Eine Frau ist eine Frau ist eine … - Martine Carton - E-Book

Eine Frau ist eine Frau ist eine … E-Book

Martine Carton

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Beschreibung

«Eine Frau ist eine Frau ist eine ...» – nun, ein kleines Mädchen zum Beispiel, das sich so seine Gedanken über die Spinne macht, die ihm übers Kleid krabbelt; die Krankenschwester, die mit ihrer Freßgier kämpft; die weltfremde Püppchen-Frau, die plötzlich entdeckt, daß sie diskutieren kann; die faule, die treue Frau, die Frau mit dem berühmten Vater und jene, die niemand lieben mochte; die Pflegerin, die seit Jahren Wöchnerinnen beobachtet; die alte Frau. In sechzehn exemplarischen Erzählungen kämpfen Frauen gegen die ihnen aufgedrängte Rolle und um ein Selbstbewußtsein, das nicht von Männern, Kindern oder Kleidern abgeleitet ist.

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Seitenzahl: 171

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Martine Carton

Eine Frau ist eine Frau ist eine …

Aus dem Niederländischen von Barbara Meller

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

«Eine Frau ist eine Frau ist eine ...» – nun, ein kleines Mädchen zum Beispiel, das sich so seine Gedanken über die Spinne macht, die ihm übers Kleid krabbelt; die Krankenschwester, die mit ihrer Freßgier kämpft; die weltfremde Püppchen-Frau, die plötzlich entdeckt, daß sie diskutieren kann; die faule, die treue Frau, die Frau mit dem berühmten Vater und jene, die niemand lieben mochte; die Pflegerin, die seit Jahren Wöchnerinnen beobachtet; die alte Frau.

In sechzehn exemplarischen Erzählungen kämpfen Frauen gegen die ihnen aufgedrängte Rolle und um ein Selbstbewußtsein, das nicht von Männern, Kindern oder Kleidern abgeleitet ist.

Über Martine Carton

Martine Carton ist 1944 in Amersfoort geboren. Als Hausfrau kam sie über die «Dolle Mina»-Bewegung zum Schreiben und veröffentlichte 1974 ein in Holland sehr erfolgreiches Ratgeberbuch für junge Mädchen. Sie hat Kinderbücher, Romane und Krimis geschrieben.

Inhaltsübersicht

Die Spinne, die aus der Nase kamDer Mann in der BibliothekDer sportliche TypDas – nie wiederEr hat eine Papierpuppe im HausDie Frau, die nicht lieben konnteFaulZwölf Jahre treuDer Glaube der VäterGonnys MannEin eigenes LebenDie WochenpflegerinAltersproblem?Ihr Vater war berühmtDer Anruf um fünf UhrStimmen

Die Spinne, die aus der Nase kam

Mit ihrem kleinen Po saß sie mitten auf der Wiese vor ihrem Haus. Ihre Beine – die nackten Füße steckten in Sandalen – hatte sie kerzengerade vor sich ausgestreckt. Bevor sie sich dort hinsetzte, hatte sie eine Menge Gänseblümchen gepflückt und dabei sorgfältig darauf geachtet, jedes Stielchen so dicht am Boden wie möglich abzuknicken, damit sie recht lang blieben. Haargenau so wie ihr die Mutter das beigebracht hatte.

Nun lagen die abgepflückten Blumen auf ihrem Schoß, ihr Kleid so weit ausgebreitet wie es eben ging.

Obwohl noch ziemlich früh am Morgen, war es schon angenehm warm. Das Gras gab ihr ein Gefühl von angenehmer Kühle. Sie sah in die Luft, die endlos hellblau schien. Nur in der Ferne tauchten kleine weiße Wolken auf, wie Meereswellen, die langsam auf die Stadt zutrieben.

«Geh schön mit Jakob spielen», hatte ihre Mutter gesagt, «wenn ich die Betten gemacht habe, setze ich den Kaffee auf und du kriegst deine Tasse Kakao!» Sie war dann durch die offene Küchentür über den kleinen gepflasterten Weg zum Gartentörchen gelaufen, an den beiden Gärten vorbei, und hatte den gleichen Weg in umgekehrter Reihenfolge bis hin zum Nachbarn zurückgelegt. «Jakob kann nicht spielen kommen», hatte ihr die Nachbarin gesagt, «er war schon so früh auf, daß er bereits wieder müde wurde und jetzt schläft.»

