Ein Tässchen Liebe - Lia Haycraft - E-Book

Ein Tässchen Liebe E-Book

Lia Haycraft

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Beschreibung

Nora & John "Die Liebe ist für alle da. Man muss sie nur fangen können." Nora Lindberg kennt England bisher nur aus ihren Lieblingsromanen, bleibt sie doch lieber zu Hause. Doch dann gewinnt sie bei einem Wettbewerb vier Wochen Urlaub in einem englischen Herrenhaus. Schon bald reist Nora mit einem Koffer voll von ihren geliebten dezent karierten Hosenanzügen und all den Träumen aus ihren Romanwelten los und trifft auf dem Weg den charmanten Möbelpacker John Blackwood. Die beiden sind sich sofort sympathisch, doch Nora zögert – denn wahrscheinlich wird sie John ohnehin nie wieder begegnen. Nora täuscht sich, denn Storm Manor hält neben einem exzentrischen Zimmermädchen, der geheimnisvollen Hausherrin und ihrem sympathischen Butler auch eine weitere Überraschung für sie bereit: John arbeitet ausgerechnet auf diesem Anwesen als Gärtner. Soll sie ihren Gefühlen eine Chance geben, obwohl sie genau weiß, dass die beiden sich nach ihrem Urlaub wohl nie wiedersehen werden? Der erste Teil der "Love & Feelings"-Reihe!

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Lia Haycraft

Ein Tässchen Liebe

Roman

 

Über das Buch: Nora & John

Die Liebe ist für alle da.

Man muss sie nur fangen können.

Nora Lindberg kennt England bisher nur aus ihren Lieblingsromanen, bleibt sie doch lieber zu Hause. Doch dann gewinnt sie bei einem Wettbewerb vier Wochen Urlaub in einem englischen Herrenhaus.

Schon bald reist Nora mit einem Koffer voll von ihren geliebten dezent karierten Hosenanzügen und all den Träumen aus ihren Romanwelten los und trifft auf dem Weg den charmanten Möbelpacker John Blackwood. Die beiden sind sich sofort sympathisch, doch Nora zögert – denn wahrscheinlich wird sie John ohnehin nie wieder begegnen. Nora täuscht sich, denn Storm Manor hält neben einem exzentrischen Zimmermädchen, der geheimnisvollen Hausherrin und ihrem sympathischen Butler auch eine weitere Überraschung für sie bereit: John arbeitet ausgerechnet auf diesem Anwesen als Gärtner. Soll sie ihren Gefühlen eine Chance geben, obwohl sie genau weiß, dass die beiden sich nach ihrem Urlaub wohl nie wiedersehen werden?

Inhalt

Über das Buch: Nora & John

Impressum

Widmung

Kapitel 1

Nora

John

Agnes

Kapitel 2

Nora

Agnes

John

Kapitel 3

Nora

Agnes

Nora

John

Kapitel 4

Nora

Agnes

Nora

Kapitel 5

John

Agnes

John

Agnes

Kapitel 6

Nora

Agnes

John

Nora

Kapitel 7

Agnes

John

Nora

Kapitel 8

John

Agnes

John

Kapitel 9

Nora

Agnes

Kapitel 10

Nora

John

Kapitel 11

Nora

John

Kapitel 12

Nora

John

Kapitel 13

Nora

John

Kapitel 14

Nora

Agnes

Kapitel 15

Nora

John

Kapitel 16

Nora

John

Agnes

Kapitel 17

John

Nora

Kapitel 18

John

Nora

Agnes

John

Kapitel 19

Nora

John

Kapitel 20

Nora

Agnes

Kapitel 21

Nora

John

Agnes

Kapitel 22

Nora

John

Kapitel 23

John

Nora

Agnes

Kapitel 24

Nora

John

Agnes

Kapitel 25

Nora

Agnes

John

Kapitel 26

Nora

Agnes

John

Kapitel 27

Nora

Agnes

Kapitel 28

John

Nora

Kapitel 29

John

Agnes

Nora

Kapitel 30

Agnes

Nora

John

Kapitel 31

Nora

John

Nora

Kapitel 32

Nora

Ein halbes Jahr später

John

Danksagung

Die Autorin Lia Haycraft

Zehn Fragen an … Lia Haycraft

Weitere Romane bei MAXIMUM

Impressum

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen oder fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitschriften oder Zeitungen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung oder Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen oder Video, auch einzelner Text- oder Bildteile.

Alle Akteure des Romans sind fiktiv, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und sind vom Autor nicht beabsichtigt.

 

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Autoren- und Projektagentur Gerd F. Rumler (München).

 

Copyright © 2022 by Maximum Verlags GmbH

Hauptstraße 33

27299 Langwedel

www.maximum-verlag.de

 

1. Auflage 2022

 

Lektorat: Diana Schaumlöffel

Korrektorat: Angelika Wiedmaier

Satz/Layout: Alin Mattfeldt

Umschlaggestaltung: Alin Mattfeldt

Umschlagmotiv: © lavendertime / Shutterstock, Ron Dale / Shutterstock

E-Book: Mirjam Hecht

 

Druck: Booksfactory

Made in Germany

ISBN: 978-3-948346-48-5

 

 

Widmung

Für Maili,

der ich immer genug Mut wünsche,

ihren Träumen zu folgen!

Kapitel 1

Nora

„Der Postbote hält mein Schicksal in seinen Händen“, verkündete Nora und ignorierte die irritierten Blicke auf dem Bahnsteig.

„Der Postbote?“, hakte Vanessa verwundert nach. „Ich dachte deine Lieblingsautorin, Mary Jane … äh.“

„Ja, in ihren Händen liegt es auch. Hudson übrigens.“ Nora starrte auf die Anzeige. Ihr Zug hatte fünf Minuten Verspätung. Unruhig hibbelte sie von einem Fuß auf den anderen.

„Dann eben Mary Jane Hudson. Bestimmt kommt die Antwort bald.“ Vanessa seufzte. „Hast du schon Urlaub eingereicht, falls es klappt?“

„Fünf Wochen ab Ende August. Gleich nachdem ich den Brief nach England geschickt habe. Zur Sicherheit.“ Nora starrte auf die Bahnhofsuhr, sah aber an ihrer Stelle sanfte Hügel und ein Herrenhaus aus karamellfarbenem Stein, kunstvoll gestutzte Buchsbüsche. „Die Hoffnung ist ein Biest“, murmelte sie.

Vanessa musste lächeln. „Du gewinnst bestimmt.“

„Hach, es wäre so schön, weißt du?“ Nora wackelte mit der Nase, und schob anschließend ihre Brille mit dem Finger wieder hoch.

„Natürlich, ich drücke dir ganz fest die Daumen.“ Zu Vanessas Füßen erklang ein Ping-Geräusch und Nora vermutete, dass die Nachricht von Vanessas Freund stammte.

„Guck ruhig nach“, sagte Nora, weil Vanessa ganz angestrengt den Blick auf ihre Tasche vermied. Sie lächelte und tauchte ihre Hand in die Untiefen des dunkelblauen Lederbeutels. Zwischen sicherlich tausend nützlichen Dingen fand sie zielsicher ihr Smartphone und zog es heraus. Mit einer Hand gab sie die PIN ein und las die Nachricht. Ihr Lächeln wurde strahlend.

„Schon wieder zu Hause?“, fragte Nora und bemühte sich, sich auch zu freuen. Vanessas Freund war schließlich zwei Wochen auf Geschäftsreise gewesen und ihre Freundin vermisste ihn jedes Mal schrecklich. Was Nora nachfühlen konnte. Wenn Menschen fort waren, die sonst immer da waren, war das eben so. Selbst Jan hatte viel zu lange in ihren Gedanken gelungert und dabei war es nicht mal ein richtiges Vermissen gewesen. Nie waren ihre Gefühle für ihren Exfreund so groß gewesen, wie solche Gefühle ihrer Meinung nach sein sollten. Noch nie hatte sie so eine Liebe erlebt wie Logan und Sue, das allerschönste Liebespaar aus ihrer Lieblingsromanreihe um ein Herrenhaus in England.

„Ja“, sagte Vanessa. „Er will nachher mit mir essen gehen. Ins Gruber’s.“

„Nobel“, sagte Nora und überlegte, was sie sich nachher kochen würde. Vielleicht Nudeln mit Tomaten-Ricotta-Soße. Oder nein. Sie konnte auch ihr neues Kochbuch ausprobieren. Es war schon verrückt, dass man sich doppelt allein fühlte, wenn jemand weg war. Zum Glück hatte sie damals Jans Wunsch nach einem neuen Doppelbett nicht nachgegeben, sondern ihr Bett behalten. Jetzt konnte sie in der Mitte schlafen und es gab keine leere Seite. Er hatte ja trotzdem mit hineingepasst, auch wenn er sich Nacht für Nacht beschwert hatte. Stopp. Sie wollte nicht an ihn denken. Und vermissen wollte sie ihn erst recht nicht.

