Fünf Minuten im Himmel - Lisa Alther - E-Book

Fünf Minuten im Himmel E-Book

Lisa Alther

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Beschreibung

Für die dreizehnjährige Jude war das abenteuerreiche Bündnis mit ihrer besten Freundin Molly eine Flut erfüllter Momente. Und so hält Jude an ihrer Sehnsucht nach «Ewigkeitsliebe» fest, als Molly bei einem Autounfall ums Leben kommt. Ihre Suche nach jener tiefen Nähe, die den erotischen Moment überdauert, führt Jude nach New York, dann nach Paris, in eine leidenschaftliche Affäre mit der Tänzerin Olivia. Doch vielleicht offenbart sich das Wesen des Glücks gerade in der Flüchtigkeit des Augenblicks, ist Judes Einklang mit sich selbst wichtiger als jedes Glück zu zweit?

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EPUB

Seitenzahl: 517

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Lisa Alther

Fünf Minuten im Himmel

Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Für die dreizehnjährige Jude war das abenteuerreiche Bündnis mit ihrer besten Freundin Molly eine Flut erfüllter Momente. Und so hält Jude an ihrer Sehnsucht nach «Ewigkeitsliebe» fest, als Molly bei einem Autounfall ums Leben kommt. Ihre Suche nach jener tiefen Nähe, die den erotischen Moment überdauert, führt Jude nach New York, dann nach Paris, in eine leidenschaftliche Affäre mit der Tänzerin Olivia. Doch vielleicht offenbart sich das Wesen des Glücks gerade in der Flüchtigkeit des Augenblicks, ist Judes Einklang mit sich selbst wichtiger als jedes Glück zu zweit?

Über Lisa Alther

Lisa Alther, Schriftstellerin, wurde 1944 in Tennessee geboren.

Inhaltsübersicht

Für Jody, Scout ...Der einzige Sieg ...Prolog1. KapitelErster Teil. Molly2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. KapitelZweiter Teil. Sandy8. Kapitel9. Kapitel10. KapitelDritter Teil. Anna11. Kapitel12. Kapitel13. KapitelVierter Teil. Jude14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. KapitelDank

Für Jody, Scout und Dill

Der einzige Sieg in der Liebe ist die Flucht

 

Napoleon

Prolog

1

Zwei Männer hievten einen Ziegenbock mit zusammengebundenen Hufen aus dem Kofferraum einer blauen Limousine. Als sie ihn unten über den gefliesten Hof schleppten, klappte sein bärtiges Maul auf, und er begann zu hecheln und panisch mit den Augen zu rollen.

Diese Franzosen aßen alles, was nicht schneller war als sie, sinnierte Jude und dachte an den Wochenmarkt in der Rue Mouffetard, gleich bei der Wohnung, die sie damals während ihres Auslands-Studienjahrs gemietet hatte: reihenweise feuchtglänzende Nieren, Lebern, Herzen und Zungen, der Größe nach sortiert. Ein ganzer Zoo von Vögeln, die mit schlaffen, gefiederten Flügeln an ihren verdrehten Hälsen baumelten. Kaninchen mit zottigen Fellresten und aufgeschlitzten Bäuchen, die zur näheren Inspektion luden. Aber wie Simon einmal über seine englischen Landsleute gesagt hatte: Kein Volk, das Tiere liebt, wird jemals Ruhm für seine Küche ernten.

Jude zündete sich eine Zigarette an und sank in einen gepolsterten Korbsessel, der mitten im Sonnenlicht stand, das durch die türartigen Glasfenster ihrer Wohnung im sechsten Stock des fahrstuhllosen Altbaus hereinschien. Dennoch, Paris hatte manches für sich. Zunächst einmal war es nicht New York. Und nachdem sie die letzten Monate damit zugebracht hatte, Anna in ihrem Bett im Roosevelt-Krankenhaus zerstoßenes Wassereis einzuflößen, war sie froh über die Abwechslung.

Angefangen hatte alles an jenem Abend auf Simons Terrasse in der Nähe von Provincetown, als ein Nordwind den Sand aufgewirbelt und die Brandung zum Schäumen gebracht hatte. Anna war gerade gestorben. Jude war den ganzen Nachmittag lang am Strand auf und ab marschiert und hatte beobachtet, wie sich die Farbe des Meeres mit der des Himmels veränderte – genauso, wie sich Annas Augen entsprechend ihrer Stimmung und ihrer Umgebung verändert hatten.

Als Jude keine Lust mehr hatte, zu laufen, kletterte sie eine Düne hinauf, grub mit den Händen eine Kuhle aus, legte sich bäuchlings hinein und schmiegte sich in den weichen Sand, als sei er Annas Körper. Mehrere Stunden lag sie so da, die Augen geschlossen, die Hände unter den Oberschenkeln, und lauschte dem Tosen der Brandung, dem Zischen der Gischt auf dem feuchten Sand, dem Geschrei der Möwen, dem windgezausten Dünengras, das klirrte wie Messerklingen. Und erinnerte sich daran, wie Anna und sie sich damals von dem Kongreß in Boston weggestohlen hatten, um den Strand entlangzugaloppieren, durch die auslaufenden Wellen, und dann von den Pferderücken zu gleiten und von einer hohen Düne aus zuzugucken, wie glänzendschwarze Wale vor dem fernen Horizont auftauchten und ihre Fontänen in die Luft bliesen.

Als sich der Himmel blutrot färbte, stapfte sie zum Haus, zu Simons taktvollem Geplauder und einem stärkenden Abendessen: Brathähnchen und Kartoffelpüree. Sie deckten den Tisch auf der Terrasse und aßen mit Blick auf das immer dunkler werdende Meer. Während die laue Nachtluft in Simons schwarzen Locken spielte, redeten sie über Sandy und seine Opern, Anna und ihre Gedichte, die Wonnen der Liebe und die Sehnsucht, die blieb, nachdem sie einem genommen wurde.

Da erschien Jasmine, mit einem Turban und goldenen Kreolohrringen, auf dem Weg nach Paris. Sie schritt über die Terrasse, im Schlepptau drei junge Assistenten, zwei Frauen und einen Mann, alle in leuchtend weißen Hosen und Mondrian-Tops, als wollten sie gerade in Cannes an Bord einer Yacht gehen. Jasmine hatte sich ein Batiktuch umgewickelt und ähnelte ein wenig einer der zierlichen Stewardessen der Singapore Airlines auf dem endlosen Flug nach Australien, den Jude vor ein paar Monaten hinter sich gebracht hatte, um auf dem Festival in Adelaide an einer Podiumsdiskussion über Frauenverlage teilzunehmen.

Während Jude den Drang unterdrückte, sich ein Strandlaken vom Geländer zu schnappen, um ihre schmuddeligen grauen Sportshorts und ihr Whale-Watch-T-Shirt zu bedecken, küßten sich Simon und Jasmine mehrmals auf die Wangen und sahen sich in die Augen, als hätten sie nur noch zehn Minuten zu leben. Jasmines Vater hatte in der Résistance gekämpft, und Simons Vater war sein Verbindungsoffizier beim britischen Geheimdienst gewesen. Nach dem Krieg hatten die Familien immer wieder zu gegenseitigen Besuchen den Ärmelkanal überquert, und jetzt verkauften Simon und Jasmine einander Lizenzen für die Bücher ihrer Verlage. Jude hatte Jasmine das erstemal mit Simon auf der Frankfurter Buchmesse getroffen. Sie war ihr dann bei der Messe der American Booksellers Association in Atlanta und bei der feministischen Buchmesse in London wiederbegegnet, und sie hatte mit ihr in Adelaide auf dem Podium gesessen. Sie bewunderte Jasmines Accessoires, von ihrer Intelligenz und ihrem Elan ganz zu schweigen.

Alle setzten sich um Simons Glastisch, um den von Jasmine mitgebrachten Veuve Clicquot zu trinken und Godiva-Pralinen zu knabbern. Zwischen Jasmines rudimentärem Englisch und Simons rudimentärem Französisch pendelnd, diskutierten sie über die Gabe der Französinnen, Accessoires einzusetzen. War sie angeboren oder erlernt? Jude schilderte, wie schon ein simples Tuch sie in größte Ratlosigkeit stürzte. Woher wußte Jasmine, welche Größe sie für welchen Anlaß zu wählen hatte? Erteilten französische Mütter ihren Töchtern Unterricht im Knotenschlingen? Und wie war es mit den Schuhen? Kein Paar hatte Jude zweimal an Jasmines Füßen gesehen. Sie waren entweder im selben Farbton wie ihre Kleidung oder standen in raffiniertem Kontrast dazu, oder aber sie hatten irgendein faszinierendes Detail, etwa silberne Absätze oder komplizierte Knöchelriemen. Im Moment trug sie goldene Sandalen mit hohen Absätzen und Zehenriemchen.

«Guckt mich doch an», sagte Jude und streckte ihre nackten sandigen Füße mit den unlackierten Zehennägeln in die Höhe. «Nicht einmal heute abend habe ich elegante Garderobe zu bieten.»

«Aber, meine liebe Jude», sagte Jasmine mit einem Blick aus Augen so dunkel wie geschmolzene Schokolade, «dafür sind Sie doch berühmt. Das ist Ihr Markenzeichen.»

Jude blinzelte. «Ach?» Ihr Ziel war es immer gewesen, sich so schlicht zu kleiden, daß niemand sie bemerkte.

«Ja, man bewundert Sie für Ihre Gleichgültigkeit gegenüber der Mode.» Jasmine schaute sie unschuldig an, aber die kleinen Fältchen in ihren Augenwinkeln verrieten ein gewisses spöttisches Amüsement.

Simon verkniff sich ein Grinsen.

«Danke», sagte Jude unsicher.

