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"Eine halbe Million Schritte" beschreibt in amüsanter, aber auch nachdenklicher Weise den ersten Jakobsweg der Autorin von Porto nach Santiago de Compostela, den sie in ihrem 60. Lebensjahr alleine und ausschliesslich zu Fuss zurückgelegt hat. Sie will mit ihren Schilderungen besonders Frauen im reiferen Alter Mut zusprechen, ihre Zweifel und Ängste zu besiegen und sich einfach auf den Weg zu machen
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Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2020
Susanne Schwenter-Wolff (Jg. 1960), in Deutschland geboren und aufgewachsen, zog es bereits während und nach ihrem Studium der Angewandten Sprachwissenschaft in Mainz/Germersheim hinaus in die Welt. Zunächst bereiste sie viele Länder als freiberufliche Konferenzdolmetscherin und Reiseleiterin, später lebte sie während fünf Jahren in Katalonien und war in leitender Funktion in einer deutsch-spanischen Automobilzuliefererfirma tätig. Den Wunsch, einen Jakobsweg zu gehen, hegte sie bereits seit 1993, nachdem ein schwerer Schicksalsschlag ihre bis dahin vorwiegend auf Karriere und Erfolg ausgerichtete Lebensplanung nachhaltig erschütterte. Die Pläne änderten sich, der Wunsch blieb, auch, nachdem sie der Liebe wegen 1995 von Spanien in die Schweizer Berge übersiedelte. Dort, im Waadtländer Oberland, züchtet sie mit ihrer Familie Freibergerpferde, begleitet im pferde- und naturgestützten Coaching Menschen in schwierigen Lebenssituationen bei der Suche nach dem eigenen Weg und führt nebenberuflich ihr Übersetzungsbüro.
Einen Jakobsweg zu gehen gehörte ganz oben auf die Liste ihrer persönlichen „Big Five“ im Leben, die sie in ihrem 60. Lebensjahr erstellt hat. Nun ist der 2. Pilgerweg in Planung, der Schwabenweg von Konstanz nach Einsiedeln. Und wer weiss, es gibt ja noch viele weitere Jakobswege, die irgendwann alle einmal nach Santiago de Compostela führen…
29.9. Porto – Einstimmung und erster Stempel (20 km)
30.9. Camino Tag 1: Porto-Labruge, 19.3 (23 km) km
1.10. Tag 2: Labruge-Aguçadoura (20.3 km)
2.10. Tag 3 Aguçadoura-Marinhas 17 km (21) km
3.10. Tag 4: Marinhas – Viana do Castelo (gut 20 km) und Steigungen
4.10. Tag 5: Viana do Castelo – Vila Praia de Ancora (knapp 20 km)
5.10. Tag 6: Vila Praia de Ancora – Strand – Ruhetag (6 km)
6.10. Tag 7: Vila Praia de Ancora – Vila Nova de Cerveira (19 km)
7.10. Tag 8: Vila Nova de Cerveira – Tui (18 km)
8.10. Tag 9: Tui – O Porriño (14 km)
9.10. Tag 10: O Porriño- Cesantes (16 km)
10.10. Tag 11: Cesantes- Pontevedra (22 km)
11.10. Tag 12: Pausentag in Pontevedra (4 km)
12.10. Tag 13: Pontevedra – Caldas de Rei (21 km) Dia de la Hispanidad, Nationalfeiertag
13.10. Tag 14: Pausentag in Caldas de Reis
14.10. Tag 15: Caldas de Reis/Reyes – Padrón (21 km)
15.10. 16.Tag: Padrón - Milladoiro (16 km), vorletzte Etappe
16.10. 17. Tag: Milladoiro – Santiago de Compostela (10 km) angekommen!!!
17.10. Santiago de Compostela, Camino-Nachlese
18.10. Santiago de Compostela - letzter Tag
Epilog
Endlich! Endlich ist es soweit: mein Camino de Santiago, mein persönlicher Jakobsweg, steht unmittelbar bevor!
