Ein Gläschen Sehnsucht - Lia Haycraft - E-Book
NEUHEIT

Ein Gläschen Sehnsucht E-Book

Lia Haycraft

0,0

Beschreibung

Miranda & Alexis "Ich muss lächeln und in meinem Bauch flattert es vor Aufregung und Glück. Und vor Sehnsucht nach Griechenland, nach Zweisamkeit, nach etwas Neuem." Miranda Stansbury lebt ihren Traum. Sie wohnt in London, bietet aber als freiberufliche Yogalehrerin Kurse in Unternehmen und Luxushotels auf der ganzen Welt an. Bei ihrem Kurs im Londoner Royal Bailey Hotel lernt sie den gutaussehenden Griechen Alexis kennen. Sofort liegt ein Knistern in der Luft. Doch beiden ist ihre Unabhängigkeit wichtig. Auf keinen Fall wollen sie sich auf eine Beziehung einlassen, wurden sie doch schon sehr verletzt. Als Alexis Miranda eröffnet, dass er verheiratet ist, ist sie gleichzeitig erleichtert und enttäuscht. Umso mehr freut sich Miranda über ein Jobangebot im luxuriösen Zeus Palace Hotel in Afytos auf der griechischen Halbinsel Chalkidiki. Beim Strandspaziergang mit einer Freundin stolpert sie buchstäblich über Alexis, der das Wochenende bei seinen Eltern verbringt und ganz froh über die Abwechslung scheint. Als Miranda herausfindet, dass Alexis doch nicht verheiratet ist, ist er nicht mehr nur gutaussehend, sondern auch noch geheimnisvoll, eine Kombination, der Miranda schwer widerstehen kann. Doch warum hat Alexis gelogen? Haben die beiden vielleicht doch eine Chance? Der dritte Teil der "Love & Feelings"-Reihe!

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 476

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.

Beliebtheit




Lia Haycraft

Ein Gläschen Sehnsucht

Roman

 

Über das Buch: Miranda & Alexis

„Ich muss lächeln und in meinem Bauch flattert es vor Aufregung und Glück. Und vor Sehnsucht nach Griechenland, nach Zweisamkeit, nach etwas Neuem.“

Miranda Stansbury lebt ihren Traum. Sie wohnt in London, bietet aber als freiberufliche Yogalehrerin Kurse in Unternehmen und Luxushotels auf der ganzen Welt an. Bei ihrem Kurs im Londoner Royal Bailey Hotel lernt sie den gutaussehenden Griechen Alexis kennen. Sofort liegt ein Knistern in der Luft. Doch beiden ist ihre Unabhängigkeit wichtig. Auf keinen Fall wollen sie sich auf eine Beziehung einlassen, wurden sie doch schon sehr verletzt. Als Alexis Miranda eröffnet, dass er verheiratet ist, ist sie gleichzeitig erleichtert und enttäuscht.

Umso mehr freut sich Miranda über ein Jobangebot im luxuriösen Zeus Palace Hotel in Afytos auf der griechischen Halbinsel Chalkidiki. Beim Strandspaziergang mit einer Freundin stolpert sie buchstäblich über Alexis, der das Wochenende bei seinen Eltern verbringt und ganz froh über die Abwechslung scheint. Als Miranda herausfindet, dass Alexis doch nicht verheiratet ist, ist er nicht mehr nur gutaussehend, sondern auch noch geheimnisvoll, eine Kombination, der Miranda schwer widerstehen kann.

Doch warum hat Alexis gelogen?

Haben die beiden vielleicht doch eine Chance?

Impressum

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen oder fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitschriften oder Zeitungen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung oder Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen oder Video, auch einzelner Text- oder Bildteile.

Alle Akteure des Romans sind fiktiv, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und sind vom Autor nicht beabsichtigt.

 

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Autoren- und Projektagentur Gerd F. Rumler (München).

 

Copyright © 2024 by Maximum Verlags GmbH

Hauptstraße 33

27299 Langwedel

www.maximum-verlag.de

 

1. Auflage 2024

 

Lektorat: Anita Wiebe

Korrektorat: Angelika Wiedmaier

Satz/Layout: Alin Mattfeldt

Umschlaggestaltung: Alin Mattfeldt

Umschlagmotiv: © lavendertime / Shutterstock, Ron Dale / Shutterstock

E-Book: Mirjam Hecht

 

Druck: CPI books GmbH

Made in Germany

ISBN: 978-3-948346-92-8

 

 

 

Inhalt

Über das Buch: Miranda & Alexis

Impressum

Widmung

Anmerkung

Kapitel 1

Miranda

Alexis

Kapitel 2

Miranda

Alexis

Kapitel 3

Alexis

Kapitel 4

Miranda

Alexis

Kapitel 5

Miranda

Alexis

Miranda

Kapitel 6

Alexis

Miranda

Kapitel 7

Alexis

Miranda

Alexis

Miranda

Kapitel 8

Alexis

Miranda

Alexis

Kapitel 9

Alexis

Miranda

Alexis

Kapitel 10

Miranda

Alexis

Miranda

Kapitel 11

Alexis

Miranda

Alexis

Kapitel 12

Miranda

Alexis

Kapitel 13

Miranda

Kapitel 14

Alexis

Miranda

Kapitel 15

Alexis

Miranda

Kapitel 16

Alexis

Miranda

Alexis

Kapitel 17

Miranda

Kapitel 18

Miranda

Alexis

Miranda

Kapitel 19

Alexis

Miranda

Alexis

Kapitel 20

Miranda

Alexis

Miranda

Kapitel 21

Miranda

Alexis

Kapitel 22

Miranda

Alexis

Kapitel 23

Miranda

Alexis

Kapitel 24

Miranda

Alexis

Epilog: Zwei Jahre später

Miranda

Danksagung

Kleines Wörterbuch Griechisch

Die Autorin Lia Haycraft

Weitere Titel der Autorin

Widmung

Für Carmen, mit der ich mich schon oft über Griechenland ausgetauscht habe.

Es ist toll, dich als Freundin zu haben.

Und für alle Griechenland- und Londonfans da draußen.

Anmerkung

Im Anhang befindet sich ein kleines griechisches Wörterbuch

Kapitel 1

Miranda

Obwohl London nicht zu den zehn regenreichsten Städten Europas gehört, tropft, nieselt und schüttet es heute abwechselnd aus den dicken grauen Wolken über mir. Regen rinnt über meinen Schirm und trifft bei jedem zweiten Schritt entweder meine Schuhspitze oder meine Socken an der Ferse. Straßen und Gehwege bestehen quasi nur noch aus Pfützen, schade, dass ich keine Gummistiefel besitze. Für Anfang Juni ist die Luft außerdem viel zu kühl, aber meiner Laune kann das Wetter nichts anhaben. Unter dem Vordach vom Royal Bailey Hotel schüttele ich meinen Schirm aus und fädele mir einen Weg durch die Drehtür. Drinnen finde ich noch einen Platz, wo ich meinen Schirm zwischen den anderen zum Trocknen aufspannen kann. Langsam wäre ich wieder bereit für Sonne.

„Guten Abend, Miranda!“ Kate kommt gerade aus dem Hinterzimmer und lächelt so entspannt, als hätte sie den ganzen Tag in einer Hängematte verbracht. „Kann deinen Kurs heute kaum erwarten, du glaubst nicht, was hier manchmal für Leute reinkommen.“

Ich mag Kates lebhafte Art, ihre vielen Fragen und ihre Geschichten machen den Alltag viel unterhaltsamer.

„Ein älterer Herr mit weißem Weihnachtsmannbart hat das ‚The Old Bailey‘ gesucht und darauf beharrt, es stünde draußen an der Mauer. Dass da neben dem Wort ‚Bailey‘ außerdem noch die Worte ‚Hotel‘ und ‚Royal‘ stehen, wollte er einfach nicht gelten lassen. Er hat eine geschlagene Stunde mit mir diskutiert, obwohl er mir auch nicht verraten konnte, wo hier Gerichtsverhandlungen stattfinden sollen!“

Ich falle in ihr Lachen mit ein und als ich im Aufzug bin, hält Kate ihren Chip vor den Sensor, bis es piept und ich den Knopf fürs Untergeschoss drücken kann.

„Schade, würde gerne weiterplaudern, aber ich muss wieder an den Empfang. Da kommen neue Gäste.“ Kate winkt, während die Türen des Aufzugs langsam zufahren. Es ruckelt ein wenig und als sich die Türen erneut mit einem Ping öffnen, ist alles ruhig. Ich mag den Hotelkeller, seinen runden Flur, von dem fünf Türen abgehen. Mein Ziel ist die mittlere. Hinter den anderen liegen die Wäschekammer mit Bergen von flauschigen Handtüchern und schneeweißer Bettwäsche, der Heizungskeller und Lagerräume. Für Kartons voller in Papier eingepackten Seifenstückchen, vielleicht kleinen Schokoladen für die Kopfkissen, für Wolkenkratzer von Druckerpapier, Stapel von Toilettenpapier und Kanister voller Flüssigseife, und alles andere, was man in einem fünfstöckigen Hotel braucht.