Das leise Seelüftchen hatte sich zu einer steifen Brise entwickelt, und die Strandlaken über dem Geländer knatterten wie Flaggen im Sturm. Sie gingen hinein. Während Simon in dem Natursteinkamin Feuer machte, zeigte Jude den anderen das Haus mit seinen Glasfronten zu den Dünen hin und den mächtigen handbehauenen Balken aus einer alten Vermonter Scheune. Die Gäste schienen ein bißchen verlegen, als sie in Simons Bad mit der gigantischen Massagewanne lugten, was Jude wieder zu Bewußtsein brachte, daß derartige Schloßführungen etwas typisch Amerikanisches waren.

Als Jasmine schon im Begriff war, samt ihrem Gefolge in einer Wolke von Eau de Quelquechose zu ihrer Pension in Provincetown zu entschwinden, legte sie Jude die knallroten Fingerspitzen auf den Unterarm und bot ihr einen Job als Literaturscout in Paris an. Jude war zu verwirrt, um zu antworten.

«Was hältst du von dieser Paris-Geschichte?» fragte Jude Simon, während sie, die Füße auf das Kaminmäuerchen gelegt, den Abend nachbereiteten. Die orangeroten Flammen tanzten in Simons neongrünen Augen, verwandelten sie in kleine leuchtende Kaleidoskope.

«Mach es, Jude», sagte Simon, eine moussegefüllte Schokomuschel kauend. «Simon sagt, geh. Aber laß deine Leichensammlung zu Hause. Das Leben den Lebenden.»

Es wirkte großmütig – immerhin wohnte und arbeitete Jude seit über zehn Jahren in Manhattan mit ihm. Aber vielleicht war er ihren Schmerz über Anna ebenso leid wie sie selbst.

«Was sollte diese komische Bemerkung über meine Kleidung?» fragte sie.

Simon lächelte. «Heißt wohl, daß sie dich mag.»

Jude lachte verblüfft auf.

«Wenn Leute sie langweilen, ignoriert sie sie. Wenn sie sie interessieren, provoziert sie sie. Wie eine Katze mit Mäusen.»

«Sehr charmant. Und warum hältst du es wirklich für eine gute Idee, daß ich den Job annehme?»

«Ein Tapetenwechsel würde dir guttun. Ein paar neue Gesichter und neue Neurosen könnten dich vielleicht von den alten ablenken.»

 

Hier saß sie nun jedenfalls, inmitten einer Kitschpostkartenszene, unter sich die Stadt – von den dunklen Hochhäusern von La Défense bis zum kuppelgekrönten Panthéon – und die Seine, die sich durchs Zentrum schlängelte und die Füße des Eiffelturms umkurvte. Sie hatte zwar ein Jahr in Paris studiert, aber diesen erstaunlichen Ausblick hatte sie nie genossen, denn tagsüber hatte sie auf der Rive Gauche in staubigen Hörsälen Vorlesungen über europäische Geschichte und kontinentale Philosophie gehört und nachts in den Kinos ihre Sprachkenntnisse erweitert.

In seinen Kriegsbriefen an ihre Mutter, die Jude als kleines Mädchen durchstöbert hatte, schilderte ihr Vater, wie er dieses Panorama von dem Platz vor Sacré Coeur aus gesehen hatte. Er beschrieb auch, wie ihn sein Sergeant durch die Straßen um die Place Pigalle gefahren hatte, am Fuß der Erhebung, auf der sich Jude jetzt befand. Er hatte hohes Fieber und eine Lungenentzündung gehabt, und sie waren auf der Suche nach einem Krankenhaus stundenlang herumgeirrt. Hohlwangige Frauen und Kinder hatten lärmend den Jeep umringt, sobald der Fahrer angehalten hatte, um nach dem Weg zu fragen. Eine junge Frau hatte trotz des eisigen Windes ihre Brüste entblößt und sie ihnen entgegengestreckt. Ein Gassenjunge hatte sich aufs Trittbrett gehockt und angefangen, ihre Kampfstiefel mit einem dreckigen Lappen zu bearbeiten. Judes Vater hatte ihnen sein ganzes Geld und all seine Zigaretten gegeben, ehe der Sergeant verzweifelt Gas gegeben hatte.

Die Sonne war heiß, Jude hatte Schweißperlen auf der Stirn. Sie drückte die Zigarette aus, stieß das hohe Glasfenster auf, fröstelte in dem Wind, der unten die cremefarbenen Kastanienblüten wiegte. Sie fiel wieder in ihren Sessel.

Am Horizont bildeten die Smokies eine blaue Wellenlinie, aus der Knubbel hevorragten wie die Knöchel einer Faust. Unten im Tal wälzte sich der träge ockerfarbene Fluß den Bergen entgegen. Er schwemmte einen belaubten Pappelast mit, auf dem fünf krächzende Krähen saßen. Wolkenfetzen drifteten am Sommerhimmel, sie rollten darüber hinweg wie brechende Wellen. Nach und nach fügten sie sich zu Mollys Gesicht zusammen, mit Flecken von Tiefblau als Augen. Mit ihrer für eine so kleine Person viel zu rauhen Stimme sagte sie: «Du denkst vielleicht, ich bin tot, Jude, aber das stimmt nicht.»

Jude fuhr hoch. Mollys Züge waren immer noch da, projiziert auf den silbrig-blauen Dunst über dem Bois de Boulogne. Offenbar konnte Jude ihr nicht entkommen, nicht einmal zwanzig Jahre später auf der anderen Seite des Ozeans.

«Prima», schnappte Jude. «Aber wo zum Teufel bist du?»

Als Mollys Gesicht sich wieder verflüchtigte, fischte Jude nach einer neuen Zigarette.

Erster Teil Molly

2

Jude radelte auf ihrem lila Dreirad zum Nachbargrundstück, um die neuausgeschachtete Baugrube zu inspizieren. Mit wild rotierenden Stützrädern und schwarzen Zöpfen, die flogen wie die Zügel eines durchgegangenen Pferdes, kam von dem orangeroten Lehmhügel ein kleines Mädchen mit kurzen Hosen und nacktem Oberkörper heruntergesaust. Das Rad kippte auf halber Strecke um, und sie landete kopfüber am Fuß des Hügels. Sie stand lachend auf, die Lehmstreifen auf Brust und Backen sahen aus wie indianische Kriegsbemalung. Sie richtete ihr Fahrrad auf, streichelte den Sattel und murmelte: «Ruhig, mein Junge. Ist ja gut.»

«Bist du okay?» fragte Jude. Nie zuvor war ihr ein Mädchen begegnet, das wie sie keine Bluse anhatte. Diese kleine Radfahrerin hatte sogar eine ganz braune Brust, als ob sie nie eine trug. Während sich bei Jude helle Stellen abzeichneten, weil ihr Vater sie zwang, wenigstens beim Swimmingpool des Golfplatzes ein Top zu tragen.

«Das ist mein Hengst», erwiderte das Mädchen. «Ich nenne ihn Sturmwind, weil er so schnell ist. Wie heißt deiner?»

Jude sah auf ihr Dreirad und sagte: «Ich weiß nicht genau.»

Es war ihr peinlich, daß sie ihr Dreirad noch nie als Pferd gesehen hatte. Sie hörte Ace Kilgore auf der Wiese auf der anderen Straßenseite die Commie-Killer herumkommandieren. Sie hatten auch alle Fahrräder und richteten sie auf dem Hinterrad hoch, um die Bordsteinkante zu erklimmen. Ace konnte seines sogar in der Luft herumschwenken und dann in die Gegenrichtung davonfahren. Jude war das einzige Kind in der Nachbarschaft, das noch Dreirad fuhr. Aber bald war ihr Geburtstag, und ihr Vater hatte ihr ein Fahrrad mit Stützrädern versprochen.

Eine blonde Frau in einem mandarinenfarben geblümten Sommerkleid kam hinter dem Hügel hervor. Der lange Rock schwang um ihre Beine, während sie sich in ihren hochhackigen weißen Sandalen durch den Lehm vorantastete. «Du lieber Himmel, Molly, was hast du jetzt wieder angestellt?» Sie zog ein feines weißes Spitzentaschentuch aus ihrer weißen Handtasche und tupfte an dem Lehm auf Mollys Backe herum. «Großer Gott, was soll ich bloß mit diesem wilden Kind machen?»

Molly schob ihre Hand weg. «Mommy, sei nicht so eine Zimperliese.»

Mollys Mutter lächelte Jude an. «Oh, hallo. Du bist sicher unsere neue Nachbarin?»

«Wie heißt du?» fragte Molly und bückte sich, um an einem Stück Schorf auf ihrem Knie zu pulen.

«Jude.» Irgendwo in der Nähe klappte eine Fliegentür, und Jude hörte auf einer Veranda Eiswürfel in Gläsern klimpern.

«Ein hübscher Name», sagte Mollys Mutter. «Ich bin Mrs. Elkins, und das ist Molly.»

«Freut mich, Sie kennenzulernen, Mrs. Elkins», sagte Jude, wie ihr Vater es ihr beigebracht hatte.

Molly beobachtete den Schweif einer weißen Wolkenstute, der über eine ferne Hügelkuppe peitschte. Der Haargummi an ihrem einen Zopf war gerissen, und die Strähnen entflochten sich langsam, wie schwarze Schlangen, die aus dem Winterschlaf erwachten.

Mrs. Elkins lächelte. «Meine Güte, du bist aber höflich, Jude. Ich sehe schon, du wirst einen guten Einfluß auf Molly haben.»

Mollys blaue Augen wurden schmal und grau.

Zu Hause stellte sich Jude auf einen Stuhl vor den Badezimmerspiegel. Sie wischte mit einem Kleenex an ihrer Backe herum und sagte mit zuckersüßer Stimme: «Großer Gott, was soll ich nur mit diesem wilden Kind machen?» Dann schob sie die Hand mit der andern Hand weg und sagte: «Ach, Mom, sei nicht so eine Zimperliese.»

«Was machst du, Miss Judith?» rief Clementine aus der Küche.

