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Für Menschen im Exil verschwimmen häufig die Konturen ihrer Identität, die ungewohnte fremde Umgebung verstärkt Zweifel am eigenen Ich. Gaito Gasdanows Emigration nach Frankreich ließ ihn regelrecht zum Experten für solche Seelenzustände werden: Seine Prosa kreist immer wieder um Schicksale, deren Umrisse verfließen, die eine Umkehr und Neuausrichtung erleben oder im Rückblick die Geschichte eines Lebens in anderem Licht erscheinen lassen. Die in diesem Erzählband zusammengefassten Texte vereint, dass alle von solchen unerwarteten und manchmal kaum erklärlichen Umschwüngen im Leben der Figuren berichten: Da ist der große Opernsänger, den überraschend eine tropische Krankheit befällt, die betörend schöne Rumänin, die durch den Krieg ein neues Leben in Italien beginnt, der Reiche, der den Wunsch verspürt, arm zu sein, und aus seiner Vorstadtvilla in eine Kiste auf der Straße zieht … Mit stiller Melancholie und psychologischer Tiefenschärfe entwirft Gaito Gasdanow in neun Erzählungen ein poetisches Schattenreich, in dem sich Wirklichkeit und Erinnerung, Vergangenheit und Gegenwart überlagern – die in Laternenlicht und Nebel getauchte Welt einer Pariser Winternacht.
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Seitenzahl: 265
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Die Wandlung
Straßenlaternen
Riccardis Verschwinden
Der Wasserfall
Die Narbe
Prinzessin Mary
Salomes Schicksal
Der Bettler
Iwanows Briefe
In der Fremde Nachwort
Anmerkungen
Ô Mort, vieux capitaine, ilest temps ! levons l’ancre !
Ce pays nous ennuie, ô Mort !
Appareillons !
Charles Baudelaire, Le Voyage1
Ich streunte wie immer durchs unermessliche Chaos entlegenster Vorstellungen. Und wie ein Vagabund, der, verlässt er seine Stadt, zunächst bekannte Vorstädte und heimische Orte sieht und erst danach in unbekannte Landstriche vorstößt, wobei in seine Brust die Kälte des Unerforschten einzieht, er leicht hinkend geht und sich ständig umdreht – wie ein Vagabund trat auch ich meine Reisen jedes Mal bei vertrauten Träumen und vertrauten Gedanken an. Im Traum hörte ich ein durchdringendes Klingen, wie wenn jemand mit einem Eisenstöckchen gegen eine dünne Messingscheibe schlüge; dann wurde das Klingen von einem leichten Scharren abgelöst; ich sah einen nackten Mann, der sich auf einem flachen Bronzekreis drehte; lange wirbelte er vor mir, verschwand dann, aus dem Nachbarzimmer tönte darauf eine Uhr, deren Schlagwerk eine uralte Melodie spielte; das Lied der Uhr klang wie eine Glocke in dichten Wolken; das ließ plötzlich eine lange Reihe zarter Bilder aufleben, die zerstoben, sobald ich den Kopf vom Kissen hob oder die Hand zum Nachttisch ausstreckte. Im Lauf langer Jahre spielte die Uhr ein und dasselbe glasklare und gedankenverlorene Motiv aus dem Zeitalter der Empfindsamkeit; die Uhr suchte mich zu überzeugen, dass zu ihrer Melodie schon viele Leben vergangen seien und dass sie klinge wie immer – und nie ändere sich etwas; sie begleitete meine Tage mit unbeweglichen Glasaugen. Ich entsinne mich, in einer Großstadt Südrusslands, in einem schäbigen Mietshaus, wohnten zwei Damen in gleich möblierten Zimmern, die eine über der anderen. Die Dame, die oben wohnte, lag im Sterben, »Lymphgefäße«, sagte man mir, heiße die schreckliche Krankheit, und ich stellte mir vor, im Leib der bleichen und dicken Frau stünden Dutzende von Becherchen mit einer weißen Flüssigkeit, und diese Flüssigkeit werde nun dunkler, blutfarben, deshalb liege die Dame im Sterben. Die andere Dame, einen Stock tiefer, spielte tagelang Klavier; und am Todesabend der »Lymphgefäßkranken« war von unten die ganze Zeit die Elegie von Massenet zu hören; oben jedoch lag auf dem Tisch der aufgedunsene Leichnam, und mit weißer Leinwand waren die Spiegel verhangen. Mir fiel diese Geschichte einmal im Restaurant ein, als das Grammophon solch eine bekannte Melodie spielte; ich versank in Nachdenken; die Schallplatte drehte sich längst nicht mehr, doch ich aß immer noch nicht; weißer Dampf stieg über der Suppe auf, und Leinwandwellen flossen die Spiegel herab.