Seit Vanessa die Nachricht von ihrem Freund bekommen hatte, lächelte sie versonnen vor sich hin und Nora wusste, dass es keinen Sinn hatte, ein neues Gespräch zu starten. Sie war fast erleichtert, als die Bahn endlich kam.

„Schön, dass du da warst“, sagte Vanessa und umarmte Nora kurz. „Du solltest öfter bei mir übernachten. Bis Montag! Gute Fahrt!“

„Danke, das mache ich.“ Nora stieg in die S-Bahn und winkte ihrer Kollegin durch das Zugfenster, war mit ihren Gedanken aber sicherheitshalber wieder bei Logan und Sue. Alles war besser, als an Jan zu denken. Wie viele Jahre war es her, seit sie das Paar aus den Romanen kennengelernt hatte? Fünf vielleicht? Und dieses Jahr sollte Band sieben der Reihe erscheinen. Fest stand jedenfalls, dass die beiden ihr Seelenheil gerettet hatten. Seit sie in die Buchwelt von Storm Manor abtauchen konnte, vergaß sie immer wieder die Realität um sich herum.

Damit auch die Abwesenheit von Jan. Die Nachricht damals von seiner neuen Freundin, dass er jetzt nicht mehr mit Nora zusammen sei, sondern mit ihr, tat noch immer weh. Wie hatte sich Nora so in ihm täuschen können?

Logan und Sue hingegen waren verlässlich. Beinahe wie Freunde und ein klitzekleines bisschen war Nora natürlich auch in Logan verliebt, selbst wenn sie das Sue nie verraten hätte. Alle Figuren aus den Büchern fühlten sich längst an wie richtige Menschen, wie Noras Freunde oder Familie.

Während die Bahn loszuckelte, überprüfte Nora ihr E-Mail-Postfach auf ihrem Handy, fand aber keine neue Nachricht. Zu dumm, dass man auf dem Handy nicht auch den richtigen Briefkasten durchsehen konnte. Zehn Minuten vor ihrer Station stand Nora auf und sprang als Erste aus dem Zug. Sie eilte über den Bahnsteig, lief die Treppe hinunter und rannte den Gehweg bis zu ihrem Wohnhaus. Dabei versuchte sie in den Mustern auf den Pflasterplatten eine Vorhersage zu erkennen.

„Das habe ich ja noch nie gehört, liest man die Zukunft nicht aus dem Kaffeesatz? Doch nicht aus Moos.“ Sues Stimme in Noras Gedanken schien sich über sie lustig zu machen.

„Ich mag Moos“, erwiderte Nora, auch wenn das nichts erklärte.

Ein lauer Sommerwind kam auf, und Nora hob ihre Hand zu langsam. Der Windstoß erfasste ihren Strohhut und wehte ihn ihr vom Kopf. Einen Moment sah sie ihm irritiert nach. Das rosafarbene Schleifenband flatterte im Flug.

„Halt!“, rief sie und musste lachen. Weder der Wind würde darauf reagieren noch der Hut. Zum Glück blieb der Strohhut ganz in der Nähe in einem Rhododendronbusch vor einem Wohnhaus hängen. Nora rannte durch den Vorgarten.

Bevor sie ihn erreichte, trat ein Mann aus dem Haus und pflückte Noras elegantesten Hut von einem Zweig. „Oh“, sagte er, dann trafen sich ihre Blicke. Nora blieb stehen, vier Schritte von ihm entfernt. Seine Augen, um die sich winzige Lachfältchen abzeichneten, waren sommerhimmelblau. In seiner linken Hand hielt er eine Stehlampe.

„Entschuldigung.“ Nora deutete auf den Hut.

„Ihrer?“, fragte er auf Englisch und reichte ihr den Hut.

Nora nahm ihn entgegen, lächelte und wunderte sich darüber, dass ihr Herz stolperte. Schnell setzte sie den Hut wieder auf, behielt aber eine Hand an der Krempe. „Danke.“ Eigentlich wollte sie gehen, doch ihre Füße gehorchten ihr nicht.

„John“, erklang eine dunkle Stimme. „Wir sind noch nicht fertig, verschieb bitte deine Frauengeschichten auf später!“ Ein Mann in grauer Latzhose grinste Nora fröhlich an und wuchtete einen Umzugskarton in einen Lastwagen.

„Dann noch einen schönen Tag“, sagte John, verdrehte die Augen und brachte die Lampe zum Wagen.

Nora sammelte sich und eilte an dem monströsen Möbelwagen vorbei, aus dessen Schlund eine gepfiffene Melodie erklang. Ihre Wangen glühten, dabei war ja nichts passiert. Ein letztes Mal drehte Nora sich um, gerade als der Mann mit den blauen Augen mit einem Umzugskarton in den Händen den Steinweg durch den Vorgarten entlangkam. Ihre Blicke begegneten sich, und Noras Herz hüpfte. Sie lief die letzten Schritte zu ihrem eigenen Wohnhaus und begann in ihrer Tasche nach dem Schlüssel zu wühlen.

Wenig später empfing sie die Stille ihres Flurs. Obwohl sie wusste, dass der Postbote frühestens in einer Stunde kommen würde, kontrollierte sie den Briefkasten. Leer. Natürlich.

Sie machte Licht und rief ein fröhliches „Guten Morgen“ in den Flur, was ihr nur noch mehr vor Augen führte, dass niemand da war. Nicht mal ein Hund. Nora ging langsam an den Porträts vorbei, begrüßte jeden mit Namen. Was konnte sie tun, damit die Zeit schneller verging? Konzentrieren konnte sie sich so auf nichts, das war klar.

„Was meinst du? Wie viele Leserinnen haben mitgemacht bei dem Gewinnspiel?“ Hilfe suchend sah Nora zu Sue. Ihre Augen schienen manchmal in die Zukunft blicken zu können; sie waren Nora beim Malen beinahe lila geraten. Dabei war sich Nora sicher, dass Sues Augen in Wahrheit vermutlich eher blau waren. Aber einiges konnte die Autorin ja der Fantasie der Leserin überlassen und im allerersten Band der Reihe um Storm Manor hieß es nur, dass Sues Augen die Farbe von Kornblumen hatten.

„Bestimmt einige. Was machst du, wenn du nicht gewinnst?“, fragte Sues Stimme in Noras Kopf. Nora verdrehte die Augen, aber bevor sie antworten konnte, tat Logan das für sie.

„Warum sollte sie nicht gewinnen? Falls nicht, wird Nora schon etwas Schönes mit ihrer freien Zeit anzufangen wissen.“

Was denn? Eigentlich könnte sie einfach so nach England fahren. Aber alleine? Jans spöttisches Gelächter ertönte kurz in Noras Gedanken: Du und alleine in den Urlaub? Mach dich nicht lächerlich. Nora kniff die Lippen zusammen. Oh, doch, mein Lieber. Was du kannst, kann ich auch. Dann liegt ein ganzes Meer zwischen uns, und ich lasse dich ganz und gar hier.

„Mit zweiunddreißig bist du wirklich alt genug“, sagte Sue mahnend, aber freundlich. Es war nicht klar, ob sie den Urlaub alleine meinte oder das Zurücklassen von Jan.

John

Nach einer unruhigen Nacht trat John aus dem Hotel, atmete die kühle Morgenluft ein, und schlug dann den Weg nach links ein. Etwas Bewegung vor der langen Fahrt tat mit Sicherheit gut. Auf einmal vibrierte sein Handy, er zog es in Rekordzeit aus der Tasche und las Anns Namen darauf. Was wollte seine Schwester um diese Uhrzeit? Mit rasendem Herzen drückte John auf Anruf annehmen und hielt sich das Telefon ans Ohr.

„Ann? Ist was mit den Kindern? Ist alles okay?“

„Hallo?“ Die Stimme klang viel zu jung für Ann.

„Hannah?“, fragte John und lächelte. Er hörte sie beinahe nicken.

„Onkel John?“, fragte Hannah zurück. „Wo bist du?“

„In einem Park hinter dem Hotel, ich warte auf das Frühstück, dann fahren wir zurück nach England. Mit einem Wagen voller Möbel und allen möglichen Schätzen.“ Er wusste, dass Hannahs Augen jetzt leuchteten. Sie liebte seine Geschichten über die Umzüge anderer Leute, genau wie ihre Zwillingsschwester und Johns eigene Töchter. Natürlich dachte er sich das meiste aus, selten wusste John genug Interessantes über die Leute, deren Möbel er mit den Jungs abbaute, transportierte und in einem neuen Haus wieder aufstellte.

„Kinder?“, fragte Hannah hoffnungsvoll.