«Nichts. Spielen.» Sie fragte sich, ob sie Clementine wohl überreden könnte, ihr mit einem Kleenex die Backe abzuwischen. Wohl eher nicht. Sie hüpfte in die Küche, wo Clementine «Take Time to Be Holy» summte und Bohnen fürs Abendessen vorbereitete. Jude versuchte, auf ihren beschürzten Schoß zu klettern, aber sie streckte die Beine aus, so daß Jude auf das Linoleum herunterrutschte. Sie blieb dort liegen und fuhr mit dem Zeigefinger die Fugenlinien zwischen den imitierten roten Backsteinen nach. «Mich magst du auf der ganzen Welt am liebsten, oder, Clementine?»

«Ich hab dich lieb, Miss Judith. Aber ich hab meine Kinder, die’s brauchen, daß ich sie am liebsten hab.»

«Aber ich brauch’s auch.»

Clementine hatte ihre Strümpfe bis unter die Knie hinuntergerollt. Eine Laufmasche zog sich wie eine kleine Strickleiter die eine Wade hinunter und verschwand in ihrem klobigen weißen Schuh. Sie sagte, ihre Mutter habe sie Clementine genannt, weil sie schon als Baby so riesige Füße gehabt habe. Manchmal sang sie Jude das Lied von Clementine mit den großen Füßen vor, aus dem sie ihren Namen hatte: «Light she was, and like a fairy / And her shoes were number nine. / Herring boxes without topses, / Sandals were for Clementine.»

«Du hast deinen Daddy dafür, daß er dich am liebsten hat.»

«Hat er aber nicht. Er hat Momma am liebsten. Aber sie hat ihn nicht am liebsten, sonst wär sie nicht weggegangen.»

Clementine hielt inne, eine Bohne in der Hand, und sah auf Jude, die immer noch auf dem Boden lag. «Herzchen, ich hab dir doch gesagt, der liebe Gott hat deine Momma vorletztes Jahr zu sich heimgeholt.»

«Aber wo ist sie? Wo wohnt er?»

«Im Himmel, bei den Engeln.»

«Dann soll er mich auch dahin holen.»

«Still, Kind. Das bestimmen nicht wir. Der liebe Gott holt uns, wann er will und wohin er will.»

«Aber warum?» Jude stand auf und legte den Arm um Clementines Schultern, ein Bein durchgedrückt und das andere angezogen, ein Flamingo in einem roten Linoleumsumpf. Sie schnupperte Clementines vertrauten Duft nach Möbelpolitur, Schnupftabak und dem Vanilleextrakt, den sie sich immer hinter die Ohren tupfte, wenn ihr Mann sie abholen kam.

Clementine sah sie an. «Herzchen, zieh dir eine Bluse über. Warum gehst du immer ohne? Mädchen ziehen oben was an.»

«Ich will kein Mädchen sein.» Mit der Fingerspitze berührte Jude eine winzige silberne Kringellocke, die wie die Feder einer kaputten Armbanduhr unter dem roten Bandana hervorlugte, das sich Clementine wie eine Mütze um den Kopf geknotet hatte.

«Aber der liebe Gott hat dich nun mal als Mädchen gemacht. Man kann sich’s nicht aussuchen. Genau, wie man sich’s nicht aussuchen kann, ob man dunkle oder helle Haut will.»

 

Nachdem Jude bewiesen hatte, daß sie im Stehen pinkeln konnte, mußten die Commie-Killer sie wohl oder übel als Mitglied aufnehmen, obwohl sie ein Mädchen war und das kleinste Kind in der Nachbarschaft. Aber es war eine Sache der Fairneß, und die Mission der Commie-Killer war es nun einmal, der Gerechtigkeit im ganzen Land zum Sieg zu verhelfen. Sie trösteten sich damit, daß Jude ihnen versprochen hatte, sie nacheinander im Sprechzimmer ihres Vaters zu verstecken, während er Patienten untersuchte. Man mußte vor der Tür lauern, bis er zwischendurch ins Bad ging. Dann robbte man über den Fußboden und schlüpfte unter das wuchtige braune Ledersofa. Man konnte hören, wie er alle möglichen interessanten Dinge mit nackten Leuten besprach, die später wieder vollständig bekleidet durch die Stadt liefen. Aus einem bestimmten Winkel konnte man sogar einen Blick auf die Untersuchungsliege erhaschen.

Am Tag ihrer Initiation versteckte Jude ihr Dreirad in dem kleinen Fichtenwäldchen neben dem Pfad, der zu Ace Kilgores Hauptquartier führte. Auf der Wiese gegenüber von Sandy Andrews’ Haus war eine Baugrube, der Besitzer des Grundstücks war irgendwann bankrott gegangen. Ace und seine Bande hatten in den verlassenen roten Lehmhügeln ein Netz von Gräben, Bunkern und Tunnels angelegt, wie ein Ameisenbau. Die Eltern versuchten, ihren Söhnen zu verbieten, mit Ace Kilgore zu spielen. Er bewarf kleine Kinder mit Kieselschneebällen und band Blechbüchsen an Hundeschwänze. Einmal hatten er und sein Trupp einen ausrangierten Kühlschrank auf die Bahngleise im Tal gewälzt, und die Lok war entgleist. Judes Vater sagte immer, er werde noch im Erziehungsheim landen. Alle Kinder in der Nachbarschaft bemühten sich, dem stumpfen Blick aus Aces schuhcremeschwarzen Augen auszuweichen. Wenn er merkte, daß man ihn anguckte, wurde man der heimlichen Spionage für die Russen bezichtigt und einem gnadenlosen Verhör unterzogen.

Dennoch schlichen sich alle Jungs aus Tidewater Estates zu den Treffen der Commie-Killer, außer Sandy Andrews, der ein Waschlappen war. Sie brachten ihre Mütter dazu, die Stoffabzeichen von den alten Army-Jacken ihrer Väter abzutrennen und auf ihre Ärmel zu nähen, und sie steckten sich die Auszeichnungen ihrer Väter an die Brust. Ace hatte die meisten, denn sein Vater war ein Kriegsheld gewesen. Jude überredete Clementine, die olivgrüne Uniformjacke ihres Vaters auf dem Speicher zu suchen. Sie stank nach Mottenkugeln, hatte aber die begehrten Aufnäher und Ehrenzeichen. Clementine erklärte sich bereit, sie auf Judes Jacke zu nähen, wenn ihr Vater es erlaubte. Aber der verbot ihr statt dessen jeden Umgang mit Ace Kilgore.

Bisher hatte Jude immer mit den Mädchen aus der Nachbarschaft bei Noreen Worth gespielt, aber sie hatte es satt, Puppen mit Taschentüchern zu wickeln und sich wie bei der Ausgießung des Heiligen Geistes auf dem Boden des Spielhauses zu wälzen und in Zungen zu reden. Außerdem behauptete Noreen, deren Vater ein Holiness-Prediger war, Jude sei keine gute Baptistin, weil in Judes Gemeinde alle nur still in den Kirchenbänken saßen. Und ein paarmal hatte sie auch mit Clementines Töchtern in Riverbend gespielt. Aber die hüpften immer nur Seil, mit zwei Stricken, die sie blitzschnell schwangen, wobei sie Verse sangen, die Jude nicht verstand. Und wenn Jude einzuhüpfen versuchte, landete sie jedesmal auf dem Boden, wie ein gefesseltes Kalb, das sein Brandzeichen bekommen soll. Deswegen fühlte sich Jude – trotz des strikten Verbots ihres Vaters – unwiderstehlich zu der Commie-Killer-Gang hingezogen.

Das Versteck war dunkel, bis auf den Schein einer Kerze, die im Lehmboden steckte. Die Jungs hatten sich bis auf die Unterhose ausgezogen, und Jude tat es ihnen schnellstens gleich. Ace verteilte ein paar runde Quaker-Oats-Dosen und hölzerne Kochlöffel. Einige trommelten, die anderen tanzten. Jude beobachtete sie aus dem Augenwinkel und ahmte ihre kriegstanzähnlichen Schlängel- und Hüpfbewegungen nach. Die mit einem goldenen Adler verzierte Colonelmütze seines Vaters rutschte Ace immer wieder über die Augen. Der Gedanke daran, endlich ein vollgültiger Verteidiger der Sache Amerikas zu sein, erregte Jude so sehr, daß sie Gänsehaut bekam. Sie glaubte irgendwo im hintersten Winkel der Höhle eine Katze maunzen zu hören.

Die Jungs knieten auf dem Boden, und Ace sprang im Kreis herum und zuckte vor jedem von ihnen mit dem Becken, während die Trommler einen synkopierten Rhythmus schlugen. Sein Gesicht war schweißglänzend im Kerzenschein, und seine Lakritzaugen waren so groß und leer wie die Höhlen des Totenschädels auf dem Sekretär ihres Vaters.

Jude ging auf die Knie, aber Ace stieß sie mit dem Fuß weg. «Mädchen können da nicht mitmachen», knurrte er mit fremder Stimme. «Das machen nur Männer.»

Dann hockten sie sich im Kreis um die Kerze, und Ace plazierte einen Feuerwerkskörper auf seiner flachen Hand und streckte ihn Jude feierlich hin. Sie nahm ihn. Sein Lieutenant Jerry Crawford, ein langer, schlaksiger Junge, der Jude schüchtern anlächelte, wenn keiner hinsah, schleppte aus dem Dunkel einen Käfig an. Darin kauerte eine struppige halbverwilderte Katze, die Jude schon öfter hatte herumstreunen sehen. Ihre hellgrünen Augen leuchteten. Das eine Ohr war von einem Kampf zerfetzt und die Schwanzspitze im rechten Winkel abgeknickt. Einige der Jungs zogen Arbeitshandschuhe an, zerrten die Katze aus dem Käfig und drückten sie auf den Lehmboden. Jude kraulte ihr mit dem Zeigefinger die Stirn.

«Hör auf, mit Hiroshima zu schmusen», sagte Ace. «Sie ist ein böses Biest.»

