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»Verdammte Mistkarre! Haben all die Romane, die wir im Buchklub meiner Cousine Cassandra lesen, mein Gehirn weichgespült? Gibt es Liebe auf den ersten Blick wirklich? Nicht, oder?«
Das Leben ist ein Ponyhof. Davon ist Avery überzeugt, bis ihr Mentor Jack stirbt und sie nicht weiß, wie es jetzt weitergehen soll. Als sie erfährt, dass er sie in seinem Testament bedacht hat und sie einen Teil der Three Birches Farm geerbt hat, ist sie glücklich. Dann lernt sie auch noch Caleb kennen, in den sie sich auf den ersten Blick verliebt. Alles scheint perfekt zu laufen, bis sich herausstellt, wer Caleb wirklich ist …
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Mira Frey
Über die Autorin:
Mira Frey lebt und schreibt in Südtirol. Wenn sie nicht gerade mit Kindern und Jugendlichen Theater macht, erfindet sie Geschichten, wobei sie sich da nicht gern in Schubladen stecken lässt. Aus ihrer Feder stammen Krimis ebenso wie Wohlfühlromane oder Kinderbücher.
Mit Sweet Valentine erfüllt sie sich selbst einen lang gehegten Traum und reist in Gedanken in das fiktive Städtchen Valentine, in dem die Welt noch in Ordnung ist – mit jedem Happy End noch ein bisschen mehr.
Buchbeschreibung:
»Verdammte Mistkarre! Haben all die Romane, die wir im Buchklub meiner Cousine Cassandra lesen, mein Gehirn weichgespült? Gibt es Liebe auf den ersten Blick wirklich? Nicht, oder?«
Das Leben ist ein Ponyhof. Davon ist Avery überzeugt, bis ihr Mentor Jack stirbt und sie nicht weiß, wie es jetzt weitergehen soll. Als sie erfährt, dass er sie in seinem Testament bedacht hat und sie einen Teil der Three Birches Farm geerbt hat, ist sie glücklich. Dann lernt sie auch noch Caleb kennen, in den sie sich auf den ersten Blick verliebt. Alles scheint perfekt zu laufen, bis sich herausstellt, wer Caleb wirklich ist …
Mira Frey
Sweet Valentine 6
Liebesroman
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind
im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© Oktober 2025 Empire-Verlag
Empire-Verlag OG, Lofer 416, 5090 Lofer
Ansprechpartner: Thomas Seidl
Lektorat: Birgit van Troyen
https://www.korrektorat-adlerauge.de/
Korrektorat: Bianca Kober
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise –
nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
Covergestaltung: © Traumstoff Buchdesign traumstoff.at
Covermotive: Firsova Kateryna, GoodStudio und lemono shutterstock.com
Avery
»Danke«, sage ich zum gefühlt tausendsten Mal, schüttle eine Hand, lasse mir einen Kuss auf die Wange hauchen, mich drücken. Ich atme die Gerüche der verschiedenen Menschen ein, fühle die unterschiedlichen Temperaturen ihrer Hände, zwinge mich dazu, die Beileidsbekundungen entgegenzunehmen, wie es von mir erwartet wird. Aber ich fühle nichts. Innen drin bin ich kalt wie Stein. Gefühllos. Leer.
Jack ist tot. Mein Tutor, der Mensch, der mich bei sich aufgenommen und mir eine Perspektive gegeben hat, als ich an all den Möglichkeiten gescheitert bin, die ich hatte, der Mensch, den ich als meinen Großvater gewählt hätte, hätte ich die freie Wahl gehabt, ist tot.
Er war schon lange krank und wir wussten, dass sein Tod unvermeidlich ist, aber egal, wie sehr man sich auf den Tod eines geliebten Menschen vorbereitet, egal, wie viel Zeit man hat … Wenn es dann passiert, ist es immer zu früh. Immer. Zu früh.
»Er war ein guter Mensch«, sagt gerade mein Onkel, der Bürgermeister Sinclair Walsh, und drückt mich an sich.
»Der beste«, fügt Tante Iris hinzu. »Wir werden ihn vermissen.«
Nicht so wie ich, denke ich. Aber was ich sage, ist: »Ihr habt recht. Danke.«
Iris drückt mich an sich, dann wechselt sie diesen betretenen Blick mit ihrem Mann, in dem sie sich darüber verständigen, ob es noch zu früh ist, die Trauerfeier zu verlassen.
»Brauchst du Hilfe?«, fragt Iris. »Sollen wir dir helfen aufzuräumen?«
Ich schüttle den Kopf. »Das schaffe ich allein.«
Und ich meine es so. Ich will jetzt einfach allein sein. Ich will, dass all diese Menschen, die sich in der Zeit vor Jacks Tod keinen Deut um ihn geschert haben, verschwinden und mich mit meiner Trauer allein lassen. Es kann sowieso keiner verstehen, was in mir gerade abläuft. Für sie alle bin ich Avery, die Tochter von Andrew und Amalia Walsh, die auf Jacks Farm als Pferdemädchen gearbeitet hat. Trotzdem kondolieren sie mir – einfach, weil von Jacks Familie niemand beim Begräbnis aufgetaucht ist.
