Eine besondere Frau - Lisa Alther - E-Book

Eine besondere Frau E-Book

Lisa Alther

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Beschreibung

Eine Frau mit Vierzig verändert radikal ihr bisheriges Leben. Illusionen gehen zu Bruch, und der Boden beginnt unter den Füßen zu schwanken. Aber langsam wird die Wirklichkeit zum Freund. Unnachahmlich und lebensnah beschreibt Lisa Alther die ganze Komik und den ganzen Ernst einer Lebenskrise.

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EPUB

Seitenzahl: 709

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Lisa Alther

Eine besondere Frau

Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Eine Frau mit Vierzig verändert radikal ihr bisheriges Leben. Illusionen gehen zu Bruch, und der Boden beginnt unter den Füßen zu schwanken. Aber langsam wird die Wirklichkeit zum Freund.

Unnachahmlich und lebensnah beschreibt Lisa Alther die ganze Komik und den ganzen Ernst einer Lebenskrise.

Über Lisa Alther

Lisa Alther, Schriftstellerin, wurde 1944 in Tennessee geboren.

Inhaltsübersicht

Für Carey KaplanIch danke folgenden ...I1 Roches Ridge2 Calvin Roche3 Das Haus4 Elke5 Astrid Starr6 Krankhafter Optimismus7 Turner8 Der Vergnügungs-Experte9 Burgfrieden10 Loretta Gebo11 Amerika abseits der Zeit12 Saint John13 Maureen Murphy14 Daryl Perkins15 Überlebenstraining16 Des petites aventures17 Jared McQueen18 Ishtar19 Die äußeren Parameter des Alleinseins20 Starshine21 Ida Campbell22 Das Auge des Wirbelsturms23 Dacron Marsh24 Nichtangriffspakte25 Gordon McQueen26 Eine Büchse voller Würmer27 Miss TeenageII28 Die Ismen29 Auferstehung30 Der achte Kreis31 Wonnemonat Mai32 Juni33 Juli34 August35 SeptemberIII36 Das einfache Leben37 Mondgebrige38 Wiedergeboren39 Das Fest der Liebe40 Der Hungermond41 Der kosmische Fandango42 Verkehrungen43 Die Disziplin des Abschiednehmens44 Frühlingssäfte45 Basso continuo46 Der Scheiterhaufen47 Fleisch und Blut48 Bingo

Für Carey Kaplan

Ich danke folgenden Freundinnen und Freunden für all ihre guten Vorschläge und für die Witze, die ich ihnen geklaut habe: Richard Alther, Sara Alther, Blanche Boyd, Andy Canale, Jody Crosby, Brenda Feigen, Françoise Gilot, John Izzi, Steve Izzo, Carey Kaplan, Rollie McKenna, Janice Perry, Kate Pond, John Reed, Mary Twitchell und Vicky Wilson. Und ganz besonders bedanke ich mich bei Jody Crosby für ihre jahrelange unerschütterliche Geduld und ihren ermutigenden Zuspruch, als dieses Buch noch in vitro war.

I

1 Roches Ridge

Ein elfenbeinfarbener BMW mit zwei Paar Skiern auf dem Dach wand sich zwischen tannengespickten Granitfelsen eine lange Gefällstrecke hinunter. Der Fahrer, Turner Shawn, hatte ein sympathisches, gerötetes Gesicht und schon etwas gelichtetes, ins Grau spielendes blondes Haar. Seine Frau Clea, in Stretchhosen und Rollkragenpullover, saß neben ihm und studierte die kleine Vermonter Ortschaft Roches Ridge, die unter ihnen in der Wintersonne lag, auf einem granitenen Bergvorsprung, der steil zu dem Sumpfgebiet um die Mündung des Mink Creek in den Champlain-See abfiel.

Clea Shawn war eine welterfahrene Frau. Männer hatten ihr in diversen Sprachen ihre Liebe beteuert. Sie hatte mittlerweile so oft geliebt, daß ihr Herz sich anfühlte wie ein Wischmop. In regelmäßigen Abständen hatte die Leidenschaft es gepackt, herumgewirbelt und ausgepreßt. Es waren keine leichtherzigen Abenteuer gewesen, sondern Obsessionen von der Art, wie sie die Tage beherrschen und die Träume diktieren, wie sie Lachse dazu treiben, Wasserfälle hinaufzuspringen, und Männer dazu, sie in Fässern hinunterzusausen. Inzwischen registrierte sie die Symptome – das Pulsrasen, die Schlaflosigkeit, den Drang, neue Bettwäsche zu kaufen und sich im Fitness-Center abzurackern – mit Schrecken.

Und doch war Clea eine Frau, die die Liebe liebte. Hormone waren für sie immer schon die Droge ihrer Wahl gewesen. Als echter Aficionado jenes Moments, in dem die Leidenschaft den gesunden Menschenverstand überschwemmt, war sie zur Selbstbeherrschung wenig begabt.

Hüfthohe Schneewälle türmten sich entlang der Straße rings um einen zentralen Platz, eine kleine Grünanlage mit einem viktorianischen Musikpavillon, einem bronzenen Bürgerkriegskämpfer und einer Kanone aus dem Krieg von 1812. Der Platz war umrahmt von weißen Holzhäusern im Kolonialstil. In der Ferne ragte zur einen Seite hin der Camel’s Hump empor, der mit seiner Schneehaube wie ein Zahn aussah, und zur anderen erhoben sich die Adirondacks. Obgleich Clea weit in der Welt herumgekommen war, hatte sie kaum je ein so hübsches Fleckchen Erde gesehen.

«Was für ein entzückender Ort, Turner!» Sie spürte beunruhigt, wie ihre Handflächen feucht wurden. Turner nickte lächelnd. Nach ihrem spontanen Liebesintermezzo heute morgen auf dem orangeroten Zottelteppich in ihrem Ferienappartement mit Blick auf die Pisten von Alpine Glen hätte er ihr auch zugestimmt, wenn sie behauptet hätte, die Erde sei eine Scheibe. «Dein alter Mann kann es dir immer noch besorgen», hatte er, neben ihr liegend, gemurmelt, und sie hatte es nicht über sich gebracht, ihm zu gestehen, daß sie den Orgasmus nur vorgetäuscht hatte – ein weiteres, beunruhigendes Symptom einer keimenden neuen Leidenschaft. Die Glut ihrer Liebe zu Turner war im Lauf der Jahre einer Art schwesterlicher Zärtlichkeit gewichen – warm und wohlig, aber ohne jenes Moment von Kompliziertheit und innerem Druck, das sie brauchte. Der Halteriemen einer der Skistöcke auf dem Gepäckträger hatte sich gelöst und schlug jetzt gegen das Dach.

Während Turner den Dachträger inspizierte, stieg Clea, nachdem sie ihren Anorak übergezogen und ihre Nikon vom Rücksitz genommen hatte, ebenfalls aus, um ein paar Aufnahmen von halbabgeblätterten Giebeln und Säulenfronten zu machen. Starrs IGA, die katholische St. Sebastian-Kirche, die kongregationistische Gemeindekirche, eine Grundschule mit Fußballplatz dahinter, Als Tankstelle, das Zentrum für Psychohygiene, das Spritzenhaus der freiwilligen Feuerwehr, eine Arztpraxis, Coffins Bestattungsinstitut, ein Lokal namens Casa Loretta, ein weiteres, das Karma-Café hieß, Earls Frisiersalon, Orlons Köder- und Anglerbedarfskiosk mit einem fliegendreckgepünktelten Schild im Fenster, das besagte: JA, WIR HABEN ERDWÜRMER!

Alles, was der Mensch wirklich brauchte, dachte Clea, als sie vor dem Backstein-Postgebäude stand, dem einzigen Haus weit und breit, das jünger war als hundert Jahre. Sie schämte sich plötzlich für den ganzen überflüssigen Krempel, der ihr Leben anfüllte, für ihre dringenden Exkursionen zu Bloomingdale’s oder ins Atrium, um die richtigen Set-Deckchen oder das passende Halstuch aufzutreiben, für ihr ganzes kompliziertes Geflecht aus Nebenherbeziehungen. Man sah ganz deutlich, daß die Roches Ridger einfache, rechtschaffene Leben lebten und nur das wirklich Unentbehrliche dafür brauchten.

Die Casa Loretta war rustikal getäfelt. Turner und Clea saßen an ihrem Resopaltisch mit einer Plastikrose in einem Keramik-Tropfenväschen darauf und aßen Ridgeburgers, die ihnen eine Frau mit einem bemerkenswerten, fast einen halben Meter hohen, blondgebleichten Haarturm auf dem Kopf und spitzen Sechserlocken über den Ohren serviert hatte. Auf einem Ansteckschildchen über ihrer linken Brust stand: HI, ICH HEISSE LORETTA. FRAGEN SIE MICH NACH UNSEREN SOUTH-OF-THE-BORDER-SPEZIALITÄTEN. Aus der neonbeleuchteten Musikbox in der hinteren Ecke des Lokals sang John Denver «Rocky Mountain High».

«Hier gefällt es mir, Turner», hörte sich Clea bekennen. Sie hatte sich schon öfters in Städte verliebt – New York, Paris, Bombay, Kioto, Sidney – aber noch nie in ein Dorf. Sie hatte immer etwas gegen Ansiedlungen mit weniger als einer Million Einwohner gehabt, sofern sie nicht in fremden Ländern lagen und deshalb malerisch waren statt nur öde und langweilig. Ja, sie hatte sogar die ersten einundzwanzig Jahre ihres Lebens mühselig versucht, der Kleinstadt und den Kleingeistern, die sie im allgemeinen beherbergte, zu entfliehen. Das Straßenkreuz, an dem sie persönlich zu tragen gehabt hatte, war Poplar Bluffs, achtzig Meilen ohioaufwärts von Cincinnati, auf einem Kalksteinkliff über dem Fluß, mit 3813 Einwohnern, davon die meisten ältere Menschen, die ihre Tage auf windenumrankten Vorderveranden damit zubrachten, über die Vor- und Nachteile der verschiedenen Zahnprothesen-Haftpulver zu debattieren und die Köpfe über das Tun und Lassen aller neu in der Stadt auftauchenden Personen zu schütteln. Clea war zuerst nach Cornell geflüchtet und dann nach New York.