«Warum nennt ihr sie Hiroshima?» fragte Jude.

Ace grinste; im Schatten der Colonelmütze blitzten seine Zähne wie Kaugummidragees.

«Was hat sie denn Böses getan?»

«Sie hat meinem Hund das Futter geklaut. Aber du fragst zuviel, Kleine. Halt den Mund und schieb ihr das Ding ins Loch.»

Jude sah auf den roten Feuerwerkskörper mit dem grünen Docht, dann auf die fauchende, zappelnde Katze.

«Wenn du ein Commie-Killer werden willst», sagte Ace, der jetzt ein Streichholz anzündete, «mußt du’s tun. Und zwar sofort.»

Unheimliche Schatten tanzten an den Lehmwänden wie die Flammen des Hades, und Jude sah ihn entsetzt an. «Nein», hauchte sie. «Nicht, Ace. Laß sie laufen. Bitte.» Sie sah zu Jerry hinüber, der auf den Fußboden starrte.

«Beeilung! Mach schon!» befahlen die Jungs, während die Katze fauchte und schrie.

Jude rappelte sich hoch und rannte zum Ausgang, den Feuerwerkskörper fest umklammert.

«Geh doch Plätzchen backen mit Sandy Andrews, diesem Schwuli!» schrie jemand.

«Wenn du jemandem was sagst», rief Ace, «dann machen wir mit dir dasselbe.»

Jude taumelte durch das Grabenlabyrinth, glitschte immer wieder auf dem orangeroten Lehm aus. Sie würde Clementine holen. Clementine würde einschreiten.

Sie hörte einen Knall. Stolperte, fiel hin, lag in ihren Unterhosen in dem zähen Matsch, konnte zunächst vor Schreck nicht wieder aufstehen.

Als sie dann wie wild in die Pedalen ihres Dreirads trat, konnte sie vor Zornestränen kaum den Bürgersteig sehen. Sie hatte sich selbst gerettet und die Katze ihrem Schicksal überlassen. Sie war kein Commie-Killer, sie war ein Feigling. Und wenn sie jemandem etwas sagte, würde Ace dasselbe mit ihr machen. Sie konnte nicht seilspringen, und sie konnte nicht in Zungen reden. Die Commie-Killer waren keine Verteidiger der Demokratie, sie waren Mörder. Sie würde für immer und ewig allein sein, in einer schrecklichen Welt, wo gemeine Angeber nur zum Vergnügen die Schwachen quälten. Wenn sie doch nur im Himmel bei ihrer Mutter sein könnte. Sie hörte auf zu treten, um sich mit dem matschverschmierten Unterarm über die nassen Wangen zu wischen.

«Nicht weinen, Jude», sagte eine heisere Stimme neben ihr. «Ich werde deine Freundin sein.»

Jude öffnete die Augen. Da stand Molly, barfuß, ohne Hemd, Besorgnis in den rauchgrauen Augen, die Hand auf Judes Lenkstange.

«Lieber nicht», sagte Jude. «Ich sitze in der Patsche. Sie werden mich vielleicht umbringen.»

«Mach dir keine Sorgen. Ich helfe dir.»

 

Jude stand im Altargang, und der Erwachsenenchor, in weißen Gewändern und roten Kutten, sang gerade «Jesus hat die Kindlein lieb». Der gefürchtete Ace Kilgore stand direkt vor ihr. Sein braunes Haar war säuberlich gekämmt, und er hatte einen roten Pünktchenschlips um. Sein Vater, der an diesem Morgen als Gottesdiensthelfer eingesetzt war und die Aufgabe hatte, die Kinder in das Sonntagsschulgebäude zu führen, trug den gleichen.

Ace und sein Vater hatten auch die gleichen schwarzen Augen, die das Regenbogenlicht, das durch die Buntglasfenster fiel, einfach zu schlucken schienen, statt es wie die Augen aller anderen Leute zu reflektieren. Die Erwachsenen mieden Mr. Kilgores Blick ebenso wie die Kinder den von Ace. Mr. Kilgore fing Judes Vater immer draußen vor der Kirche ab und versuchte, ein Streitgespräch über Senator McCarthy vom Zaun zu brechen. Mr. Kilgores Stimme wurde immer lauter und sein Gesicht immer röter, während er von Agenten des Bösen sprach, die wie Ungeziefer das ganze Land verseuchten.

Als Ace Jude hinter sich in der Schlange entdeckte, beugte er sich zurück und flüsterte: «Wir kriegen dich, scheinheilige Verräterin.»

Jude zuckte zusammen, sah die Katze am Boden kauern.

Molly, die neben ihr stand, sagte: «Halt’s Maul, Blödmann.»

Ace sah sie erschrocken an. «Wer bist du denn?»

«Du wirst mich schon noch kennenlernen.»

«Warte nur, dich kriegen wir auch, du häßliche Ziege. Und dann lynchen wir dich mit deinen langen, schwarzen Zöpfen.»

Der Chor sang: «… ob gelb, ob rot, ob weiß, ob braun, Gott wird die Schönheit eines jeden schaun …»

«Und welche Armee soll dir dabei helfen, Katzenkiller?» fragte Molly, deren Augen jetzt ein kriegerisches Stahlgrau angenommen hatten.

Ace blinzelte Jude finster an. «Keine Bange, Kleine. Die Commie-Killer wissen, wie sie mit Ratten umzugehen haben. Und mit Freunden von Ratten auch.» Er zog seinen Schlips wie eine Schlinge nach oben, ließ den Unterkiefer herunterklappen und die Zunge heraushängen.

«Stopf dir doch das Maul mit einem Kotze-Sandwich», schlug Molly vor, während die Schlange sich vor den teppichbedeckten Altarstufen teilte, unter den Augen von Christus, der sich an dem goldenen Kreuz in Todesqualen wand. Jude war beeindruckt von dem Mut ihrer neuen Freundin. Niemand wagte es, so mit den Kilgores zu reden.

 

«Vielleicht könnte man einen der Tunnels zum Einstürzen bringen, wenn die Commie-Killer gerade drin sind», sinnierte Molly, während sie an dem langen Tisch saßen und Bildchen von Jesus mit kleinen Lämmlein ausmalten.

«Ich finde, wir sollten Sandy Andrews fragen, ob er uns hilft», sagte Jude. «Er ist ein Wunderkind.» Sie wählte einen dicken ockerfarbenen Stift für Jesu Haare und seinen Bart.

«Wieso?»

«Er hat sich selbst Lesen und Schreiben beigebracht, als er vier war, deshalb durfte er die erste und zweite Klasse überspringen. Mein Dad sagt, er ist so gescheit, daß sie ihn vielleicht woanders in die Schule schicken müssen. Ich bin froh, daß ich nicht so gescheit bin.»

«Glaubst du, er würde Mädchen helfen?»

«Vielleicht. Er hat keine Freunde. Er würde nie ein Lebewesen umbringen.»

 

«Warum sind manche Leute so gemein, Clementine?» fragte Jude, während sie Schokoladenguß von einem Rührstab leckte. Die Morgensonne, die durch das Küchenfenster fiel, färbte das rote Linoleum orange. Als sie an diesem Morgen aufgewacht war, hatte sich ihr Magen vor Angst zu einem Klumpen zusammengezogen. Die Commie-Killer würden sie schnappen. Sie würden mit ihr machen, was sie mit der Katze gemacht hatten. Dann war ihr ihre neue Freundin eingefallen, Molly, die versprochen hatte, ihr zu helfen, und ein schwacher Hoffnungsschimmer war in ihr aufgeglommen.

«Der Herrgott hat sie so gemacht, als Probe für die Gerechten.»

«Als eine Art Mutprobe?»

«Wie wenn der Herrgott dich jeden Tag prüfen will. Du mußt gut zu denen sein, die häßlich zu dir sind.» Clementine verteilte jetzt mit kurzen Strichen den Guß, so daß kleine Schokoladenwellen entstanden.

«Aber warum?»

«Weil sie sich eines Tags schämen, daß sie so häßlich zu dir waren, und zu Jesus finden. Und dann kriegst du eine goldene Krone.»

Jude musterte Clementine, stellte sie sich mit einer goldenen Krone auf ihrem roten Kopftuch vor. «Aber wenn sie nicht zu mir häßlich sind? Wenn sie zu irgendwas anderem häßlich sind?»

«Was hast du für häßliche Sachen gesehn, Miss Judith?» Sie hielt inne und starrte auf Jude, die ihre Zunge um einen Metallstreifen des Rührstabs wand, um an den Guß auf der Rückseite zu kommen, der noch zuckrig knirschte.

«Nichts. Ich frage nur so.»

«Gute Menschen nehmen hin, was ihnen selbst getan wird. Aber du mußt für die kämpfen, die klein und schwach sind.» Sie kniff argwöhnisch die Augen zusammen.

Um ihrem Röntgenblick zu entkommen, ließ Jude den Rührstab in die Spüle fallen und schlüpfte durch die Küchentür. Molly sauste auf Sturmwind den Bürgersteig entlang. Sie hatte mit Wäscheklammern Spielkarten an die Speichen geklemmt, um ein surrendes Geräusch zu erzeugen, und sie trug eine Sonnenbrille und eine Wintermütze mit Ohrenklappen. Sie landete ihr Flugzeug auf dem Gehweg vor Sandy Andrews’ Haus und machte dabei kunstvolle Zisch- und Knattergeräusche.

Sandy wässerte gerade mit dem Gartenschlauch die Büsche am Haus. Jude fiel auf, daß er statt der schwarzen Basketballstiefel, die zur Uniform der Commie-Killer gehörten, Socken und Sandalen trug. Die Büsche waren zu Pyramiden und Würfeln gestutzt und sahen aus wie dunkelgrüne Bauklötze.

«Hey, Sandy», rief Jude von ihrem Dreirad aus, das sie inzwischen «Blitz» getauft hatte. «Das ist Molly. Sie wohnt in dem neuen Haus bei uns nebenan.» Molly hängte ihre Kappe am Kinnverschluß über die Lenkstange.