Jeden Abend, wenn ich einschlief, war ich erschöpft von dem Ozean an Klängen, die durch mein Gehirn gezogen waren. In mir steckte eine gigantische Lärmwelt; sie begann mit Hummelgesumme, dazwischen flüsterte jemandes Stimme: »Runter, runter … Komm runter, verlass die Abstraktionen, dann wirst du alles begreifen. Runter, runter …« Die Stimme brach ab, die Hummel verstummte; nun zirpten Grillen; dann dröhnten Militärkapellen nicht mehr existierender Truppen; die toten Musiker marschierten durch mein Zimmer, bliesen wie gewohnt die Backen auf, und hinter ihnen kamen die nächsten; Hunderte von Melodien klangen bald näher, bald ferner, ich suchte vergebens, den zu erblicken, der mir die Hummeln, Grillen und toten Musiker schickte, der mir »runter« zuflüsterte; aber es war alles leer, nur der nackte Mann drehte sich weiter auf dem Bronzekreis, wortlos und wie toll. Und plötzlich trat Stille ein.
Ein solcher Spannungszustand wurde allmählich unerträglich; und so schrieb ich an graugelben Tagen, eine Zigarette im Mund und das Gesicht vom Rauch verzogen, die Memoiren von Mister Thomson, einem britischen Bürger, der in der Ruhe und Sorglosigkeit einer – brav den Sonntag einhaltenden – englischen Kleinstadt sein ganzes Leben zugebracht hat. Ich schrieb seine Memoiren und beneidete ihn, wie unerschütterlich er sich seines Rechts sicher war, das traditionelle Ale zu trinken, seine gute alte Pfeife zu rauchen und niemals ein anderes Leben anzustreben. Vor allem beneidete ich ihn, wenn er abends nach Hause zurückkehrte und seine Gattin, die verehrte Madame Thomson, so genannt, weil einer ihrer Verwandten in seiner Jugend einmal in Frankreich gewesen war – wenn Madame Thomson zu ihm sagte:
»John, das Essen steht auf dem Tisch!«
Und in ihrer Stimme schwang alles mit: Alter und Wohlhabenheit, Ehrbarkeit und die Gemütlichkeit des Häuschens, in dem sie sich vor zwanzig Jahren, nach der Heirat mit Mister Thomson, eingerichtet hatte – kurzum alles, was Madame Thomson ausmachte.
»John, das Essen steht auf dem Tisch!«
Worauf Mister Thomson sich gemächlich aus seinem Sessel erhob und zu Tisch ging, und danach setzte er sich wieder an den vorigen Platz; die Pfeife fiel ihm aus dem Mund, die Zeitung glitt raschelnd zu Boden. »Sind Sie wieder eingeschlafen, John?« – »Nein, ich schlafe nicht.« Und Mister Thomson beugte sich vor, um die Zeitung aufzuheben.
Ich schrieb die Memoiren und beneidete Mister Thomson; so wie er suchte ich zu leben, aber dazu fehlte es mir an England, an Madame Thomson, an einer Pfeife und einer eigenen Wohnung; außerdem war meine Seelenruhe vielfach gestört und kam nicht ins Lot. Zu allem Überfluss belästigte mich mein Nachbar.
Gesehen hatte ich ihn nie, er führte ein Einsiedlerleben. Ich wusste nur, dass nie jemand zu ihm kam, dass er arm war und längst nicht mehr jung. Diese Informationen erhielt ich vom Zimmermädchen, obgleich ich sie nicht danach gefragt hatte; sie war von unheilbarer Redesucht befallen, einer Krankheit, deren Ursprung mir klar wurde, als ich erfuhr, sie habe in ihrer Jugend zur Bühne gewollt und sogar in einem Theater debütiert; allerdings erfuhr ich nicht, wie aus der Schauspielerin das Zimmermädchen geworden war, denn das war das einzige Thema, über das sie sich nicht ausließ. Im Übrigen machte ihr Freund, der zweimal pro Woche kam, den Eindruck eines durchaus anständigen Menschen; seine trostlose Glatze war unter der Melone versteckt, das längliche Gesicht schaute zwischen Koteletten hervor und das Kinn senkte sich in wortloser Würde auf das weiße Hemd; er verbeugte sich stets tief und verwendete häufig unbestimmte Interjektionen, dabei lachte er edelmütig und ehrerbietig, und ich wusste nicht zu bestimmen, ob er nun Lakai war oder Schauspieler. Zuletzt stellte sich heraus, dass er einer mittelprächtigen Spielhölle als Agent Kunden zuführte.
Mein Nachbar also hätte nie jemandes Aufmerksamkeit erregt, wäre ihm nicht eine äußerst störende Unsitte eigen gewesen: Er schnäuzte sich zu laut. Niemals, weder vorher noch nachher, bin ich einem derartigen Menschen begegnet.
Er begann mit einem Räuspern; dann verstummte er, holte wohl das Taschentuch aus der Tasche; so verstrichen einige Augenblicke, und ich hatte ihn fast vergessen, da ertönte plötzlich ein lautes Dröhnen, das mich jedes Mal zusammenzucken ließ; das Dröhnen rollte durchs Zimmer, sodass ich mich des Eindrucks nicht erwehren konnte, mein Stuhl sei verrutscht. Alle Gespräche in allen Zimmern verstummten; nach kurzer Stille war aus dem Zimmer meines Nachbarn erneut ein Donnern zu hören; das Schnäuzen endete auf einem hohen, langgezogenen Ton, in dem ich wiederum eine sonderbare, lächerliche Traurigkeit zu hören meinte.
