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Der US-amerikanische Journalist und Pulitzer-Preisträger Chris Hedges legt mit "Eine angekündigte Katastrophe" eine umfassende Dokumentation der jüngsten Ereignisse im Gazastreifen und im Westjordanland vor. Auf Grundlage zahlreicher Augenzeugenberichte und eigener Erfahrungen als langjähriger Kriegsberichterstatter in der Region zeichnet Hedges ein präzises Bild der israelischen Militärpolitik und ihrer Auswirkungen auf die palästinensische Bevölkerung. Ob und was sich für diese nach dem Trump'schen Friedensplan vom Oktober 2025 geändert hat, ist Gegenstand eines eigenen Kapitels. Das Buch beschreibt den Völkermord in Gaza, die Zerstörung ziviler Infrastruktur, die katastrophale humanitäre Lage in den besetzten Gebieten sowie die politischen und historischen Hintergründe des Konflikts. Es stellt die Ereignisse seit dem 7. Oktober 2023 in den größeren Kontext einer jahrzehntelangen Besatzungspolitik, die durch Landenteignungen, Siedlungsbau, Ausgangssperren und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit geprägt ist. Hedges bezieht sich auf zahlreiche Gespräche mit palästinensischen SchriftstellerInnen, ÄrztInnen, LehrerInnen und Familien, die den Alltag unter der Besatzung schildern. Ergänzt werden diese Berichte durch Analysen internationaler Organisationen, Menschenrechtsbeobachtungen und politische Einordnungen, die die strukturelle Dimension der zionistischen Gewalt verdeutlichen. Der Autor untersucht außerdem die Rolle westlicher Regierungen und Medien bei der öffentlichen Wahrnehmung des Konflikts. Das Buch endet mit einem "Brief an die Kinder von Gaza", der als moralischer Appell an die Verantwortung der Leserinnen und Leser formuliert ist.
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Seitenzahl: 244
Veröffentlichungsjahr: 2026
Chris HegdesEine angekündigte Katastrophe
Überleben und Widerstand. Reportagen aus dem besetzten Palästina
Aus dem Englischen übersetzt von Stefan Kraft
© 2026 Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien
Titel der englischen Originalausgabe: A Genocide Foretold. Reporting on Survivaland Resistance in Occupied Palestine © 2026 by Chris Hedges This edition was licensed by Seven Stories Press, Inc. New York, U.S.A., the originating publisher.
ISBN: 978-3-85371-940-4(ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-85371-558-1)
Der Promedia Verlag im Internet: www.mediashop.atwww.verlag-promedia.de
Chris Hedges, geboren 1956 in St. Johnsbury (Vermont/USA), war langjähriger Auslandskorrespondent der New York Times und berichtete als Kriegsberichterstatter aus dem Nahen und Mittleren Osten, davon sieben Jahre lang aus dem besetzten Palästina. 2002 erhielt er den Pulitzerpreis. Aktuell erscheinen seine Artikel auf der Webseite »The Chris Hedges Report«.
Sofern keine deutschsprachige Quelle angegeben ist, wurden die fremdsprachigen Quellen übersetzt.
Alles, was ich im Angesicht des Todes besitze,ist Stolz und Zorn1
Mahmoud Darwish
Zunächst ging es um Israels Recht, sich zu verteidigen. Dann folgte ein Krieg, in dem laut Israels eigener militärischer Geheimdienstdatenbank 83 Prozent der Opfer Zivilisten waren. Die 2,3 Millionen Palästinenser im Gazastreifen, die unter einer israelischen Luft-, Land- und Seeblockade leben, besitzen keine Armee, keine Luftwaffe, keine motorisierten Truppenverbände, keine Panzer, keine Marine, keine Raketen, keine schwere Artillerie, keine Flotten tödlicher Drohnen, keine hoch entwickelten Ortungs- und Überwachungssysteme, die sämtliche Bewegungen erfassen, und keinen Verbündeten wie die Vereinigten Staaten, die Israel seit dem 7. Oktober 2023 mindestens 21,7 Milliarden Dollar an Militärhilfe gewährt haben.
Zum Redaktionsschluss dieses Buches im Februar 2026 herrscht »Waffenstillstand«. Nur dass sich Israel, wie üblich, lediglich an die erste der 20 Bedingungen hielt. Es ließ ca. 2000 palästinensische Gefangene aus israelischen Gefängnissen frei – 1700 davon waren nach dem 7. Oktober inhaftiert worden – sowie rund 300 Leichen von Palästinensern im Austausch für die Rückkehr der 20 verbliebenen Geiseln.
Gegen alle anderen Bedingungen der Übereinkunft hat Israel verstoßen. Es erklärte das Abkommen – das von der Trump-Regierung ohne Beteiligung der Palästinenser ausgehandelt wurde – zusammen mit allen anderen Abkommen und Friedensvereinbarungen, die die Palästinenser betreffen, für hinfällig. Israels umfassende und eklatante Missachtung internationaler Verträge und des Völkerrechts – Israel und seine Verbündeten weigern sich, drei rechtsverbindliche Anordnungen des Internationalen Gerichtshofs (IGH) und zwei Gutachten des IGH sowie die Völkermordkonvention und das humanitäre Völkerrecht einzuhalten – lassen eine Welt ahnen, in der Recht als das gilt, was die militärisch fortgeschrittensten Länder dazu bestimmen.