«Hi», sagte Sandy, ohne aufzuschauen.

«Wir haben ein Problem.» Jude stieg von Blitz. «Hilfst du uns?»

Er sah sie gereizt an. «Wie soll ich das sagen? Ich weiß doch gar nicht, worum es geht.»

«Es könnte gefährlich für dich sein, wenn wir’s dir sagen.»

Sandy stemmte die Hand in die magere Hüfte und sagte nichts, starrte nur in den Wasserstrahl, der aus der Düse kam. Die Sonne beleuchtete seinen Blondkopf von hinten und tauchte sein Gesicht, das von Sommersprossen übersät war wie von chronischen Masern, in Schatten. Er hatte am Haaransatz einen Wirbel, der aussah wie der Daumenabdruck eines Riesen und seinem Bürstenschnitt einen gewissen Pfiff verlieh.

«Ace könnte dich umbringen», setzte Jude hinzu.

Sandy sah sie an. «Dieser Faschist? Das soll er mal probieren.»

«Was ist ein Faschist?» fragte Molly, während sie Sturmwind mit den Lenkerfransen an einen Eibenzweig band.

«Egal. Kommt rauf in mein Baumhaus, da hört uns keiner.»

Noch nie hatte Sandy Jude in sein Baumhaus gelassen. Es gab eine Klappleiter mit einem Nummernschloß, und nur Sandy kannte die Kombination. Außerdem hatte Sandy, wie sich herausstellte, einen beigen Teppichboden, ein Bord mit der World Book Encyclopedia und ein Funkgerät mit massenweise Knöpfen und Schaltern, wie in Frankensteins Labor. Sandy sagte, er habe es aus einem Selbstbauset zusammenmontiert. Die Wände waren voller Postkarten mit den Kennungen von Amateurfunkern auf der ganzen Welt, mit denen er Kontakt hatte. Ein halbes Dutzend Schachbretter mit Spielen in verschiedenen Stadien waren vor der einen Wand aufgereiht. Auf dem Teppich stand ein Telefon.

«Guckt mal hier», sagte Sandy. Im Fenster stand ein Fernrohr auf einem Stativ. Jude schaute hindurch, direkt auf die Wehranlagen der Commie-Killer auf der anderen Straßenseite, ein Netz von Gräben und Wällen, das sich über die ganze Wiese zog. Als Sandy das Fernrohr vor ein anderes Fenster rückte, sah sie Mr. Starnes, der im Tal auf seinem keuchenden alten Trecker das Luzernenfeld am Flußufer mähte. Er trug einen zerbeulten Filzhut, den er sich fast ganz über die Ohren gezogen hatte, und spuckte Kautabaksaft aus dem Mundwinkel. Weiter flußabwärts pflückte seine Frau auf dem Feld Tabakblüten. Hinter ihr erhob sich der verwitterte Trockenschuppen. Und dahinter erstreckten sich die Berge, Kette an Kette, dazwischen tiefe Senken und Täler, wo Bäche flossen und Farmer mähten und ein Zug, hochbeladen mit Baumstämmen und Kohlebrocken, dahinkroch wie eine fette, träge Raupe.

 

«Aber ich kann das alles nicht alleine machen», schloß Sandy, nachdem er den Mädchen, die im Schneidersitz neben dem Telefon auf dem Teppich saßen, seinen Plan dargelegt hatte. «Meine Mutter läßt mich nicht mehr raus, wenn’s dunkel ist.»

«Geht mir genauso», sagte Molly, «aber ich kann mich rausschleichen.»

Judes Vater merkte eigentlich nie, wenn sie nach Einbruch der Dunkelheit nicht da war, weil er damit beschäftigt war, Verbände zu wechseln oder Patienten am Telefon Ratschläge wegen ihres Sonnenbrands oder ihrer eingewachsenen Zehennägel zu geben oder Krankenberichte zu schreiben oder in die Notfallambulanz zu flitzen, um Wunden von Messerstechereien oder Motorradunfällen zu nähen.

«Vielleicht kannst du ja bei mir übernachten», sagte Molly, als sie die Baumhausleiter hinunterstiegen. «Dann können wir uns zusammen rausschleichen.»

Als sie auf den Rasen hinuntertraten, zog Sandy die Leiter hoch wie die Zugbrücke einer Burg.

 

Jude beobachtete von der Hintertür aus, wie Mr. Starnes, in alten Arbeitshosen und lehmverkrusteten Stiefeln, aus einem verrosteten roten Transporter stieg und einen in Sackleinen gehüllten Schinken von der Ladefläche hievte. Jude verzog das Gesicht. Clementine würde ihn in Scheiben schneiden und wässern, um das Salz herauszuziehen, und Jude und ihr Vater müßten für den Rest ihres Lebens davon essen, dazu Maisgrütze und Brötchen. Mrs. Starnes, in einer blumengemusterten Kittelschürze, dünnen weißen Söckchen und Halbschuhen, trug einen in Folie verpackten Kuchen. Da Clementine schon nach Riverbend zurückgefahren war, trat Jude auf die Hinterveranda hinaus, um sie zu begrüßen.

«Mein Dad ist gerade am Telefon. Er kommt gleich.»

«Gütiger Himmel, Jude, bist du groß geworden!» sagte Mrs. Starnes. Ihre Frisur sah aus, als hätte sie ihre Lockenwickler herausgenommen und dann vergessen, die Haare auszukämmen.

«Hmm.»

«In der Tat. Und du bist deinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten», sagte Mr. Starnes, einen Fuß auf die unterste Verandastufe gestützt.

Jude runzelte die Stirn. Sie wollte lieber aussehen wie ihre Mutter, denn ihr Vater hatte fast keine Haare mehr. Mr. Starnes’ Stiefel roch nach Mist.

«Wo hast du denn deine Bluse gelassen?» fragte Mrs. Starnes.

Jude zuckte die Achseln und verschränkte die Arme vor der mageren Brust. «Ist zu heiß.»

«Jede Wette, daß du in ein paar Jahren nicht mehr ohne Bluse rumläufst», sagte Mr. Starnes schmunzelnd. Seine Augen waren genauso ausgeblichen wie seine Arbeitshosen und sahen aus wie helle Glasmurmeln.

Es hatte am späten Nachmittag geregnet, und gespaltene Blitzzungen waren auf die fernen Hügelkuppen herabgezuckt, als sei der Himmel ein See voll wütender Wassermokassinschlangen. Und dann, als die Sonne wieder durch eine Lücke in den schwarzen Wolkengebirgen gedrungen war, hatte sich ein Regenbogen über den Fluß gespannt, bis hin zu Mr. Starnes’ Tabakschuppen. Der Prediger in der Sonntagsschule hatte gesagt, Gott habe die Regenbögen als Zeichen dafür erschaffen, daß er den Menschen vergebe, nachdem er sie wegen ihrer Verderbtheit zunächst hatte ersäufen wollen. Manchmal war Gott wie ein großes Kind.

Aber jetzt hatte es aufgeklart, und die Sonne war untergegangen, nachdem sie die Berge am Horizont mit dem Glanz von Traubengelee übergossen hatte. Ochsenfrösche hatten im Schilf am Flußufer zu quaken begonnen, und Glühwürmchen flackerten wie Geburtstagskerzen zwischen den dichtbelaubten Ästen der Amberbäume im Tal.

«Also, dein Daddy», sagte Mrs. Starnes, «der ist schon ein besonderer Mensch.»

«Hmm», sagte Jude. Jetzt würde es wieder losgehen, die Geschichte jedes einzelnen Fadens, den ihr Vater und Großvater durch das verstümmelte Fleisch dieser Leute gezogen hatte, jedes einzelnen Vorfahren, den einer von ihnen gerettet hatte, indem er ihn etwa während einer stürmischen, eiskalten Winternacht beim Schein einer Laterne mit dem Tranchiermesser auf dem Küchentisch einer abgelegenen Berghütte operierte, nachdem er zuvor einen zum reißenden Strom angeschwollenen Bach zu Pferd durchquert hatte.

«Jawohl», sagte Mr. Starnes. «Ich weiß noch, wie mein Pa damals mit dem Arm in den Mähdrescher gekommen ist …»

Judes Vater erschien in der Tür, wie immer im weißen Hemd, den Kragen offen, die Ärmel bis zum Ellbogen aufgerollt. Mit einem Seufzer der Erleichterung nahm Jude den folienverpackten Kuchen entgegen. «Danke, Mrs. Starnes. Ich und mein Vater lieben Ihre Kuchen.» Sie schnupperte an der Folie und identifizierte Karamelglasur, ihre Lieblingssorte.

Ihr Vater sah sie an, eine Augenbraue hochgezogen, um ihr zu signalisieren, daß sie irgendeinen grammatikalischen Fehler gemacht hatte. Während sie den Kuchen in die Küche trug und sich ein dickes Stück abschnitt, überlegte sie, was es wohl gewesen sein konnte. Achselzuckend ging sie in den hinteren Flur, wo sie vorher Ozeandampfer gespielt hatte, ein Spiel, das Molly ihr am Nachmittag gezeigt hatte. Sie hatten Kabinennummern an alle Türen geklebt. Ihren Kuchen mampfend, schwankte sie auf ihrem Holzbein von einer Flurwand zur anderen. Von Nordwest zog Sturm auf, und es war höchste Zeit, die Schotten dichtzumachen, was immer das war. Sie stützte sich mit der freien Hand an den Vitrinen ab, die die Pfeilspitzensammlung ihres Vaters bargen. An seinen freien Tagen fuhren sie mit dem Jeep ins Tal hinunter und gruben den schwarzen Uferschlamm am Fluß um. Dann siebten sie den Matsch, und ihr Vater erzählte von den Menschen, die früher hier gelebt hatten – den Mound Builders, den Hopewell, den Copena, den Cherokee. Ein Stamm hatte den anderen abgelöst, das ging zurück bis zum Beginn der Zeit, als das Tal der Grund eines Binnenmeeres voll bizarrer Meeresgeschöpfe gewesen war. Als der Ozean ausgetrocknet war, hatte sich der Donnervogel vom Himmel herabgeschwungen und mit seinen Flügelspitzen die Bergsenken ausgehöhlt.

