Ein unerwartetes Vermächtnis - Carla Laureano - E-Book
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Ein unerwartetes Vermächtnis E-Book

Carla Laureano

5,0

Beschreibung

Als die Innenarchitektin Melissa Green erfährt, dass sie in einem kleinen Ort mitten in Colorado fünf historische Häuser geerbt hat, kann sie es kaum glauben. Denn aufgewachsen als Pflegekind hatte sie bis dahin keine Ahnung, wer ihre Familie ist. Und so reist sie kurzerhand nach Colorado, um sich ein Bild von den Immobilien zu machen. Während Melissa sich mit dem Nachlass ihrer Großmutter befasst, stößt sie auf Dinge aus ihrer Vergangenheit, die sie nie für möglich gehalten hätte ... Ein berührender Roman, der zeigt, dass Liebe und Vergebung auch über den Tod hinaus heilende Wirkung entfalten können.

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Über die Autorin

Carla Laureano hat viele Jahre im Vertrieb und Marketing ­gearbeitet, bis sie sich dazu entschlossen hat, ihren Job an den Nagel zu hängen und nur noch zu schreiben. Ihre Romane sind in Amerika bereits ausgezeichnet worden und erfreuen sich ­großer Beliebtheit. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in der Nähe von Denver, Colorado.

1

Es war gut, wieder zu Hause zu sein. Jedenfalls wäre es das gewesen, wenn sie auch nur die geringste Vorstellung gehabt hätte, was der Begriff „zu Hause“ eigentlich bedeutete.

Melissa Green zwängte sich vom Rücksitz des Wagens ins Freie, wuchtete ihren Rollkoffer heraus, winkte dann dem Fahrer noch einmal kurz zu und ging den steilen Weg zum Eingang hinauf. In den vier Wochen, die sie fort gewesen war, hatte in Pasadena der Herbst begonnen – jedenfalls so viel Herbst, wie es in Südkalifornien überhaupt gab – und die bunt gefärbten Blätter der Roteichen bildeten einen auffälligen Kontrast zu den Palmen, von denen das Grundstück eingerahmt war. Ihr Koffer rumpelte über den holprigen Untergrund, begleitet vom Klackern ihrer hochhackigen Stiefel, bis sie vor einem schmiedeeisernen Tor mit dem Metallschild Design mit Geschichte stehen blieb.

Melissa lächelte vor sich hin und drückte auf den Klingelknopf der Gegensprechanlage.

„Sophie … ich bin’s.“

Der Türöffner summte und das Tor sprang mit einem metallenen Klick auf. Melissa drückte es auf, es öffnete sich quietschend, und nachdem sie hindurchgegangen war, fiel es mit einem lauten Klappern wieder ins Schloss. Sie atmete einmal tief durch, als sie die mexikanischen Keramikfliesen betrat, mit denen der Hof vor dem Haus gepflastert war. Hätte sie einen Ort ihr Zuhause nennen müssen, dann wäre es dieser hier gewesen, auch wenn das Anwesen im spanischen Stil nur gemietet war und ihr nicht nur als Wohnung, sondern auch als Arbeitsplatz diente. Es war der Ort, an dem sich ihre Antiquitäten befanden, und deshalb gehörte auch sie dorthin – noch jedenfalls. Denn jedes Jahr im November wurde die Miete erhöht, und bei der nächsten Erhöhung würden sie und Sophie nicht mehr mitgehen können und auf der Straße sitzen – zumindest Melissa. Sophie hatte eine finanzkräftige Familie im Rücken, auch wenn sie die nur höchst ungern um Hilfe bat.

In dem Moment, in dem Melissa durch die Eingangstür mit dem Rundbogen das Haus betrat, tauchte in der Diele eine hübsche brünette Frau mit einem schnurlosen Telefon am Ohr auf. Sie hob einen Finger, während sie das Telefonat beendete und schenkte Melissa gleichzeitig ein strahlendes Lächeln.

„Gott sei Dank bist du früher zurück!“

Melissa lachte und umarmte ihre Freundin und Assistentin Sophie Daniels. Die Kette aus Holzperlen, die Sophie als Accessoire zu ihrem üblichen Outfit im Boho-Style trug, drückte dabei schmerzhaft gegen Melissas Brustbein, aber sie entzog sich der Umarmung trotzdem nicht. Dass sie Südkalifornien während ihrer Abwesenheit vermisst hatte, konnte sie nicht behaupten, aber ihre Freundin hatte ihr sehr gefehlt, einschließlich des penetranten Duftes ihres Rosenparfums.

„Ich bin doch nur einen Tag früher als geplant zurück“, sagte Melissa, löste sich schließlich doch von Sophie und ließ die Eingangstür hinter sich zufallen. Sie erstarrte, als ihr ein entsetzlicher Gedanke kam. „Es steckt aber nicht wieder eine Maus im Badewannenabfluss fest, oder?“

Sophie schauderte es. „Nein, zum Glück nicht. Wäre das noch einmal passiert, dann wäre das Haus jetzt wahrscheinlich bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Komm, setz dich doch erst mal und erzähl mir alles über Europa.“

Melissa folgte ihr in den Raum, den sie als Büro nutzten, und der noch genauso aussah wie an dem Tag, an dem sie abgereist war – zwei Schreibtische und Stapel von Papieren, Stoffmustern und Katalogen, die sich auf dem Besprechungstisch türmten. Sophie hatte also offensichtlich ihr selbst gestecktes Ziel, während Melissas Abwesenheit das gemeinsame Büro aufzuräumen und zu putzen, nicht erreicht.

Sie schob eine Kiste mit Zementfliesenmustern zur Seite, damit Melissa sich irgendwo setzen konnte, und ließ sich dann der Freundin gegenüber auf einen Stuhl fallen.

„Also trotz all der Auktionen war London ein ziemlicher Reinfall“, berichtete Melissa. „Ich habe bei Christie’s ein modernistisches Gemälde für das Vergara-Projekt ersteigert und ein paar silberne Serviceteile bei London Silver Vaults für Rebecca Moon, aber …“

Sophie verdrehte die Augen und sagte: „Die Sachen, die du gekauft hast, interessieren mich gar nicht, sondern wen du kennengelernt hast.“

So war Sophie. Immer optimistisch. Aber wenn Melissa geschäftlich unterwegs war, konnte sie schon von Glück sagen, überhaupt einmal etwas anderes zu sehen zu bekommen als die Auktionshäuser und Antikmärkte, ganz zu schweigen von den attraktiveren Sehenswürdigkeiten der betreffenden Städte. Aber das hinderte Sophie nicht daran, Melissa immer wieder zu ermutigen, auf ihren Reisen auch ein bisschen Spaß zu haben. Insgeheim hatte sie wahrscheinlich die Hoffnung, dass ihre Freundin und Arbeitgeberin sich in einen europäischen Prinzen verlieben oder in eine Romanze mit irgendeinem gut aussehenden Schotten stürzen würde.

Dabei waren die sieben Jahre Freundschaft mit Sophie die längste Beziehung, die Melissa je zu einem Menschen gehabt hatte.

„Du solltest mich eigentlich besser kennen. Was ist denn so passiert, während ich weg war? Außer dass ein Tornado über meinen Schreibtisch gefegt ist.“

„Wir haben einen neuen Kunden …“

„Warum hast du das nicht gleich gesagt? Erzähl schon!“

Sophies Gesicht erstrahlte und sie sprang auf, um ihr Tablet vom Tisch zu holen. „Warte nur, bis du sein Haus siehst. Es ist ein modernes Haus, das Thornton Ladd Mitte des vergangenen Jahrhunderts entworfen hat. Es steht in den Marina Estates, in Long Beach. In den 80er-Jahren ist es bei einer Renovierung total verhunzt worden und jetzt möchten die Thomases es wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzen.“

Sie rief auf ihrem Tablet die Bildergalerie zu dem Projekt auf und zeigte alle Fotos von dem Gebäude, die sie aus jeder nur denkbaren Perspektive aufgenommen hatte. Man konnte über Sophie sagen und denken, was man wollte, aber auf jeden Fall war sie gründlich.

„Wow, Fischgrätparkett aus Walnussholz, das findet man wirklich nicht mehr oft.“

Melissa wischte auf dem Tablet noch einmal zurück und vergrößerte dann das Foto, um Details am Betonkamin des Hauses besser erkennen zu können, der mit furchtbaren künstlichen Backsteinen verblendet worden war.

„Wenigstens ist es nur eine dünne Schicht, die wahrscheinlich nicht schwer zu entfernen ist, auch wenn der Kamin dann neu verputzt werden muss.“

An diesem Punkt wurde es spannend. Melissas Stil ging nämlich eher in Richtung europäischer Antiquitäten und aufwendiger, kunstvoller Oberflächenbehandlungen. Sie liebte alles, was mit Tradition zu tun hatte – französischer und spanischer Landhausstil sowie Tudorstil –, aber es konnte sicher auch Spaß machen, einmal an etwas Modernem zu arbeiten, besonders weil ihre Kunden und Kundinnen zunehmend eine Mischung aus unterschiedlichen Stilen in ihren Räumen wünschten.

„Und wann fangen wir damit an?“, fragte Melissa ihre Assistentin.

Sophie antwortete nicht sofort, sodass Melissa aufblickte, sie ansah und fragte: „Was ist?“

„Na ja … also es ist so, dass sie konkret mich angefragt haben. Ohne dich.“

„Ach so.“ Melissa musste schlucken, weil ihr diese Antwort einen Stich versetzte.

