Schlechter als morgen, besser als gestern - Lisa Alther - E-Book

Schlechter als morgen, besser als gestern E-Book

Lisa Alther

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Beschreibung

Sie ist fünfunddreißig, Krankenschwester in der Unfallstation, und vor den Schrecken der Welt dreht sich ihr täglich die Seele um. Sie hat jedes Beruhigungsmittel probiert: Ehe und Mutterschaft, Feminismus und Gott, Arbeit, Alkohol und wahre Liebe – doch nach einer Weile überkommt das innere Schwarzgrau sie immer wieder. Kurz, Caroline, deren Beruf und Geschichte das Helfen ist, muß eingestehen, daß sie selbst Hilfe braucht. In der Psychotherapeutin Hannah findet sie eine ältere Frau, die sich als so stark, so hartnäckig und so einfühlsam erweist wie sie selbst. Gemeinsam erkunden sie einen Weg, Carolines depressiven Blick, der nur düstere Töne wahrnahm, zu öffnen für die Farben der wirklichen Welt.

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EPUB

Seitenzahl: 631

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Lisa Alther

Schlechter als morgen, besser als gestern

Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Sie ist fünfunddreißig, Krankenschwester in der Unfallstation, und vor den Schrecken der Welt dreht sich ihr täglich die Seele um. Sie hat jedes Beruhigungsmittel probiert: Ehe und Mutterschaft, Feminismus und Gott, Arbeit, Alkohol und wahre Liebe – doch nach einer Weile überkommt das innere Schwarzgrau sie immer wieder. Kurz, Caroline, deren Beruf und Geschichte das Helfen ist, muß eingestehen, daß sie selbst Hilfe braucht. In der Psychotherapeutin Hannah findet sie eine ältere Frau, die sich als so stark, so hartnäckig und so einfühlsam erweist wie sie selbst. Gemeinsam erkunden sie einen Weg, Carolines depressiven Blick, der nur düstere Töne wahrnahm, zu öffnen für die Farben der wirklichen Welt.

Über Lisa Alther

Lisa Alther, Schriftstellerin, wurde 1944 in Tennessee geboren.

Inhaltsübersicht

Für Nancy Magnus«Ist das Leben ...I1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. KapitelII1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. KapitelIII1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel

Für Nancy Magnus

«Ist das Leben so erbärmlich? Sind es nicht vielmehr deine Hände, die zu klein sind, deine Sicht, die zu verschwommen ist? Es ist an dir, erwachsen zu werden.»

 

Dag Hammarskjöld

I

1

Caroline stellte den Motor ihres roten Subaru ab, klammerte sich mit beiden Händen ans Lenkrad und blickte über den Parkplatz zum Lake Glass hinab. Regentropfen rollten wie Tränen die Windschutzscheibe hinunter und tropften von den kahlen grauen Zweigen auf den Platz. «Gott weint», hatte sie an regnerischen Tagen in Brookline ihren jüngeren Brüdern immer erklärt. «Wegen all der traurigen und leidenden Menschen auf der Welt.» Blätter, die einmal lebendig gewesen waren, lagen jetzt in durchnäßten Haufen um die Baumstämme herum. Lake Glass sah im verblassenden Nachmittagslicht kalt aus. Man konnte sich kaum vorstellen, daß vor etwa zwei Monaten Motorboote noch Wasserskifahrer über den See gezogen hatten. Segelboote waren über ihn geglitten. Schwimmer hatten dieses trübe Gewässer durchpflügt, und Angler hatten untätig am Ufer herumgesessen. Bald würde der See zufrieren, so wie sich die chemischen Lösungen in den Reagenzgläsern damals zu Kristallen verwandelten – bei den Laborexperimenten während ihrer Schwesternausbildung in Boston.

In ihrem Traum letzte Woche war der See schon zugefroren gewesen, und überall auf dem Eis lagen Menschenköpfe verstreut, kilometerweit, die Münder weit aufgerissen zu einem tonlosen Schrei. Gesichtslose Männer in Soldatenuniform marschierten zwischen den Köpfen hindurch und blieben gelegentlich stehen, um manche von ihnen mit blutigen Äxten zu spalten. Das Eis war bedeckt mit Gehirnen und geronnenem Blut und Knochensplittern, es sah aus wie der Boden eines Schlachthofs. Caroline erwachte mit aufgerissenem Mund, ihr Haar naß von Schweiß. Einen Augenblick lang war sie unfähig, sich zu bewegen oder zu denken. Allmählich begriff sie, daß sie in ihrem eigenen Bett lag, in dem kleinen Holzhaus in New Hampshire, in dem sie mit Diana wohnte. Sie stand auf und ging ins Nebenzimmer. Ihre Söhne und Arnold, der junge schwarze Labradorhund, schliefen fest und atmeten deutlich hörbar. Diana und ihre Tochter Sharon schliefen oben. Caroline rieb mit dem großen Zeh bei Jackies und Jasons Etagenbett über den Fußboden. Holz, kein Eis, und die Köpfe der Jungen waren offensichtlich noch am Hals angewachsen.

Am nächsten Tag wurde ein kleiner Junge auf die Unfallstation gebracht; sein Hinterkopf war gespalten, seine hellbraunen Haare mit Blut verklebt. Sein Vater hatte ihn an den Füßen gepackt und gegen die steinerne Kante eines offenen Kamins geschlagen, weil er auf dem Teppich Dreckspuren hinterlassen hatte. Caroline starrte auf die Wunde, der Unterkiefer fiel ihr herunter, und sie war wie gelähmt. Brenda, deren Namensschild, das sie an der Tasche ihrer Uniform befestigt hatte, wie ein Ambulanzwagen aussah, war viel zu sehr damit beschäftigt, die verfilzten Haare abzuschnippeln, als daß sie Carolines Erstarrung bemerkt hätte. Aber Caroline war nun endgültig klar, daß sie etwas unternehmen mußte. Nachts in Panik aufzuwachen, das ging ja noch, aber wenn sie nicht mehr fähig war, ihre Arbeit zu machen, dann war das noch etwas anderes. Sie hatte zwei Söhne und keinen Mann, sie mußte Geld nach Hause bringen. Selbst wenn sie sich viel lieber zwischen den Fischen am Grunde des Sees gewiegt hätte, Seetang zwischen den Haaren, die Eisdecke über sich, die wie eine immer dicker werdende Haut jede Verbindung zu dieser ekelhaften Welt abschneiden würde, auf der die Menschen sich gegenseitig mit Vergnügen folterten und verstümmelten.

Ein paar Wochen davor, als sie gerade in dem Wald neben ihrem Haus Brennholz hackte, beobachtete sie einen Mann in Wasserstiefeln, einem rotkarierten Hemd und einer grünen Schildmütze, der über die braune Wiese zum Seeufer ging. Er trug einen Hügel kleiner Steine zusammen. Dann ließ er einen Stein nach dem anderen in seine Gummistiefel fallen – und stapfte in den See. Erst als sein Kopf verschwand und nur noch die grüne Mütze auf dem grauen Wasser schwamm, begriff Caroline, was er vorhatte. Sie brauchte eine Weile, um ihre Bewunderung abzuschütteln, ins Haus zu rennen und den Rettungsdienst anzurufen. Mehrere Stunden lang saß sie dann auf dem Hügel und beobachtete die Taucher, die den Grund des Sees absuchten, amphibische Wespen mit ihren glänzenden schwarzen Taucheranzügen und den gelben Sauerstofftanks. Der Mann war schlau gewesen: dies war die tiefste Stelle des Sees. Die Felskante fiel steil ab, das eiskalte Wasser war weit über hundert Meter tief. Ein graues Polizeiboot zog langsam seine Kreise und zog Rettungshaken hinter sich her, die schneebedeckten White Mountains bildeten die Kulisse. Am Rand des Sees saßen Verwandte, die neben zerbeulten Chevrolets Kentucky Fried Chicken verspeisten. Ein mongoloides Kind torkelte am Ufer auf und ab und schrie jammervoll. Laßt ihn doch in Ruhe, dachte Caroline immer wieder. Um Himmels willen, laßt ihn in Ruhe. Sie bedauerte, daß sie überhaupt jemanden gerufen hatte.

 

Würde es wie ein Unfall aussehen, überlegte sie sich, wenn sie ihren Motor auf Hochtouren brächte und quer über den Parkplatz rasen würde, über die Klippen hinaus und in den See? Dann mußte sie an Jackie und Jason denken. Der hoch aufgeschossene, dünne, schüchterne Jackie, dessen Gelenke so beweglich waren wie die eines Hampelmanns und dessen Stimme sich jetzt manchmal überschlug. Und Jason, gebaut wie ein Panzerwagen und mit der entsprechenden Persönlichkeit. Jackson war völlig mit seiner zweiten Frau und mit neuen Kindern beschäftigt. Jackie und Jason hatten niemanden außer ihr. Sie müßte die beiden ebenfalls umbringen. Aber sie hatte viel zuviel Zeit und Mühe darein investiert, sie die ganzen Jahre über am Leben zu halten. Es käme ihr genauso unnatürlich vor, wie jeden September vor dem ersten Frost die grünen Tomaten zu pflücken.

Bevor Jackie und Jason existierten, nach Arlene und vor Jackson (sie benannte die verschiedenen Phasen ihres Lebens nach den Personen, die jeweils ihre Tage unterbrochen und ihre Träume beherrscht hatten; zur Zeit war sie gerade in ihrer Diana-Phase), hatte sie sich immer versichert, sie könne ja, falls die Abendnachrichten allzu schlimm würden, einen frühzeitigen Abgang machen. In ihrem Appartement in der Commonwealth Avenue standen auf der Kommode in Reih und Glied die Pillenflaschen, die sie aus dem Vorratsschrank des Massachusetts General Hospital gestohlen hatte, und sie betrachtete sie immer nachdenklich, wenn die Ereignisse auf der Unfallstation zu erdrückend wurden. Aber die Ankunft von Jackie und Jason hatte diesen Fluchtweg verriegelt. Sie hatte die Pillen noch, aber sie waren jetzt im Schrank verstaut, außer Reichweite der Kinder. Sie konsultierte die Flaschen nicht mehr täglich, um zu entscheiden, ob sie weiterhin an einer dermaßen enttäuschenden Welt teilhaben wollte.