Nicht, dass die Familie es nicht wusste. Als sein Tod immer näher gerückt ist, hat Jack einen Privatdetektiv damit beauftragt, die Mailadresse seines Sohnes in Australien herauszufinden. Als er sie dann endlich hatte, war er zu schwach, um ihm selbst zu schreiben, und hat mich gebeten, das zu tun. Natürlich nach seinem Diktat. Gekommen ist trotzdem niemand. Nicht bevor er gestorben ist und nicht danach. Und obwohl ich weder seinen Sohn noch dessen Familie jemals getroffen habe, verspüre ich nichts als Verachtung für sie in mir.
»Wir werden die Erinnerung an ihn in unseren Herzen bewahren«, sagt Donna, unsere Kräuterhexe, und umschließt mit beiden Händen meine rechte. »Was passiert jetzt mit der Farm?«
Da ist sie, die Frage, die ich die ganze Zeit schon zu verdrängen versuche. Was passiert jetzt mit der Three BirchesFarm? Meinem Zuhause, dem Ort, an dem Jack mir gestattet hat, mich auszutoben, jede meiner Ideen zu verwirklichen. Die Sache mit den Alpakas zum Beispiel, oder die Tiertherapie. Irgendwann werden Jacks Angehörige ihr Erbe antreten. Wird es dann auf der Farm noch einen Platz für mich und meine Tiere geben?
»Ich weiß es nicht«, sage ich.
»Gibt es Familie?«
Ich nicke. »Einen Sohn.« Einen beschissenen Sohn, der nicht einmal zum Begräbnis gekommen ist.
»Wo sind sie?« Donna sieht sich um, als bestünde tatsächlich die Möglichkeit, dass sie jemanden übersehen hat, was lächerlich ist. Die Zahl der Trauergäste ist überschaubar, noch dazu stammt jeder hier aus Valentine und so groß ist das Städtchen nicht, dass ein Fremder nicht auffallen würde.
Ich hebe die Schultern. »Haben es wohl nicht geschafft.« Hä? Bitte wieso entschuldige ich die Idioten auch noch? Ich könnte mich ohrfeigen. Eine Antwort wie: »War ihnen wahrscheinlich nicht wichtig genug« wäre passender gewesen, aber ich schweige.
Doch auch ohne dass ich das sage, zieht Donna offenbar dieselben Schlüsse, denn über ihr Gesicht legt sich ein Ausdruck von Verachtung. »Das hat Jack nicht verdient«, sagt sie.
Ich nicke verkrampft, lasse ihre Umarmung über mich ergehen. So wie die unzähligen weiteren Umarmungen, die noch folgen, als sich die Trauergäste nach und nach verabschieden. Mom und Dad bleiben zusammen mit meinem Bruder Hunter als letzte übrig.
»Wir helfen dir noch beim Aufräumen«, sagt Mom.
Doch ich lehne auch ihre Hilfe ab. Ich will meine Ruhe haben. Hunter sieht mich forschend an, erkennt, was für ein Sturm in mir tobt und dass ich allein sein will. Er ist einer der aufmerksamsten Menschen überhaupt und sehr einfühlsam, obwohl er auf den ersten Blick etwas finster rüberkommt. Daher wundere ich mich nicht, als er Mom seinen Arm um die Schultern legt und meint: »Lass Avery mal zu sich kommen, Mom. Wenn sie Hilfe braucht, sagt sie es.«
Ich schenke ihm ein dankbares Lächeln, das sich irgendwie seltsam auf meinem Gesicht anfühlt. Dann sehe ich zu, wie er Mom und Dad aus dem Haus begleitet.
Übrig bleiben halbvolle Platten mit Kanapees, schmutzige Trinkgläser, eine Sonnenbrille und eine Stille, die schwer auf meinen Schultern lastet.
Nicht, dass es vor Jacks Tod laut war auf Three Birches. Im Gegenteil. Die Farm liegt weit abgelegen. Hierher kommt man, indem man über eine Covered Bridge fährt, danach führt ein Traktorweg zu dem Gehöft, das zwischen Weiden gelegen ist, und von dem aus man einen herrlichen Ausblick auf den Blueberry Lake hat – sorry, den Heart Lake.
Mein Onkel Bürgermeister hat ja vor Kurzem durchgesetzt, dass der See umbenannt wird, damit er ins Marketingkonzept der Stadt passt. »Be My Valentine All Year Round.« Das wird schon auf dem großen Willkommensschild verkündet, das seit ein paar Wochen an der Einfahrt zu unserem Städtchen steht und mir jedes Mal einen Würganfall beschert.