Jakob war noch klein. Nicht so klein wie ihr Bruder, der noch den ganzen Tag in seiner Wiege schlief, aber noch lange nicht so groß wie sie. Sie spielte oft mit ihm, weil es tagsüber keine Kinder in ihrem Alter zum Spielen gab, die gingen nämlich alle schon zur Schule.

Als sie noch in ihrem alten Haus wohnten, da ging sie auch schon dort zur Schule. In die Vorschule zu Fräulein Riet und Willi. Aber nun waren sie umgezogen, und ihre Mutter meinte, daß es sich für die paar Monate, bis sie in die richtige Schule käme, nicht lohne, eine neue Vorschule zu suchen.

Ihre ältere Schwester dagegen mußte gleich wieder zur Schule, denn wenn man einmal mit der richtigen Schule begonnen hatte, durfte man nichts mehr versäumen. In ein paar Monaten würde sie groß genug sein und dann auch in die richtige Schule gehen. Sie hatte es niemandem verraten, aber ein wenig fürchtete sie sich davor.

«B-A-L-L», buchstabierte ihre Schwester, wenn sie abends mit ihrer Mutter lesen üben mußte.

«Was steht da nun?» fragte die Mutter ungeduldig. «Ich weiß es doch nicht!» hörte sie ihre große Schwester heulen.

Sie nahm drei Gänseblümchen in die Hand und begann zu flechten. Sie brauchte überhaupt nicht an die Schule zu denken, denn das dauerte noch so schrecklich lang, vorher mußte sie ja erst Geburtstag haben.

Mit vorsichtigen Fingern flocht sie ihr Kränzchen. Dabei fügte sie jedesmal, wenn ein Stiel beinahe am Ende war, ein weiteres Blümchen hinzu. Es würde prachtvoll werden, und wenn sie es schließlich fertig hätte, könnte sie es sich auf den Kopf setzen. Dann würde sie genau wie eine Braut aussehen.

Am letzten Sonntag waren eine Menge kleiner Mädchen in ihrem Alter auf der Straße gewesen, in weißen Kleidern und mit Kränzen im Haar. Sie trugen nicht wie sonst Sandalen ohne Strümpfe, sondern feine weiße Schuhe mit dazu passenden weißen Söckchen. Manche von ihnen hatten sogar Lackschuhe an, und das war ja nun einfach wundervoll. Sie hatte das so schön gefunden, daß sie ihre Mutter fragte, ob sie auch so ein schönes Kleid bekommen könnte. Ihre Mutter hat darüber nur gelacht. Hier in der Gegend sind die meisten Leute katholisch. Sie gehen immer zur Kirche, und mit sechs Jahren bekommen die Mädchen solche Sachen angezogen, weil sie dann zur Hl. Kommunion gehen. Sie hatte das zwar nicht vollständig verstanden, aber doch ein bißchen. Katholisch-sein bedeutete eben anders-sein, denn die anderen Kinder aus ihrer Straße mußten auch in eine andere Schule, eben wegen diesem Katholisch-sein. Sie selbst dagegen waren anscheinend kommunal, denn ihre Schwester ging auf die kommunale Grundschule, und wer kommunal war, bekam eben nie im Leben weiße Kleider mit Lackschuhen. Sie wollte gerade nach einem neuen Gänseblümchen greifen, als sie plötzlich eine Spinne entdeckte, die ihr über’s Kleid lief. Sekunden blieb sie starr vor Schreck wie angewurzelt sitzen. Ihr Kopf dabei ein wenig vorgebeugt, die Hand erhoben. Plötzlich sprang sie in panischer Hast auf, das angefangene Kränzchen behielt sie fest in der linken Hand. Der Rest der Blumen fiel ins Gras, ohne daß sie es bemerkte. Mit ihrer rechten Hand schlug sie sich unentwegt auf’s Kleid und setzte dies noch fort, als die kleine Spinne längst schon verschwunden war. Achtlos ließ sie die Blumen am Boden liegen und sah etwas unschlüssig auf den Kranz in ihrer Hand. Dann lief sie zu einem anderen Teil der Wiese, wo eine Menge Gänseblümchen wuchsen. Dort setzte sie sich wieder, jedoch diesmal auf ihr Kleid, das sie so weit wie möglich um ihre bloßen Beine schlug. Jetzt, da sie sich weit unsicherer fühlte, sah sie sich mißtrauisch um. Spinnen waren sehr beängstigende, gefährliche Biester, die aus dem Kopf zu krabbeln pflegten. Das wußte sie ja nun genau, und wenn ihre Mutter noch so oft erzählte, wie harmlos die seien und daß sie niemandem etwas täten. Sie hatte es doch selbst erlebt.

