstehe, sein zu lassen. Da haben sie sich aber getäuscht: Meine Belesenheit erhebt mich weit über den durchschnittlichen Pöbel, auch wenn der Schein dagegen sprechen mag.

Als mein erstes Werk (»Ein Seemann in der Fremdenlegion«) aus der Presse kam, erhielt ich von meinen Verehrern eine Menge Drohbriefe. Sie nannten mich einen Gauner, ein Rindvieh, einen Verräter und einen Spitzel. Aber was kann man schon heutzutage von seinen Verehrern erwarten? Sie schauen nur darauf, dass die Polizei aufgrund meiner kryptosoziologischen Elaborate Hehler, Einbrecher und andere Geschäftspartner mit Fragen belästigt, sie vergessen aber das hohe und hehre Ziel der Literatur: die Diebesgutverwerter und Tresorspechte getreu zu charakterisieren, ihr Milieu und ihr Privatleben aufzudecken und ähnliches.

Delle Hopkins, dem jene seelische Zartheit fehlt, welche der unsterbliche Autor in seinem Meisterwerk »Roccamboles Liebe« als »Filigran« bezeichnet, sprach wie folgt:

»Wenn du noch einmal solchen Schwulst über mich verzapfen tust, Keule, dann komm ich ganz aus meinem Häuschen und schlage dir mit der gut abgehangenen Löwentatze eines altdeutschen Lehnstuhls deinen dicken Seemannsschädel ein.«

Was mag man auf etwas so Niederträchtiges antworten? Einer Wildsau, der jedes Seelenfiligran abgeht …

»Ich werde da sein«, antwortete ich, »du widerliches Groß­maul.«

Dieser zurückhaltenden Andeutung konnte er klar meine Meinung über ihn entnehmen. Delle Hopkins ist ein ganzer Kerl, wurde aber einmal von Jimmy Reeperbahn auf der Fifth Avenue mitten im Stoßverkehrunter Zuhilfenahme einer verchromten Lastwagenstoßstange streng zurechtgewiesen. Das verbogene Ersatzteil hat Nelson Rockefeller, ein prominenter Augenzeuge der kleinen Meinungsverschiedenheit, vom Fleck weg für ein Heidengeld erworben, und es gilt heute als eines der wertvollsten Exponate im New Yorker Museum für konkrete Kunst, mit dem exotischen Namen »Boa constrictor«. Diesem Ding hat es Jimmy zu verdanken, dass er auf dem Kunstmarkt bereits als naives Genie von der Straße gehandelt wird, was ihm jede Menge Piepen einbringt, von denen auch Delle Hopkins etwas abkriegt, ist doch seine Nase seit der Affäre rot und kümmerlich wie eine in Säureessig eingelegte Chilischote. Andererseits verfügt er über gedrungene, entsetzliche Schultern und kurze, dicke Arme, aber dennoch meine ich, mit ihm fertig zu werden.

Alfons Nobody, der in meinem Erstlingsopus als unendlich kaltblütiger und völlig unbekümmerter spanischer Beau mit blauem Blut in den Adern vorgestellt wurde, verlieh seiner Ansicht einen anderen, aber nicht minder dämlichen Ausdruck:

»Dein Buch ist sehr gut, lieber Keule«, sprach er, nachdem er das Manuskript gelesen und mit einem blasierten Gesicht weggelegt hatte. »Nur ist es hinsichtlich deiner Person nicht klar genug.«

»Ich versuche, aufrichtig über mich zu sein – wie die großen Entdecker.«

»Ja, ja, es wird schon einigermaßen deutlich, was für ein Jahrhundertholzkopf du bist, aber wir, die wir dich näher kennen, wissen sehr wohl, dass du viel dümmer zu sein pflegst. Ein Narziss wie du gehört jedenfalls aus der Mytho­logie gestrichen!«

Wozu sich mit so einem streiten? Keine Schöngeister die beiden. Das sagte ich ihm denn auch, aber – anders als diese Banausen – mit gewählten Worten:

»Du hast wohl einen Kurzschluss im Bewusstseinsstrom, he? Was versteht so ein Riesenkamel wie du von der feineren Inspiration? Kein Wunder, dass man dich aus sämtlichen Staaten der Welt für immer ausgewiesen hat.«

Unser Freund mit dem Spitznamen »Türkischer Sultan«, der nicht mit uns in der Legion gedient hat, aber gerne korrespondiert, schrieb mir in derselben Angelegenheit wie folgt:

Lieber Keule!

Du depperter Möchtegernpoet! Iimer schon hob i gwußt, dass. Du bist a großer Bledmann. Aber dass du ein so großer. Bist, das net. Des kanst mir scho glabn. Von miir. Du hältst di wohl für den allwissenden Erzähler. Woaßt, wos du bist? A nixwissender Trottel bist. Her uf! mit der überspannten Kritzelei. du ruhmrediger Lump! Sonst kom ii und mach di zur Minna! Aba gscheit, hostmi! Und wenn ii von dir schreib. Wos du ois gmacht hast. Dann wirst schä einglocht, du damischer Hund du. Aber davon unabhängig. Kann ii dir gaudihalber oans mit dem Dampfpickl verpassen. Was 1 gewichtiges Metallobjegt is. Des schreib ii. Aber was du schreibst. Des is a riesen Schwachsinn. A sautrübe Schmonzette ist des, bzzww. A Roman. Selbstlob stinkt! Merk dir das gefälligst! Rien ne va plus! Oder es setzt was!