Diese ganze Disney-Romantik, der wir uns hier plötzlich alle unterordnen müssen, ist zum Kotzen. Noch bescheuerter finde ich allerdings, dass wir uns von Sinclairs Spleen unter Druck setzen lassen. Voriges Jahr zu Thanksgiving kam irgendwie auf, dass wir Walsh-Nachkommen alle single wären und diese alte Hexe Mrs. March hat ganz subtil die Idee ins Spiel gebracht, dass wir einen Pakt abschließen sollten. Wer bis zum nächsten Thanksgiving keinen Partner hat, muss den anderen ein Jahr lang die Wäsche waschen, oder so. Und wir sind tatsächlich auf den Vorschlag eingegangen. Im Scherz! Zumindest war ich der Meinung, dass das so war. Wer schließt denn im Ernst so einen Pakt? Aber dann hatte plötzlich Savannah ihren Tyler und Kelsey ihren Eric … Der Reihe nach kommen alle meine Cousins unter die Haube und wenn ich so nachzähle, sind jetzt nicht einmal mehr die Hälfte von uns noch Singles. Ich hoffe nur für die anderen, dass es sich um echte Liebe handelt, nicht um die Erfüllung dieses Paktes, denn sonst steht uns in Valentine bald eine Serie an Scheidungen bevor …
Jedenfalls habe ich für diesen Unsinn gerade keinen Kopf. Grundsätzlich kann ich mit dem Konzept von Liebe wenig anfangen. Klar hab ich auch schon ein paar Beziehungen hinter mir – immerhin bin ich achtundzwanzig –, aber ganz ehrlich: Müsste ich mich zwischen einem Pferd und einem heißen Mann entscheiden, ich würde in neunundneunzig von hundert Fällen das Pferd nehmen. Jetzt noch mehr als früher. Mein ganzes Denken und Bangen ist auf diese Farm gerichtet. Darauf, ob sich der Sohn bald meldet und ob er sich vielleicht zu einem Pachtvertrag überreden lässt – auch wenn sich bei dem bloßen Gedanken an die Kosten in meinem Magen ein Knoten bildet. Aber da gibt es auch diese kleine Hoffnung, dass er überhaupt nicht reagiert, und ich auf der Farm weiterhin schalten und walten kann, wie es mir gefällt. So als ob Jack noch hier wäre …
Bei dem Gedanken an ihn bildet sich ein neuer Knoten in meiner Kehle. Es wird nie wieder so sein, als wäre er hier. Egal, wie diese Sache hier ausgeht: Jack ist nicht mehr da. Er wird mir so sehr fehlen. Seine Ratschläge zu allen Lebensfragen, seine Weisheit, seine wertschätzende Art.
Bevor ich doch noch in Tränen ausbreche, setze ich mich in Bewegung. Ich reiße alle Fenster auf, staple das Geschirr und bringe es in die Küche, dann mache ich mich auf in die Ställe. Die Tiere brauchen Futter und Wasser. Nur, weil ich nicht weiß, wie es nun weitergehen soll, dürfen sie nicht leiden.
Also tue ich, was ich immer tue: Ich mache meine Arbeit.
Zuerst lasse ich Buddy aus seiner Box. Der Australian-Shepherd-Mischling musste wegen der Trauergäste den ganzen Tag in seinem Zwinger zubringen. Überglücklich springt er um mich herum, bellt, saust wie verrückt in einem weiten Bogen über den Hof, rennt in einem Scheinangriff wieder auf mich zu. Dann wirft er sich auf den Rücken vor mir in den Schlamm, bettelt um Streicheleinheiten, die ich ihm natürlich angedeihen lasse. Es dauert eine ganze Weile, bis ich aufstehen und mich um die Pferde kümmern darf, die normalerweise frei wie der Wind über die großzügige Weide laufen. Nur sollte gestern der Tierarzt für die jährliche Impfung kommen und da er es nicht geschafft hat, warten sie eben noch in ihren Boxen. Ich mache mir einen geistigen Vermerk, dass ich später erneut bei Doc Mallony anrufe. Er kommt langsam in die Jahre und in letzter Zeit ist er etwas vergesslich. Ich fürchte, dass er auch unsere Impfung nicht mehr auf dem Schirm hat.
Meine Appaloosa-Stute Mitena stupst mich tröstend an, als wisse sie genau, was in mir drin los ist. Ich schlinge meine Arme um ihren Hals. Ich war damals bei ihrer Geburt dabei. Eine ganze Nacht lang habe ich ihre Mutter Kiona gepflegt und getröstet und als am Morgen dann das kleine Fohlen im Stroh lag, war ich mindestens genauso stolz wie die Pferdemama. Jack erlaubte mir, ihren Namen auszuwählen und ich entschied mich für Mitena, was in der Sprache der Abenaki »Geboren in einer Vollmondnacht« bedeutet. Und dann hat er sie mir geschenkt. Ich erinnere mich noch genau an diesen Tag. Ich war damals sechzehn, pferdeverrückt und das, was man einen schwierigen Teenager nennt. Launisch, hochemotional und vollkommen durchgedreht. Nur bei Jack und seinen Pferden kam ich zur Ruhe. Diese kleine Appaloosa-Stute war das beste Geschenk, das er mir machen konnte.
