Eine Entscheidung aus Verzweiflung - Ruthmarie Goerke-Matthysse - E-Book

Eine Entscheidung aus Verzweiflung E-Book

Ruthmarie Goerke-Matthysse

0,0

Beschreibung

Ruthmarie Goerke-Mathysse, die heute als 90Jährige in Florida lebt, stammt aus einer ostpreußischen Familie. Sie erzählt hier ihre Lebensgeschichte. Diese beginnt damit, wie ihr Vater, der als Kommunist in Berlin von den Nazis mehrfach drangsaliert wurde, den Versuch unternimmt, mit Frau und vier Kindern 1937 aus Deutschland zu entkommen. Die unerwartet lange, harte Flucht führt durch Osteuropa, den Vorderen Orient und über Afrika bis nach Venezuela. Ruthmarie, die schon während der Flucht mit ihrer Sprachbegabung der Familie als Dolmetscherin von großem Nutzen ist, hat dadurch auch in Venezuela die besten Startmöglichkeiten. Später lernt sie ihren Mann kennen, einen Amerikaner, der als Kaufmann in Venezuela tätig ist, und sie bekommen drei Kinder. Nach 55 Jahren in Venezuela zieht sie als Witwe mit ihrer Tochter nach Florida, weil auch die anderen Kinder mit ihren Familien unterdessen in den Staaten leben.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 449

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Ich widme dieses Buch meinen drei geliebten Kindern, meinen Enkeln und Urenkeln.

DANKSAGUNG

Ein ganz besonderer Dank gilt meiner Schwester Luschi für ihre unschätzbare Hilfe, die sie mir so bereitwillig gab, und für das Ausleihen ihrer Tagebücher. Ich war zu jung, um mich an viele Details erinnern zu können.

Mein aufrichtiger Dank gilt auch allen, die mich ermutigten und unterstützten: meiner Tochter Ruthann, die niemals meine Fähigkeit anzweifelte, dieses Buch zustande zu bringen, meinen Verwandten und Freunden, die mich drängten, meine Lebensgeschichte sei es wert aufgeschrieben zu werden, und besonders möchte ich Mark Billson erwähnen und meine innige Wertschätzung für ihn ausdrücken. Seine Hilfe war entscheidend für das Zustandekommen dieses Buches.

Wenn dieses Buch nun auch in Deutschland veröffentlicht werden kann, so verdanke ich das Christiane Hinz, einer Enkelin von Rolf Goerke, dem Cousin meines Vaters. Sie sorgte mit ihrem Mann für die Übersetzung und ihr Sohn für den Satz der deutschen Ausgabe. Dafür möchte ich ebenfalls meinen herzlichen Dank aussprechen.

Ruthmarie Goerke-Matthysse

Wo immer zwei Menschen sich geliebt haben, wo immer eine Gemeinschaft sich in Liebe vereinte, gestern oder vor zehntausend Jahren, diese Liebe besteht fort, sie ist noch heute zu spüren.

Ken Carey, „Return of the Bird Tribes“

PROLOG

Es ist Herbst. Eine wunderbare Jahreszeit im Süden Floridas. Die Sonne scheint aus einem klaren blauen Himmel. Die Luft ist kühl und frisch. Ein leichter Wind bauscht die Fenstervorhänge. Während an anderen Tagen meine Gedanken meistens zu meinen Kindern schweifen, die verheiratet sind und selbst Kinder haben und ich sooft die Entfernungen, die uns trennen, bedaure, weil sie Familientreffen immer schwieriger gestalten - alle sind unterdessen weit und breit verstreut, einige leben am nordwestlichen Pazifik, andere an der Ostküste - ist es am heutigen Tag glücklicherweise anders. Während der letzten Tage sind meine Kinder, einige Enkelkinder und besondere Familienmitglieder angekommen. Ein ausreichender Grund, um an diesem Thanksgiving Day dankbar zu sein. Als wir uns um den Esstisch versammelt haben, fragt meine Tochter Debbie: „Mom, was ist aus dem Buch geworden, das du schreiben wolltest?“ „Nun, daraus wollte ich euch heute nach dem Essen vorlesen.“ „Also das ist der Grund für unser Zusammentreffen und die angekündigte Überraschung“ ruft Annie, meine ältere Tochter, aus. Alle sind nun neugierig geworden.

Nach dem Essen, als alle es sich gemütlich gemacht haben, fange ich an vorzulesen.

Inhalt

Berlin 1933 - 1937

Die Konflikte meines Vaters mit dem Naziregime

Unser Leben in Armut

Meine Erinnerungen an Berlin

Muttis Erzählungen

Luschi, unsere Halbschwester

Papas Erzählungen

Der Entschluss

Aufbruch nach Afghanistan 1937 - 1941

Wir brechen auf

Litauen

Lettland und Polen

Rumänien und Bulgarien

In der Türkei 1937 - 1938

Das Familienzerwürfnis

Die Flucht geht weiter – aber ohne Chevy

Der Weg ist versperrt

Asyl im Libanon

Internierung 1941 - 1948

Palästina

Kenia 1941 - 1942

Uganda 1942 - 1948

Für die Zukunft arbeiten

Nach dem Krieg

Leb‘ wohl, Afrika

Venezuela 1948 - 2003

Eine neue Welt

Caracas

„La Vieja“

Stanley Matthysse

Die Frischvermählten

Ruthann Elisabeth

Lecheria

James Reginald

Deborah Dawn

Puerto La Cruz

Die Goerke-Familie

Familienzeit

Pedro Gárate

Die Desmid

Eine neue Generation

Vater verabschiedet sich….

Allein mit mir selbst...

Ein neues Zuhause

ERSTER TEIL

BERLIN 1933 - 1937

KAPITEL 1

DIE KONFLIKTE MEINES VATERS MITDEM NAZI-REGIME

In den ersten Jahren nach Hitlers Machtübernahme litt mein Vater immer mehr unter der zunehmenden Unterdrückung der Meinungsfreiheit und unter der drastischen Verfolgung jeglicher Opposition. Besonders beunruhigte ihn die zunehmende Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung. So wurde der Gedanke an Freiheit im Leben meines Vaters, James Goerke, die treibende Kraft für seinen späteren Entschluss. Aus all diesen Gründen trat mein Vater einer Widerstandsgruppe bei, deren Anführer er später wurde. Dies bedeutete auch, dass er die Mitgliederlisten aufbewahrte und unsere Wohnung ein „sicheres Haus“ wurde, wo geheime Treffen stattfanden. Papa wusste, was dies zur Konsequenz hatte: sein Name war einer unter tausenden, die im sogenannten „Schwarzen Buch“ der Gestapo aufgelistet waren.

In einer Nacht, als ich aufwachte, sah ich Papa die Treppen hinaufsteigen und auf dem Dachboden verschwinden. Wie ich später erfuhr, versteckte er belastende Papiere hinter einem losen Ziegel in der Wand. Es war, als hätte er eine Vorahnung gehabt, denn am nächsten Tag kamen die Polizei und Mitglieder der Gestapo, um alles zu durchsuchen. Mein Vater schien die ganze Zeit die Luft anzuhalten und atmete erleichtert auf, als sie wieder fort waren. Sie hatten die belastenden Dokumente nicht gefunden. Als die Luft rein war, stopfte er sie in eine Papiertüte, sprang auf sein Rad und brachte sie zu dem Haus eines anderen Mitglieds der Gruppe. Kurz nach diesem Vorfall zog Papa mit uns in einen anderen Stadtteil von Berlin um.

Täglich gab es in Berlin Aufmärsche und die braunen Uniformen der SA und die schwarzen Uniformen der SS neben den feldgrauen Uniformen des Militärs „schmückten“ die Straßen der Stadt. Hitler war allgegenwärtig und wo immer er sich zeigte, kündigte ihn eine Militärkapelle mit Marschmusik an. Noch heute höre ich das Horst-Wessel-Lied in meinen Ohren. Alle jubelten „Heil Hitler“ und streckten ihren rechten Arm zum Hitler-Gruß hoch, wenn er in seiner offenen Mercedes-Limousine vorbeifuhr. Die Nachhut bildete jeweils eine Abteilung von Soldaten, die im Stechschritt marschierten.

Hitlers Macht und Einfluss breitete sich wie ein Flächenbrand aus. Für seine Gegner gab es keine Chance, seinen Aufstieg zur Macht verhindern zu können.

