Ein Stich fürs Leben - Magda Bauer - E-Book

Ein Stich fürs Leben E-Book

Magda Bauer

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Beschreibung

Das Buch stellt der philantropischen Expedition unter F.J. de Balmis y Berenguer nach Lateinamerika zu Beginn des 19. Jahrhunderts zur Bekämpfung der Pocken mit einer Impfung das tragische Schicksal eines gesunden, sportlichen Mannes im besten Alter gegenüber, der trotz aller medizinischer Anstrengungen den Kampf gegen COVID 19 verliert.

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Seitenzahl: 119

Veröffentlichungsjahr: 2022

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BERNHARD UND MAGDA BAUER

Ein Stich fürs Leben

"Ist es nicht so, daß der Tod

bedeutungslos ist und wir nur das sind,

was wir für andere getan haben?"

Dr. Jose Salvany y Lleopart

"Zu lieben und zu leiden ist auf Dauer die einzige Form

um in Fülle und Würde zu leben."

Francisco Javier de Balmis y Berenguer

La Coruna

Selbst für einen Novembertag war es zu kühl in La Coruna und der ablandige Wind schien sich mit der niedrigen Temperatur verbündet zu haben.

Die Möven flogen und kreischten wie immer, sie sahen die Ansammlung von Menschen offensichtlich als die üblichen Fischer, eben mit reichem Fang zurückgekehrt.

Doch heute gab es nicht die tägliche Ration von Fischresten, so sehr sie auch immer über die Köpfe der Anwesenden hinwegschwirrten. Ihren Ärger zeigten sie damit, daß sie sich auf die Fischer zu stürzen schienen und erst knapp vor deren Köpfe abdrehten.

Das Thermometer zeigte lediglich vierzig Grad Fahrenheit und die Korvette Maria Pita schwankte am Pier, als ob auch sie frieren würde.

Auch den beiden Herren am Pier sah man an, daß sie froren. Trotzdem schienen sie sehr konzentriert ihren Aufgaben nachzugehen.

Der eine, Don Francisco Javier de Balmis y Berenguer, ein Mann um die 50, noch mit ziemlich vollem Haar, rundem Kinn und ausgeprägter Nase. Körperlich nur durchschnittlich groß, verriet sein Gesicht doch Entschlossenheit.

Er war der Direktor der Expedition in die spanischen Überseegebiete, von König Carlos IV. selbst initiiert und finanziert.

Der andere, der Kapitän dieses eher unscheinbaren Dreimasters, der Maria Pita, Don Pedro del Barco.

Balmis wachte mit Adleraugen darauf, daß alle Güter unbeschädigt an Bord kamen, mahnte immer wieder zur Vorsicht. Besonders an den Thermometern lag ihm, immer wieder kontrollierte er sie, ob sie intakt waren, aber auch an den fünfhundert Exemplaren des Traktates über Impfungen von Moreau de la Sarthe war ihm sehr gelegen, nicht nur, weil er die Abhandlung selbst aus dem Französischen übersetzt hatte, sondern weil sie im Auftrag König Carlos IV. als Anleitung für die Impfungen gegen die Pocken zur Verteilung in den Kolonien bestimmt waren, um dort das Impfwissen auch in schriftlicher Form zu verbreiten. Die Belader brachten noch Lebensmittel, zwei Barometer zur Wetterbetimmung, Leinentücher sowie sechs Notizbücher zur Dokumentation dieser Impfexpedition gegen das gefürchtete und todbringende Übel, die Pocken.

Um die Unversehrtheit von Tausenden Glasplättchern kümmerte Balmis sich ebenfalls selbst, schließlich sollte für den Fall der Unterbrechung der menschlichen Impfkette zwischen jeweils zwei von Ihnen die Lymphe bewahrt und transportiert werden, auch wenn er selbst wegen des tropischen Klimas an deren Wirksamkeit Zweifel hatte.

Obwohl die Temperatur trotz einer fahlen Sonne kaum gestiegen war, schien Balmis leicht zu schwitzen. Es lag wohl eher an der Aufregung und weniger an der

Kleidung, hatte er doch den Reisemantel schon abgelegt und trug nur mehr seine Weste und eine knielange Hose. Oder lag es am zweispitzigen Hut?

Don Barco schien alles nicht schnell genug zu gehen, er wollte unbedingt noch heute auslaufen und trieb die Belader zur Eile an. Er war das Befehlen gewohnt, und von einem Kapitän erwartete auch niemand etwas anderes.