Eines Abends – ich sinnierte gerade über Madame Thomsons ruhiges Schicksal und über die glückliche Sinnlosigkeit ihres Daseins, hatte sie doch keine Kinder – klopfte bei mir der Nachbar. Ich ließ ihn eintreten; er bat um eine Zigarette, zündete sie an und ging, und sogleich befiel mich eine verworrene und vertraute Unruhe. Mir war, als hätte ich meinen Nachbarn erkannt; und ich redete mir ein, das sei einer meiner ständigen Irrtümer. Es passierte oft, dass ich mich so irrte. Insofern ich, solange ich zurückdenken kann, nichts Neues erfahren habe, kommen mir Menschen und Dinge, die mir begegnen, wie schon bekannt vor; ich habe zuweilen den Eindruck, als ob dieser fremde Mann da ein bekanntes Lächeln lächelte – und im gleichen Augenblick würde ich ihn erkennen, es wäre mein Spielpartner oder ein alter Mitschüler aus dem Gymnasium oder der Musiklehrer, der meiner Schwester Unterricht gab, und ich würde sagen: Iwan Iwanowitsch, fast hätte ich Sie nicht erkannt, und müsste lachen und würde ihm eine Zigarette anbieten, und wir fingen zu reden an, als wären wir erst gestern auseinandergegangen. Doch mir fällt ein, dass Iwan Iwanowitsch längst nicht mehr ist, dass ich noch nie alten Mitschülern begegnet bin, dass meine Partner dem Spiel und Russland treu geblieben sind und nun in russischen Spelunken schallend lachen, und dass ich hier allein lebe, in einer Fantasiewelt des Gestoßenwerdens und Zusammenzuckens, in der Nachbarschaft des ungerührten Ehepaars Thomson, das ich mir ausgedacht habe an einem gelbgrauen, nebligen Wintertag und das es niemals gegeben hat auf dieser Welt.
Mein Nachbar jedoch ging mir nicht aus dem Sinn. Dieser alte Mann mit den weißen Haaren und einem Gesicht, auf dem äußerste Spannung lag – es war, als würde er gleich vor Sie hintreten und die Augen aufreißen oder haltlos vor Ihnen zu weinen beginnen, dann verschwimmen und verschwinden; solche Gesichter sah ich im Traum –, dieser alte Mann erinnerte mich an einen anderen Menschen, den ich vor vielen Jahren gekannt hatte. Jener war jung gewesen, reich und immer fröhlich; er lächelte beständig, und lächelnd verspielte er Geld, lächelnd machte er einen Heiratsantrag, lächelnd heiratete er – und lebte, wie reiche Russen vor fünfzehn Jahren gelebt hatten; ich war damals ein kleiner Junge, diese Zeit kenne ich schlecht. Aber den jungen Mann mit dem beständigen Lächeln hatte ich mir gemerkt. Er hieß Filipp Apollonowitsch. Sein Nachname war Gerassimow.
Später war Filipp Apollonowitsch im Krieg; und im zweiten Kriegsjahr, das weiß ich noch, sagte jemand zu meiner Tante:
»Ach, wissen Sie das Neuste? Der Apollonowitsch hat sich erschossen.«
Nach diesem Satz vergingen lange Jahre, eine Unmenge kleinerer Ereignisse – Aufstände, Revolutionen, Reisen – führte mich weit weg vom Gedanken an Apollonowitsch; und aufgeschreckt aus dem Dämmerzustand, der für mein Leben nutzlos verstrichen war, schlug ich die Augen auf und sah, dass ich in Paris lebe: die Seine, die Brücken, die Champs-Élysées und die Place de la Concorde; jene Welt, in der ich früher gelebt hatte, war in Lärm aufgegangen und verschwunden: in der Luft langgezogene, phantomhafte Wolken, es pochen die Räder, summen die Hummeln, spielen die Musiker, ich aber stehe da, fast bewusstlos, und suche mein Bett, meine Bücher und das Rechenlehrbuch, und wieder wache ich auf und gehe Kaffee trinken: die Seine, die Champs-Élysées – Paris.
Mein Nachbar schien mir diesem Apollonowitsch zu gleichen. Obwohl er vor zwölf Jahren gestorben war, folglich jetzt nicht in Paris sein konnte; obwohl dieser Apollonowitsch jung, reich und immer fröhlich gewesen war, mein Nachbar dagegen alt war, arm und mürrisch, trotzdem gab es zwischen beiden eine kaum fassliche Ähnlichkeit. Beim nächsten Treffen mit dem Nachbarn konnte ich mich vollends davon überzeugen. Er stand im Flur, der erhellt war von einer elektrischen Glühbirne, und das Zimmermädchen setzte ihm lautstark die Gründe für ihre Theaterleidenschaft auseinander; sie tat es mit solcher Hitze und solchem Lärm, dass ich aus dem Zimmer trat, um nachzuschauen, ob nicht etwas passiert sei. Mein Nachbar hörte ihr zu, den Kopf gesenkt; dann hob er den Blick, und auf seinem ewig verstörten Gesicht erschien ein Lächeln.