»Jetzt werden wir ohne ihn auskommen müssen, meine Schöne.« Ich kraule sie an der Stirn, was sie liebt.
Mitena schnaubt leise, als könne sie verstehen, was ich sage, und ich bin überzeugt, dass es so ist. Vielleicht versteht sie nicht die Worte, aber ganz sicher erfasst sie meine Gefühle. Ein Stupser, dann beugt sie sich über ihren Futtertrog.
Egal wie traurig du bist, du musst essen, bedeutet das wohl.
Ein Lächeln stiehlt sich auf mein Gesicht. Botschaft angekommen. Ich gebe eine Schaufel Kraftfutter in ihren Trog, dann bekommen die anderen Pferde ihre Ration. Kiona, die mittlerweile in die Jahre gekommen ist, Pocahontas, Yona, Anuk und Nakoma – sechs Indianerpferdchen, die ich über alles in der Welt liebe. Ich miste ihre Boxen aus, dann geht es weiter zu den Schweinen, den Ziegen und zum Schluss statte ich den Alpakas auf der Weide einen Besuch ab.
Es ist eine kleine Herde, die nur auf mein Betreiben hier auf der Farm ist. Auf Jacks Rat hin habe ich eine Ausbildung zur Tiertherapeutin absolviert. Er war der Meinung, dass unsere Pferde dafür geeignet sein könnten, doch bei einem Kurswochenende habe ich Bekanntschaft mit Alpakas gemacht und mich sofort in diese sanften Tiere verliebt. Jack hat mich dabei unterstützt, eine kleine Herde anzuschaffen.
Mein Liebling ist Snow White, eine weiße Stute, die nicht nur einen Menschen geheilt hat. Aber ich mag auch die anderen. Die etwas zickige Cinderella, die Sleeping Beauty, Prince, Beast, Dwarf, Dragon und die beiden Geschwister Hänsel und Gretel – alles Märchenfiguren und märchenhaft ist in meinen Augen, was für eine Wirkung sie auf Menschen mit einer kranken Seele haben.
Als wüsste sie genau, was in mir los ist, kommt Snow White auf mich zu und stupst mich an. Ich vergrabe meine Finger in dem flauschigen Fell und lasse zu, dass das Alpaka seine Magie an mir ausübt. Der Knoten in meiner Brust löst sich und die Tränen, die ich seit Jacks Tod zurückgehalten habe, füllen meine Augen und fließen über die Wangen. Endlich kann ich weinen.
»Ich liebe euch«, sage ich, während ich Snow White zwischen den Ohren kraule, »und ich habe echt keine Ahnung, was ich tun soll, wenn morgen jemand aus Jacks Familie auftaucht und mir sagt, dass ich mit euch verschwinden soll.«
Snow White gibt diesen süßen Laut von sich, der so typisch für Alpakas ist. Es klingt, als wolle sie mich trösten.
»Du hast recht«, sage ich. »Erstens ist niemand in Sicht – und vielleicht kommt auch nie jemand. Schließlich hat sein bescheuerter Sohn nicht einmal auf die Nachricht reagiert, dass Jack im Sterben liegt. Und wenn er doch kommt, dann … lässt er vielleicht mit sich verhandeln. An der Farm scheint ihm ja nicht wirklich was zu liegen.«
Ich hoffe, dass ich nicht zu viel verspreche.
Caleb
»Danke«, sage ich zum gefühlt tausendsten Mal, schüttle eine Hand, lasse mir einen Kuss auf die Wange hauchen, mich drücken. Ich atme die Gerüche der verschiedenen Menschen ein, fühle die unterschiedlichen Temperaturen ihrer Hände, zwinge mich dazu, die Beileidsbekundungen entgegenzunehmen, wie es von mir erwartet wird. Aber ich fühle nichts. Innen drin bin ich kalt wie Stein. Gefühllos. Leer.
Dad ist tot. Einfach gestorben. Ohne irgendeine Ankündigung. Vor einer Woche war er noch wie immer, hat mit mir zu Abend gegessen und das Rugby-Spiel Canberra Brumbies gegen Melbourne Rebels angeschaut, und dann, am nächsten Tag, war er tot. Der Arzt hat einen Infarkt festgestellt und gefragt, ob er sich wegen etwas aufgeregt hat.