Fast neun Monate der Vorfreude, Neugierde, Spannung und zumindest hin und wieder auch der läuferischen Vorbereitung liegen hinter mir, seitdem ich am 3. Januar 2019, dem 18. Geburtstag unserer jüngsten Tochter, Hin- und Rückflug nach Porto bzw. Santiago buchte. Ist es nur Zufall, dass der entscheidende Schritt, nämlich die feste Buchung der Flüge, auf den Tag der Volljährigkeit unserer Jüngsten fiel? Beinahe, als hätte ich mir damit versichern wollen, dass sie nun als junge Erwachsene vor dem Gesetz die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen hätte und mich als Mama aus meiner offiziellen Zuständigkeit „entlassen“ würde, also ich mir ein Stück meiner eigenen Selbständigkeit zurückerobern könnte? Als Mutter fühlt man sich vermutlich niemals ganz aus der Verantwortung, aus der Fürsorge, aus dem Kümmern um die eigenen Kinder entlassen, mögen sie auch noch so alt sein… An Zufälle glaube ich schon lange nicht mehr, also lasse ich diese Frage einfach einmal so stehen, eine eindeutige Antwort auf diese Überlegung erwarte ich ohnehin nicht.
Mit meinem knapp 8 kg schweren Rucksack, den ich abgeleitet von der schweizerischen Koseform für Jakob liebevoll „Köbi“ getauft habe, fährt mich unsere Tochter Julia in ihrem Auto nach Aigle. Hier besteige ich an einem noch kühlen, aber sonnigen Samstagmorgen Ende September den Zug, der mich nach Genf bringen soll. Von dort aus werde ich einen Direktflug nach Porto, dem Ausgangspunkt des Pilgerwegs „Caminho Portugues do Litoral“, dem portugiesischen Küstenweg nehmen.
Eine gewisse Nervosität schleicht sich nun doch allmählich bei mir ein, bei mir, der Vielreisenden, der gerne Alleinreisenden, der „ich kann das alleine“- Frau, und es ist ein sehr ungewohntes Gefühl, während ich im fast leeren Zug am Genfer See entlangfahre. Ich als methodische Planerin und in meiner Familie als schon perfektionistisch geltende Organisatorin werde zum ersten Mal im Leben fast ohne Plan, nur mit Ausgangspunkt und Zielort im Kopf, für drei Wochen zu Fuss in einer mir völlig unbekannten Gegend unterwegs sein. Ohne Netz und doppelten Boden, sozusagen. Nur die Unterkünfte für die beiden Nächte in Porto und die letzten drei in Santiago sind vorgebucht, kostenlos stornierbar, sollten sich die Gegebenheiten kurzfristig ändern. Sonst nichts. Nada. Nur einen mir sehr oberflächlich erscheinenden Erfahrungsbericht und einige persönliche Schilderungen in den einschlägigen Facebook-Gruppen habe ich im Vorfeld gelesen, die eine oder andere Frage in diesen Foren gestellt und mich nicht einmal eingehend mit dem einzigen gekauften Reiseführer in meinem Gepäck beschäftigt. Werde ich mich wirklich in diese Planlosigkeit fallenlassen und mich dem stellen können, was mich auf dem Weg erwartet? Schau ‘n mer mal… Ich bin jedenfalls sehr gespannt.