Eines nachts war versucht worden, die Wohnungstür aufzubrechen. Ich wurde wach und keiner bemerkte, wie ich dabeistand und zuhörte, wie Papa mit meiner Mutter leise sprach. Er ging dabei auf und ab. „Ohne eine Art Haftbefehl können sie mich nicht festnehmen“, sagte er. „Sie zerbrechen sich nur ihre Köpfe, was sie mir als nächstes anhängen können. Trotzdem will ich nicht das Glück herausfordern und länger in Berlin bleiben. Ich habe heimlich Pläne gemacht, wie ich uns hier rausbekomme. Ich habe Angst um dich und die Kinder. Ich will nicht euer Leben riskieren. Wir müssen dieser Hölle entkommen. Die Nazis sind schlimmer als Kriminelle.“ – Das Gesicht meiner Mutter war angespannt und ihre Augen schauten besorgt.

Ich presste meine Hand vor den Mund, damit sie meine Angst nicht hörten. Mir kamen die Tränen.

Am Tag nach meinem fünften Geburtstag, Anfang 1933, saßen wir gerade zu Mittag in der Küche, als wir Lärm im Treppenhaus hörten. Dann folgten Schläge gegen unsere Wohnungstür, erst mit Fäusten, dann mit Gewehrkolben.

Bevor Papa die Tür öffnete, legte er einen Finger auf die Lippen, um uns anzudeuten, dass wir unbedingt leise bleiben sollten. Meine Mutter scharte uns um sich. In der Tür standen vier SS-Männer in ihren Uniformen. Einer riss seinen Arm hoch und schrie „Heil Hitler! - Kommen Sie mit, Sie werden zur Befragung auf der Polizeiwache verlangt.

Widerstand ist zwecklos, sonst machen wir Gebrauch von der Waffe.“

Mutti hielt die Hand vor den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken, aber es gelang ihr nicht. Sie flehte: „Bitte nicht – bitte nehmen Sie ihn nicht mit!“ Einer der SS-Männer ging auf sie los und ohrfeigte sie kreuz und quer.

Sie fiel hin und schrie vor Angst.

Die Attacke gegen unsere Mutter kam so plötzlich, sodass wir Kinder vor Angst erstarrten. Wir fingen an zu weinen….. ‚wie können diese Männer das mit Mutti machen? Wo bringen sie Papa hin, und was wird aus ihm? Ich wollte diese Fragen herausschreien, aber vor Angst blieb ich stumm. Ich legte den Arm um meinen dreijährigen Bruder Gautamo, um ihn zu beruhigen. Mit dem Blick auf das Bild an der gegenüberliegenden Wand, das unseren starken und stattlichen Vater von Papa zeigte, flüsterte ich „pst, alles wird gut.“ Er hatte uns doch in der Vergangenheit oft geholfen. Mein damals sechsjähriger Bruder Immanuel wurde durch dieses Erlebnis so traumatisiert, dass er für viele Tage stumm blieb.

Am frühen Morgen des nächsten Tages nahm Mutti uns mit zur Polizeiwache, um herauszufinden, was mit Papa passiert war. Der zuständige Beamte teilte ihr mit, dass er zur Gestapozentrale am Alexanderplatz gebracht worden war. Wir nahmen die Straßenbahn dorthin und verharrten den ganzen Tag vor dem Tor. Die Dämmerung brachte eine Wachablösung, und uns wurde befohlen zu verschwinden.

Wir wurden nicht zu Papa vorgelassen. Nach zehn Tagen wurde er wieder entlassen.

Die quälenden und erniedrigenden Schikanen der SS gegenüber meinem Vater wurden ab und an wiederholt. Da sie wussten, dass er gegen das Naziregime aktiv war, nutzten sie jeden Vorwand, um ihn zu verfolgen. Es gab letztlich für ihn keinen Weg, einer Verhaftung zu entkommen.

Er wurde auch ohne ersichtlichen Grund zur Polizeiwache gebracht, befragt und misshandelt. Die Beamten hatten keinen einzigen stichhaltigen Beweis, dass er bei einem Vergehen beteiligt gewesen wäre.

Am Ende mussten sie einsehen, dass sie nichts hatten, was eine Verhaftung rechtfertigen konnte.

Meine Mutter hatte die ewige Quälerei und Angst satt. Sie bat Papa inständig: „Bitte sag ab, beende die Treffen bei uns. Und wenn du mir einen Gefallen tun willst, dann gib deine Widerstandstätigkeit ganz auf.“ Er gab ihr zur Antwort: „Vor kurzem habe ich auch noch gehofft, dass dies möglich wäre, aber ich fürchte, das geht jetzt nicht mehr.

Einmal auf ihrer schwarzen Liste, lassen sie dich nie mehr in Ruhe.“

Dreimal brachten sie ihn ins Gefängnis. Zum ersten Mal verbrachte er 1933 zehn Tage bei der Gestapo am Alexanderplatz. Beim zweiten Mal, 1935, wurde er für zwei Wochen in Plötzensee bei Berlin inhaftiert, und das dritte Mal, ein Jahr später, 1936, brachten sie ihn ins KZ Sonnenburg bei Brandenburg für lange sechs Wochen.

Mein Vater erzählte Mutti später, dass die Zeit, die er in Sonnenburg verbrachte, die schrecklichste war. Er kam von dort sowohl physisch als auch mental völlig erschöpft zurück, abgemagert und blass und unfähig zusammenhängende Sätze zu formulieren. Seine Hände zitterten, und sein Gang war unsicher, manchmal so sehr, dass er gestützt werden musste. „Ich werde niemals vergessen, was diese Bastarde mir und anderen angetan haben. Die Folter, die wir erleiden mussten, ist fest in meine Seele eingebrannt. Ich würde lieber sterben, als diese Erfahrungen noch einmal durchzumachen!“ war alles, was er dazu sagte.

Mein Vater wusste zwar, dass nicht alle Parteigenossen der NSDAP auch überzeugte Nazis waren, und dass ihr viele nur beitraten, weil sie glaubten, nur so ihre Existenz sichern zu können. Diesen Weg wollte und konnte mein Vater nicht gehen. Er war sich aber der Gefahr bewusst, denn bei der Entlassung aus dem KZ Sonnenburg warnte der Wärter ihn: „Für dieses Mal, Goerke, lassen wir Sie laufen. Aber bleiben sie sauber, sonst werden sie es teuer bezahlen. Sollten Sie jemals wieder hier landen, so wäre es das letzte ‚Wiedersehen‘ mit ihrer Familie gewesen. Niemand könnte Ihnen dann noch helfen. Sie würden niemals lebend herauskommen!“

KAPITEL 2

UNSER LEBEN IN ARMUT

Wie war es zu dieser Schreckensherrschaft gekommen? Nach dem katastrophalen Ende des 1. Weltkrieges hatte die nach nur wenigen Jahren folgende Inflation die Menschen immer noch mehr verarmen lassen. Jedermanns Ersparnisse waren aufgebraucht oder wertlos geworden.

Sie waren nicht einmal mehr das Papier wert, auf dem sie gedruckt waren. An jeder Straßenecke standen Menschen, die nach Arbeit suchten, die froh waren, nur mit Lebensmitteln bezahlt zu werden. Adolf Hitler, ein charismatischer Volksredner, wusste Menschen zu manipulieren und ihre Ängste zu seinem Vorteil zu nutzen. Er versprach, Deutschland wieder auf die Füße zu bringen und die Arbeitslosigkeit zu beseitigen. Er tat beides, aber zu einem furchtbaren Preis und unter absoluter Missachtung jeder Menschlichkeit. Einmal an die Macht gelangt, brachte er alles unter die Kontrolle seiner Partei, sogar das Leben der Hausgemeinschaften und der Familien.

Eines Abends bekam ich mit, wie mein Vater wütend zu meiner Mutter sagte: „Hör mal zu, Anne-Marie! Ich will keine Einmischung in unser Leben, schon gar nicht von diesen sogenannten ‚Wohlfahrtsorganisationen‘. Ich erlaube dir nicht, Unterstützung oder Geschenke anzunehmen. Schmeiß diesen Weihnachtsbaum raus, wir kommen ohne ihn zurecht. Zum Teufel! Verdammt nochmal! Du weißt, wie ich darüber denke!“ Niemals hatte ich Papa so mit Mutti schimpfen hören. Ich konnte diese Grobheit nicht verstehen und fürchtete mich. Aber Mutti ließ sich das nicht gefallen: „Nein, James Goerke!“ schrie sie, „Es ist Weihnachten, und es ist für die Kinder. Denk einmal an sie und nicht immer nur an deine dummen, idealistischen Grundsätze! Wir können ihnen nicht einmal das kleinste Geschenk bieten, lass den Baum in Ruhe! – Und brüll mich nie wieder so an!“ Solche Bestimmtheit war er von Mutti nicht gewöhnt. Ich hörte ihn sagen: „Du hast recht, du hast recht, Anne-Marie. Es tut mir leid. Behalte den Baum. Manchmal bringt mich alles auf die Palme.“ Mutti nahm mich in die Arme. „Pst, Ruthmarie! Es ist alles in Ordnung.“ Doch ich spürte ihr Herz heftig in ihrer Brust klopfen.