„Ja dann …. Ich dachte … nein, das ist wirklich großartig.“

„Bist du sicher? Mid-Century ist genau mein Stil und nachdem du mir die Leitung des Najarian-Projektes überlassen hattest …“

„Ja klar, das ergibt absolut Sinn. Du machst das bestimmt großartig. Es wird wirklich höchste Zeit, dass du anfängst, auch selbstständig Projekte zu übernehmen. Und wenn jede von uns Projekte allein übernehmen kann, steigt auch unser Umsatz.“

„Ja, das habe ich auch gedacht“, erklärte Sophie und atmete erleichtert auf. Aber dann huschte wieder ein Schatten über ihr Gesicht. „Eigentlich wollte ich es dir erst sagen, wenn du richtig angekommen bist …“

Melissa erstarrte. „Du willst doch nicht etwa kündigen und deine eigene Firma gründen, oder?“

„Nein! Natürlich nicht“, antwortete Sophie lachend, wurde dann aber gleich wieder ernst. „Es gibt auch Neuigkeiten vom Vermieter.“

Gerade war Melissa noch ein bisschen verletzt gewesen, aber jetzt verspürte sie Panik in sich aufsteigen.

„Wie schlimm?“

„Nicht allzu schlimm. Achttausend.“

„Im Monat?“

„Na ja, bestimmt nicht pro Jahr.“

Melissa schloss die Augen und versuchte, ihr plötzlich panisches Herzklopfen in den Griff zu bekommen. Achttausend Dollar im Monat klang preiswert im Vergleich zu den ortsüblichen Mieten für Gewerbeobjekte, aber weil sie hier auch wohnten, konnten sie nur einen Teil der Miete steuerlich absetzen. Den Rest mussten sie von ihren Gehältern bezahlen, die eher mager waren, wenn man bedachte, wie viel von ihrem Geld in Warenbestand und Außenständen steckte.

„Dann passt es ja richtig gut, dass du jetzt auch eigene Kunden hast“, sagte Melissa schließlich und richtete sich dabei kerzengerade auf. „Wenn wir beide auch unabhängig voneinander arbeiten, dann können wir die Miete vielleicht gerade noch finanzieren. Dann wird es jetzt aber auch Zeit, dass du deinen eigenen Auftritt als Innenausstatterin auf unserer Firmen-Website bekommst.“

Sie zwang sich zu lächeln. „So, und jetzt lass mich erst rasch meine Sachen in mein Zimmer bringen und mich umziehen. Danach kannst du mir zeigen, was du vorhast.“

Sophie erwiderte das Lächeln, und Melissa stand auf, aber als sie jetzt mit dem Rollkoffer auf dem Fliesenboden zu ihrem Schlafzimmer ging, klangen ihre Schritte nicht forsch, sondern eher gedämpft und verhalten.

Das im spanischen Stil gebaute Haus hatte zwei gleich große Schlafzimmer, jeweils mit einem angrenzenden Bad, sodass Sophie und sie beide genug Platz für sich hatten. Melissa empfand es als großes Glück, in einer Millionenvilla in einer der schönsten Wohngegenden von Pasadena wohnen zu dürfen. Das war ein Luxus, von dem sie als Kind nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

Bis jetzt waren die Arbeitsbereiche der beiden Frauen immer klar voneinander getrennt gewesen: Melissa hatte die Fähigkeiten, das Können und die Erfahrung als Gestalterin; Sophie übernahm die gesamte Organisation und Verwaltung und arbeitete ihr außerdem als Assistentin hinsichtlich der Entwürfe zu. Erst im Laufe der letzten paar Monate hatte Melissa ihr auch Projekte komplett überlassen, allerdings nur, weil sie selbst völlig überlastet gewesen war. Sie hätte nie damit gerechnet, von einer ihrer Einkaufsreisen zurückzukommen und zu erfahren, dass ihre Assistentin einen eigenen Auftrag angenommen hatte.

„Jetzt sei mal nicht albern“, flüsterte sie sich selbst zu und musste etwas zurückdrängen, was sich verdächtig nach Eifersucht anfühlte. Melissa mochte zwar mit ihren neunundzwanzig Jahren noch jung sein für dieses Business, aber sie hatte sich sowohl mit ihrem unfehlbar guten Geschmack hervorgetan als auch mit ihrer Fähigkeit, einmalige Möbel und ganze Einrichtungen mit interessanten – und vollständig dokumentierten – Geschichten aufzutun. Jeder, vom Filmstar über Filmproduzenten, bis hin zu irgendwelchen anderen Prominenten wollte eine Vitrine von der Ur-Ur-Urgroßnichte von Katharina von Aragon oder den Prototyp eines Möbels des dänischen Designers Hans Wegner, der es nie in die Serienfertigung geschafft hatte. Sie hatte den Ruf, dass sie alles Menschenmögliche unternahm, um die Herkunft eines Stückes lückenlos zu recherchieren, und war dadurch zu einer Art Wunderkind in der Designwelt von Südkalifornien geworden. Das war wahrscheinlich auch der Grund, weshalb sie den Auftrag für das Thornton Ladd-Haus überhaupt bekommen hatten.

Aber es war Sophies Entwurfsmappe, die für den Abschluss letztlich ausschlaggebend gewesen war. Und wage es ja nicht, ihr das abzusprechen, ermahnte Melissa sich selbst. Sie würde gegen den Drang ankämpfen müssen, das Projekt zu beaufsichtigen, denn ihr war klar, dass sie den Ruhm dafür ganz allein Sophie zugutekommen lassen musste. Ihre Aufgabe bei dem Projekt bestand lediglich darin, einfach da zu sein, um einspringen zu können, wenn doch etwas schiefging.

Melissa stieß die Tür zu ihrem Schlafzimmer auf, atmete einmal tief durch und zog den Koffer zum Schrank. Während im übrigen Teil des Hauses antike Möbel und farbenprächtige Textilien vorherrschten, war ihr Schlafzimmer minimalistisch, ja beinah spartanisch eingerichtet. Die einzige Möblierung war ein schlichtes eisernes Bett mit einer flauschigen weißen Tagesdecke, einer Bank mit einem handgewebten Polsterbezug am Fußende, einem einzigen Gemälde an der Wand und einem großen abgetretenen Perserteppich, der den Holzboden fast vollständig bedeckte. Der Raum war wunderschön schlicht und ruhig, ein Ort zum Fokussieren und Entspannen. Ihr Heiligtum, das niemand betrat, nicht einmal Sophie.

Der einzige Wermutstropfen war jedoch, dass dieses Zimmer nicht ihr Eigentum war und ihr jederzeit genommen werden konnte, wenn es mit den Mieterhöhungen so weiterging.

Melissa zog ihre Stiefel aus, stellte sie sorgfältig in das Schuhregal in ihrem begehbaren Schrank und holte dann ein Paar flache, aus recyceltem Plastik gefertigte Hausschuhe hervor. Die Lederjacke hängte sie neben ihre Blazer und tauschte sie gegen eine gemütliche Strickjacke. Ihre langen blonden Haare, die nach dem zehnstündigen Flug nicht mehr wellig, sondern völlig zerknautscht waren, wurden zu einem Dutt auf dem Kopf zusammengezurrt, und dann war sie bereit für die Arbeit.

Doch als sie wieder in den gemeinsamen Bürobereich kam, war Sophie gerade dabei, hastig Sachen in eine Umhängetasche zu packen.

„Was hast du denn vor?“

Schuldbewusst blickte Sophie auf. „Tut mir leid, aber ich habe eben einen Anruf von Renee Thomas bekommen. Sie ist gerade in irgendeiner Fliesenausstellung und hat etwas gefunden, was ihr sehr gefällt. Sie möchte, dass ich sofort hinkomme.“

„Ach so“, sagte Melissa und musste kurz blinzeln. „Ja klar. Dann reden wir, wenn du wieder zurück bist. Ich muss sowieso erst mal die Post durchsehen.“

„Auf dem Rückweg hole ich uns dann etwas zu essen und eine Flasche Wein“, versprach Sophie grinsend.

Melissa zwang sich zu lachen. „Na, dann achte aber darauf, dass es eine gute Flasche ist. Viel Spaß. Und jetzt geh und rette deine Kundin vor sich selbst.“

„So wird’s wohl werden“, sagte Sophie und verdrehte dabei die Augen, aber ihre gespannte und aufgeregte Miene besagte, dass es gerade nichts gab, was sie lieber täte. „Bis später dann.“

Melissa nickte und nahm dann mit dem Rücken zu Sophie auf ihrem Bürostuhl Platz, so als hätte sie schon vergessen, dass sie das Haus verließ. Sie machte Sophie deshalb keine Vorwürfe – denn so waren Kunden nun mal.

Diese sagten zwar, dass sie den Innenausstatterinnen bei der Auswahl der Materialien und bei der Beaufsichtigung der Durchführung ganz und gar vertrauten, verbrachten dann aber doch ihre gesamte freie Zeit damit, in Katalogen und Ausstellungsräumen zu stöbern. Manchmal hatten sie einen erlesenen Geschmack und erleichterten ihnen damit die Arbeit, aber häufiger war es so, dass sie den Kunden möglichst diplomatisch klarmachen mussten, dass Glasmosaikfliesen schon seit Jahren nicht mehr angesagt waren und außerdem nicht in ein Holzhaus aus den 20er-Jahren passten.

Als die Eingangstür hinter Sophie ins Schloss gefallen war, fiel ihr die plötzliche Stille noch mehr auf. Melissa ging deshalb hin­über zum Bücherregal und schaltete den Bluetooth-Lautsprecher ein, der mit ihrem Handy verbunden war. Dann ließ sie sich an ihrem Schreibtisch vor ihrem überquellenden Posteingangs-Korb nieder.