Nachdem mein Reisepartner „Köbi“, zu dem ich schon jetzt ein fast freundschaftlich-komplizenhaftes Gefühl entwickelt habe wie noch nie bei einem Gepäckstück zuvor, wieso auch?, beim Check-In auf dem Transportband nach hinten in den dunklen Bauch des Gepäckraums verschwunden ist, bringe ich die Sicherheitskontrolle ohne Beanstandung hinter mich (mein Schweizer Taschenmesser ist in Köbis Tiefen sicher verstaut) und gönne mir die Wartezeit in der für Priority-Pass-Inhaber reservierten Lounge. Diesen Priority-Pass kann man heutzutage für einen erschwinglichen monatlichen Betrag kaufen (der allemal geringer ist als der Kauf von Kaffee/Wasser und einem Sandwich an Schweizer Flughäfen), wenn man nicht die erforderliche Buchungsklasse oder auch eine gewisse Flugmeilenanzahl vorweisen kann und überbrückt so manch lästige Wartezeit und Flugverspätung in einem relativ angenehmen, zumindest sehr ruhigen Umfeld, in dem auch für’s leibliche Wohl gesorgt ist. Ich greife nach einem Glas Champagner und prompt handele ich mir damit die ersten Zweifel ein: passt Pilgern zu Champagner? Bevor ich mir eine Antwort darauf geben kann, leere ich dieses Glas und hole mir ein nächstes, dann denkt es sich beschwingter. Ich beschliesse, die mir auf den Tabletts in fester und flüssiger Form angebotenen Köstlichkeiten ohne Gewissensbisse zu geniessen, denn wer weiss, was in den nächsten Tagen und Wochen noch auf mich zukommt. Zudem habe ich ja kein radikales Verzichtsgelübde abgelegt, ich möchte nur pilgern, nicht hungern!
Mit der Anzeigetafel der Abflüge im Blick schweifen meine Gedanken während der 90-minütigen Wartezeit ab…
Die Frage nach dem „pilgern“ und was es für mich bedeutet stelle ich mir schon lange. Sehr lange. Nicht erst, seitdem mir im Winter 2019 durch das Büchlein eines amerikanischen Autors der Anstoss dazu gegeben wurde, die persönlichen „Big Five“ in meinem Leben zu definieren, sondern ich hatte bereits 1993 die Absicht, nein, das Bedürfnis, einen Pilgerweg zu gehen. Damals hat mich ein Erlebnis in meinem engsten Familienkreis nachhaltig erschüttert und meinem bis dahin ausschliesslich aus Karrieredenken und Erfolgsstreben bestehenden Leben eine einschneidende Wende gegeben. Es hätte mich genauso gut komplett aus der Bahn werfen können, so sehr hat mich der Verlust meiner engsten Vertrauten, meines Seelenzwillings, meiner liebsten Bezugsperson, meiner einzigen Schwester mitgenommen.
In meinem bisherigen Leben hat es sich immer ergeben, dass ich zur richtigen Zeit auf einen richtig guten Freund und Ratgeber gestossen bin: auf DAS richtige Buch im richtigen Moment und so auch im letzten Winter, als mich die „Big Five for Life“ von John Strelecky in der ruhigeren Zeit „zwischen den Jahren“ zum Nachdenken brachten und ganz spontan das Stichwort „Jakobsweg“ vor „ein Buch schreiben“ und „Besuch von Machu Picchu“ auf den ersten Platz meiner persönlichen Fünferliste schoss!
Der Gedanke elektrisierte mich sofort und bevor mein innerer Schweinehund mit mich allerlei Bedenken und Warnungen davon abbringen konnte, durchstöberte ich sofort die einschlägigen Seiten im Netz und fand sehr bald, was mir zusagte: für Anfänger und ältere, bereits gesundheitlich leicht eingeschränkte Pilger geeignet und flach sollte der Weg sein, nicht zu lang und bitteschön möglichst am Meer entlang führen, um meine zeitlebens wiederkehrende Sehnsucht nach Wasser zu erfüllen, was bei uns in den Bergen ja nun doch nicht der Fall ist und voilà, die Entscheidung fiel schnell: der portugiesische Küstenweg, der „Camino portugués“ würde mein erster Pilgerweg nach Santiago werden!
Es war eher ein inneres Bedürfnis denn eine Kopfentscheidung, die Flüge sofort zu buchen, wohl, damit mich auch bloss nichts davon abbringen könnte, denn mit knapp 59 Jahren konnte ich es mir nicht erlauben, diesen Wunsch noch einmal um 26 Jahre „auf später“ aufzuschieben, denn so viel später gibt es bei realistischer Betrachtung für mich keine Möglichkeit mehr, den Camino noch auf eigenen Füssen zu laufen. Und Laufen war das Stichwort, nicht Bus, nicht Bahn, keine Taxen, nein, wirklich laufen. Zu Fuss, ungefähr 300 km, DAS war mein Anspruch an mich selbst und der fühlte sich richtig und gut an.