In der Vorschule, in die sie gegangen war, gab es solche Pappunterlagen, die man auf die Tische legen mußte, wenn man irgend etwas kleben oder malen wollte.

Einmal, als sie ganz versunken bei einer Arbeit saß, rubbelte sie mit der anderen Hand ein kleines, aufgerolltes Eckchen der Unterlage ab und steckte es in Gedanken in die Nase. Warum, das wußte sie selbst nicht, denn eigentlich tat sie so etwas nie. Stets hatte ihre Mutter sie gewarnt: «Steck dir nichts in die Nase, denn sonst landet es in deinem Kopf, und dann bekommen wir es nie mehr raus!»

Jetzt steckte dieses Stückchen Pappe aber in ihrer Nase und würde demzufolge also nie mehr raus können. In panischer Angst hatte sie mit ihrem dünnsten Finger danach gebohrt, einerseits in der Hoffnung, es wieder rauszukriegen, andererseits bereits im Bewußtsein, daß es immer tiefer nach oben rutschen würde, um schließlich für immer im Hirn zu verschwinden. Während sie wie wild den Kopf schüttelte, geschah dann das Schreckliche: Auf die Unterlage auf ihrem Tisch war eine große schwarze, dicke Spinne gefallen. Sofort hatte sie begriffen, was geschehen war. Sie hatte etwas Verbotenes getan, sie hatte sich etwas in die Nase gesteckt. Zur Strafe hatte sich dies Stück Pappe in eine Spinne verwandelt, und die war dann aus ihrer Nase gekrochen.

Sie empfand derartige Angst, daß ihr die Ohren sausten und sie ihr Herz bis an die Kehle klopfen fühlte. Von dem Stückchen Pappe hat sie nie mehr etwas gemerkt oder gesehen. Zu Hause hat sie ihrer Mutter davon nichts erzählt, denn wenn sie das erfahren hätte, wäre sie ihr sicher böse gewesen und hätte sie nicht mehr gemocht. Deshalb hatte ihre Mutter ja auch nie begreifen können, warum sie so schreckliche Angst vor Spinnen hatte.

Sie schaute hinüber zum Haus und sah, wie die Mutter das Bettzeug von der Fensterbank nahm. «Hallo, hallo, Martina!» rief sie. Glücklich winkte sie ihrer Mutter zurück, die Spinne hatte sie total vergessen.

Die Blumen brauchte sie gar nicht erst zu pflücken. An der Stelle, wo sie jetzt saß, wuchsen so viele, daß sie sich jedes Mal, wenn ein Stielchen eingeflochten war, ein neues Gänseblümchen knicken konnte.

Plötzlich schien es, als sei die Sonne verschwunden. Sie sah auf. Da hatte sich doch so eine kleine Wolke genau vor die Sonne gesetzt. Komisch, wo doch die Luft so unendlich weit und die Sonne dagegen winzig klein war, daß sich eine von den paar Wolken ausgerechnet vor die Sonne setzte.

«Die Sonne ist ein runder Ball», hat ihr die Mutter erzählt, «und darum herum ist Luft.» Die Erde sollte ja auch rund sein, aber selbst wenn man ganz weit gucken könnte, würde man das noch immer nicht mit eigenen Augen sehen können. Vielleicht saß auf der anderen Seite der Erde, genau an derselben Stelle, auf der sie jetzt saß, auch ein kleines Mädchen auf der Erde. Dann säßen sie ja eigentlich Po an Po und hingen mit ihren Köpfen einfach so in der Luft. Eine komische Vorstellung.

