Ein unklares Muster - Gerald Knopp - E-Book

Ein unklares Muster E-Book

Gerald Knopp

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Beschreibung

Früh an einem Morgen wird der Bauunternehmer Nils Bergfeld in einer dunklen Berliner Vorortstraße erschlagen. Es gibt keine Hinweise auf den Täter, und während die Oberkommissare der Mordkommission Hatice Özdekim und Daniel Kelm noch mit der Begutachtung aller Umstände beschäftigt sind, wird in einer Wohnung in Hohenschönhausen der Mord an einer Bankangestellten entdeckt. Zunächst scheint es zwischen beiden Fällen keinen Zusammenhang zu geben. Bis die Kriminalisten herausfinden, dass Bergfeld sich in finanziellen Angelegenheiten von dieser Frau beraten ließ. Es wird nach weiteren Berührungspunkten gesucht, jedoch vergeblich. Erst als ein dritter Mord geschieht, bekommen kaum beachtete Nebensächlichkeiten plötzlich eine Bedeutung. Das unklare Muster zwischen den Taten bleibt allerdings …

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Ein unklares Muster

____________________

Gerald Knopp

Impressum:

Autor: Gerald Knopp, Berlin

Handlung und Figuren in diesem Roman sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen,

oder realen Begebenheiten wären rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Erster Teil

PROLOG

W

arum?, war einer der letzten Gedanken, die Nils Bergfeld durch den Kopf fuhren, bevor sein Leben auf ziemlich unsanfte Weise beendet wurde. Die spitze Kante eines Zimmermannhammers war durch seine Schädeldecke geschlagen worden, und das mit einiger Entschlossenheit. Oder sollte man sagen Wut? War es Wut, was in dem Blick zu lesen stand, der nun fast verwundert zusah, wie der Körper Bergfelds in sich zusammensackte und auf den Gehweg fiel? Wohl eher eine Art äußerster Anspannung, die ihren Höhepunkt im Gewaltfinale gefunden hatte und nun einer herbeigesehnten Ruhe Platz machte. So sah es zumindest aus. Und dieser minutenewige Blick schien nicht von dem Mann weichen zu wollen, wie er so mit offenem Mund verdreht dalag – im Dreck des regenfeuchten Rinnsteins ...

Zwischen dem rasch dunkler werdenden Gedankenchaos Bergfelds zuckten merkwürdigerweise Bilder auf, einige vom gestrigen Tag …

Das Gesicht dieser Frau, Sabrina Holler, seiner neuen Sekretärin.

Sie hatte ihm eine schmale, warme Hand entgegengestreckt. „Guten Morgen. Ich bin hoffentlich nicht zu spät …“

„Nein, durchaus nicht.“ Die kurze Berührung ihrer Haut, erregte ihn. „Vor allen anderen hier zu sein, ist so eine Angewohnheit von mir. Das muss Sie nicht beunruhigen.“

„Aha.“

„In der frühen Stunde liegt das Glück.“ Ein flüchtiges Glucksen. „Aber auch abends bin ich manchmal lange hier. Das Geschäft braucht ein gewisses Maß an Engagement.“

„Natürlich.“ Sie deutete ein Nicken an.

Seine Hand wies auf die Tür zum Nebenbüro. „Ich darf vorangehen.“

Der kleinere Raum war mit Schreibtisch, Drehsessel und einigen Aktenschränken möbliert. Er fuhr herum. „Es ist nicht sehr gemütlich, das gebe ich zu. Ihre Vorgängerin war in mancherlei Hinsicht etwas … spröde.“

Sie nahm alles in Augenschein. „Vielleicht könnte ich ein paar Pflanzen mitbringen?“

„Selbstverständlich. Richten Sie sich Ihr kleines Reich so ein, wie es für Sie am angenehmsten ist.“

„Den Tisch würde ich gerne längs zum Fenster stellen wollen.“

„Bitte. Zwei meiner Männer werden nachher vorbeikommen …“

Sabrina Holler zog sich ihre Jacke aus. „Nicht nötig, das schaffe ich schon.“

Er lächelte und betrachtete unauffällig die schlanke Figur. „Frauen der Tat sind mir sehr sympathisch.“

„Ich kann jedenfalls anpacken.“

„Das ist gut. Gerade in unserer Branche darf man nicht allzu zimperlich sein, wenn Sie verstehen.“

„Ja.“

„Es fallen mitunter recht derbe Scherze …“

Ein kurzes Lachen. „Keine Sorge, denen werde ich gewachsen sein.“ Sie knotete ihren Seidenschal auf.

Sein Blick blieb unvermittelt an dem Ausschnitt ihrer Bluse hängen.

„Meine Vorgängerin wird mir wohl alles Wichtige erklären?“

„W-wie bitte?“

„Wer wird mich einarbeiten?“

„Oh, das wird Frau Stabe machen. Eine Rentnerin, die immer mal aushilft, wenn es nötig ist. Sie kommt gegen acht Uhr.“

„Bis dahin kann ich ja …“

„Lassen Sie uns einen Kaffee trinken gehen“, unterbrach er sie. „An der Ecke ist eine kleine Bäckerei, wo es auch belegte Brötchen gibt.“

„Ich habe etwas zu Essen mit …“

„Das können Sie sich für die Mittagspause aufheben. Jetzt kommen Sie!“

Sabrina Holler gab sich geschlagen. „Überredet.“

Ihr neuer Chef half ihr galant in die Jacke und schaute noch einmal von hinten an ihr hinunter.

Noch bevor der Winter Einzug hält, werden wir uns näher kennengelernt haben, dachte er.

Dieser Wunsch sollte sich für Nils Bergfeld nicht mehr erfüllen. Mit einem letzten Atemhauch wölbte sich aus seinem Mund eine kleine Blase aus Blut und Speichel, die augenblicklich im Herbstwind zerplatzte.

Auf dem Gehweg entfernten sich Schritte.

I.

D

er Bürgermeister tat sehr überrascht, als er Anfang des Jahres offiziell davon erfuhr, dass sein engster Parteigenosse die bundesdeutschen Gesetze über die Annahme und Verbuchung von Spendengeldern offenbar nicht richtig verstanden hatte.

„Ich dachte, mich tritt ein Pferd, als ich davon hörte“, sagte er zu den weniger erstaunten Journalisten, die ihn daraufhin befragten. Immerhin ging es um eine Summe von etwa vierzigtausend Mark, die in den entsprechenden Kontobeständen nirgendwo aufgetaucht war. Schlimmer noch, die Spende schien im Zusammenhang mit einer Kreditvergabe der landeseigenen Bankgesellschaft – deren Chef der Parteigenosse war – an eine überschuldete Immobilienfirma zu stehen, die das Geld in den Ankauf maroder ostdeutscher Plattenbauten gesteckt hatte, um diese danach zu modernisieren und mit Gewinn vermieten zu können.

Dennoch zögerte der Bürgermeister bis zum späten Frühjahr damit, den Freund von seinem hohen Parteiamt zu entbinden. Erst als der Druck von Opposition und Öffentlichkeit zu schwer für seine schmaler gewordenen Schultern geworden war, gab er den Forderungen nach und präsentierte einen neuen Kandidaten für den Fraktionsvorsitz.

Der Ärger wollte jedoch auch dann nicht mehr von seiner Seite weichen.

Im Abgeordnetenhaus wurde beschlossen, eine parlamentarische Untersuchungskommission zur Aufklärung der undurchsichtigen Vorgänge ins Leben zu rufen. Inzwischen war nämlich klar geworden, welches Ausmaß die sogenannte Bankenkrise angenommen hatte. Neben exorbitanten Schulden offenbarte sich ein weitverzweigter Filz aus Politik und Kapitalwirtschaft.

Der Finanzsenator sah sich aufgrund der immer deutlicher werdenden Etatschieflage gezwungen, eine Haushaltssperre auszurufen und zeitgleich die Aufnahme von mindestens sechs Milliarden neuer Schulden zugunsten des Landeshaushaltes zu fordern. Ein Teil davon sollte aufgewendet werden, um den Konkurs der landeseigenen Bankgesellschaft abzuwenden.

Im Juni schließlich musste der Bürgermeister zurücktreten, nachdem ihm die Mehrheit seiner Senatskollegen in einem Misstrauensvotum das nunmehr fehlende Vertrauen bescheinigt hatte. Kaum jemand wollte noch glauben, dass er vollkommen ahnungslos gewesen war.

Bis zu den Neuwahlen, die im Oktober stattfinden sollten, wurde ein sogenannter Übergangssenat gebildet, der sich aus Politikern der Sozialdemokraten und Grünen zusammensetzte. In den kurzen Sommer- und Herbstmonaten ihrer vorübergehenden Amtszeit kamen immer mehr skandalöse Umstände ans Licht. Von Vorteilsnahme bis hin zum klaren Betrug gab es auf der Palette der Kriminalität alle denkbaren Schattierungen.

Strafrechtliche oder gar moralische Verantwortung übernahm allerdings niemand.

Am Ende sollte das Land Berlin mit einer unglaublichen Verschuldung von sechzig Milliarden Mark dastehen.

„Die meisten Privatmenschen würden sich an dieser Stelle das Leben nehmen“, meinte Hauptkommissar Konrad Hofer zu seiner Chefin Sabine Perl und legte die Zeitung nieder.