Luschi, meine Halbschwester und sieben Jahre älter als ich, versuchte zu erklären, was Papa so aufbrachte. „Papa ist nicht böse auf dich oder mich und auch nicht auf Mutti“, sagte sie. „Er hat sie angeschrien, weil er verzweifelt ist und uns nicht geben kann, was wir brauchen. Denk‘ dran, dass er uns lieb hat und immer auf uns aufpassen wird. Ich bin sicher, er macht am nächsten Sonntag einen Ausflug mit uns. Denk an den Spaß, den wir haben werden.“ - - Ich schlief ein und träumte von vergangenen Ausflügen, als Papa uns auf langen Spaziergängen zu kleinen Flüssen oder Seen führte und uns bis zum späten Nachmittag im Wasser spielen ließ. Unsere Armut hinderte ihn nicht daran, sich an der Natur zu erfreuen! Die wohlhabenden Berliner besaßen Autos, mit denen sie hin und her fahren konnten, während wir stundenlang liefen. Auch hatten sie Schuhe, während wir barfuß gingen. Sie hatten Essen, Trinken und Decken. Wir hatten nur wenig.

Unser Zuhause war eine kleine Obergeschosswohnung in der Tambacher Straße in Lankwitz, einem Randbezirk von Berlin. Es gab fünf Wohnungen im Gebäude, und unsere war die oberste. Sie bestand aus zwei Dachkammern, die als Schlafzimmer dienten. Eine auf jeder Seite eines großen einzelnen Zimmers, das zugleich Wohnzimmer und Küche war. Die schrägen Wände der Kammern erlaubten nicht, dass wir Betten aufstellen konnten. Also schliefen wir am Boden auf Matratzen. Papa hatte das Angebot des Hausbesitzers angenommen, für Instandhaltungsarbeiten, Reinigung und Gartenarbeit mietfrei zu wohnen.

Wenn wir zu Bett gingen, las uns Mutti oft noch vor, war aber mit den Gedanken nicht immer dabei. Eines Abends klagte sie Luschi gegenüber: „Ich kann Papas mageres Einkommen nicht länger strecken! Ich werde eine Arbeit suchen, und fange gleich morgen damit an. Passt du bitte auf deine Geschwister auf, während ich fort bin?“ Als meine Mutter spät am nächsten Tag zurückkehrte, erzählte sie uns glücklich, dass ihr eine Frau Seidel Arbeit an ihrem Stand auf dem Wochenmarkt gegeben hatte. „Diese Helga Seidel ist eine nette Person, und ich denke, es wird mir Spaß machen bei ihr zu arbeiten.“ Bei Marktende gab Frau Seidel Mutti immer etwas vom unverkauften Gemüse mit. Ihre Großzügigkeit machte es möglich, dass Mutti uns regelmäßig anständige Mahlzeiten kochen konnte. Frau Seidel dachte auch an Ostern und Weihnachten an uns und gab ihr Schokolade und andere Leckereien für uns mit.

Wir freuten uns riesig! Wir hatten noch niemals so etwas Gutes gehabt.

Ich nahm an, dass alle Menschen Vegetarier seien. Als Papa uns erklärte, dass dies nicht der Fall ist, fragte ich ihn überrascht: „Und warum essen wir kein Fleisch?“ Er erklärte uns folgendes: „Als Mutti und ich heirateten, erzählte sie mir, dass sie in ihrer Jugend sehr krank gewesen war.

Weil ich überzeugt war, dass die Ernährung die Gesundheit des Menschen direkt beeinflusst, hoffte ich, dass eine vegetarische Lebensweise uns beiden nutzen würde. Nun, die Umstellung fiel uns damals nicht leicht. Wir ließen zuerst alles rote Fleisch weg, nach einigen Monaten auch das Geflügel. Viele Monate später aßen wir auch keinen Fisch mehr. Bis heute essen wir immerhin noch Milchprodukte und Eier, darum nennt man uns Ovo-Lacto-Vegetarier.

Aber die Gesundheit war nicht der einzige Grund, warum ich mich dazu entschloss, Vegetarier zu werden. Letztendlich war meine Liebe zu den Tieren der wahre Grund. Ich glaube, sie haben die gleiche Lebensberechtigung wie wir.

Außerdem haben wir Menschen nicht das Recht, menschliches oder tierisches Leben zu töten.“

KAPITEL 3

MEINE ERINNERUNGEN AN BERLIN

Ich fürchtete mich vor der Dunkelheit. Nächtliche Geräusche waren immer beängstigend, besonders für mich als Fünfjährige. Wenn ich abends im Bett lag, musste die Tür einen Spalt weit offenbleiben, damit ich das Klickklack der Schreibmaschine meines Vaters hörte. Das war das Zeichen dafür, dass in meiner kleinen Welt alles in Ordnung war. Jeden Abend saß er am Küchentisch, oft bis weit in die Nacht, wo er seine Artikel und wundervollen Tiergeschichten erschuf und tippte. Mein Vater war freischaffender Autor für das Magazin „Das Tier“, das in Berlin verlegt wurde. Staunend, wie schnell seine zwei Finger über die Tastatur flogen, sah ich ihm gern zu. Nie schimpfte er, wenn ich ihn mit Fragen unterbrach. „Papa, ich würde auch gern wie du Geschichten schreiben. Wirst du mir bald einmal beibringen, auf deiner Maschine zu tippen?“ „Natürlich, Schätzchen, wenn du etwas älter bist“, sagte er dann, „Im Moment bin ich sehr beschäftigt.“

Heute glaube ich, dass ich sein Talent und seine Leidenschaft fürs Schreiben geerbt habe.

Mit meinem runden Gesicht, meiner rosigen Haut, meinen blauen Augen und flachsblonden Haaren entsprach mein Aussehen dem damaligen Idealbild eines ‚echtdeutschen Mädchens‘. Ich hatte ein fröhliches Gemüt, war aber schüchtern und sensibel. Mir wurde oft erzählt, dass ich sehr dickköpfig sein konnte. Ich half meiner Mutter gern im Haushalt, aber am liebsten bemutterte ich meinen kleinen Bruder Gautamo. „Bitte zeig mir, wie ich ihn baden muss, Mutti“, bettelte ich. „Guck, ich halte ihn ganz ruhig, und ganz bestimmt werde ich ihn niemals fallen lassen.“

Es dauerte nicht lange, bis sie meine Hilfe akzeptierte und mich „das kleine Mütterchen“ nannte.

Als wir noch klein waren, hatten wir alle einen Spitznamen. Constanze Luise (Muttis Tochter aus erster Ehe) wurde Luschi genannt. Immanuel, ein Jahr und einen Monat älter als ich, war Bübi und Gautamo war Brüdel.

Ich wurde Kra oder Krachen genannt, es war Immanuels Nachahmung meiner Geräusche als Baby. Als wir älter wurden und in die Schule kamen, bestand Papa darauf, dass wir uns mit unseren richtigen Namen ansprachen, was uns lange sehr schwer fiel.

Noch nicht alt genug, wollte ich schon unbedingt zur Schule gehen. Ich war neidisch auf Immanuel, als er zum ersten Mal zur Schule geschickt wurde. Ich weinte und bettelte: „Warum darf ich nicht auch wie er zur Schule?“ Wie war ich überglücklich, als ich endlich an der Reihe war! Ich erinnere mich an einen wunderbaren Grundschullehrer und werde ihn nie vergessen. Herr Hirsch machte das Lernen für uns zu etwas Besonderem, und mir machte es viel Freude. Ich liebte die Schule, liebte es, neue Dinge zu lernen und war sehr fleißig.

Papa hielt allen Konventionen gegenüber erst einmal an eigenen Ansichten fest. Er fand immer wieder Einwände gegen viele allgemeine Vorschriften und auch gegen religiöse Sitten. Zum Beispiel hielt er das Barfußgehen für gesund und schickte uns sogar barfuß in die Schule. Meine Brüder durften das Haar schulterlang tragen.

Sogar den obligatorischen Impfungen versuchte er sich zu widersetzen. Der Schulleiter hatte lange Geduld mit ihm, aber er bestand darauf: „Herr Goerke, verstehen Sie nicht? Vorschriften sind Vorschriften, ich kann sie nicht ändern.