Sie saß mit einemmal ganz still und vergaß ihr Kränzchen. So ein Mädchen würde gar nicht wissen, daß es sie gab, und es auch niemals erfahren. Auf der anderen Seite der Welt wohnten eine Menge Leute, eine Menge Leute, die überhaupt nicht wußten, daß sie hier mit ihrem Vater und ihrer Mutter in diesem Haus wohnte.

Wenn sie Schmerzen hatte, würden es diese Menschen gar nicht wissen, und wenn sie starb, würden sie das überhaupt nicht merken. Erstaunt blickte sie herum. In der anderen Straße wohnten auch viele Leute. Die hatten sie sicher schon mal gesehen. Das ist das Mädchen mit den Zöpfen, das jetzt irgendwo hier in die Gegend gezogen ist, würden sie denken. Aber ihre eigenen Kinder würden diese Leute viel wichtiger finden als sie, und deren Kinder würden auch denken, daß sie der Mittelpunkt der Welt wären. Genau wie sie das immer gedacht hatte.

Ihre Mutter stand in der offenen Küchentür und rief: «Martina, komm, dein Kakao ist fertig.»

Sie stand auf und lief über den gepflasterten Weg aufs Haus zu. Ihre Mutter würde ihr nichts anmerken, und sie selbst wußte es auch nicht, aber wieder war sie ein wenig ein anderer Mensch geworden.

Der Mann in der Bibliothek

Nachdem sie sorgfältig nach links und rechts geschaut hatte, überquerte sie schnell die verkehrsreiche Straße. Ihre Klocks klapperten laut über den Asphalt. Ein Autofahrer verlangsamte seine Geschwindigkeit, damit sie leichter die andere Straßenseite erreichen konnte. Er sah ihr noch eine Zeitlang nach, wie sie über den Bürgersteig auf ihre Haustür zulief. Als sie sich bückte, um ihren Schlüssel aus der Tasche zu angeln, fielen ihr die langen Haare übers Gesicht, und sie strich sie mit ungeduldiger Gebärde nach hinten, bis sie schließlich als dicker Strang hinter dem Ohr liegenblieben. Sie öffnete die Tür und rannte die Treppe rauf. Ihr Gang war ein wenig schief durch die schwere Tasche, die an ihrer Lederjacke bereits eine kleine blankgescheuerte Stelle hinterlassen hatte. Das «Hallo», das sie beim Hinaufrasen nach oben schrie, hallte noch lange im Treppenhaus nach.

Als von dort keinerlei Reaktion kam, begriff sie, daß noch niemand zu Hause war. Achtlos schmiß sie Schultasche und Jacke in der Garderobe auf die Erde und lief in die große Küche.

Von der Tür aus sah sie bereits den Zettel auf der Stahlspüle. Sie brauchte ihn gar nicht erst zu lesen, um zu wissen, was da drauf stand. «Ich komme heute später als geplant. Setz bitte gegen fünf die Kartoffeln schon auf, sonst wird’s mit dem Essen so spät!»

Sie guckte in den Topf auf dem Gasherd und sah, daß sie bereits geschält waren. Damit zumindest würde sie keine Arbeit mehr haben. Also ging sie zurück zum Spiegel im Flur und kämmte sich die Haare. Danach angelte sie ihre Schultasche unter der Jacke hervor, nahm sie in ihr Zimmer, um dort die Bücher auszupacken und auf den Schreibtisch zu legen. Aber dann beschloß sie, daß es ganz sinnlos sei, bereits jetzt mit den Hausaufgaben zu beginnen. Also ging sie erst mal ins Wohnzimmer, um schnell mit ihrer Schwester zu telefonieren. Sie wählte die Nummer und wartete auf die Stimme am anderen Ende der Leitung. Dabei fiel ihr ein, daß sie ihrer Schwester von dem Fest erzählen würde, zu dem sie morgen eingeladen war, und wie wichtig ihr das sei. Vielleicht würde sie ihr sogar die schönen weißen Stiefel leihen, damit sie morgen besser aussah. Aber es meldete sich niemand. Sie wartete, bis das Freizeichen zum Besetztzeichen wurde, und hängte dann enttäuscht auf. Sicher war ihre Schwester mit dem Baby spazieren oder irgendwo zu Besuch. Es erschien ihr inzwischen sowieso besser, sich die weißen Stiefel nicht zu leihen. Ihr würden sie niemals so gut stehen wie ihrer Schwester. Außerdem würde ihr Schwager sicher irgendwelche Bemerkungen darüber machen, wenn sie um die Stiefel bitten würde. Er war zwar nett, und sie kamen auch ganz gut miteinander aus, aber nie konnte er sich so ganz damit abfinden, daß seine Frau und ihre jüngere Schwester derart aneinander hingen, täglich miteinander telefonierten und sich sämtliche Kleinigkeiten mitteilten. Mit der Zeit hatte das ihr Verhältnis doch beeinflußt, besonders seit das Baby da war, hatten sie sich etwas auseinander entwickelt.