„Die würden gar nicht so viele Kredite bekommen, ohne Sicherheiten nachzuweisen.“

„Ich beneide den neuen Bürgermeister nicht um sein Amt. Wie soll er den Glauben der Bürger an die Anständigkeit der Politik zurückgewinnen …?“

Sabine Perl schaute ihn über den Rand ihrer Brille hinweg an. „Denkst du im Ernst, dass heutzutage noch irgendein Politiker ehrlich wäre?“

„Einige schon.“

Ein ungläubiges Räuspern. „Wo bleibt Klaus eigentlich? Ihr solltet längst auf dem Weg nach Blankenburg sein. Hatice und Daniel warten sicher schon.“

„Weißt du Genaueres?“

„Männliche Leiche. Erschlagen, so wie es aussieht …“

Ihr Dialog wurde unterbrochen, als die Tür aufgestoßen und ein schulterhoher Karton ins Zimmer geschoben wurde. Hinter dem Karton war ein grimmiges Ächzen zu vernehmen. „Gibt es denn in diesem Laden niemanden mehr, der dafür zuständig ist?“

Konrad erhob sich, um mit anzufassen. „Was ist das?“

Hinter dem Karton wurde das verschwitzte Gesicht seines Kollegen Klaus Schirad sichtbar. „Ein neuer Schreibtisch. Natürlich in Einzelteilen …“

„Wozu brauchen wir einen weiteren Schreibtisch?“

„Was weiß ich. Die Möbelpacker haben das Paket vorne an der Treppe abgestellt, und nun können wir zusehen, was wir damit machen.“

Sabine war ebenfalls aufgestanden und studierte den Aufkleber an der Seite des Kartons. „Ich habe nichts dergleichen bestellt.“

Schirad reichte ihr den Lieferschein. „Hier steht: Neunte Mordkommission, Keithstraße … Sind wir doch, oder?“

„Ja.“

„Na bitte.“ Er klopfte sich etwas Staub vom Jackett. „Früher gab es für solche Aufgaben Transportarbeiter. Da musste sich ein Hauptkommissar seinen Schreibtisch nicht selber ins Büro tragen und aufbauen.“

„Du hast doch einen …“

„Aber für wen ist dieser Tisch vorgesehen?“

Beide drehten sich zu ihrer Chefin.

Die hob ihre Schultern. „Keine Ahnung. Mir ist von einer Personalverstärkung nichts bekannt.“

„Vielleicht hat der werte Herr Polizeidirektor endlich eingesehen, dass es für die Gesundheit seiner Mitarbeiter nicht gut ist, wenn die Überstundenkonten immer mehr anwachsen“, mutmaßte Konrad.

Ihr linkes Augenlid zuckte kurz. „Das halte ich für unwahrscheinlich.“

„Oder die Gewerkschaft ist ihm auf die Füße getreten.“

„Ich rufe mal bei den Kollegen vom Einkauf an.“ Sabine Perl wählte eine Nummer und wartete.

Die Kriminalbeamten gingen um das Paket herum. „Scheint etwas Schlichtes zu sein. Sicher billig …“

„Hochwertiges Mobiliar kann sich die Stadt Berlin eben nicht mehr leisten.“

„Für die unteren Besoldungsklassen gleich gar nicht.“

„Nein …“

Ihre Chefin hielt den Telefonhörer hoch. „Es geht keiner ran.“

„Lass es klingeln“, meinte Schirad. „Irgendwann verliert einer von diesen Büroheinis schon die Nerven.“

Konrad zog sich seine Jacke an. „Und wir werden dann mal losfahren.“

„Immer mit der Ruhe …“

„Unsere Kollegen warten.“

„Sie sind jung und wollen auch mal einen Tatort in Augenschein nehmen, ohne dass wir alten Hauptkommissare ihnen dazwischenreden.“

Sabine warf einen flüchtigen Blick auf ihre Kollegen. Beide Männer waren etwa Mitte Vierzig, aber vom Erscheinungsbild sehr unterschiedlich. Hofer war ein mittelgroßer Mann, der seit kurzem etwas zur Fülle neigte. Er hatte blondes welliges Haar und einen Schnurrbart, der allerdings die gutmütigen Gesichtszüge nicht verdecken konnte. Schirad dagegen – einem hochgewachsenen kantigen Typ – waren Gefühlsbewegungen eher selten an der verschlossenen Miene anzusehen. Der Blick seiner stahlblauen Augen wirkte auf die meisten Menschen, die ihn nicht näher kannten, arrogant und abweisend.

Sie zeigte mit dem Kopf in Richtung Tür.

In diesem Moment klingelte auf einem anderen Schreibtisch das Telefon.

Hofer nahm ab. „Neunte Mordkommission … Wie?“ Er hob abwehrend die Hand. „Nein, das geht nicht, wir haben einen Einsatz in Blankenburg … Was soll das heißen? Wir sind doch nicht die einzigen …“ Er nahm den Hörer vom Ohr und sah seine Chefin an. „Ein weiterer Mord, und offenbar ist im ganzen Haus niemand mehr verfügbar, der sich darum kümmern könnte.“

II.

K

riminaloberkommissarin Hatice Özdekim drehte den Kopf ein wenig in Schräglage, um den Toten auf dem Gehweg besser betrachten zu können. Dabei fielen ihr ein paar Strähnen des langen schwarzen Haares ins Gesicht. Regentropfen rannen über die Wangen.

„Was ist das bloß für ein bescheidenes Wetter“, stöhnte sie. „Wenn die Techniker nicht bald mit einem Zelt kommen, werden keine Spuren mehr zu finden sein.“

Ihr Kollege Daniel Kelm schob seine beschlagene Brille hoch und sah sich mit einiger Skepsis im Blick um. „Ich befürchte, sie würden auch bei hellem Sonnenschein nichts entdecken.“

„Da könntest du recht haben. Aber dort auf der Straße ist etwas Blut …“ Sie zeigte auf einen dunklen Fleck am Fahrbahnrand.

„An dieser Stelle fand der Mann, der die Polizei angerufen hat, den Toten. Er hat den leblosen Körper dann aus dem Rinnstein hier auf den Gehweg gezogen, damit nicht noch überdies ein Auto darüber hinwegfährt.“

„Hm, einen fremden Menschen spontan anzufassen, das hätte heutzutage sicher nicht jeder getan …“

„Er ist Krankenpfleger von Beruf und war auf dem Weg zum Frühdienst.“

„Aha.“

„Ich habe mir seine Angaben notiert, ein Protokoll seiner Aussage kann ja später gefertigt werden.“

„Durchaus. Warum soll er auch ewig im Regen stehen bleiben? Die Sachlage ist sozusagen klar: er findet einen fremden Mann, dem offensichtlich der Schädel eingeschlagen wurde, zieht ihn vom Straßenrand aus hier hoch und wählt anschließend den Notruf. Richtig?“

„Absolut korrekt. Hinzuzufügen bliebe noch, dass er nichts Verdächtiges bemerkt hat. Niemanden, der weggerannt ist, kein Auto, das mit quietschenden Reifen davonfuhr …“

„Du schaust zu viele Krimis.“

„Es hätte immerhin sein können, denn der Tatzeitpunkt lag da keine Viertelstunde zurück.“

„Bist du jetzt unter die Pathologen gegangen?“

Er schmunzelte. „Nein. Aber der Krankenpfleger sagte mir, dass das Blut auf Gesicht und Hals des Toten teilweise noch nicht geronnen war und der Körper sich warm angefühlt hat.“

„Dann wissen wir wenigstens das schon mal. So eine medizinische Fachkraft ist doch wirklich was wert.“

„Ich habe übrigens die Papiere des Toten in seiner Manteltasche gefunden. Es handelt sich um Nils Bergfeld, Jahrgang 1960, wohnhaft in Berlin-Weißensee.“

Hatice drückte den Rücken durch und blickte auf das nächste Straßenschild. „Aufgefunden in Blankenburg. Was hat er hier gemacht?“

„Naheliegend ist wohl, dass er um diese frühe Zeit zur Arbeit gehen wollte.“

„Wissen wir schon, wo das ist?“

„Also ich nicht.“ Auf seinen Lippen regte sich ein schmales Lächeln.

„Sehr witzig. War noch etwas in den Taschen?“

„Ein Handy. Ich habe es erstmal eingetütet, bis es die Techniker untersucht und Fingerabdrücke genommen haben.“

„Na bitte. Mit den Daten im Telefonspeicher kommen wir sicherlich ein Stück weiter.“ Sie kratzte sich an der Nase. „Portemonnaie?“

„Eine kleine Brieftasche, in der sich neben einer Kreditkarte rund 800 Mark befinden.“

„Damit scheidet Raubmord wohl aus.“

„Offenbar. Die Uhr an seinem Handgelenk macht übrigens auch keinen billigen Eindruck.“

„Dasselbe kann man von der Kleidung behaupten. Scheint ein gutsituierter Herr gewesen zu sein.“

„So einer ist doch eigentlich mit dem Auto unterwegs, oder?“

„Ja. Aber vielleicht ging er gern zu Fuß …“

„Bei diesem Wetter? Bis zur nächsten Bushaltestelle läuft man von hier aus gute zehn Minuten, und der S-Bahnhof liegt noch weiter weg.“

„Ein Indiz dafür, dass sein Ziel irgendwo in der unmittelbaren Umgebung zu finden sein muss.“

„Oder der Ort, wo er herkam. Auch eine Möglichkeit.“ Er stöhnte kurz auf. „Beide Varianten bieten die Chance für viel Laufarbeit.“

„Apropos Arbeit, weshalb ist eigentlich keiner unserer Hauptkommissare hier?“

„Als ich vorhin in der Dienststelle angerufen habe, war keiner im Haus.“

„Versuch´s noch mal. Irgendwann wird ja einer von ihnen ausgeschlafen haben.“ Hatice holte Luft. „Wenn ich eines Tages befördert worden bin, leiste ich mir auch den Luxus, zu Hause zu frühstücken.“

„Bei der momentanen Haushaltslage unserer Stadt, werden wir wohl als Oberkommissare in Pension gehen.“

Sie verzog den Mund. „Nicht ausgeschlossen.“

„Eine Tatwaffe oder ein Gegenstand, der dafür in Frage kommen würde, liegt übrigens nirgendwo hier herum.“

„Das habe ich mir schon gedacht …“

Das Geräusch von Reifen auf nassem Herbstlaub beendete ihren Dialog. Einige Meter von ihnen entfernt hielt das Auto der Spurensicherung.

III.

P

olizeidirektor Thomas Größer bedeutete seiner Kollegin Sabine Perl mit stummer Geste, ihm gegenüber an seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Er strich sich über die dunkle Krawatte, bevor er sich zurücklehnte und die Hände wie zum Gebet faltete. Größer war allerdings alles andere als gläubig, sein Evangelium hieß Karriere und der einzige Herr, zu dem er aufschaute und dessen Gebote er blind befolgte, war der Polizeipräsident. Dementsprechend gering war die Achtung, die er seinen Untergebenen entgegenbrachte, was ihn wiederum zu keinem beliebten Vorgesetzten machte.

„Sie wollten mich sprechen?“, fragte er mit betonungsloser Stimme.