Der Scheinfriedensplan – »Präsident Donald J. Trumps umfassender Plan zur Beendigung des Gaza-Konflikts« – wurde in einem Akt des schockierenden Verrats am palästinensischen Volk im November von der Mehrheit des UN-Sicherheitsrats gebilligt; China und Russland enthielten sich der Stimme. Die Mitgliedstaaten wuschen ihre Hände in Unschuld und sahen dem Völkermord tatenlos zu.
Die Verabschiedung der Resolution 2803 (2025) war, wie der Nahost-Experte Norman Finkelstein schreibt, »gleichzeitig eine Offenbarung moralischer Insolvenz und eine Kriegserklärung an Gaza. Indem der Sicherheitsrat das Völkerrecht für null und nichtig erklärte, erklärte er sich selbst für null und nichtig. Gegenüber Gaza verwandelte sich der Rat in eine kriminelle Verschwörung.«
In der nächsten Phase soll die Hamas ihre Waffen abgeben und Israel sich aus Gaza zurückziehen. Aber diese beiden Schritte werden niemals geschehen. Die Hamas – zusammen mit anderen palästinensischen Fraktionen – lehnt die Resolution des Sicherheitsrats ab. Sie will ihre Waffen nur dann abgeben, wenn die Besatzung endet und ein palästinensischer Staat entsteht. Premierminister Benjamin Netanjahu hat geschworen, dass die Hamas, wenn sie ihre Waffen nicht abgibt, »auf die harte Tour« dazu gezwungen werde.
Der von Trump geleitete »Friedensrat« soll den Gazastreifen zusammen mit bewaffneten Söldnern der mit Israel verbündeten Internationalen Stabilisierungstruppe regieren, obwohl offenbar kein Land darauf erpicht ist, seine Truppen zu entsenden. Trump verspricht eine »Gaza-Riviera«, die als »Sonderwirtschaftszone« geplant ist – ein Gebiet, das außerhalb staatlicher Gesetzgebung operiert und vollständig von privaten Investoren verwaltet wird, ähnlich wie die von Peter Thiel unterstützte Charter City in Honduras. Dies soll durch die »freiwillige« Umsiedlung der Palästinenser erreicht werden – wobei diejenigen, die das Glück haben, Land zu besitzen, im Austausch digitale Token erhalten. In Trumps Vision werden die USA »den Gazastreifen übernehmen« und »besitzen«. Es ist eine Rückkehr zur Herrschaft von Vizekönigen – allerdings offenbar nicht des verhassten Tony Blair. Die Palästinenser sollen, in einem der lächerlichsten Punkte des Plans, von ihren neuen Kolonialherren »deradikalisiert« werden.
Aber diese Fantasien sind dem Untergang geweiht. Israel weiß ganz genau, was es mit Gaza vorhat, und es weiß, dass kein Land sich einmischen wird. Die Palästinenser müssen weiter unter primitiven und menschenunwürdigen Bedingungen ums Überleben kämpfen. Wie schon so oft in der Vergangenheit, werden sie im Stich gelassen.
Israel beging zwischen dem 10. Oktober und dem 12. Dezember 2025 738 Verstöße gegen das Waffenstillstandsabkommen, darunter 358 Land- und Luftangriffe. Laut Angaben des Regierungsmedienbüros in Gaza und des palästinensischen Gesundheitsministeriums wurden dabei mindestens 383 PalästinenserInnen getötet und 1002 weitere verwundet. Das sind durchschnittlich sechs getötete PalästinenserInnen pro Tag in Gaza – ein Rückgang gegenüber durchschnittlich 250 pro Tag vor dem »Waffenstillstand«.
Der Völkermord ist nicht vorbei. Ja, das Tempo hat sich verlangsamt. Aber das Ziel bleibt unverändert. Es ist ein Morden auf Raten. Die täglichen Zahlen der Toten und Verwundeten – wobei immer mehr Menschen an Kälte und Regen erkranken und sterben – liegen nicht in den Hunderten, sondern in den Dutzenden.
Im Dezember 2025 wurden durchschnittlich 140 Lkws mit Hilfsgütern pro Tag nach Gaza gelassen – statt der versprochenen 600 –, um die Palästinenser am Rande einer Hungersnot zu halten und eine weitverbreitete Unterernährung sicherzustellen. Im Oktober erhielten laut UNICEF etwa 9300 Kinder unter fünf Jahren in Gaza die Diagnose schwere akute Unterernährung. Israel hat den Grenzübergang nach Ägypten in Rafah geöffnet, aber nur für die Ausreise aus Gaza. Für diejenigen PalästinenserInnen, die nach Gaza zurückkehren wollen, bleibt er geschlossen, wie in der Waffenstillstandsvereinbarung festgelegt. Israel hält etwa 58 Prozent von Gaza besetzt und verschiebt stetig seine Demarkationslinie – bekannt als »die gelbe Linie« –, um seine Besatzung auszuweiten. Palästinenser, die diese willkürliche Linie überschreiten – die sich ständig verlagert und, wenn überhaupt, nur unzureichend markiert ist –, werden erschossen oder in die Luft gesprengt, selbst wenn es sich um Kinder handelt.