Na klar, ihre Schwester lebte jetzt mehr in einer eigenen Welt mit ihren Sorgen und Problemen, und die waren ihr eben doch recht fremd und so weit weg von ihren eigenen.

Wieder lief sie in die Küche, um sich etwas zum Essen zu holen. Sie fand eine angebrochene Rolle Kekse und eine Flasche Cola im Kühlschrank; sie goß sich ein Glas ein. Schließlich ging sie doch an ihren Schreibtisch, schlug im obersten Buch die Seite auf, die gerade dran war, aber sie hatte große Mühe, sich auf den Stoff zu konzentrieren. Zwar las sie die Worte, die da standen, aber ihre Bedeutung erfaßte sie nur spärlich.

Immer wieder mußte sie an das Fest morgen denken. Als sie von diesem Mädchen, das sie kaum kannte, die telefonische Einladung bekam, fand sie zunächst gar nichts Besonderes dran. Häufig bekam sie derlei Einladungen, manche, weil man auf ihre Anwesenheit Wert legte, und einige auch, weil man gerade die gleiche Anzahl von Jungen und Mädchen brauchte.

Bevor sie endgültig zusagte, hatte sie sich erkundigt, wer sonst noch käme. Es war ja immerhin möglich, daß da Leute wären, die sie nicht ausstehen konnte und denen sie nicht begegnen wollte. Keiner von denen, die ihr da genannt wurden, machte ihr Kommen unmöglich, die meisten der Gäste waren ihr sogar gänzlich unbekannt. Aber einer der Namen, die ihr am Telefon heruntergeleiert wurden, durchzuckte sie wie ein Blitz. Froh darüber, daß die am anderen Ende der Leitung nicht sehen konnte, wie sie rot anlief, hatte sie so beiläufig wie möglich gefragt, ob das vielleicht dieser lange dunkle Typ sei, der mittags häufig in der Bibliothek saß. Falls sie den Kerl mit dem Bart meine, sagte die Stimme am anderen Ende, träfe das wohl tatsächlich zu. Danach folgte eine übertriebene Beschreibung aller Qualitäten dieser Person. Vor lauter Aufregung hatte sie nicht mal gehört, was da im einzelnen alles gesagt wurde. Aber das war auch nicht nötig, denn sie wußte ja genau, um was für einen fabelhaften Menschen es sich handelte. Deshalb ging sie oft mittags in die Bibliothek, auch wenn sie die Bücher vom letzten Mal noch keineswegs gelesen hatte. Endlos lief sie dann durch die Regalreihen, um nach Büchern zu suchen und von dort aus diesen Jungen heimlich beobachten zu können, der durch nichts vom Lesen abzubringen war. Er mußte schon sehr intelligent sein, wenn er selbst in diesem Trubel zu studieren vermochte. Trotz ihrer Schüchternheit hat sie einmal den Mut aufgebracht, sich ihm gegenüber an den Tisch zu setzen. Zu diesem Zweck hatte sie ein französisches Buch ausgesucht, das für sie eigentlich viel zu schwer war und von dem sie schließlich auch kein Wort verstand. Sie hatte so getan, als würde sie lesen, in der Hoffnung, er würde es bemerken und den Versuch unternehmen, mit ihr ein Gespräch zu beginnen. Aber er ließ nicht einmal erkennen, ob er sie überhaupt wahrgenommen hatte, und setzte ungerührt seine Lektüre fort.