Sie hatte alle üblichen Betäubungsmittel versucht: Ehe und Mutterschaft, Apfelkuchen und Monogamie, Bigamie und Polygamie; Konsumrausch, Kommunismus, Feminismus und Gott, Sex, Arbeit, Alkohol, Drogen und die wahre Liebe. Jedes Mittel tat eine Weile seine Wirkung, aber letztendlich hatten sie alle versagt und die Verzweiflung nicht wirklich besiegen können. Das einzige Mittel, das sie noch nicht ausprobiert hatte, war Psychotherapie. Leute, die in sozialen Berufen arbeiteten, sollten sich eigentlich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen. Aber sie hatte sich neuerdings eingestehen müssen, daß sie nichts hatte, woran sie ziehen konnte. Deshalb saß sie hier auf dem Parkplatz des Therapiezentrums Lake Glass, plante ihren Selbstmord und war zu spät dran für ihren ersten Termin.

Sie stieg aus und ging an einem kupferfarbenen Mercury vorbei, dessen Rücklicht zerbrochen war. Rote Glasstückchen knirschten unter ihren Stiefeln, als sie zum Eingang des großen graubetürmten Gebäudes ging, das als Gästehaus gedient hatte, als die Stadt zu Beginn des Jahrhunderts noch eine Sommerkolonie für Boston gewesen war.

 

«Ich habe einen Termin bei Hannah Burke», sagte eine junge Frau mit schwachem irisch-Bostoner Akzent zu Holly, der Sprechstundenhilfe.

Hannah, die hinter Holly stand, blickte von ihrem Telefongespräch auf. Der Mund der Frau war angespannt, ihr Blick unruhig und verwirrt. Mein Gott, so viel Schmerz, dachte Hannah. Aber immerhin ist sie attraktiv, wenn ich sie mir jetzt wer weiß wie viele Monate lang ansehen muß. Die Frau kam ihr bekannt vor, aber Hannah konnte sie nicht einordnen. Sie legte die Hand auf den Telefonhörer und sagte: «Tag, ich bin Hannah. Ich komme gleich.» Sie erinnerte sich an die Stimme der Frau von ihrem Telefongespräch letzte Woche – leise, höflich, entschuldigend … und ein bißchen angriffslustig. Nachdem sie um einen Termin gebeten hatte, sagte Hannah eine Weile nichts und wartete ihre eigene Antwort ab. Sie wußte nie genau, warum sie Leuten zu- oder absagte. Vermutlich ein instinktives Gefühl dafür, ob sie mit jemandem arbeiten konnte oder nicht. Wenn du Fehlschläge aussortierst, bevor du sie überhaupt annimmst, kannst du deine Erfolgsrate steigern und dich kompetenter fühlen. Aber diesmal sagte sie ja. Wenn diese Frau sich die Mühe gemacht hatte, sie ausfindig zu machen, dann hatte das wahrscheinlich seine Gründe, denn Hannah glaubte nicht an Zufälle.

Außer an solche wie heute morgen, als das Rücklicht ihres neuen Mercury kaputtgegangen war. Am Telefon fragte sie, wieviel es kosten würde, das Licht zu ersetzen. Sie war auf dem Parkplatz rückwärts in Jonathans Scout gefahren, während sie versuchte, die Gereiztheit zu unterdrücken, die sie immer an den Tagen empfand, an denen ein neuer Klient kommen sollte. Es war ein rein mechanischer Vorgang: Ihre Alltagsroutine wurde durch ein unvorhersagbares Element durchbrochen. Aber jedesmal war dieses Gefühl der Gereiztheit sehr real und persönlich, und heute morgen hatte sie sich sehr ungeduldig gefühlt, weil die Stimme der Frau am Telefon so schüchtern geklungen hatte. Gehörte sie zu den Frauen, die einen aufforderten, auf ihnen herumzutrampeln, und die sich dann über die Stiefelabdrücke auf ihrem Rücken beschwerten?

Sie warf einen Blick auf Caroline. Groß und schlank. Leicht grau werdender Afro-Look. Schön gebräunte Haut. Vom Skifahren oder von einer Reise in den Süden? Eine Frau, die viel Zeit und Muße hat? Soviel Glück sollten wir alle mal haben. Fühl dich hier nicht als Märtyrerin, sagte sie sich selbst. Deine Arbeit macht dir Spaß, ganz abgesehen davon, daß du nicht gerne auf der Straße verhungern würdest. Ein dunkelblauer Parka und Frye-Stiefel, verwaschene Jeans und ein kariertes Flanellhemd. Eine winzige Seemöwe aus Elfenbein an einer goldenen Kette um den Hals. Diese Kleidung ist zu jugendlich für sie. Sie sieht aus wie eine Studentin, aber sie ist mindestens fünfunddreißig. Wo ist sie steckengeblieben? Und weshalb? Bitte nicht noch ein verblühtes Blumenkind. Sie hatte heute morgen schon eines hier gehabt – Chip, eine Kreuzung aus Che Guevara und Peter Pan, ein bärtiges Überbleibsel aus den siebziger Jahren, im Overall, der sich in seinen abgewrackten Idealismus hüllte wie in Landstreicherlumpen. Konstant unglücklich, weil die Welt in den letzten fünfzehn Jahren nicht besser geworden war, nur weil er das wünschte. Er schien zu glauben, daß er seine eigenen Angelegenheiten nicht in Ordnung bringen konnte, ehe er nicht die ganze Welt in Ordnung gebracht hatte.

Die Frau stand da, Hände in den Hüften, das Gewicht auf ein Bein verlagert. Vermutlich lesbisch. Mal sehen, wie lange es dauert, bis sie mir das mitteilt. Mal sehen, ob sie es weiß.

Hannahs Augen registrierten Informationen, so wie eine Glucke den Himmel nach Habichten absucht. Dieses Bedürfnis, zu jedem Zeitpunkt zu wissen, was vor sich geht, war erschreckend in seiner Unersättlichkeit. Aber sie war zu oft überrascht worden. Vier Jahre alt, und deine Mutter stirbt an Typhus. Mit fünf vom Vater verlassen. Neunzehn, und dein Mann fällt im Krieg. Zwei Kinder tot im Bett: Kohlenmonoxyd. Keine Überraschungen mehr in ihrem Leben, wenn sie es vermeiden konnte. Was, wie sie wußte, nicht der Fall war.

 

Caroline fühlte sich von den blauen Augen der Frau durchbohrt. Ihr Ausdruck war nicht unfreundlich, nur unnachgiebig. Ähnlich wie ihre Stimme am Telefon letzte Woche. Ein etwas strenger britischer Akzent. Diese Frau machte nicht viele Umstände. Sie hatte hier in der Stadt einen guten Ruf. Mehrere Krankenschwestern, mit denen Caroline und Diana zusammenarbeiteten, hielten Hannah Burke für die absolute Superfrau. Aber Caroline hatte eine Mischung aus Mary Poppins und der drallen Pfannkuchentante Jemima erwartet, nicht eine grauhaarige Hausfrau in einem Hosenanzug aus Polyester und mit dem Blick einer Polizeiinspektorin.

Ich kann ja jederzeit aufhören, versicherte Caroline sich selbst. Eine miese Stunde, und ich verschwinde auf Nimmerwiedersehen. Wenn sie nur ein einziges Mal von sich als «Heilerin» spricht, dann bin ich weg wie der Blitz. Letzte Woche, im Gesundheitszentrum in der umgebauten Gerberei oben in der Stadt, hatte ein bärtiger Mann, der ein T-Shirt mit der Aufschrift «Love me – I’m Italian» trug, sie mit einem bedeutungsvollen Lächeln angeblickt: «Ich höre, was du sagst, Caroline. Danke, daß du mich teilhaben läßt. Ich habe wirklich ein gutes Gefühl, was diese Sitzung angeht. Wie war es für dich?»

Bitte, lieber Gott, laß mich hier raus, hatte sie gebetet. Und der liebe Gott hatte sie erhört. Aber nur, um sie jetzt hier bei dieser Frau landen zu lassen, die Augen wie blaue Laserstrahlen hatte und die sich gerade ihre zweite Zigarette anzündete. Sie rauchte eine dünne braune Marke und hustete, als würde sie sich um eine Rolle in einem Werbespot für Staublunge bewerben. Sie hatte also offensichtlich ihr Leben auch nicht so ganz im Griff. Außerdem war sie klein. Mit der werde ich schon fertig.

Eine Sirene ging in ihrem Kopf los. Das gleiche hatte sie sich gesagt, als sie Arlene und Diana und Jackson und David Michael das erste Mal sah. Die Tatsache, daß sie sich gut zureden mußte, war schon ein Anzeichen dafür, daß sie ihre Zweifel hatte. Und sie war mit den andern ja auch nicht «fertig geworden» – sie hatten alle ihr Leben ziemlich einschneidend durcheinandergebracht.