Die Antwort ist: ja. Er hat an jenem Tag eine Nachricht von seinem Vater, meinem Großvater, bekommen. Das war das erste Mal in meinem ganzen Leben, dass sein Erzeuger versucht hat, ihn zu erreichen. Eine verdammt lange Zeit. Ich habe sie gelesen. Das Fenster mit dem Mailprogramm war geöffnet, als ich Dad mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden neben seinem Bürosessel gefunden habe.
Mein lieber Sohn, bitte komm nach Hause. Ich bin schwerkrank und möchte dich noch einmal umarmen, bevor ich gehe. Lass uns Frieden schließen. Dad
Die Mail hat ihn furchtbar aufgeregt, wie alles, was mit meinem Großvater zu tun hatte. Meinen Großvater in den Staaten, den ich bis zum heutigen Tag nie gesehen habe, den ich auch nie sehen will. Er hat meinen Vater zeit seines Lebens ignoriert. Kein einziges Mal hat er uns besucht, er hat weder geschrieben noch angerufen. Er hat ihn mit Nichtbeachtung gestraft. Und dann, am Sterbebett, will er Frieden schließen. Ja klar.
Ich kann verstehen, dass diese Mail Dad so aufgeregt hat. Nachdem mein Großvater ihn ein Leben lang gemieden hat wie die Pest, will er sich auf dem Sterbebett plötzlich versöhnen. Er schnipst mit dem Finger und sein Sohn hat in den Flieger zu springen, um zu ihm zu eilen.
Dabei war er es, der meine Eltern damals vergrault hat. Ich glaube, Dad hat sein ganzes Leben darunter gelitten, dass sein Vater ihn nicht geliebt und ihm ständig nur seine Unzulänglichkeit vor Augen gehalten hat. Irgendwann war es so schlimm, dass er mit Mum nach Australien ausgewandert ist und sein Glück auf der Farm von Mums Eltern gesucht hat. Seit jenem Tag war Funkstille zwischen Dad und seinem Vater.
Gefunden hat er sein Glück übrigens auch in Australien nicht. Mum ist gestorben, als ich sechzehn war. Ein Jahr später sind innerhalb von wenigen Tagen Abstand Granny und Grandpa gegangen. Und die Farm … Na ja, vielleicht hätte es noch was werden können damit, wenn Dad nach Mums Tod nicht alle Freude und Kraft verloren hätte. Doch das hat er und so ist sie zunehmend verlottert und wirft inzwischen kaum mehr was ab. Man müsste sie von Grund sanieren, auf Rinder umsteigen – wer braucht schon Schafe? – und alles modernisieren. Aber dazu fehlt das nötige Kleingeld und so ist das Ganze ein Teufelskreis. Zu meinem Glück hat Dad darauf bestanden, dass ich Veterinärmedizin studiere. Ein sicheres Einkommen, ein angesehener Beruf. Mir fehlt nur die letzte Prüfung, danach muss ich ein Praktikum bei einem Tierarzt in Brisbane machen, bevor ich praktizieren kann. Ich bin nicht auf die Schafe angewiesen, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten.
»Er war ein guter Mensch«, sagt gerade mein Nachbar Anthony. »Weißt du schon, was du mit der Farm machst? Du behältst sie doch, oder?«
Der lauernde Blick verrät mir, dass seine Hoffnungen in eine völlig andere Richtung gehen.
»Eine gut geführte Schaffarm ist eine Investition«, fügte Edith, seine Frau hinzu. »Allerdings auch eine große Aufgabe. Du wirst dein Studium doch nicht abbrechen, oder?«
Ich schüttle den Kopf. »Nein, es fehlt nicht mehr viel und mein Vater hätte sich gewiss gewünscht, dass ich es abschließe.«
»Na ja, vielleicht schaffst du es ja, zwischen der Farm und Brisbane zu pendeln«, meinte Anthony. »Sind ja nur etwa vierhundert Kilometer.«
»Vierhundertachtzig« berichtigt ihn seine Frau. »Ein Klacks.«
Ich verziehe abschätzig die Mundwinkel. Etwa fünfeinhalb Autostunden dauert die Strecke von Brisbane zur Farm, die irgendwo im Nirgendwo an der südlichen Grenze von Queensland liegt. Edith weiß genauso gut wie ich, dass es für mich nicht möglich ist, mich darum zu kümmern und gleichzeitig zu studieren.
»Wenn du Hilfe brauchst, gib uns Bescheid … oder wenn du darüber nachdenkst, die Farm zu verkaufen.« Anthony sieht mich gespielt mitfühlend an.
Ich schlucke die harsche Erwiderung, die mir auf den Lippen liegt, hinunter. »Ich werde daran denken«, sage ich, dann winde ich meine Hand aus seinem Griff. »Danke.«
Verfluchte Kängurukacke, denke ich. Und dann verfluche ich auch noch meinen Großvater, der mit dieser Mail meinen Vater ermordet hat. Ich wünsche ihm die Pest an den Hals.