Die Palästinenser pfercht man in ein immer kleiner werdendes, übel riechendes, überfülltes Lager, bis sie deportiert werden können. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind 92 Prozent der Wohngebäude in Gaza beschädigt oder zerstört, und rund 81 Prozent aller Bauwerke weisen Schäden auf. Der nur 25 Meilen lange und siebeneinhalb Meilen breite Streifen ist zu 61 Millionen Tonnen Schutt geworden, darunter neun Millionen Tonnen gefährlicher Abfälle wie Asbest, Industrieabfälle und Schwermetalle; hinzu kommen nicht explodierte Munition sowie schätzungsweise 10.000 verwesende Leichen. Es gibt fast kein sauberes Wasser, keinen Strom und keine Abwasserentsorgung. Israel blockiert Lieferungen von Baumaterialien wie Zement und Stahl, Materialien für Notunterkünfte, Wasserinfrastruktur und Treibstoff, sodass sich nichts wiederaufbauen lässt.
82 Prozent der israelischen Juden befürworten die ethnische Säuberung der gesamten Bevölkerung Gazas und 47 Prozent befürworten die Tötung aller Zivilisten in Städten, die vom israelischen Militär eingenommen wurden.2 59 Prozent befürworten dasselbe für palästinensische Bürger Israels. Laut einer im Juli durchgeführten Umfrage3 geben 79 Prozent der israelischen Juden an, sie würden sich »nicht so sehr« oder »überhaupt nicht« über Berichte über Hunger und Leid unter der Bevölkerung in Gaza beunruhigt fühlen. Allein im Jahr 2024 tauchte der Ausdruck »Erase Gaza« (Gaza auslöschen) mehr als 18.000-mal in hebräischsprachigen Facebook-Posts auf, wie aus einem Bericht über Hassreden und Aufwiegelung gegen Palästinenser hervorgeht.4
Israel ist nicht nur ein genozidaler Staat, sondern auch eine genozidale Gesellschaft.
Die neueste Form der genozidalen Feierlichkeiten in Israel – wo soziale Medien und Nachrichtensender regelmäßig über das Leiden der Palästinenser spotten – ist das Aufkommen goldener Galgenstricke an den Revers der Mitglieder der rechtsextremen Partei Otzma Yehudit, Israels Version des Ku-Klux-Klans. Auch der Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, trägt dieses Abzeichen.5
Diese Politiker brachten einen Gesetzentwurf durch die Knesset, der die Todesstrafe für Palästinenser vorsieht, die »vorsätzlich oder gleichgültig den Tod eines israelischen Bürgers verursachen«, wenn sie angeblich durch »Rassismus oder Feindseligkeit gegenüber einer Bevölkerungsgruppe« motiviert sind und mit dem Ziel, dem israelischen Staat oder »der Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seinem Land« zu schaden, erklärt die israelische Menschenrechtsgruppe Adalah. Seit dem 7. Oktober sind mehr als 100 Palästinenser in israelischen Gefängnissen ums Leben gekommen. Wenn der neue Gesetzentwurf in Kraft tritt – er hat bereits die erste Lesung durchlaufen –, reiht er sich in die Welle von mehr als 30 antipalästinensischen Gesetzen ein, die seit dem 7. Oktober verabschiedet wurden.
Die Botschaft, die der Völkermord an den Rest der Welt sendet, in dem mehr als eine Milliarde Menschen von weniger als einem Dollar pro Tag leben, ist unmissverständlich: Wirbesitzenalles, undwennihrversucht, esunswegzunehmen, werdenwireuchtöten.
Das ist die neue Weltordnung. Sie wird wie Gaza aussehen. Riesige Lager. Hunger. Zerstörung der Infrastruktur und der Zivilgesellschaft. Massenmord. Umfassende Überwachung. Hinrichtungen. Folter, einschließlich Schläge, Elektroschocks, Waterboarding, Vergewaltigung, öffentliche Demütigung, Entzug von Nahrung und Verweigerung medizinischer Versorgung, wie dies routinemäßig bei Palästinensern in israelischen Gefängnissen vorkommt. Epidemien. Krankheiten. Massengräber, in denen Bulldozer Leichen in unmarkierte Gruben schieben und in denen – wie in Gaza – die Toten wieder ausgegraben und von Rudeln hungriger verwilderter Hunde zerfetzt werden.
Wir sind nicht für das Shangri-La6 bestimmt, das leichtgläubigen Menschen von einfältigen Akademikern wie Steven Pinker verkauft wird. Wir sind zum Aussterben bestimmt. Nicht nur zum individuellen Aussterben – was unsere Konsumgesellschaft mit aller Kraft zu verbergen versucht, indem sie die Fantasie ewiger Jugend propagiert –, sondern zum vollständigen Aussterben, wenn die Temperaturen steigen und damit die Erde unbewohnbar machen. Wenn Sie glauben, dass die menschliche Spezies rational auf den Ökozid reagieren wird, haben Sie leider keinen Schimmer von der menschlichen Natur. Sie müssen sich mit Gaza beschäftigen. Und mit Geschichte.