Nachdem diese Entscheidung gefallen und dieser Jakobsweg aus einer Vielzahl von Varianten gewählt war, entwickelte ich eine für mich selbst erstaunliche Energie, um mich in sportlicher sprich läuferischer Hinsicht auf diese Herausforderung, immerhin etwa 300 km zu Fuss zurückzulegen, vorzubereiten. Ich muss an dieser Stelle vorausschicken, dass mein innerer Schweinehund im Laufe der letzten Jahrzehnte eine ziemlich laute und viele andere übertönende Stimme im Konzert all meiner Inneren Stimmen erhalten hat, die er auch häufig unaufgefordert hören lässt. Besonders, was das „sich-draussen-bewegen“ bei sehr schlechtem sprich feucht-kaltem Wetter anbelangt, hat er inzwischen eine unangefochtene Vormachtstellung erlangt, sodass alle Bemühungen, ihm zu trotzen, von vornherein zum Scheitern verurteilt sind. Hüftschmerzen und diverse arthrosebedingte Beschwerden sind hierbei natürlich seit fast zehn Jahren Wasser auf seine Mühlen.
Also: Check der herbstlichen Agenda in Bezug auf die für meinen Camino erforderlichen drei freien Wochen, Berücksichtigung der wichtigsten betrieblichen und privaten Termine, Rücksprache mit dem Familienrat. Sehr bald standen die Eckdaten fest und die Flüge wurden gebucht, bevor sich Schweinehund überhaupt zu Wort melden konnte. Dabei wählte ich einen Tarif, der eine Umbuchung oder Stornierung schon einmal gar nicht ohne zusätzliche Kosten erlaubte. Für echte Notfälle würde ich meine Reiseversicherung in Anspruch nehmen müssen, aber für das Maulen und Motzen von Schweini stand dies nicht zur Debatte.
Meine Camino-Vorbereitung lief völlig unaufgeregt und in einem Gefühl der heiteren Vorfreude an, denn so ist es, wenn eine Entscheidung durch ein untrügliches Bauchgefühl herbeigeführt wird: es bedarf keiner Hektik, keiner Eile, nichts muss überstürzt werden, alles kommt, wie es kommen soll, die Dinge fliessen, sie dürfen ihren Lauf nehmen, alles ist gut. Panta Rhei.
Noch nie habe ich, abgesehen vielleicht von den üblichen Wanderwochen in meiner Schulzeit, die aber auch bereits 40 Jahre zurückliegt, seither längere Wanderungen mit Rucksack unternommen. Tagesausflüge, ja, natürlich, Picknicks in den Bergen oder an einem See, selbstverständlich, aber eine mehrere hundert Kilometer lange Tour über mehrere Wochen und dafür nur mit einem Rucksack auf dem Buckel ausgerüstet sein? Nein, das ist absolutes Neuland für mich, was die ganze Sache natürlich zusätzlich spannend macht.
Und das Herbergsthema, das ich mir in Form von Übernachtungen mit laut schnarchenden Mitpilgern im Massenschlafsaal, Gemeinschaftsdusche und -WC, Frühstück mit vielen mir völlig unbekannten Menschen am langen Tisch vielleicht völlig falsch, aber dennoch auch als nicht sehr prickelnd vorstelle, löst bei mir höchst gemischte Gefühle aus. Ich habe Jugendherbergen schon früher nicht sehr viel abgewinnen können, die unangenehmen Erinnerungen an jene Zeit überwiegen und diese Art von Zufallsgemeinschaft in sehr persönlichen Bereichen ist einfach überhaupt nicht mein Ding. Ich möchte stattdessen in Einzelzimmern in Privatunterkünften und Hostales übernachten, die durchaus sehr einfach ausgestattet sein dürfen, Hauptsache, sie sind sauber und ich habe mein Zimmer für mich. Ohnehin bin ich nicht der Meinung, dass „echtes“ Pilgern zwangsläufig etwas mit Gemeinschaft und Massenschlafsaal zu tun haben, sondern der Individualität und den Bedürfnissen des einzelnen Pilgers Raum lassen muss, denn jeder geht seinen eigenen Weg, aus seinen eigenen persönlichen Gründen, in seinen eigenen Schuhen und mit seinem eigenen Rucksack auf dem Rücken. Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“, das WIE ist nicht wichtig, vielmehr kommt es auf das TUN selbst an.