Ich irrte mich nicht: Er war es, Apollonowitsch. Hastig nickte ich ihm zu und ging in mein Zimmer. Auf dem Schreibtisch lagen Mister Thomsons Memoiren: »Heute war herrliches Wetter, gestern Nacht jedoch hat es stark geregnet. Was veranlasst solche Veränderungen? Das weiß Gott allein, er ist über alles im Bilde. Hélène sagt sogar, er wisse, weshalb ich samstags so spät nach Hause komme. Der gestrige Regenguss ist, wie mir Mister Brown gesagt hat, sehr nützlich für das Gemüse, besonders die Tomaten. Wüsste doch gerne, weshalb Tomaten von Natur so rot sind.«
Ich schlug das Heft mit Mister Thomsons Memoiren zu. Mein Nachbar war also Filipp Apollonowitsch, der sich im zweiten Kriegsjahr erschossen hatte. Doch was für außergewöhnliche Erschütterungen hatten den jungen, lächelnden Menschen in einen alten Mann mit ruhelosem und schrecklichem Gesicht und grauem Haar verwandelt? Vielleicht hatte er öffentliche Gelder verspielt und musste Schande, Verachtung der Kameraden, Gefängnis und Verbannung ertragen? Vielleicht hatte er an einem Tag Frau und Kinder verloren? Vielleicht hatten Kriegsjahre, Schützengräben und ständige Todesgefahr ihn veranlasst, über sein Lächeln nachzudenken, und bei diesem Nachdenken hat er etwas Schreckliches erblickt – und nun lebt er und kann nicht mehr zu sich kommen vor Entsetzen?
Während seines kurzen Besuchs bei mir, als er um eine Zigarette bat und mich beim Weggehen flüchtig anschaute, hatte mich ein Gefühl bedrückt, plötzlich waren Unmut und Unzufriedenheit in mir aufgestiegen. In solchen Fällen brauchte ich gewöhnlich nur das Gedächtnis anzuspannen, und mir fiel ein, dass irgendetwas Unwesentliches der Anlass war, eine nachgehende Uhr, eine unbeglichene Schuld oder ein abgerissener Knopf. Diesmal jedoch war alles in Ordnung; es lag offensichtlich an meinem Nachbarn. Der alte Mann hatte etwas unsäglich Niederdrückendes.
Ich ging zu Bett und träumte, dass ich durch eine tiefe Schlucht gehe, die mich zu einem Fluss führt, und ich erkenne den Irtysch. ›Wie geschwind es mich nach Sibirien verschlagen hat‹, denke ich und steige ins Wasser; schon schwimme ich über die rasche bläuliche Wasserfläche; plötzlich verdunkelt sich das Wasser, wird schwarz wie eine Wolke. Ich schwimme, werde müder und müder, und mit einem Mal bemerke ich, dass vor mir ein Pferdeschädel mit großen gelbgrauen Zähnen langsam auf den Wellen schaukelt. Vogelschreie tönen aus der Schlucht. ›Weshalb habe ich mich bloß hier hergewagt? Ich kann doch schlecht schwimmen.‹ Da gerate ich in einen Strudel, drehe mich auf der Stelle und finde nicht heraus; mir schwinden die Kräfte. ›Tja‹, sage ich mir, ›ich ertrinke also. Was für ein alberner Tod, ich bin ja noch jung, ich könnte lange leben.‹ Ich denke an den Tod, blicke um mich und sehe plötzlich, dass gar nicht ich in einem Strudel kreisle, da ist auch kein Irtysch mehr, keine Schlucht – nur mein alter Bekannter, der nackte Mann auf der Bronzescheibe, dreht sich abermals vor mir. ›Gleich wird die Uhr schlagen‹, höre ich, und tatsächlich, wieder ist es, als klängen Glocken im Nebel; und erneut spielt ein Klavier mit verstimmten, klirrenden Saiten die Elegie von Massenet.