Jedes Kind muss geimpft sein – und Schuhe tragen. Und ihr kleiner Sohn braucht einen Haarschnitt!“ Papa gab schließlich nach und akzeptierte die Dinge, die er nicht ändern konnte. Am Tag, bevor Gautamo zur Schule kam, handhabte er die Schere sehr vorsichtig, als er ihm die schönen blonden Locken kürzen musste. Mutti bewahrte die Locken sorgfältig auf.

Ich muss noch heute lächeln, wenn ich mich daran erinnere, wie Gautamo bis dahin vor dem Einschlafen sich immer eine Haarsträhne um die Finger seiner linken Hand drehte, während er an seinem rechten Daumen nuckelte.

Wenn Mutti am nächsten Morgen versuchte, die Knoten wieder heraus zu kämmen, weinte er jämmerlich. Das hielt ihn aber nie davon ab, es am nächsten Abend wieder genauso zu tun. Jeden Morgen hörte ich meine Mutter sagen: „Wenn du deine Haare vor dem Einschlafen nicht immer so zerwühlen und hochdrehen würdest, hätten wir nicht jeden Tag diese Tortur.“ Der Tag, an dem er seine Locken verlor, setzte dieser Angewohnheit ein Ende.

Wie viele Berliner Mieter nutzten meine Eltern einen kleinen Schrebergarten am Ende der Straße, in der unsere Wohnung lag. Andere nutzten ihn, um Gemüse für die Familie anzubauen, aber nicht Papa. Er beanspruchte das kleine Stück Land für sich und nur für sich allein. Es war seine Oase, sein Zufluchtsort vor den trübseligen Problemen des Alltags. Er schuf einen Steingarten, pflanzte Blumen, fügte ein Gewächshaus hinzu und legte einen kleinen Teich mit Goldfischen an. Es dauerte nicht lange, bis er einige Meerschweinchen und Gänse ansiedelte. Die letzteren wurden bald unser Verhängnis: wenn die Gänse brüteten, griffen sie uns an, schlugen mit den Flügeln und schnappten nach unseren nackten Beinen. Papa fand das auch noch witzig! Er erklärte: „Sie beschützen nur ihre Jungen, scheucht sie einfach weg.“ – Aber sie ließen sich nicht einfach wegscheuchen! Zu dieser Zeit, hatte einer von Papas Freunden ihm ein kaputtes Motorrad überlassen. Beide Männer arbeiteten daran, und letztendlich bekamen sie es wieder zum Laufen. Es war ein besonderes Vergnügen für uns, wenn mein Vater uns auf eine Fahrt mitnahm. Einer saß hinter ihm, während zwei von uns mit weit gespreizten Beinen vorne auf dem Tank saßen. Wir Kinder waren nicht die Einzigen, die daran Vergnügen hatten. Eine seiner Gänse ‚Katinka‘ hatte er dressiert, und es schien, dass er mit ihr besonders gern Ausflüge unternahm. Während wir dastanden und auf Papas abendliche Rückkehr warteten, tauchte Katinka schon lange, bevor wir sein Motorrad hörten, ungeduldig hüpfend am Tor auf. Es war lustig dies zu beobachten.

Papa erklärte, sie wolle mitfahren und mitfliegen. „Sie sitzt genau wie ihr auf dem Tank, aber wenn wir dann die Außenbezirke der Stadt erreicht haben, fliegt sie an meiner Seite zurück, dabei streifen ihre Flügelschläge sanft immer wieder meinen Kopf und meine Schulter.“

Anfang März war die Nacht vor meinem siebten Geburtstag bitter kalt. Meine Mutter schien unruhig und aufgeregt.

Neugierig fragte ich: „Was ist los, Mutti? Bist du böse?“ Nein, Krachen, ich bin nicht böse. Ich weiß nur nicht, was deinen Vater so lange aufhält.“ Sie machte uns schon das Abendbrot und war gerade dabei, uns zu Bett zu bringen, als Papa nach Hause kam. Ohne Begrüßung fragte sie: „Hast du daran gedacht, etwas für Ruthmarie zu besorgen?“ Er schlug sich an die Stirn. „O Gott! Ich habe es vergessen. Dann muss ich jetzt nochmal los. Die Geschäfte in der Innenstadt sind noch ein paar Stunden geöffnet. Ich brauche nicht lange.“

Im Bett liegend hörte ich Mutti auf und abgehen, während die Uhr die Stunden schlug. Ich wusste, dass sie besorgt war, trotzdem schlief ich ein. Es war bereits nach Mitternacht, als ich aufschreckte. Vaters Schritte auf der Treppe waren langsam und schwer. Ich hörte Mutti, wie sie laut ausrief: „Ach du liebe Zeit! Mein Gott, was ist passiert? Wie siehst du denn aus?“ Ich spähte durch den Spalt in der Tür und sah Papa, der wie eine Mumie aussah. Nur seine Augen, die Nase und der Mund waren außer den Bandagen zu erkennen. An seinen Kleidern war Blut zu sehen.

„Ja, es geht schon“, stöhnte er. „Ich hatte einen Unfall, und mir tut alles weh. Ich will nur noch ins Bett. Lass mich Dir morgen früh alles erzählen.“

Beim Frühstück hörten wir dann die ganze Geschichte.

„Als ich gestern Abend losfuhr, schneite es noch, und die Sicht war schlecht. An der nächsten Kreuzung hielt eine Straßenbahn, und ich sah zwei Frauen aussteigen. Beide Frauen wollten die Straße überqueren, aber als sie mein Motorrad hörten, blieb die eine plötzlich stehen, und die andere rannte schnell auf den Bürgersteig zu. Ich konnte zwar ausweichen, aber mein Vorderrad kam ins Rutschen und ich verlor die Kontrolle. Nach einer ziemlich langen Rutschpartie wurde ich vom Motorrad geworfen. Ich plumpste wie ein Sack zu Boden. Überall Blut! ‚Er ist tot, er ist tot! Was sollen wir tun?‘ kreischten die Frauen.

Das waren die letzten Worte, die ich hörte, bevor ich das Bewusstsein verlor. Als ich wieder zu mir kam, war ich im Krankenhaus. Der Arzt erklärte mir, dass die Wunde an meinem Kopf ziemlich schwer sei, so dass ich Glück hätte noch am Leben zu sein. ‚Ihr Lederhelm und Ihre Lederjacke haben Sie wohl gerettet‘, sagte er. Er wollte, dass ich zumindest bis zum Morgen im Krankenhaus bleibe, aber ich wollte unbedingt nach Hause.“ Jetzt erst nahm er mich in die Arme und drückte mich: „Ruthmarie, mein Schatz, alles Gute zum Geburtstag! Es tut mir so leid, dass es in diesem Jahr kein Geschenk gibt.“

KAPITEL 4

MUTTIS ERZÄHLUNGEN

Die Abenddämmerung war für mich die schönste Zeit des Tages. Gewöhnlich saß dann die ganze Familie am Küchentisch und meine Eltern erzählten Geschichten oder auch Erinnerungen aus ihrer Vergangenheit. Ich war eigentlich immer die erste, die etwas hören wollte, und eines Abends bettelte ich. „Bitte Mutti, erzähl uns etwas, als du klein warst.“ „Oh, das wird eine lange Geschichte, viel zu viel für einen Abend!“, bekam ich als Antwort.

„Ja, aber morgen ist doch Sonntag, und wir können später aufstehen. Bitte fang heute an, und dann kannst du uns jeden Abend ein bisschen weitererzählen“, schlug ich vor.

„Aber es gibt kein Gemecker, wenn es Zeit ist, ins Bett zu gehen.“ Wir nickten und warteten gespannt, dass sie anfangen würde. Sie saß mit gefalteten Händen da, und es schien uns eine Ewigkeit, bis sie endlich begann: „Zwei Jahre vor der Jahrhundertwende, nämlich 1898, bin ich als zweites von zwölf Kindern auf einem kleinen hübschen Bauernhof bei Harzgerode geboren. Dieses Städtchen liegt südwestlich von Magdeburg mitten im Harz.

Zwei meiner Geschwister sind schon als Kinder gestorben.