Die Hälfte der Post war Werbung und konnte sofort entsorgt werden, die andere Hälfte waren Rechnungen, die sie mit den Auftragskopien abgleichen und dann zum Bezahlen an Sophie weiterleiten musste. Aber dann stieß sie auf einen dünnen Briefumschlag, dessen Leinenstruktur sich von allen anderen Umschlägen abhob.

„Jasper Lake, Colorado?“, murmelte Melissa, als sie auf den Absender in der oberen linken Ecke schaute. Sie war zwar in Colorado geboren und aufgewachsen, hatte dort aber keine Angehörigen mehr, und von einem Ort namens Jasper Lake hatte sie mit Sicherheit noch nie im Leben gehört. „Na, hoffentlich ist das jetzt nicht eine Einladung zur einmaligen Chance, ein Vermögen zu machen.“

Melissa schob die Klinge ihres silbernen Brieföffners unter die Verschlusslasche und zog ein einzelnes Blatt Papier aus dem Umschlag. Fett gedruckt stand da ganz oben „Erbenbenachrichtigung“ und darunter etwas kleiner: In der Erbangelegenheit Constanze Green, Immobilien betreffend.

An die Erben und Erbinnen der oben genannten Immobilie: Dies ist die offizielle Benachrichtigung, dass Mrs Constanze Green, die Erblasserin, am 8. September 2016 verstorben ist. Zum Verwalter der Immobilie wurde Mr Matthew Avery, wohnhaft 21 Main Street, Jasper Lake, Colorado bestimmt. Alle Dokumente, Schriftsätze und Informationen im Zusammenhang mit der Immobilie sind bis zum 21. Oktober im Amtsgericht unter dem Aktenzeichen R000049872 einzusehen. Der Nachlass der Immobilien von Mrs Constanze Green wird bis zu 30 Tage nach dieser Benachrichtigung durch den Verwalter der Immobilie der Mrs Constanze Green übereignet …

Melissa ließ den Brief auf den Schreibtisch sinken, weil ihre Hände so stark zitterten, dass sie die Schrift nicht mehr lesen konnte.

Constanze Green

Sie hatte den Namen noch nie gehört, aber sie und diese Frau trugen denselben Nachnamen. Und jetzt wurde sie von irgendjemandem darüber informiert, dass sie von dieser Frau Immobilien geerbt hatte, was nichts anderes bedeuten konnte, als dass sie irgendwie mit ihr verwandt gewesen sein musste.

In den vierundzwanzig Jahren, seitdem sie in einer Kinderbetreuung in einem Vorort von Denver abgegeben und nicht wieder abgeholt worden war, hatte sie sich immer vorgestellt, dass irgendwann so etwas passieren würde. Aber jetzt, da es tatsächlich so war, hatte sie absolut keine Ahnung, was sie tun sollte, außer den Anwalt anzurufen, dessen Name und Telefonnummer im Briefkopf standen.

Und vielleicht, nur vielleicht, würde sie endlich erfahren, was damals mit ihrer Mutter passiert war.

Melissa zögerte einen Moment, bevor sie ihr Handy in die Hand nahm und die angegebene Nummer wählte. Das Telefon am anderen Ende klingelte, und sie rechnete damit, dass eine Sekretärin den Anruf entgegennehmen würde, doch stattdessen meldete sich eine schroffe Männerstimme. „Matthew Avery.“

Melissa räusperte sich, bekam erst kaum ein Wort heraus und sagte schließlich: „Guten Tag, Mr Avery. Mein Name ist Melissa Green. Ich habe gerade einen Brief von Ihnen bekommen …“

„Melissa Green!“, donnerte die Stimme des Anwalts daraufhin durch die Leitung und klang jetzt nicht mehr schroff, sondern richtig begeistert. „Also, das ist jetzt aber wirklich auf den letzten Drücker.“

Sie blinzelte. „Wie bitte?“

„Na ja, bis zum 21. Oktober sind es nur noch zwei Wochen.“

„Ja, ich weiß, aber ich habe den Brief eben erst bekommen. Ich war den ganzen vergangenen Monat auf Reisen und bin gerade heute wieder nach Hause gekommen.“

„Das mag ja sein, aber der Tod von Mrs Green liegt mittlerweile fast fünf Jahre zurück, und Jasper Lake befindet sich derzeit in einer äußerst kritischen Lage.“

Melissa presste die Fingerspitzen gegen ihre Schläfen und versuchte, hinter den zusammenhanglosen Informationen des Anwalts irgendwie einen Sinn zu erkennen.

„Die Stadt? Ich dachte, es geht hier um eine Erbangelegenheit, um die Immobilie einer verstorbenen Verwandten.“

In der Leitung blieb es stumm, sodass sie kurz das Handy vom Ohr nahm, um sich zu vergewissern, ob die Verbindung noch bestand. Als sie sah, dass das der Fall war, hielt sie es wieder ans Ohr. „Hallo?“

„Entschuldigung. Ich …“ Matthew Avery klang verwirrt. „Hat Sie denn niemand kontaktiert, als Connie gestorben ist?“

Da brach sie in Lachen aus, wobei ihr bewusst war, dass das möglicherweise leicht hysterisch wirkte. „Mr Avery, ich bin im Alter von fünf Jahren ausgesetzt worden und in einer Pflegefamilie aufgewachsen. Ich wusste gar nicht, dass ich überhaupt noch Familie habe, und deshalb kenne ich natürlich auch keine Namen.“

Da stieß der Anwalt am anderen Ende der Leitung einen tiefen Seufzer aus. „Also, ich habe wirklich nicht damit gerechnet, dass ich der Erste bin, der ihnen das mitteilt. Dass Ihre Mutter Caroline hieß, werden Sie ja wahrscheinlich wissen, und mehr kann ich Ihnen dazu leider auch nicht sagen. Die Immobilie, um die es geht, gehörte allerdings ihrer Großmutter, Constanze.“

Sie hatte also eine Großmutter gehabt. Natürlich hatte sie eine gehabt, aber ob die auch gewusst hatte, dass sie eine Enkelin hatte? Wenn sie gewusst hatte, dass es Melissa irgendwo gab, warum hatte sie dann nicht nach ihr gesucht und sich mit ihr in Verbindung gesetzt? Und warum hatte es fünf Jahre gedauert, Melissa darüber zu informieren, dass ihre Großmutter gestorben war? Melissa hatte die Frau ja gar nicht gekannt. Deshalb war sie jetzt umso erstaunter, als sie plötzlichen den Anflug eines Verlustes empfand.

Dann hörte sie wieder Avery reden und merkte, dass sie einen großen Teil von dem, was er gesagt hatte, gar nicht mitbekommen hatte.

„… kommen Sie doch einfach her, schauen Sie es sich an und entscheiden Sie dann, was Sie damit anfangen“, hörte sie ihn sagen und fragte: „Entschuldigung … was haben Sie gesagt?“

„Ich kann mir vorstellen, dass das gerade ziemlich viel für Sie sein muss, Miss Green, aber es handelt sich um ein recht großes Anwesen, und weil Sie die einzige Erbin sind, würde es vollständig an das County fallen, wenn Sie nicht offiziell Ihren Anspruch auf das Erbe geltend machen. Das können Sie zwar auch von ihrem Wohnort aus tun, aber ich glaube, es würde die Sache vereinfachen, wenn Sie die Angelegenheit persönlich hier vor Ort regeln würden.“

Avery sprach noch weiter, aber Melissa hörte nicht mehr zu. Ein ziemlich großes Anwesen, hatte er gesagt. Colorado war doch recht teuer, oder? Das bedeutete, dass die Immobilie etwas wert sein musste, selbst wenn sie sich in einer kleinen Stadt befand. Angesichts der drastischen Mieterhöhung für ihr Haus war für Sentimentalität weder Platz noch Zeit.

„Natürlich“, sagte sie und zum ersten Mal im Laufe dieses Telefonates klang ihre Stimme entschlossen. „Ich komme so schnell wie möglich.“

2

Als Melissa bei der Ausfahrt Jasper Lake vom Highway abfuhr, war sie enttäuscht, dass sie nicht das geringste Gefühl von Wiedererkennen hatte, auch wenn das natürlich albern war. Soweit sie wusste, war sie nicht dort geboren, und selbst wenn es so gewesen wäre, hätte sie sich nicht erinnern können. Es gab also keinen Grund, irgendeine Art von Verbindung, Verwurzelung oder sonst etwas zu empfinden.

Nein, das Einzige, was sie gerade verspürte, war anhaltende Übelkeit wegen der holprigen Landung am Flughafen in Denver, gefolgt von der kurvigen Fahrt im Mietwagen in die Berge von Colorado. Aber wahrscheinlich war ihr eher wegen der Vorstellung übel, dass sie in fünf Minuten mit einem Teil ihrer Vergangenheit konfrontiert sein würde, von der sie nicht das Geringste gewusst hatte.

Die asphaltierte Straße ging jetzt in eine anscheinend unbefestigte Wegstrecke über. An beiden Seiten des Weges türmten sich schmutzige Schneewälle auf, wo der Schneepflug sie hingeschoben hatte. Durch die Sonneneinstrahlung hatten sie löchrige und ausgezackte Oberflächen mit gelegentlich einem Flecken frischem Weiß. Sie bremste und fuhr langsamer, als sie durch die Fahrt auf der holprigen Straße durchgerüttelt wurde und jetzt an beiden Seiten der Straße Gebäude im Blockhausstil bemerkte. An einem der Gebäude gab es eine Werbung für Miet-Snowmobile und Rafting-Boote, an einem anderen für Eisangelausrüstung.