* * *
Einmal lag ich werktags im Wald bei Saint-Cloud im Gras und las Voltaire; um mich umzuschauen, blickte ich vom Buch auf. Ich sah Gras und Bäume und Buch vor mir – und schloss die Augen; hastige Gedanken bemächtigten sich erneut meiner Einbildung. ›Wir sind von einer unsichtbaren Wand umgeben‹, dachte ich. ›Beleidigungen und Drohungen, Gedanken und Wünsche anderer Menschen prallen daran ab, wir hören nur bisweilen ein dumpfes Tosen von der anderen Wandseite; aber wir sind verurteilt zu ewiger Einsamkeit. Und es verändert sich nichts; die seltsame Uhr, die ich im Traum schlagen höre, hat vielleicht recht. Da liege ich nun im Gras und lese ein Buch; genauso lag ich vor längerer Zeit in ebensolchem Gras in Russland; danach war es das gleiche in anderen Ländern. Alles, was je mit mir in Berührung gekommen ist, alles, was ich zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten gesehen und gehört habe, existiert nicht mehr; Krieg, Soldaten, Schlachten; Kanonen sind Eisenschrott, überdeckt von der Asche der Zeit; längst liegen die schweren Anker der Dampfschiffe, auf denen ich fuhr, am Meeresgrund; längst ist mein Hund tot, mein bester Kamerad; und die Frau, die ich am heftigsten geliebt habe, als ich vierzehn war, singt wahrscheinlich schlüpfrige Chansons in sowjetischen Kabaretts, und hat sie ihren Auftritt absolviert, sitzt sie vor dem Spiegel, wischt sich Fett und Puder vom Gesicht und weint, wie sich das für Chansonetten gehört; und versagt ihr eines Tages auf der Bühne die Stimme, macht sie Schluss mit dem Kabarett und taucht unter, verzieht sich in ein kleines Hotel, in Armut und Schulden; vielleicht auch bleiben dieser Kopf und diese Augen und Lippen noch lange erhalten, und andere Menschen werden, ähnlich wie ich, an sie denken, wenn sie nachts aufwachen oder im Wald im Gras liegen; nun, da ich zeitweilig diese zerstörten Orte verlassen habe, aufgetaucht bin aus dem toten Ozean des Nichtseins und alles auf der Welt vergessen habe, lese ich Candide; und durch den Wald weht der Wind.‹
Als ich die Augen aufschlug, sah ich einen hochgewachsenen Mann, eine alte Melone auf dem Kopf, vor mir stehen; unhörbar war er hinter den Bäumen vorgekommen. Ein Blick auf ihn, und ich erkannte meinen Nachbarn. Er verneigte sich stumm. ›Wie kommt er bloß hierher?‹, überlegte ich.
»Hätten Sie vielleicht Streichhölzer?«
»Hier, bitte«, sagte ich auf Russisch.
»Sind Sie Russe?«
»Ja, Filipp Apollonowitsch.«
Er erschrak; sein Gesicht verdüsterte sich: »Woher kennen Sie mich?« Ich erzählte es. Zehn Minuten später saß er neben mir, die Arme um die Knie geschlungen, und wir unterhielten uns. Ich erfuhr, dass alles, was mich interessierte, ihn nicht mehr bewegte.
»Weshalb sind Sie so fürchterlich gealtert, Filipp Apollonowitsch?«, fragte ich. »Sie sind doch wahrscheinlich sechs-, siebenunddreißig, nicht älter. Was ist Ihnen zugestoßen?«
Er blickte finster, runzelte die Stirn, schloss die Augen, warf die nicht fertiggerauchte Zigarette ins Gras und zündete eine neue an, schwieg dann eine Weile, schließlich begann er zu reden. Durch den Wald wehte schwacher Wind.
»Erstaunlich, dass Sie mich erkannt haben«, sagte er. »Mich erkennt niemand. Übrigens, ist Ihnen aufgefallen, wie ich mich schnäuze? Sehr laut, nicht wahr?« Er seufzte. »Eine meiner Unsitten.«
Als wäre er verwundert, breitete er die Hände aus – schon seltsam, aber da lässt sich nichts machen.
»Tja. Sie haben mich, scheint’s, etwas gefragt? Doch ich versichere Ihnen, ich habe nichts zu erzählen. Es war alles ganz einfach. Ich war an der Brust verwundet; geschossen habe ich nicht auf mich, wie es hieß, sondern war verwundet und hätte sterben müssen, starb aber nicht, und vor lauter Kummer magerte ich sehr ab. Das ist alles.«
»Das ist nun wirklich nicht kompliziert.«
»Ich lag im Sterben«, sagte er, plötzlich lebhaft. »Ich war dem Tod geweiht, daran gab es keinerlei Zweifel. Ich war schon gestorben; alle Gegenstände, die mich umgaben, hatten ihre Bestimmtheit verloren; alle Stimmen erreichten mich aus dunklen und fernen Räumen. Das Gewicht meines Körpers spürte ich nicht mehr, ich brauchte an nichts mehr zu denken. Ich war gestorben; um mich herum war keinerlei Bewegung, nur die Luft schwankte wie Wasser. Ruhig war ich, weil niemand mehr mit mir reden konnte; ich war tot. Alles, was mein Leben ausgemacht hatte, war Millionen Werst von mir weggerückt; als absurd wäre mir der Gedanke erschienen, dieses ganze Getümmel, dieses Leben mit Frau und Sohn und einer Unmenge andrer Kleinigkeiten könnte zu mir zurückkehren. Ich war in der Macht des Todes, und das ist die beste Macht, die ich kenne. Und da fragen Sie, weshalb ich gealtert bin?«
Er lachte, lange und herzhaft; mit den Händen schlug er aufs Gras, warf sich zurück, beugte sich vor, schaukelte nach links und rechts; seltsame und langgezogene Laute drangen aus seiner Kehle, langgezogene und traurige, obwohl sein Lächeln breit war. Und ich begriff, dass dieser Mann längst den Verstand verloren hatte.
»Mir sind die Gründe für Ihre Fröhlichkeit nicht einsichtig.«
»Sie begreifen gar nichts. Ich bin deshalb gealtert, weil ich den Tod kenne. Ich kann ihn begrüßen wie einen alten Bekannten. Ich rufe ihn beim Namen, doch er kommt nicht. Und weshalb meinen Sie, weshalb meint man im Russischen«, fragte er verächtlich, »er sei eine Frau? Der Tod ist ein Mann. Vor mir haben das schon andere begriffen, Baudelaire zum Beispiel. Gar nichts begreifen Sie. Hören Sie, als ich gestorben war, brachten zwei Greise mit langen grauen Bärten eine längliche silberne Kiste in mein Zimmer. Ihre Gesichter waren ruhig und sachlich. Dann kam ein dritter, ein Mann um die fünfzig, er trug die Uniform eines Wachmanns im Anatomischen Theater.