„Nein, keine Kinder dieses Mal“, sagte John. „Aber die Frau hat eine ganze Sammlung von bunten Kissen mit Goldstickereien. Vögel sind darauf, und ich glaube, ich habe sogar ein gesticktes Einhorn auf einem gesehen. Und ihr Mann hat eine Vitrine voller Comicfiguren.“

„Scooby Doo?“, hakte Hannah nach.

„Ja. Und Shaggy und all die anderen.“ John lächelte. Dieses Mal stimmte sogar alles, was er seiner Nichte erzählte. „Bist du die Einzige, die schon wach ist? Bei euch ist es doch noch ganz früh.“

„Mummy schläft noch“, informierte ihn Hannah flüsternd.

„Nein, tue ich nicht“, hörte John im Hintergrund eine verschlafene Stimme. „Wen hast du angerufen?“

„Onkel John! Er ist in einem Land, wo eine andere Zeit ist!“ Es raschelte in der Leitung.

„John?“, fragte Ann und gähnte herzhaft.

„Hi. Gut geschlafen? Wie geht’s den Kindern?“ John versuchte die Tatsache zu verdrängen, dass er nicht seine Frau nach seinen Kindern fragte, sondern seine Schwester.

„Gut, uns geht’s super. Mach dir keine Gedanken. Deine und meine Mädchen spielen wunderschön zusammen, das weißt du ja.“

Die Mädchen, aber was war mit seinem Sohn? „Und Brian?“

Einen Moment schwieg Ann. „Wenn er Fußball spielt, blüht er richtig auf. Malcolm ist gerade dabei, ihn zu überreden, dass er ein Instrument lernen könnte. Er würde ihm E-Gitarre beibringen. Was hältst du davon?“

„Klasse“, fand John. Er war wahnsinnig froh, dass seine ältere Schwester einen so verständnisvollen Mann geheiratet hatte und ihn beide so sehr unterstützten. „Was meint Brian dazu?“

„Ich glaube, er knickt bald ein“, Ann kicherte. „Malcolm kann sehr überzeugend sein und als er Brian seine Sammlung von CDs gezeigt hat, war es ohnehin fast um den Kleinen geschehen.“

„Das glaube ich.“ John setzte sich auf eine Parkbank und beobachtete einen Jogger mit Hund. „Danke, Ann. Ich weiß nicht, was ich ohne euch tun würde.“

„Das weiß ich allerdings auch nicht.“ Sie lachte. „Wann kommst du heim?“

Heim. Zum wievielten Mal stolperte John wohl über dieses Wort? Zuhause war da, wo das Herz war. Doch das war nicht mehr bei seiner Frau Karen, in dem kleinen Reihenhaus, das schon so lange jede Farbe verloren hatte. Zuhause war für ihn und seine Kinder jetzt bei seiner Schwester. Aber war das richtig? Sollte er nicht ein eigenes haben?

Agnes

Agnes lehnte sich zurück und blickte in die Flammen. Es war James’ letzte Amtshandlung gewesen, den Kamin anzuzünden. Der Butler hatte nicht lange bei ihr gearbeitet.

„Er war denkbar ungeeignet für die Stelle.“ Agnes schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Ein Kaminfeuer im August! Was fällt diesem ungehobelten Mann überhaupt ein, sich in meine Angelegenheiten einzumischen?“

Eine kühle Nase stupste sie an der Hand, die unablässig über die Armlehne ihres Lieblingssessels strich.

„Ach, Flame, was meinst du dazu?“, fragte sie und streichelte über den schmalen, rostroten Kopf des Windhundes. Flame winselte leise und leckte Agnes’ Finger, dann stieß sie ein kurzes Bellen aus.

„Du hast recht: Frische Luft wird uns guttun. Außerdem ist es nicht so, dass ich niemanden in mein Leben lasse. Er hat einfach unrecht.“ Energisch stemmte sich Agnes aus dem Sessel hoch, strich sich eine schneeweiße Haarsträhne zurück und sah sich dann im Zimmer um. „Wo sind denn die anderen?“, fragte sie.

Flame legte ihren Kopf schief und musterte Agnes.

„Wir sehen einfach mal nach.“ Agnes ging voraus. Sie durchquerten den Salon und gingen weiter durch den langen Gang, der zum Hundezimmer führte. Flame tänzelte die ganze Zeit neben Agnes her.

„Na, hier bist du ja. Einen haben wir.“

Stone, der graue Windhund, hob müde den Kopf und wedelte und klopfte ganz leise mit dem dünnen Schwanz auf den Boden. Die anderen drei Hundekörbe waren leer. Agnes warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Es ist aber an der Zeit“, murmelte sie und öffnete die Flügeltüren zum Garten. Schon raste Flame hinaus und drehte eine übermütige Runde über die Wiese. Stone gähnte und streckte sich ausgiebig, dann folgte er seiner Schwester nach draußen. Einen Moment beobachtete Agnes die beiden Hunde und lächelte. Ihr Spiel zu sehen, machte sie immer glücklich. Sie brauchte wirklich keine Menschen um sich.

Agnes nestelte die silberne Kette aus ihrer Bluse hervor und blies in die Hundepfeife. Leise schlug der Schlüssel dagegen, der ebenfalls an der Kette hing. Agnes hatte sich schon lange an das Geräusch gewöhnt. Irgendwo im Haus hörte sie das Kratzen von vier Paar Pfoten über Holzdielen. Wo hatten sich die beiden bloß wieder herumgetrieben? Laut und ungestüm tauchten Rain und Snow hinter ihr auf und setzten sich vor sie. Sekunden später tobten alle vier Hunde über die Wiese, umrundeten die Buchsskulpturen und rannten bis zu den uralten Eichen, die Agnes so liebte.

„Lady Clayton? Brauchen Sie mich noch? Ich habe Ihren Tee im Speisezimmer serviert“, riss die Köchin sie aus ihren Gedanken.

„Danke, Mrs. Robinson. Nein, gehen Sie ruhig nach Hause.“ Agnes hielt inne, dann gab sie sich einen Ruck. „Darf ich Sie etwas fragen?“

„Ja, natürlich.“ Mrs. Robinson strich über ihre weiße Schürze und lächelte Agnes freundlich an, aber in ihren Augen lag Sorge. Vielleicht nahm die Köchin nun an, dass auch sie fortgeschickt werden würde. Dass dieser unmögliche Mann selbst seine Kündigung ausgesprochen hatte, verriet Agnes niemandem und er selbst hatte sicher nichts darüber verlauten lassen.

„Schon gut. Danke.“ Agnes drehte sich wieder der offenen Tür zu. „Schönen Urlaub!“, rief Agnes ihrer Angestellten hinterher. Beinahe hätte sie es vergessen. Zwei Wochen Urlaub. Zwei Wochen ohne Butler, ohne Köchin. Nur das Zimmermädchen würde da sein. Agnes schloss die Augen und spürte, wie der Wind durch ihr Haar fuhr. Sie trat auf die Terrasse, als das Telefon in der Eingangshalle klingelte. Agnes ignorierte es, weil sie es nicht gewohnt war, selbst den Hörer abzunehmen. Doch es klingelte weiter. Wie dumm von ihr! James war nicht mehr da, der sich darum kümmern konnte.

„Was für eine lästige Erfindung, so ein Telefon“, sagte sie zu sich selbst und kehrte ins Haus zurück. Das Klingeln verstummte.

Ärgerlich starrte sie den Apparat an. Ihr Blick fiel auf das kleine Büchlein neben dem Telefon. Sie hatte es heute früh wiedergefunden, ihr altes Adressbuch. Da sie nun schon hier stand, würde sie die Gelegenheit nutzen. Sie hob den Hörer ab und wählte.

„Ja, bitte? Was kann ich für Sie tun?“ Diese vertraute Stimme, so voller Wärme, obwohl er noch nicht wusste, wer dran war. Agnes lächelte. Eine kleine gezeichnete Blume befand sich neben seinem Eintrag. Dem ersten von sieben Einträgen mit sieben verschiedenen Adressen. Hugh war so oft umgezogen.

„Hugh? Ich bin’s.“

„Agnes! Wie schön! Wie lange ist das her?“ Seine Stimme lockte Agnes in die Vergangenheit, sie schmeckte Karamellbonbons und hörte die Amsel vor dem Fenster singen.

„Zehn Jahre“, sagte Agnes wahrheitsgemäß. „Ich denke, es ist mal wieder an der Zeit, oder?“ Warum hatten sie sich aus den Augen verloren? Sie wusste es nicht.

Hugh lachte. „Gut, dass du anrufst. Du musst mir helfen!“

„Das ist ja wieder typisch für dich. Wenn du Hilfe brauchst, warum rufst du dann nicht an?“, tadelte Agnes.