Ich drücke die Klinke hinunter und gehe im Halbdunkel in den großen Raum, in dem ich meine Yogakurse gebe. Es duftet noch immer nach Sandelholz von den Räucherstäbchen, die ich nach der letzten Stunde angezündet habe. Ich gehe nach links, um die erste der hohen Lampen mit einem Geflecht aus hellem Holz anzuschalten. Nacheinander knipse ich die drei anderen im Raum verteilten Lampen an und sie erhellen die matt gelben Wände. Mit etwas gutem Willen kann ich mir vorstellen, ich stünde auf einem Strand und die Sonne schiene mir auf den Strohhut, vor mir das türkisblaue Meer, hinter mir ein malerisches Fischerdorf. Meine Seele seufzt. Hier gibt es nur ein großes Wandbild mit einer Waldszene. In der hinteren Ecke steht eine Holzkiste voller Yogamatten, acht davon verteile ich auf dem Boden. Vor jedes platziere ich ein Meditationskissen und zwei Yogablöcke.

Der Kurs für die Hotelangestellten fängt erst in zwanzig Minuten an, also kann ich mir Zeit lassen. Ich schlüpfe aus meinen dunkelblauen von Regen durchweichten Ballerinas und verschwinde in dem angrenzenden Umkleideraum, um die Sachen dort zu deponieren und meine Yogahose anzuziehen. Noch wird die Stille nur von dem entfernten Rauschen der Heizung ausgefüllt.

Im Yogaraum setze ich mich auf das rote Yogakissen am Kopf des Raumes und schließe die Augen. Nach drei tiefen Atemzügen spüre ich, dass jemand reinkommt, mehr als dass ich es höre. Leise gesetzte Schritte nähern sich mir, derjenige ist barfuß, das kann ich jetzt hören. Langsam öffne ich die Augen und schrecke zusammen.

„Kalispera“, flüstert ein fremder Mann, der genau vor mir hockt. Eine schwarze Locke fällt ihm verwegen in die Stirn. Er riecht nach Pfefferminz und einem holzig-würzigen Aftershave. In diesem Moment kann ich nichts anderes tun, als ihn anzustarren, während mein Herz schneller schlägt.

„Hoffentlich habe ich Sie nicht erschreckt. Signomi. Verzeihung. Ist es okay, wenn ich heute eine Schnupperstunde mache? Kate meint, das ist möglich.“

„Ja, natürlich.“ Die Worte kommen nicht richtig heraus, also räuspere ich mich. „Herzlich willkommen. Es ist allerdings meine letzte Kurseinheit für dieses Mal, fürchte ich.“

„Schade“, sagt der Mann. „Oh, Verzeihung! Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Alexis Passadakis, ich arbeite nur vorübergehend in London.“ Er streckt mir seine Hand hin. Es ist ein merkwürdig vertrauter Moment, als ich seine Hand ergreife. Ich im Yogasitz auf meinem Kissen, er in der Hocke direkt vor mir. So nah, dass ich seinen warmen Atem durch den dünnen Stoff meines T-Shirts spüre.

„Freut mich, Miranda Stansbury“, sage ich. „Dann kommen Sie ursprünglich aus einem anderen Hotel?“

„Ich arbeite normalerweise in Thessaloniki, bin jetzt aber für ein paar Monate hier, weil der Spa-Bereich ausgebaut werden soll. Da brauchten sie einen Spa-Manager, den es hier bislang nicht gab. In London bin ich zum ersten Mal, und ich finde es großartig, riesig und trotzdem familiär.“

Bei seiner Beschreibung meiner Heimatstadt muss ich lächeln. „Sie kommen aus Griechenland? Da haben Sie ja die Sonne gegen den Regen eingetauscht.“ Klar. Das beste Thema, wenn man nicht weiter weiß ist immer das Wetter. Ich sehe auf seine Hand, die meine noch immer festhält. Ruckartig lässt er los und zwinkert irritiert, als ob ihm vorher gar nicht aufgefallen wäre, dass sein Händeschütteln etwas lang ausgefallen ist.

„Das macht mir nichts aus. Ich jogge am liebsten im Regen. Sonne habe ich zu Hause genug. Ein bisschen Abkühlung zwischendurch tut schließlich gut.“ Er steht auf und sieht sich um.

„Suchen Sie sich einfach eine Matte aus, meistens kommen nicht alle.“ Ich deute auf die Kiste mit den Yogamatten. „Wenn doch, habe ich noch Ersatz.“

Er wählt eine der vordersten seitlichen Matten und ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen soll oder nicht. Er ist mir auf Anhieb sympathisch. Außerdem sieht er in seinen schwarzen Yoga-Klamotten verboten gut aus und bewegt sich mit geschmeidiger Eleganz. Dass er Grieche ist, habe ich schon geahnt, bevor er mir seinen Namen genannt hat. Das Problem ist, dass ich sowohl das Land als auch den Akzent liebe. Denn der erinnert mich an einige sehr schöne Momente, wenn auch genauso an einen schmerzhaften. Ich wische die kurz aufblitzende Erinnerung an Christos weg, indem ich konzentriert überlege, was ich nachher kochen könnte.

Da noch niemand außer ihm da ist, fühle ich mich allerdings verpflichtet, ein wenig mit Alexis zu reden. Zuerst ist da leider keine einzige geeignete Frage in meinem Kopf, weil ich schon wieder seine Bewegungen beobachte: wie er die Matte mit dem Fuß ein wenig zur Seite schiebt und sich dann darauf in einem perfekten Yogasitz niederlässt.

„Haben Sie schon Erfahrung mit Yoga?“, frage ich.

„Leider nein, aber ich wollte es unbedingt mal ausprobieren.“ Er hebt seine Hand und streicht sich eine Locke aus dem Gesicht, dabei fällt mir ein goldener Ehering auf.

Irgendwie erleichtert mich diese Tatsache. Er ist verheiratet. Es ist nicht so, dass ich mich gleich in jeden gutaussehenden Mann mit einer so wunderbar tiefen Stimme wie seiner verliebe, natürlich nicht. Aber er erinnert mich einfach viel zu sehr an meinen Ex-Freund Christos, mit dem ich siebzehn nahezu perfekte Monate verbracht habe. Bis er England satt hatte und nach Hause wollte, in die Sonne. Ich weiß also, wohin das führt, wenn man sich in jemanden verliebt, der seine Heimat woanders hat. Aber warum denke ich jetzt überhaupt ans Verlieben?

„Einen Cent für Ihre Gedanken.“ Alexis sieht mich mit schiefgelegtem Kopf an, als ich ihn wieder wahrnehme.

„Nur einen Cent?“ Ich muss über seinen Gesichtsausdruck lachen.

Er winkt ab und hat wohl gemerkt, dass ich seiner Frage ausgewichen bin. Was gehen ihn meine Gedanken an? Es sind keine, die man jedem einfach so erzählt, auch wenn ich in diesem Moment das Gefühl habe, ich könnte ihm alles sagen. Wie merkwürdig, wir kennen uns schließlich überhaupt nicht. In Büchern und Filmen rege ich mich permanent über unangebrachtes Vertrauen auf. Daran ist nur die entspannte Atmosphäre hier unten schuld. Die Tür geht erneut auf und Kate kommt herein, dicht gefolgt von Breedge und Rose, dann Robbie und Pete.

Alexis seufzt leise, als ob er traurig darüber wäre, dass wir nicht mehr ungestört sind. Was für eine irrwitzige Idee. Schnell stehe ich auf und schalte die Musik ein. Bereits zu den ersten beruhigenden Klängen haben sich auch die anderen auf ihren Yogamatten eingefunden. Mit ruhiger Stimme führe ich meine Schülerinnen und Schüler durch die Anfangsmeditation, dann machen wir zusammen den Sonnengruß und einen Flow mit der Kriegerposition und auch einige Hüftöffner, die besonders gut für den Rücken sind, genau das Richtige nach einem anstrengenden Arbeitstag.

Bei der Schlussmeditation lausche ich dem ruhigen Atem der anderen, gehe durch die Reihen, löse hier und da noch eine verspannte Haltung und setze mich schließlich auf mein Yogakissen, um auch einen Moment zu meditieren. Wie immer fliegen meine Gedanken schnell ans Meer. Der Sand wärmt meine nackten Füße und die Sonne brennt auf mein Haar. Der Himmel wölbt sich weit und blau über mir. Auf dem Hügelkamm entdecke ich einen kleinen Holztisch unter einem alten Olivenbaum. Die karierte Tischdecke bauscht sich im warmen Wind. Der Tisch ist bestimmt gedeckt, beinahe kann ich sogar vom Strand aus das frische Fladenbrot riechen.

Plötzlich spüre ich warme Hände um meine Taille. Ich erstarre, als ich die Stimme höre. Jemand wispert in mein Ohr. „Se agapo.“ Ich liebe dich. Ich habe das schon oft gehört und manchmal denke ich an diese schönen Momente zurück. Eine Sache ist allerdings falsch. Das hier ist nicht Christos’ Stimme und es riecht auf einmal nach Pfefferminz und würzigem Holz. Mit Meditation hat mein Tagtraum jetzt nichts mehr zu tun, so schnell wie mein Herz auf einmal schlägt.