›Versenkt ihn in vierzehn Fuß Tiefe‹, sagte er zu den Greisen. Die Greise standen und wippten gemessen mit dem Kopf; wenn der Bart des einen sich senkte, hob sich der Bart des anderen, und dieses langsame Kopfwippen machte mich schwindlig. Der Tod stand da, die Hand unter die Uniformkante gesteckt. Die Greise hoben mich hoch und legten mich in die Kiste, die sie mitgebracht hatten; wie sich zeigte, war es ein Sarg, innen mit Brokat ausgeschlagen. ›Was glauben Sie, Alexander Borissowitsch, wird mein Sohn weich liegen?‹, fragte der eine, und ich erkannte die Stimme meines Vaters. Und der andere erwiderte: ›Ja, Apollon Michailowitsch, ich bin durchaus geneigt, Ihre weise Mutmaßung zu bestätigen.‹ An Seilen wurde ich in einen tiefen, senkrechten Kanal hinabgelassen – vierzehn Fuß, dachte ich; ich hörte, wie weit unter mir ein unterirdischer Fluss strömte und schäumte. Der Sarg hielt an, die Seile wurden hochgezogen, und von oben drang die Stimme meiner Schwester, die auf Französisch sagte: ›Il ne bougera plus, mon père.‹2 Sie gingen, und plötzlich war alles verschwunden. Als ich zu mir kam, versicherte mir der Doktor, ich würde nicht sterben. Und ich wurde tatsächlich gesund. Das war unbeschreiblich traurig.«
Nach einer Pause sagte er: »Jetzt stehe ich in Briefwechsel mit meiner Frau. Schließlich bin ich vor elf Jahren aus dem Haus gegangen. Und habe jetzt die Bekanntschaft erneuert. Meine Frau trifft bald ein. Was kann man da machen, mein junger Freund.«
* * *
Einen Monat nach diesem Gespräch traf bei Filipp Apollonowitsch tatsächlich seine Frau mit dem Sohn ein, einem Jungen von gut zehn Jahren; sie verließen das Hotel, in dem ich wohnte, und zogen woanders hin. Einmal sah ich sie im Café, Filipp Apollonowitsch hatte den einen Arm um seine Frau gelegt, den anderen um seinen Sohn; alle drei lächelten. Als Filipp Apollonowitsch mich erblickte, verbeugte er sich und nickte gemessen, da fielen mir die Greise an seinem silbernen Sarg ein. Aber im Unterschied zu ihnen war Filipp Apollonowitsch glattrasiert, die grauen Haare hüpften ihm auf dem Kopf, und zwischen den Lippen bewegte sich eine Zigarette mit goldenem Mundstück; der Junge war sehr nett; und Filipp Apollonowitschs Gattin war eine ziemlich schöne Frau, wenn auch ein wenig füllig, wie ich fand.
1O Tod, alter Kapitän, es ist Zeit! Lichten wir den Anker!
Uns langweilt dieses Land, o Tod! Machen wir das Schiff klar! Charles Baudelaire, Die Reise
2Vater, nun steht er fest.
Die Bibliothek Sainte-Geneviève in Paris hat meines Erachtens vor allem den Nachteil, dass Rauchen dort verboten ist; weil ich gezwungen war, lange Stunden dort zu verbringen, litt ich sehr darunter. Mir standen damals die Aufnahmeprüfungen für die Universität bevor; zum Kauf der kostspieligen politischen und philosophischen Bücher, deren Inhalt ich ungefähr zu kennen hatte, fehlte mir das Geld, so musste ich mich wohl oder übel in die Bibliothek Sainte-Geneviève begeben. Alle vierzig oder fünfzig Minuten ging ich aus dem Lesesaal auf den Hof und zündete mir eine Zigarette an. Im Hof begegnete ich ein paarmal einem hochgewachsenen und bleichen, äußerst ärmlich gekleideten jungen Mann; wie ich war er Bibliotheksbesucher und leidenschaftlicher Raucher. Er hatte sonderbare, momentweise völlig leere Augen – Augen, die meine Aufmerksamkeit erregten; mir kam es stets vor, als wäre er einem Herzanfall oder einer Ohnmacht nahe. Nach ein paar Tagen lernte ich ihn näher kennen – und fand in ihm einen Gesprächspartner, der mit einer überaus raschen, fast weiblichen Auffassungsgabe gesegnet war; und weil ich in meinem Leben nur fünf Menschen kennengelernt hatte, die ich als Gesprächspartner bezeichnen könnte, war mir diese Bekanntschaft gleich viel wert. Ich unterhielt mich jeweils lange mit dem Mann; ihm war eine abnorme Transparenz der Vorstellungen und jene Leichtigkeit des Begreifens eigen, die ich in seltenen und rasch sich verflüchtigenden Momenten ebenfalls kannte und die entfernt an Schwindelgefühl erinnerte. Seine Erzählungen waren stets ein wenig ungeordnet, trotzdem lauschte ich ihnen mit Interesse, denn oftmals fand ich in dem, was er sagte, meine eigenen Gedanken, die ich, wie mir schien, zuvor noch nicht in Worte gefasst hatte.