Endlich sind alle weg. Um der drückenden Stille zu entkommen, verlasse ich das Haus und gehe nach draußen, wo ich Muddy Buddy rufe. Mein Australian-Shepherd-Rüde zischt sofort um die Ecke.
»Lass uns ausreiten«, sage ich.
Buddy tickt aus. Obwohl er auf der Farm herumlaufen kann, soviel er will, obwohl er jede Freiheit hat, die ein Hund nur haben kann, ist es für ihn das größte Geschenk, wenn er mit mir ausreiten darf. Mit seinem überdrehten Gebaren schafft er es sogar, mir trotz meiner Trauer ein Lächeln auf das Gesicht zu malen.
»Verrücktes Huhn«, sage ich. Dann gehe ich in den Stall und hole den Sattel für Daisy, meine in die Jahre gekommene Stute, und mache mich damit auf zur Koppel, wo sie bereits auf mich wartet.
Auf dem Ritt durch das Gelände begutachte ich es aus den Augen eines Fremden. Die Zäune sind marode, die Wasserleitungen undicht, die Schafherde ausgedünnt. Man könnte mehr machen aus dem Land. Aber während ich es betrachte, frage ich mich: Will ich das?
Was will ich überhaupt?
Und plötzlich wird ein Gedanke greifbar, der die ganze Zeit seit dem Tod von Dad schon da war. Rache. Ich will Rache. Ich will dem alten Mann in den Staaten ins Gesicht sagen, dass er ein Arsch ist und dass er den Tod seines Sohnes verschuldet hat.
»Ich will, dass es ihm weh tut, Buddy, verstehst du das? Und ich werde dafür sorgen. Und wenn es das letzte ist, was ich tue.«
Ich hoffe, dass ich nicht zu viel verspreche.
Avery
Ein paar Wochen sind seit Jacks Tod vergangen und auch wenn er mir nach wie vor jeden Tag fehlt, habe ich doch wieder in meine Routine gefunden. Die Farm muss versorgt werden. Die Tiere können nicht warten, bis Perkins, der Nachlassverwalter, diesen verdammten Sohn aufgetrieben und von ihm herausbekommen hat, was mit der Farm geschehen soll. Sie müssen gefüttert, gepflegt, geknuddelt werden und natürlich geht auch der Therapiebetrieb weiter. Meine Patienten brauchen Regelmäßigkeit. Da ist keine Zeit für Trauer.
Und so schufte ich, wie ich eigentlich mein ganzes Leben geschuftet habe. Ich bessere den Zaun an der Südweide aus, klettere aufs Dach und ersetze die Schindeln, die den Schneefällen dieses Winters zum Opfer gefallen sind; ich striegle die Pferde, verlege die Kabel im Stall neu, damit das Licht alle Boxen erreicht, und dabei frage ich mich die ganze Zeit, für wen ich das alles eigentlich mache.
Dieser Gedanke ist neu für mich. Seit meiner Jugend bin ich hier auf Three Birches zuhause. Zuerst habe ich nur die Ställe ausgemistet im Tausch gegen ein paar Reitstunden von Jack, dann – nach dem großen Krach mit meinen Eltern – bin ich bei ihm eingezogen und habe mich als Farmarbeiterin verdingt. Er konnte mir kein großes Gehalt bieten, so viel wirft die Farm nicht ab, aber ich hatte eine Bleibe und vor allem eine Perspektive … und ich war beschäftigt. Ich habe gebuckelt wie eine Sklavin – aus Dankbarkeit zu Jack.
Jetzt, wo er weg ist, weiß ich irgendwie nicht mehr, warum ich das alles mache. Warum bessere ich den Zaun aus? Damit die Pferde nicht ausbüchsen, das ist klar. Aber könnte mir das nicht egal sein? Schließlich gehören die Pferde mir nicht. Auch, ob das Licht bis zur Box von Anuk reicht, könnte mir egal sein, genau wie die Schindeln auf dem Dach. Das Haus gehört mir nicht. Wenn es hereinregnet, ist das die Sache des neuen Besitzers …
Solche Gedanken schießen mir durch den Kopf, aber ich schiebe sie immer wieder beiseite. Jack hätte nicht gewollt, dass seine Farm vor die Hunde geht. Er hätte sich gewünscht, dass sie weiterhin gepflegt wird, dass sie aussieht wie aus einem Bilderbuch … dass es den Tieren gutgeht.
Und das stellt mich vor ein Problem. Doc Mallony ist immer noch nicht gekommen. Ich habe ihn inzwischen dreimal angerufen, er hat jedesmal versprochen, dass er am Abend desselben Tages vorbeikommen würde, aber er ist nicht aufgetaucht. Und die Impfung ist überfällig. Die Impfung, die jemand bezahlen muss. Jemand … das ist der Besitzer der Farm und der ist immer noch nicht erschienen. Vielleicht wartet Doc Mallony deshalb mit seinem Besuch. Weil er Angst hat, dass ihn niemand bezahlt? Aber was, wenn es ein Jahr dauert, bis Perkins diesen Sohn aufgetrieben hat? Sollen die armen Tiere dann ein Jahr lang auf tierärztliche Begleitung verzichten?