Ich schlucke und schlage meine Augen auf. Ich bin in London, im Yogaraum des Hotels „Royal Bailey“ und vor mir liegen meine Schüler und Schülerinnen auf blauen und weißen Yogamatten. Mein Blick fällt auf die Uhr. Die zehn Minuten Entspannung sind vorbei. Bevor ich wieder spreche, hole ich mehrmals tief Luft, dann leite ich die anderen an, ein paar Armbewegungen im Liegen zu machen und sich schließlich über ihre Lieblingsseite in den Yogasitz aufzurichten und langsam wieder ins Hier und Jetzt zurückzukommen. Auf allen Gesichtern liegt ein zufriedenes Lächeln. Dies ist der Moment, der mir am allerbesten gefällt. Wenn ich sehen kann, wie meine Übungen die anderen ebenfalls entschleunigen.

Gerade als ich zu Alexis sehe, öffnet er seine Augen. Sein Lächeln wird zu einem breiten Grinsen und meine Wangen flammen augenblicklich auf. Es ist keine Frage, dass ich eben in meinem Tagtraum seine Stimme gehört habe. Schnell wende ich mich zu den anderen und bedanke mich fürs Mitmachen.

„Ich würde mich freuen, euch alle bei einem weiteren Kurs begrüßen zu können. Vermutlich später im Sommer.“ Ich werde von allen Seiten gelobt, alle verabschieden sich und als Letzter steht Alexis vor mir. Hat er absichtlich gewartet, bis die meisten gegangen sind? Bestimmt nicht. Er zögert, vielleicht, weil er nicht weiß, wie er sich verabschieden soll und ob er auch etwas zu mir sagen soll. Viel gibt es nicht zu sagen. Immerhin kennen wir uns erst seit vorhin. Aber er sieht mir noch immer in die Augen, als ob er dort etwas sucht. Zum Glück nehme ich eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr. Kate steht auf und kommt zu uns herüber. Ich löse den Blickkontakt zu Alexis, denn auf einmal habe ich ganz merkwürdig weiche Knie. Vermutlich habe ich heute zu wenig gegessen. Mein Magen knurrt, wie um dies zu bestätigen. Und gleichzeitig weiß ich genau, wer mir hier weiche Knie macht, auch wenn es mir nicht gefällt und zu rein gar nichts führen wird.

Alexis

Ich kann den Blick nicht von Miranda lösen, sie sieht so hübsch aus, jetzt nach den entspannenden Übungen. Ihre Augen strahlen, sie ruht in sich selbst. Nicht, dass sie nicht auch schon klasse ausgesehen hätte, als ich reingekommen bin, aber jetzt leuchtet sie beinahe.

„Hey, Alexis.“ Kate reißt mich aus diesen seltsamen Gedanken. „Sie können sicher einen schönen Ort in Griechenland empfehlen. Das Wetter hier lässt einfach gerade zu wünschen übrig.“ Sie lacht und zwinkert mir zu.

„Natürlich! Für einen entspannten Urlaub?“

„Ganz egal“, sagt Kate. „Woher stammen Sie zum Beispiel? Oder wo ist Ihr Lieblingsort am Meer?“ Ihr Blick huscht zu Miranda, die etwas unentschlossen aussieht, als würde sie überlegen, sich aus dem Gespräch auszuklinken.

Bevor ich Kates Frage beantworte, lächele ich Miranda an. „Geboren wurde ich in Thessaloniki, wo ich auch jetzt wieder wohne, aufgewachsen bin ich aber auf der Halbinsel Chalkidiki.“ Ich berichte ein wenig von meinen Lieblingsorten, den stylishsten Strandbars und den schönsten Spazierwegen. Jetzt, wo ich davon erzähle, bekomme ich glatt ein wenig Heimweh, dabei werde ich ohnehin bald wieder hinfliegen. Meine Eltern feiern in wenigen Tagen ihren sechzigsten Geburtstag, allerdings kann ich kaum erwarten, dass das Ereignis vorbei ist. Sobald ich leichtsinnig genug bin, sie zu fragen, was sie sich wünschen, kommt garantiert etwas von Heirat, Griechin und Enkelkindern in beliebiger Reihenfolge.

„Wie geht es Ihrer Frau?“, fragt Kate. Neugier schwingt sehr deutlich in ihren Worten mit. Was zum Teufel habe ich mir nur dabei gedacht, bereits in meiner ersten Woche in London diese erfundene Ehefrau zu erwähnen?

Mir fällt der ursprüngliche Grund für diese Lüge ein und die Kälte von damals steigt in mir auf. Ich reibe über meine Brust, um den Schmerz zu vertreiben.

„Sie vermissen sie“, sagt Kate mitfühlend.

„Ja“, sage ich knapp und versuche mich zu konzentrieren. Sie meint meine erfundene Ehefrau. „Natürlich. In ein paar Tagen sehe ich Kassandra wieder und in wenigen Wochen bin ich ja auch wieder zu Hause.“

„Dann endet Ihre Zeit in London schon?“ Kate zieht einen Schmollmund. „Aber der Spa-Bereich braucht Sie doch!“

„Es werden gerade Bewerbungsgespräche durchgeführt, so gerne ich auch bleiben würde, auch zu Hause werde ich gebraucht“, sage ich schnell.

„Entschuldigt mich, ich muss los.“ Miranda umarmt Kate, nickt mir zu und verlässt den Raum. Schade.

Kate allerdings muss wohl noch nicht gehen, trotzdem schlagen wir auch langsam den Weg zum Aufzug ein. „So eine Ehe auf die Distanz ist sicher nicht leicht. Warum ist Ihre Frau nicht mitgekommen?“

„Es ging nicht, beruflich.“ Zum Glück summt es in diesem Moment in meiner Tasche. „Das könnte wichtig sein, Entschuldigung.“ Ich ziehe mein Smartphone heraus. Kate zuckt mit den Schultern und geht voraus. Ich atme tief aus und sehe nach, wer mir geschrieben hat. Es ist eine Sprachnachricht von Kassandra. Die werde ich mir besser später anhören.

Schnell nehme ich den nächsten Fahrstuhl und verlasse das Hotel durch die altmodische Drehtür. In der U-Bahnstation ist viel los, aber ich genieße diese Geschäftigkeit. Während die Bahn durch die Tunnel unter London schnellt, wandern meine Gedanken zurück zur Yogastunde mit Miranda und ich erlaube es mir einen Moment lang. Ich weiß genau, wo das hinführen wird. Miranda hat mir sofort gefallen, aber dank Kate weiß sie, dass ich verheiratet bin und nicht auf der Suche nach einem Date. Vielleicht ist es das, was mir gefällt.

An meiner Haltestelle lasse ich mich vom Menschenstrom durch die Tür und dann den gekachelten Gang schieben, fahre die steile Rolltreppe empor und trete durch die Drehkreuze auf die regennasse Straße. Nach fünf weiteren Minuten erreiche ich den Gebäudekomplex, wo meine momentane Wohnung im siebten Stock liegt. Es gibt einen Aufzug, aber ich will laufen. Die Yogastunde hat mich entspannt, aber jetzt brauche ich Bewegung. Schnelle Bewegung.

Hinter meiner Wohnungstür erwartet mich Stille. Angenehme, nach erwartungsfreiem Raum duftende Stille. Keine Ehefrau, wie meine Mutter sie mir wünscht. Ihre Worte vom letzten Telefonat habe ich noch deutlich im Ohr. „Alexis, es gibt so viele nette Frauen, die dich liebend gerne heiraten würden. Unter ihnen viele, die intelligent und hübsch sind, worauf wartest du nur?“ Die ganzen Frauennamen, die sie in den letzten Wochen erwähnt hat, kann ich mir kaum noch merken.

Jedes Mal muss ich mich zwingen nicht einfach aufzulegen, sondern ein bisschen zu lachen, unentschieden zu tun und dann überdeutlich zu betonen, wie gut es mir geht. Auch ohne Frau. Aber meine Mutter lässt einfach nicht locker. Wie immer räume ich die Aktentasche unter die Garderobe, ziehe Schuhe und Trenchcoat aus und werfe dabei einen Blick auf das rote Blinken am Anrufbeantworter. Im Vorbeigehen drücke ich auf den Abspielknopf und hole mir in der Küche ein Glas Wasser.

„Sie haben eine neue Nachricht …“, verkündet die Stimme in der Maschine. „Alexis? Hier ist Mama. Bist du immer noch arbeiten? Oder triffst du dich mit einer Frau? Ach sicher nicht, das hätte kaum eine Zukunft, du bist ja bald wieder zu Hause. Was du brauchst, ist eine gute Griechin. Ich habe vorhin mit den Papandreous gesprochen. Ihre Tochter Eleni freut sich schon sehr auf unsere Feier, ist das nicht toll?“ An dieser Stelle wird ihre Stimme einfach von einem lauten Piep abgeschnitten. Ich kehre zurück in die Küche, leere mein Glas in einem Zug und stelle es etwas fester als nötig auf die Arbeitsplatte.