Ein schneller Blick auf das Thermometer im Wagen zeigte um 14 : 00 Uhr 5°C Außentemperatur an. Kein Zweifel, sie war nicht mehr in Südkalifornien.

Sie schaute auf das Navi in ihrem Handy, bog auf die Hauptstraße des Ortes ab und atmete einmal tief durch. An einer hölzernen Promenade entlang standen dicht an dicht Holz- und Backsteingebäude mit bunten Schildern, die sie als Cafés, Eisdielen und Karamellfabrik auswiesen. Nach jedem Häuserblock hatte man ganz kurz einen Blick auf ein strahlendes Blau in der Ferne – den Jasper Lake, auf dessen gekräuselter Wasseroberfläche sich die Sonne spiegelte und diese wie Diamanten glitzern ließ. Obwohl sie wusste, dass das Wasser eiskalt war, sehnte sich die Wasserratte in Melissa danach, die Zehen hineinzutauchen.

Aber sie war schließlich nicht hier, um Urlaub zu machen, sondern sie war gekommen, um die Erbschaftsangelegenheit ihrer unbekannten Großmutter zu regeln, und zwar in letzter Minute … Sie hatte fast eine ganze Woche gebraucht, um in der Firma alles so weit geordnet zu hinterlassen, dass sie nach Colorado fliegen konnte. Deshalb blieb ihr nun bei ihrer Ankunft nicht einmal eine ganze Woche Zeit, ihren Erbanspruch geltend zu machen, bevor die Frist verstrich. Und aus Gründen, die sie immer noch nicht verstand, wollte Jasper Lake es auf gar keinen Fall so weit kommen lassen.

Der Punkt auf dem Navi sagte ihr, dass das Büro von Matthew Avery eigentlich gleich zu sehen sein müsste, deshalb fuhr sie rasch in eine der wenigen freien Parklücken an der Main Street, direkt vor einem blauen holzverschalten Gebäude mit einem Schild mit der Aufschrift Matthew Avery, Rechtsanwalt. Sie nahm ihre Handtasche vom Beifahrersitz, die Daunenjacke vom Rücksitz und stieg aus, ohne die Jacke erst anzuziehen, was sie augenblicklich bedauerte, denn aufgrund der kalten Temperaturen begann sie sofort am ganzen Körper zu zittern. Völlig überrumpelt von dem schneidend kalten Wind zog sie so schnell wie möglich den Reißverschluss ihrer Jacke zu. Wie konnte es trotz des strahlenden Sonnenscheins so kalt sein?

„Für ein paar Tage wirst du damit einfach fertigwerden müssen“, murmelte sie vor sich hin, als sie den hölzernen Gehsteig betrat und zum Anwaltsbüro ging. Dabei machten ihre Stiefel bei jedem Schritt ein dumpfes Geräusch. Doch dann erstarrte sie – dieses Mal allerdings nicht wegen der Kälte – , denn da hing ein handgeschriebenes Schild mit der Aufschrift: Bin auf Elchjagd.

„Was?“, brach es fassungslos aus ihr hervor.

Sie musste sich richtig verrenken, um durch die verglaste Tür zu spähen, in der Hoffnung, jemanden zu sehen – vielleicht sogar Avery selbst – , der ihr sagen würde, es handele sich nur um einen Scherz. Doch es kam niemand.

Na toll. Jetzt war sie den weiten Weg hierher geflogen – hatte dem Anwalt sogar noch ihre Ankunftszeit mitgeteilt – und er war auf der Jagd? Oh Entschuldigung, auf Elchjagd. Denn das war natürlich ein großer Unterschied in Bezug auf den Grund, weshalb er nicht wie ein normaler Anwalt in seinem Büro saß und arbeitete.

Sie holte ihr Handy heraus, gab mit zorniger Entschlossenheit seine Nummer ein und wartete, während es klingelte. Doch schon im selben Moment hörte sie im Inneren des Gebäudes ein altmodisches Festnetztelefon klingeln.

Im Ernst? Er leitete die dienstlichen Anrufe nicht einmal auf sein Handy um? Sie hatte gedacht, sie wäre in den Colorado Mountains und nicht ins Jahr 1972 zurückversetzt worden.

Aber in einer so kleinen Stadt kannte ja wahrscheinlich jeder jeden, also gab es bestimmt irgendjemanden, der oder die Averys Handynummer kannte. Sie drehte sich also noch einmal um die eigene Achse, um sich zu orientieren, was ihr aber natürlich auch nicht weiterhalf, weil sie sich hier absolut nicht auskannte.

Sie beschloss deshalb, in Richtung des Sees zu gehen. Dort gab es mehr Häuser als in dem Teil des Ortes, durch den sie schon gekommen war, und es gab bestimmt auch ein Rathaus oder eine Touristeninformation. Ein paar Straßen weiter fand sie beides in einem großen Gebäude, das im selben rustikalen Blockhausstil gebaut war wie die anderen Gebäude in der idyllischen Main Street. Ein dunkelhaariger Mann in Jeans, Kapuzenpulli und lammfellgefütterter Lederjacke stand auf einer Leiter vor der Eingangstür und war dabei, ein Banner aufzuhängen.

„Entschuldigung?“, rief sie zu ihm hinauf.

Der Mann schaute zu ihr hinunter und sie war sofort von der Intensität seiner strahlend blauen Augen fasziniert. Vielleicht war diese Reise nach Jasper Lake ja doch nicht so ganz verkehrt.

Sie hatte angenommen, dass sie mittlerweile gegen hübsche Gesichter immun wäre, aber dieser Gedanke kam ihr leider den Bruchteil eines Moments zu langsam.

„Hey … wahrscheinlich wissen Sie auch nicht, wie man den Anwalt Matthew Avery da hinten erreichen kann, oder? Wir waren eigentlich verabredet, aber er ist nicht da.“

Im gleichen Moment leuchtete so etwas Ähnliches wie Wiedererkennen in dem gut aussehenden Gesicht des Mannes auf und er stieg die Leiter herunter. „Dann müssen Sie Melissa Green sein. Matthew hat mich gebeten, nach Ihnen Ausschau zu halten.“

„Ach.“ Einen Moment lang war sie nur verblüfft. „Wirklich?“

Der Mann wollte ihr die Hand geben, merkte dann aber, dass er darin immer noch den Hammer hielt. Er wechselte ihn in die andere Hand und wiederholte dann den Versuch.

„Gabriel Brandt“, stellte er sich vor.

Gabriel Brandt also, dachte Melissa und musterte ihn verstohlen. Sie schätzte ihn auf Anfang dreißig. Sein Haar war etwas länger und von der steifen Brise zerzaust, die über die Promenade fegte. Er war etwas größer als sie, was bedeutete, dass er ziemlich groß sein musste, denn sie maß in diesen Stiefeln schon über 1,80 Meter. Seine Jeans hatten Farbflecken und seine Arbeitsstiefel sahen getragen und abgenutzt aus. Ob er vielleicht ein bei der Stadt angestellter Handwerker oder gar der Hausmeister des Rathauses war?

Sie merkte, dass er immer noch auf eine Reaktion auf seine Vermutung wartete, also nickte sie halbherzig und sagte: „Dann … haben Sie mich wohl gefunden. Oder ich Sie. Und was jetzt?“

„Also, er hat in seinem Büro ein paar Unterlagen bereitgelegt, die Sie unterschreiben sollen. Wir können gleich hingehen.“ Gabriel Brandt nahm die Leiter, zog die Tür auf und ließ sie vorgehen.

Als sie das Gebäude betrat, traf die Wärme einer voll aufgedrehten Heizung sie wie ein Schlag, sodass sie ihren Daunenparka auszog. Den Schal behielt sie um. Die paar Minuten im Freien hatten gereicht, dass ihr die Kälte bis in die Knochen gekrochen war, und es würde bestimmt den ganzen Abend dauern, bis ihr wieder warm wurde. Dass sie sich in Kalifornien niedergelassen hatte, obwohl sie in Colorado aufgewachsen war, hatte auf jeden Fall einen guten Grund. Das Wetter hier hatte ihr nie gefallen, und in den Sommern hatte sie stets die Hitze aufgesogen, als könnte sie sie für den Rest des Jahres speichern.

Gabriel streifte sie leicht, als er an ihr vorbeiging, und sagte: „Hier entlang, bitte.“

Von außen wirkte das Gebäude rustikal, aber im Inneren dominierten Holz und Glas – High End, so wie auch sie es für ein Ski­resort geplant hätte. An den Türen waren Schilder mit der Bezeichnung der unterschiedlichen Dienststellen und Räumlichkeiten angebracht: Handelskammer, Ordnungsamt, Sitzungssaal, und vor einer Tür mit der Aufschrift Bürgermeister von Jasper Lake blieb er schließlich stehen, öffnete sie und betrat das Büro.

Das Vorzimmer, allem Anschein nach der Arbeitsplatz einer Sekretärin, war nicht besetzt. Vielleicht war sie ja mit auf der Elchjagd. Gabriel Brandt schien über ihre Abwesenheit jedoch nicht verwundert zu sein und ging einfach weiter durch eine offen stehende Tür in ein kleines, geschmackvoll eingerichtetes Büro.