Turner war nicht weiter beeindruckt, er war daran gewöhnt, daß Clea an jedem Ort, an den sie kamen, im Geist gleich ihre Zelte aufschlug. Und sie hatten viele gesehen, im Zuge seiner Karriere im internationalen Marketing, der Ferienreisen mit ihren Kindern und der vielen Fotoaufträge für Reisemagazine, die an Clea herangetragen worden waren.

«Es ist mir wirklich Ernst, Turner.» Clea spürte plötzlich die heftige Sehnsucht, sich wieder auf die grundlegenden Dinge des Lebens zu besinnen, wobei sie allerdings übersah, daß dazu womöglich auch Langeweile, Einsamkeit, Krankheit, Gewalt und Tod gehörten.

«Ausgezeichnet, die Pommes frites.»

«Turner, alles, was du brauchst, ist doch ein Flughafen. Ich habe inzwischen so viele berufliche Kontakte, daß ich leben kann, wo ich will. Und die Kinder laufen doch so gerne Ski.» Ein leeres Nest gehörte in den Wald, nicht in die östliche Neunundvierzigste Straße. Theo war in seinem letzten Jahr am Hotchkiss, Kate in ihrem ersten am Smith. Clea hatte auch als Mutter immer ein aktives Eigenleben geführt. Aber im letzten September hatte sie voller Entsetzen einen riesigen Hohlraum in ihrem Herzen gefühlt, den bis dahin offenbar ihr Muttersein ausgefüllt hatte. Am gleichen Tag, an dem die Kinder aus dem Haus gegangen waren, war Turner nach Rom geflogen. Clea hatte den ganzen Nachmittag im Bett gelegen und geheult. Ihre Babies, die so hungrig an ihren Brüsten gesaugt und sich bei jeder Begegnung mit fremden Menschen so fest an ihre Finger geklammert hatten, trafen sich jetzt zu Rendezvous mit Leuten, die sie nicht kannte, und fanden nichts dabei, ganz allein Bankkonten zu eröffnen und Studienfächer zu wählen.

«Clea, du bist wie ein Schnellzug.» Turner lachte. «Ich kann entweder aufspringen oder zurückbleiben und dir nachschauen.»

«Und bisher bist du immer aufgesprungen, Liebling. In guten wie in schlechten Tagen.»

«In Liebe und in Untreue», ergänzte er mit einem zärtlichen Lächeln. «All die Jahre, seit ich dich zum erstenmal gesehen habe, damals bei dem Studienanfänger-Tee in Cornell, mit deinem Whiskey-Sour-Schwips und deinen schwarzen Haaren vor dem einen Auge und deiner schönen Stimme, mit der du so laut und falsch ‹Roll Your Leg Over› gesungen hast.»

«Wir könnten doch das Haus in Turtle Bay behalten. Als Pied-à-terre. Wozu haben wir das ganze Geld?» Zu ihren Fotohonoraren kamen noch Einnahmen aus den Immobilien ihrer Eltern. Und Turner bezog das Gehalt eines erfolgreichen Managers.

«Du vergißt, daß du New York liebst, Clea. Du wirst diese Überfallgeschichte schon verwinden. Du brauchst nur ein bißchen Zeit.»

Clea kniete zwischen Big-Mac-Kartons in einem Durchgang bei der westlichen Achtundvierzigsten Straße. Ein Mann in einem zerrissenen braunen Parka hielt ihr eine Pistole an die Schläfe. Mit der freien Hand riß er ihr die Goldringe aus den Ohrläppchen.

«Bitte nicht schießen», flüsterte sie. «Ich habe zwei Kinder.»

«Lady», sagte er, den Hahn spannend, während seine blutunterlaufenen Augen sie durch die Löcher der ledernen Skimaske sengend anstarrten, «das ist mir egal, und wenn Sie die Vorsteherin vom Waisenhaus sind.»

«Und was ist mit Elke?» fragte Turner, nun doch etwas beunruhigt.

Clea schüttelte den Kopf. Elke. Elke und sie telefonierten fast täglich und gingen einmal die Woche zusammen essen. «Sie könnte herkommen. Und ich würde sie besuchen. Es gibt ja Briefe. Das Telefon. Mein Gott, Turner, ich kann doch mein Leben nicht um Elke herum planen.» Die Zeiten, da sie ihr Leben um Elke herum geplant hatte, waren vorbei. Sie hatten sich in Elkes Atelier kennengelernt, als Clea sie für den American Artist fotografierte. Danach war Cleas gesamtes Wachleben und auch ein Gutteil ihres Schlafs vom Verlangen nach Elke durchtränkt gewesen. Aber nach Saint John, als klargeworden war, daß sie nicht zusammen durchbrennen würden, hatte sich dieses dranghafte Moment ein wenig gelegt, obgleich die Achtung und Zuneigung geblieben waren.

Ein winziges Männchen in Cowboystiefeln und einer Schnürsenkelkrawatte, die von einer Nadel mit einem türkisfarbenen Donnervogel gehalten wurde, zahlte jetzt gerade bei Loretta am Tresen. Er hatte das verschrumpelte Gesicht und die Embryonalhaltung einer Mumie, während er im Vorbeigehen eine Petition für die Wiedereinführung der Todesstrafe in Vermont unterschrieb.

Loretta sah von ihrer Registrierkasse auf und lächelte Clea unter ihrem fischadlernestartigen Haargebilde freundlich zu. Clea sagte: «Dieser Ort ist wirklich wunderhübsch.»

«Kann ich nicht sagen. Hab mein ganzes Leben hier gelebt.»

Der Mann mit der Schnürsenkelkrawatte sagte aus dem Mundwinkel: «Noch nicht dein ganzes, hoff ich doch, Loretta.»

Und Cleas armes, vagabundierendes Herz stockte.

Wieder in New York, bemühte sich Clea nach Kräften, Roches Ridge mit Hilfe ihrer üblichen Routine aus Hausarbeit, Fotoaufträgen, Fitness-Training und Abendeinladungen aus ihrem Kopf zu verbannen. Aber an einem stürmischen Nachmittag saß sie an dem Mahagonischreibtisch mit den Klauenfüßchen in ihrem Arbeitszimmer im vierten Stock ihres Hauses in Turtle Bay und sichtete die Fotos von ihrem Ski-Wochenende in Alpine Glen für ein Feature über Vermont. Die Äste des krüppeligen Großstadtahorns in ihrem Hinterhof bogen sich im Wind und peitschten prasselnde Regentropfen gegen die Fensterscheiben. Ein Foto zeigte im Sonnenlicht glitzernde Eiszapfen am verschnörkelten Säulengesims eines großen weißen viktorianischen Hauses am Platz von Roches Ridge. Clea wußte noch, wie sie diese Aufnahme gemacht hatte, aber sie erinnerte sich nicht, dabei eine zarte, junge weißblonde Frau in einem hochgeschlossenen edwardianischen Kleid bemerkt zu haben, die im Frontfenster auf einer goldenen Harfe spielte. Es wirkte fast wie eine Doppelbelichtung. Clea liebte solche Zufallskompositionen, ungeplant, aber trotzdem perfekt.

Während Clea noch weitere Fotos von Roches Ridge studierte und wieder die weißen Berge im Hintergrund und den blitzblauen Himmel sah, merkte sie, wie ihr Puls und ihr Atem sich beschleunigten. Sie griff nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein, um sich abzulenken. Aber als die Waltons vor ihrem Thanksgiving-Essen die Köpfe beugten, während John-Boy das Tischgebet sprach, stiegen ihr die Tränen in die Augen. Sie weinte während des ganzen Rests der Sendung, den Kopf auf dem Schreibtisch.

Cleas Begleiter bei der Dinnerparty an diesem Abend im Sutton Place war ein attraktiver junger Redakteur des Reisemagazins Getaway, mit dem sie schon seit ein paar Wochen flirtete. Es war die Rede von einem gemeinsamen verlängerten Wochenende in Antigua, wo sie eine Reportage über den Karneval machen wollten. Sie wechselten hintergründige Bemerkungen darüber, daß man das Feuerwerk sicher vom Hotelzimmerbalkon aus sehen könnte.

Mitten während der verbalen Manöver, die darauf abzielten, dem anderen Informationen über seine sexuellen Gewohnheiten zu entlocken, um das Risiko einer tödlichen Infektion abschätzen zu können, wurde Clea sich plötzlich bewußt, daß sie gähnte. Für Jim mit seinen zweiunddreißig Jahren war eine Affäre mit einer älteren Frau vermutlich etwas Erregendes, aber für Clea war mittlerweile selbst die Erregung langweilig. Sie hatte das alles einfach zu oft erlebt. In ihrer Jugend hatte sie geglaubt, Leidenschaft sei etwas Tiefes und Erhabenes. Bei jedem neuen Liebhaber war ihr so gewesen, als flüstere er ihr die Kombination ins Ohr, die ihr das Tor zur ewigen Erfüllung öffnen würde. Aber jede dieser Leidenschaften war irgendwann heruntergebrannt und nach einer Phase unsteten Flackerns schließlich verglommen und erloschen wie ein Pfadfinderfeuer im Nieselregen. Deshalb hatte sie mit der Zeit gelernt, sobald sie bemerkte, daß sich wieder eine heftige Anziehung zusammenbraute, zuerst im Geist eine kurze Rechnung anzustellen: War die Verzückung des Augenblicks die letztendliche Enttäuschung wert? Wobei sie allerdings meistens das Ergebnis ignorierte und sich trotzdem darauf einließ. Manchmal kam es aber doch vor, daß sie ganz bewußt einen Mondscheinspaziergang am Strand vermied, weil sie wußte, daß die Erinnerung ihr weh tun würde, wenn die Sache vorbei war. In den letzten Jahren war sie immer mehr dahin gekommen, Männer als eine Art Libellen zu betrachten und ihre zarten Gazeflügel zu bestaunen, wenn sie sich niederließen, ohne zu erwarten, daß sie lange sitzen blieben. Aber diese Flirterei heute abend mit Jim fühlte sich eher an wie eine Partie Gin-Rommee – ziehen, spielen und ablegen. In diesem zynischen Licht widerte sie das ganze Manöver plötzlich so sehr an, daß sie Kopfschmerzen vorschützte und sich verabschiedete.