Die Pfeilspitzen und Mahlsteine stammten von den Nunnehi, den Unsterblichen Ahnen der Cherokee, Judes Vorfahren, die unter den Bergen und auf dem Grund des Flusses wohnten und erschienen, um ihren Abkömmlingen zu helfen, wenn sie in Not waren. Im Herbst, wenn der pfeifende Nordwind die Blätter von den Bäumen wirbelte, konnte man sie manchmal in den Wildwoods miteinander flüstern hören. Und wenn man im Sommer seine Angel am Fluß auswarf und der Haken sich verfing, wußte man, die Nunnehi hatten ihn gepackt, einfach nur, um einen daran zu erinnern, daß sie immer noch da waren. Und manchmal, wenn das Wasser ruhig war und ein sanfter Wind die Oberfläche wie Kordsamt rippte, konnte man einen Blick auf die Dächer ihrer Häuser auf dem Grund des Flusses erhaschen.

Als der Transporter der Starnes’ davonfuhr, nahm Judes Vater ihre klebrige Hand und führte sie in sein Arbeitszimmer, unbekümmert, obwohl die Wellen immer höher schlugen und das Schiff kurz vor dem Kentern war. «Mein Daddy und ich lieben Ihre Kuchen», sagte er. Er stellte das Radio an und ließ sich in seinem braunen Ledersessel nieder. John Cameron Swayze redete über die Gehirnwäsche, der gefangene Soldaten in Korea von den Kommunisten unterzogen wurden. «Mein Gott», seufzte Judes Vater. «Arme, geschundene Menschheit.»

«Warum bringen sie uns immer diese gräßlichen Schinken?» fragte Jude.

«Das ist die Bezahlung für Mr. Starnes’ Blinddarmoperation.»

«Geld wäre besser.» Sie streichelte die Rückenlehne seines Sessels. Das Leder war voller Risse, wie das Innere eines Eiswürfels.

«Zweifellos. Aber sie haben keins. Außerdem betrachten manche Leute Landschinken als eine Delikatesse.»

«Ich nicht.»

«Ja, ich weiß.» Er lächelte.

«Daddy, warum sind manche Leute so gemein?» Jude hockte sich im Reitersitz auf die eine Armlehne des Sessels, das Gesicht zur Lehne. Das war ihr neues Pferd Wildfang. Die andere Armlehne gehörte Molly und hieß Bless. Am Nachmittag hatten sie unter Zuhilfenahme von Clementines Wäscheleine Mollys Boxer Sidney aus vollem Galopp mit dem Lasso eingefangen. Dabei hatten sie immer wieder «Git Along, Little Dogie» auf dem Plattenspieler laufen lassen – bis Clementine hereingestapft war und verkündet hatte: «Miss Judith, wenn ich noch ein einziges Mal ‹Yippiedijeidijoo› hören muß, hau ich deinem Daddy seine Einrichtung zu Klump und jag euch zwei mit dem Fleischmesser durch den Garten.» Beeindruckt waren die Mädchen auf Ozeandampfer umgestiegen.

«Tja, ich vermute, sie sind gemein, weil sie unglücklich sind.»

«Aber du bist auch unglücklich, und du bist nicht gemein.»

Er sah sie an. «Wie kommst du darauf, daß ich unglücklich bin, Kleines?»

«Weil du Mama vermißt.»

Er runzelte die Stirn und senkte den Kopf. «Das stimmt. Aber als sie noch da war, war ich glücklich. Menschen, die nie glücklich waren, sind gemein. Wir anderen sind einfach nur traurig.»

Sie roch sein Rasierwasser, wie Zimttoast. Sie beugte sich vor und leckte an seiner Backe. Die Stoppeln piekten sie in die Zunge, und das Zimtrasierwasser schmeckte enttäuschend bitter und überlagerte den süßen Geschmack der Karamelglasur.

«Laß das, Jude», sagte er unwirsch und wischte sich mit der Hand über die Backe. «Das kitzelt.»

Naserümpfend versuchte Jude, den ekligen Geschmack mit dem Handrücken von ihrer Zunge zu schrubben. Dann bäumte sich Wildfang auf und warf sie ab, auf den Schoß ihres Vaters. Sie legte den Kopf an seine Brust, steckte den Daumen in den Mund und fühlte sein Herz an ihrer Backe pulsen wie eine Froschkehle.

«Lutsch nicht am Daumen, Kleines, bitte. Du drückst dir dabei die Schneidezähne nach außen, und irgendwann siehst du aus wie Bugs Bunny.»

Jude kicherte.

«Meinst du nicht, du solltest eine Bluse tragen?» fragte er. «Du bist jetzt langsam ein großes Mädchen.» Er tätschelte ihren hellen glatten Bauch.

«Ich will kein Mädchen sein.»

«Wieso nicht?»

«Mädchen sind langweilig.»

«Dann willst du also lieber ein Junge sein?»

«Nein. Jungs machen einem immer angst.»

«Tja, was möchtest du denn dann sein?»

«Ich will im Himmel sein, bei meiner Momma.»

Er sagte nichts. Als Jude aufsah, waren seine Augen feucht und gerötet.

«Ich habe eine Freundin», sagte Jude aufmunternd. «Sie wohnt in dem neuen Haus nebenan. Sie heißt Molly. Sie kommt schon in die zweite Klasse. Und sie mag auch keine Blusen.»

«Das ist schön, Kleines. Freut mich, daß du jetzt ein Kind in der Nachbarschaft hast, das in deinem Alter ist. Ich will nicht, daß du mit Ace Kilgore und den anderen großen Jungen spielst. Die sind zu grob. Versprichst du mir, daß du dich von ihnen fernhältst?»

Jude sagte lange nichts. Sie log nicht gern. Aber eigentlich war es ja keine Lüge, weil sie ja jetzt wirklich vorhatte, sich von ihnen fernzuhalten, so fern wie nur möglich. «Ich versprech’s», sagte sie schließlich. «Kann ich irgendwann mal bei Molly übernachten?» Sie kuschelte sich in seine Armbeuge.

«Sicher. Wenn ihre Eltern einverstanden sind.» Er sah auf ein Foto auf dem Beistelltischchen – Judes Mutter, die in einem tiefausgeschnittenen Abendkleid im Inneren einer Weinflasche steht.

«Warum ist sie in der Flasche?»

«Sie war nicht wirklich drin. Es ist ein Trickfoto. Das war eine Werbeanzeige für eine Weinkellerei.»

«Sie sieht hübsch aus.»

«Sie war die schönste Frau, die ich je gesehen habe.» Er blickte in die hintere Ecke der Zimmerdecke, wo eine Spinnwebe Clementines Staubwedel entgangen war. «Ich war damals im Praktikum in New York. Das erste Mal sah ich sie an einer Ecke beim Central Park, umringt von Fotografen. Sie hatte so einen altmodischen Wagenradhut auf, und der Wind wollte ihn ihr immer vom Kopf blasen. Ich habe sie einfach nur angestarrt, bis sie wütend wurde und den Leuten gesagt hat, sie sollten mich wegschicken.»

Mr. Starnes hatte behauptet, daß Jude aussah wie ihr Vater. Hieß das, sie war nicht schön wie ihre Mutter? «Warum ist sie gestorben?»

«Tja, ich war aus Frankreich zurückgekommen, aus dem Krieg, und wir waren sehr glücklich, weil wir uns wiederhatten. Also haben wir beschlossen, daß du ein kleines Brüderchen bekommen solltest. Aber deine Mutter bekam eine Gehirnblutung. Sie verlor das Bewußtsein, und das Baby starb in ihrem Bauch. Und dann ist sie gestorben.»

«Aber ich wollte gar kein Brüderchen.»

 

Mollys Mutter bestand darauf, daß Molly betete, obwohl Jude da war. Also knieten sie sich alle drei neben Judes Bett mit dem rosagetüpfelten Stoffbaldachin, und Molly sagte ihr Nachtgebet, in das sie auch Sturmwind und ihren Hund Sidney einschloß. Zum Schluß sagte sie: «Und behüte meine neue Freundin Jude und bewahre sie vor allem Übel. Amen.»

«Möchtest du jetzt dein Gebet sprechen?» fragte Mrs. Elkins Jude.

«Ich hab keins.»

«Aber du mußt beten, Jude. Es ist ganz leicht.»

Also murmelte Jude: «Lieber Gott, behüte meinen Dad und Clementine. Und Grandma. Und meine Mutter im Himmel. Und Mrs. Elkins. Und, lieber Gott, behüte meine neue Freundin Molly und bewahre sie vor allem Übel. Aber nicht Ace Kilgore. Amen.»

Mrs. Elkins sah Jude fragend an und strich ihr über den blonden Pagenkopf. Aber dann stand sie auf und klappte die Überdecke zurück. «Augen zu und gute Nacht, und nehmt euch vor den Mücken in acht!» rief sie, als sie die Tür hinter sich schloß.

Molly und Jude kletterten aufs Bett. Jede schnappte sich ein Kissen. Jedesmal, wenn Sidney auf die Matratze zu krauchen versuchte, schlugen sie ihn mit den Kissen zurück. Das Bett war ein Floß und trieb mitten auf einem Ozean voller blutgieriger Haifische mit blitzend weißen Zähnen. Sidney ließ sich auf die Vorderpfoten herab und wackelte hektisch mit seinem Schwanzstummel. Er fing an zu bellen.

«Ach, halt die Klappe, Sidney», knurrte Molly und ließ ihr Kissen fallen. «Haifische bellen nicht.» Sie warf sich auf das frisch gemangelte Laken.