Erwartet sie einen Rückruf? Sinnvoller wäre es, erst mit ihr zu reden und danach ein paar Bahnen zu schwimmen. Sport beruhigt mich meistens.

Ich wähle ihre Nummer und warte. „Hallo Mama.“

„Alexis! Da bist du ja endlich. Diese langen Arbeitstage sind doch nicht das Wahre! Warum kommst du nicht wieder nach Hause, wo du hingehörst? Wenn du hier in der Nähe wärst, könntest du wenigstens ab und zu zum Essen kommen.“

Sicherheitshalber mache ich ein zustimmendes Geräusch und schon redet sie weiter, kommt direkt zu ihrem Lieblingsthema und ich schalte ab. Mama weiß garantiert genau, dass ich es satt habe, mir ständig anzuhören, dass ich mich endlich binden soll. Eine gute Griechin heiraten, jemand der seine Heimat dort hat, wo ich meine habe. Sie betont das alles so sehr wegen Giulia. Denn sie wollte damals zurück in ihre Heimat Italien und das wäre nur natürlich, meint meine Mutter. Ich schaffe es, nur innerlich zu stöhnen, als meine Mutter die Vorzüge der perfekten Frau namens Eleni aufzählt: Sie spielt Schach, ist Ärztin, liebt Kinder … Vermutlich ist sie auch noch schlank und hübsch und hat ein ansteckendes Lachen. Und tatsächlich:

„Sie hat eine umwerfende Figur, weil sie gerne schwimmt. So wie du! Ihr könntet zusammen schwimmen, mit euren Gehältern könntet ihr euch einen eigenen Pool im Garten gönnen“, fährt sie fort. „Und ihr Lachen ist so herzerfrischend, sie war neulich zum Tee bei mir, mit ihrer Mutter. Auch eine wunderbare Person.“

Ich grummele eine Art Zustimmung, und gehe ins Schlafzimmer. Mit einer Hand suche ich meine Badehose und ein großes Handtuch. Endlich ist Mama mit ihrem Lobgesang fertig.

„Oh, ich freue mich so, dich ihr vorzustellen.“

„Klasse. Wie geht’s Kassandra?“, frage ich, um endlich das Thema zu beenden. Meiner Meinung nach ist jetzt alles gesagt. Ein paar Minuten muss ich Mama immer lassen, damit sie das Wichtigste über die aktuelle Hochzeitskandidatin erzählen kann. Sonst kommt sie im Gespräch immer wieder auf sie zurück. Ich habe nichts gegen Eleni, ich kenne sie schließlich nicht. Wahrscheinlich hat sie wirklich ein reizendes Lachen, aber seit Giulia weiß ich einfach, dass eine Ehe nichts für mich wäre. Wenn mich die Trennung nach einer kurzen Verlobung schon so mitnimmt, ist es sicher auch keine gute Idee zu heiraten. Eine Scheidung würde ich nicht überleben und die Leute lassen sich schließlich ständig scheiden. Ich bin Realist genug, um zu wissen, dass mir das auch blühen könnte. Am sichersten ist es, gar keine feste Beziehung einzugehen. Erst recht nicht mit einer Frau, die meine Eltern für mich aussuchen. Ganz kurz erscheinen Mirandas Augen vor mir und ich blinzele. Ich versuche die Gedanken an sie zu verbannen.

„Kassandra? Ach, ihr geht es gut! Die Praxis läuft wunderbar und sie blüht richtig auf.“ Sie erzählt von Kassandras Söhnen. Was Nikos und Stefanos schon wieder angestellt haben, was sie in der Schule machen, was sie möglicherweise später studieren werden. Ich seufze lautlos. Es ist nicht fair, von allem genervt zu sein, was Mama erzählt.

„Oh, und wir haben schon so viel für das Fest vorbereitet, Kassandra ist wirklich eine große Hilfe. Aber auch Eleni und Anna haben mir ihre Hilfe angeboten. Ist das nicht wunderbar? Sehr fleißige Frauen, besonders Eleni, steht den ganzen Tag in der Praxis, und dann hilft sie auch noch bei unserer Feier. Es wird ihr guttun, wenn sie irgendwann eine Weile nicht mehr arbeiten muss …“

… um eure süßen Kinder großzuziehen, ergänze ich in Gedanken. Die Wahrheit ist, dass ich mir früher tatsächlich Kinder gewünscht habe. Mit Giulia. Gemeinsam haben wir uns unser Leben in den schönsten Farben ausgemalt: ein weißes Haus in einem Fischerdorf am Meer, die Kinder spielen im Garten, zwei Katzen schlummern auf der Holzbank unter dem alten Olivenbaum. Zusammen kochen, zusammen essen, all das. Nachts wollten wir hinaus in die milde Nacht schleichen, uns auf einer Decke auf die Wiese legen und gemeinsam die Sterne betrachten. Mit Giulia wollte ich all das haben. Aber sie hat uns keine Chance gegeben, sie hat diesen Traum damals einfach mitgenommen.

Meine Zwillingsschwester Kassandra hingegen passt gut in das Familienbild meiner Eltern, sie ist verheiratet mit Pavlos, einem gut situierten Mann, der in seiner wenigen Freizeit für sein eigenes Restaurant fischen geht und mit ihm hat sie zwei Söhne. Aber ob Kassandra glücklich ist, weiß ich nicht. Ich frage nicht, aber manchmal erkenne ich in ihren Augen, dass sie mich beneidet. Sie sagt, sie vermisst die Freiheit, die ich habe. Die vielen Reisen. Denn mit dem Restaurant und ihrem Beruf haben sie und Pavlos nicht viel Zeit zu verreisen.

„Alexis? Was sagst du?“ Die Stimme meiner Mutter schneidet in meine Gedanken.

Kurz schließe ich die Augen. Gleich fliege ich auf und sie wiederholt alles. „Wozu genau?“, frage ich leise.

Mutter stöhnt theatralisch. „Zum Tee! Und zum Abendessen habe ich Anna eingeladen. Freust du dich?“

„Nein. Ja. Ich weiß es nicht.“

„Schläfst du genug? Du klingst müde.“

„Ja. Es war ein langer Tag.“

„Gut, ruh dich aus, bald bist du ja hier. Dann können wir alles in Ruhe besprechen. Ich frage gleich Ernestos, was er dazu meint. Dein Vater hat immer so gute Ideen. Schlaf schön und melde dich, ja?“

„Natürlich. Gute Nacht, grüß Papa und die anderen.“

Damit legen wir auf. Mir schwirrt jetzt schon der Kopf von Eleni und Anna und dem Tee und dem Abendessen und den Fragen meiner Mutter. Wie soll ich bloß diese Feier überleben? Es ist jetzt schon spät, aber ich will trotzdem noch ein paar Bahnen schwimmen. Für Miranda.

Wieso Miranda? Was hat sie bitte in meinen Gedanken verloren? Und warum um Himmels willen will ich für sie schwimmen? Ich schüttele den Kopf über mich, aber die Erinnerung an ihr Lächeln lässt sich nicht so einfach abschütteln.

 

Kapitel 2

Miranda

Es ist so weit. Sieben Tage sind seit dem Gespräch mit Kate und Alexis vergangen, und ich bin tatsächlich auf dem Weg nach Griechenland. Ich ziehe die Haustür hinter mir zu, schließe zweimal ab und ziehe meinen Rollkoffer zwei Türen weiter, wo ich klingele.

„Ah, geht es schon los?“, begrüßt mich Summer und verbirgt ein Gähnen hinter ihrer Hand. Sie trägt ihren hübschen gestreiften Morgenmantel, und kurz fürchte ich, ich habe sie geweckt. Aber der Duft nach Kaffee zieht an ihr vorbei, also muss sie den schon aufgesetzt haben.

„Neun Uhr“, bestätige ich und kann mein Lächeln nicht unterdrücken. Seit der E-Mail von Grace haben sich meine Mundwinkel verselbstständigt Ich freue mich wahnsinnig auf die Sonne, die ich heute Abend endlich auf meiner Haut spüren werde. Erst letzte Woche hatte Alexis mir von der Halbinsel Chalkidiki vorgeschwärmt und am gleichen Abend kam die E-Mail. Grace arbeitet seit drei Jahren in einem Fünfsternehotel im Künstlerort Afytos und hat geschrieben, dass sie dort für diese Saison keine Yogalehrerin finden konnten und immer noch suchen. Die Bewerbung habe ich gleich fertiggemacht und zwei Tage später kam die Zusage. Sie steckt jetzt mit meinen Flipflops, die ich die nächste Zeit brauchen werde, in meinem Handgepäck.

„Ich wünschte, ich würde auch endlich wieder in den Urlaub fliegen.“ Summer nimmt meinen Haustürschlüssel entgegen. „Magst du noch kurz reinkommen?“

„Geht nicht, ich muss los. Und du sei mal ganz still. Warst du nicht neulich erst weg? So vor drei Wochen? Man kann ja nicht jeden Monat in den Urlaub fliegen.“ Ich drücke Summer fest. „Ich bringe dir auch etwas mit.“

„Ouzo?“, fragt Summer und grinst.