Ausrüstung? Habe ich noch keine. Doch, halt, meine langjährigen Trekkingschuhe, die sind sehr gut eingelaufen und meine höchst blasenempfindlichen Füsse mögen diese Schuhe sehr. Zwar schon längst nicht mehr den heutigen Ansprüchen der Outdoor-Profis genügend, sprich weder mit Multi-Grip, TPU Frame (da musste ich doch erst einmal googlen…) noch Dämpfungskeil ausgestattet, aber bequem, wasserdicht und atmungsaktiv, das mag ausreichen.
Einiges an Funktionskleidung findet sich unter meiner Sportausrüstung zwar, jedoch allesamt keine neueren Modelle, die ultraleicht, ultraschnell trocknend und ultra-überhaupt sind. Doch dem kann abgeholfen werden, bei entsprechenden Aktionen werde ich vor dem Antritt meiner Reise schon fündig werden, das soll mir nicht den Schlaf rauben. Beim Thema Rucksack lohnt es sich schon, ein wenig mehr Zeit und Aufmerksamkeit zu investieren, um diesen in einem Fachgeschäft und unter sachkundiger Beratung auszuwählen, was im Frühjahr auch sehr zufriedenstellend gelang. Mit meinem in zwei Türkistönen in meiner Lieblingsfarbe ausgeführten Köbi schloss ich bereits im Fachgeschäft Freundschaft, die sich auf dem Camino noch vertiefen sollte. Ich bin ein sehr harmoniebedürftiger Mensch, was sich zweifelsohne auch auf den Bereich „Farbharmonie“ erstreckt und da ich mir ohnehin das eine oder andere Kleidungsstück zulegen musste, griff ich bei der erfreulicherweise gerade angebotenen Aktion, einer sprichwörtlich „türkisfarbenen Welle“ im selben Geschäft sofort zu und freute mich schon darauf, mit meinem türkis-schwarzen Camino-outfit Ton in Ton mit den Farben des Atlantiks an der Küste entlang zu laufen. Man kann mir mit solch kleinen, im Grunde genommen völlig unwichtigen Dingen eine durchaus grosse Freude machen. Und schaden tut’s ja sowie auch niemandem.
Mit dem Ende des Winters in unserer Gegend, sprich Ende April, Anfang Mai, wenn die zahlreichen Wanderwege in den Bergen annähernd schnee- und eisfrei sind, begann ich mit einem leichten Training, indem ich ein– bis zweimal wöchentlich den ca. 7 km langen Rundtrail in der Nähe begehen wollte. Wollte! Tatsächlich aber begann es damit, dass ich den Trail einmal in drei Wochen absolvierte – ohne Gepäck, wohlgemerkt, dennoch schien mir, als müsse ich nichts über’s Knie brechen, alles würde sich finden, kein Grund, hektisch zu werden und mich selbst zu überfordern. An diesem Punkt der Vorbereitungen feixte Schweini bereits und sah seine Position gestärkt. Im August begann ich dann doch etwas zielgerichteter, auch längere Strecken zu absolvieren, um wenigstens annähernd die von mir angepeilten 17 Camino-Tagesetappen von durchschnittlich 17.5 km einmal ausgetestet zu haben. Und dies mit allmählich schwerer werdendem Gepäck auf dem Rücken, was wirklich eine grosse Herausforderung für mich darstellte. Nach 20 km mit nur 5 statt der nachher tatsächlichen 8 kg war ich jeweils auf den letzten Metern völlig erschöpft und sah mein Projekt schon im Ansatz scheitern, Schweini widersprach dem übrigens nicht…
Eine mindestens 300-km-Tour, eingeteilt in 17 Tagesetappen, wieviel Gepäck nimmt die unerfahrene Pilgerin wohl dafür mit? Ich stöberte hierzu in den einschlägigen Foren und Diskussionsgruppen der sozialen Medien, die mir eine recht zuverlässige Orientierung lieferten, wobei ich beim Zusammenstellen meiner Packliste natürlich mehr Gegenstände aufschrieb, als die Pilgerprofis das vorschlugen. Wie hätte ich beispielsweise ohne meinen e-reader (übrigens in türkisfarbener Schutzhülle) drei Wochen verreisen können? Gar nicht denkbar für mich! Er ist seit Jahren mein ständiger Begleiter auf Reisen, der musste mit, diskussionslos. Sein Ladekabel natürlich auch. Ein Reisetagebuch gehörte für mich ebenso ins Gepäck wie eine Powerbank, da ich sonst ein neues Mobiltelefon mit einem zuverlässigen Akku hätte kaufen müssen, da meines bereits in seinem 4. Lebensjahr ist und somit bereits zu den hoffnungslos irreparablen Fällen gehört, sollte es unterwegs aussteigen wollen.