Caroline folgte Hannah einen dunklen Flur entlang, an mehreren geschlossenen Türen vorbei. An Hannahs Tür hing ein Schild, auf dem stand «Bitte beim Rauchen nicht stören». Caroline ließ sich auf eine braune Tweedcouch fallen und blickte sich um: Stapel von Büchern und Papieren auf dem Schreibtisch und auf den Bücherregalen. Fotos von mehreren blondköpfigen Kindern mit Zahnlücken an einer Pinnwand aus Kork, dazu ein Durcheinander von Glückwunschkarten, Notizzetteln, Kinderzeichnungen und Bildern, die aus Zeitschriften herausgerissen waren. An den weißen Wänden hingen verschiedene Sachen: ein primitives Gemälde mit einem unheimlich aussehenden kleinen Dämon oder dergleichen, ein abstraktes Schwarzweiß-Foto. Die Farne, die in dem Fenster mit dem kunstvollen viktorianischen Rahmen und den orangekarierten Vorhängen hingen, sahen welk und farblos aus. Wenn Musik von Bach Pflanzen zum Wachstum anregte, ließ sie dann das Elend, das sie sich den ganzen Tag anhören mußte, verkümmern? Caroline unterdrückte das Bedürfnis, anzubieten, sie mit nach Hause zu nehmen, in die Sonne zu stellen und mit Fischemulsion zu versorgen.

Hannah setzte sich auf einen gepolsterten Schreibtischstuhl aus Metall und legte die Füße auf einen Rohrschemel. Ihre Hände hingen über die Armlehnen hinab, zwischen zwei Fingern hielt sie eine braune Zigarette. Caroline wußte, daß es unangebracht war, zu beschreiben, was Rauchen ihren Lungen antat und wie Raucher auf die Unfallstation gestolpert kamen und Blut husteten.

«Dann erzählen Sie mal, warum Sie hier sind.»

Vermutlich aus dem gleichen Grund wie alle andern auch, dachte Caroline. Die Welt ist ein einziges Chaos, und ich wäre am liebsten tot. «Na ja, ich war in letzter Zeit oft depressiv.» Sie überlegte, wie sie die Atmosphäre in ihrem Kopf vermitteln konnte. An dem Morgen, nachdem Diana beschlossen hatte, daß sie nicht mehr miteinander schlafen sollten, war sie in der Dämmerung aufgewacht, allein in ihrem Doppelbett, und hatte den perlmuttfarbenen Himmel betrachtet, der feuerrot gestreift war. Und sie hatte an die entzündeten Wunden eines kleinen Mädchens gedacht, das am Tag davor auf der Unfallstation eingeliefert worden war: Ihr Vater hatte sie mit Zigaretten verbrannt. Nachdem sie die schlimmen Wunden gesäubert und verbunden hatte, machte sie Vorschläge, mit welchen anderen Methoden man das Baby dazu bringen konnte, mit dem Weinen aufzuhören, und der Vater war davongestampft, beleidigt. Caroline hatte seither mehrere Nächte von einer endlosen Eisfläche geträumt, in der die abgeschnittenen Gliedmaßen kleiner Kinder eingefroren waren. Letzte Woche war diese Eisfläche mit zerschmetterten Menschenköpfen bedeckt gewesen. Sie war völlig am Ende. Sie hatte so abgenommen, daß Knochen sichtbar wurden, deren Existenz ihr bis dahin nicht bewußt gewesen war.

Schwächling! fuhr sie sich selbst an. Krieg, Hungersnot, Atomwaffen, Folter. Nur Idioten waren in einer solchen Welt nicht depressiv. Immer wenn sie oder einer ihrer Brüder als Kinder herumjammerten, fuhr ihre Mutter mit ihnen zur Heilsarmee in Dorchester. Sie schauten zu, wie die Hungernden und Heimatlosen ankamen, und ihre Mutter erkundigte sich dann immer streng: «Und ihr denkt, ihr habt Probleme?»

 

Hannah zog an ihrer Zigarette und beobachtete, wie der Kampf begann – der Kampf einer neuen Klientin zwischen dem Wunsch, ihr zu vertrauen und vielleicht Hilfe von ihr zu bekommen, und der Angst, verletzt zu werden, auf Grund früherer Erfahrungen. Caroline saß da, die Beine übereinandergeschlagen und die Arme vor der Brust verschränkt. Sie hatte nicht die geringste Absicht, jemanden an sich heranzulassen.

«Wie sehen Ihre Depressionen aus?» fragte Hannah.

Caroline betrachtete Hannah aufmerksam, die eine riesige Rauchwolke ausatmete. Wenn sie wußte, was Depressionen sind, dann wußte sie doch Bescheid. Bezahlte sie teures Geld dafür, nur um diese Expertin hier über Depressionen aufzuklären? «Ich träume schlecht. Ich wache mitten in der Nacht naßgeschwitzt auf und kann nicht wieder einschlafen. Ich habe ein nagendes Gefühl in der Magengegend, fast die ganze Zeit über. Ich heule wegen blöder Kleinigkeiten. Ich fahre die Leute an, die ich gerne mag. Ich liege mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden und kann mich nicht bewegen. Ich komme mir vor wie eine Eiterblase, die jemand aufstechen sollte.» Sie sah aus dem Fenster ihr gegenüber, an den kränkelnden Farnen vorbei, auf den grauen See. Vielleicht wanderte der Typ in seinen Gummistiefeln noch irgendwo da unten herum. Die Versuchung, ihn auf diesem Spaziergang zu begleiten, war stark.

Und ob, dachte Hannah, das hört sich wie die große Depression an. «Erzählen Sie mir von Ihrer Familie, als Sie ein kleines Kind waren.»

Caroline runzelte die Stirn. Offensichtlich hatte sie nicht vermitteln können, wie miserabel sie sich fühlte. Ging das denn überhaupt? Entweder versteht jemand, wovon du redest, oder nicht. Hannah Burke verstand offenbar nicht, oder sie würde nicht so neutral reagieren. Familie? Wenn sie sich in dieser ganzen Freud-Scheiße wälzen wollte, dann wäre sie zu einer Psychoanalytikerin gegangen. Ihr Elend hatte damit zu tun, daß sie in diesem Höllental von Welt eingesperrt war, und zwar lebenslänglich. Sie begann mit monotoner Stimme von ihrer Geburt im Zweiten Weltkrieg zu erzählen, von der Abreise ihres Vaters in den südlichen Pazifik, von seiner Gefangennahme durch die Japaner und von der Arbeit ihrer Mutter beim Roten Kreuz.

Hannah bemerkte, daß sie den Hebel bediente, der es ihr an guten Tagen erlaubte, zuzuhören, ohne das Gesagte auf sich zu beziehen. Sie schob die Details von Carolines Kindheitserfahrungen beiseite, als würde sie Mais enthülsen und sich dabei auf den Kolben als Ganzes und nicht auf die einzelnen Maiskörner konzentrieren. Unruhe und Veränderungen, ein abwesender Vater, eine reservierte, nervöse, überanstrengte Mutter, jüngere Geschwister, die Caroline zu bemuttern versuchte, eine Reihe melancholischer Hausmädchen. Keine ungewöhnliche Geschichte für Carolines Klasse und Generation.

Caroline hatte ihre Haltung der höflichen Langeweile aufgegeben und strengte sich an, sich zu erinnern, was ihr über die drei Jahre erzählt worden war, als ihr Vater auf der anderen Seite des Globus kämpfte und sich in Kriegsgefangenschaft befand. «… meine Mutter sagt immer, was für ein braves Kind ich gewesen sei, tagsüber. Ich saß so still im Gras, daß die Bienen mir über die Finger krabbelten und die Kekskrümel inspizierten, ohne mich je zu stechen. Sie steckte mich in eine Babyhüpfschaukel, im Türrahmen aufgehängt, und ich hing nur einfach da, hielt meine rosarote Decke fest und lutschte am Daumen. Aber mitten in der Nacht schrie ich dann wie am Spieß.»

Caroline hörte auf zu reden, um die Frau anzusehen, die sie mit diesen eisigen blauen Augen ansah. In ihrem dunkelblauen Hosenanzug sah sie aus, als käme sie direkt aus einem Bridgezirkel. Scheiße, diese blöde Selbstbespiegelung. Millionen von Menschen verhungern da draußen, und ich quatsche einer Ausländerin die Ohren voll, weil es mir nicht so besonders gut geht. Was hat mein Verhalten im Laufstall mit dem Aufkommen des Faschismus in Westeuropa zu tun? Diese Frau ist viel zu bürgerlich. Sie würde ja überhaupt nicht begreifen, was ich meine, wenn ich sagen würde: ‹Ich kann diese Welt nicht ausstehen. Ich habe keine Lust, mich besser anzupassen. Ich möchte mich nur einfach wohler fühlen mit meiner Nicht-Anpassung.›

«Ich bin lesbisch», verkündete Caroline, und sie hörte sich bestimmter an, als sie sich fühlte, weil ihre Beziehung mit Diana auch nicht besser funktioniert hatte als die mit Jackson oder David Michael.

Hannah zuckte mit den Schultern. Ach ja, dachte sie, und was gab’s zum Frühstück? Plötzlich fiel ihr ein, woher ihr Caroline bekannt vorkam: vom Fernsehen und aus den Regionalzeitungen; sie hatte sich vor ein paar Jahren bei den staatlichen Behörden für das Recht auf Abtreibung eingesetzt. Sie war von Caroline beeindruckt gewesen, wie sie da auf den Stufen des Regierungsgebäudes in Concord gestanden hatte, die Sonne in den Augen, und den aggressiven Spott ihrer Gegner mit Humor und Überzeugung zurückgewiesen hatte.

«Wäre das für Sie ein Problem?» fragte Caroline. Jemand derart Bürgerliches war bestimmt entsetzt angesichts der Vorstellung, jede Woche mit einer leibhaftigen Perversen festzusitzen.

Ist das für dich ein Problem, überlegte sich Hannah, spitzte die Lippen und schüttelte den Kopf. Homosexuelle schienen immer zu glauben, daß diese Enthüllung unglaublich bedeutungsvoll sei. Vermutlich für sie selber. Vermutlich hatten sie sich alle damit schon einige Zurückweisungen eingehandelt.