Bereits sehr früh musste ich meiner Mutter bei der Hausarbeit helfen und mich um meine kleineren Geschwister kümmern. Auch auf dem Hof mussten wir alle, sobald wir konnten, mithelfen. Meine Eltern, Artur und Ida Dietrich, waren bescheidene, hart arbeitende Leute. Sie bewirtschafteten gemeinsam das Land, aber für das nötige Auskommen musste mein Vater auch noch im Kohlenbergwerk arbeiten. Obwohl sie sich so abmühten, reichte es trotzdem kaum für uns alle. Nachdem der Krieg 1918 zu Ende war, wurde mir klar, dass es für mich auf dem Hof und in dem kleinen Dorf keine Zukunft gab. Deswegen wollte ich von dort weg und träumte von einer leichteren Zukunft in Berlin. Jeden Abend, vor dem Einschlafen, plante ich mein Fortgehen und grübelte, wie ich meinen Eltern meinen Entschluss schonend beibringen sollte. Doch eines Abends fand ich den Mut: ‚Mir geht schon lange etwas durch den Kopf, über das ich mit euch reden muss. Bitte regt euch nicht auf!‘ Meine Eltern saßen da auf ihren Stühlen und hörten mir aufmerksam zu. ‚Ich bin sehr unglücklich.

Ich halte es hier nicht mehr aus. Ich möchte nach Berlin gehen. Ich bitte euch um eure Zustimmung. Ich verspreche auch, euch von Zeit zu Zeit zu besuchen und so oft wie möglich zu schreiben.‘

Mein Vater machte einige Einwände: ‚Du bist noch zu jung, um dein Zuhause zu verlassen, und Berlin ist eine riesige Stadt und weit weg. Wir kennen niemanden dort, der dich möglicherweise aufnehmen und sich um dich kümmern könnte. Warum hast du es so eilig, in die weite Welt hinauszukommen? Du solltest unbedingt noch ein paar Jahre warten. Denke noch einmal gründlich über alles nach.‘ ‚Ich weiß, das kommt für euch jetzt sehr überraschend,‘ erwiderte ich, ‚aber ich habe gründlich über alles nachgedacht und bitte euch, mich gehen zu lassen‘. Meine Mutter und ich weinten beide, als Vater endlich zustimmte.

Es war eine lange und ermüdende Busreise bis nach Berlin, aber ich war aufgeregt und neugierig, allein unterwegs zu sein. Ich fühlte, es war die richtige Entscheidung.

Endlich Freiheit! Doch es dauerte nicht lange, bis es für mich bitter wurde. Gleich bei der Ankunft begriff ich, dass ich mir ein Leben in Berlin zwar ausgemalt hatte, aber die große unpersönliche Stadt mit all ihren Problemen hatte mit meiner Fantasie nichts zu tun und war auch nicht das, was ich erwartet oder mir vorgestellt hatte. Zuerst einmal fand ich keine Arbeit. Ich fühlte mich einsam, bekam schrecklich Heimweh und war nur verzweifelt. Doch noch wollte ich es unbedingt durchstehen, irgendwann müssten die Dinge schon besser werden.“ Mutti machte eine Pause.

„Wurden sie es?“ fragte ich sie und gab ihr einen Kuss.

„Stellt euch vor, Kinder, ich hatte keine Ahnung von irgendetwas. Alles was ich konnte, war, auf kleine Kinder aufzupassen, zu putzen und auf einem Bauernhof zu arbeiten. Nach einer Weile hatte ich Glück und fand zunächst Arbeit auf einem Postamt, wo ich die Böden putzte.

Einige Monate später stellte mich eine jüdische Familie als Köchin und Kindermädchen ein. Ich freute mich über die neue Stellung, besonders weil Gertrude Weiss, die Dame des Hauses, sehr freundlich zu mir war. Sie brachte mir das Kochen bei, den Tisch zu decken und ihre Familie und Gäste zu bedienen. In meiner Freizeit freundete ich mich mit einigen Hausmädchen aus der Nachbarschaft an, und an unseren freien Tagen gingen wir gemeinsam aus. Junge Männer waren immer um uns herum, und sie schienen besonders von mir angetan. Dabei hatte ich keine Ahnung, warum – vielleicht gefiel ich ihnen besonders mit meiner guten Figur, meinen braunen Augen und dem langen schwarzen Haar, das ich damals genau wie heute in einem Knoten im Nacken trug. Das gab mir ein klassisches Aussehen. Von Harzgerode war ich gewohnt, jedem vertrauen zu können und naiv wie ich war, tat ich das auch in Berlin.

Nun Gute Nacht, Kinder!“ Und so ging es am nächsten Abend weiter: „Nach einiger Zeit lernte ich einen charmanten und gutaussehenden Mann kennen. Erich Schneider war älter als ich und ganz anders als die anderen, die ich je gekannt hatte. Er überschüttete mich mit Aufmerksamkeiten, Blumen und kleinen Geschenken. Er beeindruckte mich mit seinem selbstbewussten Auftreten. Ich war von ihm geblendet.

Er erzählte mir, er sei Besitzer eines kleinen Leihhauses, repariere und verkaufe Uhren und kostbaren Schmuck.

Später fand ich heraus, dass sein Geschäft nicht so lukrativ war, wie er behauptete, denn er war immer auf der Suche nach zusätzlichen Erwerbsmöglichkeiten.

Meine sorgenfreien, glücklichen Tage hatten ein Ende, als ich ein Kind erwartete. Als ich das Erich erzählte, wurde er blass. Er tobte! ‚Wie konnte das passieren? Konntest du nicht aufpassen? Wie konntest du so unbedacht sein, und jetzt erwartest du wohl von mir, dass ich dich heirate?‘ So schrie er mich an. Trotz seiner mich tief kränkenden Reaktion blieb mir ja nichts Anderes übrig als ihn zu heiraten, doch Erich blieb mir gegenüber ungehalten. Die erste Zeit nach unserer Heirat war ich glücklich, dass ich ihn zärtlich umsorgen konnte. Ich wollte unbedingt, dass er die Entscheidung, mich zu heiraten, nicht bereute und sich darauf freute, Vater zu werden. Außerdem: schwanger zu sein erfüllte mich, ich blühte auf. Da verlangte Erich von mir: ‚Anne-Marie, wir haben nicht viel Geld, und ich glaube, es ist das Beste, wenn du weiter bei den Weiss‘ arbeitest – zumindest, bis ich ein anständiges Einkommen gefunden habe.‘ Ich dachte nicht im Traum daran, etwas zu tun, was ihm missfiel, ich behielt also meine Stellung.

Die Probleme nahmen zu. Die Wehen setzten ein, als Erich nicht da war. Ein Nachbar rief sofort eine Hebamme in unsere kleine Wohnung. Die Geburt war ohne Komplikationen, aber einige Tage später wurde ich schwer krank und kam ins Krankenhaus. Ich hatte Wochenbettfieber bekommen, und mein Kind, ein kleines hübsches Mädchen, starb zehn Tage nach seiner Geburt. Ich fiel in eine schwere Depression, war tief unglücklich und weinte oft. Später erklärte mir der Arzt, dass die Unvorsichtigkeit und mangelnde Hygiene der Hebamme schuld am Tod des Kindes gewesen sei. Nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus kehrte ich nach Hause zurück, aber meine Depression blieb. Die Erinnerungen an mein Baby erfüllten mich mit tiefer Traurigkeit. Ich verkroch mich nur noch im Zimmer, und dass Erich sein Leben wie gewohnt weiterführte und es ihm nichts auszumachen schien, plagte mich besonders. Meine Depression verschwand erst, als ich nach ein paar Monaten wieder schwanger war. Ich warf mich Erich überglücklich in die Arme, als ich es ihm eröffnete. Meine Gebete waren erhört worden.

Doch Erich reagierte wieder völlig verärgert. ‚Das ist nicht das, was ich geplant habe, Anne-Marie!‘, schrie er.

‚Ich wollte ein paar Jahre warten, bevor wir wieder ein Kind bekommen. Du solltest abtreiben lassen. Mir wurde gesagt, das geht einfach und schnell – du kannst am selben Tag wieder zu Hause sein. Ich habe die Adresse von einem Kerl, der es macht. Wir können gleich morgen hin!‘ Seine Worte waren wie eine eiskalte Dusche. Er jagte mir Angst ein. ‚Wie kannst du an so etwas denken?‘, jammerte ich.

‚Ich werde niemals eine Abtreibung machen, hörst Du? Niemals! Ich will dieses Baby. Du weißt doch, wie todunglücklich ich war, als Emmy starb.‘ ‚Natürlich weiß ich das‘, erwiderte er ärgerlich ‚aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich jetzt kein Kind will. Wenn du es nicht abtreibst, wirst du es bereuen. Das meine ich ganz ernst.