Melissa zögerte, blieb einige Schritte zurück und sagte: „Ich kann auch warten, bis wieder jemand da ist. Ich habe es gar nicht so eilig.“

„Ach, Linda musste nur ihre Tochter von der Schule abholen, weil sie anscheinend einen Magen-Darm-Infekt hat. Außerdem weiß sie über die Angelegenheit gar nicht Bescheid.“

Er fing an, Papierstapel auf dem Tisch hin und her zu schieben, in Unterlagen zu blättern und diese dann wieder beiseitezuschieben.

„Dürfen Sie denn das überhaupt?“, fragte Melissa.

Er blickte auf und ein Lächeln breitete sich über sein ganzes Gesicht aus. „In Anbetracht der Tatsache, dass es mein eigener Schreibtisch ist, glaube ich schon!“

Da ging Melissa plötzlich ein Licht auf und sie wurde rot. „Sie sind der Bürgermeister, oder?“

„Laut 642 Bürgern von Jasper Lake, ja“, antwortete er.

„Auf dem Ortsschild stand aber, dass hier 750 Leute wohnen.“

„Tja, was soll ich sagen? Ungefähr einhundert von ihnen hatten Zweifel“, erklärte er achselzuckend, aber immer noch lächelnd. „Sie haben es wirklich nicht gewusst, oder? Hat Matthew es Ihnen denn nicht gesagt?“

Jetzt, da sie wusste, dass dieser Mann der Bürgermeister war, hatte sie keinerlei Bedenken mehr, sich auf einen der beiden Sessel vor dem Schreibtisch sinken zu lassen.

„Matthew hat mir so gut wie gar nichts gesagt. Nur, dass die Zeit langsam knapp wird und ich beim County etwas beantragen muss. Ich weiß gar nicht, wie er mich überhaupt ausfindig gemacht hat. Und wenn ich so leicht aufzuspüren war, warum hat er sich dann nicht schon vor fünf Jahren mit mir in Verbindung gesetzt?“

Daraufhin wurde Gabriels Miene mitfühlend und statt hinter seinem Schreibtisch Platz zu nehmen, hockte er sich auf die Schreibtischkante und antwortete: „Dafür müssen wir uns wirklich bei Ihnen entschuldigen. Der Testamentsvollstrecker Ihrer Großmutter hat uns mitgeteilt, er hätte in der Erbangelegenheit alles Notwendige in die Wege geleitet, bevor er dann krank wurde und verstorben ist. Und ehrlich gesagt, haben wir uns dann nicht mehr weiter um die Angelegenheit gekümmert. Erst als ich darauf aufmerksam gemacht wurde – das war, nachdem ich mein Amt als Bürgermeister angetreten hatte – , dass die Immobilie, auf die niemand Anspruch erhoben hatte, ans County zurückgehen sollte, ist mir aufgefallen, dass die Kanzlei des Testamentsvollstreckers den Vorgang gar nicht an seinen Nachfolger Matthew Avery übergeben hatte und somit ein Verfahrensfehler vorlag. Ich habe dann eine Agentur beauftragt, die darauf spezialisiert ist, unauffindbare Erben aufzuspüren, und die hat dann nach langwierigen Recherchen Sie gefunden. Ich verstehe gar nicht, warum man Sie nicht schon vor fünf Jahren gefunden hat.“

„Also, das kann ich erklären“, sagte Melissa. „Vor der Grünung meiner Firma vor vier Jahren habe ich praktisch völlig anonym gelebt. Ich hatte nicht einmal ein Girokonto.“

„Ach so, na dann wird mir einiges klar. Die Firma sucht nämlich in erster Linie mithilfe von Behördendaten, um die Anzahl der Menschen mit demselben Namen möglichst eng einzukreisen.“

„Mir hat niemand gesagt, dass die Sache so dringlich ist. Aber was wäre denn so schlimm daran, wenn die Immobilie ans County ginge? Ich bin natürlich dankbar, dass Sie mich informiert und auf die Frist aufmerksam gemacht haben, aber warum sind Sie so erpicht darauf, dass ich mein Erbe antrete? Sie hätten die Suche doch einfach auf sich beruhen lassen und das Erbe einstreichen können.“

„Es handelt sich hier nicht um eine 08 / 15-Behausung, sondern diese Immobilie ist etwas ganz Besonderes.“

Melissa starrte ihn an. „Besonders? Inwiefern besonders?“

Einen Moment lang sagte er nichts und sah sie nur an. „Vielleicht sollten Sie es sich lieber selbst ansehen.“

3

Gabriel Brandt schloss die Tür seines Büros ab und bedeutete Melissa mit einer Geste, ihm den Gang entlang und wieder hinaus auf die Straße zu folgen. Selbst nachdem Matthew ihm erzählt hatte, dass die seit Langem verloren geglaubte Erbin nach Jasper Lake kommen würde, um Connies Erbe anzutreten, hatte Gabriel es immer noch nicht ganz glauben können. Die sechs Wochen zwischen dem Zeitpunkt, an dem sie ausfindig gemacht worden war, und dem, als sie endlich auf den Brief des Anwalts reagiert hatte, waren ihm endlos vorgekommen – wie eine langsam tickende Zeitbombe, die nicht entschärft werden konnte. Und in vielerlei Hinsicht war aus der Immobilie, auf die niemand Anspruch erhob, genau das geworden.

„Wenn wir uns jetzt mit einer so persönlichen Angelegenheit wie dem Erbe Ihrer Großmutter befassen, sollten wir uns vielleicht duzen. Das macht doch einiges leichter.“

„Wir können uns sehr gerne duzen“, sagte Melissa locker, „aber bitte nenn sie nicht meine Großmutter, denn ich habe sie überhaupt nicht gekannt, geschweige denn als Großmutter erlebt. Sie ist eine völlig fremde Person für mich, die mir zufällig das große Los geschenkt hat.“

Bei dieser eiskalten Beurteilung zog er die Augenbrauen hoch. Er war zwar nicht in Jasper Lake aufgewachsen, hatte aber seine Teenagerjahre hier verbracht, und es gab keinen einzigen Bewohner des Ortes, der Connie Green nicht gekannt und geliebt hatte. Mit ihrem grauen Haar und dem ansteckenden Lachen war sie so etwas wie die Grande Dame der Stadt gewesen, Vorsitzende jedes Festkomitees, Mitglied der historischen Gesellschaft – zumindest bis die Stadt von einer Flut heimgesucht und der größte Teil des Stadtarchivs zerstört worden war – sowie Leiterin der Sonntagschule der Jasper Lake Presbyterian Church. Ja, wenn man in dieser Stadt protestantisch aufwuchs, dann war man um biblischen Unterricht bei Constanze Green nicht herumgekommen.

Doch dann hatten Melissas Mutter und Connie sich aus Gründen, die Gabriel nicht kannte, zerstritten. Vielleicht hätte seine eigene Großmutter etwas darüber gewusst, denn sie war eng mit Connie befreundet gewesen, aber sie war kurz nach Melissas Großmutter ebenfalls verstorben. Sein Großvater hatte zu dem Thema nicht viel zu sagen, entweder, weil er nichts wusste, oder weil er das Gefühl hatte, dass es ihn nichts anging. Das Ergebnis war am Ende dasselbe.

Gabriel blieb bei seinem Wagen stehen – einem bulligen Truck mit breiten Reifen. Seine Freunde pflegten zu scherzten, dass er so ein Auto anscheinend bräuchte, um irgend ein Manko zu kompensieren. Die Winde vorne war allerdings keine Angeberei, denn er war Mitglied bei Clear Creek 4 x 4, einer Gruppe Ehrenamtlicher, die gestrandeten Reisenden halfen, wenn sie im Winter im Schnee stecken blieben.

„Das Anwesen liegt auf der anderen Seite des Sees“, erklärte er. „Wenn du nichts dagegen hast, können wir mit meinem Wagen hinfahren.“

Melissa zuckte allem Anschein nach nicht mit der Wimper, als er ihr die Tür auf der Beifahrerseite aufschloss und sie ihr dann aufhielt. Sie hielt sich einfach am Griff fest und hievte sich mit Schwung auf den Beifahrersitz.

Gabriel ging um den Wagen herum auf die Fahrerseite, stieg ebenfalls ein, ließ den Motor an und fuhr rückwärts aus der Park­lücke. Er schaute zu Melissa hinüber und wusste plötzlich nicht mehr, was er sagen sollte. Sie war ganz anders, als er erwartet hatte.

Als die Agentur ihm die Informationen über sie übermittelt hatte, war als Bildmaterial nur ein winziges Foto von der Website ihrer Firma dabei gewesen. Darauf hatte sie stylisch ausgesehen und sehr kalifornisch. Und auch jetzt sah sie so aus. Die schmal geschnittene Daunenjacke und die fellgefütterten Stiefel waren die Art von Bekleidung, von der Menschen vom Flachland glaubten, dass man sie in den Bergen bräuchte. Das war zwar praktisch, entlarvte sie aber todsicher als Touristin.

Nein, das alles war genau, wie er es sich gedacht hatte. Er hatte nur nicht damit gerechnet, dass sie so … attraktiv war.

Hübsch, ja. Aber hübsch war nichts Besonderes und hatte auf Gabriel genauso wenig Wirkung wie ein Wetterbericht mit Schneeankündigung. Aber in Melissas grün-grauen Augen blitzte Intelligenz, und ihr spitzbübisches Lächeln und die leicht rauchige Stimme deuteten darauf hin, dass sie einen tiefgründigen Humor hatte, von dem er bisher allerdings noch nichts bemerkt hatte. Ganz zu schweigen davon, wie stoisch sie das Geholper auf der unbefestigten Straße ertrug, nachdem er von der Hauptdurchgangsstraße der Stadt auf die Straße abgebogen war, die um den See herumführte. Sie hatte kalifornischen Schick, aber dieser Hauch von Zynismus, der sie umgab, ließ keinen Zweifel daran, dass Melissa Green hart im Nehmen war.