Als sie ihr leeres Haus betrat und den Blick über die gediegene Einrichtung schweifen ließ, die sie mit solchem Eifer ausgesucht, gehegt und gepflegt hatte, wurde ihr plötzlich klar, wie krankhaft ihre derzeitige Lebensform war. New York City, einst so bunt und vital, hatte jetzt seine finstere Seite hervorgekehrt. Und diese Liebesgeschichten, die sie früher immer so gefesselt hatten, langweilten sie nur noch. Sie war inzwischen so perfekt darin, wieder loszulassen, daß sie gar nicht mehr zupacken konnte. Und außerdem hatte sie das Gefühl, daß sie laut losschreien würde, wenn noch einmal ein Liebhaber ein Resümee ihrer Lebensgeschichte von ihr erwartete.

In dieser Nacht träumte Clea in einem fort von dem kleinen Dorf in Vermont, weiß und still in der Wintersonne und bewohnt von einem kauzig-gutmütigen und grundanständigen Menschenschlag. Als sie irgendwann aufwachte und sich in ihrem breiten französischen Bett wiederfand, horchte sie auf das hallende leere Haus und das unablässige Prasseln des Regens an den Fensterscheiben. Turner war in Brüssel. Jetzt, da er zum Vizepräsidenten aufgestiegen und für das gesamte internationale Marketing von Fresh-It-Zahnpasta verantwortlich war, würde er ständig unterwegs sein. Theo und Kate waren an ihren Colleges und büffelten für ihre Zwischenklausuren. Elke war sicherlich in ihrem Atelier an der Westlichen Dreizehnten Straße und arbeitete die Nacht hindurch an ihrer neuen Skulptur. Jim saß vermutlich im Maxwell’s Plum und versuchte, sich an eine jüngere und weniger weltmüde Frau heranzumachen. Und Clea kniete zwischen den Big-Mac-Kartons, von ihren Ohrläppchen rann Blut, sie roch den Gestank von fauligen Abfällen aus einer Mülltonne ein Stück weiter, und ihre Achseln waren naß von Schweiß …

Sie knipste das Licht an, nahm die Roches Ridge-Fotos vom Nachttisch und betrachtete sie, während ihr Herz einen wilden Trommelwirbel schlug. Was war nur in sie gefahren? Das Kleinstadtleben, das ihr mit achtzehn so erstickend erschienen war, schien jetzt plötzlich Geborgenheit, Kontinuität und Erfüllung zu verheißen.

Am späten Nachmittag war Clea in Roches Ridge, in der Casa Loretta, Heimstatt der Taco-Pizza, wo sie bei einer Tasse Kaffee mit der haarturmgekrönten Loretta Gebo den lokalen Immobilienmarkt erörterte. Turner, Kate und Theo konnten sie verlassen, aber sie konnte auch Weggehen. Sie würde auch weiterhin ein wärmendes Feuer im häuslichen Herd für sie bereithalten, aber Zuhause war, wo man sein Haus hatte, und sie würde ihres hier haben, auf einem Sockel aus Granit, der niemals wanken oder vergehen würde.

2 Calvin Roche

Calvin Roche verstaute seinen Videorecorder und die Kästen mit den «Dallas»-Kassetten im Fond seines zerbeulten rosa 64er T-Bird mit den grünen Nummernschildern und den Lettern TEX. Er war gottfroh, daß es ihm gelungen war, dieser Städterin das Haus anzuhängen. So lange hatte er schon versucht, es loszuwerden, um endlich nach Abilene/Texas ziehen zu können – seit Boneeta vor zwei Jahren der Herzschlag ereilt hatte.

Während er in seinen spitzen Cowboystiefeln zum Haus humpelte, musterte er die große graue Bruchbude noch ein letztes Mal. Was zum Henker wollte sie bloß mit diesem Schuppen? Er konnte es sich nicht vorstellen. Eines Tages war sie plötzlich vor seiner Tür aufgetaucht, so ein Typ wie Mandy Winger aus «Dallas» (plus Krähenfüßen und angegrautem Haar) und so aufgeregt, daß sie von einem Fuß auf den anderen trat, als müßte sie mal. Irgendein Roche hatte den Kasten Ende des siebzehnten Jahrhunderts erbaut, und seither machte er nichts als Ärger. Die Fußbodenbalken waren alle von der Trockenfäule zernagt, und jeden Moment konnte die Badewanne in den Keller durchkrachen. Aber bis Mrs. Shawn das spitzkriegen würde, war er längst in Abilene, und eine Nachsendeadresse gedachte er nicht zu hinterlassen.

Calvin packte ein paar Koffer auf den Videorecorder und dachte, daß clevere Roches immer wieder Gründe gefunden hatten, hier wegzugehen – den Goldrausch, den Bürgerkrieg, den Ersten Weltkrieg. Er selbst war im Zweiten Weltkrieg nach Abilene gegangen, um dort deutsche Kriegsgefangene zu bewachen, während sie in den Blumenbeeten irgendwelcher Colonels Unkraut jäteten. Seine Freizeit verbrachte er im Silver Dollar Saloon, unter kriegsversehrten Cowboys, die die ganze Zeit von ihren großen Viehtrecks quer durch West-Texas redeten. Nach dem Krieg kehrte Calvin dann eigentlich nur nach Vermont zurück, um mit Boneeta Schluß zu machen und sich von seinen Eltern zu verabschieden. Aber er und Boneeta waren Nachbarskinder gewesen und schon von klein auf ein Pärchen, und so gewann Boneeta.

Schon bald hatten sie vier Kinder. Und um genügend warme Fäustlinge für all ihre Hände und genügend Chef Boyardee für all ihre Bäuche heranzuschaffen, ging Calvin im McGrathschen Steinbruch arbeiten, Granit für Grabsteine brechen. Aber wenn er auf dem Gabelstapler saß, sprengte er im Geist mit dem Lasso über die westtexanische Prärie. Seine Arbeitskollegen sagten Tex zu ihm. Und nachdem Boneeta sechzig Pfund zugelegt hatte, nannte er sie nur noch Burrito. Samstags abends ging er in seinem rotseidenen Westernhemd und der Schnürsenkelkrawatte mit Boneeta (die auch ohne ihre steifen Unterröcke schon doppelt so breit war wie er) in Brad Bradburys Country & Western Colonial Inn an der Überlandstraße 7, um dort mit den Fancy Steppers Schottische zu tanzen. Die Freitagabende gehörten «Dallas». Calvin war überzeugt, daß er sich auf South Fork nahtlos unter Ray Krebbs’ Rancharbeiter einfügen würde.

Jetzt lag Boneeta auf dem Friedhof hinter der Kongregationistenkirche. Auf der anderen Hälfte des Grabsteins stand bereits sein Name, nur das Todesdatum galt es noch einzusetzen. (Sonny Coffin hatte zwar versucht, ihn dazu zu überreden, Boneeta verbrennen und ihre Asche hinter einer Messingplatte beisetzen zu lassen, aber Calvins Rente hing schließlich davon ab, daß der Grabsteinhandel florierte.) Calvins Kinder arbeiteten in der Raumfahrtindustrie in Utah und am Montageband in Detroit. Zugegeben, er hatte sie hart rangenommen, als sie klein gewesen waren. Aber nur wenn er zuviel Lone Star getrunken hatte und ihm wieder eingefallen war, daß ihre Existenz ihn daran hinderte, über die Prärie zu reiten. Er hatte ihnen geschrieben und versucht, es ihnen zu erklären, aber sie hatten ihm nicht geantwortet. Es war genau wie bei diesen Transsexuellen, von denen er im National Enquirer gelesen hatte. Diese Leute behaupteten, sie seien Frauen, die irrtümlicherweise in einem männlichen Körper steckten: er war ein Texaner, der als Vermonter zur Welt gekommen war.

Aber jetzt gab es nichts mehr, was ihn noch daran hindern konnte, in seine wahre Identität zu schlüpfen. Er sah sich im Geist in ledernen Beinschützern, Weste und Stiefeln, den Stetson auf dem Kopf und das zusammengerollte Lasso in der Hand, auf einem Quarterhorse über die Prärie sprengen oder am Lagerfeuer Gitarre spielen, neben sich einen Blechbecher mit Kaffee und einen Sattel. Zumindest aber konnte er im Silver Dollar sitzen und Cowboygarn spinnen. Das war allemal Gold dagegen, hier herumzuhocken, in dieser Steingruft, sich alte Dallas-Folgen auf Video reinzuziehen und darauf zu warten, daß die Badewanne in den Keller krachte.

Calvin bugsierte gerade seinen olivgrünen Seesack in den T-Bird, als Clea Shawn in ihrem elfenbeinfarbenen BMW vorgefahren kam. Sie stieg aus und knöpfte ihren Trenchcoat mit dem karierten Wollfutter zu.

«Hallo, Mr. Roche.»

«Tag, M’am. Bin gerade am Aufbrechen.» Er versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr es ihn drängte, hier wegzukommen. Sie würde sich sonst vielleicht wundern, warum er es so brandeilig hatte, und womöglich noch die fauligen Balken entdecken.