Die Kriminalbeamtin nickte. „Ich bin zu Ihnen gekommen, um erneut eine Aufstockung des Personals für die 9. Mordkommission zu fordern. Wir haben neben etlichen älteren Vorgängen – mit deren Abschlüssen wir kaum hinterherkommen – gegenwärtig zwei neue Mordfälle übertragen bekommen, die all unsere Mitarbeiter binden …“

„Ach, Frau Kollegin, immer dasselbe Lied.“

„Zwei …“

„Man muss schauen, ob eine andere Kommission übernehmen kann. Derzeit sehe ich allerdings keine Kapazitäten.“

„Diese Fälle werden absehbar für weitere Überstunden sorgen!“

„Dem entgegen zu wirken, ist wohl eher eine Sache der intelligenten Koordination Ihrer Kräfte“, warf der Polizeidirektor ein.

„Wie meinen Sie das?“

„Nun, zwischen der Endbearbeitung alter Akten und den aktuellen Ermittlungsaufgaben muss es gewissermaßen eine parallele Führungsstrategie geben.“

Der Mann ist geisteskrank, dachte Sabine und laut sagte sie: „Wenn das Tischtuch zu kurz ist, gibt es keine Strategien, die verhindern, dass eine Ecke des Tisches unbedeckt bleibt!“

„Ironie halte ich nicht für angebracht.“

„Es ist eine Tatsache, dass uns Personal fehlt. Noch dazu, wo Kollege Kelm bald zu einem Lehrgang geht …“

„… der nur knapp zwölf Wochen dauert und überdies erst im kommenden Jahr beginnt“, kam die prompte Ergänzung ihres Einwandes.

„Meine Mitarbeiter tragen einen Berg Überstunden vor sich her, deren Anzahl sich schon jetzt im vierstelligen Bereich befindet. Und den anderen Kommissionen geht es ähnlich.“

„Ein Personalausgleich untereinander wäre also keine Lösung.“

„Natürlich nicht. Wir brauchen neue Leute.“

„Frau Perl …“

„Meinetwegen auch erstmal geeignete Polizeibeamte aus anderen Abteilungen, die besser besetzt sind.“

„Hören Sie …“

„Es kann doch nicht so weitergehen. Der Krankenstand steigt ja nicht ohne Grund …“

„Eben!“ Größer hob die Hand. „Darüber muss auch einmal gesprochen werden. Vor all diesen Diskussionen und immerwährenden Forderungen nach neuen Stellen sollten Sie mal über eine Art … Vorleistung nachdenken, werte Kollegin.“

„Vorleistung? Was genau meinen Sie damit?“

„Die bereits erwähnte Optimierung von Reserven. In diesen Bereich fällt auch der Krankenstand.“

„Wollen Sie den Kollegen unterstellen …“

„Ich will gar nichts!“, wurde er lauter. „Außer einer notwendigen Straffung eingefahrener Strukturen, die nicht mehr zeitgemäß sind …“

„Zeitgemäß?“

„Das Land Berlin befindet sich in einer Haushaltsnotlage, das dürfte ja auch Ihnen nicht verborgen geblieben sein.“

Sabine starrte ihn wortlos an.

„Ein jeder von uns muss nun seinen Teil dazu beitragen, dass wir da wieder herauskommen. Nur wenn wir eigene Anstrengungen nachweisen können, werden wir vom Bund eine finanzielle Unterstützung bekommen.“

„Das glauben Sie doch wohl selber nicht …“

„Für uns bei der Berliner Polizei bedeutet dies, dass alle unsere Kosten nochmal auf den Prüfstand müssen“, schwadronierte er weiter. „Es darf keine Tabus geben. Angefangen bei der recht hohen materiellen Ausstattung, die wir uns teilweise leisten. Dann gibt es da noch vereinigungsbedingte Zuwendungen und Subventionen, die jetzt nach einem Jahrzehnt gesamtberliner Behördenstruktur auf ihre Sinnhaftigkeit hin kontrolliert werden müssen. Und nicht zuletzt sollte sich auch der Faktor Personal einem kritischen Blick unterstellen.“

„Der Faktor Personal – wie Sie es auszudrücken belieben – läuft in meiner Abteilung am Limit. Ich will damit sagen, dass die Kollegen der 9. Mordkommission an ihrer physischen und psychischen Belastungsgrenze angekommen sind, weil sie kaum noch freie Tage, geschweige denn Wochenenden haben und demzufolge auch ihre Überstunden nicht abbauen können. Der Grund dafür ist einzig und allein, dass zu viel Arbeit für zu wenige Mitarbeiter ansteht. Mit steigender Tendenz …“

„Nun, was die Zukunft bringt, kann keiner von uns wissen.“

„Man muss kein Prophet sein, um zu sehen, dass eine Expansion dieser Stadt in jeglicher Hinsicht größere Herausforderungen mit sich bringt.“

Der Polizeidirektor drehte sich etwas in seinem Bürosessel und blickte mit zusammengezogenen Augenbrauen in Richtung Tür. Es vergingen einige Sekunden, bis er sich wieder seiner Kollegin zuwandte. „Sie dürfen nicht denken, dass die Polizeiführung neue Aufgabenstellungen im Hinblick auf die veränderte Rolle Berlins ignoriert.“

Doch, das denke ich, fuhr es ihr spontan durch den Kopf.

„Gerade jetzt, in Zeiten, wo einschneidende Reformen aus den genannten Gründen unumgänglich sind, schauen wir natürlich gewissenhaft hin, was machbar ist.“ Er griff sich einen sauber angespitzten Bleistift aus der Ablage. „Eine Optimierung des Personalschlüssels ist keine leichte Angelegenheit. Da müssen viele Dinge beachtet werden, nicht zuletzt der hohe Qualitätsanspruch, den wir als Berliner Polizei haben.“

„Niveau kann nur gehalten werden, wenn …“

„Frau Perl, es nützt ja nichts, wenn Sie sich immerfort wiederholen.“ Seine Hand klopfte mit dem Bleistift auf den Tisch. „Eigentlich wollte ich eine Untersuchungsmaßnahme erst übermorgen bei der monatlichen Kommissionsleiterbesprechung bekanntgeben.“

„Untersuchungsmaßnahme?“

„Der Polizeipräsident hat sich für die Neustrukturierungsvorhaben externe Hilfe geholt. Einige führende Polizeibeamte aus verschiedenen Bundesländern, die mit ähnlichen Reformen im Personalmanagement bereits Erfahrung haben, werden in Zusammenhang mit einer Firma für Unternehmensanalysen die Struktur der Behörde sozusagen auskultieren und danach dem Polizeipräsidenten ihre Vorschläge unterbreiten.“

Sabine sah ihren Vorgesetzten mit offenem Mund an.

„In den nächsten Wochen wird Sie eine Kollegin aus Hannover begleiten. Frau Landis, Polizeirätin …“

„Mich?“

„Ihre Abteilung, die 9. Mordkommission.“

„Ich kann in der jetzigen Situation nicht auch noch einen Klotz am Bein gebrauchen.“

„Sie sollten es als Chance begreifen …“

„Meine Kollegen und ich brauchen Personalverstärkung, keine Zuschauer!“

Das Klopfen des Bleistiftes wurde lauter. „Es ist in der Leitungsebene so entschieden worden. Ich habe die Lieferung eines Schreibtisches veranlasst, der in Ihrem Büro aufgestellt wird.“

„Aber …“

„Zusätzliches Personal bewillige ich Ihnen vorerst nicht.“

„Über diese Nachricht werden sich unsere Familien sicherlich freuen.“

„Bitte keine Polemik.“ Thomas Größer legte den Stift aus der Hand und faltete wieder die Hände. „Kann ich sonst noch irgendetwas für Sie tun?“

Dich aus dem Fenster stürzen, dachte Sabine.

IV.

H

ofer und Schirad betraten unter der Führung eines uniformierten Polizeibeamten eine kleine Zweizimmerwohnung im Erdgeschoss. Sie wurden ins Wohnzimmer gebeten, wo auf dem Sofa die Leiche einer Frau lag. Sie war mit einem Laken bedeckt worden. Am Tisch saß der herbeigerufene Notarzt, der den Leichenschauschein ausfüllte.

Die Kriminalisten grüßten und sahen sich kurz um.

Ein rechteckiges parkettausgelegtes Zimmer, das etwa zwanzig Quadratmeter maß, mit einem zweiflügligen Fenster gegenüber der Tür. Davor eine Polsterecke und ein dunkler Tisch mit eingelassenen Fliesen. Rechts zwei Glasschränke, die einen Fernseher auf einem Sideboard einrahmten. Links an der Wand eine schmale Anrichte mit mehreren Standfotos darauf. Zum Flur hin freier Platz, den ein größerer ovaler Teppich mit orientalischem Muster zierte.

„Was können Sie uns sagen, Doktor?“, erkundigte sich Hofer.

„Kurz gesagt: die Frau ist aufgrund einer Strangulation zu Tode gekommen.“ Der Mediziner erhob sich und schlug das Laken zurück. „Allerdings hat sie das nicht selbst getan. Ihre Handgelenke waren mit einem Kabelbinder auf den Rücken gefesselt worden.“ Er drehte den nackten Körper ein Stück zur Seite. „Selbstmord kann ich also ausschließen. Ihre Kollegen haben Fotos von der Auffindungssituation gemacht, bevor wir das Seil lösen mussten, um zweifelsfrei ihren Tod festzustellen.“ Sein Zeigefinger wies auf eine Mappe auf dem Tisch.

„Sie kann sich nicht selber die Hände zusammengebunden haben?“

„Wohl kaum.“

Schirad betrachtete sich die Aufnahmen und schaute dann nach oben. „Sie hing also, wenn ich das richtig deute, an diesem Deckenhaken?“

„Genau.“

„Für eine Lampenbefestigung etwas überdimensioniert, oder? Das Ding da ist doch knapp zehn Zentimeter lang und fast fingerbreit.“

„Man könnte vermuten, dass der Haken genau für eben jenen Zweck des Erhängens eingeschraubt wurde.“ Der junge Arzt zog die Augen zusammen. „Jemand wollte wohl sichergehen …“

„Dass es zu keiner ungewollten Panne kommt“, ergänzte Konrad.