„Wieso bin ich nicht darauf gekommen? Etwas ließ mich denken, dass du nicht gestört werden möchtest. Aber jetzt klingst du, als würdest du aus deinem Schneckenhaus herauslugen!“

Bei Hugh konnte Agnes nicht eine Sekunde beleidigt sein, noch nie. „Es war mir auf einmal zu dunkel.“ Auch wunderte sich Agnes nicht mehr über die wahren Sätze, die sie aussprach. „Wie geht es deiner Frau?“

Hugh schnaubte. „Sie hat auf einem der letzten Pressetermine einen Journalisten kennengelernt und mich verlassen. Kannst du dir das vorstellen? Martha hätte so etwas nie getan.“

„Aber ich dachte, du hast gerade gesagt …“

„Martha ist vor neun Jahren gestorben.“

„Oh, Hugh …“

„Sag nichts, es ist neun Jahre her. Ja, ich vermisse sie immer noch und werde sie immer vermissen, aber das Leben muss weitergehen. Wenn ich nicht liebe, breitet sich die große Leere in meinem Kopf aus. Martha hat es gewusst. Ich musste ihr versprechen, nicht alleine zu bleiben. Sie war ein Engel.“

„Ja, das war sie.“ Agnes hatte Martha gemocht.

„Wir könnten noch Stunden telefonieren, zehn verpasste Jahre bieten eine Menge Gesprächsstoff, aber lieber würde ich dich sehen. Können wir uns treffen?“

„Natürlich. Ich komme nach London. Wo wohnst du jetzt?“

Agnes lächelte, als sie Hughs neue Adresse notierte.

„Eine Sache müsste ich dir noch sagen.“ Hugh sprach zögerlich und das war kein gutes Zeichen. Was er ihr sagen wollte, verriet er leider nicht am Telefon. Persönlich, hatte er gesagt. Agnes seufzte. Was führte er nur im Schilde?

Kapitel 2

Nora

Neben Logans Porträt verharrte Nora mitten in der Bewegung. „Meinst du, das ist der Postbote?“, flüsterte sie und kaute auf ihrer Unterlippe.

„Es wäre gut, wenn jemand die Tür öffnen würde, um nachzusehen“, hörte Nora Sues Stimme in ihren Gedanken.

Eilig nickte Nora, räusperte sich und ging zur Haustür.

„Guten Morgen, Post für Sie. Einschreiben.“ Der junge Postbote hielt Nora einen Umschlag hin, leicht angegilbt, als wäre er geradewegs aus der Vergangenheit gekommen. Aus dem Jahr 1912 vielleicht? Konnte das wirklich sein? Noras Herz tanzte und sie konnte nicht aufhören zu lächeln. Konnte dieser Brief wirklich bedeuten, dass sie gewonnen hatte?

Der Postbote räusperte sich.

„Oh, Entschuldigung! Vielen Dank!“ Sie riss ihm den Umschlag aus den Händen und unterzeichnete auf dem elektronischen Gerät. Kopfschüttelnd ging er die Treppe hinunter und verschwand nach draußen in die strahlende Hochsommersonne. Nora blieb stehen, und schnupperte an dem Papier, überprüfte die Briefmarken. Der Brief war eindeutig aus England. Sie las den Absender und ihr Herz schlug noch ein bisschen schneller. „Mary Jane Hudson, meint ihr, sie hat ihn persönlich geschrieben?“, murmelte Nora.

„Wer sonst?“, fragte Sue. „Nun mach ihn schon auf!“

Mit dem Umschlag in der Hand rannte Nora in die Küche, holte ein Gemüsemesser aus der Schublade und schob es vorsichtig unter die Lasche. Sie zog einen ebenfalls altertümlich aussehenden Briefbogen heraus und las. Endlich schaffte Nora es, Sues und Logans Stimmen auszublenden und überflog die Worte auf dem Papier.

Werte Miss Lindberg, stand dort in schnörkeliger Handschrift, die gut zu Sue gepasst hätte.

Ich freue mich sehr, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Sie gewonnen haben und lade Sie hiermit ein, vier Wochen auf Storm Manor zu verbringen, um in den Fußstapfen von Lady Sue und Sir Logan zu wandeln … Nora überflog mit wild klopfendem Herzen die weiteren Zeilen.

Mit zwei weiteren Gewinnerinnen werden Sie auf Storm Manor einziehen. Im Umschlag finden Sie zwei Flugtickets. Am 1. September wird man Sie erwarten.

Hochachtungsvoll und mit herzlichen Grüßen

Mary Jane Hudson

Neben den Flugtickets fand Nora ein Foto von Storm Manor im Umschlag. Sie lief damit in den Flur und verglich es mit dem Bild, das sie nach den Beschreibungen in den Romanen gemalt hatte. Es sah fast genauso aus! Storm Manor, das Zuhause von Logan und Sue, dem schönsten Liebespaar der Welt! Eine Liebe, wie Nora sie im echten Leben leider noch nicht gefunden hatte. Doch diese Liebesgeschichte Band für Band zu lesen, hatte ihr über den Kummer nach Jan hinweggeholfen. Wegen den beiden hatte sie die Hoffnung behalten, dass sie vielleicht auch eines Tages ihren eigenen Logan finden würde … jemand, der zu ihr passte.

„Ich habe wirklich gewonnen …“, flüsterte sie. Es summte warm in ihrem Bauch, wie ein ganzer Schwarm Glühwürmchen. Sie hüpfte zu Logans Gemälde.

„Das glaubst du nicht! Ich komme euch besuchen! In, oh, in einem Monat schon!“ Nora drehte sich im Kreis, schloss die Augen und stellte sich vor, wie Logan mit ihr tanzte. Sie drehte sich, bis ihr schwindelig wurde, und lehnte sich lachend an die Wand. Das Herrenhaus aus ihren Lieblingsromanen! Vielleicht würde sie sogar Mary Jane Hudson kennenlernen? Sie war bestimmt eine kluge Frau, vielleicht hatte sie ein paar Ratschläge für Nora.

Nora rannte zum Telefon und wählte.

„Hi! Sag bloß du hast …“, sagte Vanessa und wartete.

„Gewonnen!“, quietschte Nora und fächerte sich mit dem Briefumschlag Luft zu.

„Das Gewinnspiel?“, wollte Vanessa sichergehen.

Nora nickte und versuchte ihren Atem zu beruhigen. „Ja! Vier Wochen auf Storm Manor!“

„Wie toll! Herzlichen Glückwunsch“, jubelte Vanessa.

„Danke!“, sagte Nora. „Ohne dich und dein Weihnachtsgeschenk hätte ich gar nicht davon erfahren.“

„Koffer schon gepackt?“, fragte Vanessa.

„Nein, o Gott, was muss ich denn alles mitnehmen?“ Nora sah sich hektisch im Zimmer um, als wenn irgendwo eine Packliste herumliegen würde. „Vier Wochen!“

Vanessa lachte. „Das schaffst du schon. Ist dein Personalausweis noch gültig? Meiner läuft ja gerne genau vor einer Reise ab.“

„Huch!“, rief Nora, angelte nach ihrer Handtasche und wühlte ihre Brieftasche daraus hervor. „Ah! O nein! Ich muss sofort ins Rathaus!“ Sie verabschiedeten sich, legten auf und schon war Nora aus der Tür, rannte die Treppe hinunter und nach draußen ins helle Sonnenlicht.

Wie hatte sie das vergessen können? So etwas Wichtiges zu übersehen? Hoffentlich war es noch nicht zu spät. Nora war so in Gedanken, dass sie den Schatten zu spät bemerkte. Sie sah hoch und prallte gegen einen Mann. Ein harter Brustkorb in einem T-Shirt mit dem aufgedruckten Logo einer Band, darunter verwaschene Jeans und Sneakers. Warme Hände schnellten vor, um sie aufzufangen, dabei war sie überhaupt nicht gestrauchelt. Nora schmeckte Blut auf der Zunge und ertastete eine kleine wunde Stelle an der Lippe.

Irritiert sah sie in sommerhimmelblaue Augen, die sie besorgt musterten. „Ist alles okay? Tut mir leid, ich habe gerade nicht auf den Weg geschaut.“

Zuerst dachte Nora, dass seine Stimme sympathisch klang, dann fiel ihr auf, dass sie die Stimme kannte. Genau wie seine Augen. Außerdem sprach er ein wunderbares Englisch. Sie hätte ihm ewig zuhören können.

„Sie bluten ja. O Mann, das tut mir leid.“ Er hielt ihr ein Taschentuch hin.

„Nicht schlimm“, sagte Nora, griff automatisch nach dem Tuch und drückte es auf ihre Lippe.

Vor ihr stand der Mann von gestern. Sie seufzte leise. Das war doch nicht normal, dass sie einen wildfremden Mann so anstarrte. Auch wenn er ein wenig wie das Porträt aussah, das sie von Logan gemalt hatte.