Beide wußten jedoch, daß eine lange gemeinsame Reise vor Ihnen stand und sie nur erfolgreich sein wird, wenn sie eng zusammenarbeiteten. Jeder mußte sich auf den anderen verlassen können. Und die Expedition mußte erfolgereich sein, wer würde es wagen, unter die Augen des Königs zu treten um von einen Mißerfolg zu berichten?

Die Möven hatten in der Zwischenzheit eingesehen, daß nichts zu holen war und verschwanden eine nach der anderen.

Statt ihnen fanden sich im Hafen viele Schaulustige ein, von Handwerkern, Hausfrauen und Kindern bis zu den Honoratioren der Stadt. Der Bischof, der Gouverneur, der Bürgermeister, sie alle waren gekommen.

Nur, warum erschien Senora Isabell Zendal mit den Jungen nicht? Schließlich sind sie für den Erfolg der Expedition wesentlich, als lebende Impfkette.

Es ging ein Raunen durch die Zuschauer im Hafen und dann kam sie endlich in Begleitung von gut zwanzig drei- bis achtjährigen Jungen, die blass und eher dünn, so wie Waisenkinder oft sind, hinter Isabel hertrotteten, aber alle adrett gekleidet mit einem Bündel ihrer Habseligkeiten am Rücken, gefolgt von ein paar Männern, die Truhen an Bord brachten.

Die größeren Kinder waren richtig aufgeregt, sprachen untereinander über das bevorstehende Abenteuer laut und aufgeräumt in lustiger und fröhlicher Stimmung. Sie hatten zwar wenig bis gar nichts von dem verstanden, was Isabel ihnen über die bevorstehende Reise erzählt hatte, waren aber einem Abenteuer keinesfalls abgeneigt.

Die anderen, vor allem die ganz kleinen, konnten sich keinen Reim daraus machen, was mit ihnen geschehen würde, waren still und schienen besorgt zu sein.

Als alles und alle an Bord waren, überprüfte Don Francisco zum letzten Mal ob auch nichts fehlte und Don Pedro, ob alles so verstaut war, daß bei höherem Seegang nichts beschädigt wird oder sogar verloren geht.

Der Bischof sprach seinen Segen und besprengte alle mit Weihwasser, auch die Umstehenden.

Don Barco beorderte alle Matrosen an Deck und gab seine Befehle aus.

Dann hiess es Leinen los, Balmis und Barco standen hinter dem Steuermann, die Zuschauer im Hafen riefen noch die besten Wünsche für den Erfolg der Reise hinterher und so begann die Real Expedicion Filantropica de la Vacuna am 30. November 1803, die weltweit erste philantropische Expedition in der Geschichte der Menschheit, beauftragt von Carlos IV. von Spanien.

Madrid

Nicht nur der königliche Hofarzt Dr. Requeno konnte sehen, daß Maria Teresa nicht mehr lange zu leben hatte, ein kleines Mädchen von knapp drei Jahren und Tochter des Königs Carlos IV. Auch seine Mutter spürte, daß der Tod sich unweigerlich anschlich.

Apathisch und schwitzend lag das Mädchen in seinem Bett, übersäht von Pusteln, die allen Umstehenden bekannt waren: Pocken.

Ihre Mutter (war selbst mit Pocken infiziert, hatte die Krankheit jedoch überstanden) hielt ihre Hand, streifte mit einem feuchten Tuch über ihre Stirn, und auch wenn das Fieber damit nicht zu besiegen war, sie tat es immer wieder.

Es herrschte Stille im Raum, und niemand wollte ein Wort sagen und diese Stille unterbrechen.

So flüsterte der Hofarzt Dr. Requeno der Königin das zu, was er sich verpflichtet fühlte zu sagen:

”Madame, sollten wir nicht den König rufen?”

Da begann die Königin erneut zu weinen und zu schluchzen, sie wußte was das bedeutet, dies von dem Arzt zu hören, dem sie und der König vertrauten. Und trotzdem wollte sie es nicht glauben.

Nach einer Weile bat sie den Arzt schliesslich, er solle jetzt zum König gehen.

So ging er aus dem Zimmer, dann durch die angrenzenden Räume des Palastes bis zu den Wachen vor den königlichen Privaträumen. Auch wenn er das volle Vertrauen des Königs hatte, mußte auch er sich an gewisse Regeln des Hofzeremoniells halten.

Er brauchte kein Wort zu sprechen, der Wachposten wußte, was er zu tun hatte, öffnete die Tür und verschwand.

Nach ein paar Minuten kam ein Diener, der sich verneigte und ihm mit einem Zeichen deutete, ihm zu folgen. Dr. Requeno folgte ihm durch zwei Räume und im nächsten erwartete ihn der Kammerherr, der an die Tür am Ende des Raumes klopfte, öffnete und laut hörbar sagte:

”Majestät, der Hofarzt bittet, Sie zu sprechen”.