Und so etwas erlebte er nicht oft.

Als Melissa nichts sagte, räusperte Gabriel sich und versuchte, ein Gespräch zu beginnen. „Was weißt du denn bereits über die Stadt?“

Sie sah zu ihm hin und ein Lächeln umspielte ihren Mund. „Nur das, was ich auf Wikipedia gefunden habe. Höhe über dem Meeresspiegel 2804 Meter. Jährlicher Schneefall 4,5 Meter. Die Chance, von einem Elch angegriffen zu werden: hoch.“

„Das hat da wirklich gestanden?“

„Nicht wortwörtlich, aber ich habe es daraus geschlossen.“

Gabriel grinste. Hatte er also recht gehabt mit seiner Einschätzung ihres Humors. „Dann will ich dich mal informieren. Du hast tatsächlich eine geringe Chance, von einem Elch angegriffen zu werden, aber nur, wenn du ihm während der Brunft zu nahe kommst, oder wenn du eine Elchkuh mit Kalb oder Kälbern störst. Das ist jedoch nicht annähernd das Interessanteste an diesem Ort. Jasper Lake wurde Ende der 1880er-Jahre gegründet – das genaue Datum ist nicht bekannt –, und zwar von Bergleuten, die sich auf der Suche nach der heiligen Drei­einigkeit der Erze befanden: Gold, Silber und Blei. Es gibt aus diesem Grund ganz in der Nähe sogar eine Stadt namens Trinity, weil dies hier die einzige Gegend in Colorado ist, wo alle drei Bodenschätze in hoher Konzentration direkt nebeneinander vorkommen. Jasper Lake soll angeblich seinen Namen nach einem halbedlen ­Mineral bekommen haben, das hier im Überfluss gefunden wird.“

Er brach ab, weil er merkte, dass er fast selbst wie die Homepage der Stadt klang. Aber schließlich war er auch ihr Bürgermeister, und die Menschen erwarteten von ihm, dass er über die Geschichte der Stadt Bescheid wusste.

„Interessant. Gibt es hier irgendwelche alten Gebäude? Ich erinnere mich, dass ich als Kind mit der Schulklasse mal in einer Geisterstadt war, aber ich kann mich nicht mehr erinnern, wo genau die gewesen ist. Als Kind schenkt man der Gegend, aus der man kommt, keine besondere Beachtung.“

„Das stimmt. Du bist ja in Denver aufgewachsen, das hatte ich ganz vergessen.“ Gabriel verstummte. „Tut mir leid. Es ist seltsam, dass ich so viel über dich weiß, obwohl wir uns gerade erst kennengelernt haben. Ich habe den Bericht gelesen, nachdem du in Kalifornien aufgespürt worden waren.“

Melissa zuckte mit den Schultern. „Es ist ja nicht so, dass ich aus meiner Vergangenheit ein Geheimnis mache. Ich rede nur nicht gern darüber.“

„Ist notiert.“ Irgendwie hatte er sie eher in die Plaudertaschen-Schublade gesteckt, aber bisher schien sie sich damit zu begnügen, ihm zuzuhören. „Egal, du hast nach alten Gebäuden gefragt. Oben in den Bergen gibt es immer noch ein paar Goldgräber-Hütten, und dann sind da noch ein paar vereinzelte Backsteingebäude aus der Jahrhundertwende, als aus dem ehemaligen Goldgräberlager eine richtige Stadt wurde. Aber die interessantesten Gebäude sind die, die wir jetzt gleich sehen werden.“

Melissa horchte auf. „Dann ist Connies Immobilie also alt?“

„Das kann man wohl sagen.“ Er sah ihre faszinierte Miene. Natürlich fand sie als Innenausstatterin, die auf Antiquitäten spezialisiert war, alte Häuser faszinierend.

Der Jasper Lake hatte die Form einer ausgezackten Niere. Er war nicht länger als etwa anderthalb Kilometer und ungefähr 600 Meter breit, aber durch die zahlreichen Einbuchtungen war die kurvige Straße um den See herum ungefähr doppelt so lang wie die Strecke in Luftlinie.

Melissa schaute aus dem Fenster und betrachtete interessiert die Kulisse, genau wie er es geplant hatte. Er hätte auch die Strecke über den Highway wählen und dann in der Hälfte der Zeit auf der anderen Seeseite ein Stück zurückfahren können, aber er setzte darauf, dass die natürliche Schönheit der Stadt eine Saite in ihr zum Klingen bringen würde. Die Entscheidungen, die sie in den nächsten Tagen träfe, würden Auswirkungen für viele haben.

„Im Sommer kann man in der Nähe der Stadt Boote und Kajaks mieten. Auf dieser Seite des Sees gibt es einen Segel- und einen Ruderverein, und im Sommer veranstalten wir Regatten, zu denen Leute aus ganz Colorado herkommen.“

„Und im Winter?“

„Eisangeln. Bisher hat es dieses Jahr erst ein paar starke Fröste gegeben, aber in ein, zwei Monaten ist der See so weit zugefroren, dass das Eis begehbar ist.“

„Schade, dass ich dann nicht mehr da bin“, sagte sie, und es klang so, als ob es ihr tatsächlich leidtäte. „Obwohl ich Kälte eigentlich gar nicht mag.“

„Du bist noch nie Ski gelaufen?“

Sie warf ihm einen Blick zu, unter dem er innerlich zusammenzuckte. Natürlich war sie noch nie Ski gelaufen. Die Worte „in staatlicher Obhut“ waren in dem Bericht der Agentur, die nach ihr gesucht hatte, hervorgehoben gewesen. Es gab sicher nicht viele Pflegeeltern, die ihr Pflegekind mit in den Skiurlaub nahmen.

Einige Minuten stockte das Gespräch, bis Melissa weitersprach. „Du bist noch recht jung. Ich schätze … so dreißig, einunddreißig?“

„Zweiunddreißig“, sagte er

„Gut. Also wie wird ein zweiunddreißigjähriger Mann Bürgermeister einer Stadt, die – bis jetzt jedenfalls – so aussieht, als wäre der Großteil ihrer Bevölkerung ü-50?“

„Wahrscheinlich, weil sich die Ü-50-Einwohner Sorgen um die Zukunft ihrer Stadt machen, wenn sie nicht für jüngere Familien attraktiver wird. Die ältere Generation wird aussterben, und es gibt keine Jüngeren, die an ihre Stelle tritt.“

„Das ergibt Sinn. Aber warum gerade du?“, fragte sie und sah ihn dann aufmerksam von der Seite an, während er fuhr und plötzlich den Drang verspürte, seinen Wahlkampf für sie noch einmal zu wiederholen. Doch dann gab er sich innerlich einen Tritt in den Hintern, weil er sich selbst so albern fand. „Möchtest du die kurze oder die lange Version hören?“

„Das kommt darauf an. Du weißt am besten, wie weit es noch ist und wie viel Zeit du hast. Ich bin ja gezwungenermaßen dein Publikum.“

Sie waren jetzt an der Abzweigung in den Ortsteil Gable Pines, also entschied er sich für die Kurzfassung. „Bachelor in Soziologie, Master in Stadtplanung. Sechs Jahre Berufserfahrung bei einer Hilfsorganisation in Detroit, die Konzepte erstellt, wie man heruntergekommene Gegenden wiederbeleben kann. Und ich habe zufällig meine Teenagerzeit hier verbracht, weil ich bei meinen Großeltern gelebt habe. Also habe ich ohne Gegenkandidaten kandidiert.“

Melissa lachte schallend, weil sie das offenbar nicht erwartet hatte. „Und was ist mit den …“, sie rechnete rasch im Kopf nach, „108 Personen, von denen du nicht gewählt worden bist?“

„Das waren Nichtwähler. Manche von ihnen wohnen nur im Sommer hier und waren deshalb gar nicht da.“

Und manche hatten ein gutes Gedächtnis und konnten sich noch allzu gut an den zornigen Dreizehnjährigen erinnern, als der er damals in der Stadt angekommen war. Wütend war er gewesen, auf Gott und die Welt und fest entschlossen, alles zu tun, was in seiner Macht stand, damit sich jeder genauso mies fühlte wie er selbst. Wenn er sich an den großmäuligen – und destruktiven – Typen erinnerte, der er damals gewesen war, dann wünschte er sich eine Zeitmaschine, mit der er die Zeit zurückdrehen konnte, um sich dann einen Schlag auf den Hinterkopf zu verpassen.

Zum Glück betrachtete der Rest der Stadt die Erfolgsgeschichte ihres Kleinstadt-Lebensstils als Beispiel dafür, was Bewegung an frischer Luft, genügend Aufmerksamkeit und eine „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen“-Mentalität bei schwierigen Kindern bewirken konnten. Daran war bestimmt etwas Wahres, aber Gabriel wusste, dass es eher an der Geduld und der unbeugsamen Überzeugung seiner Großeltern gelegen hatte, dass Gott mehr mit ihm vorhatte als eine kriminelle Karriere.

Gabriel bremste ab, als die unbefestigte Straße einen scharfen Knick machte und dann wieder in eine Asphaltstraße mit tiefen Schlaglöchern überging. Melissa bestaunte aus dem Auto heraus durch das Fenster der Fahrerseite mit vielen Aaaahs und Ooohs den prächtigen Blick über den See. Dabei musste sie sich zeitweise über die Mittelkonsole hinweg auf seine Seite lehnen, worüber er sich aber keineswegs beschwerte.