«Wie alt fühlen Sie sich?» fragte Hannah. Sie hatte sich gerade Caroline als das verängstigte Kind vorgestellt, den Schrecken einer Welt, in der Krieg herrschte, und den Ängsten des vaterlosen Haushalts ausgesetzt; ein Kind, das verschiedenen Hausmädchen übergeben wurde, das versuchte, still und ruhig und brav zu sein, damit jemand es mochte. Hannah dachte an ihre eigenen Babies, die über ihre angeschwollenen Brüste hinweg mit dunkelblauen Augen zu ihr aufblickten und mit ihren winzigen rosaroten Händen nach ihrem kleinen Finger griffen, zahnlos lächelnd, und die nur einen Wunsch hatten: zu bewundern und bewundert zu werden. Die Babies, die nicht fähig waren, jemanden dazu zu bringen, sich Hals über Kopf in sie zu verlieben, die sah sie jeden Tag als Erwachsene in diesem Sprechzimmer. Dieses eine Problem jedenfalls hatten ihre Kinder nicht gehabt, gleichgültig, in welcher Hinsicht sie sie später im Stich gelassen hatte.

Hannah zündete sich noch eine Zigarette an und schaltete ihre Gefühle ab. Sie blickte aus dem Fenster neben der Couch zu dem kaputten Rücklicht an ihrem neuen Mercury. Es war ein Gefühl wie damals, als Simon Nigels Babyschneidezahn einschlug, weil sie um ein Dreirad stritten – Hannah hatte akzeptieren müssen, daß ihr perfektes kleines Menschenbündel von der Welt des Verfalls eingeholt worden war. «Instandhaltung», behauptete Arthur, ihr Mann, oft. «Das Leben ist nichts weiter als Instandhaltung.» Jonathans Scout war ohne einen Kratzer davongekommen. Ein unbekannter Subaru-Combi mit dem Aufkleber «Club Sandwiches not Seals» stand neben ihrem Mercury.

Caroline starrte Hannah an, verwirrt. Entsetzen angesichts ihrer Perversion – ja. Empörung, Angst, Neugier. Aber nicht Gleichgültigkeit. Sie versuchte, sich vorzustellen, wie alt sie war. «Ich komme mir vor, als wäre ich siebzehn, gefangen in einem fünfunddreißigjährigen, zerfallenden Körper.»

Hannah betrachtete Caroline, die ihre Oberarme jeweils mit der anderen Hand umklammerte. Ruhig, still und brav. Witzig und unauffällig. Folgsam und unterhaltsam. Das würden ihre Taktiken sein. Die Aggression und die Wut waren in den Untergrund gegangen, wo sie ein Loch bis nach China sprengen könnten.

«Versuchen Sie es einmal mit elf, fast zwölf.» Sie wußte, sie konnte es sich nicht leisten, Caroline zu sagen, daß sie emotional vermutlich anderthalb Jahre alt war. Allerdings nicht auf den Stufen des Regierungsgebäudes in Concord. Dort war sie dreißig gewesen, durch und durch. Diese beiden Seiten lebten nebeneinanderher. Das Kunststück war jetzt, sie miteinander bekannt zu machen.

Caroline runzelte die Stirn. Elf? Und dafür zahle ich 3 5 Dollar pro Stunde? Was hat diese Bridge spielende Ziege für Vorstellungen? Diese bescheuerten, spießigen Hausfrauen mit ihrem langweiligen kleinen Einbauküchenleben. Caroline kannte sich da sehr gut aus: die Segeljachten auf dem See, die Flirts auf den Cocktailparties, die Aufmerksamkeit, die darauf verschwendet wurde, Blumenschmuck und Tischsets aufeinander abzustimmen, die Kindergruppen, die Chauffeurdienste und die Kaffeekränzchen. Sie hatte das acht Jahre lang mit Jackson in Newton praktiziert. Und das Ergebnis war, daß sie bewegungslos mit dem Gesicht nach unten auf dem feudalen, rosefarbenen Wohnzimmerteppich lag und sich mit dem Gedanken quälte, wie korrupt ein solches Leben sei, wenn gleichzeitig amerikanische Panzer durch den kambodschanischen Dschungel rollten. Jackie und Jason zogen sie an den Haaren, steckten ihr Bauklötze in die Ohren und turnten auf ihr herum, aber sie war zu sehr damit beschäftigt, sich vorzustellen, wie amerikanische Hubschrauber Napalmbomben auf vietnamesische Kinder abwarfen, als daß sie auf ihre eigenen Kinder hätte eingehen können.

«Sind Sie froh, daß Sie gekommen sind?» fragte Hannah mit einem Lächeln. Sie mußte zeigen, wer hier Regie führte, wenn die Show überhaupt zustande kommen sollte. Auf den Stufen des Regierungsgebäudes konnte Caroline bestimmen, wo’s langging, aber hier in diesem Sprechzimmer war das Hannahs Aufgabe. Eine Person, die im Begriff war, einen Sumpf zu erforschen, mußte wissen, daß ihre Kundschafterin in etwa eine Vorstellung hatte, wo die Krokodile versteckt waren, oder sie würde zuviel Angst davor haben, auch nur einen Anfang zu machen.

Hannah merkte, daß sie bald ein Lächeln oder ein Ja aus Caroline herauslocken mußte, oder sie würde nicht wiederkommen. Normalerweise war es ihr gleichgültig, ob die Leute wiederkamen, aber sie empfand Carolines schüchterne Widerspenstigkeit als Herausforderung. Sie wurde dadurch an ihre eigene Einstellung im gleichen Alter erinnert, nach dem Tod der Kinder, als sie die Faust gegen das All erhob und trotzig von ihm eine Sinngebung gefordert hatte. Aber jetzt wußte sie, daß es schlicht nicht nötig war, mit Carolines gegenwärtigem Ausmaß an Elend zu leben.

«Ihre Mutter hat Ihnen erzählt, daß Sie nachts oft geschrien haben?»

«Ja.» Dies war die zusammenhangloseste Unterhaltung, die Caroline je geführt hatte. Wie konnte ihr das helfen, sich besser zu fühlen, wenn sie nicht einmal folgen konnte?

«Es ist Ihnen schon klar, daß das nur die Version Ihrer Mutter ist? Vielleicht haben Sie nur ein paarmal, wie alle Babies, geschrien, aber ihr kam es so vor, als wäre es dauernd, weil sie so beschäftigt und müde und einsam und verängstigt war.» Die Jahre, als ihr eigenes Haus voll mit kleinen Kindern war, erschienen ihr in der Erinnerung wie eine einzige, endlose Nacht voll kindlicher Alpträume, Tränen und Erbrochenem.

Hannah beobachtete, wie sich auf Carolines angespanntem Gesicht der Kampf, die Wahrheit über die eigene Vergangenheit herauszufinden, zeigte. Aber die gab es nicht – es gab nur Carolines persönliche Wahrheit, die sie mit niemandem teilte und die aber trotzdem für sie Geltung hatte.

Auf einmal kam es Caroline so vor, als sei Hannah auf ihrer Seite. Das regte sie auf, denn sie hatten keinerlei Gemeinsamkeiten. Sie konnte nicht einmal Bridge spielen.

«Wie sind Sie auf mich gekommen?» fragte Hannah.

«Sie sind so ziemlich die einzige Therapeutin hier, die ich nicht schon kenne. Und die meisten anderen sind in noch schlechterer Verfassung als ich.»

Hannah lächelte leicht und blickte zur Uhr auf ihrem Schreibtisch. «Und wie finden Sie nun die Vorstellung, mit mir zu arbeiten?»

«Wie finden Sie’s?» Caroline war keinesfalls bereit, als erste Interesse zu bekunden. Eine ihrer frühesten Erinnerungen galt Maureen, dem Hausmädchen aus Galway mit den orangefarbenen Haaren, die sie in ihrem Kinderbett anzischte: «Ich weiß, was du willst, und du kannst es nicht haben.» Caroline wußte nicht mehr, was sie gewollt hatte, aber sie hatte inzwischen gelernt, daß man nicht zeigen sollte, was man will, weil man dann den andern um die Genugtuung bringt, es einem vorzuenthalten. Man hatte sowieso kein Recht, überhaupt irgend etwas zu wollen, wenn man ein Essen auf dem Tisch und ein Dach über dem Kopf hatte, während die Hälfte der Menschheit nicht einmal das hatte.

«Ich fühle mich ganz wohl mit Ihnen», sagte Hannah.

Caroline blickte auf. Langsam löste sie ihre Arme und Beine und ließ die Arme neben sich auf der Tweedcouch ruhen. «Na ja, ich glaube, ich überlege es mir noch einmal und rufe Sie dann an.»

«In Ordnung.» Hannah unterdrückte ein Lächeln. Sie hatte gerade von Carolines Körper ein Ja bekommen, denn ihre gelockerte Körperhaltung drückte jetzt aus: «Meinetwegen, ich probier’s mal, aber es hilft ja doch nichts.»

Hannah erwiderte wortlos: Doch, es hilft. Du weißt es nur noch nicht.

 

Als Caroline aus dem Parkplatz herausfuhr, schob sie eine Kassette aus der Krankenhausbibliothek über die neuesten Entwicklungen in der Verbrennungstherapie in ihren Kassettenrecorder. Der Sonnenuntergang, purpurrote und violette Kleckse, wurde im Lake Glass wie in einem Spiegel reflektiert, weshalb der See ja auch von den Trappern und Holzfällern im 18. Jahrhundert diesen Namen erhalten hatte. Touristen bestaunten diese Sonnenuntergänge, aber Caroline mußte die Augen zusammenkneifen, um auch nur einen mit ansehen zu können. Weil der Himmel so aussah, wie sich ihr Gehirn anfühlte – wund und zerstückelt, ein Stück rohes Fleisch, das mit einem Fleischklopfer platt geschlagen worden ist. So hatte sie sich oft gefühlt. Aber es hatte ja auch genügend Gründe gegeben, sich elend zu fühlen: die Rassenunruhen in Selma und Watts, die Ermordung der vier Studenten in Kent State, und Watergate.