Clea musterte seine bestickten Cowboystiefel und seine nietenbeschlagene Jeansjacke. «Jetzt geht es wohl direkt nach Texas, Mr. Roche?»

«O ja, M’am, so ist es.»

«Na, dann gute Reise, Mr. Roche.»

«Danke, M’am. Tut mir leid wegen der ganzen Unordnung da drin, aber acht Generationen hinterlassen nun mal ganz schön viel Krempel.»

«Machen Sie sich keine Sorgen.» Sie tätschelte seine knochige Schulter, auf der sie, von der Höhe her, bequem eine ihrer Brüste hätte deponieren können. «Ihr wundervolles Haus ist bei mir in den besten Händen.»

Calvin stieg in seinen T-Bird und dachte, sie sollte sein wundervolles Haus nehmen, anzünden und das Versicherungsgeld kassieren. Und sich davon einen hübschen, kleinen, kompakten Neubau hinstellen, ohne tote Ecken und Winkel und ohne Ratten. Den Stetson schwenkend, als säße er auf einem Bronco, rief er ihr zu: «Einen wunderschönen guten, Mrs. S.!» Diese Abschiedsformel hatte er von Ishtar aus dem Karma-Café. Ishtar kam aus Kalifornien und hieß eigentlich Barbara Carmichael, hatte aber ihren Namen geändert, während sie drunten am Mink Creek gewohnt hatte, in einem Zelt mit noch einem Dutzend anderer lesbischer Weiber, die sich die Boudiccas nannten. Normalerweise hatte Calvin ja für solche linksgestrickten Typen nicht soviel übrig, aber Ishtar mochte er, weil sie ihm erklärt hatte, seine Begeisterung für «Dallas» zeige, daß er in einem früheren Leben Cowboy gewesen sei. Letzte Woche, als er ihr erzählt hatte, daß er nach Abilene ziehen würde, hatte sie von der Spinnenpflanze hochgeschaut, die sie gerade umtopfte, und gemeint: «Wir sehen uns wieder. Wenn nicht in diesem Leben, dann eben in der nächsten Runde. Einen wunderschönen guten, Mr. R.!»

Ishtar und Loretta waren die einzigen hier in der Stadt, die er vermissen würde. Er hatte abends immer abwechselnd in der Casa Loretta und im Karma-Café gesessen. Aber wenn er ganz ehrlich war: von Ishtars «aktueller Vollwert-Cuisine» hielt er nicht viel. Als Ishtar ihr Café eröffnet hatte, hatte Calvin Loretta geholfen, ihr Lokal umzubenennen: von Lorettas Luncheonette in Casa Loretta. Auch die Taco-Pizza war seine Idee. Loretta sagte, er hätte sie gerettet. Und das hatte er auch. Die Leute hatten ihr Lokal hinter ihrem Rücken das Gasthaus zur Fernfahrerfalle genannt.

Als Calvin jetzt zum letztenmal – für dieses Leben zumindest – seine Ausfahrt entlangfuhr, zählte er sich im Geist resolut all die Gründe auf, die dafür sprachen, von hier wegzugehen. Kesse Väter aus Kalifornien in Tipis drunten am Mink Creek. Krüppelige Redneck-Jesus-Freaks aus Georgia in alten gelben Schulbussen droben am Granite Gap. Sonny Coffin, der den Heuschober seines Großvaters in ein Krematorium verwandelte. Um, wie böse Zungen behaupteten, sein Haus mit Menschenfleisch zu heizen. Einäugige rote College-Professoren, die die Bauern aufwiegelten, die Xerox-Werke in Brand zu stecken. Roches Ridge war eindeutig nicht mehr, was es einmal gewesen war, und schon das war nicht gerade die Krönung gewesen.

Und dann noch diese Marshs nebenan. Nie mehr irgendwelche Marshs sehen zu müssen lohnte allein schon den Umzug nach Abilene. Und wenn Waneeta Marsh tausendmal Boneetas Zwillingsschwester war. Seine Familienbande nannte er sie immer. Er passierte ihr Holzhaus mit der halbabgeblätterten Farbe, den Fenstern, auf denen lauter Aufkleber pappten, die besagten: UNSERE EINBRUCHSVERSICHERUNG: SMITH & WESSON, der Vorderveranda voller alter Autositze und rostiger Haushaltsgeräte aller Art. Im Sommer pflegten immer irgendwelche Marshs in diesen Autositzen herumzuhängen, Miller High Life zu trinken und zu grölen, bis der Mond unterging. Calvin hatte den Staketenzaun an der Grundstücksgrenze errichtet, und die Marshs hatten fortan ihre Miller-Flaschen und Stinktierkadaver obendrüber geworfen. Waneetas Sprößlinge hatten seinen Kindern Hustler-Fotos gezeigt und sie gezwungen, hinten im Schuppen mit ihnen Ausstopfer zu spielen. Der Scheinwerfer über ihrem Autofriedhof hatte jede Nacht in sein und Boneetas Schlafzimmer geleuchtet. Und ihr ultraviolettes Insektenlicht surrte und ploppte rund um die Uhr und rund ums Jahr.

«Verrottet doch in eurem Dreck, ihr Marshs!» Er streckte den Mittelfinger in Richtung ihrer baufälligen grauen Heimstatt, als er in seinem vollbepackten rosa T-Bird vorüberröhrte, daß eine Dreckfontäne unter seinen glitzernietenbeschlagenen Schmutzfängern hervorspritzte. Der letzte Roche aus Roches Ridge verabschiedete sich von diesem Loch!

3 Das Haus

Clea stand mit erhobener Hand in der holprigen Einfahrt und sah zu, wie Calvin Roche, eine Matschfontäne hinter sich herziehend, entschwand. Es war bestimmt nicht leicht, ein ganzes Leben einfach so hinter sich zu lassen, die eigenen Wurzeln und die von Generationen von Vorfahren. Aber schon als sie dieses wundervolle Steinhaus auf seinem Hügel, inmitten der verwilderten Fliederbüsche, zum erstenmal gesehen hatte, war ihr klar gewesen, daß sie es haben mußte. Sie betete nur, daß er bis zum letzten großen Roundup durchhalten würde, ohne vorher zu merken, daß er sein Geburtsrecht für ein Linsengericht verkauft hatte. Wie eine Jungfrau in der Hochzeitsnacht wandte sie sich ihrem neuen Haus zu, um es zu inspizieren. Die äußere Linienführung ein Musterbeispiel schlichter georgianischer Eleganz. Eine Bleiglaslünette über der massiven Eichenholztür. Ein Palladio-Fenster oben im zweiten Stock.

Aber vom Dach sausten Schindeln wie Guillotinemesser. Kamine waren am Zusammenfallen. Zwischen den Steinen war der Mörtel herausgebrochen. Der hölzerne Seitenanbau hatte einen Senkrücken. Fenster mit zerborstenen Scheiben starrten blind aus abgeblätterten Rahmen. Turner weigerte sich, auch nur einen Fuß in das Haus zu setzen, ehe es nicht fertig renoviert war. Aber er hatte ja zwischen seinen Reisen sowieso kaum noch Zeit, die Koffer auszupacken. Als sie ihm bei seiner Rückkehr aus Brüssel von ihrer Erwerbung erzählt hatte, hatte er gefragt: «Ist das deine subtile Art, unsere Scheidung in die Wege zu leiten, Clea?»

«Ich will doch weiter nichts als ein ruhiges Plätzchen zum Arbeiten, wenn du weg bist, Turner», gab sie zur Antwort, während sie ihm, auf ihrer Quiltdecke ausgestreckt, beim Auspacken zusah. «Mit ein paar netten Nachbarn, die ab und zu mal vorbeischauen.»

«Mir sieht das eher nach Midlife-crisis aus», seufzte er, sein Rasierzeug aus dem Koffer nehmend. «Ich dachte, du hättest gelobt, mich zu lieben und zu ehren und mir zu gehorchen?»

«Aber ich habe nicht gelobt, mit dir nach Brüssel zu gehen, oder?» Turner glaubte immer, er wolle, daß sie für ihn die treue Penelope spiele. Aber als sie versucht hatte, zu Hause zu bleiben, damals, nachdem die Kinder geboren waren, da hatte er in ihr statt dessen eine Art Medusa gesehen und sich in die Arme weniger verfügbarer und weniger bedrohlicher Frauen geflüchtet. Zweifellos würde sie dieser Schritt von ihm weg für ihn attraktiver machen, aber das war nicht ihr Motiv.

Drinnen musterte Clea, die Kamera um den Hals, die Unordnung, die Calvin angesprochen hatte – stapelweise National Enquirers und Fernsehzeitungen, Einkaufstüten voller Lone-Star-Bierflaschen und überall schimmlige Fertiggerichte in Aluschälchen. Die unteren Türecken hatten die Ratten weggenagt. Breite Kiefernholzdielen schlummerten unter diversen Schichten blumengemusterten Linoleums. An den Wänden schlugen die Tapeten und der bröckelige Putz Blasen. Calvin hatte ausschließlich in der Küche gelebt. In einer Ecke stand ein Feldbett mit einer schimmligen Polsterauflage. Ein angekohlter Küchenstuhl mit Sprossenlehne lag im offenen Kamin. Clea fing an zu fotografieren. Sie würde die gleichen Details nach der Renovierung noch einmal aufnehmen. Ein Redakteur von House Beautiful hatte bereits Interesse an einer Serie «Das Roche-Haus in Roches Ridge – vorher und nachher» bekundet.

Während sich draußen der Himmel lachsrosa und mauve färbte, entfachte Clea mittels des angekohlten Stuhls ein hübsches Feuer, zufrieden mit sich und diesem neuen Abenteuer, das sie zu einem Zeitpunkt eingegangen war, da ihre Altersgenossinnen über Patiententestamente zu diskutieren begannen. Sie breitete Theos Daunenschlafsack auf dem Feldbett aus und erhitzte sich eine Packung kalorienarme Zucchini-Lasagne im Backofen. Auf der Liege sitzend lauschte sie, während sie aus der Aluschale aß, dem Knacken des Feuers und des Hauses und dem Brummen der unvertrauten Haushaltsgeräte. Und sie malte sich aus, wie es hier schon bald sein würde – gewachst und gebohnert, gestrichen und tapeziert, mit perlgarnbestickten Gardinen, antiken Möbeln und Orientteppichen. Hier würde sie allein wohnen und arbeiten und Vita Sackville-Wests Erloschenes Feuer lesen.