Der Reisetermin Ende September bis Mitte Oktober stellte zumindest für die Etappen in Portugal milde Temperaturen und viel Sonnenschein in Aussicht, also leichte Laufkleidung, aber Verzicht auf Sonnencreme und Mückenschutz, da ich von der Arbeit draussen beim Heuen bereits eine zuverlässige Schutzschicht sprich Bräune bekommen hatte und nicht fürchten musste, mich auf dem Weg zu verbrennen. Eine Kappe natürlich als Kopfbedeckung sowie einen Buff, der mir im Bedarfsfall und bei kühleren Temperaturen -immerhin würde ich ja am herbstlichen Atlantik entlang laufenals Mütze und Schal zusätzliche Dienste leisten würde, gehörten zu den unverzichtbaren Accessoires. Meine Freude war riesig, als ich wenige Tage vor meinem Abflug einen ebensolchen Buff von einer lieben, langjährigen Freundin als Talismann für meine Reise erhielt, bedruckt mit Symbolen und Wahrzeichen entlang des Caminos und mit dem Pilgerwunsch „buen camino“ verziert. Er hat mich natürlich begleitet und ich habe ihn im kühl-regnerischen Santiago nicht nur als Talisman, sondern auch in seiner eigentlichen Funktion als Neckwarmer sehr geschätzt!
Zwar hatte ich mir einen für den portugiesischen Küstenweg empfohlenen Reiseführer zugelegt, muss aber gestehen, dass ich mich vor der Reise nicht einmal ansatzweise hineinvertieft hatte, ich wollte mir selbst nicht zu viel vom Camino vorwegnehmen und den Aspekt der Spontaneität, des Einlassens auf das Unbekannte unbedingt erhalten.
Darum nahm ich auch keinerlei Vorausbuchungen von Unterkünften auf dem Weg vor, lediglich die Nächte in Porto nach der Ankunft sowie die in Santiago zum Abschluss der Reise hatte ich bereits im Vorfeld ausgewählt und gebucht – aber hier, im Gegensatz zu den Flügen und wie immer bei Hotelbuchungen, kurzfristige Stornierungen möglich!
A propos Flüge und Porto: mein Flug wird mir auf der Anzeigetafel nun im Stadium „boarding“ angezeigt und ich begebe mich mit steigender Spannung in Richtung Ausgang zum Gate. Die dort wartende Swiss-Maschine füllt sich rasch und fast pünktlich heben wir ab in Richtung Süden.
Nach einem sehr ruhigen, leicht verspäteten Flug über Frankreich und die wolkenlose Iberische Halbinsel landen wir wohlbehalten in Porto. Sofort spüre ich wieder das Gefühl von Heimat und Verbundenheit beim Überfliegen Spaniens, auch, wenn es diese Woche bereits 24 Jahre seit meiner Übersiedlung in die Schweiz waren...