Denk daran, und wundere dich nicht. Du brauchst dich auch später nicht zu beklagen!‘

Ich hatte Angst, doch meine Wut ließ mich standhaft gegen ihn bleiben. Ich würde meine Meinung darüber, dieses Baby zu bekommen, nicht ändern. Ich dachte, Erich würde schon einlenken, wenn das Kind erst einmal geboren war.

Dann würden wir wieder glücklich sein. Meine Unerfahrenheit machte mich gegen seine Einwände blind und auch gegen die Art, wie er sich verändert hatte. Er kritisierte mich ständig und hatte an allem, was ich tat, etwas auszusetzen. Er wurde ausfallend und fing sogar an mich zu schlagen, wenn ich nicht tat, was er wollte.

Ich trug das Kind dennoch aus, und als die Wehen einsetzten, holte einer der Nachbarn wieder eine Hebamme. Alles ging gut, und ich konnte wieder meine Augen nicht von dem kleinen Mädchen lassen, das den Namen Constanze Luise bekam. Ja, unsere Luschi war geboren“.

Luschi saß still da, und alle sahen wir sie an, was ihr sichtlich unangenehm war.

Mutti erzählte weiter. „Wieder hoffte ich, dieses Kind würde meine Beziehung zu Erich verbessern. Vielleicht würde er, sobald er seine wunderhübsche Tochter sah, so glücklich sein wie ich. Doch ich wurde wieder ernsthaft krank und musste wieder für lange Zeit im Krankenhaus bleiben. Die Behandlung war schrecklich, denn ich musste Bestrahlungen bekommen, und der Arzt eröffnete mir, dass ich nie wieder Kinder bekommen könnte. Ich war krank und todunglücklich und Erich besuchte mich nicht ein einziges Mal. Seine Abwesenheit gab mir viel Zeit zum Nachdenken.“ (Erst sehr viel später kam heraus, dass Mutti damals von Erich mit Syphilis angesteckt worden war.)

„Als ich endlich wieder nach Hause kam, fand ich unsere Wohnung leer vor.– Kein Zeichen von Erich, nicht einmal ein Zettel mit einer Notiz.- Zuerst dachte ich, ihm wäre etwas zugestoßen. Aber als ich mich genauer umsah, stellte ich fest, dass seine Sachen alle weg waren. Ich fühlte mich unglaublich elend. Mir fielen Erichs Drohungen ein, aber ich hatte nie geglaubt, dass er mich und das Baby im Stich lassen würde. Die Nacht war erfüllt von Nöten und Sorgen um unsere Zukunft und wie wir überleben sollten. Ich fand keinen Schlaf. Am Morgen war mir klar, dass ich Berlin erst einmal verlassen musste. Mit schwerem Herzen fuhr ich mit dem Baby zu meinen Eltern. Sie freuten sich sehr uns zu sehen und nahmen uns ohne Vorwürfe auf.“

Mutti machte eine Pause, und ich hatte wieder nur Angst, dass sie mit Erzählen aufhören würde. Also bettelte ich: „Das ist alles so spannend, Mutti, bitte erzähle weiter.“

„Zuerst war ich sehr froh, zu Hause zu sein, und war meiner Mutter sehr dankbar, dass sie sich so liebevoll um das Baby und mich kümmerte. Aber die Tage vergingen, es wurden Wochen, und ich musste mich endlich mit Erich auseinandersetzen. Noch waren wir ja verheiratet! Ich fuhr zurück nach Berlin. Erich lenkte wieder ein. Er ließ mich in seinem Laden helfen, und ich holte auch bald Luschi zurück nach Berlin. Aber glücklich war ich nicht. Notgedrungen ertrug ich Erichs Launen und seine Lieblosigkeit bis euer Vater eines Tages in den Laden kam…. “Es war schon spät geworden, und so schickte sie uns wieder ins Bett.

Am nächsten Abend ließ sie Papa weitererzählen: „Mein Vater hatte mir zur Konfirmation ein paar goldene Manschettenknöpfe geschenkt. Leider hatte ich bereits einen verloren, und in Geldnöten, die mich auch damals öfters plagten, beschloss ich nun den anderen zu versetzen.

Ich hatte ein kleines handgeschriebenes Schild an einem Souterrainfenster entdeckt: ‚Ankauf und Verarbeitung von Gold.‘ Da unten in einem armseligen und kleinen Raum fragte mich eine junge Frau, was sie für mich tun könne.

Sie war bleich, dünn und schaute nicht gerade glücklich aus. Sie trug ihr schwarzes Haar streng nach hinten im Nacken zu einem Knoten gebunden, sie hatte hohe Wangenknochen und glänzende braune Augen… ich muss zugeben, dass ich es nicht eilig hatte zu gehen. Eine halbe Stunde später, während ihre zweijährige Tochter auf dem Boden spielte, kam ihr Ehemann und Besitzer des Ladens herein. Er schmolz den goldenen Manschettenknopf ein - und ich merkte, dass nicht alles Gold wirklich Gold war! - dann wog er das verbliebene Gold und gab mir ein paar Mark dafür. Es gab keinen Grund länger zu verweilen, und ich ging. – Jedoch ich fühlte, ich musste diese junge Frau wiedersehen.

Das nächste Mal packte ich einige der Fleischbüchsen, die ich vom Gut meines Bruders aus Ostpreußen bekommen hatte, ein und ging damit wieder hin. Der Mann war nicht da - er war es fast nie, wie die hübsche Ladeninhaberin mir erzählte - so musste ich warten, wartete ich wirklich? Die Stunden vergingen: Ich wartete bestimmt einige. Kein Chef kam. Schließlich musste ich gehen, versprach aber wiederzukommen.

Später musste ich die traurige Geschichte dieser jungen Frau hören und erfahren, dass ihre Ehe nicht mehr harmonisch war. Der Mann kam spät nach Hause, war gewalttätig, und sie musste sich mit ihren Fingernägeln verteidigen. Nur wegen ihres kleinen Mädchens, sagte sie, sei sie nicht schon längst fortgelaufen. Wir blieben mehr oder weniger regelmäßig in Verbindung, und eines Tages, nach einem dieser nächtlichen Kämpfe, entschloss sie sich zur Scheidung. Wir vereinbarten, uns ein paar Tage später zu treffen, und ich brachte sie zu einem Rechtsanwalt, der ein Freund von mir war.

Auf dem Weg dorthin, auf einer von Berlins Verkehrsstraßen, erhielt ich plötzlich einen harten Faustschlag, der mich ins Auge traf. Diesen Faustschlag versetzte mir ihr Ehemann, der lautstark nach der Polizei rief, wobei er mich beschuldigte, ‚seine Frau zu stehlen‘. Wir wurden zur nächsten Polizeistation mitgenommen, wo die Frau die Wahrheit aufklärte. Da mein Auge in der Zwischenzeit blutunterlaufen und geschwollen war, wurde der Mann für eine Weile in Haft genommen und seine Frau und ich freigelassen.“

Nun erzählte Papa uns weiter: „Die Scheidung wurde recht schnell mit Hilfe des Rechtsanwaltes rechtskräftig und du, Luschi wurdest wieder zu den Großeltern in den Harz gebracht, damit deine Mutter in Berlin arbeiten konnte, um Geld zu verdienen. Wir blieben befreundet.“ Und Mutti ergänzte: „Schließlich musste ich mir eingestehen, dass ich mich in euren Vater verliebt hatte. Aber erst führte ihn seine Arbeit nach Äthiopien. Während seiner langen Abwesenheit fühlte ich mich zwar einsam, aber die vielen Briefe, in denen er über seine Arbeit und sein Leben in Afrika schrieb, trösteten mich. Die Trennungen vertieften unsere Liebe füreinander. Wenn er von seinen Reisen heimkam, war es, als wäre er nie fort gewesen. Während einer meiner Besuche bei Luschi und den Großeltern im Harz, konnte ich es kaum erwarten, meiner Mutter von James zu erzählen. ‚Mutter, ich habe den wundervollsten und interessantesten Mann der Welt getroffen. Sein Name ist James Goerke, und wir lieben uns. Wenn er aus Afrika zurückkommt, möchte ich ihn einmal mitbringen, damit ihr ihn kennenlernt.‘

Irgendwann kam ein Brief, in dem er schrieb, dass er nach seiner Rückkehr nach Berlin nicht wieder nach Afrika zurückgehen werde. Ich war hoch erfreut. Nachdem er wieder zu Hause war, kam er eines Abends mit dem Vorschlag: ‚Liebchen, lass uns heiraten! Ich kann nicht ohne dich leben. Und ich weiß, du liebst mich, warum sollen wir es aufschieben? Bitte sag ja!‘ Überglücklich schlang ich meine Arme um ihn und küsste ihn. Ich hatte auf diesen Tag und diesen Moment gehofft und gebetet.