Als sie sich hinlegte, überkamen sie Einsamkeitsgefühle. Sie vermißte Elke. Seit siebzehn Jahren telefonierten sie fast täglich miteinander, wenn Clea in den Staaten war. Was Clea erlebte, wurde für sie erst richtig wirklich, wenn sie es Elke erzählte. Elke würde ihre Schilderung des guten Calvin Roche und seines heruntergekommenen Hauses goutieren und so lange nachfragen, bis sie es alles genauso plastisch vor sich sah wie Clea selbst. Dann würde sie berichten, vom Gedeihen ihrer neuesten Plastik (eines von Bajonetten aufgespießten Säuglings) und ihren Begegnungen mit Stadtstreicherinnen und Gemüsehändlern. Und brandheiße kleine Klatschgeschichten über gemeinsame Bekannte. Die Leitung kam ins Glühen, wenn Elke richtig in Fahrt war.

Als Clea Elke von Roches Ridge erzählt hatte, hatte Elke nur schweigend dagesessen, in ihrem schwarzen Plaid-Sessel, in ihr graues wollenes Schultertuch gehüllt, und durch das streifige Dachfenster des Ateliers war graues Zwielicht hereingefallen. Schließlich hatte sie gemeint: «Dazu kann ich nur sagen: Du hast einfach mehr Energie, als dir guttut, Clea. Oder jedenfalls, als mir guttut.»

Und das stimmte. Clea konnte einfach nicht stillhalten. Und Elke wollte sich nicht rühren. In Cleas Augen gab es nur die eine Alternative, in Bewegung zu bleiben oder tot umzufallen. Für Elke dagegen war der Tod sowieso unausweichlich. Also konnte man sich genausogut schon darauf einstimmen. Sie lebte seit über fünfunddreißig Jahren in derselben Wohnung, mit demselben Mann. Selbst ihr künstlerisches Schaffen kreiste immer um dasselbe Thema: leidende und duldende Frauen und Kinder, Opfer von Krieg und Gewalt. In den Anfangsjahren waren es graphische Arbeiten gewesen – Zeichnungen, Radierungen, Lithographien und Holzschnitte. Und in jüngerer Zeit dann Skulpturen, zunächst aus Ton und inzwischen aus Metallabfällen. Brillant, aber morbide, fand Clea. Elke war technisch so gut, daß ihre Werke fast wirkten, als wollten sie die Zerstörung verherrlichen und das Leiden romantisieren. Nichtsdestotrotz war sie enorm en vogue, seit die feministische Kunstkritik sie «entdeckt» hatte.

Elke selbst führte ihr statisches Gemüt darauf zurück, daß sie ihre Jugend unterwegs verbracht hatte – auf der Flucht vor den deutschen und den russischen Soldaten, quer durch Deutschland nach Frankreich und von dort über den Kanal nach London. Und auf ihr Leben als junge Frau in Greenwich Village, mißtrauisch beäugt vom HUAC, das schließlich ihren Mann Terence, inzwischen Professor für Politikwissenschaft an der NYU, auf die schwarze Liste gesetzt hatte.

«Aber du wirst mich doch besuchen kommen?» fragte Clea, während draußen vor dem Oberlicht ein Spätwintergewitter grummelte.

«Du weißt doch, Liebste, daß ich dem Landleben nichts abgewinnen kann. Ich habe im Krieg eine Überdosis Heuböden und Viehfutter abgekriegt.» Elke hatte den Kopf an die Sessellehne gelehnt und studierte eine entfernte Deckenecke.

Tatsächlich hatten fast alle ablehnend auf Cleas Roches Ridge-Unternehmen reagiert (außer Terence, den es immer entzückte, sie möglichst weit weg zu wissen, weil er sich davon die Wiederherstellung seines Elke-Monopols versprach). Als Clea Theo am Hotchkiss anrief, brach es aus ihm heraus: «Aber Mom, du kannst doch nicht einfach wegziehen.»

«Warum nicht?» Zweifellos saß Theo in seinem ewigen silbernen Astronautenjäckchen dort am anderen Ende, mit der amerikanischen Fahne auf dem Ärmel und mit seiner blauen Mets-Mütze auf dem Kopf.

«Na, jemand muß doch zu Hause bleiben und sich um alles kümmern, um das ganze Zeug und so.» Er war permanent empört, weil sie nicht June Cleaver war und ihn in der Schürze an der Tür empfing, mit einem Glas Milch und einem nie erlahmenden Interesse für seine Heldentaten draußen in der Welt.

Kate, am Smith, sagte nur: «Also wirklich, Mom, kannst du dich nicht endlich mal so benehmen, wie es sich für eine Frau in deinem Alter gehört?»

Clea sah sie vor sich, wie sie nervös den langen, dünnen Zopf an ihrem Hinterkopf hin und her zwirbelte. «Und wie hat sich eine Frau in meinem Alter zu benehmen?» fragte Clea lachend. «Das versuche ich doch gerade herauszukriegen.» Ihre eigene Mutter hatte ihre Wechseljahre in einem verschlissenen korallenroten Morgenrock im Bett zugebracht und sich mit Smirnoff betäubt.

«Jedenfalls nicht so wie du», erwiderte Kate halb kritisch, halb bewundernd.

Clea war klargeworden, daß alle ihre Lieben wollten, daß sie in Turtle Bay saß und wartete, während sie zum Spielen auszogen. Aber vielleicht wollte sie ja auch spielen. Solange sie es noch konnte.

Clea war schon fast im Begriff, sich von Calvin Roches Liegestatt zu erheben und in die Stadt zu fahren, um ein Telefon zu suchen. Aber dann schloß sie statt dessen die Augen. Sie stellte sich Elke vor – die hohen Wangenknochen und das spitze Kinn, die silbernen Haare, zum Knoten hochgesteckt, die vielen heraushängenden Strähnen wie eine silberne Aura, die geduldigen dunkelblauen Augen, die einen mit beunruhigender Intensität fixierten. Als Clea damals wegen des Porträts für den American Artist in Elkes Studio erschienen war, war sie den ganzen Abend dageblieben, hypnotisiert von diesen traurigen Augen, die schauten, als hätten sie alle Greuel dieser Welt selbst mit angesehen. Aus dem Drang heraus, Elke aufzuheitern, unterhielt sie Clea während der Foto-Session mit Geschichten über ihre Kinder, und einige Male erntete sie auch den matten Anflug eines Lächelns. Bis dann plötzlich ein großer, dünner, leicht gebeugter Mann von unten heraufkam, die National Review in der Hand. Sein dunkles Haar war an den Seiten kurz und oben auf dem Kopf lang und kraus wie Stahlwolle. Eine schwarzrandige Brille ritt auf halber Höhe seiner Nase. Er bat Clea, jetzt zu gehen, weil Elke ihre Ruhe brauche.

«Mein Mann Terence», sagte Elke mit einer entschuldigungsheischenden Grimasse, nachdem er wieder verschwunden war. «Er meint immer, er muß mich behüten.»

«Das merke ich», sagte Clea, dabei, ihre Fotoausrüstung einzusammeln, die zwischen den Stapeln von Kupferplatten, Blöcken und Steinplatten, Farbkästen und Haufen von etwas, das wie Scherben aussah, verstreut lag. «Tur mir leid, wenn ich meine Zeit überzogen habe. Ich hatte keine Ahnung, daß es schon so spät ist.»

«Bitte», sagte Elke mit einer hilflosen Handbewegung. «Es hat mich sehr gefreut. Kommen Sie doch wieder, ja?»

«Gern. Rufen Sie mich an, wenn Sie Zeit haben. Und vielen Dank für die Fotos.»

Auf der Heimfahrt im Taxi, durch stille, dunkle Straßen, fragte sich Clea, welch merkwürdige eheliche Territorialrechte sie wohl verletzt hatte. Elke hatte keinen Versuch gemacht, ihrem ungehobelten Mann zu widersprechen. Wahrscheinlich würde sie von dieser Frau nie wieder hören. Aber am nächsten Morgen rief Elke an. Wie sie es von da an, wenn Clea in New York war, fast täglich tun sollte.

Wenn Elke und Clea zusammen waren, sprühten sie Funken wie eine gerissene elektrische Leitung. Einmal hatten sie versucht, diese Energie in Sex umzusetzen, in einem kleinen Ferienhäuschen am Meer, auf Saint John, unter einem langsam kreisenden hölzernen Ventilator. Es war kein großer Erfolg gewesen. Zum Glück, da Clea bezweifelte, daß sie sich je über die Faszination würde hinwegsetzen können, die die ingeniöse Hydraulik des Penis auf sie ausübte. Der Wunsch, einander körperlich zu besitzen, hatte sich gelegt, aber ihre Herzen trugen nach wie vor jedes das Siegel der anderen. Manchmal wünschte sich Clea, sie könnte dieses spannungsgeladene Verhältnis in die gemütliche freundschaftliche Zuneigung umwandeln, die jede von ihnen mit ihrem Mann verband. Vielleicht war das ja auch ein Grund, weshalb sie nach Roches Ridge ging – um dieser unablässigen Spannung zu entgehen, von der sie beide nicht wußten, was sie damit machen sollten.