„John.“ Der Mann hielt ihr eine Hand hin. „Wie kann ich das wiedergutmachen?“ Er sah Nora einen Moment an. „Eis!“, sagte er dann. „Das Kühle wird Ihnen guttun.“

„Nora“, stellte sie sich vor, erwiderte seinen Händedruck und schüttelte den Kopf. „Ach was, alles in Ordnung. Machen Sie sich keine Umstände.“

„Gibt es hier im Dorf eine Eisdiele?“, fragte John.

„Schon, aber wirklich, kein Problem.“

„Sie haben Termine, natürlich. Hier …“ Er suchte in seiner Hosentasche nach etwas, dann hörte er auf zu wühlen. „Nein, das gehört sich nicht, wenn ich Ihnen nur das Geld für ein Eis gebe. Hätten Sie eine Viertelstunde? Oder vielleicht später heute Abend? Ich fahre erst morgen wieder zurück.“

„John!“, rief jemand aus einem Fenster über ihnen. „Siehst du nicht, dass du genug Schaden angerichtet hast?“ Der Mann lachte. „Vielleicht mag sie kein Eis.“

„Oh“, entfuhr es John.

„Gut“, meinte sie lächelnd. „Ein Eis. Gerne.“

„Ist das okay, wenn ich mal zwanzig Minuten weg bin?“, rief John zu dem anderen Mann hoch, der noch immer grinsend und mittlerweile rauchend am Fenster stand. Der andere zeigte sein Einverständnis mit einem Daumen-hoch-Zeichen und John wies in Richtung Geschäftszeile.

„Nach Ihnen.“ Seine Stimme klang warm und samtig.

In der einzigen Eisdiele des Ortes wimmelte es vor Menschen, alle Tische draußen waren besetzt. Sie stellten sich ans Ende der Schlange.

Die Frau vor ihnen bestellte.

„Schaffen Sie drei Kugeln?“, fragte John auf Englisch.

Nora kicherte leise. „Ja, ich denke schon.“

„Drei ist immer eine gute Zahl, oder?“ Er wechselte wieder zu Englisch. „Den Satz habe ich in einem Film aufgeschnappt. So ähnlich zumindest.“

„Guten Tag, was darf es sein?“, fragte der freundliche Italiener hinter der Theke mit den zwanzig Sorten Eis.

„Drei Kugeln im Hörnchen“, sagte Nora, und wählte Vanille, Pfirsich und dunkle Schokolade.

John nickte anerkennend und bestellte sich Waldmeister, Cookies und ebenfalls dunkle Schokolade.

„Was ist das, Waldmeister?“, fragte er, als sie neben der Eisdiele auf einer sonnenbeschienenen Mauer Platz fanden.

„Das Kraut wächst im Wald und hat kleine weiße Blüten.“ Nora beschrieb deren Winzigkeit, in dem sie mit Daumen und Zeigefinger einen kleinen Abstand zeigte. „Frischer Waldmeister ist sehr lecker. Bowle gibt es damit zum Beispiel.“

John nickte und leckte an dem blassgrünen Eis. Ganz leicht verzog er das Gesicht, aber dann probierte er ein bisschen von der dunklen Schokolade mit Waldmeister zusammen. „Sehr gut“, sagte er. „Dabei habe ich nichts Gutes von der deutschen Küche gehört.“

„Na, Eis ist ja eher italienisch.“ Nora baumelte mit den Beinen. Sie fühlte sich wieder richtig jung, fast so, wie kurz nach dem Abi. Als sie noch mit Jan Eis gegessen hatte. Auf einmal schmeckte ihr Eis nicht mehr. Verdammt, was suchte er immer noch in ihren Gedanken? Ärgerlich biss sie ein Stück Waffel ab.

„Ist es nicht gut?“, fragte John. „Oh, habe ich dich beleidigt? Mit der Bemerkung über deutsches Essen?“

„Nein, nein. Das Gleiche habe ich übrigens über die englische Küche gehört. Dass sie gewöhnungsbedürftig sei, meine ich.“ Ihr Ton fiel ernster aus als beabsichtigt.

Er schwieg so lange, dass sich Nora zu ihm umdrehte und ihn prüfend ansah. John hielt sein Gesicht mit geschlossenen Augen in die Sonne, und lächelte. Sein Eis schien er völlig vergessen zu haben, ein blassgrüner Tropfen lief über die Waffel auf seine Finger und drohte auf seine Hose zu tropfen.

„Vorsicht, dein Eis flüchtet“, warnte ihn Nora.

„Gut, dann muss ich mich nicht entschuldigen“, sagte John, leckte den Tropfen ab und lächelte sie an.

„Wofür? Ich dachte, das wäre geklärt.“

„Dafür, dass ich dich geduzt habe. Aber du hast es eben auch gemacht. Wir bleiben also dabei.“

Wir bleiben dabei. An diesen Satz erinnerte sich Nora noch immer, als sie vom Rathaus zurück war und ihre Wohnung betrat. Was meinte er damit? Mit Sicherheit würden sie sich nie wieder begegnen.

„Ich bin wieder da“, rief Nora leise.

Ganz kurz bildete sie sich ein, die Stimmen von Logan und Sue aus dem Wohnzimmer zu hören, doch es war nur der Fernseher ihrer Nachbarin. Nora holte ihren Koffer von ihrem Kleiderschrank herunter. Sie würde einmal zur Probe packen, sehen, ob sie mit einem Koffer hinkam. England. Storm Manor. Ihr eigenes Abenteuer! In Gedanken streckte sie Jan die Zunge heraus und schwor sich, die Erinnerungen an ihn nicht in den Koffer zu packen. Nach zwei Jahren musste das nun wirklich möglich sein.

Agnes

Hugh hatte beim Telefonat nicht viel verraten, dabei hasste Agnes Überraschungen. Deswegen sträubte sich in ihr alles dagegen, Hughs Ratschlag anzunehmen, den er ihr am Ende des Telefonats gegeben hatte. Leider hatte er recht, so ganz ohne Gärtner ging es nicht. Wie er gerade auf einen Gärtner kam, war ihr allerdings schleierhaft, schließlich hatte Hugh den Zustand des Gartens nicht mit eigenen Augen gesehen. Aber als er danach gefragt hatte und sich Agnes über den Weggang des letzten Gärtners beklagt hatte, hatte sich Hugh richtig gefreut. Seltsam. Agnes lehnte mit ihrer Hüfte gegen das Fensterbrett in der Bibliothek und beobachtete die Hunde beim Spielen im Park. Die Hundeohren flogen im Wind bei dem übermütigen Herumtollen. Das Gras war zu hoch, die Büsche mussten beschnitten werden.

Sie musste wieder an die Worte des Butlers denken. Die Stille dehnte sich aus, wenn die Hunde schliefen oder draußen waren. Vielleicht hatte er doch recht. Dabei besaß Agnes alles, was sie sich je erträumt hatte. Ihr Blick schweifte über die Bücher, die goldenen Beschläge an den Regalen und dann erneut durch den Park zu ihren Hunden. Er wusste nichts, beschloss sie. Einsam. Pah.

Erst mal der Garten. Beschäftigung war immer gut.

„Dann wollen wir mal sehen.“ Agnes ging zum Telefon und wählte die Nummer, die Hugh ihr diktiert hatte.

Ein Freiton erklang und Agnes räusperte sich einige Male nervös. War niemand zu Hause? Sie warf einen Blick auf die Standuhr in der Ecke. Es war fünf Uhr am Nachmittag. Was war das bitte für eine Arbeitsmoral, jetzt nicht mehr erreichbar zu sein? Als selbstständiger Gärtner? Selbst wenn er gerade einen Auftrag hatte.

Gerade als Agnes auflegen wollte, hörte sie am anderen Ende der Leitung ein Rascheln und dann eine Stimme. „Hallo?“

„Guten Tag. Hier spricht Lady Clayton, ist John Blackwood zu sprechen?“ Sie versuchte gar nicht erst, ihren pikierten Ton zu verbergen.

„Nein.“ Die Stimme klang weiblich und sehr müde.

„Nein? Und wann kann ich ihn erreichen? Hat er eine Assistentin, mit der ich sprechen könnte?“

„Nein.“ Es klickte und das Besetztzeichen erklang.

„Nein?“, rief Agnes in den Hörer, weil sie nicht glauben wollte, dass diese impertinente Person einfach aufgelegt hatte. Anhand der kurzen Worte hatte sie nicht richtig einordnen können, wer dran gewesen war. Ein Kind? Eine Frau? Agnes drückte wütend den Hörer auf die Gabel. „Unverschämtheit“, murmelte sie.

Einen Moment stand sie unschlüssig neben dem Telefon. Agnes hätte den Zettel zerrissen, wenn es nicht ausdrücklich Hughs Empfehlung gewesen wäre. Er hatte ja gar nicht mehr aufgehört, von diesem John zu schwärmen. Eine Chance würde sie ihm noch geben, morgen Mittag. Wenn er dann nicht da war, Pech.