Zu spät bemerkte sie, daß sie das Stopzeichen an der Einfahrt zur Seestraße überfahren hatte. Ein Fahrer, der über die Kreuzung fuhr, hatte scharf gebremst und hupte jetzt laut. Mein Gott, sie würde sich so oder so bald selbst ins Jenseits befördern.

Dieses Therapiezeug war eine einzige Zeitverschwendung, befand Caroline, als sie den See entlang Richtung Süden nach Hause fuhr. Sie war Krankenschwester, sie konnte ihr Leiden selbst diagnostizieren: Sie lebte in einer Irrenanstalt, die sich Erde nannte. Mach was dagegen – dann ginge es ihr besser. Aber was konnte man in dieser grauenhaften Welt überhaupt machen? Sie selbst, ihre Eltern, die meisten ihrer Freunde verbrachten ihr ganzes Leben damit, die blutenden Elendswunden des Patienten Politik zu stillen. Aber immer noch tobten Kriege, herrschten Tyrannen und gedieh Folter.

Sie parkte in der Einfahrt zu dem zweistöckigen Holzhaus, das Diana und Mike, ihr Exmann, aus einem Baukasten riesiger Holzklötze gebastelt hatten, während ihrer Zurück-zur-Natur-Phase. Es paßte sich den Konturen des Hügels genau an, so daß beide Stockwerke ebenerdig waren und eine Aussicht über den See und die Berge hatten. Mike war vor fünf Jahren eines Tages einfach weggegangen, und zwar mit der Begründung, er müsse sich selbst finden. Er folgte seinem Stern nach Ann Arbor, wo er inzwischen ein Herrenbekleidungsgeschäft hatte.

Das Licht der untergehenden Sonne tauchte die Akazie in verschiedene Violettöne. Die aufgequollenen Wolken hinter den gekrümmten Zweigen erinnerten Caroline an die Leichen von Jonestown, die am Abend vorher in den Nachrichten gezeigt worden waren, aufgedunsen von vergifteter Limonade mit Traubengeschmack. Das war die schlimmste Tageszeit für Autounfälle und Gewalt in der Familie. Auf der Unfallstation herrschte vom Sonnenuntergang bis zum Einbruch der Dunkelheit Chaos.

Als sie die Treppen hinaufging, blieb sie abrupt stehen. Auf dem Treppenabsatz lag ein zerfetztes Bündel. Kindermord? Ein Packen mit Zeitungen von den letzten zwei Wochen? Sie versuchte, das Bündel zu untersuchen, ohne es zu berühren. Ein riesiger Vogel. Mit der Stiefelspitze drehte sie ihn um. Es war eine Kanadagans, die weiße Brust braun vom vertrockneten Blut einer Schußwunde. Sie atemte tief ein. Ihr Verhältnis zur Natur war schon immer problematisch gewesen. Ein kranker Waschbär war einmal hier aus dem Wald gekrochen gekommen, um vor ihren Füßen zu verenden. An einem Nachmittag las sie einen jungen Hund auf, der die Straße entlanghinkte, und brachte ihn zum Tierarzt, der ihr mitteilte, es handle sich um einen tollwütigen Fuchs. Schlangen verschluckten direkt neben ihr Kröten, wenn sie im Sommer im Gras lag. Eulen stürzten sich von Bäumen herab auf weghuschende Feldmäuse, wenn sie im Winter Ski lief. Im Frühling sprangen Wildkatzen auf kreischende junge Vögel, direkt unter ihrem offenen Fenster. Sie gab sich Mühe, es nicht persönlich zu nehmen.

Sie zog einen Handschuh aus und legte ihre Hand auf die Federn. Der Vogel fühlte sich kalt an. Sie hob ihn am Flügel hoch und schleppte ihn von der Treppe auf den Boden, weil sie zu müde war, um sich in der Dämmerung damit zu beschäftigen. Als sie ihre Stiefel am Türvorleger abstreifte, rief Diana, sie solle doch hereinkommen.

«Wußtest du, daß vor der Tür eine tote Gans liegt?»

Diana blickte auf. Sie saß auf dem Sofa und strickte einen dunkelgrünen Rollkragenpullover für Sharon. Sie trug noch ihre weiße Uniform, Hosen und Bluse, und sie sah erschöpft und zerknittert aus. Ihre lockigen roten Haare sahen noch zerwühlter aus als sonst, und unter ihren grünen Augen hatte sie dunkle Ringe. Gut. Vielleicht fiel es ihr auch schwer, allein zu schlafen.

«Ehrlich», sagte Caroline. Sie stand in der Tür und stützte sich mit der Hand gegen den Türrahmen.

«Wie denn das?» Diana ließ die Hände in den Schoß sinken.

«Keine Ahnung. Sie hat eine Schußwunde in der Brust. Ich nehme an, sie ist einfach vom Himmel heruntergefallen.»

«Scheußlich. Meinst du, das hat was zu bedeuten?»

«Flieg nicht zu nah an einem Jäger vorbei», sagte Caroline.

Diana lächelte. «Komm rein. Setz dich hin. Möchtest du einen Schluck Wein?»

Caroline zögerte und überlegte, ob sie nach unten in ihre eigene Wohnung gehen sollte. Es war nicht leicht herauszufinden, was zur Zeit zwischen ihnen erlaubt war. Ihre Beziehung hatte damit angefangen, daß sie an der Schwesternschule eng befreundet waren, dann waren sie Brieffreundinnen, während sie als die kleinen Frauen den großen Männern dienten; die nächste Stufe war, daß sie im selben Haus wohnten, und dann lebten sie als Paar zusammen – und was jetzt? Während der letzten Wochen hatte sie das Gefühl gehabt, in einem Erdbebengebiet zu leben. Eins war sicher: den ganzen Tag zusammen zu arbeiten und die ganze Nacht zusammen zu schlafen, das war zuviel des Zusammenseins gewesen. Vor allem für zwei Krankenschwestern. Sie stritten sich dauernd darum, wer den Kaffee ans Bett bringen durfte, wer während irgendwelcher Parties auf die Kinder aufpassen durfte, wer sich nachts um ein kotzendes Kind kümmern durfte. Die heilige Johanna hätte sie beide vertreiben müssen, um auf ihrem eigenen, schwer erkämpften Scheiterhaufen sterben zu können. Jesus Christus hätte sich auf Golgatha ohne Kreuz wiedergefunden: Eine von ihnen hätte seinen Platz eingenommen, während die andere seine Wunden versorgte.

Ihre Beziehung funktionierte nicht, zu dem Schluß waren sie schließlich gekommen, denn sie hatten beide das gleiche starke Bedürfnis, gebraucht zu werden. In Beziehungen mit Männern hatten sie sich beide nach Herzenslust ausbeuten lassen. Aber miteinander war das Leben ein konstanter Kampf, die andere an Fürsorge zu übertreffen. Das Haus füllte sich mit Glückwunschkarten. Auf den Tischen verwelkten dauernd irgendwelche Blumensträuße. Sie nahmen beide zehn Pfund zu, wegen der Süßigkeiten und Kuchen, die die andere jeweils nach Hause brachte und die pflichtgemäß verdrückt wurden, um der Spenderin eine Freude zu bereiten. Wenn sie sich liebten, wartete jede auf den Orgasmus der anderen, bis sie schließlich beide völlig das Interesse verloren. Sie stritten sich, wer das verkohlteste Toastbrot essen und wer als zweite duschen durfte, wenn das Wasser nur noch lauwarm war. Sie hätten sich darum gestritten, wer als letzte die Titanic oder als erste die Arche Noah verlassen durfte. Schließlich sahen sie sich gezwungen, das Problem anzugehen: Was ließ sich mit zwei Menschen machen, bei denen Rücksichtnahme zur Krankheit geworden war? Diana glaubte, zum Heilungsprozeß gehöre, daß sie lernen müßten, nicht mehr dauernd etwas füreinander zu tun, wozu auch gehörte, sich nicht mehr die Nacht hindurch in den Armen zu halten.

«Na, wie war’s?» fragte Diana und reichte ihr ein Glas Weißwein.

«Sie ist ganz nett, aber ich gehe nicht wieder hin.»

Diana legte einen Arm um sie. «Ich habe dich noch nie so entschieden erlebt. Siehst du, was so ein bißchen Therapie alles bewirkt?»

Sie standen da, hatten den Arm umeinander gelegt und schauten aus dem großen Fenster über die Akazien hinweg zu dem Gebirgszug auf der anderen Seite des Sees. Seine wellenähnlichen Formen glichen einem weiblichen Torso. Früher hatte dieser Anblick schon ausgereicht, wilde Liebesszenen auf dem beigefarbigen Hirtenteppich auszulösen. Caroline stützte ihr Kinn auf Dianas Kopf. Schwer zu glauben, daß eine so kleine Person derart überwältigende Gefühle auslösen konnte. Aber für Napoleon waren Tausende selbstverständlich in den Tod gegangen. Sie merkte, daß sie Dianas große Brüste betrachtete, die sich unter ihrer Uniform abzeichneten. Das war jetzt verbotenes Terrain. Wie sollte jemand eine solche Umstellung von einem Tag zum andern fertigbringen?

«Weißt du was», sagte Caroline, «mir gefällt diese Enthaltsamkeit ganz gut. Das einzige, was mir daran nicht gefallt, ist die Tatsache, daß es keinen Sex gibt.»