Ein Nicken. „Außer mir und Ihrem Kollegen war übrigens niemand in diesem Raum. Die Möbel stehen noch so da, wie wir die Lage vorgefunden haben. Interessant wäre deshalb für Sie vielleicht die Platzierung der beiden Stühle dort.“ Er zeigte auf den freien Bereich unter dem Deckenhaken. „Der eine ist umgekippt, auf dem hat die Frau mit aller Wahrscheinlichkeit vorher gestanden. Mutmaßlich wurde er weggestoßen. Der andere steht auf einem Fleck direkt neben der Tür, wo man üblicherweise wohl keine Sitzgelegenheit abstellen würde. Und dieser zweite ist – wenn man es so bezeichnen will – der Szenerie zugewandt. So, als hätte dort jemand gesessen, der den Todeskampf der Frau beobachten wollte.“

Schirad runzelte die Stirn und verglich die Beschreibung mit den Fotos. „War die Tote schon vor Ihrer Untersuchung nackt?“

„Ja, vollständig.“

„Augenfällige Verletzungen?“

„Nein.“

„Gibt es Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch?“

„Keine äußeren jedenfalls. Zwei oder drei Stellen am Arm, die man als Druckpunkte deuten könnte, aber das müssen die Kollegen in der Gerichtsmedizin abklären. Unterhalb des Bauchnabels habe ich nicht die geringste Verletzung finden können. Deshalb würde ich vermuten, dass sie nicht vergewaltigt wurde.“

„Wie lange ist sie schon tot?“

„Wenn man die Temperaturverhältnisse in diesem Raum berücksichtigt, den Grad der Leichenstarre beurteilt und den Umstand nicht außer Acht lässt, dass mehrere Lampen in der Wohnung angeschaltet waren, würde ich sagen: seit gestern Abend.“

„Wollen Sie nicht bei der Polizei anfangen, Doktor?“

Er lachte kurz. „Keinesfalls. Medizinische Fälle aufzuklären, liegt mir mehr.“

Konrad hatte sich hinter den Stuhl neben der Tür gestellt und strich mit dem Daumen nachdenklich über seinen Schnurrbart. „Wieso hat sich der Mörder – wenn wir Ihrer Theorie folgen – hier hingesetzt? Hatte er vor, der Frau tatsächlich beim Sterben zuzuschauen?“

„Mag sein. Denkbar ist ebenso, dass er sie eine Zeitlang als tote Person sehen wollte.“

„Weshalb war sie nackt?“

„Es war ihm möglicherweise daran gelegen, sie in irgendeiner Form zu demütigen, sie sozusagen bloßzustellen.“

„Offensichtlich“, bestätigte Klaus. „Was mich verwundert, ist, dass es keinerlei Abwehrverletzungen gibt. Die Hautverfärbungen am Arm deuten ja eher auf ein sanfteres Anfassen hin, wenn sie denn überhaupt durch Fremdeinwirkung entstanden sind.“

„Die müssen auch nichts damit zu tun haben …“

„Aber niemand steigt freiwillig mit einem Seil um den Hals, an den Händen gefesselt und noch dazu unbekleidet, auf einen Stuhl. Weshalb hat sie sich nicht gewehrt?“

„Weil der Mann – es gibt wohl kaum Zweifel daran, dass der Mörder ein Mann gewesen sein muss – in anderer Form Zwang ausgeübt hat. Psychisch zum Beispiel, oder er hat ihr ganz einfach eine Waffe vor das Gesicht gehalten. Letzteres wäre zudem eine mögliche Erklärung dafür, wie er in die Wohnung gelangen konnte. Denn die Eingangstür ist vollkommen unversehrt, wie Ihnen vielleicht aufgefallen ist.“

Die Kriminalisten bestätigten es. „Wer hat eigentlich Polizei und Feuerwehr alarmiert?“

„Eine Nachbarin, der aufgefallen war, dass hier Licht brannte, obwohl die Frau auf der Arbeit hätte sein sollen.“

„Also, meine Nachbarn wissen nicht, wann ich zum Dienst gehe“, brummte Schirad.

„Bist du mit irgendeinem deiner Nachbarn näher bekannt oder gar befreundet?“, wollte sein Kollege wissen.

„Nein …“

Hofer wandte sich an den uniformierten Polizisten. „Was habt ihr schon über die Frau herausgefunden?“

„Es handelt sich um Ute Behnke, dreiundvierzig Jahre alt, geschieden und alleinlebend. Sie arbeitet als Filialleiterin der Verden-Bank, in der Zweigstelle hier im nahen Einkaufscenter.“

„Mann oder Lebensgefährte?“

„Von Zeit zu Zeit kürzere Beziehungen, die längste davon hielt etwa ein Jahr. Sagt die Nachbarin.“

„Wir werden uns im Anschluss noch einmal mit ihr unterhalten. Gibt es Verwandte hier in Berlin?“

„Einen Cousin in Weißensee. Er ist auf dem Weg hierher …“

„Habt ihr ihn verständigt?“

„Er rief zufällig gerade an, als wir die Wohnung betraten.“

„Obwohl er weiß, dass Frau Behnke tagsüber in der Bank arbeitet?“

„Dort hatte er es vorher versucht.“

„Aha. Und nun machte er sich Sorgen …“

„So klang er eigentlich nicht.“

„Wie klang er denn?“, fragte Schirad dazwischen.

„Die Nachricht von ihrem Tod schien ihn nicht sonderlich zu berühren, er blieb ziemlich beherrscht.“

„Es geht doch nichts über eine liebevolle Familie.“

Der Polizist runzelte die Stirn. „Ich meine, er fing nicht an zu schluchzen oder so etwas“, schob er hinterher.

„Schon klar …“

Ein kühler Windzug blies plötzlich durch das Zimmer, dann erschien ein älterer Mann in einem weißen Synthetikoverall in der Tür. „Alle raus hier!“

„Ah, der Kollege Müller von der Kriminaltechnik persönlich“, bemerkte Klaus. „Ebenfalls einen Guten Tag.“

„Habt ihr euch wieder Mühe gegeben, alles an Spuren zu vernichten, was da war?“

„Selbstverständlich.“

Der Alte zeigte auf die hellen Clogs des Doktors. „Und Sie sind mit diesen Keimpantinen durch die ganze Wohnung geschlurft?“

„Nein, ich habe mich auf dieses Zimmer beschränkt. Auf dem Notarztwagen führen wir leider keine Überzieher mit, und ich musste mich schließlich davon überzeugen, dass die Frau tot ist.“

Ein Brummen war die Antwort.

Konrad stupste mit seinem Ellenbogen dem Techniker kameradschaftlich in die Seite. Sie waren privat befreundet. „Hallo, mein Lieber. Wie kommt es, dass du persönlich an einem Tatort erscheinst?“

„Kein Personal. Wir sind nicht so üppig mit Leuten wie die Kripo …“

„Sehr komisch.“

„Außerdem ist ein Teil meiner Kollegen draußen in Blankenburg bei eurem anderen Mordfall. Was ist heute bloß los? Tag des Gemetzels, oder was?“

„Man könnte den Eindruck bekommen, die Menschen werden immer aggressiver.“

Müller zeigte auf die Tote. „Für den, der als Letzter diese Frau besucht hat, trifft es auf jeden Fall zu.“ Er scharrte mit den Füßen. „Und jetzt macht endlich, dass ihr rauskommt. Ich will zum Abendessen zu Hause sein.“

V.

M

an könnte durchaus schlechter wohnen“, meinte Hatice Özdekim, nachdem sie einen ersten Blick in das große Wohnzimmer der Dachgeschosswohnung von Nils Bergfeld geworfen hatte. „Naturholzparkett, Marmortisch und eine weiße Ledercouchecke.“ Sie drehte sich einmal im Kreis. „Und die Schrankwand – wenn man das Ensemble denn so nennen will – ist auch nicht aus Pressspan hergestellt. Bergfeld war kein armer Mann. Lass uns mal nachschauen, womit er sein Geld verdient hat …“

„Baubranche“, antwortete ihr Kollege. Er hatte inzwischen eine Schublade aufgezogen und hielt einen Briefbogen mit Firmenadresse in der Hand. „Seine Firma hat ihren Sitz in Wartenberg.“

„Ziemliches Stück entfernt von dem Ort, wo er heute Morgen gefunden wurde.“

„Und somit sind wir wieder bei der Frage: Kam er von irgendwoher oder war er auf dem Weg zu jemandem?“

„Es wird uns wohl nichts weiter übrigbleiben, als die ganze Wohnung auf den Kopf zu stellen und nach Namen und Adressen von Bekanntschaften zu suchen.“

„Wir werden uns jeder ein Zimmer vornehmen. Welches willst du?“

„Dieses hier.“

Daniel legte das Blatt Papier auf einen Sockel der Schrankwand und ging zur Tür. „Erzähl den anderen später nicht, ich hätte mir das Schlafzimmer ausgesucht.“

„Komm, ich habe dir den leichteren Part gelassen.“

„Aha …“

In der geöffneten Schublade fanden sich weitere Schriftstücke, denen zu entnehmen war, dass die Baufirma von Nils Bergfeld Innenausbauten von neuen und renovierten Häusern durchführte. Andere damit zusammenhängende Dienstleistungen wurden auch angeboten. Es schien ausreichend Aufträge zu geben, wie die Kundenkorrespondenz zeigte.

„Das erklärt wohl den dezenten Wohlstand“, sprach Hatice halblaut vor sich hin und notierte sich ein paar Namen. „Bergfeld war gut im Geschäft.“

Allerdings fand sich nirgendwo ein Hinweis darauf, dass er mit jemandem Ärger gehabt hatte oder es zu einem Streit wegen Reklamationen oder Ähnlichem gekommen war. Vor ihr lag die ganz normale Unternehmenspost.

Sie zog eine andere Schublade auf. Bankunterlagen, Kontoauszüge und einige Wertpapiere. Es gab bei demselben Institut ein Geschäftskonto und eines für Bergfelds private Geldbewegungen. Der aktuelle Stand des letzteren war ein Haben von rund zweihunderttausend Mark.

„Ich wünschte mir nur ein Zehntel von dem“, raunte die junge Kriminalbeamtin und verzog den Mund.

In einem weiteren Fach lagen zwei dicke Fotoalben.