Wenn man im globalen Norden lebt, kann man dieses Grauen vorerst aus einer sicheren Position beobachten. Aber langsam wird dieses Grauen, wenn das Klima zusammenbricht, auch zu uns kommen und die meisten von uns zu Palästinensern machen. Angesichts unserer Mitschuld am Völkermord haben wir es nicht anders verdient.
Imperien greifen immer dann, wenn sie sich bedroht fühlen, zum Instrument des Völkermords. Fragen Sie die Opfer der spanischen Konquistadoren. Fragen Sie die amerikanischen Ureinwohner. Fragen Sie die Herero und Nama. Fragen Sie die Armenier. Fragen Sie die Überlebenden von Hiroshima oder Nagasaki. Fragen Sie die Inder, die die Hungersnot in Bengalen überlebt haben, oder die Kikuyu, die sich in Kenia gegen ihre britischen Kolonialherren auflehnten. Die Klimaflüchtlinge sind als Nächste dran.
Das ist nicht das Ende des Albtraums. Es ist der Anfang.
Chris Hedges,Princeton, New Jersey, im Februar 2026
Auf einmal kommt mir alles wieder in den Sinn, der Gestank von ungeklärtem Abwasser, das Brummen der Dieselmotoren, die träge dahinkriechenden gepanzerten Mannschaftstransporter der Israelis, die mit Kindern vollgepackten Kleinbusse, gefahren von Siedlern mit blassen Gesichtern, die sicher nicht von hier stammen, wahrscheinlich aus Brooklyn oder irgendwo aus Russland oder vielleicht Großbritannien. Es hat sich wenig geändert. Die Kontrollpunkte, geschmückt mit blau-weißen israelischen Flaggen, säumen die Straßen und Kreuzungen. Die roten Ziegeldächer der Siedlungen, die nach internationalem Recht illegal sind, dominieren die Hügel über palästinensischen Dörfern und Städten. Ihre Zahl und Größe haben zugenommen. Aber sie bleiben durch Sprengschutzwände, Stacheldraht und Wachtürme geschützt, umgeben von geradezu obszönen Rasenflächen und Gärten. In dieser trockenen Landschaft haben die Siedler Zugang zu reichhaltigen Wasserquellen, die den Palästinensern verwehrt bleiben.7
Die gewundene, 8 Meter hohe Betonmauer, die sich über eine Länge von 700 Kilometern durch das besetzte Palästina zieht, ist mit Graffiti übersät, die zur Befreiung aufrufen, mit Wandmalereien der Al-Aqsa-Moschee, Gesichtern von Märtyrern und dem grinsenden, bärtigen Gesicht von Jassir Arafat, dessen Zugeständnisse an Israel im Osloer Abkommen ihn, nach den Worten von Edward Said, zum »Pétain der Palästinenser« machten.8 Die Mauer verleiht dem Westjordanland die Atmosphäre eines Freiluftgefängnisses. Die Mauer zerreißt die Landschaft. Sie windet sich wie eine riesige, versteinerte urzeitliche Schlange, trennt PalästinenserInnen von ihren Familien, teilt palästinensische Dörfer in zwei Hälften, schneidet Gemeinden von ihren Obstgärten, Olivenbäumen und Feldern ab, taucht in Wadis ein und steigt wieder aus ihnen auf und schnürt die PalästinenserInnen in die modernisierte Version eines Bantustans des jüdischen Staates ein.
Es ist über zwei Jahrzehnte her, seit ich aus dem Westjordanland berichtet habe. Die Zeit bricht in sich zusammen. Die Gerüche, Empfindungen, Emotionen und Bilder, die melodiöse Kadenz des Arabischen und das Miasma des plötzlichen und gewaltsamen Todes, das in der Luft liegt, rufen das alte Übel wach. Ich fühle mich, als wäre ich nie weggegangen.
Ich sitze in einem ramponierten schwarzen Mercedes, der von einem Freund in seinen Dreißigern gefahren wird. Dessen Namen ich nicht nennen werde, um ihn zu schützen. Er arbeitete auf Baustellen in Israel, verlor aber – wie fast alle in Israel beschäftigten Palästinenser – am 7. Oktober 2023 seinen Job. Er hat vier Kinder. Er kämpft ums Überleben. Seine Ersparnisse sind geschrumpft. Es wird immer schwieriger, Lebensmittel zu kaufen und Strom, Wasser und Benzin zu bezahlen. Er fühlt sich belagert. Er wird belagert. Er hält wenig von den Kollaborateuren der Palästinensischen Autonomiebehörde. Er mag die Hamas nicht. Er hat jüdische Freunde. Er spricht Hebräisch. Die Belagerung zermürbt ihn – und alle um ihn herum.