Jetzt, da seit unserer Begegnung einige Jahre vergangen sind, habe ich von diesen Erzählungen einen anderen Eindruck; sie enthalten etwas, das ich früher nicht begriffen hatte. Wie es jemandem ergeht, der eine Fremdsprache kann, aber nicht mit der Sprechweise des Ortes vertraut ist, an den ihn die Reise geführt hat – er begreift, was ihm gesagt wird, erst nach ein oder zwei Minuten, und bis zu diesem Moment des Begreifens bewahrt sein Gedächtnis eine Reihe vorerst sinnloser Laute –, so erging es auch mir: Ich hatte mir vieles gemerkt aus den Erzählungen meines Bekannten, ohne sie gänzlich zu begreifen; und erst jetzt ersteht vor mir, lautlos, die Bewegung der Wörter, die Veränderung des Tonfalls und die Vision jener leeren, von Straßenlaternen erhellten städtischen Avenue, die in einer der frühen Erzählungen meines Freundes erstmals vor mir aufgetaucht war – in der Erzählung von den Straßenlaternen.
Er hatte gesagt, von allen unvermittelten psychischen Schwankungen, die ihn bisweilen befielen, komme ihm jenes Gefühl am verwunderlichsten vor, das ihn bloß zweimal heimgesucht und beide Male in ihm und in allem, was sein Leben ausmachte, tiefe Veränderungen bewirkt habe. Am ehesten habe es einer urplötzlichen Willenserkrankung geglichen, die weder durch seelische Erregungen noch durch einschneidende Misserfolge hervorgerufen wurde. Sie tauchte auf, ohne dass ihr ein fassbarer Anlass vorausgegangen wäre, bemächtigte sich seiner vollkommen, schwächte sich dann eine Zeitlang ab, überwältigte ihn aber erneut und verschwand schließlich. Beide Male bemerkte er eine unbezweifelbare Ähnlichkeit dieses Leidens mit körperlichen Krankheiten; es gab ebensolche Phasen der Verschlimmerung und der Besserung, ebensolche Krisen, und nur die Genesung verlief unterschiedlich; so war im ersten Fall viel Zeit erforderlich, um die Kräfte wiederherzustellen, im zweiten geschah das plötzlich und war radikal, bis das Leiden doch zurückkehrte, unvermittelt und furchtbar schnell. Es glich keineswegs einer seelischen Zerrüttung oder der Konzentration aller geistigen Fähigkeiten auf eine zerstörerische Idee, wie das für eine Geisteskrankheit typisch wäre. Sämtliche Fähigkeiten blieben ihm erhalten, er sah alles, was ihn auch sonst interessiert hatte, nahm es noch genauso wahr; aber sein Wille zu praktischer Tätigkeit atrophierte mit einem Mal, und dieses Aussetzen zog sogleich Veränderungen in seinem Privatleben nach sich. Die unbegreifliche Verlagerung seiner Aufmerksamkeit bewirkte sogar eine gewisse Sensibilisierung der Sinne, besonders von Gehör und Gesichtssinn; aber der Bereich, in dem es normalerweise um die materielle Lebensgrundlage geht, war ihm nun verschlossen, und während der gesamten Dauer seiner Krankheit kam ihm das nicht einmal in den Sinn; der Gedanke an die äußeren Existenzbedingungen tauchte erst wieder auf, wenn die Krankheit zu Ende ging. Es begann gewöhnlich damit, dass alle Menschen, die er liebte, und die Gedanken an sie allmählich in die Ferne rückten, wie Frauen, die im Traum fortgehen, oder verschwindende Spukgestalten. Er sagte sich: ›Da gibt es nun zwei oder drei Menschen auf der Welt, die ich am allermeisten liebe und um die sich mein jetziges Leben dreht. Was wird sein, wenn es sie nicht mehr gibt, wenn sie aus irgendeinem Grund von mir gehen?‹ Zu jeder anderen Zeit wäre ihm das als nicht wiedergutzumachendes Unglück erschienen, dessen Erinnerung ihn stets verfolgen würde. Aber damals gab er sich zur Antwort: ›Tja, was schon, es wird sie eben nicht mehr geben, nichts weiter.‹ Solche Primitivität der Gefühle war ihm sonst nicht eigen, schon das allein konnte ziemlich beunruhigend erscheinen.
In der Folge tauchten weitere Fragen auf: Wieso tut er, was er tagtäglich tut, was ihn belastet und ihm unangenehm ist und wozu ihn im Grunde niemand verpflichtet?! Also hörte er auf, frühmorgens aufzustehen, zur Arbeit zu gehen und abends nach Hause zurückzukehren. Er hörte auf, sich selbst zu gehören; und innerhalb von zwei oder drei Tagen geriet er, schon in seinen Krankheitszustand versunken, in eine unendliche zeitliche Distanz zu allem, was seiner Erkrankung vorausgegangen war.