Kurzerhand beschließe ich, dass ich mir Doc Mallony schnappen werde. Ich springe in Jacks Pick-up und fahre Richtung Valentine. Es ist ohnehin an der Zeit, dass ich mal wieder unter Menschen komme …
»Be My Valentine All Year Round«. Das Schild am Eingang zur Stadt verspottet mich, ich kneife die Augen zusammen und fahre weiter. Vorbei an den schnuckeligen Häuschen, die allesamt wirken wie aus einem Bilderbuch. Vor Doc Mallonys Haus parke ich den Wagen, steige aus und will den Warteraum betreten, doch die Tür ist abgesperrt. Verwundert schaue ich auf das Schild neben der Tür. Hat Mallony die Praxiszeiten geändert? Aber nein, alles hat seine Richtigkeit. Gerade müsste die Praxis geöffnet haben. Ich klopfe. Keine Regung. Ich drücke auf die Klingel, im Inneren des Hauses ertönt ein schrilles Geräusch, dann werden Schritte laut. Die Tür geht auf und Mallonys Frau steht vor mir.
»Avery.«
»Molly? Ist der Doc unterwegs?«
Sie schüttelt bekümmert den Kopf. »Er ist in Newport.«
»Heute? Aber … die Praxis …«
»Er hatte einen Herzinfarkt, Avery. Sie haben ihm einen Stent gesetzt. Er wird wohl noch eine Weile im Krankenhaus bleiben müssen und danach …« Sie holt tief Luft. »Ich hoffe, dass ich ihn davon überzeugen kann, sich endlich zur Ruhe zu setzen.«
Zur Ruhe setzen? Doc Mallony? Aber … dann ist Valentine ohne Tierarzt. Eine Welle der Panik steigt in mir auf. Ist das ein Fingerzeig des Schicksals? Die Zukunft von Jacks Farm ist ungewiss, jetzt gibt es nicht einmal mehr einen Veterinär. Ich sollte zusehen, dass ich die Tiere verkauft bekomme – zumindest diejenigen, die mir gehören – und mir einen vernünftigen Job suchen.
Ein dicker Kloß macht sich in meiner Kehle breit. Ein vernünftiger Job – was ist das überhaupt? Muss ich jetzt von neun bis fünf in einem Büro sitzen, bis ich alt und grau bin? Und was soll ich ohne meine Tiere tun?
»Avery?« Mollys Stimme reißt mich aus meinen sich überschlagenden Gedanken.
»Ja, ich … ich …« Ich reiße mich am Riemen. Vorwürfe sind gewiss das Letzte, was Doc Mallony jetzt braucht. »Richte ihm meine Grüße aus. Hoffentlich wird er bald wieder gesund. Ganz gesund, meine ich.« Und dann drehe ich mich um und verlasse Molly. Jacks Pick-up lasse ich stehen, wo ich ihn geparkt habe. Ich brauche einen Kaffee, ich brauche …
»Sorry, Miss?«
Ein Wagen hat neben mir gehalten. Ich wende mich dem Fahrer zu, einem Mann, etwa in meinem Alter, dunkelblondes Haar, etwas zu lang, was auch für seinen Dreitagebart gilt. Doch das ist es nicht, was meinen Blick fesselt. Es sind seine Augen, die blau sind mit einem dunklen Ring um die Iris und einem Ausdruck, der mein Herz anrührt. Es liegt Trauer drin, Resignation und Verlassenheit.
Mit Mühe reiße ich den Blick von den Augen los, lasse ihn dafür über sein Auto schweifen. Ein Kleinwagen, ziemlich untypisch für unser Land; ein Aufkleber weist es als Mietauto aus.
»Ja?«
»Ich suche ein Hotel. Cupid’s Cabin. Können Sie mir sagen, wo ich es finde? Und wissen Sie, ob ich hier irgendwo einen anständigen Kaffee bekomme?«
Hm … er spricht mit einem ziemlich harten Akzent, möglicherweise australisch. Ich tippe auf einen frühen Touristen, der sich ausgerechnet in unser Kaff verirrt hat. Wobei das eher ungewöhnlich ist. Anfang Mai ist normalerweise nicht die Zeit, in der Vermont von Gästen überschwemmt wird. Die Schneeverhältnisse reichen nicht mehr fürs Schifahren und fürs Wandern ist es noch zu kalt und der Boden zu aufgeweicht. Aber mir kann egal sein, was er hier will.
