Eine Frau am Spreeufer - Widad Nabi - E-Book

Eine Frau am Spreeufer E-Book

Widad Nabi

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Beschreibung

In der Geschichte und den Gedichten der in Berlin lebenden kurdisch-syrischen Autorin und Lyrikerin Widad Nabi im Kursbuch 192 geht es um das Thema Identität. Wie sehr sich das Erleben von Entwurzelung und die Suche nach Herkunft, die insbesondere, Flucht-, Kriegs- und Zerstörungserfahrungen dem Individuum aufzwingen, überall ähneln, vermittelt sie auf intensive Art in ihrer Sprache und ihrer Reflexion. Bewegend allein ihr kurzer Bericht, wie sie in Deutschland wieder anfing, Bücher zu kaufen, noch bevor sie ein Wort der neuen Sprache verstehen konnte. Die Bücher gaben ihr Ruhe und "konnten den neuen Ort vertrauter machen und verliehen der Fremde eine menschliche Dimension".

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Seitenzahl: 17

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Frauen II

 

Inhalt

Widad Nabi Eine Frau am Spreeufer Geschichte und Gedichte

Die Autorin

Impressum

Widad Nabi Eine Frau am Spreeufer Geschichte und Gedichte

Am Spreeufer sitze ich dem alten Berliner Dom gegenüber zwischen drei Frauenstatuen. Rechts von mir steht eine nackte Frau, ihre Hand ruht auf dem Knie, ihre Gesichtszüge sind traurig und einsam, als ob sie eine alte Wunde in sich tragen würde, die sie nicht berühren kann, um sie zu heilen.

Links von mir die zweite nackte Frau, die auf den Fluss vor ihr schaut, als ob er weit weg zu ihrem Land fließt, das sie verloren hat. Sie scheint über den Verlust nachzudenken, und es ist, als würden ihre Marmorlippen einen Vers aus Brechts Gedicht »Gedanken über die Dauer des Exils« vortragen:

»Schlage keinen Nagel in die Wand Wirf den Rock auf den Stuhl […] Du kehrst morgen zurück.«

Ich denke: Wenn ich an der Stelle dieser Frau wäre, könnte der neue Ort für mich zur Heimat werden? Ist es tatsächlich unmöglich, die Geborgenheit des alten Ortes wiederzugewinnen?

Wenn das so wäre, müssten wir jede neue Möglichkeit, aus den ­Ruinen aufzuerstehen, von vornherein als Niederlage ansehen. Jeder Ort hat eine Seele, die uns aufnehmen kann, um ein neues Leben zu schaffen und ein Gedächtnis voll Liebe, Angst, Wünschen, Trauer, Wei­nen und Lachen, als wären wir neu geboren.

1

Bei einer Lesung im Berliner Literaturhaus fragte eine Zuhörerin, was wir mit unseren Büchern gemacht hätten, als wir unser Land verließen. Die Frage öffnete eine Tür zu alten, unheilbaren Wunden. Ich habe all meine Bücher zurückgelassen. Es war keine große Bibliothek; ich hatte die meisten Bücher in der Pubertät von meinem Taschengeld gekauft, und der Rest waren Geschenke von Freunden, die nun durch den Krieg in alle Winde zerstreut sind.

Ich ließ diese Bücher ebenso hinter mir wie meine Familie, mein Haus und meine Stadt.