„Meinetwegen Ouzo.“

„Den trinken wir dann gemeinsam, an einem warmen Abend und dann stelle ich mir vor, dass wir zusammen in Griechenland Urlaub machen.“

„Ich freue mich drauf!“ Hinter mir hupt ein Auto, ich drehe mich um und entdecke mein Taxi, also winke ich Summer noch mal und laufe zum Wagen.

„Guten Flug! Melde dich, wenn du da bist!“ Summer wirft mir noch ein paar Luftküsschen zu und zieht ihren Morgenmantel enger zusammen gegen den Nieselregen, den ich schon fast gar nicht mehr merke, so sonnig ist meine Laune bereits. Sonnig wie Griechenland.

Der Taxifahrer grüßt knapp, hievt meinen Koffer in den Kofferraum und steigt dann wieder ein. Ich klettere auf den Rücksitz, lehne mich zurück und schaue in den grauen Himmel über den Häusern. Den Regen werde ich nicht vermissen in den nächsten Wochen. Ganz und gar nicht.

Nach einem erfreulich kurzweiligen Flug eile ich durch die Hitze zu einem der wartenden Reisebusse, der nach Afytos fährt. Der Busfahrer hilft mir meinen Koffer im Bauch des Busses zu verstauen und ich steige ein. Die Kühle der Klimaanlage empfängt mich. Sobald ich einen Fensterplatz ergattert habe, zücke ich mein Handy und schreibe Summer, dass ich in Griechenland angekommen bin. Sie wünscht mir tolle Wochen und ich wünsche ihr eine möglichst regenfreie Zeit. Wir tauschen noch ein paar Herzchen und Sonnen-Emojis, als eine weitere WhatsApp reinkommt. Sie ist von Mum. Ich lese ihre Frage, die ich längst auswendig kenne. Immer fängt sie damit an, keine Begrüßung und der ganze Schriftwechsel dauert nicht länger als eine halbe Minute.

„Ist alles okay bei dir?“

„Alles super, und bei euch?“

„Bei uns auch.“

„Schön, bis bald“, schreibe ich und Mum antwortet ebenfalls mit „bis bald“. Ernüchtert lasse ich mein Handy sinken, obwohl unsere WhatsApp-Unterhaltungen immer so aussehen. Aber sie jetzt direkt nach dem Austausch mit Summer zu lesen, macht es überdeutlich. Ich habe Mum nicht mal erzählt, dass ich für die nächsten Wochen in Griechenland arbeite. Sie würde vermutlich fragen, was ich denn dort arbeite, noch immer sehen meine Eltern diesen „esoterischen Humbug“ nicht als Job an. Dad vermutet hinter der Bezeichnung Yoga-Lehrerin eventuell sogar etwas Anstößiges, nicht, dass er das jemals aussprechen würde. Die beiden wissen nichts von meinem YouTube-Kanal, zumindest nicht von mir. Ich schließe den Chat und starre einen Moment auf die Liste meiner Kontakte, mit denen ich in letzter Zeit geschrieben habe.

Ein Name fehlt, aber wie könnte er auch dort stehen? Weder hat er meine Nummer, noch habe ich seine. Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, hatte er nicht mal ein Smartphone. Ganz kurz werde ich traurig, aber es hat keinen Sinn. Schnell stecke ich mein Handy wieder weg und sehe aus dem Fenster, konzentriere mich auf die Landschaft.

Jetzt bin ich in Griechenland, ich möchte das genießen. Der Bus schaukelt mit mir und einigen anderen Touristen über eine schmale Straße, vorbei an ausgeblichenem Gras, Feigenbäumen, Olivenbaumhainen und vereinzelt halbfertigen Häusern aus nacktem Beton. Hin und wieder blitzt das Meer blau und glitzernd hinter den grün-gelben Wiesen auf. Ich weiß jetzt schon, wie es gleich riechen wird. Ich war noch nie auf Chalkidiki, wohl aber auf Kreta, Korfu und Rhodos und überall dort riecht es nach sonnenwarmer Erde, Straßenstaub und alle paar Schritte nach Oleander. Wir biegen ab und fahren langsam durch einen kleinen Ort. Es ist ein Wunder, dass der Bus überhaupt an den dicht parkenden Autos vorbeikommt. Die Straße ist schmal, gesäumt von blau oder weiß gestrichenen Wohnhäusern mit den obligatorischen Terrakottatöpfen voller Geranien oder Oleander. Agaven stehen in den kleinen Vorgärten und ab und zu wird der Gehweg durch runde Beete unterbrochen, in denen Linden oder Akazien wachsen. Menschen sitzen im Schatten von Weinranken oder unter Sonnenschirmen, essen und sprechen miteinander. Vom Bus aus sieht es wahnsinnig idyllisch aus. Wie auf einer Postkarte. Auf einem Stuhl pult eine ältere Dame in schwarzer Kleidung Erbsen.

Ein Hund rennt über die Straße und der Bus bremst abrupt. Allerdings wohl eher, weil der Busfahrer einen Bekannten gesehen hat. Der Fahrer lehnt sich weit aus dem Fenster und ich schnappe ein paar Wortfetzen auf, kann aber nichts verstehen, da um mich herum die Gespräche ebenfalls lauter geworden sind. Ich spähe aus dem Fenster und lese auf einem Straßenschild, dass es nur noch fünf Kilometer bis Afytos sind. Ein aufgeregtes Kribbeln macht sich in meinem Bauch breit und ich kann nicht aufhören zu lächeln. Nach einem weiteren Stück Landstraße, die durch ausgeblichene Wiesen führt, vorbei an vereinzelten Feigenbäumen, erreichen wir endlich unser Ziel. Dieses Dorf ist noch hübscher als der Ort eben. Ich versuche mir alles genau einzuprägen, die hübschen Häuser mit blau gestrichenen Fensterläden, die Menschen, die ich entdecke, eine kleine Galerie.

Der Bus folgt einer sandigen Straße entlang der Klippen. Daneben wachsen Kakteen und dahinter liegt das Meer. Es glitzert bis zum Horizont, ich sehe ein Ausflugsschiff und ein paar Windsurfer auf den Wellen. Endlich entdecke ich das Hotel, das ich von der Internetseite kenne. Das Zeus Palace, ein Fünf-Sterne-Luxus-Hotel. Spontan drücke ich mir die Daumen, dass ich die ganze Saison bleiben kann. Es gibt eine zweiwöchige Probezeit, aber Grace hat mich beruhigt, dass bisher jeder Bewerber übernommen wurde. In der Hauptsaison brauchen sie jede helfende Hand. Ein bisschen nervös bin ich trotzdem. Schließlich gab es nur ein kurzes Vorstellungsgespräch am Telefon. Wo Grace wohl ist? Eigentlich ist sie Rezeptionistin, aber sie hilft auch in anderen Bereichen, je nachdem, wo es sich anbietet.

Der Busfahrer ruft meinen Namen aus und ich schnappe meinen Rucksack, wünsche den anderen Fahrgästen im Vorbeigehen einen schönen Urlaub und schon bin ich draußen in der Sonne. Kurz blinzele ich und setze meine Sonnenbrille wieder auf. Die Hitze ist unglaublich, aber ich liebe es einfach. Der Busfahrer hievt meinen Koffer aus dem Bauch des Busses und wünscht mir grummelig einen guten Tag. Schwalben und Möwen fliegen durch den blauen Himmel. Mit meinem Koffer rolle ich auf den Vorplatz des Hotels. Der Bus fährt zischend weiter. Ich lege den Kopf in den Nacken, weil das Gebäude so hoch ist, dass mich sein Schatten jetzt vollkommen verschluckt hat. Fenster und kleine Balkone kann ich überall am Hauptgebäude sehen, rechts und links daneben stehen noch weitere Gebäude, stufenartig versetzt mit jeweils drei Stockwerken. Alles ist aber so verwinkelt, dass nichts an die Hotelburgen erinnert, die ich früher nie gemocht habe. Jetzt bedeuten große Hotels meistens gute Jobs für mich.

Überall stehen kniehohe Töpfe mit Oleander, an den Nebengebäuden ranken Bougainvilleen empor. In den Beeten wachsen Kakteen, Agaven und Hibiskus mit knallroten Blüten. Links neben dem Haupthaus scheint der Garten zu liegen. Von hier aus sehe ich einige Granatapfelbäume, Olivenbäume und Feigenbäume, sie spenden Schatten über Natursteinmauern und antiken Amphoren. Ein Weg mit in Kieseln gelegten altgriechischen Mustern führt hinein. Zikaden zirpen lautstark, und ich liebe dieses Geräusch genauso sehr wie das Surren der Hitze.

Weiß gestrichene Säulen säumen die Glasschiebetüren des Eingangs, und ich kann es kaum erwarten das Hotel von innen zu sehen und Grace natürlich. Die Dame von der Personalabteilung hat mir ein Zimmer im Angestelltenbereich zugewiesen. Die Reservierung lief also nicht über die normale Buchung und so weiß Grace womöglich nicht genau, wann ich komme. Beherzt greife ich nach meinem Koffer und gehe zielstrebig auf das Eingangsportal zu. Die Glastüren schweben auseinander und augenblicklich hüllt mich die Kühle des klimatisierten Foyers ein. Meine Schritte und die Rollen des Koffers werden von einem dicken Teppichläufer in hellem Blau gedämpft. Ich steuere auf den Empfangstresen zu und schiebe lächelnd meine Sonnenbrille ins Haar zurück.