„Ah, jetzt wird es interessant.“ Hatice nahm sie heraus und setzte sich damit auf die Couch. In dem ersten fanden sich Schnappschüsse von Feiern und Festtagen, bei denen wohl hauptsächlich Familienangehörige zu sehen waren. Bergfeld zwischen älteren Leuten und in Umarmung mit Kindern. Des Öfteren derselbe Hintergrund – ein rustikal möbliertes Wohnzimmer mit Ausblick auf einen Garten. Je nach Anlass geschmückt mit einem Weihnachtsbaum oder Osternestern. Leider keine Beschriftungen oder gar Namen der lieben Verwandten.

Sie klappte den zweiten Sammelband auf und nahm den Kopf erstaunt etwas zurück. Hier steckten ganz andere Aufnahmen hinter den Folien. Privatfotos von nackten Frauen. Einige waren hier in diesem Zimmer gemacht worden. Weibliche Gäste räkelten sich auf der weißen Ledercouch und verbargen der Kamera nicht das Allergeringste.

Hatice hörte bei zehn verschiedenen Damen auf zu zählen, als ein Räuspern von der Tür her erklang. Sie schaute auf und sah ihren Kollegen dort stehen, mit Dessous und Damenreizwäsche über dem Arm.

„Habe ich im Schlafzimmerschrank gefunden. Da gibt es übrigens noch mehr, wenn du mal einen Blick darauf werfen möchtest?“

„Danke. Ich habe hier auch einige interessante … Objekte.“ Das Album wurde umgedreht, so dass er die Fotos in Augenschein nehmen konnte. „Bergfelds Interessen lagen offenbar nicht im schöngeistigen Bereich.“

„Nein, ganz sicher nicht.“

Sie blätterte weiter in dem Album. „Der feine Herr mit einer rothaarigen Frau, die übrigens öfter auftaucht ...“ Hatice nahm das Bild aus der Folie und drehte es um. „Sieh mal an, sie hat sogar einen Namen: Alina Mock.“

Kelm fischte sein Handy aus der Tasche. „Mal sehen, ob uns die Kollegen dazu ein paar Angaben machen können.“

Zwei Stunden später standen die beiden Kriminalbeamten einer Frau Mitte Dreißig gegenüber, bei der es sich zweifellos um die Rothaarige von den Fotos handelte.

„Sie kommen wegen Nils? Ich war bis vorige Woche seine Sekretärin ...“

Hatice zeigte ihr eine der Aufnahmen. „Und seine Geliebte, wie es aussieht.“

„Kurze Zeit nur. Vier, fünf Monate vielleicht. Dann offenbarten sich immer mehr unangenehme Seiten an ihm, und ich habe Schluss gemacht.“

„Können Sie uns diese unangenehmen Seiten bitte näher beschreiben?“

„Wozu?“

„Herr Bergfeld wurde heute Morgen tot aufgefunden. Er ist einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen.“

„Tot …?“

„Ja.“

„Nils war ein Mensch, bei dem materielle Dinge mehr zählten als echte Gefühle. Geld stand bei ihm immer im Vordergrund. Aber es ist heutzutage auch nicht leicht in dieser Branche, müssen Sie wissen. Leistungen werden sehr oft erstmal reklamiert und die fälligen Zahlungen dann hinausgeschoben, so lange es irgendwie geht.“

„Wie lange waren Sie bei ihm als Sekretärin tätig?“

„Ein knappes Jahr.“

„Ich vermute, als Sie mit ihm Schluss machten, kam die Kündigung?“

„Ihre Vermutung ist richtig.“

„War die Baufirma seine einzige Einnahmequelle?“

Alina Mock runzelte die Stirn. „Ich verstehe Sie nicht.“

„Gab es noch andere Geschäfte?“

„Nein …“

Hatice hielt das Foto noch einmal hoch.

„Das ist privat!“

„Gab es Belohnungen für bestimmte … Gefälligkeiten?“

„Was denken Sie sich denn?“

„Wir haben auch Bilder von anderen Frauen gefunden ...“

„Das wundert mich nicht.“

„Was können Sie über ihn als Arbeitgeber sagen?“

„Das Gehalt kam pünktlich, Überstunden wurde gut bezahlt, mehr will man nicht.“

„Sie wollten mehr.“

„Ja, ein Irrtum, eine flüchtige Illusion. Aber man macht halt seine Erfahrungen im Leben.“

„Gab es unter den Kollegen jemanden, mit dem Bergfeld Streit oder weitergehende Differenzen hatte?“

„Missverständnisse und Spannungen kommen wohl überall mal vor. Aber ich kann mir denken, worauf Sie hinauswollen. Nein, jemand, der ihm nach dem Leben getrachtet haben könnte, fällt mir nicht ein.“

„Wie kam es, dass Sie sich in ihn verliebt haben?“

„Er war ein Macher. Ein Mann, der einfach zupackte, wenn er etwas wollte. Verstehen Sie?“

„Ja ...“

VI.

D

ie Wut stieg in mir hoch, als ich dieses Interview im Fernsehen sah, bei dem es um die sogenannte Spendenaffäre ging, die man ja eigentlich kaum noch Affäre nennen konnte. Ein Skandal war das! Diese Leute hatten keine Scham. Selbst jetzt, wo der Betrug nach und nach ans Tageslicht kam, stellten sie sich mit eisiger Selbstsicherheit vor die Kameras und beteuerten ihre Unschuld. Sie, die ganz klar die Verantwortung für all diese Schweinereien trugen: unsere Volksvertreter und deren Freunde, die Bankenmanager, Grundstücksspekulanten und Bauunternehmer. Eine Clique von Räubern, die ihre Macht und ihre gesellschaftliche Stellung missbraucht hatten, um sich rücksichtslos zu bereichern.

Ich schaltete das Gerät aus.

Schuldig waren sie, dies stand außer Frage. Wahrscheinlich für jeden, der einigermaßen klar denken konnte. Aber wer würde sie zur Rechenschaft ziehen?

Mir entfuhr ein Schnaufen. Bis zum heutigen Tage war gegen keinen einzigen der Beteiligten Anklage erhoben worden. Von unserer Justiz war wohl kaum etwas zu erwarten. Bestenfalls irgendwann ein paar Scheinprozesse, die mit Freispruch oder geringen Geldstrafen endeten. Die Elite wurde nicht angetastet.

Ich lächelte bitter. Es war wie immer. Der gewöhnliche Bürger würde für alles die Zeche zahlen. Aber solange er noch in seiner warmen Wohnung vor dem Farbfernseher sitzen konnte, ausreichend zu Fressen und zu Saufen hatte und sich durch die Glotze und die Boulevardzeitungen nur allzu gerne von den eigentlichen Problemen der Welt ablenken ließ, würde er zwar wehklagen, wenn sich seine Steuern erhöhten. Über dieses Schimpfen hinaus war jedoch eine wie auch immer geartete Reaktion nicht zu erwarten.

Wenn etwas passieren sollte, musste ein Einzelner zur Tat schreiten. Jemand, für den die Zwänge der Gesellschaft keine Geltung mehr hatten …

*

Die Mitarbeiter der 9. Mordkommission hatten sich am späteren Nachmittag im Konferenzraum des Polizeigebäudes versammelt. Sabine Perl betrat als Letzte das Zimmer und schaltete das Licht an, denn draußen begann es langsam dunkel zu werden. Der Regen hatte aufgehört, aber an seine Stelle war ein unangenehm böiger Herbstwind getreten, der nun durch die Ritzen der Fenster pfiff. Kurz nachdem die Chefin Platz genommen hatte, verstummten alle Gespräche.

Sie ergriff ohne Pause das Wort. „Wie ihr wisst, haben wir seit heute zwei aktuelle Fälle zu bearbeiten. Ich war deshalb vorhin bei Polizeidirektor Größer und bat ihn um Personalverstärkung, aber er hat abgelehnt …“

Ein zorniges Murren ging durch die Reihen.

„Wir müssen also unsere zehn Mitarbeiter teilen und parallel die Mordsachen bearbeiten …“

„Und das bedeutet mal wieder Überstunden ohne Ende“, kam ein Zwischenruf. „Auch am morgigen Feiertag.“

„Ich kann es nicht ändern. Hat jemand von euch etwas Außergewöhnliches geplant oder eine dringende Angelegenheit, die sich nicht aufschieben lässt?“

Es meldete sich niemand.

„Gut. Wenigstens das.“ Sabine hielt ein Blatt Papier in die Höhe. „Aus naheliegenden Gründen habe ich euch in zwei Gruppen aufgeteilt, die jeweils einen der beiden Fälle bearbeiten. Ich selbst werde hier für die gesamte Arbeit die Koordination übernehmen und euch – soweit es geht – den Rücken freihalten.“ Sie sah auf die Namen. „Beim Auswählen der Kollegen habe ich mir überlegt, dass es nicht zuletzt aus Zeitgründen angebracht ist, die Leute, die schon vor Ort die ersten Fakten zusammengestellt haben, für diese Vorgänge weiterhin einzusetzen. Und dementsprechend wurden auch die Gruppenleiter festgelegt: Konrad für den Behnke-Mord und Hatice im Fall Bergfeld.“

Ein heiserer Pfiff ertönte aus dem Hintergrund. „Glückwunsch Kalle, deine erste eigene Ermittlung, für die du die Verantwortung hast.“

Ein paar Leute applaudierten leise. „Darauf musst du einen ausgeben.“

Hatice errötete etwas. Kalle war ihr Spitzname unter den Kollegen, aber niemand wusste, wie sie dazu gekommen war.

Aus dem Augenwinkel bemerkte Sabine, wie Daniel Kelms Mund ein wenig schmaler wurde. Sie drehte sich zu ihm und sagte halblaut: „Dass ich mich nicht für dich entschieden habe, hängt nicht mit deinen Fähigkeiten zusammen, sondern einzig und allein mit der Tatsache, dass du bald zu einem Lehrgang gehst und dann für ein paar Wochen nicht zur Verfügung stehen wirst.“

„Schon gut.“ Er nickte reserviert.