Nachdem Hugh mit seiner Lobrede über den Gärtner fertig gewesen war, hatte er eine große Sache angekündigt. Diese wollte er Agnes aber nur persönlich erzählen, auch nachdem sie etwas halbherzig nachgebohrt hatte. Hugh war stur wie eh und je. Agnes sah auf die Uhr. Es blieben noch zwei Stunden bis zu ihrer Verabredung.

Das Haus mit der Nummer siebenundzwanzig sah nicht anders aus als die anderen Häuser, weiß gestrichen, mit Sprossenfenstern und einer schwarz lackierten Tür. Es war, wenn überhaupt, etwas schmaler, aber der Vorgarten war liebevoll bepflanzt, ein richtig romantischer Cottagegarten mitten in der Stadt. Ob das auch dieser John gewesen war? Oder Hugh selbst?

Agnes knöpfte ihren dünnen Mantel zu und ging mit energischen Schritten auf die Gartenpforte zu, sie quietschte beim Öffnen. Ihre Absätze klickten laut auf den Steinplatten des Weges. Aufgeregt drückte Agnes auf den goldenen Klingelknopf. Entfernt hörte sie eine leise Melodie. Noch bevor die Melodie verklang, öffnete sich die Tür und Hugh stand vor ihr.

Eine Weile sahen sie sich einfach nur schweigend an. Mehr Fältchen als früher umrahmten Hughs Augen und ein attraktiver, silbriger Bartschimmer zierte sein kantiges Gesicht, aber Hugh hatte noch immer den gleichen warmen, wachen Blick. Zehn Jahre schrumpften dahin, als Hugh die Stufen zu ihr hinunterkam und sie in eine enge Umarmung zog. Er sog lautstark die Luft ein.

„Agnes, meine Blume, du duftest lieblicher als jeder Garten.“ Er lachte. „Die Sprüche werden mit den Jahren leider auch nicht besser“, fügte er hinzu und schob Agnes ein Stück von sich weg. „Lass dich ansehen.“ Er ließ seinen Blick ganz gemächlich von ihren schmalen Schnürstiefeln über ihre bestrumpften Beine bis zu ihren Augen und ihrer Hochsteckfrisur schweifen und stieß einen leisen Pfiff aus. „Etwas zu ernst für meinen Geschmack. Ich hoffe, du hast Mut mitgebracht und kannst mir verzeihen.“

John

John aß schweigend sein Rührei, starrte Löcher in die Luft. Er zuckte zusammen, als sich jemand räusperte.

„Gut geschlafen?“, fragte Mike.

„Mhm.“ John nickte. Dummerweise hatte er sehr traumreich geschlafen und konnte sich an jeden einzelnen der Träume erinnern, weil er mehrmals schweißgebadet aufgewacht war. In allen tauchte seine Frau auf. Er wollte nicht daran denken, dass Karen alleine zu Hause war. Und trotzdem sah er sie ständig vor sich, wie sie verletzt und bewusstlos unten am Fuß der Treppe lag. Wie es schon einmal passiert war. Ausgerechnet Brian hatte sie so gefunden und war blass und still zu John gekommen, hatte ihn am Ärmel in den Flur gezogen und war dann wortlos wieder weggegangen.

Die Kinder hatten Karen nicht nur einmal so erleben müssen. John dachte schon wieder darüber nach, ob er es seinen Kindern überhaupt antun konnte, mit Karen zusammenzubleiben. Immerhin wohnten sie jetzt nicht mehr dort, während er im Ausland war. Aber er wollte seine Frau noch nicht aufgeben. Auch, wenn er es tief in seinem Herzen längst getan hatte.

„John?“

Erstaunt sah er auf. In Mikes Blick lag eine Mischung aus Besorgnis und Ärger.

„Wirklich, sie vermiest dir jeden Tag. Wie soll das denn weitergehen? Das mit dem Alkohol geht schon zu lange.“

Allein bei dem Wort Alkohol krümmten sich Johns Hände von ganz alleine zu Fäusten. Er hasste das, was er aus Karen gemacht hatte. Früher war sie süß gewesen und natürlich erwartete John nicht, dass sie für immer so bleiben würde wie vor sieben Jahren, als er sie kennengelernt hatte. Auch sie hatte viel hinter sich. Eine gescheiterte Ehe, eine Kindheit über die sie nie sprach, Sorgen in der Arbeit. Und trotzdem, von der Karen von damals war nicht mal eine Sommersprosse übrig. Sie war eine fremde Frau geworden.

„Ich weiß es nicht“, antwortete John schließlich. Das drückte am allerbesten aus, was er fühlte. Er wusste nichts mehr, weder was er tun, was er sagen noch was er denken sollte. Der Alkohol und Karens Sucht hingen über allem wie eine schwarze Wolke, in der es ständig donnerte und blitzte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Blitz irgendwo einschlug und John wusste nicht, was dann passieren würde.

Lautes Lachen hinter ihnen kündigte das Eintreffen von seinen Kollegen an. Die beiden kamen vom Frühstücksbüfett zu ihnen herüber und setzten sich. „Ist jemand gestorben?“

John entschuldigte sich murmelnd, brachte sein Tablett weg und ging nach oben in sein Hotelzimmer. Als die Tür hinter ihm ins Schloss klickte, lehnte er sich einen Moment mit dem Rücken dagegen und schloss die Augen. Mit aller Macht versuchte er sich an die Karen von früher zu erinnern. Es dauerte eine Weile, aber dann sah er sie. Viel zu schnell wurde aus der schönen Erinnerung allerdings wieder eins der Albtraumbilder der vergangenen Nacht.

Erschrocken öffnete John die Augen und schüttelte sich, um das Bild loszuwerden. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Er versuchte ruhig zu atmen, um sein bebendes Herz zu beruhigen und ging ins Bad. Beim Zähneputzen musste er plötzlich wieder an diese junge Frau mit dem Sonnenhut denken und ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Etwas an ihr hatte ihn berührt, vielleicht ihre Stimme oder ihre Augen, die so grün leuchteten wie eine irische Wiese nach dem Regen.

Während John zusammenpackte, landeten seine Gedanken ständig wieder bei Karen und ganz kurz überkam ihn ein schlechtes Gewissen, weil er an eine andere Frau gedacht hatte. John griff nach seinem Handy und wählte seine Festnetznummer. Es tutete mehrere Male, bis jemand abhob, aber nichts sagte.

„Karen?“, fragte John.

Noch immer keine Antwort, nur ein leises Röcheln.

„Schatz? Ist alles okay bei dir?“, fragte John. Sein Herz stolperte und pochte so heftig gegen seine Rippen, dass es wehtat. Diese Momente machten ihm Angst. Er wusste, dass nichts in Ordnung war. Karen ging es schlecht, vielleicht hatte sie sich verletzt oder war völlig teilnahmslos und wusste nicht, was sie gerade tat. Weil es keine andere Möglichkeit gab, zu ihr durchzudringen, floh John in die Normalität.

„Wie ist das Wetter bei euch? Ich komme nachher nach Hause. Soll ich dir ein Stück Kuchen mitbringen? Walnusskuchen? Den magst du doch so gerne.“ John verstummte. Es ärgerte ihn, dass er immer eine Reihe von merkwürdigen Bemerkungen und Fragen ausstieß, wenn Karen sich nicht an Gesprächen beteiligte.

Karen schnaubte, etwas schepperte im Hintergrund.

„Was hast du heute vor?“, fragte John. Die letzte Frage, schwor er sich.

Noch immer antwortete Karen nicht.

„Gut, Schatz, mach dir einen schönen Tag. Bis nachher!“ John hasste sich für seinen fröhlichen Ton und dafür, dass er immer noch nicht richtig akzeptieren konnte, was los war. Er traute sich nicht am Telefon die Wahrheit zu sagen. Er erwähnte weder die Kinder noch seine Schwester noch den Alkohol. Er war wirklich ein Feigling. Am liebsten hätte er das Handy an die Wand geworfen, aber er tat es nicht. Wie immer.

 

Kapitel 3

Nora

Mit klopfendem Herzen, leicht flatterigen Nerven nach ihrem ersten Flug und ihrem Koffer in der Hand, atmete Nora tief durch. Als sich die Milchglastüren öffneten, sah sie eine überraschend niedrige Halle mit Hunderten von erwartungsvoll dreinblickenden Gesichtern. Etliche der Wartenden hielten Schilder hoch. Nora suchte in der Menge nach ihrem Namen und fand ihn schließlich auf einem weißen Schild zu ihrer Linken. Sie steuerte darauf zu und versuchte den Mann, der das Schild hielt, nicht allzu sehr anzustarren. Obwohl er bedeutend älter war, erinnerte er sie an Logan, die Art wie er sich umsah, wie er die Lippen spitzte und ein leises Lied pfiff.