„Miranda!“, ruft Grace. Sie hüpft hinter dem Tresen aus poliertem dunklem Holz auf und ab. „Was machst du denn schon hier? Oh, ich freue mich!“ Sie rennt auf mich zu und umarmt mich fest. Graces wilde helle Locken kitzeln meine Nase und ich muss glücklich lachen.

„Ist mir die Überraschung gelungen?“, frage ich, als Grace mich wieder freigibt und mich mit fröhlichen Augen mustert.

„Und ob. Du siehst toll aus! Was hast du mit deinen Haaren gemacht?“ Grace dreht mich ein wenig, um meinen französischen Zopf näher ansehen zu können. „Sieht toll aus. Hat das den ganzen Flug gedauert?“

„Nein … oder doch. Ich musste mich schließlich hübsch machen für …“

„Den schönen Giorgio?“, flüstert Grace.

Wir lachen beide. Der schöne Giorgio ist wirklich ein Prachtkerl. Allerdings ist er als Kater an meiner Flechtfrisur vermutlich wenig interessiert.

Alexis

Ein altmodisches schwarzes Taxi fährt mich durch London und draußen scheint die Sonne vom blauen Himmel, obwohl es vorhin noch geregnet hat. Der Taxifahrer singt laut bei einem Song mit, der von einem Bollywood-Liebesstreifen stammen könnte. Giulia hat diese Filme geliebt, sie war ein riesiger Fan von Shah Rukh Khan und konnte sogar ein paar von den Tänzen. Das wiederum hat mir gut gefallen, wenn sie sie mir in ihrem WG-Zimmer vorgeführt hat.

Diese Gedanken kommen in letzter Zeit häufig, ein weiterer Grund, Miranda zu meiden. Sie hat überhaupt nichts mit Giulia zu tun und sie ähnelt ihr nicht mal, trotzdem erinnert Miranda mich an meine frühere Verlobte. An die Zeit damals. Ist das nicht bescheuert? Seit der Yogastunde habe ich Miranda nicht mehr gesehen. Kate hat beiläufig erwähnt, dass Miranda zum Arbeiten an einen Urlaubsort am Mittelmeer geflogen ist. Kate sagte auch etwas von Griechenland, war sich aber nicht ganz sicher. Ein winziger Teil von mir wünscht sich, dass sie jetzt genau dort ist, wo ich in weniger als vier Stunden sein werde. Ein anderer Teil, der vernünftige Teil von mir, wünscht sich das Gegenteil. Meine Güte, ich habe sie ein einziges Mal gesehen!

Okay, gesehen und gehört, ihr Lachen gespürt, sogar ihren Duft eingeatmet. Aber das reicht ja nicht dafür, dass ich mich verliebe, völlig albern. Und wenn sie den nächsten Yogakurs gibt, bin ich nicht mehr in London und sehe sie überhaupt nicht mehr.

Ich suche in meinem Rucksack nach meinen Kopfhörern und stecke sie mir in die Ohren. Auf dem Handy habe ich glücklicherweise haufenweise Musik. Die werde ich lauter stellen als die im Taxi. Bloß nichts Ruhiges, nichts Romantisches. Ja, genau. Prodigy, das passt. Ich stelle es so laut, dass meine Ohren fast schmerzen und blende den Taxifahrer, seine Musik und ganz London so gut es geht aus. Bald bin ich zu Hause.

Der Flug ist wie immer. Ich schaffe zwei Zeitungen, nerve damit wohl meinen Sitznachbarn, weil er hin und wieder aufseufzt und kurz zu mir rüber sieht. Aber er schaut mich nie direkt an, dafür ist er zu höflich. Wenn ich mich in seine Richtung drehe, tut er so, als sähe er irgendwo auf das Muster des Sitzes vor uns, um auf eine der Zahlen für sein Sudoku zu kommen. Ich könnte ihm helfen, aber vermutlich wird er das genauso wenig mögen wie mein Zeitungsgeraschel. Ich lasse die Zeitung möglichst leise sinken, die Landung startet bereits und in meinem Magen beginnt es zu rumoren. Durch die Gedanken an Giulia und Miranda habe ich völlig verdrängt, was mich gleich erwartet. Wollte Mama nicht eine ihrer Kandidatinnen zum Tee einladen und dann noch eine andere zum Abendessen? Ich stöhne so laut über diesen Gedanken, dass mich mein Nachbar auf einmal unverhohlen anstarrt.

„Meine Mutter will mich verkuppeln“, erkläre ich ihm, weil er jetzt wer weiß was von mir denken muss, auch wenn mir das egal sein kann. Wir werden uns nie wiedersehen. Ein Spruch meiner Großmutter kommt mir in den Sinn: Man sieht sich immer zweimal im Leben. Natürlich werde ich nicht jedem Menschen, den ich kennenlerne, auch ein zweites Mal begegnen. Giulia lief mir mehrmals über den Weg, bevor wir ein Paar wurden, aber ich denke, der Spruch meint eher, dass ich sie irgendwann später noch einmal treffen könnte. Oder geht es nur um Menschen, denen man am Anfang nicht so eine große Bedeutung beimisst? Zum Beispiel jemanden, dem man nur flüchtig begegnet? So wie Miranda.

Erst jetzt bemerke ich, dass mein Sitznachbar mit mir redet. Ich versuche mich auf seine Worte zu konzentrieren, aber ich habe offenbar schon recht viel verpasst.

„… wirklich ein Kreuz“, endet er gerade seinen Vortrag.

Ich nicke mitfühlend und er lächelt. Richtige Reaktion offenbar.

Das Eis scheint gebrochen. Jetzt erzählt er mir von seiner missglückten Ehe und ich erfahre, dass er seine Ex-Frau nur geheiratet hat, weil seine Mutter sie mochte. Dabei hätte er viel lieber ihre Schwester geheiratet. Und mittlerweile sind sie zwar geschieden, die Schwester aber längst mit einem anderen verheiratet.

„Vielleicht kommt Ihre Zeit noch“, sage ich. Wohl etwas leichtfertig, denn er starrt mich jetzt wieder irritiert an. „Für Ihre Schwägerin und Sie, meine ich. Oder für Sie und eine andere Frau, die besser passt.“

„Das könnte ich nicht. Sie hat meinen besten Freund geheiratet. Wenn die Ehe nicht von alleine zerbricht, bleibe ich lieber alleine.“

Jetzt starre ich ihn an. „Sie wollen keiner anderen Frau eine Chance geben? Nur diese eine oder keine?“

„Nur diese eine“, sagt er. „Das verstehen die wenigsten.“

Zuerst will ich den Kopf schütteln, denn wie kann man denken, dass es auf dem ganzen Planeten nur die eine passende Frau für einen gibt. Aber dann wird mir klar, dass es mir nicht viel anders geht. Nach Giulia hatte ich belanglose, kurze Affären, bis ich bemerkt habe, dass diese Frauen es nie ernst mit mir meinten. Obwohl ich keine ernste Beziehung wollte, hat das wehgetan. Die Frau für immer? Das konnte für mich immer nur Giulia sein.

„Vermutlich haben Sie recht“, murmle ich, aber ich habe wohl zu lange für meine Antwort gebraucht, als ich nämlich aufblicke, starrt mein Sitznachbar auf den Sitz vor sich und scheint tief in Gedanken.

Stimmt das denn? Ist Giulia wirklich die Eine für mich, die Einzige, die als Liebe für immer in Frage kam? Kann danach keine andere mehr in mein Leben treten? Dann unterscheiden mein Sitznachbar und ich uns nicht besonders, auch wenn mir seine Geschichte sehr traurig vorkommt.

Den Gedanken trage ich immer noch in mir, als ich den Bus in die Stadt nehme, um mein Auto zu holen. Kurz vor meiner Haltestelle springe ich auf und warte darauf, dass sich die Tür öffnet. Es juckt mir in den Fingern und meine Füße kitzeln. Ich muss mich bewegen und wenn es nur das Drehen des Lenkrads und das Heruntertreten eines Gaspedals ist. Ich sehe kurz nach meiner Wohnung, hole den Autoschlüssel und halte inne, als mein Handy brummt. Kassandra. Ich stelle meinen Koffer wieder ab und nehme das Gespräch mit einem Wischen über das Display an.

„Wann kommst du?“, fragt sie ohne Begrüßung.

„Steige gleich in mein Auto. Anderthalb Stunden, länger dauert es bestimmt nicht. Hältst du es nicht mehr aus?“ Ich weiß, dass Kassandra heute bei den Vorbereitungen hilft; sie hat sich extra einen Tag freigenommen. Und ich weiß auch, wie sie gerade das Gesicht verzieht.