„Dann lasst uns jetzt zu einer kurzen Darstellung der beiden Fälle kommen. Konrad fängt mit seinem an.“

„Die Fakten sind schnell erläutert: Ute Behnke, dreiundvierzig Jahre alt, alleinlebend, bekommt gestern Abend Besuch. Der Mann – wir gehen von einem männlichen Täter aus – verschafft sich Einlass in die Wohnung ohne Schaden anzurichten. Wahrscheinlich hat sie ihn freiwillig hineingelassen, weil sie ihn kannte und ihm vertraute, oder er hat sie mit einer Waffe bedroht. Im Folgenden bringt der Täter die Frau dazu, sich auszuziehen und schnürt ihr mit Kabelbinder die Hände auf dem Rücken zusammen. Dann wird an einem breiten Deckenhaken im Wohnzimmer ein Seil befestigt und das andere Ende dem Opfer mit einer Schlinge um den Hals gelegt. Sie muss sich auf einen Stuhl unter den Haken stellen. Zwei Meter entfernt steht ein weiterer Stuhl, der so positioniert ist, dass man von dort aus die Szene im Blick hat. Wie lange der Täter die Frau in ihrer demütigenden Stellung beobachtete, lässt sich nicht feststellen. Irgendwann wird jedenfalls der Stuhl weggestoßen, auf dem Frau Behnke steht, und es kommt zur Strangulation mit Todesfolge. Eine Nachbarin, die am heutigen Morgen Licht in der Wohnung sieht, alarmiert die Feuerwehr. Der Notarzt fand auf dem Körper keinerlei Zeichen für massivere Gewalteinwirkung oder Hinweise auf eine Vergewaltigung …“

„Der Mann kommt also in die Wohnung, um sie genau auf diese Weise zu ermorden?“

„So sieht es aus. Es liegt demzufolge nahe, dass es eine Verbindung zwischen Opfer und Täter gibt. Was wir bislang über sie erfahren konnten, ist nicht sehr viel: Ute Behnke arbeitet in der Verden-Bank als Filialleiterin. Sie ist als freundliche aber zurückhaltende Kollegin bekannt, gilt als ausgesprochen korrekt und besitzt in finanztechnischen Dingen einen überdurchschnittlich hohen Wissensstand. Befragungen von Nachbarn ergaben in privater Hinsicht keine weiteren Erkenntnisse. Ein dreißigjähriger Cousin der Frau tauchte später in der Wohnung auf, konnte aber auch nicht sehr viel sagen …“

„Ein hochmütiger Schnösel, der sich wahrscheinlich immer nur dann meldete, wenn er Geld brauchte“, warf Schirad ein. „Das belegen ein paar Kontoauszüge.“

„Er war nicht sehr ergriffen über den gewaltsamen Tod seiner Cousine. Ein ausführliches Gespräch mit ihm steht noch aus. Aber bevor jemand von euch fragt: der Mann hat ein sicheres Alibi für den gestrigen Abend und die Nacht.“ Konrad blätterte in seinem Notizbuch eine Seite weiter. „Beim Durchsehen der Sachen fanden wir ein paar wenige Namen, die Identitäten müssen wir noch abklären. Laut Aussage der Nachbarin, die auf demselben Treppenabsatz wohnt, kam des Öfteren eine Frau um die Fünfzig mit einem kleinen schwarzen Hund zu Besuch.“

Jemand im Hintergrund imitierte leise ein Bellen.

„Nicht gerade viel“, meinte Sabine.

„Nein, leider.“

Hatice nickte in Daniels Richtung und begann: „Tröstet euch, wir haben noch weniger. Nils Bergfeld, 41 Jahre alt, Bauunternehmer aus Weißensee, wurde heute Morgen gegen 05.30 Uhr in einer kleinen, spärlich beleuchteten Straße in Blankenburg mit einem spitzen Gegenstand erschlagen. So wie die Wunde in seinem Schädel aussieht, könnte die Tatwaffe ein Werkzeug gewesen sein. Schraubenschlüssel, Hammer oder so etwas. Zeugen gibt es nicht. Unklar ist bis jetzt auch noch, wo Bergfeld um diese frühe Zeit herkam oder hinwollte, da sich sein Geschäftssitz in Wartenberg befindet.“

„Gibt es Anzeichen dafür, dass sein Mörder dort auf ihn gewartet hat?“

„Es mangelt in dieser Straße nicht an Möglichkeiten, für eine gewisse Zeit unbemerkt herumzustehen: Hauseingänge, größere Bäume und die Einfahrt zu einem Garagengrundstück, die offenstand. Die Kollegen von der Spurensicherung haben sich gefreut, zumal es heute früh geregnet hat, wie ihr wisst.“

„Was gibt es über diesen Bergfeld zu sagen?“

Die Kriminalbeamtin schmunzelte. „Etwas mehr als über die Frau aus der Bank. Unser Opfer besitzt ein Bauunternehmen, das diverse Innenarbeiten anbietet. Es gibt insgesamt zwanzig Angestellte, die mehrheitlich schon seit ein paar Jahren in der kleinen Firma tätig sind. Ihre Befragungen stehen noch aus. Was das Geschäft angeht, gibt es auf den ersten Blick keine Unregelmäßigkeiten oder Differenzen mit Kunden. Die Kontoauszüge weisen ein Plus im sechsstelligen Bereich auf.“

„Hat er Verwandte hier in Berlin?“

„Nicht, soweit wir wissen. Beide Eltern sind tot, ein jüngerer Bruder lebt mit seiner Familie in Bayern.“

„Wie sieht es mit Freunden aus?“

„Freundschaften im engeren Sinne scheint Bergfeld nicht gehabt zu haben. Allerdings gibt es hunderttausend Bekannte und wahrscheinlich auch genauso viele Affären, denn längerfristige Beziehungen hatte er nur eine einzige – da soll es sogar eine Verlobung gegeben haben. Daniel wird nachher versuchen, die Identität dieser ehemaligen Verlobten herauszufinden.“

„Zudem werden wir uns heute noch mit zwei der Bekannten unterhalten, sie kommen nachher zu uns ins Büro.“

„Sonst irgendwelche Auffälligkeiten im Leben dieses Mannes?“

„Nein. Jedenfalls keine, die wir in der Kürze der Ermittlungen herausfinden konnten. Von Montag bis Freitag stand die Arbeit im Mittelpunkt, er war oft der Erste und der Letzte in der Firma. Am Wochenende ging er zum Fußball, er hatte eine Dauerkarte für das Olympiastadion …“

„Und an spielfreien Tagen fotografierte er gern die schönen Seiten der menschlichen Natur“, scherzte ein Kollege.

„Die schönsten, mein Lieber.“ Hatice verzog den Mund zu einem selbstbewussten Lächeln.

Ihre Chefin hatte sich Notizen gemacht und schaute nun mit nachdenklicher Miene hoch. „Kein einfacher Fall, den ihr zu bearbeiten habt.“ Es klang fast, als würde sie es schon bereuen, den jüngeren Kollegen so eine umfangreiche Ermittlung anvertraut zu haben.

„Hoffen wir nur, dass es keine Zufallsbegegnung war“, meinte Schirad, „und da draußen ein Irrer herumläuft.“ Dann fiel ihm etwas ein: „Was ist eigentlich mit Verpflegung, wo wir ja heute sicherlich bis spätabends hier sein werden?“

„Gute Frage. Bestellen wäre wohl das Beste …“

Hatice hob die Hand. „Ich werde meinen Paul anrufen, der muss uns etwas zu Essen und Getränke vorbeibringen.“ Sie schob einen leeren Zettel in die Mitte. „Schreibt mal auf, was ihr haben wollt.“

Es wurden eilig alle Wünsche zusammengetragen.

Sabine räusperte sich. „Eine Information habe ich noch zum Abschluss.“

Alle Augen richteten sich wieder nach vorn.

„Der Polizeidirektor hat mir heute mitgeteilt, dass man eine Art Organisationsuntersuchung in Auftrag gegeben hat, um von externen Sachverständigen feststellen zu lassen, wie es um den Personalbestand der Berliner Polizei bestellt ist …“

„Schlecht“, fiel ihr Klaus ins Wort. „Das kann ich dem Innensenator oder sonst wem in den Führungsetagen auch ohne Analyse sagen. Wenn man jahrelang tatenlos zuschaut, wie mehr Kollegen in Pension gehen als neue eingestellt werden …“

„Das musst du uns nicht erzählen.“

„Ich weiß. Entschuldige.“

Sie legte die Hände auf den Tisch. „Ich wollte euch lediglich mitteilen, dass in den nächsten Tagen eine Frau Landis, Polizeirätin aus Hannover mit Erfahrungen in Personalstrukturoptimierungen, bei uns hospitieren wird.“

„Die soll ausgerechnet unsere Kommission bei der Arbeit beobachten?“

„So ist es beschlossen worden.“

Konrad deutete mit der rechten Hand über die Schulter. „Und für diese Frau wurde der neue Schreibtisch nebenan geliefert?“

„Jawohl.“

„Wir haben doch momentan gar keine Zeit, um uns auch noch mit solchem Unfug auseinanderzusetzen.“

Sabine spreizte ihre Finger. „Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass sie gerade jetzt einen Eindruck davon bekommt, was für einer Belastung wir ausgesetzt sind.“

VII.

D

ie altmodischen Stuckverzierungen über dem Hauseingang hatten etwas majestätisches, respekteinflößendes. Mit ihnen wurde ein Klassenunterschied betont, damals in der Gründerzeit. Heute auch. Ich blieb stehen und zündete mir eine Zigarette an. Das tat ich immer, wenn die wöchentliche Sitzung bei meiner Therapeutin beendet war. Ein verächtliches Schnaufen. Therapie, was für ein blödes Wort! Bedeutete es nicht Heilung? Als ob es bei mir noch irgendetwas zu therapieren gäbe – die Aussichtslosigkeit meines Daseins musste doch mittlerweile auch ihr klargeworden sein. Warum vereinbarte sie trotzdem immer wieder einen neuen Termin mit mir?

In dieser Praxis mit den hohen Räumen, in denen man sich so klein fühlte.

Als jemand das Haus betreten wollte, machte ich einen Schritt zur Seite und der Wind blies unangenehm in den Kragen meiner dünnen Jacke. Ich sollte mir für den nahen Winter eigentlich eine dickere kaufen. Aber wovon? Das Wenige, was blieb, reichte gerade mal für das Allernotwendigste. Mein Etat wies absolut keinen Spielraum für Sonderwünsche auf. Ich spuckte auf den Bürgersteig und überlegte, was mit dem Rest des Abends anzufangen war.

Nichts, wie immer. Einsamkeit.