„Guten Tag“, sagte Nora und reichte ihm ihre Hand. „Ich bin Nora Lindberg. Vielen Dank, dass Sie mich abholen.“

„Guten Tag, Miss Lindberg.“ Der Mann machte eine kleine Verbeugung und nahm das Schild herunter. Er ergriff ihre Hand und verbeugte sich erneut. „Hugh Watson, zu Ihren Diensten. Lady Clayton erwartet Sie bereits auf Storm Manor. Darf ich?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm er Nora den Koffer ab und drehte sich halb um. Er wies mit der Hand auf eine Drehtür und ging los. War er wohl der Butler des Hauses? Er klang gebildet, war höflich und Nora auf Anhieb sympathisch.

„Wie war die Anreise?“, erkundigte er sich. „Der Wagen steht gleich da vorne.“

„Oh, gut“, sagte Nora. „Es war faszinierend, diese riesige Stadt von oben zu sehen. Die ganze Stadt.“

„Ja, das kann ich mir vorstellen.“ Er lächelte.

„Sind Sie noch nie hier gelandet?“

„Oh, nein.“ Er winkte ab. „Ich nehme für gewöhnlich die Fähre und den Wagen, wenn ich die Insel verlassen möchte.“

Nora wunderte sich kurz, dann stieß sie einen leisen Pfiff aus. Mr. Watson war vor einem dunkelgrauen glänzenden Oldtimer stehen geblieben, und verstaute Noras Gepäck im Kofferraum. Als er die Klappe schloss, entdeckte Nora das kleine geflügelte B. Ein Bentley. Genauso einen fuhr doch auch Logan! Noras Herz machte einen fröhlichen Hopser.

Die ganze Fahrt sah Nora aus dem Fenster, ständig entdeckte sie etwas Neues. Zuerst Häuser mit Blumenkästen, die mal schnurgerade gebaut waren und mal leicht windschief aneinander lehnten, Menschen mit und ohne Hunde, rote Doppeldeckerbusse und schließlich, als sie London verließen, eine hügelreiche Landschaft. Der Himmel blitzte blau zwischen den Wolken hervor, gelbe Blumen wuchsen zwischen dunkelgrünen Büschen, riesige Eichen und vereinzelte Baumgruppen und unendliche Hecken wechselten sich ab. Ganz leise spielte das Radio und Mr. Watson summte bei einem Lied mit.

„Oh, entschuldigen Sie, ich bin gar nicht gesprächig. Es ist so aufregend.“

Mr. Watsons Mundwinkel zuckte verräterisch, ganz kurz nahm er den Blick von der Straße und sah sie an. „Sehen Sie sich ruhig um. Mir geht es auch jedes Mal so, wenn ich die Stadt verlasse und aufs Land fahre.“

„Wohnen Sie denn in der Stadt?“, fragte Nora.

„In einem Vorort.“ Er brach ab und hustete. „Aber das ist schon eine Weile her“, schob er nach. „Natürlich wohne ich seit geraumer Zeit auf Storm Manor. Ich bin der Butler und Chauffeur von Lady Clayton.“

Ein echter Butler. Wie romantisch!

„Woher kennt die Hausherrin eigentlich die Autorin Mary Jane Hudson?“, fragte Nora.

„Sie kennen sich von früher, soweit ich weiß.“

Der Blinker klickte und der Wagen bog in eine schmale Straße ein, die schnell von Asphalt zu weißen Kieselsteinen überging und an beiden Seiten von hohen Bäumen gesäumt war. Nora sah gebannt aus dem Fenster. Zwischen den Bäumen wucherte das Gras kniehoch und dazwischen wuchsen Wildblumen in Blau und Rot.

„Wunderschön“, flüsterte Nora und deutete auf ein langes goldenes Feld hinter der Allee. Ein Schwarm Krähen flog auf und flatterte in den nun vollkommen blauen Himmel.

„Der frühere Gärtner hat leider gekündigt, in den nächsten Tagen fängt ein neuer an“, erklärte Mr. Watson.

„Wie viele Personen wohnen auf Storm Manor?“

„Lady Clayton, Abigail und meine Wenigkeit. Abigail ist das Zimmermädchen, fährt aber an den Wochenenden in ihre Londoner Wohnung. Die Köchin wohnt nicht bei uns. In den nächsten Wochen logieren neben Ihnen noch zwei andere junge Damen auf Storm Manor.“ Er zwinkerte ihr kurz zu.

„Fast wie ein wahr gewordener Traum“, sagte Nora leise und sah wieder auf den Weg. Stück für Stück tauchte die Fassade zwischen den Bäumen auf, bis das Herrenhaus in voller Größe vor ihnen lag. Es verschlug Nora den Atem. Das Herrenhaus war von zwei riesigen quadratischen Türmen flankiert, an einem von ihnen rankte Efeu empor. Hohe Schornsteine ragten aus dem grauen Dach und Nora konnte einige kleine Nebengebäude erkennen. Wie viel Zimmer musste es in dem Haus geben? Die Fenster hatten weiße Sprossen und weiße Rahmen, eine halbrunde vierstufige Treppe führte zu der dunkelgrün gestrichenen Haustür. Auf den steinernen Balustraden standen riesige Blumentöpfe.

„Der Sandstein ist etwas grauer, als ich dachte, aber ansonsten …“, flüsterte Nora.

„Sie haben es sich so vorgestellt?“, fragte Mr. Watson.

Nora nickte. „Es ist wahnsinnig romantisch“, flüsterte sie und rieb über ihre Arme. Mr. Watson parkte den Wagen vor der Treppe. In der Mitte des Kiesplatzes erstreckte sich eine oval geformte Rasenfläche mit einem kleinen Springbrunnen aus Stein in ihrer Mitte. Eine winzige Buchshecke umrahmte die Rasenfläche, in regelmäßigen Abständen thronten Buchskugeln auf ihr, alles wuchs ein wenig ungleichmäßig.

Mr. Watson stieg aus. Nora blieb sitzen und staunte. Als er die Wagentür öffnete, fuhr sie zusammen.

„Es ist wunderschön“, hauchte sie und stieg langsam aus.

„Danke.“ Mr. Watson lächelte und griff nach Noras Koffer. Gut gelaunt ging er auf das Haus zu, Nora folgte ihm. Der schwere Duft von Rosen lag in der Luft, gemischt mit dem von warmem Stein und süßer Verheißung.

Sie stiegen die Steinstufen empor, und Nora strich mit den Fingern über das bemooste Steingeländer. Mr. Watson wartete oben auf sie und bedeutete ihr einzutreten.

„Mögen Sie Hunde?“, fragte der Butler.

„Ja, sehr gerne sogar.“

„Lady Clayton hat vier Windhunde. Flame, Rain, Snow und Stone.“

„Interessante Namen“, meinte Nora und sah sich in der Eingangshalle um und bewunderte die hübschen Details.

„Willkommen auf Storm Manor.“ Er breitete die Arme aus.

„Fast so groß wie ein Ballsaal“, sagte Nora verträumt. „Oh, gibt es einen Ballsaal? Beinahe sehe ich sie vor mir …“ Nora brach ab. Hatte Mr. Watson das gehört? Wie sollte sie ihre merkwürdige Besessenheit für die Bewohner von Storm Manor aus den Büchern von Mary Jane Hudson erklären?

„Die Hunde oder wen meinen Sie?“, fragte Mr. Watson.

„Ach, niemanden.“ Nora winkte ab.

Noras Herz klopfte aufgeregt, als sie sich ausmalte, wie Sue in einer engen Reithose und einer maßgeschneiderten Samtjacke die Treppe hinunterkam, unten wartete Logan, nahm ihre Hand und führte sie zur Haustür.

Dieses Haus löste ein Bild nach dem anderen in Nora aus. Natürlich dachte sie auch sonst oft an Logan und Sue, aber nicht so intensiv wie jetzt. Sie musste unbedingt eins der neuen Bücher hier auf der Treppe lesen oder vielleicht in einem anderen Raum. Mit Sicherheit gab es wunderschöne Zimmer hier. Schon jetzt war sie Hals über Kopf in das Anwesen verliebt.

In der Halle gab es alle möglichen Grautöne, von fast weißem Grau bis zu Blaugrau und Anthrazit. Als Nora den Blick hob, stockte ihr fast der Atem. Die Decke war bemalt! Sie erkannte Wolken, Himmel und Berge, alles kunstvoll ineinander verwoben, einen Fluss, einen Wald und eine Wiese mit Tausenden von bunten Wildblumen, über die vier Windhunde tobten. Einer war grau, einer fast weiß, der dritte schwarz und der vierte hatte die Farbe von Herbstlaub.

„Sind sie das?“, fragte Nora und deutete nach oben.