„Na ja, du kennst ja Mama. Ich komme immer ganz gut weg, ich mache mir nur Sorgen um dich. Wie wäre es, wenn du von einer Frau erzählst, die du kennengelernt hast? Dann hättest du zwar Eleni und auch Anna vor den Kopf gestoßen und ich mag sie beide, und dass du ihnen das Herz brichst, verdienen sie nicht. Jetzt wäre der Schaden aber wenigstens noch gering, da sie dich noch nicht kennen, nur die Goldseite, die Mama beschrieben hat.“

„Ja, vielleicht.“ Ich überlege kurz, ob das geht. Kann ich innerhalb der kurzen Zeit seit dem letzten Telefonat mit meiner Mutter eine nette Frau in London kennengelernt haben? Oder am Flughafen? Ob ich Miranda erwähnen sollte? Aber eine Engländerin würde meiner Mutter nicht genügen und dann müsste ich mir statt der Vorzüge ihrer Kandidatinnen nur Vorhaltungen anhören. Darüber, dass man Engländerinnen genauso wenig trauen darf wie Italienerinnen, und dass Miranda mir genauso das Herz brechen wird, wie Giulia es getan hat. Das würde mir die Zeit bei meinen Eltern nicht angenehmer gestalten. Und ein kleines bisschen glaube ich auch, dass ich es nicht tun sollte, um Miranda so weit wie möglich aus meinen Gedanken zu halten.

„Es gibt jemanden“, sagt Kassandra plötzlich in die Stille hinein.

„Was? Nein. Ich habe nur überlegt, ob das Sinn macht. Warum kann Mama nicht einfach akzeptieren, dass das alles ganz allein meine Sache ist?“

„Weil sie dich liebhat und weil sie weiß, dass du jemanden brauchst, der dich unterstützt.“

Wir lachen beide, weil wir wissen, dass unsere Mutter sich nie von dieser Ansicht lösen wird.

Nach unserem Telefonat laufe ich die Treppe hinunter in die Tiefgarage, und fahre los. Die ganze Fahrt über grübele ich, aber es bringt nichts. Ich bleibe meinen Eltern gegenüber bei der Wahrheit, sonst wird alles nur unnötig kompliziert. Ich brauche keine weitere erfundene Frau und erst recht keine echte, die meine Mutter mir ausgesucht hat. Vielleicht wird sie das irgendwann verstehen.

Das Haus meiner Eltern ist weiß getüncht wie die meisten Häuser hier, aber es leuchtet noch mehr als sonst, sieht aus als hätte es einen neuen Anstrich bekommen. Ich parke im Schatten des alten Aprikosenbaums, in dem Kassandra und ich als Kinder gesessen haben, um die Früchte gleich an Ort und Stelle zu naschen. Papa hat uns immer gewarnt, bevor Mama in den Garten kam. Wie lange ist das her? Würden die Äste mich noch tragen? Einen Moment bleibe ich sitzen, atme tief durch und öffne dann die Tür. Heiße, trockene Luft schlägt mir entgegen, aber auch der Duft von Oleander und sonnenwarmem Stein. Ich lasse mir Zeit dabei, mein Gepäck aus dem Kofferraum zu nehmen, den Wagen zu verriegeln und bleibe noch einen Moment im Schatten stehen. Die Sonne vertreibt trotzdem die Kühle, die die Klimaanlage im Auto auf meiner Haut hinterlassen hat. Außer dem Zwitschern der Schwalben und der sirrenden Hitze ist es still. Erst als ich langsam auf mein Elternhaus zugehe, dringen gedämpfte Stimmen nach draußen und ich versuche sie einzuordnen.

Vor der Haustür bleibe ich stehen. Lausche erneut und weiß jetzt, dass außer meinen Eltern noch eine weibliche Person anwesend ist. Ich seufze lautlos und überlege, welche Heiratskandidatin meine Mutter als Erstes eingeladen hat. Es ist beinahe Zeit für den Kuchen.

Bevor ich klingeln kann, wird die Tür aufgerissen und meine Mutter breitet die Arme aus. „Alexis! Was stehst du hier herum? Lass dich drücken! Dein Vater hatte recht, er hat ein Auto gehört.“ Sie drückt mich fest an sich und ich muss lachen, weil ich mich trotz allem sehr freue, sie zu sehen. Mein Vater steht bereits im Flur, ein paar Schritte hinter ihr und strahlt mich an.

„Recht gehabt“, sagt er und schwenkt eine Wasserkaraffe. In diesem Moment tritt eine junge Frau aus den Schatten, die die Fensterläden um diese Tageszeit im Haus halten. Im Halbdunkel kann ich sie nicht genau erkennen, sehe aber an der Silhouette, dass es leider nicht Kassandra ist. Eleni oder Anna also. „Hi.“ Ich hebe meine Hand zum Gruß.

Meine Mutter schnalzt mit der Zunge. „Begrüß unseren Besuch mal richtig, Junge.“

Natürlich gehorche ich, um nicht unhöflich zu sein. „Hi, ich bin Alexis“, sage ich und reiche ihr die Hand.

„Hallo“, sagt sie. „Eleni. Deine Eltern haben mir schon viel von dir erzählt.“

Ich bemühe mich, nicht die Augen zu verdrehen. Was sie erzählt haben, kann ich mir lebhaft vorstellen. „Hoffe, es war nicht allzu langweilig.“

Sie lacht höflich.

Endlich gehe ich zu meinem Vater, klopfe ihm vorsichtig auf die Schulter und nehme ihm dann die Karaffe ab. „Sitzen wir draußen?“, frage ich.

„Wo sonst“, ruft meine Mutter und wuselt an uns vorbei. Aus der Küche holt sie eine Platte mit gefüllten Weinblättern und eine große Schüssel mit Bauernsalat. Sie geht immer auf Nummer sicher, falls jemand nichts Süßes möchte, aber Hunger hat. Als wir rauskommen, ist der Tisch bereits mit Kuchen und Geschirr gedeckt. Für vier Personen.

„Kommt Kassandra nicht?“, frage ich enttäuscht. Genau genommen hätte sie das aber sonst wohl auch erwähnt. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass sie schon bei meinen Eltern war, als sie anrief. Offenbar nicht.

„Sie hat mir heute Vormittag geholfen und muss jetzt erst mal für die Jungs kochen, Schatz. Sie kommt später. Du bist gar nicht auf dem Laufenden. Es wird Zeit, dass du in der Nähe wohnst, damit du die Familie nicht völlig aus den Augen verlierst.“ Sie schiebt den Stuhl für Eleni zurück und bedenkt mich mit einem kurzen Blick, der möglicherweise heißen soll, dass das meine Aufgabe gewesen wäre. Für Eleni tut es mir ein bisschen leid, aber schließlich ist sie der Gast meiner Eltern und nicht meiner. Es ist besser, nicht die ganze Zeit mitzuspielen, vielleicht komme ich dann am ehesten aus dieser Sache raus. Ein unverbindliches Lächeln bekomme ich immerhin zustande. Und als Eleni dann anfängt mich über London auszufragen, finde ich sie sogar sympathisch. Dennoch werde ich mich nicht in sie verlieben. Das geht schließlich nicht mit jeder beliebigen Frau, auch wenn meine Mutter dieser Meinung zu sein scheint. Sie strahlt mich an und es fehlt nur noch, dass sie uns über dem Kuchen ihren Segen gibt.

Vater hält sich raus und spricht nur, wenn ihn jemand etwas fragt. Er scheint in Gedanken weit weg zu sein, vermutlich denkt er an sein aktuelles Buch. Wenn er liest, lebt er stets in der Welt der Geschichte. Meine Mutter liest nicht, aber ich glaube, dass es ihr gefällt, dass er Bücher so liebt. Sie sitzt ohnehin selten. Seit sie vor einem halben Jahr in Rente gegangen ist, kümmert sie sich um Haus und Garten, und zwar mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit. Wenn dann noch Zeit übrigbleibt, widmet sie sich ihrem Projekt „Mein Sohn braucht eine gute Ehefrau“. Ich seufze, als ich bemerke, dass sie mich beobachtet und jetzt sehr unauffällig den Kopf Richtung Eleni ruckt.

Entweder soll das heißen, dass ich mich mit ihr unterhalten soll, mich für sie interessieren soll, oder es heißt schlicht: „Wie wäre es mit ihr? Sie passt gut zu dir.“

Aber das tut Eleni nicht. Sie ist nett, und sie ist auch hübsch. Dennoch berührt sie nichts in mir. Als ich einmal leichtsinnig genug war, so etwas bei einer anderen Kandidatin zu äußern, hat meine Mutter die Hände in die Luft geworfen, wie um ein Gebet in den Himmel zu schleudern. Immerhin hat sie nichts gesagt. Das kam später. Sie wäre auch stolz auf mich, meinen tollen Beruf, meine Weltoffenheit, dass ich viel herumkomme. Trotzdem fehle mir eine Frau an meiner Seite, die mich liebt und sich um mich kümmert. Meine Mutter ist Verfechterin des klassischen Familienbilds, sie liebt Hochzeiten und sie hätte gerne mehr Enkelkinder. Kleine Enkelkinder, jetzt wo Kassandras Jungs schon bald erwachsen sind. Oder geht es schlicht darum, dass sie sich für jedes ihrer Kinder eine Familie wünscht? Da reicht es nicht, dass Kassandra eine Bilderbuchfamilie hat. Ich soll auch eine haben. Ein Haus in der Nähe oder zur Not bei Thessaloniki, vielleicht ginge dort sogar eine große Wohnung. Hauptsache wir kommen am Wochenende immer hierher, um meine Eltern zu besuchen.