Eines Tages entdeckte sie zufällig, wo er wohnte, weil sie sein Mofa vor einer Tür stehen sah. Sie hatte an dem leicht verbogenen Hinterblech und dem Schild erkennen können, daß es sein Mofa war. Und seit sie darauf achtete, hatte sie es dann öfter dort stehen sehen. Manchmal führte sie den Hund vom Nachbarn aus und lief dann immer in die Gegend, wo sein Haus stand. Vielleicht würde sie ihm dort mal durch Zufall begegnen. Einmal band sie absichtlich den Hund kurz vor seinem Haus los, um dann in Höhe der Tür sehr laut «Lassi» zu rufen. Es sollte so wirken, als müsse der Hund auf der Stelle zu ihr kommen und wolle absolut nicht folgen. Aber die Schärfe ihrer Stimme erschreckte sie selbst so, daß sie danach nicht einmal mehr zu seinem Fenster hinaufzugucken wagte, um festzustellen, ob sie mit ihrem Auftritt Erfolg gehabt hatte und er sie bemerkte.

Nun würde sie ihm morgen abend also offiziell begegnen, und danach könnte er dann nicht mehr so tun, als kenne er sie nicht. Aber da gab es noch ein weiteres Problem, denn unter den Eingeladenen war auch Eva, und Eva war so viel hübscher und anziehender als sie. Sie stand vom Schreibtisch auf und ging zu dem Spiegel über dem Toilettentisch. Dort betrachtete sie sich kritisch und befand, daß sie doch gräßlich staksig und mager aussah. Ihre Haare würde sie morgen mittag noch waschen, die würden dann abends gut sitzen, aber an dem roten Fleck da mitten auf der Nase, der morgen bereits ein Pickel sein würde, ließ sich nicht viel ändern. Natürlich konnte sie eine Schicht flüssiges Make-up drüberschmieren, so daß er weniger auffiel, aber sie selbst würde wissen, daß er da war, und dieses Wissen würde sie den ganzen Abend über nicht verlassen. Sie stand ganz gerade vor dem Spiegel und besah sich kritisch ihre Figur. Unter den blauen Jeans zeichneten sich ihre Hüftknochen sehr deutlich ab, und wenn sie ihre Beine auch noch so nah aneinanderstellte, blieb zwischen den Schenkeln noch immer eine große ovale Öffnung. Ihr Oberkörper ließ schwerlich erkennen, daß sie kein Junge war. Wenn sie allerdings ihre Schultern ganz weit nach hinten drückte und man sie dann von der Seite besah, war eine leichte Wölbung zu erkennen, die ihre Brüste darstellten. Aber gerade weil sie sich dieses Mangels so schämte, lief sie immer krumm und vornübergebeugt, in der Hoffnung, daß es so weniger auffiele, daß sie so schlecht entwickelt war.

Der Mann in der Bibliothek würde sicher kein Auge von Eva abwenden können. Eva, die immer so stolz auf ihren Körper war und es auch verstand, durch ihre aufreizenden Kleider noch mehr Aufmerksamkeit auf ihren großen Busen und Hintern zu lenken. Morgen abend würde Eva sicher wieder einen weiteren Kandidaten in die lange Liste ihrer Verehrer eintragen können. Verehrer – als wenn’s dabei bliebe! Eva war doch dafür bekannt, daß sie sich schon für ein kleines Eis oder ’ne Cola von jedem Heini begrapschen ließ. Diese ganzen Kerle, die ihr wie wild nachliefen, hatten ja doch nichts anderes im Kopf als den Gedanken, wie sie Eva am schnellsten aus diesen Kleidern rauskriegten. Übrigens bedurfte das kaum besonderer Mühe. Sie trug sowieso nur Sachen mit ganz tiefen Ausschnitten und Röcke, die knapp ihren Po bedeckten.

Schlechtgelaunt betrachtete sie sich weiter und fand, sie brauche eigentlich gar nicht erst hinzugehen. Plötzlich hatte sie eine Idee und lief wieder zurück ins Wohnzimmer ans Telefon. Auswendig wählte sie die Nummer ihres Vaters im Büro. Der Telefonistin erklärte sie, wer sie sei und wartete dann, während man am anderen Ende versuchte, sie mit ihrem Vater zu verbinden. Als sie ihn dann schließlich aus einer Besprechung herausgeholt hatten, klang seine Stimme kurz angebunden und ungeduldig.