»Noch ein paar Monate auf diese Weise und wir sind am Ende«, sagt er und zieht nervös an seiner Zigarette. »Die Menschen sind verzweifelt. Immer mehr hungern.«
Wir fahren auf der kurvenreichen Straße, die sich an die kargen Sand- und Buschhänge schmiegt und von Jericho aus, vom salzreichen Toten Meer – dem tiefsten Punkt der Erde –, bis nach Ramallah schlängelt. Ich werde einen Freund von mir treffen, den Schriftsteller Atef Abu Saif, der am 7. Oktober mit seinem 15-jährigen Sohn Yasser in Gaza war. Sie besuchten ihre Familie, als Israel seine Politik der verbrannten Erde begann. Er verbrachte 85 Tage damit, den Albtraum des Völkermords zu ertragen und täglich darüber zu schreiben. Seine Sammlung eindringlicher Tagebucheinträge kann man in dem Buch Schaunichtnachlinks: TagebucheinesVölkermords nachlesen. Er entkam dem Gemetzel über die Grenze zu Ägypten bei Rafah, reiste nach Jordanien und kehrte nach Ramallah zurück. Doch die Narben des Völkermords bleiben. Yasser verlässt selten sein Zimmer. Er hat keinen Kontakt mehr zu seinen Freunden. Angst, Trauma und Hass sind die wichtigsten Güter, die die Kolonisatoren den Kolonisierten hinterlassen.
»Ich lebe immer noch in Gaza«, erzählt mir Atef später. »Ich bin nicht weggegangen. Yasser hört immer noch Bomben. Er sieht immer noch Leichen. Er isst kein Fleisch. Rotes Fleisch erinnert ihn an das Menschenfleisch, das er aufsammelte, als er sich den Rettungsteams während des Massakers in Dschabaliya anschloss, und an das Fleisch seiner Cousins. Ich schlafe auf einer Matratze auf dem Boden, so wie ich es in Gaza getan habe, als wir in einem Zelt lebten. Ich liege wach. Ich denke an diejenigen, die wir zurückgelassen haben und die auf den plötzlichen Tod warten.«
Das Schreiben und Fotografieren in Kriegszeiten sind Akte des Widerstands, Akte des Glaubens. Sie bekräftigen die Überzeugung, dass eines Tages – ein Tag, den die Schriftsteller, Journalisten und Fotografen vielleicht nie erleben werden – die Worte und Bilder Empathie, Verständnis und Empörung hervorrufen und Erkenntnis vermitteln werden. Sie dokumentieren nicht nur die Fakten, so wichtig diese auch sein mögen, sondern auch die Struktur und Heiligkeit der verlorenen Leben und Gemeinschaften, und die Trauer um sie. Sie zeigen der Welt, wie sich Krieg anfühlt, wie jene ausharren, die in seinem tödlichen Schlund gefangen sind; dass es Menschen gibt, die sich für andere opfern, und solche, die es nicht tun, wie sich Angst und Hunger anfühlen – und der Tod. Sie übermitteln die Schreie der Kinder, die Wehklagen der Mütter, den täglichen Kampf angesichts einer grausamen, industriellen Gewalt, den Triumph ihrer Menschlichkeit trotz Schmutz, Krankheit, Demütigung und Angst. Deshalb werden Schriftsteller, Fotografen und Journalisten von den Aggressoren im Krieg – einschließlich der Israelis – gezielt ausgelöscht. Sie sind Zeugen des Bösen, eines Bösen, das die Aggressoren begraben und vergessen machen wollen. Sie decken die Lügen auf. Sie verurteilen ihre Mörder, selbst aus dem Grab heraus. Israel hat zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 7. Oktober 2024 über zwei Dutzend palästinensische Dichter und Schriftsteller sowie mindestens 128 Journalisten und Medienmitarbeiter in Gaza getötet.9
Als Kriegsberichterstatter empfand ich oft Ohnmacht und Empörung. Ich fragte mich, ob ich genug getan hatte oder ob es das Risiko überhaupt wert war. Aber man macht weiter, denn nichts zu tun bedeutet, sich mitschuldig zu machen. Man berichtet, weil es einem nicht gleichgültig ist und es den Mördern schwer macht, ihre Verbrechen zu leugnen.
Atef ist mit der Gewalt der israelischen Besatzer bestens vertraut. Während des Krieges von 1973 war er zwei Monate alt. Er schreibt: »Seitdem lebe ich ununterbrochen im Krieg. So wie das Leben eine Pause zwischen zwei Todesfällen ist, ist Palästina als Ort und als Idee eine Auszeit inmitten vieler Kriege.«
Während der Operation »Gegossenes Blei«, Israels Angriff auf Gaza in den Jahren 2008−2009, suchte Atef mit seiner Frau Hanna und seinen beiden Kindern 22 Nächte lang Schutz im Flur des Familienhauses in Gaza, während Israel bombardierte und beschoss. Sein Buch FrühstückmitderDrohne. TagebuchausGaza ist ein Bericht über die Operation Protective Edge, den israelischen Angriff auf Gaza im Jahr 2014, bei dem 1523 palästinensische Zivilisten, darunter 519 Kinder, getötet wurden.