Ich habe aufgegeben meiner Mutter zu erklären, dass das nicht mehr das Leben ist, das ich haben möchte. Und ich will mich nicht ständig dazu äußern. Kann sie es nicht gut sein lassen? Ich beiße in den Orangengrießkuchen, als wäre er hartes Brot. Alles in mir schreit danach, eine Runde zu schwimmen. Wenn ich das jetzt vorschlage, wird erst der Hinweis kommen, dass man nicht direkt nach dem Essen schwimmen gehen soll, und danach wird meine Mutter Eleni fragen, ob sie nicht mitmöchte. Also schweige ich und lasse mir ein weiteres Stück Kuchen geben. Immerhin ist mein Mund beschäftigt und meine Mutter freut sich, dass es mir schmeckt.

Eleni erzählt gerade von ihrem letzten Urlaub. Vielleicht möchte sie mir zeigen, dass sie auch schon einiges von der Welt gesehen hat. Andererseits habe ich nicht den Eindruck, dass sie mich unbedingt beeindrucken will. Vielleicht ist sie von dieser Verkuppelungsaktion genauso überrumpelt worden wie ich. Wenn sie wüsste, dass nachher eine weitere Kandidatin kommt, wäre sie sicher auch nicht mehr so freundlich. Immerhin stellt meine Mutter keine peinlichen Fragen.

„Und du reist immer alleine?“, fragt meine Mutter in diesem Moment. O nein … Eleni bekommt kurz einen traurigen Ausdruck in den Augen, dann lächelt sie wieder.

„Ich reise gerne mit Gruppen oder einer Freundin“, sagt sie.

„Ach, Alexis wäre auch ein guter Reisepartner“, antwortet meine Mutter tatsächlich.

Fass übergelaufen. Ich rücke meinen Stuhl zurück und wische mir über die Stirn. „Es ist echt heiß, heute früh war ich noch in London, ich muss mich erst wieder an das Klima gewöhnen, fürchte ich. Ich muss mal aus der Sonne.“ Wir sitzen im Schatten und der Spruch mit dem Klima war auch ungeschickt, weil ich mir dann später garantiert anhören muss, dass ich in dieses Klima gehöre und wenn ich hierbliebe … aber ich verschwinde so schnell im Haus, dass mir niemand widerspricht. Eleni tut mir ein bisschen leid, weil sie jetzt vielleicht denkt, dass sie etwas falsch gemacht hat. Aber nein, das wird sie bestimmt nicht. Natürlich ist mein kleiner Ausbruch nur eine Flucht auf Zeit und es ist fast kindisch, jetzt abzuhauen, aber ich kann mir das keine Sekunde länger anhören.

Hierbleiben kann ich nicht, mich im Zimmer oder im Bad einzuschließen wäre keine gute Idee. Ich könnte die Sekunden zählen, bis meine Mutter an der Tür klopft, um zu fragen, ob ich krank bin, oder um mich zu maßregeln, dass man sich so nicht verhält, wenn Besuch da ist. Also laufe ich so wie ich bin zur Eingangstür hinaus, die Straße hinunter, schlängele mich durch das trockene Gras daneben. Schon wenige Meter von meinem Elternhaus entfernt überkommt mich das schlechte Gewissen. Was ist nur in mich gefahren?

Schaffe ich es nicht mal mehr, mich ganz normal an einem zugegeben etwas nervigen Gespräch zu beteiligen? Das sind meine Eltern! Und Eleni schien nett, es ist auch ihr gegenüber unfair. Aber jetzt ist es zu spät, ich bin schon gegangen und sicherlich schäumt Mama bereits. Für einen Moment bleibe ich stehen, atme tief durch und dränge die kommende Standpauke meiner Mutter zur Seite.

Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und wähle Castors Nummer. Wenn ich Glück habe …

„Hi! Wo bist du?“, fragt mein Freund seit Sandkastentagen gut gelaunt.

„Witzig, dass das deine erste Frage ist“, sage ich und meine Laune hebt sich bereits.

Er lacht. „Na? Noch in London?“

„Grundsätzlich ja, aber für die Feier meiner Eltern bin ich in Afytos. Ich bin gerade geflohen.“

„So schlimm?“ Castor versteht mich immer und ich spüre bereits, wie das schlechte Gewissen minimal schrumpft.

„Ach, ich benehme mich ganz schön daneben, das werde ich mir nachher anhören müssen und ich fürchte in dem Punkt hat Mama recht.“ Ich schildere Castor die Situation beim Essen und meinen unrühmlichen Abgang.

„Hart, aber ich kann’s dir nicht verdenken. Was bin ich froh, dass ich diese Zeiten hinter mir habe. Du hast mein vollstes Mitgefühl.“

„Du hast es gut. Wie geht es Cosima?“

„Gut, gut. Sie ist ein bisschen nervös, weil der Geburtstermin immer näher rückt, aber gegen mich ist sie ziemlich tiefenentspannt.“ Castor lacht und jetzt kann ich nachfühlen, wie es ihm gehen muss.

„Das erste Kind ist halt ein großer Schritt, aber ihr werdet tolle Eltern, da bin ich mir sicher.“

„Wir werden schon reinwachsen, ich bin jedenfalls schon jetzt völlig vernarrt in die Kleine, selbst wenn sie auf den Ultraschallbildern nur schwarz-weiß ist.“

„Siehst du. Wenn die Kleine da ist, muss ich euch unbedingt besuchen kommen, es ist ewig her.“

„Spätestens dann“, sagt Castor. „Du alter Weltenbummler. Und mach dir wegen deiner Mama keine Sorgen, sie wird es irgendwann verstehen. Oder du suchst dir einfach eine der Kandidatinnen aus.“ Wieder lacht er und ich kann es ihm nicht übelnehmen.

„Ich gehe jetzt erstmal schwimmen und stelle mich später Mamas Vorwürfen. Sie wird wieder viele Ratschläge parat haben, wie mein Leben glücklicher wird.“

„So sind sie, unsere Mütter.“

„Die Sache mit der Frau fürs Leben hast du doch schon geschafft.“

„Klar, aber glaub nicht, dass da keine Empfehlungen für die Kindererziehung kommen werden. Das hat sogar schon angefangen.“

Wir verabschieden uns mit dem Versprechen, uns bald wieder zu treffen und ich stecke mein Handy weg.

Ich nehme die Abkürzung zur steil abfallenden Straße, die mich nach unten an den Strand führen wird. Das Meer leuchtet von hier oben türkis hinter dem hellen Sand und den flachen Felsplatten. Wellen rollen leise darüber. Das Geräusch holt mich wieder ins Hier und Jetzt. An dieser Stelle hat niemand die Steine aus dem Wasser geräumt, wie sie das oft bei dem edlen Fünf-Sterne-Hotel strandabwärts tun. Hier sieht man noch die Natur, wie sie ist. Oder zumindest bilde ich mir das ein.

Die Sonne steht nicht mehr so hoch am Himmel, aber die Luft sirrt noch immer vor Hitze. Zikaden zirpen, die Wellen schubsen Kiesel und Muscheln auf den Strand. Ansonsten ist es still. Ich bin von den nächsten Badebuchten so weit entfernt, dass sich die wenigsten hierhin verirren. Schritt für Schritt bahne ich mir einen Weg durch die von der Sonne blond geblichenen Gräser, schlittere über die kleinen Steine, die unter meinen Schuhsohlen ins Rollen geraten und kurz vor mir am Strand ankommen. Der schmale sandige Pfad windet sich zwischen goldgelben Felsplatten, kleinen knorrigen Pinien und Ginsterbüschen. Hier unten am Meer wird er allmählich breiter und misst am Wassersaum kaum zwei Meter. Die Touristen würden diesen schmalen Sandstreifen kaum als Badestelle bezeichnen, da bin ich mir sicher.

Neben der knorrigen Pinie bleibe ich stehen. Ich liebe diesen Ort, lasse meinen Blick über das Meer schweifen. Das Wasser schimmert nach wenigen Metern dunkelblau, da es rasch tiefer wird. Mit langsamen Bewegungen knöpfe ich mein Hemd auf, dann meine Hose, hänge beides über den gebogenen Ast. Die Socken stecke ich in meine Schuhe, genau wie meine Armbanduhr, und endlich spüre ich den Sand unter meinen Fußsohlen, die winzigen sonnenwarmen Steinchen brennen zwischen meinen Zehen. Die Sorgen sind auf einmal weit weg und genau genommen sind sie unwichtig, nichts, womit sich nicht leben ließe. Stattdessen freue ich mich darauf, bald meine Schwester zu sehen, um ungestört mit ihr zu sprechen. Vielleicht sollte ich sie anrufen, sie bitten hierherzukommen, sobald sie gegessen hat? Geht leider nicht, mein Akku ist leer, fällt mir ein.