Es gibt Bindungen, die die Jahre überdauern, meine Herzensbindung zu Spanien ist eine davon. Wie oft habe ich mir schon vorgestellt, eine Rückführung mitzumachen, um zu erfahren, ob ich nicht in einem meiner früheren Leben in Spanien beheimatet war – ich würde einen hohen Einsatz darauf verwetten, dass dies eine der Erkenntnisse daraus wären. Es wird aber wohl bei meinem Bauchgefühl in dieser Richtung bleiben, denn bisher habe ich dann doch von Rückführungen und dergleichen Abstand genommen. Ich bin aber hier nun erstmals im Nachbarland Portugal und sehr gespannt, was mich hier erwartet. Was die Verständigung mit der einheimischen Bevölkerung angeht, so mache ich mir keine grossen Sorgen, denn dank meiner Spanischkenntnisse kann ich geschriebenes Portugiesisch gut lesen und auch das gesprochen Wort recht gut verstehen, sofern man langsam mit mir spricht. Meine spanischen Antworten kommen ganz offensichtlich auch an und es bewahrheitet sich, was ich schon so oft festgestellt habe: wer sich darum bemüht, zu verstehen und verstanden zu werden, egal wo, der wird auch verstehen und verstanden werden. Mit dem sympathischen Taxifahrer am Flughafen jedenfalls klappt das auf Anhieb und nachdem Köbi sicher verstaut ist, braust er los.
Ups! Kaum bin ich eine Stunde auf portugiesischem Boden, befinde ich mich bereits mitten in meinem ersten kleinen Camino-Abenteuer: der Taxifahrer findet zwar die angegebene Strasse, jedoch die gesuchte Hausnummer nicht! Wie war das noch mit dem „verstanden werden“? Habe ich dem Taxifahrer die Hausnummer denn prompt falsch angegeben? Unwahrscheinlich, denn wir haben ja vor dem Start noch gemeinsam auf das Display geschaut, auf dem der Standort 103/589 markiert war, und er ist nickend und mit „Daumen hoch“ auch gleich gestartet, als stünde er in der Pole-Position eines Formel-1-Rennens! Wie dem auch sei, mein Möchtegern-Fittipaldi kann die Hausnummer meines Apartmentgebäudes angeblich nicht finden und kippt mich mitsamt Köbi an der 103 anstatt der gesuchten 589 raus. Mir wird nach einer Rückfrage beim Barbesitzer nebenan klar, dass die „103/589“ die Appartementnummer 3 im 1. Stock des Gebäudes 589 ist, aber da ist mein Rennfahrer bereits über alle Berge. Tja, so beginnt mein Camino mit einem 2.5 km langen Fussmarsch zurück zur Nr. 589 auf dieser endlosen Strasse nun halt schon etwas früher als geplant… Und ich stelle fest, Portugiesen verstehen durchaus deutliche Worte auf Spanisch... Aber halb so schlimm, ich kriege mich sehr schnell wieder ein, das Wetter ist herrlich: 20 Grad, Sonne und Wind, ich will ja LAUFEN und ich habe ZEIT! Es ist Samstagnachmittag, wenig Verkehr und ich finde nach einer Weile tatsächlich das versteckt liegende Gebäude Nr. 589 zurückversetzt hinter dem Parkplatz eines Autohauses. Da musste man natürlich wirklich erst einmal drauf kommen, ich hatte es im Vorbeifahren auch nicht gesehen, also, Schwamm drüber, ich bin ja heil gelandet und alles ist gut. Das Apartment für die nächsten beiden Nächte ist schön, grosszügig und geschmackvoll eingerichtet und angeblich nur wenige Gehminuten von der Altstadt entfernt. Nun werde ich mir in dem kleinen Laden nebenan einmal das Nötigste wie Wasser und Obst besorgen und anschliessend einen Spaziergang zum Meer hinunter machen.