Diana lachte. Sie hatte gesagt, sie hoffe, Caroline würde Geduld mit ihr haben. Vielleicht würde sie ja darüber hinwegkommen. Oder auch nicht. In der Zwischenzeit sollten sie auf ihre langjährige Freundschaft zurückgreifen, das Sicherheitsnetz bei einem komplizierten Balanceakt. Caroline hatte geantwortet: «Ja, natürlich können wir immer noch Freundinnen sein. Nicht gute Freundinnen, aber immerhin Freundinnen.»

«Wie ist sie?»

«Wer?» Caroline unterdrückte das Bedürfnis, den Wein über Dianas rote Locken zu kippen.

«Hannah Burke.»

«Klug. Nett. Aber bieder.» Caroline betrachtete den Wandbehang über dem Sofa, den sie vor einigen Jahren für Diana gewoben hatte. Der Garten Eden, beide Figuren waren Frauen, beide lächelnd und Äpfel essend.

«Was heißt das?»

«Auf Sicherheit und Bequemlichkeit ausgerichtet. Keine politische Analyse. Schirmt sich gegen die Wirklichkeit ab.» Caroline ließ sich neben Diana aufs Sofa fallen und schüttete sich dabei Wein auf die Hand.

«Na ja, du bestehst ja auch immer darauf, dem ganzen Horror direkt ins Auge zu blicken. Manchmal wollte ich, du würdest dir einfach die Augen ausstechen und dich ein bißchen amüsieren.»

Diana war davon überzeugt, daß Caroline ihre Depressionen genoß und als Zeichen einer höherentwickelten Wahrnehmungsfähigkeit ansah. Caroline konnte das nicht ganz leugnen. «Mit dir als Blindenführerin?» fragte Caroline und trocknete den verschütteten Wein von ihren Jeans ab.

«Genau.»

«Du weißt ja, ich wäre lieber deine Blindenführerin.»

«Ich glaube, wir haben das schon mal durchgespielt», sagte Diana. Ihr Grinsen glich der Grimasse einer Patientin, die gerade eine Spritze bekommt.

«Bis zum Erbrechen. Ach, übrigens – ich habe es ihr gleich gesagt.»

«Das ging ja schnell. Wie hat sie reagiert?»

«Es schien sie nicht besonders zu interessieren.»

«Wie enttäuschend.»

«Ja, allerdings.»

Diana stand auf. «Möchtest du einen Teller Suppe?»

«Kommt nicht in Frage. Du bemutterst mich nicht.»

«Ein Versuch lohnt sich immer.» Sie setzte sich wieder hin und griff nach ihrem Strickzeug.

Caroline schüttelte ihren dunkelblauen Parka ab und rutschte auf den Knien an Dianas Spinnrad vorbei, einem Überbleibsel aus den mühseligen Tagen mit Mike, als sie Schafe gehalten und ihre eigene Wolle hergestellt hatte. Caroline stellte den Fernseher an: Walter Cronkite, der Nachrichtensprecher, war dabei, das Leben von Jim Jones zu rekonstruieren. Seine Jünger nannten ihn Daddy. Während sie zum Sofa zurückkroch, erfuhr sie, daß die wichtigste Industrie in seiner Heimatstadt in Indiana Sargschreinerei war.

«Was ich nicht begreife», sagte Caroline und ließ sich aufs Sofa zurücksinken, während auf dem Fernsehschirm eine Gebißträgerin den peinlichsten Moment ihres Lebens beschrieb, «warum das alles so ein schlimmes Ende genommen hat, wo doch Jones so voll guter Absichten war.»

«Es ist wie bei Arnold», sagte Diana und kratzte sich mit der Stricknadel am Rücken. Arnold, der junge Hund, hatte Schwierigkeiten, das Prinzip der Stubenreinheit zu verstehen. «Seine Absichten schossen über das Ziel hinaus.»

Lächelnd gab Caroline Diana einen schnellen Kuß neben den Mund, ging zur Treppe und ließ Diana zurück, deren Hand mitten im Stricken einer Masche angesichts dieses abrupten Abgangs vor Verblüffung erstarrte.

Caroline schaltete die Lampe auf ihrem Nachttisch an und blickte sich im Zimmer um. Ihr Webstuhl stand in der Ecke neben einem großen Panoramafenster mit Aussicht auf Lake Glass. Außenwände aus verfugten Holzbalken, die Innenwände mit Pinienholz verkleidet. Die Räume hier unten sollten die sechs Kinder beherbergen, die Diana und Mike geplant hatten. Diana und Caroline hatten ein paar Wände eingerissen und die Zimmer in eine Wohnung für Caroline, Jackie und Jason verwandelt.

Caroline zog ihr Lanz-Nachthemd aus der Kiefernholzkommode und studierte die gerahmte Collage obszöner französischer Postkarten, die Diana für sie gemacht hatte und die an der Holzverkleidung über der Kommode hing. Ihr gutgelauntes Auftreten rutschte weg wie eine schlechtsitzende Perücke. Miss Ausgeglichenheit hinter der Bühne. Es war anstrengend, sich bei Sachen kooperativ zu verhalten, die ihr überhaupt nicht einleuchten wollten, wie zum Beispiel Therapie und Enthaltsamkeit. Aber es war nun einmal ihre Rolle, anderen zu helfen, damit es ihnen besser ging. Ihre Eltern kamen immer von ihrer Wohltätigkeitsarbeit erschöpft zum Essen nach Hause, und sie erzählte ihnen dann alle neuen Witze, die ihr einfielen, gleichgültig, in welcher Stimmung sie selbst vorher gewesen war. Es hatte sich gelohnt, zu beobachten, wie sie zuerst zögernd lächelten und dann lachten. Genauso befriedigend, wie zu sehen, daß die Farbe ins Gesicht der Patienten zurückkehrt, wenn sie beatmet werden.

In ihrer Wohnung war es ungewöhnlich still, weil Arnold, Jackie und Jason bei Freunden übernachteten. Das einzige, was sie hören konnte, war das Brummen des Kühlschranks und wie Diana oben Wasser in die Badewanne einlaufen ließ. Sie stellte sich Diana in der Badewanne vor, den Kopf zurückgelehnt, die Augen geschlossen, ein leises Lächeln auf den Lippen. Das Wasser stieg langsam über ihre sommersprossige Haut, die sich so glatt wie Seide anfühlte. Sie hatten oft gemeinsam gebadet, Kopf und Rücken der einen auf Brust und Bauch der anderen. Sie nahm die Goldkette mit der Seemöwe aus Elfenbein vom Hals. An einem Nachmittag letztes Frühjahr hatten Diana und sie im dichten Gras gesessen, hatten sich an der Hand gehalten und beobachtet, wie Hunderte von Möwen sich auf dem frischgedüngten Feld des benachbarten Bauern niederließen, um in Würmern und Insekten zu schwelgen. Sie hatten gemeinsam die verschiedenen Gruppierungen zu rivalisierenden Uni-Verbindungen für Frauen erklärt und sich krankgelacht über die Intrigengeschichten, die sie sich dazu ausdachten. Am nächsten Tag kam dann Diana mit der Elfenbeinmöwe aus der Stadt.

Während sie ihr kariertes Hemd aufhängte, blickte Caroline auf die Versammlung von Pillenflaschen hinten im Schrankfach. Sie schob einen Stapel Pullover, die Diana für sie gestrickt hatte, davor.

Sie ging in das dunkle Wohnzimmer, stolperte über einen Hockeyschläger und stieß mit der Zehe gegen ein Bein des zusammenklappbaren Eßtisches. Sie brauchte keinen Kalender: Sie merkte an der Sportausrüstung, welche Jahreszeit sie gerade hatten. Letzten Monat waren Fußbälle und Stollenschuhe dran gewesen. Zur Zeit schnitt sie sich an Schlittschuhkufen. Schon bald würde sie Baseballschlägern und Catchermasken aus dem Weg gehen müssen. Sie zog das Videospiel der Jungen aus dem Fernseher und trug den Apparat ins Schlafzimmer. Dann häufte sie Kissen aufeinander und kroch unter die riesige afghanische Decke aus goldener und brauner Wolle, die Diana für sie gestrickt hatte. Während sie in kleinen Schlucken ihren Kaffee trank, schaute sie sich einen Film über zwei Karrieremädchen an, die in New York ihr Glück versuchten. Sie merkte, daß sie den Film schon einmal gesehen hatte. Die Gutaussehende bekam Jimmy Stewart, und die andere wurde zur Redakteurin befördert. Wenn die Mädchen doch nur einmal einander kriegen würden. Aber das war vermutlich zuviel verlangt von Twentieth Century Fox. Hatte David Michael nicht einmal gesagt, daß die einem Konzern gehörten, der auch Babynahrung auf den Markt brachte? Sie schaltete um auf einen Dokumentarfilm über die Dürre in der Subsahara. Ihr Bruder Howard war gerade mit einer internationalen Hilfsorganisation im Tschad. Howard war ein schmächtiger kleiner Junge gewesen. Es leuchtete ein, daß er ein Kämpfer gegen den Hunger geworden war. Sie schaute sich die kleinen Kinder mit ihren aufgedunsenen Bäuchen und ihren fliegenbedeckten Lippen und Augen an, bis sie es nicht mehr aushalten konnte. Dann stellte sie den Apparat ab und schlief ein.

Sie träumte, sie liege in einem fauligen Sumpf, umgeben von giftigen Schlangen, ihre Augen und Lippen mit Insekten bedeckt, die halb Bienen und halb Blutegel waren. Sie klebten an ihr und stachen sie ununterbrochen. Durch die verschlungenen Rebstöcke und verfilzten Bäume tauchte Jim Jones auf, in seiner roten Robe und mit seiner Sonnenbrille. Er hatte eine Spritze in der Hand und einen Krug mit Traubenlimonade. Als sie zu entkommen versuchte, gab er ihr eine Spritze. Hannah Burke tauchte auf. Sie schickte Jones weg. Dann entfernte sie systematisch die Insekten von Carolines Gesicht.