Doch es führte auch dazu, dass sie gerade in die falsche Richtung schaute, als sie ihr Ziel erreicht hatten, er anhielt und sagte: „Das ist es.“

Sie drehte sich daraufhin mit einem Ruck um und sagte staunend: „Das ist es?“

Sie öffnete die Autotür, bevor er reagieren konnte, und betrat den Seitenstreifen, dessen Kies unter ihren Schritten knirschte. Der Wind riss ihr sofort ein paar Haarsträhnen aus dem blonden Dutt und sie zog gegen die Kälte rasch den Reißverschluss ihres Parkas hoch. „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. So etwas wie das hier habe ich ganz sicher nicht erwartet, als von einem alten Haus die Rede war.“

„Mit so etwas rechnet man ja auch nicht. Soviel wir wissen, gibt es im gesamten County keine viktorianischen Häuser wie diese hier. Vielleicht im gesamten Bundesstaat nicht.“

Gabriel kam jetzt um den Wagen herum, stellte sich neben sie und verspürte etwas, das sich verdächtig nach Stolz anfühlte, als er das Wohngebiet – oder besser gesagt das, was einmal ein Wohngebiet werden sollte – betrachtete. Während die übrigen Häuser auf dieser Seite des Sees planlos am Ufer entlang verstreut lagen, standen hier fünf Gebäude direkt nebeneinander, stolz und aufrecht, als gehörten sie in eine der vornehmen Wohngegenden von Chicago oder San Francisco – mit ausladenden Veranden, Giebeln, Gauben und bunten Farben. Manche sahen gepflegt aus, andere nicht so sehr; eine abgesackte Vorderveranda bei einem und einem Fensterladen, der nur noch an einem Scharnier hing, bei einem anderen der Häuser, waren ein Zeichen dafür, dass die Häuser jetzt schon seit einer ganzen Weile leer standen.

Melissa schaute noch einmal länger zu den Häusern hin und ihre Miene drückte eine Mischung aus Faszination und Ehrfurcht aus. „Und welches davon ist jetzt meins?“

Ausnahmsweise war Gabriel jetzt nicht wütend darüber, wie Matthew seine Pflichten vernachlässigt hatte, denn sonst hätte er nicht ihre völlig geschockte Miene zu sehen bekommen, als er antwortete: „Alle.“

4

Alle?“, fragte Melissa, blickte mit einem Ruck in Gabriels Richtung, und die Frage kam eher wie ein Piepsen heraus.

Es war schon Überraschung genug gewesen zu erfahren, dass das geerbte Haus keine rustikale Hütte oder ein seelenloses Haus am See war, aber zu erfahren, dass sie tatsächlich fünf Häuser geerbt hatte … Sie machte ein paarmal den Mund auf und wieder zu, bevor sie auch nur annähernd die Bedeutung dessen erfasste, was er da gerade gesagt hatte.

„Und auch noch das umliegende Land. Connie war ziemlich wohlhabend, und da immer mehr Leute aus der Stadt weggezogen sind, standen immer mehr Häuser leer. Sie hat dann angefangen, die Häuser zu kaufen, nachdem die Eigentümer ausgezogen waren. Wahrscheinlich hat sie gedacht, dass es dem Tourismus in der Stadt helfen würde, sie zu renovieren und dann als Ferienhäuser zu vermieten.“

„Und hat es der Stadt geholfen?“

„So weit ist es gar nicht mehr gekommen. Connie ist krank geworden und dann gestorben, bevor sie den Plan weiterverfolgen konnte“, antwortete Gabriel und studierte mit bedauerndem Ausdruck Melissas Miene.

Er schien besorgt um ihren seelischen Zustand, also war ihm offenbar immer noch nicht richtig klar, dass Constanze Green für Melissa eine völlig fremde Person war. Eine Fremde, die Melissa zwar ihren gesamten Besitz hinterlassen, sich aber nicht genügend für sie interessiert hatte, um im Laufe der 24 Jahre, seitdem sie von ihrer Mutter verlassen worden war, wenigstens den Versuch zu unternehmen, nach ihr zu suchen.

„Kann ich mir vielleicht eines der Häuser auch von innen anschauen?“, fragte sie schließlich.

Gabriel nickte. „Klar. Wir können einen Blick in das mittlere werfen. Das war das Haus deiner … also das war Connies Haus, deshalb ist es von allen im besten Zustand.“

Melissa schlang die Arme um ihren Oberkörper, um sich vor einer weiteren Windbö zu schützen, und überquerte hinter ihm die Straße. Von den fünf Häusern war das dritte tatsächlich im besten Zustand. Die Holzverschalung war in Meerschaumgrün gestrichen und das Mauerwerk war offenbar erst vor Kurzem neu verfugt worden.

„Die Häuser sind übrigens nicht viktorianisch“, sagte sie, als sie seitlich vor der Eingangstür stand, während er einen Schlüsselbund aus der Hosentasche zog.

„Ach nein? Was denn dann?“

„Neogotisch. Der Baustil wird auch als Tischlergotik bezeichnet. Es gibt hier oben eine ganze Reihe von Gebäuden in dem Stil, aber ich bezweifle, dass viele davon so kunstvoll und aufwendig gebaut sind wie die fünf hier.“

Sie sah sich auf der Veranda um und war sich ihrer Einschätzung jetzt ganz sicher. Das Spitzbogenfenster, die Boden-Deckel Verschalung und auch die Zierverblendungen an den Fenstern und Giebeln, das alles war typisch für Tischlergotik, auch wenn die breite umlaufende Veranda wirklich eher viktorianisch anmutete.

„Wahrscheinlich hat irgendein Architekt dem Stil noch einmal seine ganz eigene Handschrift gegeben. Ich hätte das Haus eigentlich auf die 1870er datiert, aber diese Veranda ist eher im Queen-Anne-Stil gebaut, also 1880 oder 1890, würde ich sagen.“

Gabriel warf ihr einen erstaunten Blick zu und bemerkte: „Ich dachte, du wärst auf Antiquitäten spezialisiert und nicht auf Architektur.“

„Das gehört eigentlich immer zusammen, besonders beim Restaurieren. Du kannst dir gar nicht vorstellen, auf wie viele Stilbrüche in Bezug auf die Epochen ich stoße. Es erfordert dann einiges an Detektivarbeit, um die ursprünglichen Details zu finden, aber genau das ist zum Glück meine Spezialität.“ Sie verspürte jetzt die Art von Spannung, die sich oft dann einstellte, wenn sie zum ersten Mal die Immobilie eines Kunden in Augenschein nahm. „Kann ich hineingehen?“

„Ja natürlich.“ Gabriel drehte den Schlüssel im Schloss, die Tür öffnete sich mit einem gut geölt klingenden Klick. Er trat anschließend einen Schritt beiseite, um ihr den Vortritt zu lassen.

Melissa drückte langsam die Haustür auf und gelangte mit dem nächsten Schritt in einen kleinen geschlossenen Windfang, dessen Boden mit einem Orientteppich bedeckt war. Sie schnappte nach Luft. Das war …

… nicht, was sie dem Äußeren nach erwartet hatte. So sicher sie gewesen war, als sie das Äußere des Gebäudes als Tischlergotik identifiziert hatte, so wenig wusste sie jetzt, wie sie das Innere einordnen sollte. Sie trat einen zögerlichen Schritt vor und stieß die zweite Tür auf, die in die Eingangsdiele führte. Dort erstreckten sich früher einmal glänzende Holzböden in alle Richtungen, nur unterbrochen von einer Vielzahl von Perserteppichen in Blau- und Rottönen. Die Wände waren dreiviertelhoch mit einer Kassettenvertäfelung aus Eiche versehen, und die verputzte Wand darüber war in einem sehr hellen Cremeton gestrichen.

Vor ihr und zur rechten Seite hin befand sich eine Treppe mit einem reich verzierten Holzgeländer. Zu beiden Seiten dieser Treppe lagen Zimmer, und zwar allem Anschein nach ein Salon und eine Bibliothek. Sie stand da und ließ die Holzbalken und die Zierleisten auf sich wirken. Dem ersten Eindruck nach war alles im Craftsman-Style gestaltet, aber statt schlichter Arts and Crafts-Konsolen, waren diese hier mit Miniaturdarstellungen geschnitzter Akeleien verziert.

Gabriel folgte ihr, und sie hörte das Klimpern des Schlüsselbundes, das er noch in der Hand hatte. „Ziemlich beeindruckend, oder?“

„Ja, sehr“, bestätigte Melissa und ging weiter in die Bibliothek, die mit einer William Morris-Tapete tapeziert war – sie konnte nicht sagen, ob es sich um einen Originaldruck des Musters oder um eine Reproduktion handelte. Mit wachsender Spannung schaute sie sich in dem Zimmer um. Obwohl alles ein ausgeprägtes historisches Flair hatte, hatte Connie Green sich nicht sklavisch an eine vorgegebene Stilrichtung gehalten. Wenn Melissa sich nicht irrte, dann war das in der Ecke ein original Eames-Sessel, dessen cognacfarbener Lederbezug genauso gut in den Raum passte wie die schlichte dänische Vitrine. Wenn sie eines über die Person sagen konnte, die ihr dieses Haus hinterlassen hatte, dann, dass sie Geschmack gehabt hatte.