»Erinnerungen an den Krieg können auf seltsame Art positiv sein, denn diese Erinnerungen überhaupt haben zu können, bedeutet ja, dass man überlebt haben muss«, bemerkt er sarkastisch.10
Er tat erneut das, was Schriftsteller tun. Wie es auch der Professor und Dichter Refaat Alareer tat, der zusammen mit seinem Bruder, einem der Söhne seines Bruders, seiner Schwester, drei ihrer Kinder und einem Nachbarn bei einem Luftangriff auf das Wohnhaus seiner Schwester in Gaza am 7. Dezember 2023 getötet wurde. Der Euro-Mediterranean Human Rights Monitor erklärte, Alareer sei absichtlich ins Visier genommen und »chirurgisch aus dem gesamten Gebäude herausgebombt« worden.11 Seine Tötung erfolgte nach wochenlangen »Morddrohungen, die Refaat online und per Telefon von israelischen Nutzern sozialer Medien erhalten hatte«. Wegen dieser Drohungen war er in die Wohnung seiner Schwester gezogen. Vier Monate später wurden Refaats Tochter Shaima, ihr Ehemann und ihr neugeborenes Baby getötet, als drei israelische Luftangriffe das Haus trafen, in dem sie Zuflucht gesucht hatten.
Refaat, der über den metaphysischen Dichter John Donne promoviert hatte, schrieb im November, einen Monat vor seiner Ermordung, ein Gedicht mit dem Titel »If I Must Die« (Wenn ich sterben muss), das zu seinem letzten Willen und Testament wurde. Es wurde in 80 Sprachen übersetzt:
Wenn ich sterben muss,musst du leben,um meine Geschichte zu erzählen,um mein Hab und Gut zu verkaufen,um ein Stück Stoff zu besorgen,und ein paar Schnüre,(lass es weiß sein und mit einem langen Schweif),sodass ein Kind, irgendwo in Gaza,während es dem Paradies ins Auge sieht,wartend auf seinen Vater, der wie ein Blitz verschwand –und von niemandem Abschied genommen hat,nicht einmal von seinem Leib,nicht einmal von sich selbst –den Drachen sieht, meinen Drachen, den du gemacht hast, wie er oben fliegt,und für einen Augenblick denkt, dass ein Engel da ist, der die Liebe zurückbringt.Wenn ich sterben muss,lass es Hoffnung bringen,lass es eine Legende sein.12
Atef, der sich erneut mitten in den Explosionen und dem Gemetzel durch israelische Granaten und Bomben wiederfand, veröffentlichte unbeirrt seine Beobachtungen und Reflexionen. Seine Berichte ließen sich oft nur schwer übermitteln, da Israel das Internet und die Telefonverbindungen blockierte.
Am ersten Tag der israelischen Bombardierung wird ein Freund, der junge Dichter und Musiker Omar Abu Shawish, getötet.
Atef wundert sich über die israelischen Soldaten, die ihn und seine Familie mit »ihren Infrarotlinsen und Satellitenaufnahmen« beobachten. »Können sie die Brote in meinem Korb zählen oder die Anzahl der Falafelbällchen auf meinem Teller?«, fragt er sich. Er beobachtet die Menschenmassen aus benommenen und verwirrten Familien, deren Häuser in Trümmern liegen, wie sie »Matratzen, Kleidersäcke, Essen und Getränke« tragen. Er steht schweigend vor »dem Supermarkt, der Wechselstube, dem Falafelstand, den Obstständen, der Parfümerie, dem Süßwarenladen, dem Spielzeuggeschäft – alles verbrannt und zerstört«.13»Überall war Blut, daneben Reste von Kinderspielzeug, Dosen aus dem Supermarkt, zerdrückten Früchten, kaputten Fahrrädern und zerbrochenen Parfümflaschen«, beobachtet er. »Der Ort sah aus wie eine Kohlezeichnung einer Stadt, die von einem Drachen versengt worden war.«14
»Ich ging zum Pressehaus, wo Journalisten verzweifelt Bilder herunterluden und Berichte für ihre Agenturen schrieben. Ich saß mit Bilal, dem Leiter des Pressehauses, zusammen, als eine Explosion das Gebäude erschütterte. Fenster zerbrachen und Teile der Decke stürzten auf uns herab. Wir rannten in Richtung der zentralen Halle. Einer der Journalisten blutete, weil er von herumfliegenden Glassplittern getroffen worden war. Nach 20 Minuten wagten wir uns hinaus, um den Schaden zu begutachten. Die Ramadan-Dekorationen hingen immer noch in der Straße.«15
»Die Stadt ist in eine Wüste aus Trümmern und Schutt verwandelt worden«, schrieb Atef, der ehemalige Kulturminister der Palästinensischen Autonomiebehörde, in den ersten Tagen der israelischen Bombardierung von Gaza-Stadt.16
»Wunderschöne Gebäude stürzen ein wie Rauchsäulen. Ich denke oft an die Zeit zurück, als ich als Kind während der ersten Intifada angeschossen wurde und meine Mutter mir erzählte, ich sei tatsächlich für ein paar Minuten gestorben, bevor man mich wieder ins Leben zurückholte. Vielleicht gelingt mir das diesmal wieder, denke ich.«17
Er lässt seinen jugendlichen Sohn bei Familienmitgliedern zurück.