Caroline setze sich auf, ihre Haut brannte, ihre Haare waren schweißnaß. Das Laken war zerwühlt und feucht. Auf dem Wecker war es drei Uhr morgens. Sie atmete ein paarmal tief durch, entschlossen, nicht zu Diana hinaufzulaufen. Sie stand auf und machte sich einen Kamillentee. Während sie den Tee im Bett trank, überlegte sie sich Punkt für Punkt, in welcher Hinsicht sie diese Woche versagt hatte. Sie hatte die Jungen angeschrien, weil sie ihre ganzen Kleider mit Herbstblättern beklebt hatten, als Tarnung bei ihren Kriegsspielen; sie hatten den Mixer nach Arnold geworfen, weil er auf den Eßtisch geklettert war und mit dem Schweinebraten davonraste; sie hatte ihre Autoschlüssel verloren, so daß Diana ihren Wagen nicht herausfahren konnte, um mit Suzanne essen zu gehen, der neuen jungen Schwester von der Kinderstation, die Diana immer mit geistloser Bewunderung anglotzte. Caroline war kein netter Mensch. Sie war egoistisch, ungeduldig und eifersüchtig. Sie war eine schlechte Mutter, eine noch schlechtere Freundin und eine hoffnungslose Geliebte.

Zitternd vor Kälte stellte sie die Heizdecke an. Gemeinsam hatten sie und Diana so viel Wärme produziert, daß sie diese Decke nie gebraucht hatten. Aber in den letzten Wochen war sie dauernd in Betrieb gewesen.

Das Haus war still ohne das Murmeln, Seufzen und Herumwälzen der schlafenden Jungen, ohne das Knurren und Zucken des träumenden jungen Hundes. In nicht allzu ferner Zukunft würden sie für immer weggehen. Jackie und Jason, Diana – sie würden verschwinden, genau wie Arlene und Jackson und David Michael, sie würden sie hier allein lassen, Nacht für Nacht, während sich draußen vor den Fenstern der Schnee auftürmte und sie in einem eisigen Kokon begrub. Ihr Magen verkrampfte sich. Aber war sie jemals etwas anderes gewesen als allein? Sie mußte das schon als Baby gewußt haben. Vermutlich war das der Grund, weshalb sie nachts geschrien hatte. Seither hatte sie sich für einige trügerische Augenblicke der Gemeinsamkeit mit Menschen zusammengetan, um sie dann wieder verschwinden zu sehen, wie die Bilder im Kino, wenn das Licht wieder angeht.

Der Himmel hinter dem Fenster war schwarz, aber sie war hellwach. Sie stand auf, zog ihren Morgenmantel und ihre Hausschuhe an und setzte sich an den Webstuhl in der Ecke, an dem sie Sets in verschiedenen Braun- und Schwarztönen webte. Seit sie in Jacksons Haus in Newton angefangen hatte zu weben, verkauften sich ihre Servietten, Sets und Tischtücher immer am besten. Sie hatte schon so viele gemacht, daß sie ihr zum Hals heraushingen, aber sie wußte nicht, was sie sonst weben sollte. Nachts konnte sie nur weben, wenn die Jungen nicht da waren, weil das Geräusch des Schlagstocks sie aufweckte. Aber Weben war das einzige, womit sie ihre Verzweiflung überwinden konnte. Wenn ihre Füße und Hände schließlich den hypnotischen Rhythmus gefunden hatten, dann hatte sie keine Zeit und keine Gedanken mehr für ihr eigenes Elend. Sie hatte immer heimlich gewoben, als würde sie sich davonschleichen, um etwas Unanständiges zu tun, denn es schien unverantwortlich, in einer Welt des kollektiven Leidens einem Privatvergnügen nachzugehen.

Sie dachte über die bizarren klebrigen und stechenden Insekten in ihrem Traum nach. Hannah Burke hatte ihr geholfen, sie zu entfernen. Aber es war nur ein Traum. Hatte es wirklich einen Sinn, noch einen Termin auszumachen? Was konnte Hannah an der Lage der Menschheit ändern? Du beißt die Zähne zusammen und machst das Beste daraus. Oder du trittst ab. Sie dachte an die Pillenflaschen hinter den Pullovern. Aus den Augen vielleicht, aber nicht aus dem Sinn.

Grimmig bediente sie das Pedal des Webstuhls und warf das Weberschiffchen zwischen den Kettfäden hin und her.

2

Hannah fuhr durch die Stadt, an den Wasserfällen und an den umgestalteten Fabriken vorbei, in denen jetzt schicke Geschäfte und Boutiquen, Restaurants, ein Fitness-Zentrum, Eigentumswohnungen und Büros untergebracht waren. Lake Glass war als Handelsstation der Pelzhändler und Holzfäller entstanden. Aber der Transport den See hinunter hatte sich als zu aufwendig herausgestellt, deswegen waren Fabriken gebaut worden, um die Pelze und das Holz an Ort und Stelle zu verarbeiten – eine Gerberei, eine Schuhfabrik, eine Möbelfabrik. Als die Fabriken durch billigere Arbeitskräfte nach Süden gelockt wurden, bekam die Stadt eine neue Funktion als Sommererholungsort für die reichen Bostoner, die es auf Grund der Entlegenheit und der Schönheit des Sees nach Norden zog. Als Hannah und Arthur vor 3 5 Jahren hierhergekommen waren, war es eine verschlafene, heruntergekommene Stadt, voller verfallener Fabrikgebäude und verlassener Sommerhäuser. Nach London kam sich Hannah hier vor, als sei sie im Exil in Patagonien. In ihrer gegenwärtigen Phase beherbergte die Stadt Touristen und Skifahrer, und es hatten sich auch ein paar Elektronikfirmen hier angesiedelt. Aus einem kleinen Privatcollege war eine Universität geworden. In den Straßen wimmelte es von gutgekleideten Fremden, die Restaurants waren voll mit exotischen Delikatessen: Falafel und Knishes, Burritos und Sushi. In gewisser Weise waren Hannah die guten toten Patagonienzeiten lieber gewesen.

Sie fuhr Richtung Norden, an den Farmhäusern der Elektronikmanager vorbei, und beobachtete, wie der Himmel sein Zeitlupen-Feuerwerk veranstaltete. Die Farben erschienen und verschwanden so langsam, daß jede Konstellation von Dauer zu sein schien. Aber wenn sie an den Straßenrand führe und ein kurzes Schläfchen hielte, dann würde sie aufwachen, und es wäre stockfinster. Sonnenuntergänge ärgerten sie. Seit zwanzig Jahren fuhr sie diese Strecke zweimal am Tag, seit Monas und Nigels Tod. Nachdem sie dreitausend Stunden lang Sonnenuntergänge betrachtet hatte, hatte sie entdeckt, daß es sich um leere Spielereien handelte. Diese ganze Aufregung, und am Schluß blieb nichts davon übrig. Viel Lärm um nichts.

Als sie in die Seestraße einbog, fiel ihr ein, daß ihr Blinklicht hinten links kaputt war. Wie hieß diese neue Klientin noch mal? Warum fiel es ihr so schwer, Namen zu behalten, wo sie doch mühelos jeweils zwei Dutzend Lebensgeschichten auseinanderhalten konnte? Bei einer Party im Büro neulich wollte sie Mary Beth, der neuen jungen Therapeutin, Arthur vorstellen, und ihr fiel Arthurs Name nicht ein. Er schaute sie sehr erstaunt an. Sie kannte ihn erst seit achtunddreißig Jahren.

Caroline, das war’s. Genau. Sie versuchte sich vorzustellen, wie es für ein Kind war, in eine vom Krieg geprägte Welt hineingeboren zu werden. Wenn du schon nicht deine Eltern mit deinem Erscheinen entzücken konntest, dann konnte es wenigstens deine Schuld sein, daß Vati wegging und Mutti außer sich war. Und von da an trägst du dann immer ein gewisses unbestimmtes Gefühl mit dir herum, du seist für alle Katastrophen verantwortlich. Und wenn du keine fertigen Katastrophen vorfindest, derentwegen du dich schuldig fühlen kannst, dann schusterst du dir eben deine eigenen zusammen.

Ihr Sohn Simon saß im gleichen Boot. Colin, sein Vater, ging weg, um in Belgien zu kämpfen, als Simon noch nicht ganz ein Jahr alt war, und er kam nie zurück. Simon war ein zerbrechliches, ängstliches Kind gewesen, und jetzt war er ein tyrannischer Erwachsener, der seine staatliche Wohnungsbehörde wie eine Strafanstalt leitete. Die Blumenkinder. Eine ganze Generation, die während ihrer Kindheit für Verlust und Schrecken sensibilisiert worden war und die als Erwachsene auf der Straße ihre Empörung im Namen der Mittellosen auslebte, die eigentlich sie selbst waren. Man mußte nicht von einem Panzer überfahren werden, um zu den Kriegsgeschädigten zu gehören.

Während sie den wilden Sonnenuntergang betrachtete, dachte sie an den Sonnenuntergang, den sie mit Arthur in Hampstead Heath beobachtet hatte, nicht lange bevor Carolines Vater sich im südlichen Pazifik abkämpfte. London, in Blutrot getaucht, erstreckte sich vor ihnen bis hin zur Themse. Arthur arbeitete für das amerikanische Kriegsministerium und verhandelte über Rüstungslieferungen, die das ersetzen sollten, was die Engländer in Dünkirchen zurückgelassen hatten. Sie hatte ihn ein paar Wochen zuvor bei einem diplomatischen Empfang kennengelernt, zu dem ihre Großmutter sie geschleppt hatte, um sie in ihrem traurigen Kriegerwitwenschicksal etwas aufzuheitern. Was sie als erstes bemerkte, waren seine regelmäßigen weißen Zähne, an denen er sofort als Amerikaner zu erkennen war, selbst wenn er keine Uniform angehabt hätte. Seine breite Aussprache war ebenfalls amerikanisch, obwohl sie damals noch nicht den neuenglischen Akzent ausmachen konnte.