Mit ausgerechneter Hochachtung:

Du Hornoxe

Selbstlob stinkt? Na ja, dann stinkt es halt ein bisschen … Der Türkische Sultan befleißigte sich, wie man sieht, eines ausgereiften Stils, der von Brief zu Brief wie ein schelmischer Diamant zu oszillieren schien.

Viel Feind, viel Ehr! Umso weniger kann mich dieser so taktlose Stumpfsinn meiner Freunde davon abhalten, meinen lapidar-pompös gehaltenen, gesellschaftsverändernden Schlüsselroman der sehnsüchtig danach schmachtenden, dankbaren Nachwelt zu präsentieren. Und hier ist er. Viel Vergnügen und Applaus!

2.

Exerzierplatz.

»Gaaa-wu!«*

Wir standen still. Sergent Potriens dünner, spitzer Schnurr­bart und sein ebenfalls schmales Bärtchen bebten leicht. Was war schon wieder los?

»Meine lieben Jungen«, begann er mit einem väterlichen Lächeln, das gut zu seiner ruhigen und sonoren Stimme passte. »Ich habe einen Hosengürtel vor der Kneipe gefunden, wo gestern drei Legionäre fünfzehn mit der Karawane angekommene Händler windelweich geprügelt haben!«

Diese Legionäre können aber auch nie Ruhe geben!

Plötzlich brüllte er los:

»Wo sind die Saukerle? Sie sollen hervortreten. Das ist das Gescheiteste.«

Da hatte er Recht. Wozu musste die ganze Kompanie wegen der drei streitsüchtigen Kameraden herumstehen?

Aber keiner bewegte sich.

»Also lieber nicht?«, spöttelte der Sergent mit einer verbindlichen Miene. »Wenn mich der Präsident der Republik fragt: ›Nun, lieber Potrien, wer sind die drei Soldaten, von denen diese Karawane so schändlich behandelt wurde?‹, ja was werde ich ihm wohl antworten? Na was?«

Wir wussten es nicht.

»Ich werde ihm sagen: ›Mon Président, das waren sicher arabische Jungfrauen in Maskerade, denn von meinen braven Legionären hat sich keiner gemeldet …‹«

Plötzlich ließ er einen markerschütternden Schrei erschallen wie einer, der einen Herzschuss bekommen hat. Von einem nahen Baum flüchteten einige dösende Affen Hals über Kopf …

»Wer hat sich mit diesem Gürtel geprügelt? Wer hat damit den Karawanenführer am Mund getroffen, dass er acht Zähne verlor und kopfüber in die Kamelschwemme fiel?!«

Ein grausamer Streich muss das gewesen sein. Aber das Garnisonsleben macht ja manchen Legionär zu einer wahren Bestie ohne jeden Anstand.

»Wer hat sich mit diesem Gürtel geprügelt, was?!«

Keine Antwort.

»Korporal! Untersuchen Sie alle Hosengürtel!«

Hm … Die Sudaninfanterie trägt Gürtel, die einen halben Zoll breiter sind, und mein Gürtel ist so einer. Wenn es ihm auffällt, bin ich dran. Am Ende wird er noch sagen, dass ich es gewesen bin, der den aufmüpfigen Karawanenführer absichtlich in die Kamelschwemme fliegen ließ. Dabei habe ich wirklich nicht wissen können, dass er so flugtüchtig ist. Wer kann schon bei Nacht das Verhältnis zwischen Gürtelschlag und Flugbahn genau berechnen? Be­sonders, nachdem diese elenden Krämer Delle Hopkins nicht verzeihen konnten, dass er einen Feldstecher, der später verschwand, genauer untersucht hatte. Es war wirklich nicht botmäßig gewesen, ihn zu verdächtigen, nur weil er kurz zuvor mit dem Fernglas hantiert hatte. Wir haben uns ja erst zur Wehr gesetzt, als man uns angriff, nachdem der zart besaitete Hopkins den Mülleimer mitten in ihr Lager geworfen hatte.

»Sieh mal einer an«, dröhnte der Korporal. »Da ist ja ein breiter Hosengürtel! Treten Sie vor, Sie Armleuchter!«

Ich trat vor.

»Was haben Sie da für einen Gürtel?«, herrschte mich Potrien an.

»Für die Hose.«

»Maul halten, Sie Arschnuschelscheißer! Was für einen Hosengürtel tragen Sie?«

»Einen von der Armee.«

Ich war ein wenig begriffsstutzig, wenn Potrien mit mir plauderte, und meinem inneren Monolog blieb ganz einfach die Spucke weg, wenn er mich mit solchen Phantasie­prä­dika-ten apostrophierte. Er vermutete wohl, ich sei seit meiner Geburt schwachsinnig. Wenn er draufkam, dass ich aus­schließ­lich ihm gegenüber so reserviert war, dann saß ich in der Patsche.

»Sie hirnverbranntes, vergreistes Krokodil! Ich habe gefragt, woher Sie diesen Hosengürtel haben. Der stammt doch aus der Sudaninfanterie, oder?!«

»Jawohl.«