Nachdem der Arzt mir prophezeit hatte, ich könnte keine Kinder mehr bekommen, war ich natürlich sehr überrascht, als ich wieder schwanger wurde! Ich war in meinen Gefühlen hin- und hergerissen – Überraschung, Sorge, Angst – aber am stärksten war die Freude. Und nun war ich besorgt, weil ich nicht wusste, wie euer Vater auf diese Nachricht reagieren würde. Doch er freute sich ebenfalls, und am 13. November 1926 heirateten euer Vater und ich standesamtlich. Es war eine schlichte Zeremonie. Er konnte keine Feier bezahlen und auch keine Hochzeitsreise.

Aber ich war viel zu glücklich, als dass mich irgendetwas daran gestört hätte. Ihr drei kamt auf die Welt: Immanuel 1927, du, Ruthmarie, ein Jahr später, und Gautamo folgte zwei Jahre danach. Ein halbes Jahr, nachdem du, Immanuel, geboren warst, machte mir euer Vater die größte Freude: endlich holten wir dich, Luschi, auch zu uns.“

KAPITEL 5

LUSCHI, UNSERE HALBSCHWESTER

Eines Abends nach dem Essen war Mutter ungewöhnlich still. Ich war neugierig, was sie so bedrückte, traute mich aber nicht zu fragen. Aber ich musste nicht lange warten – es war, als hätte sie meine Gedanken gelesen.

„Kinder, erinnert ihr euch an meine Geschichte? Ich denke, ich sollte noch berichten, wie Luschi wieder zu uns kam.“ Sie wendete sich ihr zu und sagte: „Ich bin sicher, du hast diesen Tag niemals vergessen, nicht wahr? Soll ich auch das noch erzählen?“ Luschi nickte bejahend.

„Nun, du hast ja seit meiner Scheidung bei den Großeltern leben müssen. Ich war zum Arbeiten nach Berlin zurückgegangen, und wir haben dann nach Papas Rückkehr aus Afrika geheiratet, und ich war ja gleich wieder schwanger mit Immanuel. Obwohl wir sehr vertraut miteinander waren, wagte ich es nicht, Papa gleich auch noch zu bitten, dich zu uns holen zu dürfen.

Nun eines Nachmittags, als Papa von der Arbeit heimkam, schien er sehr fröhlich, geradezu ausgelassen. Ich dachte, er hätte ein gutes Geschäft gemacht und viel Geld verdient. Aber das war es nicht. Er kam zu mir, schlang seine Arme um meinen Hals, küsste mich und wirbelte mich herum. Ich war sehr gespannt, die gute Neuigkeit zu hören.

Papa stand dabei vor mir und streichelte meine Wange.

‚Ich weiß, du wünschst dir schon sehr lange, dass dein kleines Mädchen auch mit bei uns lebt. Also lass uns nach Harzgerode fahren und sie zu uns holen.‘ Ich war wie vom Donner gerührt und musste mich erst setzen. Dann sprang ich auf und nahm ihn fest in die Arme.

Mit Immanuel fuhren wir mit dem Bus zu Oma und Opa Dietrich. Ich hatte keine Ahnung, wie eure Großeltern euren Vater und euren Bruder empfangen würden. Doch meine Mutter umarmte mich und wollte sofort Immanuel in den Armen halten und wiegen. Beide hießen auch Papa willkommen und behandelten ihn sehr freundlich. Während wir in der Stube Tee tranken und Kekse aßen, rückte Vater mit unserem Vorhaben heraus: ‚Oma Dietrich, wir sind gekommen, um heute auch Luschi mit nach Berlin zu nehmen. Wir beide werden euch immer dankbar dafür sein, dass ihr euch all die Jahre mit eurer Freundlichkeit und Großzügigkeit um Luschi gekümmert habt und Anne-Marie dadurch bei allen Schwierigkeiten der ersten Zeit geholfen habt. Doch jetzt möchten wir, dass das Kind mitkommt und ein Teil der Familie wird.‘

„Meine Mutter war kein bisschen überrascht. Sie gab zur Antwort: ‚Ich hatte sie gern bei uns und Luschi fühlt sich hier sehr wohl. Sie ist ein intelligentes, sensibles und liebes Kind. Ihr werdet es selbst erleben, wenn sie hereinkommt‘. Als Oma dich holte und dir sagte, dass du mit uns zurück nach Berlin gehen würdest, brachst du in Tränen aus, vergrubst dein Gesicht in Omas Schoß und klammertest dich an sie, ohne uns anzusehen. Als du endlich deinen Kopf hochhobst, liefen dir noch immer Tränen über die Backen. Deine ersten Worte waren: ‚Sag ihnen, sie sollen weggehen, der Mann ist hässlich, und ich kann ihn nicht leiden. Bitte, Oma, lass mich hierbleiben. Ich will nicht mit ihnen fortgehen!‘

Deine Reaktion konnte uns nicht überraschen, denn all die Jahre waren die Großeltern und der Hof dein Zuhause gewesen. Du klammertest dich so fest an Oma und wolltest sie nicht loslassen. Wir mussten dich forttragen und es gelang uns nicht, dich irgendwie zu beruhigen.“

Während Muttis Erzählung wirkte Luschis Gesicht angestrengt. Die Erinnerung war ihr heute noch unangenehm, und dieses Losreißen musste ihr heute noch weh tun. Mutti nahm ihre Hand und streichelte sie: „Ich weiß, auch die folgenden Jahre waren schwer für dich! Du hast dich ungeliebt und ungewollt gefühlt, hast dich selbst als ‚Aschenputtel Goerke‘ bezeichnet. Du fühltest Dich an den Rand gedrängt, denn du warst bei uns nicht der Mittelpunkt, der du bei den Großeltern gewesen warst. Mit unseren drei Kleinen hatten wir keine Zeit, dir die nötige Zuwendung zu geben. Ich glaube, du warst nur glücklich, wenn du mir beim Versorgen der Kleinen helfen konntest.

Doch selbst fühltest du dich immer wie zu kurz gekommen. Und sag mal ehrlich, auf Ruthmarie bist du immer recht eifersüchtig gewesen?“ Luschi nickte und gab zur Antwort: „Ruthmarie bekam ja alle Liebe und Zuwendung und wurde ständig geherzt. Ich fühlte mich neben ihr immer vernachlässigt und unglücklich, sogar ungeliebt und einsam. Trotzdem habe ich sie sehr lieb.“

Hiermit endeten Muttis abendliche Erzählungen über ihre Jugend bis zu ihrer Hochzeit mit unserem Papa.

Von uns Kindern wurde immer erwartet, dass wir unseren Eltern zur Begrüßung und zum Gute-Nacht-Sagen die Hand küssten! Immanuel wurde Muttis Liebling und ich Papas Liebling, und Papa konnte seinem kleinen Mädchen gegenüber nie böse sein. Deswegen schickten meine Brüder mich immer vor, wenn sie etwas angestellt hatten.

Papa wurde dann nicht ganz so wütend.

Gautamo kam mit einem beidseitigen Leistenbruch zur Welt, und der Arzt warnte Mutti, sie solle ihn nicht schreien lassen. Deshalb stillte sie ihn, bis er zwei Jahre alt war.

Er holte sich dann schon selbst seinen kleinen Stuhl, kletterte auf ihn, zog ihre Bluse hoch und trank an ihrer Brust.

Das fand ich ganz schön unverschämt. Aber trotz meiner Eifersucht betete ich ihn an.

Meine Mutter liebte ich sehr und wollte sie immer beschützen. Trotzdem war mein Verhältnis zu ihr nicht so innig, wie das zu meinem Vater. Mutti war liebevoll und ruhig aber auch meist etwas kühl. Papa war das absolute Gegenteil. – Er war streng, fordernd und temperamentvoll.

– Gleichwohl zeigte er Verständnis und Geduld und nahm sich Zeit, mir alle Dinge zu erklären. Als ich älter war, wurde mir bewusst, dass wir uns einfach sehr gut verstanden und immer miteinander reden konnten. So unterschiedlich die Eltern auch waren, ich liebte sie doch beide.

KAPITEL 6

PAPAS ERZÄHLUNGEN

Mein Vater war zwar schon etwas kahl, und so schmückte er sich sowohl mit einem Schnurrbart als auch mit einem Kinnbart. Er war fast 1,90 m groß und von schlankem, aber durchaus muskulösem Wuchs. Seine buschigen Augenbrauen standen über tiefsitzenden, durchdringenden blauen Augen. Ich hielt ihn für den bestaussehenden Mann in unserer Umgebung, natürlich auch für den besten Vater.