Von nebenan fiel Licht durch ihr Küchenfenster, und das letzte Stuhlbein glühte im Kamin. Über den Staketenzaun, der ihr Grundstück seitlich begrenzte, drang ein Brutzelgeräusch herüber. Es klang wie eine nächtliche Fisch-Fritierparty. Clea sah sich in dem dunklen Zimmer um. Ihr Blick fiel auf die chaotischen Zeitschriftenstapel und die blasigen Wände. Was hatte sie sich da aufgeladen? Sie dachte an ihr Stadthaus in Turtle Bay mit seinen fleckenlosen beigen Teppichböden, seinen weichen Sofas … seiner Schließ- und Alarmanlage. Hier gab es weder Schlösser noch Gardinen. Irgendein Räuber, der sich dort draußen herumtrieb, könnte sie durchs Fenster beobachten – tat es vielleicht jetzt schon, in diesem Augenblick – und würde merken, daß sie allein und schutzlos war … Sie kniete zwischen Big-Mac-Verpackungen, den eisigen Stahl eines Pistolenlaufs an ihrer Schläfe. Das Klicken, als der Mann entsicherte, schien durch den ganzen Durchgang zu hallen. Ihr Mund war pergamenttrocken, und ihre Haut kribbelte vor Angst …

Clea holte tief Luft und hielt sich vor, daß es in Roches Ridge keine Räuber gab. Sie setzte sich auf und drehte die nackte Glühbirne über ihrem Kopf an. Sie kramte in ihrer Handtasche und fand ein Spiralnotizbuch und einen Kugelschreiber. «Elke – ich sehne mich so danach, mit dir zu reden, jetzt, auf der Stelle. Wen hast du getroffen, was hast du gehört? Unser Telefonritual – meinst du, das ist eine Art Sucht? Vielleicht sollten wir zu den anonymen Telefonikern gehen. Ich sitze gerade in der Küche meines neuen Hauses …»

Clea sah auf und genau auf eine feiste Ratte mit roten Augen, die unter der Kellertür hindurchschlüpfte. Sie zog schaudernd die Beine unter sich und saß jetzt auf ihrer Liege wie beim Camping. «Elke, mein neuer Besitz ist ein herrliches altes Anwesen – ein Palladio-Fenster, ein Bleiglas-Oberlicht, Kiefernholzdielen von einem dreiviertel Meter Breite. Seit 1790 von ein und derselben Familie bewohnt. Calvin Roche, der es mir verkauft hat, ist so ein richtiger exzentrischer Neuengländer. Seine Kinder sind weggezogen, und es ist mir offensichtlich vom Schicksal bestimmt, dieses Haus vor dem Verfall zu bewahren.»

Clea legte, plötzlich erschöpft, das Notizbuch weg und fädelte ihre Beine in den Schlafsack. Durch das strahlende Licht und die Knistergeräusche von nebenan irritiert, fiel sie auf ihrem schmalen Lager in einen unruhigen Schlaf, während die Glut im Kamin langsam erlosch. Wie so oft in bewegten Zeiten träumte sie, auf der diffusen Suche nach Trost, von ihren Eltern.

4 Elke

Manchmal gab es nur noch eins, woran Elke merkte, daß sie lebte: die Tatsache, daß ihre Fingernägel immer wieder geschnitten werden mußten. Sie studierte ihre rauhen, dick geäderten, rissigen und dreckigen Hände, ihre Arbeitsgeräte. Sie saß in dem schwarzen Plaidsessel in ihrem Atelier und vermißte Clea. Ohne sie schien New York wie eine Geisterstadt. Wenn Clea in Japan war oder in Australien, war es leichter, weil sie dann einfach unerreichbar war. Aber sie fünf Autostunden weiter nördlich zu wissen war schwierig. Die Anekdoten, die Elke sammelte, um Clea bei ihren abendlichen Telefonaten damit zu amüsieren, blieben unerzählt. Heute, zum Beispiel, hatte ein Mann hinter Elke in der langen Warteschlange in der Reinigung eine 38er Spezial gezogen und seine Hemden auf der Stelle und außer der Reihe zurückgefordert.

Aber auch Elkes innerste Gedanken und Gefühle blieben ungeäußert. Clea fand diese blödsinnige Situation sicher genauso unbefriedigend. Aber sie war verliebt in dieses Kaff, dieses Rotz-Ridge. Und die Glut der ersten Leidenschaft mußte offenbar erst einmal richtig auflodern, ehe sie wieder verglomm. Elke hatte diesen Vorgang oft genug beobachtet – all diese abwegigen Menschen, Orte und Projekte, die Clea in Abständen fesselten, kurz, aber total, so daß ihr weder Zeit noch Energie für anderes blieb. So, wie ihr Zen-Meditationstrip in Kioto, als sie fest davon überzeugt gewesen war, daß sie Sphärenklänge hörte, um dann leider feststellen zu müssen, daß es sich bei diesem hohen Summen um Ohrensausen handelte, die ersten Vorboten einer beginnenden Mittelohrverhärtung. Oder diese Phase der Begeisterung für die traditionellen indischen Tänze damals in Bombay, als sie sich einen Bandscheibenvorfall geholt hatte. Oder Ryan Sullivan, der BBD & O-Werbeleiter, den sie auf Martinique verführt und der ihr eine Hepatitis angehängt hatte. Clea behauptete zwar, sie sei jetzt über solche Obsessionen hinaus, aber dieser Stuß mit der ländlichen Einsamkeit war doch ihr neuester Trip. Irgendwann kam sie dann immer wieder heim, belämmert und sanftmütig wie eine Hauskatze, die mitten auf ihrer Streuntour durch die dunklen Gassen plötzlich gemerkt hat, daß sie nicht mehr rollig ist.

Elke war Cleas Idealismus allmählich leid. Diese Suche nach dem Reinen und Vollkommenen brachte nämlich gelegentlich den Drang mit sich, als unrein und unvollkommen wahrgenommene Dinge zu zerstören, was aber hieß, genau das zu produzieren, was man bekämpfte. Einmal hatte Clea ihr eine korallenrote Rose geschenkt, zum zehnten Jahrestag ihrer ersten Begegnung. Eins der äußeren Blütenblätter war leicht angewelkt gewesen, und Clea hatte es abgezupft. Daraufhin hatte sich die ganze Rose auf den Fußboden ihres Ateliers entblättert. Elke dagegen versuchte immer, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie waren, mit Rost und allem, genau wie das Schrottmaterial, das sie für ihre Skulpturen verwandte. Ihre Kindheit im Nazi-Deutschland hatte sie ein für allemal gegen jede Form von Idealismus gefeit, weil sie gesehen hatte, wie er Amok laufen konnte. Aber Clea war von dieser unerschütterlichen amerikanischen Naivität durchtränkt, die da glaubte, das Leben sei als erfreuliches und sinnvolles Unterfangen gedacht. Sie hatte ja auch noch nie die Flüsse gesehen, die das Blut ihrer Landsleute rot färbte.

Gerade als Elke zum erstenmal ihre Periode bekommen hatte, waren die Russen in Deutschland einmarschiert. Schon vorher waren die Gruselgeschichten aus Polen bis in ihr kleines Oder-Städtchen gedrungen. Bei den Hausdurchsuchungen wurden die Bewohnerinnen von ganzen Horden vergewaltigt. Mädchen wurden für den Gebrauch durch die russischen Soldaten requiriert. Mütter schwärzten ihren Töchtern die Zähne, säbelten ihnen die Haare ab, zerrissen ihre Kleider und beschmierten sie mit Dreck. Elkes Bruder, ein junger Flieger, war im Vorjahr bei einem alliierten Angriff auf einen Luftwaffenstützpunkt in Tunesien umgekommen. Ein Kamerad hatte der Familie ein Foto von seinem Grab geschickt, markiert durch ein hölzernes Hakenkreuz, an dessen einem Arm sein Stahlhelm hing. Ein paar Monate zuvor war Elkes Vater, Sanitätsoffizier bei der Wehrmacht, vom Volksgerichtshof in Berlin wegen seiner Beteiligung am versuchten Attentat auf den Führer zum Tod durch den Strang verurteilt worden. Ein aufmerksamer Nachbar hatte Elkes Mutter anonym ein Zeitungsfoto von seinem am Strick baumelnden Leichnam geschickt. In einigen Fällen waren die Angehörigen verurteilter Offiziere ebenfalls exekutiert worden. Elke und ihre Mutter hatten jede Nacht damit rechnen müssen, daß man sie aus den Betten holen und wegschleppen würde. Aber die anrückenden Russen würden keine Unterschiede machen. Deutsche waren Deutsche.

Elke und ihre Mutter machten sich also auf nach Westen, zu Fuß und manchmal ein Stück auf einem Bauernwagen. Sie schliefen in Scheunen oder auf einem Lager aus Tannennadeln und nagten an Rüben, die als Viehfutter bestimmt waren. Die Wälder und Straßen waren voller Flüchtlinge und entflohener Kriegsgefangener. Da Frühling war, gab es auf den Wiesen jungen Löwenzahn, und manchmal teilte auch ein Verwandter sein kärgliches Mahl mit ihnen. Ein Wehrmachtskamerad ihres Vaters besorgte ihnen Passierscheine für Frankreich, und Verwandte in London schleusten sie durch die alliierten Linien und über den Kanal. Überall am Weg sahen sie Trümmer und verstümmelte Menschen. Die ganze Flucht war für Elke ein verschwommener Alptraum aus Angst, Hunger, Nässe und Kälte. Geblieben waren ihr davon verfaulte Backenzähne und ein unstillbares Sicherheitsbedürfnis.

In London irrte Elke wie benommen durch die vom deutschen «Blitz» getroffene Stadt. Sie machte Bleistiftskizzen von verkohlten Ruinen und hohlwangigen Überlebenden. Zeichnen war ihre Form, Tagebuch zu führen. Die Bilder, die sich ihr ringsum darboten, auf Papier festzuhalten war für sie immer schon der – weitgehend vergebliche – Versuch gewesen, der Welt einen Sinn abzuringen. Sie konnte sich nicht erinnern, wann oder warum sie damit angefangen hatte. Aber sie erinnerte sich, wie sie, noch vor dem Krieg, im Wartezimmer ihres Vaters herumgelungert war, um seine Patienten zu zeichnen, wie sie dort saßen, geplagt von ihren Schmerzen und Ängsten.