Sidney kroch aufs Bett und zwängte sich zwischen Molly und Jude. Da lag er und hechelte traurig, im Takt mit den zirpenden Grillen im Garten. Mollys Vater schnarchte am anderen Ende des Flurs wie ein grollendes Ungeheuer in seiner Höhle. Er sah auch aus wie ein Monster, mit dunklen Kringelhaaren auf den Armen, mit Augenbrauen, die abstanden wie die Borsten einer Zahnbürste. Molly erzählte, daß er Farmern Rinderhäute abkaufte, die dann in der Gerberei von Sandy Andrews’ Vater zerschnitten und zu Gürteln verarbeitet wurden.

Molly ging nach unten in die Küche, nur in ihrem kurzen Schlafanzughöschen. Als sie mit zwei kleinen Schälchen wiederkam, stand sie einen Moment im Türrahmen, der bloße Oberkörper sonnengebräunt und glatt, bis auf die kleinen rosa Brustwarzen. Ihr schwarzes Haar, das Jude noch nie offen gesehen hatte, umfloß ihr Gesicht wie das Haar von Judes Mutter auf dem Foto, das auf Judes Nachttisch stand. Auf diesem Bild, das an Judes erstem Geburtstag entstanden war, hielt sie ihre Wange an Judes dicke Pausbacke. Sie hatte eine weiße Rose im Haar, makellos weiße Zähne und helle verträumte Augen.

«Warum starrst du mich so an?» fragte Molly, als sie beim Bett angelangt war und Jude ein Schälchen mit Himbeersorbet reichte.

«Ich hatte noch gar nicht gemerkt, daß du schön bist», antwortete Jude.

«Bin ich nicht», sagte Molly, und ihre Augen funkelten im schwachen Schein der Straßenlaterne, der durchs Fenster fiel. «Wenn du meine Freundin sein willst, nimm das sofort zurück.»

Jude kreuzte heimlich die Finger und sagte: «Okay, ich nehm’s zurück.»

An das gepolsterte Kopfteil gelehnt, leckten sie in gespanntem Schweigen das saure Sorbet von ihren Löffeln.

«Magst du Gott?» fragte Jude schließlich.

«Klar. Er ist okay.» Molly hielt ihren Löffel Sidney hin, der mit seiner großen rosa Zunge vorsichtig von dem Sorbet kostete.

«Ich nicht.»

«Warum?»

«Er hat meine Mutter zu sich nach Hause mitgenommen. Jetzt möchte sie gern zurück, aber er läßt sie nicht.»

Molly stellte ihr Schälchen aufs Bett, damit Sidney es vollends auslecken konnte. «Na ja, ich glaube, dann mag ich ihn auch nicht mehr.»

Jude befand, daß Molly ihre neue beste Freundin war.

Als in allen Häusern an der Straße die Lichter erloschen waren, schlüpften sie in ihre Shorts und schlichen auf Zehenspitzen die teppichbespannte Treppe hinunter und zur Haustür hinaus. Die Grillen waren so laut, daß es Jude vorkam, als säßen sie in ihrem Kopf. Schwärme von Glühwürmchen ließen den sternenübersäten Nachthimmel funkeln wie ein schwarzer Diamant. Jude und Molly trotteten über den strohigen Rasen, kalten Tau unter den bloßen Fußsohlen, Sidney an ihren Fersen.

Bei Sandys Haus fanden sie hinter den Büschen an der Hauswand den aufgerollten Schlauch, so, wie Sandy es versprochen hatte. Sie zerrten ihn über die Straße und hängten die Düse in einen der Commie-Killer-Gräben. Dann drehten sie den Hahn auf, der unten aus der Hauswand ragte.

Hinter die geometrisch gestutzten Eiben geduckt, schlug Jude nach einer angreifenden Mücke und fragte: «Was glaubst du, warum Ace so gemein ist?»

«Momma sagt, Leute werden gemein, wenn sie morgens mit dem falschen Fuß aufstehen», sagte Molly, einen Arm um den hechelnden Sidney gelegt.

Jude brach ein Zweigstückchen von dem großen dreieckigen Busch neben sich ab und schnupperte daran. Es roch wie die goldene Flüssigkeit, mit der Clementine den Linoleumboden in der Küche wischte. Sie hielt Molly den Zweig zum Schnuppern hin. Irgendwo in den Wildwoods rief eine Eule.

Wenn eine von ihnen einzunicken drohte, stieß die andere sie mit dem Ellbogen an, und sie starrten mit müdem Blick auf die Sternbilder über ihren Köpfen. Jude zeigte Molly die Plejaden und erzählte ihr, daß angehende Krieger der Cherokee Sterne zählen mußten. Sie erörterten das Problem, wie es wohl gewesen sein mußte, eine Brille zu brauchen, als die Brille noch gar nicht erfunden war. Dann erklärte Molly, die Sterne seien in Wirklichkeit Licht, das durch Löcher im Nachthimmel scheine. Hinter dem Schwarz sei alles weiß.

«Vielleicht ist deine Mutter ja dort», sagte Molly. «Hinter dem Himmel.»

«Stimmt das wirklich?» fragte Jude. «Oder hast du’s dir nur ausgedacht?»

«Ich weiß nicht mehr.»

Als der erste Grauschimmer am östlichen Himmel erschien und eine fahlsilberne Mondsichel über den Grabsteinen auf dem Friedhof auf dem Hügel hing, drehten sie den Hahn zu und schleppten den Schlauch in den Geräteschuppen von Sandys Eltern.

 

«Sehr komisch», sagte Ace, als die beiden Mädchen am nächsten Morgen an dem verlassenen Bauplatz vorbeiradelten, mit dicken lila Ringen unter den Augen, als hätten sie sich geprügelt.

«Was?» fragte Molly.

«Das.» Ace zeigte auf das Meer von orangefarbenem Matsch, dort, wo einst das Commie-Killer-Hauptquartier gewesen war.

«Was ist denn passiert?» fragte Molly und blinzelte erstaunt mit den babyblauen Augen.

Jude biß sich auf die Innenseite der Unterlippe, um nicht zu grinsen.

«Das weißt du genau, Arschgesicht.»

«Hat’s letzte Nacht wieder geregnet?» fragte Jude.

«Sagt euren Eltern, sie sollen schon mal anfangen, für eure Beerdigung zu sparen», sagte Ace und sah sie aus seinen mattschwarzen Augen an, als sei er Sergeant Friday in «Dragnet».

 

Jude radelte auf Blitz zu dem großen weißen Steinhaus einen Block weiter, um ihre Großmutter zu begrüßen, die von einer Reise nach Savannah zur Versammlung der Töchter der Konföderation zurückgekehrt war. «Ich habe deinem Großvater gesagt», hatte sie Jude einmal erklärt, «wenn er von mir erwartet, daß ich mein prächtiges Virginia verlasse, muß er mir ein neues Haus bauen. Ich hatte nicht vor, mein Leben in dieser primitiven Hütte zu verbringen.» Nachdem er seiner Braut eine neogeorgianische Villa gebaut und die Felder am Fluß an Mr. Starnes verpachtet hatte, hatte ihr Großvater den Rest seines ererbten Farmlands als Baugrund und Terrain für einen Golfplatz verkauft. Die so entstandene Siedlung hatte ihre Großmutter Tidewater Estates genannt. Jude und ihr Vater wohnten jetzt in der «primitiven Hütte», einem geräumigen Haus aus dicht verfugten Baumstämmen, das Judes Urgroßvater, ein Kräuterheiler, in dessen Adern Cherokee-Blut floß, errichtet hatte.

Jude erinnerte sich, wie sie die gestrickte Hülle von dem Dreier-Holzschläger abgezogen hatte, damit ihr Großvater den Ball von dem Tee im hinteren Garten über den Fluß schlagen konnte, direkt auf das erste Green des Golfplatzes, dessen Fairways sich über die Hügel wanden wie eine grasige Achterbahn. Dann war er das Steilufer zum Fluß hinuntergeklettert, hatte seinen Golfsack in ein Boot geladen und war hinübergerudert, um das Spiel fortzusetzen. Vor seiner Konversion zur Medizin war er linkshändiger Amateurliga-Baseball-Pitcher gewesen, und so hatte er einen Schlägerschwung, um den ihn die ganze Region beneidete.

Nach dem Tod ihres Mannes im letzten Jahr hatte Judes Großmutter zweimal auf der Queen Elizabeth den Globus umrundet und Jude von überall Postkarten und Trachtenpüppchen geschickt. Jude hatte die Briefmarken über heißem Wasserdampf abgelöst und in ein Album gesteckt. Den Püppchen hatte sie die kunstvoll gefertigten Nationaltrachten ausgezogen, um ihnen Gliedmaßen zu amputieren und Organe herauszunehmen. Dann hatte sie sich von Clementine Nadeln einfädeln lassen und die Schnitte damit zugenäht, so, wie sie es ihren Vater hatte tun sehen, wenn sie ihn zu Hausbesuchen auf Bergfarmen begleitet hatte.

Jude erklomm die Backsteinstufen, die von weißen Säulen flankiert waren. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und betätigte den Klopfring, der im Maul eines großen goldenen Löwenkopfs hing. Am Bordstein parkte eine Schlange von blitzenden Autos, ihre Großmutter veranstaltete vermutlich gerade ein Club-Meeting. Wenn sie gerade nicht auf hoher See war, hatte sie fast jeden Tag irgendein Treffen: Bridge-Club, Garten-Club, Junior Leage, Bibelkreis, Töchter der amerikanischen Revolution. Was Jude an ihrer Großmutter am besten gefiel, war, daß es sie offensichtlich immer freute, ihre Enkelin zu sehen. Wenn man sonst Erwachsene störte, die gerade mit anderen Erwachsenen zusammen waren, sahen sie einen meistens an, als wäre man ein Stinktier, das aus dem Wald hereinspaziert kam.