Nachdem wir nun Muttis Geschichte über ihre Jugend erfahren hatten, waren wir auf Papas Erzählungen ebenso neugierig. Ich bettelte auch ihn an, uns über sein Leben zu erzählen, aber er zögerte lange, bis er endlich eines Abends anfing: „Ich war das jüngste von zehn Kindern und kam auf Paugen, dem Gut meines Vaters in Ostpreußen im April des Jahres 1900 auf die Welt. Meine Mutter habe ich leider nicht kennengelernt, weil sie bereits einige Wochen nach meiner Geburt starb. Notwendigerweise stellte mein Vater eine Haushälterin ein, die meine älteren Geschwister großzog und für mich wie eine Mutter war. Ich liebte sie sehr. Sie hieß Annchen Wolff, und wir nannten sie alle Tante Annchen. Heute weiß ich, dass sie meinen Vater ihr Leben lang geliebt hat.

Während meiner frühesten Kindheit wurde ich von meinem Vater kaum beachtet, und ich litt unter seiner Lieblosigkeit. Als ich älter wurde, vergrößerte sich diese Distanz zwischen uns immer mehr, und wir stritten uns bei jedem Aufeinandertreffen. Eines Tages, nach einer sehr unangenehmen Auseinandersetzung, konnte ich meine Wut nicht länger unterdrücken und schrie ihn an: ‚Warum kannst du mich nicht leiden? Sag mir: wenn ich wegginge, wärst du dann zufrieden?‘

Euer Opa Friedrich glühte vor Ärger, aber er sagte kein Wort. Sein Schweigen bestätigte nur meine Annahme und verletzte mich zusätzlich. Ich fühlte Wut und tiefe Qual, aber ich riss mich zusammen. ‚Also gut, dann gib mir jetzt bitte meine Geburtsurkunde und die anderen Papiere, dann kann ich dich in Frieden verlassen.‘ Er brauchte tatsächlich nur ein paar Minuten, um die Dokumente zu finden, die mich nun noch mehr quälen sollten. Als ich einen flüchtigen Blick auf meine Geburtsurkunde warf, überraschte mich eine handschriftliche Notiz am Rande mit folgendem Wortlaut ‚Ich versichere, das Kind als mein eigenes anzuerkennen.‘…. ‚Das ist deine Handschrift, oder!?‘ - Ich hatte immer den Mangel an Zuneigung gespürt, wurde nie wie meine Geschwister behandelt, war immer das sprichwörtliche ‘Schwarze Schaf‘. Die Ablehnung, die ich seit meiner frühen Kindheit spürte, war keine Einbildung gewesen - und nun kannte ich den Grund dafür. Ich hatte auch immer empfunden, dass ich anders war: idealistisch gesinnt, mit sozialistischen Ansichten, und obwohl in der Oberschicht geboren, fühlte ich mich immer als einen, der nicht dazugehörte.

Nach dieser Szene mit meinem Vater ging ich sofort auf die Suche nach Tante Annchen. Ich zeigte auf den Vermerk in der Geburtsurkunde und fragte: ‘Bedeutet diese Notiz das, was ich vermute?‘ Sie umarmte mich. ‚Mein armer Junge, es tut mir leid, dass du es auf diese Weise erfahren musstest. Deine Mutter, sie ruhe in Frieden, war sehr unglücklich mit deinem Vater. Der vertrauensvollen Verbindung zum Pastor, der täglich zum Mittagessen kam, verdankst du schließlich dein Leben. Nicht lange, nachdem du geboren warst, sah er keinen Ausweg und nahm sich das Leben. Kurz vor ihrem Tod gestand dann deine Mutter ihre Überschreitung ein und bat deinen Vater eindringlich, dich als seinen eigenen Sohn aufzuziehen. Er versprach es ihr und versuchte mit diesem Versprechen zu leben. Er gab dir seinen Namen, aber leider konnte er dich nicht lieben. Verurteile ihn nicht zu hart deswegen, James, er ist trotzdem ein guter Mensch‘, sagte sie.“

Verloren in Gedanken schwieg Papa für einen Moment, dann sprang er abrupt von seinem Stuhl auf. „Zeit ins Bett zu gehen!“ Wir protestierten besser nicht. „Wenn ich morgen nicht zu beschäftigt bin, werde ich weitererzählen.“

Wie versprochen nahm er am folgenden Tag den Faden wieder auf:

„Die Jahre vergingen und 1916, in Angst vor einer russischen Invasion in Ostpreußen entschied mein Vater, nach Berlin zu ziehen. Wir hinterließen unser Gut in den Händen meines ältesten Bruders Walter. Die Entscheidung, in die Stadt zu ziehen, war für mich, der die Natur und das Leben im Freien liebte, nicht sehr glücklich. In Berlin wurde ich sehr traurig, hatte Probleme in der Schule und träumte davon, in mein geliebtes Ostpreußen zurückzukehren.

Im Frühjahr 1917 erwachte ich eines Morgens und bemerkte, dass mein linkes Knie an der Seite zu einem Ballon angeschwollen war. Keiner schenkte dem große Beachtung. Erst als ich es nicht mehr beugen konnte, wurde die Sache ernst genommen. Untersuchungen und Arztbesuche folgten. Einer der Doktoren zog die Flüssigkeit aus der Kniebeule, die am nächsten Morgen bereits wieder angeschwollen war. Nichts schien zu helfen. Ein Arzt nahm sogar an, die Ursache für die Schwellung könne durch einen Klimawechsel behoben werden, vielleicht weil er annahm, ich wäre zu jung dafür, um zu verstehen, was psychologische Ursachen seien. Schließlich wurde entschieden, dass nur eine Amputation mein Leben retten könne.

Aber, wie das Glück es wollte – und das passierte oft in meinem Leben – bewahrte mich etwas vor dieser Katastrophe. Während des Abendessens fragte mich ein Gast, wie es mir ginge, und ich erklärte ihm mein Leiden. Daraufhin wendete er sich an meinen Vater: ‚Lassen Sie das Bein nicht amputieren!‘ Er fuhr fort, dass er mit einem gewissen Dr. Friedmann (Friedrich Franz Friedmann) arbeite, der 1914 ein Heilmittel (Schildkrötenserum) gegen Tuberkulose gefunden hatte. ‚Zurzeit versuchen wir diese Krankheit bei Milchvieh zu bekämpfen. Lassen Sie mich am Montag mit Dr. Friedmann über James‘ Fall sprechen.

Ich werde sie umgehend unterrichten.‘

Um es abzukürzen, ich bekam eine Injektion, und am nächsten Tag war mein Knie wieder normal. Daraufhin führte ich mein Leben weiter, als wäre nichts gewesen.

Beim nächsten Termin, als der Arzt mich hereinschwanken sah, wurde er fahl, nannte mich einen Dummkopf und anderes, was ich lieber nicht wiederhole. Er gab mir eine zweite Injektion und befahl mir nach Hause zu gehen und zwei Wochen im Bett liegen zu bleiben. Sechs Wochen später war meine Gesundheit vollständig wiederhergestellt. Ja, ich habe noch mein Bein, und ich hatte nie wieder Probleme mit TBC.

Als ich zum Militär eingezogen werden sollte – es war ja Krieg - händigte ich dem untersuchenden Arzt meinen Befund aus. Er wurde ärgerlich und unterstellte mir, ich wolle mich nur vor meiner Pflicht fürs Vaterland drücken.

Im Nachhinein betrachtet: Wer kann behaupten, meine Erkrankung wäre kein Geschenk gewesen? Ich bin sicher, sie hat mich davor bewahrt, im Krieg getötet zu werden.

Während ich wegen meiner Krankheit bettlägerig war (1917/18), hatte ich genügend Zeit und Muße, mich meiner Passion hinzugeben: Das Leben wilder Tiere zu studieren. Ich verschlang jedes Buch über Zoologie, welches ich in die Hände bekam. Ich hatte wieder ein Ziel und entschied mich, mein Glück bei den beiden Zoologischen Gärten in Hamburg zu versuchen. Ich wurde tatsächlich als ‚unbezahlter‘ Volontär eingestellt. ‚Die Zeiten sind schlecht!‘, war die Begründung. Es lief gut, und ich hatte Freude an der Arbeit mit Tieren, selbst am Ausmisten der Ställe. Aber nach einem Monat waren meine mageren Geldmittel erschöpft, und ich musste wieder nach Hause.