»Die palästinensische Logik besagt, dass wir in Kriegszeiten alle an verschiedenen Orten schlafen sollten, damit, wenn ein Teil der Familie getötet wird, ein anderer Teil überlebt«, schreibt er. »Die UN-Schulen werden immer voller mit vertriebenen Familien. Wir hoffen darauf, dass die UN-Flagge sie retten wird, obwohl das in früheren Kriegen nicht geschah.«18
Am Dienstag, dem 17. Oktober 2023, schreibt er:
Ich sehe den Tod näherkommen, höre seine Schritte lauter werden. Bring es einfach hinter dich, denke ich. Es ist der elfte Tag des Kriegs, aber alle Tage sind zu einem einzigen verschmolzen: dieselben Bombardements, dieselbe Angst, derselbe Geruch. In den Nachrichten lese ich die Namen der Toten im Laufband am unteren Bildschirmrand. Ich warte darauf, dass mein Name erscheint.
Am Morgen klingelte mein Telefon. Es war Rulla, eine Verwandte aus dem Westjordanland. Sie habe gehört, dass es einen Luftangriff in Talat Hawa gegeben habe, einem Stadtteil im Süden von Gaza-Stadt, wo mein Cousin Hatem lebt. Hatem ist mit Huda verheiratet, der einzigen Schwester meiner Frau. Er wohnt in einem vierstöckigen Gebäude, in dem auch seine Mutter und seine Brüder mit ihren Familien wohnen.
Ich rief verschiedene Leute an, aber ihre Telefone funktionierten nicht. Ich ging zum Al-Shifa-Krankenhaus, um die Namen zu lesen: Die Listen der Toten werden täglich vor einer provisorischen Leichenhalle ausgehängt. Ich konnte mich dem Gebäude kaum nähern: Tausende Bewohner Gazas hatten das Krankenhaus zu ihrem Zuhause gemacht; in seinen Gärten, seinen Fluren, auf jedem freien Platz und in jeder freien Ecke befand sich eine Familie. Ich gab auf und machte mich auf den Weg zu Hatem.
Eine halbe Stunde später ging ich durch seine Straße. Rulla hatte Recht gehabt. Das Gebäude von Huda und Hatem war nur eine Stunde zuvor getroffen worden. Die Leichen ihrer Tochter und ihres Enkelkindes waren bereits geborgen worden; die einzige bekannte Überlebende war Wissam, eine ihrer anderen Töchter, die auf die Intensivstation gebracht worden war. Wissam wurde sofort operiert, wobei man ihr beide Beine und ihre rechte Hand amputierte. Erst am Tag zuvor hatte sie ihre Abschlussfeier an der Kunsthochschule gefeiert. Nun muss sie den Rest ihres Lebens ohne Beine und mit nur einer Hand verbringen. »Was ist mit den anderen?«, fragte ich jemanden.
»Wir können sie nicht finden«, lautete die Antwort.
Inmitten der Trümmer riefen wir: »Hallo? Kann uns jemand hören?« Wir riefen die Namen der Vermissten, in der Hoffnung, dass einige noch am Leben sein könnten. Am Ende des Tages hatten wir fünf Leichen gefunden, darunter die eines drei Monate alten Babys. Wir gingen zum Friedhof, um sie zu begraben.
Am Abend besuchte ich Wissam im Krankenhaus; sie war kaum bei Bewusstsein. Nach einer halben Stunde fragte sie mich: »Khalo [Onkel], ich träume doch, oder?«
Ich sagte: »Wir sind alle in einem Traum.«
»Mein Traum ist schrecklich! Warum?«
»Alle unsere Träume sind schrecklich.«
Zehn Minuten schwiegen wir, dann sagte sie: »Lüg mich nicht an, Khalo. In meinem Traum habe ich keine Beine. Das ist doch wahr, oder? Ich habe keine Beine?«
»Aber du hast gesagt, es ist ein Traum.«
»Ich mag diesen Traum nicht, Khalo.«
Ich musste sie verlassen. Zehn endlos lange Minuten konnte ich nicht aufhören zu weinen. Überwältigt von den Schrecken der letzten Tage verließ ich das Krankenhaus und irrte durch die Straßen. Wir könnten diese Stadt in eine Kulisse für Kriegsfilme verwandeln, dachte ich mir. Filme über den Zweiten Weltkrieg und Filme über das Ende der Welt. Wir könnten sie an die besten Hollywood-Regisseure vermieten. Weltuntergang auf Abruf.
Wer würde den Mut haben, Hanna, so weit entfernt in Ramallah, zu sagen, dass ihre einzige Schwester getötet worden war? Dass ihre Familie getötet worden war? Ich rief meine Kollegin Manar an und bat sie, mit ein paar Freunden zu unserem Haus zu gehen und zu versuchen, die Nachricht so lange wie möglich vor ihr geheim zu halten. »Lüg sie an«, sagte ich zu Manar. »Sag ihr, das Gebäude sei von F-16-Kampfflugzeugen angegriffen worden, aber die Nachbarn glauben, dass Huda und Hatem zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause waren. Irgendeine Lüge, die hilft …«19
Von israelischen Hubschraubern abgeworfene Flugblätter in arabischer Sprache schweben vom Himmel herab. Sie verkünden, dass jeder, der sich nördlich des Wadi-Flusses aufhält, als Komplize des Terrorismus betrachtet wird, »was bedeutet«, schreibt Atef, »dass die Israelis sofort schießen dürfen«. Der Strom wird abgeschaltet. Lebensmittel, Treibstoff und Wasser gehen zur Neige.