Einzig das Niederschreiben meiner Gedanken blieb – meine Therapeutin empfahl es mir jedes Mal. So hatte ich am vorigen Wochenende damit begonnen, und anfangs konnte ich sogar ein wenig Frust damit herauslassen. Es war, wenn man so wollte, ein Ventil. Viele Menschen hatte ich ja nicht mehr, mit denen ich mich ehrlich austauschen konnte. Das Leben hatte sich von mir verabschiedet, darüber mussten eigentlich keine Worte mehr verloren werden.

Und doch wuchs seit kurzem diese Kraft in mir, geboren aus einer verzweifelten Wut ...

Nachdem ich die Zigarette ausgetreten hatte, lief ich bis zur Hauptstraße und dann einfach ziellos die Magistrale entlang in Richtung Zentrum. Hier war der Gehweg so breit, dass ich auf keinen, der mir entgegenkam, Rücksicht nehmen brauchte. Ich konnte den Kragen bis oben zuknöpfen, nicht nach rechts und links sehen und einfach nur gehen. Immer weiter laufen. Kilometerweit. Ohne auf irgendetwas zu achten oder überhaupt wahrzunehmen, wo ich mich gerade befand. Mit jedem Schritt wurde ich gelassener und die Bilder der jüngeren Erinnerung schoben sich vor meinem geistigen Auge zusammen wie Filmsequenzen. Ein Rückblick auf die vergangenen Tage in Zeitlupe.

Und noch bevor ich im Geiste die Worte dafür fand, kamen einige Fragen. Manche bruchstückhaft.

Wie weiter?

Wirst du den Weg überhaupt weitergehen?

Wenn ja, … ein Plan?

Wer soll der Nächste sein?

*

Konrad und Klaus saßen sich im Büro an ihren Schreibtischen gegenüber.

Hofer legte nach einem Telefongespräch mit seiner Frau den Hörer auf.

„Beate ist gewiss begeistert, dass du die nächsten Tage kaum zu Hause sein wirst, oder?“

„Ihre Enttäuschung hielt sich merkwürdigerweise in Grenzen“, antwortete er zögerlich. „Allerdings wollte sie gerade heute irgendetwas mit mir besprechen.“

„Was denn?“

„Hat sie mir nicht gesagt.“

„Redet ihr eben an einem anderen Abend darüber.“

„Kennst du das Gefühl oder besser gesagt die Ahnung, die einen manchmal überfällt, wenn Unangenehmes ansteht?“

„Ja …“

„Wenn der andere so Halbsätze fallen lässt, wie: `Ist nichts fürs Telefon´ oder `Müssenwir uns in Ruhe hinsetzen´.“

„Wie steht es um eure Ehe?“

„Gut“, kam Konrads prompte Antwort.

„Sicher?“

„Ja dochörer auf.HöHhhhhi9i9i8uilguzuigzui!“ Ein leichtes Stirnrunzeln. „Würde ich behaupten wollen.“

„Dann gibt es vielleicht nur irgendein Problem mit den Kindern.“

„Du bist wirklich gut darin, jemanden zu beruhigen.“

„Deine Kinder sind erwachsen – oder was Janett betrifft, so gut wie …“

„Eben.“

„Was soll es da schon Großartiges geben?“ Schirad griente. „Außer einer ungewollten Schwangerschaft vielleicht.“

„Danke …“

Es klopfte an der angelehnten Tür.

„Herein.“

Eine Frau um die Fünfzig sah ins Zimmer. „Guten Abend. Sind Sie verantwortlich für den Mord an meiner Freundin, Frau Behnke?“

Klaus lehnte sich zurück. „Für den Mord nicht, aber für die Aufklärung schon. Treten Sie ein und nehmen Sie Platz.“

„Darf mein Hund auch mit in Ihr Büro?“

„Wenn er stubenrein ist, bitte.“

„Selbstverständlich.“ Sie machte ein leises Geräusch mit den Lippen und ein kleiner schwarzer Pudel folgte ihr.

Konrad deutete auf einen Stuhl, der für Besucher an der Stirnseite der Schreibtische stand.

„Mein Name ist Gesine Fritsch“, sagte die Frau und setzte sich. Der Hund rollte sich unter dem Stuhl zusammen. „Ute war meine Freundin. Von ihrer Nachbarin habe ich vorhin gehört, was passiert ist. Als ich den ersten Schrecken überwunden hatte, wusste ich: du musst zur Polizei gehen und alles zu Protokoll geben. Ich kann Ihnen nämlich sagen, wer Ute umgebracht hat.“

Klaus zog die Augenbrauen hoch und rückte ein Stück näher. „Das würde uns natürlich interessieren.“

„Robert Sensmann.“ Der Name kam so schnell wie die Antwort bei einem Quizduell.

„In welcher Beziehung stand dieser Mann zu Frau Behnke?“

„Er hat ihr vorgegaukelt, sie zu lieben.“

„Und das war nicht der Fall?“

„Nein.“

„Woher wissen Sie das?“

„Frauen mit Erfahrung haben einen Blick dafür.“

„Aha …“

„Ausgenutzt hat er Ute!“

„Inwiefern?“

Gesine Fritsch sah Schirad ungehalten an. „Wie solche Kerle Frauen eben ausnutzen. Finanziell. Hier mal ein paar Mark für die Reparatur des Autos – weil er ja momentan gerade nicht so viel verdiente – und ein anderes Mal einen kleinen Vorschuss auf die Erbschaft seines Onkels, die es nur leider nicht gab. Als Gegenleistung: falsche Gefühle und … Sex.“ Sie schlug für einen Moment die Augen nieder und zupfte sich eine Locke zurecht.

„Und daraus schlossen Sie, dass er es mit der Liebe nicht ernst meinte?“

„Jawohl.“

„Hat sich Ihre Freundin Ihnen gegenüber mal dementsprechend geäußert?“

„Das brauchte sie nicht. Wenn ich zu Besuch kam, war Ute in letzter Zeit öfter mal niedergeschlagen. Sie hatte diesen Robert nun vor gut einem Jahr bei einem Lehrgang kennengelernt …“

„Er ist also auch im Bankgewerbe tätig?“

„Nein, ihre erste Begegnung fand bei einem Erste-Hilfe-Kurs statt. Diesen Job machte er nebenberuflich, soviel ich weiß. Eigentlich ist er als eine Art Wachschutzmann tätig.“

„Wo genau?“

„Überall und nirgends. Manchmal wird er für die Absicherung von Großveranstaltungen herangezogen, oder er bewacht irgendwelche Ausstellungen. Bei welchem Unternehmen er tatsächlich angestellt ist, weiß ich nicht.“

„Kennen Sie die Adresse von Herrn Sensmann?“

„Bei Ihnen gibt es doch sicher ein Melderegister …“

„Wenn Sie uns sagen, wo er wohnt, ginge es schneller.“ Klaus blickte mit schmalem Mund auf einen Punkt irgendwo neben der Tür.

„In dem blauen Haus hinter unserem Einkaufscenter. Zweiter Eingang, von der Straßenbahnhaltestelle aus gesehen. Ich habe Ute und ihn mal dort hineingehen sehen, als ich mit meinem Süßen“, sie zeigte unter den Stuhl, „spazieren war. Nicht, dass Sie denken, ich hätte den beiden hinterherspioniert.“

Konrad ließ eine kurze Pause. „Nun ist es ja von der vermuteten Vorteilsnahme bis zu einem Mord ein gewaltiger Schritt …“

„Ich bleibe dabei: er war hinter ihrem Geld her.“

„Unsere Leute haben Frau Behnkes Wohnung gründlich durchsucht. Es fanden sich neben einigen wertvollen Schmuckstücken eine gewisse Summe Bargeld und Geldkarten. Meinen Sie nicht, Herr Sensmann hätte sich all diese Dinge nach der Tat angeeignet?“

„Sie haben miteinander gestritten, die Situation ist außer Kontrolle geraten und er wollte danach nur noch weg. So könnte es doch gewesen sein, oder?“

„Es sah nicht …“

Frau Fritsche hob den Finger. „Haben Sie denn einen Schuldschein gefunden?“

„Schuldschein? Wofür?“

„Wie ja bereits erwähnt, hat sie ihm in Erwartung dieser Erbschaft eine größere Summe geliehen. Das hat sie mir gesagt.“

„Wieviel?“

Fast flüsternd kamen die nächsten Worte: „Einen vierstelligen Betrag. Ich habe sie erschrocken nach Sicherheiten gefragt, und da verriet sie mir, dass es etwas Schriftliches gibt.“

„In welcher Form?“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Wann war das genau?“

„Ich glaube, der Sommer begann gerade. Vor etwa vier, fünf Monaten. Vielleicht …“

Konrad erhob sich. „Haben Sie vielen Dank dafür, dass Sie so schnell zu uns gekommen sind. Wenn sich weitere Fragen ergeben, melden wir uns.“

VIII.

D

ie Frage ist natürlich bei allem, was man tut und wie man es letztlich zum Ende führt, ob die Leute es auch als Zeichen verstehen. Als Hinweis, dass hier ein verzweifelter Mensch gehandelt hat. Bei der Behnke bin ich mir nicht mehr so sicher, ob das Arrangement einen deutlichen Bezug zu ihrem Handeln erkennen lässt. Die meisten werden denken, hier war ein sexuell gestörter Triebtäter am Werk, denn die Platzierung der Stühle wird ihnen ja kaum entgangen sein. Sie werden annehmen, hier hat ein Perverser dem Todeskampf seines Opfers zugesehen und sich dabei befriedigt.

Aber darum ging es ja nicht.

Die Behnke sollte so nackt und schutzlos vor mir stehen, wie ich auch vor ihr stand. An jenem verfluchten Tag, wo die Welt um mich herum zusammenfiel wie ein Bausteinhaus aus losen Klötzern. Klack klack klack, und dein Leben ist kaputt.

Ich sehe immer wieder den abschätzigen Blick dieses gefühllosen Miststücks, der feinen Frau Filialleiterin, die mit einer Handbewegung und dem anschließenden Kopfschütteln Hoffnungen vernichtete.

Es ging mir um ihre entblößte Angst. Die Herrscherin über Kredite und fremde Schicksale sollte einmal in ihrem Leben selber winseln und betteln. Und das hat sie getan, oh ja! Und auch dies war gewissermaßen eine Genugtuung: zwischen all den weinerlichen Angeboten und Beteuerungen mit einem Mal zu erahnen, was diese Frau selber für ein erbärmlich enges Dasein geführt hat. Als die Fassade von unerbittlicher Korrektheit sie nicht mehr schützen konnte.