Eine junge Frau in einer gestärkten weißen Dienstmädchen-Uniform mit schwarzer Rüschenschürze öffnete die Tür. Jude hatte sie noch nie gesehen. «Du bist Miss Jude, nehm ich mal an.» Zwischen ihren Vorderzähnen klafften Lücken wie in einem kaputten Bretterzaun.

Jude nickte. Ihre Großmutter beschäftigte immer Bauernmädchen aus dem Teil Virginias, aus dem sie selbst stammte. Ihr Vater war Leiter eines Konföderierten-Veteranenspitals am Stadtrand von Richmond gewesen. Sie hatten auf der Farm der Eltern ihrer Mutter am Rapahannock-Fluß bei Fredericksburg gelebt, auf Land, das die Vorfahren der Familie angeblich von König James I. dafür erhalten hatten, daß sie bereit gewesen waren, England zu verlassen. Judes Großvater war wie der König der Trolle von den nebelverhangenen Bergen im Westen heruntergestiegen, hatte im Veteranenspital seine Assistenzzeit abgeleistet und in diesen Monaten das Herz der Tochter des Chefs gewonnen.

«Deine Grandma hat heute vormittag den Virginia-Club da», sagte das Hausmädchen. Daran gewöhnt, Tabak zu schneiden und Kühe auf Bergweiden zu hüten, begriffen die Mädchen Großmutters Vorstellungen von gehobener Lebensart ebensowenig wie Jude. Sie blieben selten länger als ein paar Monate.

Durch den Türbogen am Ende der Diele sah Jude Frauen in pastellfarbenen Sommerkostümen und Blumenhüten an Tischen mit bestickten Leinentischtüchern sitzen und von Großmutters mit silbernen Früchten verzierten François-Premier-Gabeln Chicken à la King aus Blätterteigpastetchen essen. Ihre Großmutter erklärte immer wieder, daß Jude diese Gabeln einst erben sollte, dabei konnte Jude gar nicht kochen. Wenn sie groß war, würde sie jeden Abend in das Wiggly-Piglet-Barbecue am Knoxville Highway gehen, wo Serviererinnen in Hot pants, Cowboystiefeln und -hüten und Westernkrawatten am Wagenfenster die Bestellung aufnahmen.

Sandy Andrews’ Mutter sagte gerade: «Ach, wissen Sie, mir gefällt Tennessee fast so gut wie Virginia.»

Judes Großmutter antwortete: «Schon, aber ich denke doch, in Virginia findet man einfach eine ganz andere Klasse Menschen, meinen Sie nicht, Mavis?»

Zum Glück hatte Großmutter bei Judes Geburt darauf bestanden, daß ihr Vater ihre Mutter über die Staatsgrenze in ein Krankenhaus in Virginia brachte, als die Wehen eingesetzt hatten – also würde Jude später auch an diesen Clubtreffen teilnehmen können.

Ihre Großmutter entdeckte Jude in der Tür. «Oh, hallo, Liebes!» Sie stand auf und ging ihr entgegen, auf Pfennigabsätzen, die so hoch waren, daß es aussah, als tanzte sie auf Spitzen. Ihr Seidenkostüm hatte den Blauton eines Rotkehlcheneis, und der Rock ging ihr knapp bis zum Knie. Auch ihr Haar war blau, und um den Hals trug sie die Perlenkette, die Jude ebenfalls bekommen sollte, wenn sie starb. Vorn in der Mitte hingen große cremerosa Perlen mit kleinen Knötchen dazwischen, und zum Verschluß hin wurden die Perlenkügelchen immer kleiner. Die Halskette war sehr hübsch, aber Jude wünschte, ihre Großmutter würde nicht immer vom Sterben reden. Als sie sich im Frühjahr einen silbernen Cadillac gekauft hatte, hatte sie zu Jude gesagt: «Das ist wohl der letzte Wagen, den ich auf Gottes grüner Erde kaufe.» (Offenbar schloß sie nicht aus, sich im Himmel weitere Autos zuzulegen.) Und jedesmal, wenn Jude sie jetzt sah, erklärte sie: «Schätzchen, das ist vielleicht das letzte Mal, daß du mich lebendig siehst, also schau noch mal gut hin.»

«Evelyn, holen Sie meinem kleinen Mädchen aus Virginia ein Fruchteis», sagte ihre Großmutter. Als Evelyn in Richtung Küche verschwand, flüsterte sie: «Schätzchen, wo ist denn deine Bluse geblieben? Ein Mädchen aus Virginia geht niemals ohne Bluse.»

Evelyn kam wieder und streckte Jude eine Kartonpackung Eislutscher hin.

Ihre Großmutter sagte: «Aber, Evelyn, ich habe es Ihnen doch gezeigt. Denken Sie daran, Sie haben es jetzt mit der gehobenen Gesellschaft zu tun.»

Evelyn stampfte wieder in die Küche und brachte dann auf einem kleinen Silbertablett mit Monogramm ein paar Eislutscher.

Jude nahm einen mit Kirschgeschmack und sagte: «Danke, Ma’am.»

«Liebes, zu Dienstboten sagt man nicht ‹Ma’am›», murmelte ihre Großmutter.

 

An ihrem roten Fruchteis leckend, radelte Jude zu dem Friedhof am Ende des Häuserblocks. Wenn ihre Großmutter doch nur öfter daheim wäre. Wenn sie weg war, vermied es Jude, an dem großen, leeren Haus vorbeizufahren, weil sie sich dann traurig und einsam fühlte. Wenn es nun irgendwann wirklich das letzte Mal war, daß sie sie lebendig gesehen hatte, so, wie es ihr schon mit ihrer Mutter und ihrem Großvater ergangen war?

Auf dem Weg über die Wiese zu dem schmiedeeisernen Tor pflückte Jude Kleeblumen, bis sie zwei Sträußchen zusammenhatte. Auf der einen Seite ruhen Soldaten, die ihr Leben im Krieg zwischen den Staaten gelassen hatten, und Pioniermütter, die im Kindbett gestorben waren. Manchmal lagen ihre Kinder neben ihnen, mit eigenen kleinen Grabsteinen. Einige Gräber waren über den verrotteten Holzsärgen eingesackt, und etliche Grabsteine waren abgebrochen oder umgekippt.

Jude legte das eine Sträußchen an den Grabstein ihres Großvaters, einen roten Obelisken aus Granit, auf dem stand: «Ein Retter im Leben, nun errettet im Tod.» Sie sah seine freundlichen haselnußbraunen Augen hinter der dicken Drahtbrille, die auf seiner Adlernase hockte wie ein Rieseninsekt, die komischen Ohrläppchen, die herunterhingen wie die Lefzen eines Bluthunds, und das lustige kleine Doppelkinn, das sich, wenn er lachte, aufblähte wie die Kehle eines Froschs. Ihre Großmutter sagte, er habe Jude früher stundenlang mit gestreckten Armen hochgehalten und mit ihr Flugzeug gespielt, während ihr Vater im Bauch eines Truppentransporters auf dem Atlantik, inmitten feindlicher Torpedos und heulender Alarmsirenen, Soldaten operierte.

Jude erinnerte sich, wie sie auf der vergitterten Hinterveranda auf seinem Schoß gesessen und zugeguckt hatte, wie der Holsten den Smokies entgegenfloß. Er hatte ihr in seinem gedehnten Appalachendialekt Geschichten erzählt, von einem großen Zelt an einem Fluß in Belgien, wo er Männern Arme und Beine abgesägt hatte. Von einem unterirdischen Silo, voll mit gefangenen Deutschen, in das er auf einer Leiter hinuntergestiegen war, mit einem großen roten Kreuz auf der Brust, damit sie ihm nichts taten. Von matschigen, mit Granattrichtern übersäten Feldern, aus denen tote Bäume wie abgebrochene Zahnstocher emporragten. Von rostigen Stacheldrahtverhauen, die aussahen wie Brombeersträucher im Herbst. Von Männern mit Stahlhelmen, die an dem Draht hingen und schrien, während große Vögel herabstießen, um mit scharfen Schnäbeln und Klauen an ihren Wunden zu zerren.

Judes Großmutter war herausgekommen und hatte gefragt: «Charles, hältst du es wirklich für gut, dem Kind deine schrecklichen Kriegsgeschichten zu erzählen?»

Er hatte sie durch seine dicken Brillengläser angeguckt. «Sie muß wissen, woran sie ist. Ich wollte, ich hätte es gewußt. Die Soldaten im Krankenhaus deines Vaters haben mir immer nur erzählt, welche Ehre es für sie gewesen sei, dem Süden ihre Arme und Beine zu opfern. Und da wollte ich auch in einer Uniform marschieren und ein Held sein.»

«Jude ist ein Mädchen, Liebling, kein Junge.»

«Sie ist ein menschliches Wesen. Wir stecken alle zusammen in diesem Schlamassel. Und das ist wohl der einzige Trost.»

Einen Moment lang hatte es ausgesehen, als würde er anfangen zu weinen. Judes Großmutter hatte nach seiner Hand gegriffen, die so klein und zart war wie die einer Frau – diese Hand, die nicht zu schlagende Effetbälle geworfen hatte, mit der er chippen und putten konnte wie ein Profi, mit der er an unzugänglichen Stellen nach Gefühl operieren konnte. Als sie sie geküßt und gestreichelt hatte, sah er schon nicht mehr so unglücklich aus. Dann war Judes Großmutter wieder in die Küche gegangen, um an der Kartei von geheimen Familienrezepten zu arbeiten, für die sie als Präsidentin des Virginia-Clubs verantwortlich war. Sie behauptete, der South-Carolina-Club habe nichts vorzuweisen, was mit ihrem Brunswick Stew mithalten könne. Sie hatte das Eichhörnchenfleisch zeitgemäßerweise durch Rindfleisch ersetzt.

«Hast du mal auf Leute geschossen?» hatte Jude ihren Großvater gefragt. Sie saß aufrecht auf seinem Schoß und tätschelte ihm aufmunternd die Wangen.