Die Verwundeten werden ohne Betäubung operiert. Es gibt keine Schmerzmittel oder Beruhigungsmittel.20 Er besucht seine Nichte Wissam, die von Schmerzen gequält wird, im Al-Shifa-Krankenhaus, die ihn um eine tödliche Injektion bittet. Sie sagt, Allah werde ihr vergeben.
»Aber er wird mir nicht vergeben, Wissam.«
»Ich werde ihn in deinem Namen darum bitten«, sagt sie.
Nach den Luftangriffen schließt er sich den Rettungsmannschaften an, »unter dem zirpenden Summen von Drohnen, die wir am Himmel nicht sehen konnten«. Eine Zeile von T. S. Eliot, »ein Haufen zerbrochener Bilder«, geht ihm durch den Kopf. Die Verletzten und Toten werden »auf Dreirädern transportiert oder in Tierkarren mitgeschleppt«.
»Wir sammelten Teile von verstümmelten Leichen auf und legten sie auf eine Decke; hier fand man ein Bein, dort eine Hand, der Rest sah aus wie Hackfleisch«, schreibt er. »In der vergangenen Woche haben viele Bewohner Gazas begonnen, ihre Namen mit Kugelschreiber oder wasserfestem Stift auf ihre Hände und Beine zu schreiben, damit man sie identifizieren kann, wenn der Tod kommt.«
»Das mag makaber erscheinen«, schreibt er, »aber es ergibt durchaus Sinn: Wir wollen in Erinnerung bleiben, wir wollen, dass unsere Geschichten erzählt werden, wir suchen nach Würde. Zumindest werden unsere Namen auf unseren Gräbern stehen. Der Geruch der nicht geborgenen Leichen unter den Trümmern eines Hauses, das letzte Woche getroffen wurde, hängt noch immer in der Luft. Je mehr Zeit vergeht, desto stärker wird der Geruch.«21
Die Szenen um ihn herum werden surreal. Am 19. November 2023, dem 44. Tag des Angriffs, schreibt er:
Ein Mann reitet auf einem Pferd auf mich zu, vor sich den Leichnam eines toten Teenagers über den Sattel geworfen. Es dürfte sich um seinen Sohn handeln. Die Szene wirkt wie aus einem historischen Film, nur dass das Pferd schwach ist und sich kaum noch bewegen kann. Er kehrt nicht aus einer Schlacht zurück. Er ist kein Ritter. Seine Augen sind voller Tränen, während er in der einen Hand die kleine Reitgerte und in der anderen das Zaumzeug hält. Ich habe den Impuls, ihn zu fotografieren, aber dann wird mir bei dem Gedanken plötzlich übel. Er grüßt niemanden. Er schaut kaum auf. Er ist zu sehr in seiner Trauer gefangen. Die meisten Menschen nutzen den alten Friedhof des Lagers; er ist der sicherste, und obwohl er eigentlich längst voll ist, beginnen sie nun, flachere Gräber zu graben und die neuen Toten auf den alten zu begraben – um die Familien zusammenzuhalten.22
Am 21. November flieht er nach anhaltendem Panzerbeschuss mit seinem Sohn und seiner 76-jährigen Schwiegermutter, die im Rollstuhl sitzt, aus Dschabaliya in den Süden. Sie wird im Februar in einem Zelt in Rafah sterben. Sie müssen israelische Kontrollpunkte passieren, an denen Soldaten willkürlich Männer und Jungen aus der Warteschlange herausgreifen, um sie zu verhören und festzunehmen.
»Auf beiden Seiten der Straße liegen zahllose Leichen verstreut umher«, schreibt er. »Sie sehen aus, als seien sie schon mit dem Boden verschmolzen. Der Gestank ist furchtbar. Aus dem Fenster eines ausgebrannten Autos streckt sich uns eine Hand entgegen, als wollte sie – ganz speziell von mir – etwas erbitten. Kopflose Körper hier. Abgetrennte Köpfe dort. Gliedmaßen und kostbare Körperteile, einfach weggeworfen und der Fäulnis überlassen.«
Er sagt zu seinem Sohn Yasser: »Schau nicht hin. Geh einfach weiter, Junge.«23
Anfang Dezember wird Atefs Familienhaus bei einem Luftangriff zerstört. Er schreibt:
Das Haus, in dem ein Schriftsteller aufwächst, ist eine Quelle, aus der er Material schöpft. In jedem meiner Romane habe ich, wenn ich ein typisches Haus im Lager beschreiben wollte, unser Haus heraufbeschworen. Ich habe die Möbel ein wenig umgestellt, den Namen der Gasse geändert, aber wem machte ich damit etwas vor? Es war immer unser Haus.
Alle Häuser in Dschabaliya sind klein. Sie wurden ohne Plan, auf die Schnelle errichtet, und sind nicht auf Dauer gemacht. Diese Häuser ersetzten die Zelte, in denen PalästinenserInnen wie meine Großmutter Eisha nach der Vertreibung von 1948 lebten.