Mir liegt auf der Zunge, dass er auch im Cupid’s Cabin einen anständigen Kaffee bekommt, aber irgendwas lässt meine Antwort anders ausfallen. »Ich bin gerade auf dem Weg, mich selbst mit einem anständigen Kaffee einzudecken. Wenn du magst, kannst du mitkommen.«
Etwas blitzt in seinem Gesicht auf, dann nickt er. »Good oil.«
Gutes Öl? Er muss mir die Verwirrung anmerken, grinst breit. »Das heißt so viel wie: Gute Idee. Ist es weit? Oder soll ich den Wagen hier parken?«
»Die Straße runter auf dem Stadtplatz. Und ja, lass den Wagen einfach hier.« Ich warte, bis er geparkt hat, dann sehe ich zu, wie er sich aus dem Auto windet und – hallo! – was da zum Vorschein kommt, ist nicht von schlechten Eltern. Mir ist allerdings ein Rätsel, wie dieser Riese in der Blechbüchse Platz haben konnte und warum er nicht ein Auto gemietet hat, das seiner Körpergröße entspricht.
Wieder scheint er meine Gedanken zu erraten. »Bei der Autovermietung ist irgendein Fehler passiert. Diese Dose war der einzige fahrbare Untersatz, der zu kriegen war, aber mittlerweile bereue ich, dass ich nicht gewartet habe. Die vier Stunden hierher waren die reinste Tortur.«
Das glaube ich ihm unbesehen.
»Wo ist nun dieses Café?« Er sieht sich um.
»Komm mit.« Ich gehe einfach los, hinter mir ertönt ein leises Lachen.
»Nicht so schnell, Merida.«
Merida? Nach der rothaarigen Highlander-Prinzessin? Ich schmunzle. Ja, mein langes, rotes Haar ist ein Blickfang. Kein Wunder, dass es ihm aufgefallen ist. »Ich dachte, du hast es eilig mit dem Kaffee?«
»Hab ich, aber … noch lieber würde ich wissen, wie du heißt.«
»Avery. Beflügelt das deine Schritte?«
»Avery … Ava … Sagen deine Liebsten Ava zu dir? Dein … Freund?«
Ich unterdrücke ein Kichern. »Du hast eine sehr subtile Art, danach zu fragen, ob ich schon vergeben bin.«
»Und bist du … Ava?« Inzwischen hat er aufgeholt und sieht mich von der Seite an. Diese Augen sind echt der Hammer.
»Ich sollte mich davor hüten, einem Fremden solche privaten Informationen preiszugeben, findest du nicht?«
»Da stimme ich dir voll und ganz zu. Aber ich bin kein Fremder. Ich bin Caleb.«
»Tja, Caleb. Und damit weiß ich genau eine Sache über dich, nämlich, wie du heißt, und selbst das könnte eine Lüge sein.«
»Ist es nicht. Ich kann dir meinen Führerschein zeigen. Außerdem ist das nicht das Einzige, was du weißt. Du weißt, dass ich lieber einen zu kleinen Wagen nehme, als auf einen großen zu warten, dass ich Kaffee mag.«
»Stimmt. Das ist eine ganze Menge. Wir könnten beinahe ein altes Ehepaar sein, so viel, wie wir voneinander wissen.«
Er mustert mich kurz, dann nickt er. »Die Idee gefällt mir. Frau, was kochst du zum Mittagessen?«
»Jetzt weiß ich auch noch, dass du ein Chauvinist bist, der sich nicht von den alten Rollenklischees lösen kann.«
»Was hat mich verraten?« Er grinst. »Dann lass mich die Frage umformulieren: Frau, was soll ich zum Mittagessen kochen?«
»Aha, ein Mann, der selbst keine Ideen hat und starke Führung benötigt.«
Er schnauft aus. »Dir kann man es aber auch nicht recht machen. Zum Kaffee darf ich dich aber einladen?«
»Nur, wenn du damit aufhörst, mich mit ›Frau‹ anzureden.«
»Einverstanden.«
»Dann …«, ich bleibe stehen und deute mit dem Kinn auf das Heart Café, zu dem ein paar Stufen hochführen, »sind wir da. Ich nehmen einen Sea Salt Caramel Spice Latte.«
Er wirft mir einen verwunderten Blick zu und ich ahne, dass er sich gerade fragt, ob ich ihn schon wieder auf den Arm nehme. In so einem Kaff wie Valentine erwartet man eher kein Kaffeeangebot wie in der Großstadt, aber er weiß ja nicht, dass wir hier Kyle haben, meinen Cousin, dessen Karte mit dem angesagtesten New Yorker Café mithalten kann, weswegen man in Valentine, im tiefsten Vermont nahe der kanadischen Grenze auch einen Sea Salt Caramel Spice Latte bekommt.
»Lass dich überraschen«, sage ich und gehe ihm voran die Stufen hoch.
»Hi Cousinchen«, tönt es mir schon von der Theke entgegen.