”Es sei ihm gestattet”.

”Ich hoffe, Sie bringen keine schlechten Nachrichten”.

”Ich bedauere Majestät, ich würde gerne bessere Nachrichten bringen. Aber die Königin hält es für wünschenswert, wenn Sie zu Ihrer Tochter Maria Teresa kommen würden”.

Carlos IV. sprach kein Wort, erhob sich und beide gingen den Weg zurück, den Requeno gekommen war.

Am Krankenbett seiner Tochter Maria Teresa sprach Carlos kein Wort, betrachtete schweigend sein krankes Kind, ergriff kurz dessen Hand und verliess grußlos den Raum.

Dies war das letzte Mal, daß er seine Tochter lebend sah, am nächsten Tag war sie tot.

Ein Todesopfer von jährlich Tausenden allein in Europa, die damals an den Pocken verstarben, ein Schicksal, das schon seinen Vorgänger Ludwig I., seinen Bruder Gabriel, Ludwig XIV. von Frankreich, Königin Maria II. von England, Kaiser Joseph I. und Zar Peter II. von Russland getroffen hatte.

Lustenau - China

Lia M. hatte immer schon ein Faible für China, ihr gefielen die Kultur und die kunstvollen Schriftzeichen. Immer wieder hat sie ihr Wissen über dieses für sie faszinierende Land in der Theorie vertieft.

Nach dem Abitur wollte sie das Land nun endlich selbst kennenlernen. Doch wie? Sie nahm daher für sechs Monate eine Stelle als Au-Pair-Mädchen in Schanghai an.

Was alles nach China mitnehmen? Mehr Sommer- als Winterkleidung? Sind die Jahreszeiten wie bei uns? Ist es nicht besser, Kleidung vor Ort zu kaufen?

Wieviel kostet Übergepäck? Diese und hundert andere Fragen mußte sie klären.

Vater Andreas fiel es besonders schwer, von Lia Abschied zu nehmen, "seinem Mädchen," und die Eltern und Bruder Luca verdrückten am Flughafen Abschiedstränen.

"Pass gut auf Dich auf, lass regelmäßig von Dir hören". Dann verschwand sie Richtung Gate.

Große Erleichterung bei ihren Eltern und beim Bruder, als Lias Nachricht kam, daß sie gut angekommen war und sie es auch gut mit ihrer Gastfamilie in Schanghai getroffen hat.

Diese unterstützte sie beim Erlernen der Sprache und vertiefte mit ihr das Wissen über Kultur, Sitten und Gepflogenheiten.

Sie lernte schließlich noch den jungen Hoa kennen, der ihr vorschlug, doch gleich in China ihr Studium in Sinologie zu beginnen.

Nach ihrer Rückkehr inskribierte Lia vorerst aber einmal an der Universität in Wien.

Nach langen Gesprächen innerhalb der Familie, an denen manchmal auch Hoa über das Smartphone teilnahm, bewarb sie sich für ein Stipendium an der Universität in Schanghai.

Damals ahnte noch niemand in der Familie, welche Bedeutung China noch in ihrem Leben bekommen sollte.

Madrid

Den König liess vor allem der Tod seiner Tochter nicht unbeeindruckt und auch nicht die Pockenkrankheut seiner Gemahlin. Ja er fürchtete sogar, daß seine Linie aussterben könnte.

Ein paar Jahre darauf brachte ihm Manuel Goday einen Brief, der aus Kolumbien, Santa Fe de Bogota, gekommen und ein verzweifelter Hilferuf war.

Der König ging ans Fenster in seinem Palast La Granja und begann zu lesen.

Er sagte danach kein Wort, betrachtete eine Weile die Wasserspiele im Garten und als er sich zu Godoy drehte, fragte er nur: "Was können wir dagegen tun?"

Goday war nicht nur sein engster Berater und erster Minister, also ein sehr mächtiger Mann, sondern auch der einzige im Umfeld, dem er vertraute und auf den er sich verließ. Trotz dessen angeblicher Liäson mit der Königin, wie gemunkelt wurde. Sie war es auch, die den König auf Godoy aufmerksam gemacht und seine Bestellung initiiert hatte.

Die Pocken wüteten nicht nur in Kolumbien, sondern im gesamten Vizekönigreich Nueva Granada. Es starben mehr Menschen als bei der letzten Epidemie, die wirtschaftlichen Schäden waren enorm, es bestand die Gefahr von Engpässen an Lebensmitteln, die Preise stiegen bereits dramatisch, ein wirtschaftlicher Ruin drohte. Und all dies unter den kriegerischen Bedingungen in Europa wegen Napoleons Aggressionspolitik und deren wirtschaftlichen Auswirkungen.