Und zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, dass das hier mehr war als eine Reise in ihre rätselhafte Vergangenheit oder die Lösung ihrer finanziellen Probleme. Es fühlte sich immer mehr an wie eine Lösung von Melissas grundsätzlichen Problemen.

Sie zählte die Anzahl der Räume, während sie weitergingen, und bewunderte nicht nur die Architektur des Hauses, sondern auch die erlesene antike Einrichtung. Unter anderem Dutzende von Perserteppichen, manche in perfektem Zustand, andere schon ziemlich abgetreten … für die ihre Kunden in Los Angeles ein Vermögen bezahlen würden. Möbel von klassisch über modernes dänisches Design bis American Mid-Century, ja, es waren sogar ein paar Stücke dabei, die sehr nach viktorianischem Stil aus England aussahen. Erst viel zu spät dachte sie daran, mit ihrem Handy Fotos zu machen und die Bilder mit Anmerkungen zu versehen. Gabriel folgte ihr schweigend.

Als sie schließlich ihren Rundgang durch das Haus beendeten, blieb Gabriel in der großen Eingangsdiele stehen. „Ich muss dich fragen, wozu du die Fotos gemacht hast.“

„Damit ich mich später an Einzelheiten erinnern kann. Ich muss recherchieren, wie viel die Stücke wert sind, und entscheiden, welche ich abholen lasse.“

Er blinzelte, als er sie daraufhin ansah. „Abholen lassen?“, fragte er.

„Ja, für meine Kunden. Es sind ein paar wunderschöne Stücke dabei, und mir fallen auf Anhieb mindestens vier Projekte meiner Firma ein, zu denen sie perfekt passen würden. Ich muss natürlich noch einmal herkommen und mir die Möbel genauer anschauen, denn es hat ja keinen Sinn, für viel Geld Sachen nach Kalifornien zu transportieren, wenn sich dann herausstellt, dass es nur Reproduktionen sind.“

Gabriel sah sie mit einer Miene an, die so etwas wie Entsetzen ausdrückte, woraufhin sie die Stirn runzelte und fragte: „Was hast du denn gedacht, was ich damit machen würde?“

Er schüttelte sich, als müsste er sich in die Realität zurückholen, und antwortete dann: „Keine Ahnung. Ich habe wohl gedacht …“

„Also hierherziehen werde ich ganz bestimmt nicht“, erklärte Melissa lachend. „Was soll ich denn in Jasper Lake? Und dazu noch mit fünf Häusern.“

„Na ja, es gibt ja immer noch die airbnb-Option.“

„Ja sicher, wenn ich hier leben würde, wäre das eine Möglichkeit, aber mein Lebensmittelpunkt ist in Pasadena. Meine Kunden sind über ganz Südkalifornien verteilt und nichts für ungut, aber in einer Stadt wie Jasper Lake sehe ich mich auf gar keinen Fall.“

„Ist schon gut“, sagte er, aber sein Tonfall strafte ihn Lügen. „Das heißt ja dann wohl, dass du die Häuser verkaufen wirst, oder?“

„So weit habe ich noch gar nicht gedacht“, antwortete Melissa, aber im Grunde war es genau das, was sie vorhatte. Sie brauchte jetzt unbedingt einen Ort mit WLAN, um gleich ihren Laptop auszupacken und herauszufinden, wie viel Häuser von dieser Qualität in dieser Gegend wert waren. Wahrscheinlich nur einen Bruchteil dessen, was sie in Kalifornien dafür bekommen würde, aber vermutlich würden sie auch der gut betuchten Skipisten-Gesellschaft gefallen, die unbedingt ein kleines Stück vom Bergparadies für sich haben wollte.

„Da du ja eine Liebe zur Architektur hast, gibt es noch etwas, das du wissen solltest, bevor du eine Entscheidung triffst. Hast du heute noch Termine oder etwas Bestimmtes vor?“

„Nein, nichts außer mir auch noch die anderen vier Häuser anzuschauen.“

„Dann lass uns wieder zurück in mein Büro fahren. Ich möchte dir etwas zeigen.“

Auf der Rückfahrt war Gabriel ziemlich still, während sich Melissa die Fotos von den Möbelstücken ansah, die sie mit dem Handy aufgenommen hatte. Ihre Freude an dem Haus war echt gewesen und sie kannte sich sowohl mit Architektur als auch mit Möbeln wirklich aus, das war nicht zu übersehen. Aber er konnte sich nicht helfen, er hatte das Gefühl, dass sie nur an das Geld dachte, das sie für die Häuser bekommen könnte. Er hatte wohl vergeblich gehofft, dass sie irgendeine Verbindung zu dem Haus spüren würde, in dem ihre Großmutter gelebt hatte und ihre Mutter aufgewachsen war. Obwohl sie ihre Familie nicht gekannt hatte, hatte er doch gehofft, dass sie trotzdem einen Funken von … irgendetwas spüren würde.

Und diese Hoffnung war nicht nur auf die Häuser beschränkt. Ihm war nur allzu bewusst, dass Melissa direkt neben ihm in seinem Truck saß – die Art, wie ihr die blonden Locken ins Gesicht fielen, der schwache Hauch eines nach Jasmin duftenden Parfums und das leicht rauchige Lachen, wenn sie ein unerwartetes Detail an einem der Möbelstücke entdeckt hatte, hatten ihn für sie eingenommen. Ihre Begeisterung war ansteckend, und dadurch fand er sie jetzt sogar noch anziehender als in dem Augenblick, in dem er sie zum ersten Mal auf der Promenade erblickt hatte.

Doch diese Anziehung war anscheinend absolut einseitig, denn Melissa hatte in der gesamten Zeit, die sie jetzt schon zusammen unterwegs waren, ihre professionelle Art beibehalten. Das bedeutete nicht, dass sie unterkühlt war – ihre Begeisterung war ein Beweis für das Gegenteil – , aber es war die Art von Begeisterung, wie sie beispielsweise ein Antiquar an den Tag legt, wenn er das Manuskript eines frühen Shakespeare-Dramas entdeckt.

Im Moment flogen ihre Finger über das Display ihres Handys, als sie eine ganze Reihe von Textnachrichten schrieb. Er schaute hinüber und sah, dass sie gerade die Fotos, die sie mit dem Handy gemacht hatte, an jemanden verschickte. An einen Partner? Oder einen Kunden?

„Wie unhöflich von mir“, sagte sie plötzlich. „Es tut mir wirklich leid. Es ist nur so, dass meine Assis … meine Geschäftspartnerin gerade die Renovierung und Neugestaltung eines Mid-Century-Hauses übernommen hat, und der Sessel und die Vitrine in der Bibliothek würden perfekt in das Haus passen. Deshalb möchte ich ihr die Fotos davon sofort schicken, damit sie sie in ihre Planung einbeziehen kann, bevor es zu spät ist.“

„Kein Problem“, erklärte er in gleichmütigem Ton, obwohl sie ihm gerade vorkam wie ein Geier, der um seine Beute kreiste. Aber sie konnte ja auch nicht wissen, dass er genau in dem besagten Sessel gesessen und mit Kopfhörern Musik gehört hatte, wenn seine Großmutter Connie besucht hatte. Das war in der Zeit gewesen, als Schule und Jugendamt zur Auflage gemacht hatten, dass er ständig unter Aufsicht war. Damals hatte er es gehasst, seine Großmutter überallhin begleiten zu müssen, aber irgendwie verband er mit dem Haus der Greens genauso viele Erinnerungen wie mit dem seiner Großeltern.

Doch mit Sentimentalität bekam er Melissa ganz sicher nicht zu fassen. Er musste sie bei ihrer Liebe zur Architektur packen und bei ihrem Gefühl für Gestaltung. Als sie schließlich wieder beim Rathaus ankamen, stieg er aus und ging um den Wagen herum, um ihr die Beifahrertür zu öffnen, aber sie war schneller.

„Okay“, sagte sie. „Was wolltest du mir zeigen?“

Er ging noch einmal mit ihr in sein Büro, blieb kurz bei seiner Sekretärin stehen, um sie Melissa vorzustellen und dann weiter in sein eigenes Büro, wo er ihr mit einer Geste bedeutete, Platz zu nehmen. Von einer Anrichte, die hinter ihm stand, nahm er einige Baupläne und breitete sie vor ihr aus.

„Du kennst ja jetzt die kleine Reihe wunderschöner alter Häuser, nicht wahr? Wenn du die Häuser verkaufst, wird dort das hier gebaut.“

Melissa beugte sich vor und schaute sich die Pläne genauer an. Dabei veränderte sich ihre Miene von Irritation zu blankem Entsetzen. „Sie sollen abgerissen werden? Für das hier?“

„Ja, für das.“

Es war der Plan eines Monstrums von einer Luxus-Hotelanlage in rustikal-kitschig nachempfundenem Gebirgscharme. Wenn das gebaut würde, wäre es vorbei mit den Pinien- und Espenbeständen am Hang, der an den See grenzte. Stattdessen würde dort ein klotziges Fake-Holz-Gebäude mit Hunderten von Zimmern entstehen, mit zwei Swimmingpools und einem Steg, an dem man Paddelboote und Jetskis mieten konnte.

„Der Investor will aus der Gegend ein angesagtes Ferienziel machen, und zwar nicht nur für Touristen aus dem Flachland, sondern er will auch Gäste aus den umliegenden Skiorten abziehen.“

„Und die Stadt zieht tatsächlich in Erwägung, das zuzulassen?“ Melissas Stimme klang vor Entsetzen ganz gepresst und ihn erfasste eine Welle von Zuversicht.