Sie und Arthur saßen im Gras auf einem Hügel, beide in seinen olivgrünen Armeemantel eingehüllt. Fettiges Zeitungspapier, in das Fish and Chips eingewickelt gewesen war, raschelte im Herbstwind. Dann wurde es dunkel, und die Luftwaffe kam und lud massenhaft Feuerwerkskörper ab. Grimmig schweigend sahen sie zu, wie Teile von London und ausgewählte Londoner in Stücke zerfetzt und von den Flammen aufgefressen wurden. Dann gingen sie Hand in Hand an dem verlassenen Rummelplatz vorbei, das Vale of Heath hinunter; ihre Füße schlurften durch Haufen von feuchten Blättern. Sie hatte Arthurs Mantel an, die Ärmel umgekrempelt – ein bißchen wie Charlie Chaplin.

«Im 14. Jahrhundert sind die Leute aus London hierher geflüchtet, um der Pest zu entkommen», verkündete sie, um der Anweisung ihrer Großmutter, sie solle «Arthur London zeigen», nachzukommen. Seine amerikanischen Umgangsformen waren völlig anders als Colins Londoner East End-Manieren. Er fragte sie nach ihrer Meinung und wartete ihre Antworten ab.

«Ich habe den Eindruck, daß sich im Lauf der Jahrhunderte nicht allzuviel verändert.»

«Vermutlich nicht.» Sie kämpfte mit sich selbst, ob sie «nachgeben» sollte oder nicht. Es war eigentlich ein sehr kurzer Kampf. Colin vermoderte in einem Grab irgendwo an der Maas. Ihre Großmutter war mit Simon in Somerset. Fast ganz London hatte sich in die U-Bahnhöfe verkrochen. Sie wußte damals noch nicht, daß Arthur in Amerika eine Frau hatte. Und sie waren beide nicht sicher, ob sie den kommenden Tag überhaupt erleben würden, um die Ereignisse dieser Nacht zu bereuen. In einer verrückt gewordenen Welt war die hautnahe Berührung zweier Körper, verschwitzt und beharrlich lebendig, das einzige, was überhaupt noch sinnvoll erschien.

Als sie zu dem Klinkerhaus ihrer Großmutter am Rande der Heath kamen, ringsum von verlassenen Häusern umgeben, fragte Arthur: «Wie kommt es, daß du nicht abgehauen bist wie alle deine Nachbarn?»

Sie schaute ihn an; er war groß und verläßlich in seiner amerikanischen Uniform. Er würde für sie sorgen, wie ihr Vater und Colin in ihren britischen Uniformen es nicht getan hatten. «Weil ich gehofft habe», sagte sie und senkte den Blick, «wenn ich hier bleibe, dann würdest du vielleicht mit mir ins Bett gehen.»

Seine sanften braunen Augen blickten beunruhigt, aber ein schiefes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, und er murmelte: «Ganz schön mutig.»

Sie gingen ins Haus, zogen die Verdunklung herunter und liebten sich bei Kerzenlicht auf dem viktorianischen Mahagonibett aus ihrer Mädchenzeit.

 

Sie parkte ihren Mercury in der Einfahrt. Während sie zu dem umgebauten gelben viktorianischen Sommerhaus hinaufging, überlegte sie zum hundertstenmal, ob sie und Arthur nicht in ein kleineres Haus ziehen sollten. Als Simon und Joanna endlich ihre eigenen Wohnungen in der Stadt hatten, da hatten Arthur und sie die Hälfte der Zimmer verschlossen, um Heizkosten zu sparen. Es war sinnlos, immer noch Steuern für Schlafzimmer und ein Spielzimmer von Kindern zu zahlen, die es längst nicht mehr gab. Aber mit diesem Haus waren Erinnerungen verbunden. Die versteckte, von Birken umgebene Wiese, auf der an einem heißen Nachmittag im Mai Nigel empfangen worden war. Die riesigen, gekrümmten Zedern auf den Klippen oberhalb des Sees, die die Kinder als Setzlinge gepflanzt hatten. Die Felshöhlen, wo sich die Kinder versteckten, um Zigaretten zu rauchen, die sie aus ihrer Handtasche geklaut hatten. Die Marsch, wo sie wilde Schlammschlachten veranstalteten. Die Erinnerungen und ein paar Fotos, das war so gut wie alles, was sie von Mona und Nigel noch hatte. Arthur und sie hatten oft davon geredet, sie sollten umziehen, um nicht dauernd an diese schreckliche Nacht erinnert zu werden. Aber sie wurde sowieso dauernd daran erinnert. Und sie kam schließlich zu dem Schluß, daß das Grauen durch die Erinnerungen aufgewogen wurde. Also blieben sie und Arthur da, und die Hälfte des Hauses stand leer und unbenützt, das Phantomglied eines Amputierten.

Arthur nahm ihren Martini von der Kühltruhe, als sie hereinkam, und reichte ihn ihr, nachdem sie ihren London-Fog-Mantel aufgehängt hatte. «Wie war’s heute?»

«Ganz gut, danke.» Sie entspannte sich in seiner Umarmung. Es war angenehm, immer noch umarmt zu werden, auch wenn ihre Antwort auf eine unvermeidbare Nachfrage nicht »ganz furchtbar» lautete. Als sie sich in dem Wohnzimmer mit der hohen Decke auf das braune Ledersofa setzten, um das Finale des Sonnenuntergangs anzusehen, zündete sie sich mit Streichhölzern von Ron’s Steakhouse in Kansas City eine Zigarette an. Sie betrachtete die Streichholzschachtel, auf der ein Stierkopf mit einem breiten Lächeln und einem blinzelnden Auge abgebildet war. Ein charmanter junger Kollege hatte sie benutzt, um ihr beim Abendessen während einer Konferenz letzten Monat eine Zigarette anzuzünden, kurz bevor er sie fragte, ob sie mit ihm schlafen wolle. Sie war überrascht gewesen und hatte sich geschmeichelt gefühlt. Sie hatte nicht mehr allzuoft diese Wirkung auf junge Männer, die nicht ihre Klienten waren, jetzt, da sie in den Jahren intensiver Instandhaltung war: Zähne, Augen, Lungen und Magen gaben warnende Hinweise auf den unvermeidlichen Zusammenbruch.

Auf Grund der drei Martinis, die sie gerade getrunken hatte, dachte sie einen Moment lang ernsthaft über dieses Angebot nach. Dann nahm sie sich zusammen und sagte: «Wenn mein Leben anders wäre, Charles, dann würde ich sofort ja sagen. Aber da dem nicht so ist, akzeptieren Sie bitte meinen Dank und mein aufrichtiges Bedauern.» Wenn sie Komplikationen in ihr Leben bringen wollte, dann gab es dafür bessere Methoden als eine Affäre mit einem verheirateten Mann aus Toledo.

«Und grüßen Sie bitte Ihre Eltern von mir?» fügte Charles hinzu.

«Genau.» Hannah lächelte und spielte mit der Zigarette im Aschenbecher.

«Aber sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gefragt.»

«Nein, das werde ich nicht, Charles.»

 

«Ich dachte, du wolltest aufhören», sagte Arthur, als sie einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette nahm.

«Wollte ich wahrscheinlich auch. Ich höre die ganze Zeit auf.»

«Das merkt man.»

«Ich hatte heute eine neue Klientin, deren Vater in japanischer Kriegsgefangenschaft war. Deshalb mußte ich auf dem Heimweg an die Nacht in der Heath denken.»

Arthur lächelte. Hannah liebte sein schiefes Lächeln, die Falten um seine Augen, die mit jedem Jahrzehnt unauslöschlicher wurden. Mehr Falten, weniger Haare. Ansonsten war er noch so ziemlich derselbe wie vor all den Jahren in der Heath, als sie zum erstenmal eine solche Leidenschaft für ihn empfunden hatte. Er hatte immer noch sämtliche seiner Colgate-weißen amerikanischen Zähne. Aber als sie jünger – und dümmer – war, kam ihr seine Verläßlichkeit manchmal langweilig vor. Aufregung bestand in diesen schlechten alten Tagen darin, daß sie auf Parties in den Wohnzimmern anderer Leute hinter Männern her war, mit denen sie so rücksichtsvoll umging wie Colin und ihr Vater mit ihr. Aber als Mona und Nigel starben, war es Arthurs Beständigkeit, die ihr da durchhalf – und damals hatte sie auch angefangen, das Standhalten als eine Tugend anzusehen, eine Tugend, die Arthur selbst nur langsam und nicht ohne Schmerzen entwickelt hatte, in seinem privaten Kampf darum, zu akzeptieren, daß er eine Familie verlassen hatte, um mit ihr eine neue zu gründen.

«Eins führt zum andern.» Er trank einen kleinen Schluck von seinem Gin.

«Hast du damals an die Konsequenzen gedacht?»

«Bist du verrückt? Während rund um mich Bomben einschlagen? Man müßte völlig übergeschnappt sein, um zu einem solchen Zeitpunkt eine wunderbare Frau, die an deinem Wintermantel herumfummelt, zurückzuweisen.» Er streichelte mit dem Handrücken ihre Wange.

«Ich soll herumgefummelt haben?»

«Na ja, es war jedenfalls nicht meine Idee. Schließlich war ich verheiratet.» Er legte seinen Arm um ihre Schultern.

«Du hast dir nicht die Mühe gemacht, mir das zu erzählen.»

«Hätte das etwas geändert?»

«Vermutlich», antwortete sie spröde.