Als die alliierten Truppen die Konzentrationslager befreiten, sagte Elke in ihrer neuen Wohnung in Camden Town vorwurfsvoll: «Aber du mußt es doch gewußt haben, Mutter.» Als sie am nächsten Tag von der Schule heimkam, lag ihre Mutter tot auf dem geblümten Wohnzimmerteppich – endgültig über ihre Kräfte strapaziert, war sie einem Herzschlag erlegen.

Eine Tante in New York City ermöglichte Elke ein Kunststudium am Cooper Union. Elke studierte anfangs Ölmalerei, um aber bald zu merken, daß ihr dazu das nötige Farbgefühl fehlte. Trotzdem fand sie die Anatomiekurse und das Zeichnen nach Gipsabgüssen und lebenden Modellen sehr gewinnbringend. Und sie lernte, ihre Skizzen aus dem bombardierten London in Kupferplatten zu ätzen und mit Fettkreide auf Lithostein zu übertragen. Immer wieder verarbeitete sie in den verschiedensten Techniken die Kraterlandschaften und die verstümmelten Menschen.

Eines Abends begegnete sie bei einer Vernissage Terence, der im Rahmen der GI-Bill am City College studierte und vier Treppen hoch im Greenwich Village wohnte. Groß und hager, trug er das Haar oben lang und kraus und an den Seiten kurz. Er hatte zu den ersten amerikanischen Soldaten gehört, die in Deutschland einmarschiert waren, und er war voller Wut über die Welt, die ihm die Generation seiner Eltern hinterlassen hatte. Um seiner Verachtung Ausdruck zu verleihen, war er der Liga der Kriegsgegner und der kommunistischen Partei beigetreten. Eine faszinierende Mischung aus Feuer und Eis, war er hinter seiner abgeklärten Fassade in ständigem brodelndem Aufruhr. Fast schon vom ersten Rendezvous an führte er sich wie ein Wachhund auf. Er sah die Wohnung ihrer Tante als sein Revier an, das er gegen alle Konkurrenten verteidigte, bis sie schließlich nachgab und ihn heiratete und in die westliche Dreizehnte Straße zog, wo sie dann wohnen blieben. Sie verwandelte den Dachboden über seiner Wohnung in ein Atelier, indem sie darin einen Zeichentisch und eine Druckpresse aufstellte.

Sehr bald bekam sie mit, daß Terence öfters nachts schreiend aufwachte. Im Lauf der Monate schilderte er ihr, was er in den Gestapo-Gefängnissen und Konzentrationslagern gesehen hatte, die seine Einheit befreite. Diese Geständnisse linderten zwar seine Alpträume, verschlimmerten aber ihre eigenen. Also versuchte sie, sich diese gräßlichen Visionen von der Seele zu schaffen, indem sie sie zu einer Serie von Holzschnitten verarbeitete, die ihr nebenbei einen hervorragenden Abschluß am Cooper Union eintrugen.

Terence war der Schrecken aller Gastgeber. Er konnte einfach keine leichte Konversation machen, und die ernsthaften Gespräche, die er begann, wuchsen sich meist zu Streitereien aus. Zu seinem Wohlbefinden brauchte er das Gefühl, einer bedrängten Minderheit anzugehören. Als in den sechziger Jahren eine allgemein politische Klimaverschiebung nach links einsetzte, begab sich Terence, statt nun endlich die Früchte seiner Leiden in der McCarthy-Ära zu genießen, postwendend unter die Befürworter des Vietnamkriegs, und zwar mit dem Argument, daß etwas, was bei fünfundsechzig Prozent der Amerikaner auf Ablehnung stieß, nur gut sein konnte. Mit diesem zwanghaften Häretikertum Schritt zu halten fiel Elke schwer.

«Warum hältst du nur an dieser hoffnungslosen Schwärmerin fest?» hatte Terence sie am Vorabend gefragt, als sie an ihrem Küchentisch mit dem Eichenholzfuß saßen und zu Abend aßen und sie schweigend in ihren Kummer über Cleas Roches Ridge-Trip versunken war. Er linste über seine wie immer auf halber Höhe seines Nasenrückens thronende Brille hinweg, mit einer Miene, die deutlich sagte, wie praktisch und zuverlässig und ihrer ungeteilten Zuwendung würdig er doch war. Er liebte es, sie allein oben bei ihrer Arbeit zu wissen, während er unten saß, sich in die Greuelmeldungen der Weltpresse vertiefte und sie vor störenden Eindringlingen beschützte wie ein Eunuch, der den Eingang zum Serail bewacht.

«Weil ich sie liebe.»

«Dann bist du noch närrischer als sie.»

«Zweifellos.» Es verblüffte Elke immer wieder, wenn sie merkte, daß Terence nach wie vor eifersüchtig auf Clea war. Es war doch offensichtlich, daß er auf bestimmten Ebenen gewonnen hatte – während er auf anderen gar nicht erst in den Ring gestiegen war. Die Zeit, da sie mit dem Gedanken gespielt hatte, ihn wegen Clea zu verlassen, lag schon lange zurück. Sie war sein, bis daß der Tod sie scheiden würde. Der Glückspilz!

Während sie mit dem Daumennagel ihre Fingernägel reinigte, ließ sie, den Kopf zurückgelehnt, den Blick auf den Regentropfen ruhen, die über das streifige Dachfenster kullerten. Es stimmte. Sie war eine Närrin, genauso besessen von Clea wie Clea von Roches Ridge. Aber wenn Clea ihre ganze Energie auf einen konzentrierte, wurde man mit hineingezogen in ihr inneres Drama, das den Alltag in einen einzigen Mardi gras verwandelte. Clea war ein bunter Schmetterling, der von Garten zu Garten flatterte, auf der Suche nach der vollkommenen Blüte. Elke dagegen war eine Termite, die im Dunkeln am fauligen Holz nagte. Aber Elke wußte, daß sie ganze Gebäude zum Einstürzen bringen konnte, während Cleas prächtige Blüten, so vollkommen sie auch sein mochten, doch zwangsläufig irgendwann welkten und faulten.

Auch wenn Clea nie lange genug vor Ort blieb, um dem Verfall beizuwohnen. Selbst ihre Fotos waren zum allergrößten Teil geschönt. So wie die von Elke für den American Artist, die sie mit Weichzeichner und schmeichelhafter Ausleuchtung aufgenommen und dann noch retuschiert hatte, um nur ja die Falten und Schönheitsfehlerchen verschwinden zu lassen. Elke hatte noch nie einen Menschen gesehen, der es schaffte, so viel zu reisen und dabei so wenig zu lernen. Clea war so damit beschäftigt, in ihrem Kopf verlockende Urlaubsprospekte zu gestalten, daß sie die schlimmen Dinge gar nicht bemerkte, die ihr förmlich ins Gesicht sprangen. Als die Shawns in Bombay gelebt hatten, inmitten verkrüppelter Bettler, die auf den Straßen verhungerten, hatte Clea die prunkvollen Relikte der britischen Kolonialherrschaft fotografiert. Dieser Gemütsunterschied war wohl auch der Motor ihrer Beziehung: Clea war der Kolben, Elke der Zylinder.

Elke erinnerte sich, wie sie Clea zum erstenmal gesehen hatte, vor siebzehn Jahren, in der Eingangstür zu ihrem Atelier: groß und hager, mit langem, welligem schwarzem Haar, dunklen Augenbrauen und langen Wimpern. Sie hatte ein bodenlanges schwarzes Kapuzencape mit rotseidenem Futter an und sah aus wie eine melodramatische Clara Barton. Die Foto-Session dauerte Stunden, da Clea ständig Kamera, Objektiv, Film und Beleuchtung wechselte. Während Elke alle nur erdenklichen Posen – sitzend, liegend, hockend, auf einer Leiter thronend – einnahm, erzählte Clea in einem heiseren Alt, der Elke förmlich elektrisierte, von ihren Kindern. Trotz des ganzen Aufwands zeigten die Fotos schließlich weiter nichts als eine freundlich dreinschauende, auf sehr konventionelle Weise attraktive Frau mit glatter Haut. Elke war zwar ein wenig geschmeichelt, vermochte aber in diesen Porträts kaum die Person wiederzuerkennen, die damals gerade Holzschnitte von gepeinigten vietnamesischen Frauen und Kindern für Antikriegsplakate produzierte. Irgendwie reduzierte es die Session mit Clea im nachhinein auf das Niveau einer belanglosen sexuellen Begegnung – Technik statt Nähe.

Von da an blieben sie in ständigem Kontakt, und Elke fing an zu leiden, wenn sie sich trennten, weil sie nach der Erfahrung mit ihrer Mutter im tiefsten Grund ihrer Seele davon ausging, daß sie Clea nicht mehr gesund und munter wiedersehen würde. Zu der Zeit steckten Clea und Turner gerade in der ewigen ehelichen Monogamie-Debatte. Elke erschienen letztlich beide Seiten unreif. Diese bizarren amerikanischen Moralvorstellungen, für die so altehrwürdige europäische Erfindungen wie Steuerhinterziehung und außerehelicher Sex schlichtweg «Betrug» waren, deprimierten sie eher. Aber natürlich war sie auch noch nie mit diesem Problem konfrontiert worden. Terence war, soweit sie wußte, zwanghaft treu. Manchmal wünschte sie sich, er würde einen Teil seiner Aufmerksamkeit irgendeiner knackigen Studentin zuwenden.