Mr. Watson nickte. „Die vier Hunde von Lady Clayton. Es müssen immer vier sein. In den gleichen Farben wie ihre Vorgänger. Und sie tragen immer die gleichen Namen.“

Mr. Watson trat zu einem Wandteppich, Nora folgte ihm. Abgebildet war eine Szene von einem Tanzball. Nora brannte darauf, Lady Clayton kennenzulernen. Einiges an ihr gefiel ihr schon jetzt. Wenn Nora einen Hund hätte, wäre es mit Sicherheit auch ein Windhund und vier war schon immer ihre Lieblingszahl gewesen. Und dass sie es liebte, anderen beim Tanzen zuzusehen, war auch kein Geheimnis.

„Wunderschön“, flüsterte Nora.

„Guten Tag“, sagte jemand dicht neben Nora, sodass sie zusammenzuckte. Sie hatte niemanden kommen hören.

„Guten Tag“, stammelte sie und betrachtete die junge Frau. Sie trug ein schwarzes Kleid mit weißer Schürze und auf dem Kopf tatsächlich eine Art weißer Spitzenhaube; die offenen Haare reichten bis zu ihren zierlichen Schultern.

„Altmodisch wie das Haus“, sagte die Fremde und meinte möglicherweise sich selbst damit.

Einen Moment musterten sie sich gegenseitig, es fühlte sich an wie eine Art Kräftemessen. Gerade, als Nora begann, sich unwohl zu fühlen, strahlte ihr Gegenüber sie an.

Agnes

Von unten hörte Agnes drei Stimmen. Eine gehörte eindeutig Hugh, die andere Abigail, dem seltsamen Zimmermädchen, das sie erst vor einem Monat eingestellt hatte. Überhaupt fühlte sich alles an wie ein Neuanfang. Nur die Hunde blieben gleich. Vier Hunde. Vier Geschwister. Und Hugh war wieder da und wegen seiner verrückten Idee, wegen der sie eigentlich sauer sein sollte, hausten hier bald auch drei fremde Frauen.

Agnes zupfte an den Ärmeln ihrer Bluse, atmete tief durch und ging dann um die letzte Ecke auf die Treppe zu. Von hier oben konnte sie nur in die Halle sehen, wenn sie sich weit über das Geländer beugte, aber falls jemand hochschauen würde? Wie sah das aus? Sie die alte, wunderliche, neugierige Lady. Agnes stieg Stufe für Stufe hinab, dabei machten ihre Schuhe keinerlei Geräusch auf dem flauschigen dunkelroten Teppich. An ihrem rechten Oberschenkel spürte sie Flames Kopf. Gemeinsam mit der jungen Hündin schritt sie die letzten Stufen hinab.

Gerade zeigten Hugh und Abigail einer jungen Frau das Wandgemälde unterhalb der Treppe. Agnes musterte diese Frau und überlegte, ob es Emily, Nora oder Claire sein mochte. Sie wirkte elegant in einer dezent karierten Hose und einer leichten rosafarbenen Strickjacke, die wohl nur jemand mit dunklen Haaren tragen konnte und jemand, der so schmale Schultern besaß wie sie. Ihre Haare trug sie im Nacken zu einem Zopf geflochten, und in einer Hand hielt sie einen Strohhut mit breiter Krempe und einer rosafarbenen Schleife.

Ihr Gesichtsausdruck war ernst, aber als Hugh romantische Geschichten zu dem Wandbehang auspackte, lächelte sie. Ihr Blick suchte die Figuren, die Hugh erwähnte und sie bekam einen beinahe verträumten Ausdruck.

Agnes räusperte sich leise.

„Lady Clayton“, sagte Hugh und verbeugte sich. Abigail machte einen Knicks.

„Darf ich vorstellen“, fuhr Hugh fort. „Dies ist Nora Lindberg, unsere Gewinnerin aus Deutschland. Miss Lindberg, darf ich vorstellen: Lady Agnes Clayton.“

Nora also. Sie kam einen Schritt auf Agnes zu, machte einen winzigen Knicks und hielt ihr dann eine Hand hin. „Guten Tag, Lady Clayton“, sagte sie mit einer angenehm melodiösen Stimme, die lauter war, als Agnes erwartet hatte. „Sie haben ein wirklich wunderschönes Haus.“

Agnes nickte, ergriff Noras Hand und schüttelte sie kurz. Ein warmer, fester Händedruck. Angenehm. Sobald Agnes ihre Hand zurückzog, fiel Noras Blick auf Flame. „Oh“, sagte sie nur, lächelte den Hund an, zwinkerte ihm sogar zu. „Sie ist bezaubernd.“

„Windhunde“, erklärte Agnes. „Eine der edelsten Hunderassen, liebevoll und treu.“

„Das glaube ich sofort.“ Nora hielt ihre Hand vorsichtig in Flames Richtung und zu Agnes Überraschung ging Flame tatsächlich auf diese fremde Hand zu, schnupperte daran und stupste freundschaftlich gegen Noras Finger.

„Sie mag dich“, stellte Abigail fest und ja, das musste Agnes wohl zugeben. Genauso sah es aus.

„Wann kommen die anderen?“, fragte sie Hugh.

„Miss Brown könnte jederzeit eintreffen, Miss Hutton hole ich in etwa zwei Stunden am Bahnhof ab.“

„Gut, dann wollen wir hier nicht länger herumstehen. Zeigen Sie Miss Lindberg ihr Zimmer? Alles andere sehen wir uns später zusammen an.“ Kurz kam sich Agnes vor wie die Besitzerin eines Museums. Doch genau das sollte es ja nicht mehr sein. Die Räume sollten sich mit Leben füllen.

Nora

Abigail machte einen Knicks, sah sich nach Noras Koffer um und hob ihn hoch, als wiege er nicht mehr als ein Päckchen Taschentücher. Sie ächzte kein einziges Mal und hielt sich gerade, als sie hintereinander die Treppe emporstiegen. Dabei erinnerte sich Nora nur zu gut daran, wie viel sie eingepackt hatte. Vier Wochen waren keine kurze Zeit.

„Kommst du?“, fragte Abigail. Sie machte ein winziges Geräusch, eine Mischung aus Zungenschnalzen und Pfiff. Nora dachte zuerst, dass sie nach den Hunden rief, aber zwischen Abigails Haaren tauchte ein kleines Gesicht auf. Nora starrte fasziniert auf eine kleine … Eidechse.

„Das ist Mojo“, flüsterte Abigail. Ohne mehr zu erklären, drehte sie sich um und Nora folgte ihr. Mit einer Hand fuhr sie über das hölzerne Geländer der Treppe. Genau so hatte sie sich diese Treppe immer vorgestellt. Sie seufzte glücklich. Oben kamen sie auf eine kleine Galerie, die zu zwei Fluren führte. Abigail ging nach links. Die Wände waren weinrot gestrichen, nahe der Decke gab es eine hübsche weiße Bordüre, die aussah wie eine Efeuranke. In unregelmäßigen Abständen flogen kleine weiße gedruckte Vögel über die Tapete und am Ende des Ganges sah Nora durch eins der Fenster eine dicht belaubte Eiche.

„Wie schön“, murmelte Nora und meinte alles, was sie sah. Sie war längst in das Herrenhaus verliebt. Es roch nach Seife und Holz und war gemütlich trotz seiner Weitläufigkeit. Rechts und links befanden sich mehrere Türen, vor der vorletzten machte Abigail halt. Sie stellte Noras Koffer ab und drückte die Klinke herunter.

An Abigail vorbei betrat Nora ihr neues Zimmer. Sie spürte förmlich, wie ihre Augen immer größer wurden. „Wow, es ist perfekt! Oh, Abigail, ich liebe dieses Zimmer!“

Abigail grinste. „Hab ich mir gedacht.“

Von drei Fenstern strömte Sonnenlicht herein und fiel auf die zart gestreifte Tapete. Es gab ein deckenhohes Regal, einen riesigen Kleiderschrank, einen Sekretär mit gepolstertem Stuhl und ein Doppelbett – alles aus honigfarbenem Holz. Auf einem der Fensterbretter lagen zwei Sitzkissen aus hellem Samt.

„Wahnsinn.“ Nora drehte sich im Kreis.

John

Das Telefon klingelte, als John die Haustür aufschloss.

„Karen?“, rief er ins Haus. Es blieb still. Er stürzte ins Wohnzimmer und schnappte sich das Telefon vom Couchtisch. Ein Wunder, dass dabei keine der leeren Glasflaschen umfiel. Mit einer Hand fischte John nach der Fernbedienung, schaltete den Fernseher aus und nahm das Gespräch an.

„John Blackwood“, meldete er sich möglichst fröhlich. In der oberen Etage polterte es. Dann dröhnte Stille.

„Guten Tag, endlich erreiche ich Sie. Ich hoffe, dass Sie zuverlässiger arbeiten, als Sie telefonisch zu erreichen sind.“