Letzteres gestaltet sich als Unterfangen, für das mir an diesem Spätnachmittag gar keine Zeit mehr bleibt, will ich noch bei Tageslicht an- und vor allem wieder in mein Apartment zurückkommen, da ich mir nach dem Aussteigen aus dem Taxi vorgenommen habe, ab sofort nur noch meine Füsse als Fortbewegungsmittel bis zum Transfer zum Flughafen in Santiago zu benutzen! Eine ziemliche Herausforderung, denn ich habe die endlos lange, breite und vermutlich zu Geschäftszeiten auch sehr stark befahrene Rúa Boa Vista völlig unterschätzt: nach einem etwa einstündigen flotten Marsch in Richtung Strand gebe ich auf, da kein Ende der Ausfallstrasse abzusehen ist und das Meer sich nicht einmal als Streif am Horizont ausmachen lässt. Zudem habe ich Hunger und Durst und morgen ist auch noch ein Tag. Ich lasse mich in einem der zahlreichen Strassencafés mit einem leckeren Salat und Sandwich verwöhnen und staune über die günstigen Preise, die mir, aus der Schweiz kommend, schier spottbillig erscheinen. Auf meinem Pilgerweg sollen sie mir später in kleineren Ortschaften noch viel günstiger begegnen. Ich geniesse die entspannte Stimmung an diesem sonnigen Spätsommertag, das laute Leben um mich herum, die fremden und gleichzeitig doch auch vertrauten Klänge der Sprache und der südländischen Stadt, selbst das nervige Gehupe der knatternden Mopeds gehört hier einfach dazu, ohne diesen Lärm würde schlicht etwas im Gesamtbild fehlen.
Angekommen, stelle ich erstaunt, aber auch amüsiert fest, das ging ja schnell: ich bin tatsächlich schon in dieser mir doch total unbekannten Stadt angekommen, alles wirkt vertraut, ich schnappe Wortfetzen auf, verstehe die Gespräche an den Nebentischen und sehe diesem Abenteuer Camino nun spürbar eher gelassen als nervös entgegen. Die Sonne wird blasser, es kommt Wind auf und wird kühl, allmählich mache ich mich auf den Rückweg in meine Bude, der erste Tag war wunderbar.
Alles ist relativ, so auch die Angabe in meinem Reiseführer „…nur wenige Minuten von der Altstadt entfernt“…! Wow! Mal eben mindestens eine halbe Stunde flotten Fussmarsches muss ich hinlegen, um auch nur in die Nähe der Altstadt zu gelangen. Aber egal, das kann mich auch nicht schrecken und gehört zu meinem Camino-Programm wohl dazu. Ich streife durch die am Sonntagvormittag noch sehr ruhigen, in diesigen Küstennebel gehüllten Wohngebiete, Parks, Geschäfts- und Nebenstrassen dieser immerhin zweitgrössten Stadt Portugals, die bisher noch überhaupt nichts von einer Hafenstadt an sich hat, wie mir scheint. Vielleicht aber habe ich das auch nur noch nicht mitbekommen, da ich ja gestern Abend nicht mehr bis zur Atlantikmündung des grossen Rio Douro gelangt bin.
In einem charmanten Strassencafé geniesse ich einen „galão“, diesen unvergleichlichen portugiesischen Milchkaffee auf Espressobasis mit heisser Milch mit einer „tosta“, dem dicken, getoasteten und reichlich gebutterten Toast mit Orangenmarmelade und beobachte die sich allmählich auf dem Platz vor mir zu ihren jeweiligen Besichtigungen versammelnden Touristengruppen aus aller Herren Länder. Das Sprachengemisch ist vielfältig, laut, die Guides strengen sich an, um sich Gehör zu verschaffen, indem sie ihre schnatternden Gruppenmitglieder zu übertönen versuchen oder auf moderne und oft von asiatischen Gruppen angewandte Art die Sehenswürdigkeiten der Stadt mit elektronischen Hilfsmitteln via Mikrofon und Kopfhörer erläutern. Die klickenden Mobiltelefone sind im Dauereinsatz, Selfie-Sticks werden in die Luft gestreckt, es sieht aus wie ein Stangenwald… Ich fühle mich sehr wohl hier, das alte