Noch während sie röchelte, bin ich aufgestanden und habe die Wohnung verlassen.

Und nun grübele ich darüber nach, ob ich nicht doch einen Hinweis hätte dalassen sollen.

Aber es ist ja bei anderen Gelegenheiten noch Zeit.

Irgendwann wird jemand die Zusammenhänge und damit auch die Bedeutung des Ganzen erkennen.

*

Im Konferenzraum der Mordkommission waren zu später Stunde – die Uhr ging auf Mitternacht zu – nur noch drei Kollegen anwesend: Sabine Perl, Hatice Özdekim und Klaus Schirad. Die Übrigen waren nach Hause geschickt worden, da die wenigen Stunden bis zum nächsten Dienstantritt kurz genug waren und die Chefin am kommenden Morgen halbwegs ausgeschlafene Mitarbeiter sehen wollte.

Klaus warf einen Blick hinter die Abfalltüte mit den Verpackungen ihres Essens. „Drei Flaschen Bier sind noch da. Wie abgezählt.“ Er drehte sich zu seinen Kolleginnen um. „Noch eines zum Feierabend?“

Sabine drehte ihre Armbanduhr nach oben.

„Auf die Viertelstunde kommt es jetzt auch nicht mehr an“, meinte Hatice.

„Und dein Mann schläft bestimmt schon, oder?“ Schirad griente.

„Das hoffe ich. Also gut, wäre ja schade, die Flaschen stehenzulassen.“

„Genau.“

Sie prosteten sich zu.

Dann eine kurze Stille, in der jeder seinen Gedanken nachhing. Nur das leise Ticken einer Wanduhr war zu hören.

„Ich mag es, nachts hier zu sein“, sagte Hatice wie zu sich selbst.

„So schlecht steht es schon um die Beziehung mit Paul?“, fragte Klaus betont harmlos.

Sie rutschte ein wenig nach vorn und trat ihrem Kollegen seitlich gegen das Schienbein. „… Keine Sorge, alles in Ordnung.“

Sabine nahm einen Schluck und unterdrückte das Rülpsen. „Also, ich bin froh, wenn ich um diese Zeit in meinem Bett liegen und schlafen kann.“

„Ich meinte diese nächtliche Ruhe, wenn nur ein paar Leute hier im Haus sind und man weitestgehend ungestört ist. Zeit hat, um nachzudenken oder Tageseindrücke nochmal in Zeitlupe an sich vorbeilaufen zu lassen.“

„Das kenne ich. Welcher Eindruck war denn heute der stärkste für dich?“

„Der stärkste?“ Ein langes Ausatmen. „Was für eine überraschende Frage. Hm, ich glaube, der Gesichtsausdruck des Toten in Blankenburg.“

„Inwiefern?“

„Es lag etwas Erstauntes in seinen Zügen. Sie waren nicht schmerzverzerrt, wie man es vielleicht erwarten würde, sondern irgendwie … verwundert.“

„Er hatte mit einem Überfall natürlich nicht gerechnet.“

„Ein erschrockener Blick unter diesem Aspekt sieht anders aus.“ Sie lächelte verlegen. „Ich deute sicher zu viel hinein, aber für mich sah es so aus, als hätte er genau diesen Angreifer als letzten erwartet.“

„Er kannte demnach seinen Mörder …“

„Ja.“

„Zumindest gibt es eine Beziehung“, meinte Klaus. „So viel steht fest. Die Möglichkeit, dass es ein Verrückter war, bei dem aus irgendeinem Grund die Sicherungen durchgebrannt sind, können wir wohl verwerfen.“

„Dem stimme ich zu“, nickte die Chefin. „Ein derartiger Amokläufer wäre in den darauffolgenden Stunden mit Sicherheit erneut auffällig geworden.“

„Dem Täter muss also bekannt gewesen sein, dass Bergfeld durch diese Straße kommen würde – eine kleine Nebenstraße, durch die man nicht zufällig geht. Dieses Wissen konnte aber nur jemand haben, der ihm nahe stand, denn bis jetzt konnten wir nicht die geringste Verbindung zu dieser Gegend herstellen. Wir haben die Adressen aller Bekannten abgeglichen, die seiner Beschäftigten, und in der Kundenkartei findet sich auch niemand, der dort wohnt.“

„Schade …“

„Du sagst es. Das macht die Sache kompliziert.“

„Die große Frage ist demnach: Was hat er dort in aller Herrgottsfrühe gemacht?“

„Exakt.“

Schirad drehte mit einem süffisanten Lächeln seine Flasche. „Wahrscheinlich das, was Männer so in fremden Gegenden machen.“

Hatice runzelte die Stirn. „Was machen denn deine Geschlechtsgenossen weitab von zu Hause? Klär uns mal auf.“

„Sie verbringen die Nacht bei einer Frau, die sie erst am Abend zuvor irgendwo kennengelernt haben.“

„Aha. Wieso war Bergfeld zu Fuß unterwegs?“

„Er hatte Alkohol im Blut. Möglicherweise fand das Zusammentreffen in einer Bar statt und sie lud ihn dann zu sich ein.“

„Wieso hat er sich morgens kein Taxi gerufen? Geld spielte doch keine Rolle.“

„Der Abschied von der Geliebten geschah in aller Stille. Und unten auf der Straße hielt er schon Ausschau nach einem gelben Schild, als er plötzlich attackiert wurde.“

„Aber woher weiß der Täter von dieser flüchtigen Bekanntschaft?“

„Er hat die beiden beobachtet.“ Klaus wölbte den Mund. „Vielleicht hatte er sein Opfer schon seit längerem auf dem Radar und folgte ihm. Und diese dunkle Nebenstraße kam ihm gelegen, sie war der ideale Ort für sein Vorhaben. Um diese Zeit menschenleer und somit keine Zeugen. Und was das Wichtigste ist: keine lokale Verbindung zu ihm.“

„Bedeutet das nicht auch, dass die Person – möglicherweise eine Frau –, die Bergfeld besucht hat, in unmittelbarer Nähe wohnt?“

„Gewiss. Der Mörder musste sicher sein, dass sein Opfer genau an dieser Stelle vorbeikommt.“

„Denkbar ist, dass er in einem Auto gewartet hat, denn die Nächte sind schon zu kalt, um längere Zeit im Freien auf einer Stelle zu stehen.“

„Vielleicht hat ein Anwohner zufällig das fremde Auto gesehen und meldet sich.“

Hatice stöhnte ungläubig.

„Wirst du mit Daniel klarkommen?“, fragte Sabine unvermittelt.

„Ich denke, es wird funktionieren. Wir kennen uns ja jetzt schon eine Weile.“

„Es könnte sein, dass er dich als Teamleiterin nicht akzeptiert. Sein Blick sprach Bände, als ich meine Entscheidung verkündet habe.“

„Er ist einfach enttäuscht, weil er schon lange von solch einem Vertrauensbeweis träumt. Aber wenn ich ihn in die Entscheidungsfindungen mit einbeziehe, werden wir gut zusammenarbeiten können.“

„Eine Mannschaft, in der vorwiegend jüngere Kollegen sind, geht den Fall sicher ein wenig forscher an. Vielleicht ganz gut bei den eben erwähnten Schwierigkeiten.“

Schirad brummte. „Und für uns alte Säcke bleibt die Fahndung nach einem perversen Frauenmörder. Einem, dem es Spaß macht, reifere Damen aufzuhängen.“

„Macht dich das Bier auf einmal trübsinnig?“

„Nein …“

„Auch kein leichter Fall. Aber die Ermittlung liegt bei deinem Freund Konrad und dir in guten, erfahrenen Händen.“

„Solche Sätze höre ich sehr gerne.“ Er stand mit einem verschmitzten Zucken um die Mundwinkel auf. „Aber jetzt lasst uns Feierabend machen. Alte Leute brauchen – entgegengesetzt aller klugen Sprüche – ein gewisses Pensum an Schlaf.“

Konrad schloss behutsam die Eingangstür seiner Wohnung und hing den Schlüssel ans Brett. Aus den Zimmern drang kein Geräusch, was darauf schließen ließ, dass seine Familie auch an diesem fortgeschrittenen Abend schon im Bett war. Er bemühte sich leise zu sein und ging in die Küche, ohne Licht zu machen.

Noch ein paar Minuten im Dunklen sitzen, über den Tag nachdenken und dabei ein kaltes Bier trinken, dachte er. Wie schon so oft, wenn er wieder mal zu spät nach Hause gekommen war und niemand mehr auf ihn gewartet hatte.

Als er sich zum Kühlschrank vortastete, stand plötzlich ein weißer Schatten vor ihm.

Sein Herz stolperte für einen Schreckensmoment.

„Warum machste denn keen Licht an?“, fragte die Silhouette mit einer Mädchenstimme.

„Und du?“

„Wat?“

„Du tappst ja auch im Finsteren hier herum.“

„Ick kann ooch ohne Lampe allet sehen. Und im Kühlschrank, wo meine Buttermilch jestanden hat, is es hell.“

„Seit wann trinkst du Buttermilch?“

„Schon immer.“

„Aha … Muss ich immer verpasst haben.“

„Jut möglich, wo du so selten da bist.“

„Wen habe ich bloß schon mal so etwas Ähnliches sagen gehört?“

„Een anderes Mitglied unserer Familie? Insjesamt sind wa vier. Zur Erinnerung.“

„Danke. Sehr schöner Dialog.“

Der weiße Schatten lachte leise und gab ihm einen Kuss. Dann wurde das Deckenlicht angeschaltet.

Hofer blinzelte und sah seine Tochter Janett in einem langen weißen Nachthemd vor sich stehen. „Schick. Ist das jetzt wieder in Mode?“

„Ick find´s cool.“

„Meine Oma hat solche Dinger getragen.“ Er nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank und sie setzten sich an den Tisch.

„Wie läuft es mit der Ausbildung?“

„Die haben mich rausjeschmissen.“

Konrads Hand verkrampfte sich um die Flasche. „Was sagst du da?“

„War ´n Witz.“ Ihre Augen deuteten ein leichtes Schielen an. „Wie soll´s schon loofen? Jut.“

„Ah, so ausführlich wollte ich es gar nicht hören.“

„Na ja, wenn ick fertig bin, mache ich sowieso wat anderet.“

„An was dachtest du denn?“