Clea hingegen litt unter Turners «Promiskuität», also bemühte sich Elke nach Kräften, sie zu trösten. Turner war ein netter Kerl, aber ein Luftikus – ein charmanter, gewandter, blondschopfiger Geschäftsmann, neben dem Terence wie ein Troll wirkte. Er interessierte sich nicht für Cleas empfindsame Seele mit all ihren verschlungenen Windungen. Alles, was er wollte, war ein geneigtes Ohr, ein bereitwilliger Körper und ein sauberes Haus, wenn er von seinen Reisen heimkehrte. Elke und Clea fingen an, von einem Gemeinschaftsatelier zu reden, das sie sich in einem benachbarten Loft einrichten wollten, und Elke spielte mit dem Gedanken, daß sich daraus vielleicht ein weitergehendes Zusammenleben entwickeln könnte.

Aber es gab da zwei Stolpersteine: Kate und Theo. Für eine Stunde waren die Kleinen ja ganz bezaubernd. Elke saß oft auf Cleas Sofa und skizzierte sie, wie sie spielten oder, auf Cleas Schoß, die Arme um ihren Hals, hartnäckig Ansprüche geltend machten, die Vorrang vor ihren eigenen hatten. Aber das Ganze rund um die Uhr erschien ihr denn doch ein bißchen viel. Im großen und ganzen empfand Elke ihre Aufenthalte in Turtle Bay wie Besuche in einem Frauengefängnis. Ihre Arbeit verlangte von ihr, daß sie so lange unter Wasser blieb, bis der Krake sich zeigte. Und dieses Untertauchen wiederum setzte das Vertrauen voraus, daß sich oben kein Taifun zusammenbraute. Das Leben mit Kleinkindern war aber ein einziger Taifun.

Inzwischen war die körperliche Anziehung so heftig geworden, daß Elke sich Clea gegenüber fühlte wie ein Häufchen Nägel, das der Kraft eines Magneten ausgesetzt ist. Elke versuchte, sich zurückzuziehen, weniger oft anzurufen, Essensverabredungen abzusagen, aus Angst, wohin diese Gefühle sie führen mochten. Sie igelte sich in ihrem Atelier ein und bemühte sich, aus ihren Skizzen von Clea und den Kindern eine Radierung oder eine Lithographie zu destillieren. Aber sie scheute sich lange, Clea das Ergebnis zu zeigen.

Die Anstrengung, die es sie kostete, sich von Clea fernzuhalten, begann, ihren Zoll zu fordern. Elke bekam Migräne. Schließlich konnte sie nicht mehr, und so landete sie unglücklichen Herzens mit Clea auf Saint John und dem Bett unter dem großen hölzernen Ventilator.

Und dann wurde Turner nach Paris beordert, und Clea ging weg, als wollte sie sie für jenen qualvollen Nachmittag bestrafen (der doch als solcher schon Strafe genug gewesen war). Cleas Briefe waren frisch-fröhlich, und schon nach kurzer Zeit hatte sie eine Affäre mit einem belgischen Journalisten, dem sie zweifelsohne in ihrem grauenhaften Französisch süße Nichtigkeiten ins Ohr flüsterte. Wie ein Suchscheinwerfer hatte sich ihre Aufmerksamkeit anderswohin gerichtet. Elke suchte Trost bei Terence, froh, sich darauf verlassen zu können, daß er immer dasein würde, um ihr mit seiner Allgegenwart auf die Nerven zu fallen.

Dieser Nachmittag auf Saint John verfolgte sie noch immer. Manchmal empfand sie ihn als verpaßte Chance, dann wieder fühlte sie sich glücklich davongekommen. Sie hatte zwar absolut nicht den Drang, ihre Tage als Barrikadenkämpferin für gesellschaftliche Veränderungen zuzubringen, aber wenn sie und Clea damals in der Lage gewesen wären, einfach zu tun, was sie wollten, und eventuell fallende Späne in Kauf zu nehmen, dann hätte sie vielleicht Terence verlassen, um mit Clea zu leben. Oh, sie liebte Terence. Er war so voller hehrer Prinzipien wie die Verfassung der Vereinigten Staaten. Aber mit Clea bewegte sie sich in ganz anderen Höhen. Manchmal kam sie sich vor wie ein Heißluftballon, den Cleas Feuer prall aufblähte und himmelwärts streben ließ, während Terence ihn mit den Tauen der Gewohnheit und der trauten Häuslichkeit am Boden festhielt.

Aber es war nicht einfach nur ein simples Dreieck. Es war ein kompliziertes Kaleidoskop aus vielerlei geometrischen Formen und schloß Ehepartner, Kinder, sonstige Freunde und Freundinnen und Geliebte ein. Dreiecke waren Konstellationen für junge Leute. Die älteren, mit ihrer komplexen Vergangenheit und ihrem Drang, möglichst viel Leben in sich hineinzuschlingen, ehe das Grab sie verschlang, steckten oft in Gefügen, die nicht minder kompliziert waren als die Doppelhelix. Daß solche Arrangements in «Das kleine Haus auf der Prärie» nicht vorkamen, bedeutete noch lange nicht, daß sie nicht weit verbreitet waren. Diese wurzellosen Amerikaner hatten zwar ihre vielgepriesenen erweiterten Familien, aber diese Bande waren weit häufiger emotionaler als verwandtschaftlicher Natur.

Elke betrachtete seufzend ihre neue Skulptur neben der blauen Gasflasche für den Schweißbrenner. Ein schreiender Säugling auf einem Wald von Bajonetten, die zu von anonymen Männerhänden emporgestreckten Gewehren gehörten. Sie hatte das Werk «Und wehret ihnen nicht» genannt. Der Titel gefiel ihr, aber das verdammte Ding selbst taugte nichts. Die Balance stimmte nicht, und das Sujet war abgedroschen. Sie hatte das alles schon bearbeitet: Kindermord, Vergewaltigung und Verstümmelung. Sie hätte am liebsten den Schweißbrenner genommen und die schroffen Metallteile wieder auseinandergetrennt. Aber dann fiel ihre ein, daß es Abend war. Um diese Tageszeit, wenn ihre Energie verbraucht war, fand sie ihre Werke immer gräßlich. Morgen, wenn sie wieder aufgetankt hatte, würde sie sich vielleicht in die Hände spucken und darangehen, die Linien und Proportionen zu korrigieren.

5 Astrid Starr

Astrid Starrs IGA-Lebensmittelmarkt war das Kontrollzentrum von Roches Ridge. Astrid regulierte den Fluß der Gerüchte innerhalb des Ortes, so wie Trooper Trapp den des Verkehrs regelte. Es war ihre Form von Dienst an der Öffentlichkeit. Obwohl die High-School-Knaben, die die Regale auffüllten, diesen Job ebensogut auch noch hätten machen können, zog Astrid es vor, sich in ihrem dunkelblauen Polyacrylblazer mit dem «IGA loves you»-Aufnäher auf der Tasche persönlich an die Kasse zu setzen. Während sie die Posten eintippte und die Summentaste betätigte, gab sie die kleinen Klatsch-Nuggets weiter, die sie aus den Gesprächen mit den letzten Kundinnen herausgesiebt hatte. Alle paar Monate stoppte sie, ähnlich wie bei einer Brandschutzübung, wie lange es dauerte, bis ein von ihr selbst in Umlauf gesetztes Gerücht wieder zu ihr zurückkehrte. Der Rekord (gehalten von Sonny Coffin, der gerade von Forest Lawn nach Roches Ridge zurückgekommen war und den Plan mitgebracht hatte, im Heuschober seines Großvaters ein Krematorium einzurichten) stand bei dreiundvierzig Minuten.

In jüngster Zeit hatte sich ein großer Teil der Neuigkeiten um die Frau im grünkarierten Holzfällerhemd gedreht, die soeben mit umgehängter Kamera durch die Glastür hereinkam. Eine Immobilienspekulantin, sagten die einen, die Calvins Haus herrichtete, um es teuer wieder zu verkaufen. Die besorgte Mutter einer der Lesben drunten am Mink Creek, sagten andere. Die Vorhut der Wiedergeborenen droben am Granit Gap, die Roches Ridge im Namen Christi übernehmen wollten und mit Calvins Haus angefangen hatten. Eine FBI-Agentin, die Alvin Jacobs Kommunisten drüben im Camel’s Hump College observierte. Die Gerüchte schwirrten so zahlreich durch die Gegend wie Fledermäuse an einem Sommerabend. Aber jetzt, so hoffte Astrid, würde sie endlich die Wahrheit aus ihr herausholen und in Umlauf setzen können.

Während Clea ihren Einkaufswagen durch den Gang bei den Obstkonserven schob, blätterte Astrid, leise «Some Enchanted Evening» summend, in dem mit der Morgenpost angekommenen Prospekt der Royal Viking Line. Sie nannte die vollständigste Reiseprospektsammlung in der ganzen Stadt ihr eigen. Ihr derzeitiger Traum war es, mit dem Schiff von Vancouver nach Anchorage zu fahren. (Ursprünglich hatte es sie ja zu den griechischen Inseln gezogen, aber nachdem die Araber den armen Klinghoffer über Bord geworfen hatten, war sie doch lieber auf ein anderes Meer umgestiegen.) Sie sah es alles vor sich: die Rumba unter dem großen Bären, Aerobics an Deck, die interessanten Mitpassagiere aus Iowa und Alabama.

Vor zwei Jahren hatten Astrid und Earl als Hochzeitsreise eine Kreuzfahrt zu den Hawaii-Inseln gemacht, auf der Norwegian Star, zusammen mit einer Gruppe Elks und Elkettes. Man hatte noch Extraausflüge buchen können, wenn das Schiff anlegte. Zum Beispiel eine Busfahrt in den tropischen Regenwald, zwecks Besichtigung seltener Orchideen, oder einen Hubschrauberflug über einen noch aktiven Vulkan. Aber darauf waren Earl und sie natürlich nicht scharf gewesen. Earl hatte es am besten in Pearl Harbour gefallen, weil da keine Japse herumliefen. Aus einem der Souvenir-Shops dort hatte er seinen weichen australischen Armeehut mit der Emufeder im Lederband.