Es war nicht der erste Pockenausbruch, immer wieder hatte der König Nachrichten aus allen Teilen seines Reiches über das Wüten der Pocken und die Tausenden Todesopfer erhalten. Sie hatten schon in Caracas gewütet, in Mexiko, in Guatemala und den Philipinen. Jedes Mal hoffte man, sie besiegt zu haben, jedes Mal vergeblich. Sie war die am weitesten verbreitete Heimsuchung, ärger als Gelbfieber und Pest.

Er rief nach dem Kammmerdiener und befahl: "Rufe Dr. Requeno, er soll das Geschenk des italienischen Doktors bringen!"

Requeno kam, verbeugte sich tief und übergab dem König einige Dokumente und eine Kassette mit versiegelten Glasplättchen und Fäden darin, die mit Eiter von an Pocken erkrankten Kühen getränkt waren, wie es den Dokumenten zu entnehmen war.

Beides war über den italienischen Arzt Careno von einem Dr. Jenner aus England gekommen.

"Eure Mäjestät, ich erlaube mir vorzuschlagen, solche Fädchen mit einer Expedition nach Nueva Espana zu bringen, da eine Impfung damit eine Ansteckung verhindern könnte."

"Was meinen Sie, Godoy? Das scheint mir doch ein schwieriges Unterfangen zu sein, nicht?"

Goday bestätigte dies: "Die Expedition selbst wäre umfangreich und kompliziert und Kühe nach Übersee zu bringen dürfte allein schon eine kaum durchführbare Aufgabe sein."

"Und warum können wir nicht wenigstens Kühe von hier nehmen?"

"Weil nur Kühe in Nordeuropa Kuhpocken bekommen."

Godoy gefiel weder diese Antwort und schon gar nicht ein Vorhaben, Kühe mit einem Schiff nach Übersee zu transportieren.

Nur: wie das Serum dann frisch und wirksam nach Übersee bringen? Schließlich ist ein Verderb bei tropischen Temperaturen sehr wahrscheinlich.

Bisher hatte man - so wie Dr. Careno - versucht, es zwischen zwei mit Paraffin luftdicht gemachten Glasplättchen haltbar zu machen. Diese Methode hat sich schon in Europa nur begrenzt bewährt und würde wahrscheinmlich weder für die Atlantiküberquerung und schon gar nicht für die tropischen Temperaturen geeignet sein.

Es fehlte einfach die Erfahrung, ob und wie lange es sich unter widrigen Klimabedingungen hält.

Der König beendete das Gespräch, zog sich zurück und konnte nicht einschlafen.

Er dachte an die vielen Todesopfer und die wirtschaftlichen Schäden in seinem Reich und an Jeffrey Amherst, den englsichen Gouverneur von Virginia, der an die Indianer mit Pockenviren infizierte Decken verteilt hatte. Jenner kann also auch durch seine Methode wieder etwas gut machen, was sein Landsmann verbrochen hatte.

Schließlich entschied er, eine Expedition nach Übersee zu entsenden, sobald eine hinreichende Möglichkeit gefunden wird, das Serum brauchbar und effektiv zu halten.

Manuel Godoy beauftragte daher die Königliche Ärztekommisssion der Chirurgen dem König Vorschläge für eine solche Expedition nach Nueva Espana zu unterbreiten.

Es stellten sich viele Fragen, vor allem wie das Serum während des Transportes frisch gehalten werden kann. Wer übernimmt die Kosten? Sollte man nicht die Kirche und den Papst um Unterstützung bitten?

Schließlich entschied die Finanzverwaltung drei Monate später, im Mai 1803, vorläufig die Kosten zu übernehmen, jedoch mit der Verpflichtung für jene Städte und Gebiete, die den Vorteil der Impfung erfahren, diese dem Staat zu ersetzen.

Blieb immer noch die Frage nach einer geeigneten Methode, das Serum nach Überseee zu bringen, offen.

Lustenau

"Mama" fragte sie immer wieder ihre Mutter Brigitte, "wann glaubst Du kommt endlich die Nachricht aus China?"

"Lia, Du hast die Bewerbung doch erst vor zwei Wochen abgeschickt, das wird noch ein wenig dauern! Und wichtiger ist, daß es eine positive Nachricht ist."

Doch irgendwann war es so weit: Die Nachricht kam ... und sie war positiv.

Das wurde erst einmal gefeiert. Wo? Natürlich im besten China-Restaurant in Bregenz.

Alle in der Familie M. reisten gerne und oft, meist die ganze Familie gemeinsam.