Damit nahm alles eine andere Eigenart an, die sonderbar erschien, sobald die Krankheit auf dem Rückzug war. Er schilderte eine unbedeutende Vorstellung aus einer frühen Phase. Eines Nachts ging er – es regnete – durch eine schmale und lange Pariser Straße; er wusste nicht recht, seit wann er sie entlangging, sie würde auch nicht bald enden. So kam er an eintönigen dunklen Mauern vorbei, es regte sich kein Luftzug, und von seiner Zigarette stieg langsam der Rauch auf – ein kleiner Nebelfetzen, durchkreuzt von trüben Wassertropfen. Ziemlich weit vor sich sah er stets ein und dasselbe: zwei hohe Mauern, dazwischen den schwarzen nächtlichen Weg, gleichmäßige Pflastersteine, die vom Regen glänzten, und sonst nichts. Er blickte sich um – kein einziger Mensch war zu sehen, auch vor ihm nicht. An seine Empfindung in diesem Augenblick erinnerte er sich gut, es war regelrecht ein Absturz in der Zeit; Straße wie Weg kamen ihm endlos vor, während er selbst gleichsam irgendwo unterhalb der Zeit dahinschritt, sehr fern von seinem damaligen Leben. ›Wie fern!‹, dachte er – und ging weiter, drang immer tiefer in diese Finsternis und sah aus der Distanz, wie seine Gestalt bald an der, bald an jener Ecke auftaucht, wie sie hinter einer Wasserwand verschwindet, wie sie geht und sich vor ihr der graue Nebelfetzen kräuselt. Und als er einen breiten, erleuchteten Boulevard erreichte, hatte er ein Gefühl, als ob er von einer Reise nach rückwärts wiederkehre, und es erschien sonderbar, dass der Gedanke an eine Reise sich in seiner Vorstellung mit diesem krankhaften und qualvollen Ausdruck verbinden konnte – »nach rückwärts«.
Er begriff damals, was es heißt, von einer äußeren Macht fortgerissen zu werden, denn er gehörte nicht mehr sich selbst; und weil er seine Denkfähigkeit nicht verloren hatte, suchte er das Sonderbare dieses Zustands zu begreifen, der im Grunde dem eines Mondsüchtigen glich. Ihm fielen die Erzählungen seiner Mutter ein, wie sie als Kind in Mondnächten aufstand und durchs Zimmer wanderte, ohne sich bewusst zu sein, was sie tat. Und er überlegte, ob sich der plötzliche Verlust des Orientierungssinns nicht auf ihn übertragen habe, nur in einer so veränderten Form, die wohl kaum den Schluss nahelegte, es handle sich um Vererbung. Jedenfalls gab es da eine Gemeinsamkeit, den urplötzlichen Verlust des Willens und die Abhängigkeit von äußeren Einflüssen. »Es kam mir vor, als gliche ich einem toten Fisch, der von der Strömung fortgerissen wird«, sagte er.
Als er zum zweiten Mal an dem geheimnisvollen Leiden erkrankte, hatte es in Ländern, Geschlechtern und Zeiten schon tausendfach menschliches Bewusstsein durchlaufen und sich verändert (ihm schien, es komme vom Norden, von dem er weit entfernt lebte, mit dem er sich aber schmerzlich verbunden fühlte und dessen Eis und Schnee ihm stets ungewöhnlich nahe waren). Er war damals ein Pariser Arbeiter, der regelmäßig zur Fabriksirene aufstand, einen Blaumann trug und sich allmählich an dieses kränkende Dasein gewöhnte. Frühmorgens erhob er sich, ging in die Fabrik und arbeitete den ganzen Tag an einer amerikanischen Bohrmaschine; deren exakte Mechanik wäre ihm unter anderen Umständen wahrscheinlich sympathisch gewesen, hätte er nicht tagtäglich, während langer Stunden, diese fast makellose Maschinenvollkommenheit sehen müssen; der eitle und naive Blick des Ingenieurs und Theoretikers hätte darin vielleicht den Beweis für so etwas wie menschliche Allmacht gefunden.
Um zwölf Uhr aß er zu Mittag, um sechs zu Abend, dann begab er sich mit leeren und leichten Händen nach Hause; in den ersten Minuten nach Verlassen der Fabrik verwunderte ihn diese Leichtigkeit und erschien ihm überraschend angenehm. Dann las er, schrieb manchmal Briefe – und legte sich schlafen. Längst dachte er nicht mehr daran, dass er früher studiert und als freier Mensch gelebt hatte, und nur, dass er weiterhin nicht die Sprache des einfachen Volkes sprach und weiterhin über Abstraktes nachdachte, nur das erinnerte ihn bisweilen an frühere Zeiten. Er wusste, wenn er aus irgendeinem Grund in der Fabrik kündigen würde, drohte ihm ein hungriges und unsicheres Dasein, und nichts, aber auch gar nichts könnte ihm helfen; er wusste das mit Bestimmtheit, arbeitete weiter und gewöhnte sich sogar allmählich daran.
