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Ein eiskalter Mord für das Seniorinnentrio und ihre vorwitzigen Wellensittiche
Als bei einer Eiskunstlaufshow eine junge Frau tot zusammenbricht, gehen alle von einem tragischen Unfall aus.
Doch Leah spürt sofort, dass etwas nicht stimmt, und beginnt ihre Ermittlungen – sehr zum Leidwesen von Inspector Dowling, der sich eine kleine Auszeit von den Mordfällen gewünscht hätte …
Der sechste Band der Cosy-Crime-Reihe entführt in die verschneiten Cotswolds – zum Einkuscheln, Miträtseln und Wohlfühlen.
Alle bisher erschienenen Bände der »Old Alley Town«-Serie auf einen Blick:
Teil 1: Der Vogel war’s!
Teil 2: Tödlicher Smoothie
Teil 3: Zu Tode frisiert
Teil 4: Der Mörder ist in Feierlaune
Teil 5: Mord im Angebot
Teil 6: Eine mörderische Pirouette
Teil 7: Frisch angespült
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Willst du wissen, wie es weitergeht?
Exklusive Kurzgeschichte nur für dich
Ich freue mich über deine Rezension
Klappentext zu »Eine mörderische Pirouette« von Kiki Lion
Über die Cosy-Crime-Serie
Über die Autorin
Impressum
Eine mörderische Pirouette
Old Alley Town
Band 6
von Kiki Lion
Für alle, die manchmal das Gefühl haben,
auf unsicherem Eis zu gehen.
♥
Eine schöne Auszeit in schneebedeckter Landschaft.
Die Schneeflocken wirbelten um sie herum, als würden sie einen kleinen Tanz aufführen wollen. Sie drehten sich mit atemberaubender Geschwindigkeit im eisigen Wind, ehe sie schließlich auf den Boden fielen und dort zu einer dicken Schneedecke heranwuchsen.
So zauberhaft das Schauspiel auch war, überkam Leah trotzdem ein mulmiges Gefühl, als sie beide Hand in Hand durch den dichten Schnee stapften.
»Bist du dir sicher, dass Peachy und Mr Welli alleine zurechtkommen?«, fragte sie besorgt und sah in grüne Augen, die ihr Zuversicht gaben.
»Absolut«, sagte Harvey und wirkte dabei kein bisschen verunsichert.
»Und was ist, wenn …?«, begann Leah ihren Satz, den Harvey sofort abschnitt, weil sie das schon auf der Fahrt unzählige Male durchgekaut hatten.
»Sie haben ausreichend Futter und genügend Wasser.«
»Aber …«
»Was auch immer geschieht: Betty wird in Windeseile bei ihnen sein.«
»Genau das macht mir ja Sorgen«, gab Leah ein wenig verlegen zu.
Harvey sah dem Schneetreiben zu und verstand sie wohl falsch. »Ich glaube, in Old Alley Town ist es nicht so schlimm. Du weißt doch, Snow Shire Valley ist für seinen Schnee bekannt, gerade im Winter …«
»Das meine ich nicht!«, unterbrach Leah ihn hastig. »Sie gibt Peachy bestimmt wieder zu viel Pfirsich und Mr Welli entfliegt ihr nachher noch. Ich weiß nicht, vielleicht sollten wir doch zurück …«
Harvey sah sie verdutzt an. »Leah, was hast du denn auf einmal? Betty kümmert sich immer ganz liebevoll um die beiden.« Er dachte kurz nach. »Okay, wahrscheinlich übertreibt sie es etwas mit den Leckerchen und nimmt auch sonst nicht alles so genau, aber Ruth ist schließlich bei ihr.«
Leah nickte und wirkte erleichtert. »Du hast recht«, sagte sie, nur um besorgt hinzuzufügen: »Am besten rufe ich gleich einfach noch mal an und frage nach den beiden. Nur zur Sicherheit.«
Harvey schüttelte lachend den Kopf. »Du hast bereits zwei Mal auf der Fahrt angerufen und wir sind erst vor einer Stunde los.«
Leah errötete. So war sie doch sonst nicht. »Ja, schon«, sagte sie, schien jedoch nicht überzeugt.
Harvey grinste sie an. »Dann ruf halt vor der Show noch mal an, aber versprich mir, dass wir das hier heute genießen werden. Es war schwer genug, an die Tickets zu kommen, und wenn man bedenkt, unter welchen Umständen ich dir das Geschenk überreichen konnte …« Er schüttelte sich bei dem bloßen Gedanken daran und Leah musste lachen.
»Ach, es war schon ganz witzig, zu sehen, dass Owen dachte, du wärst ein Einbrecher.«
»Schön, dass es wenigstens dich amüsieren konnte.« Er schien zu schmollen.
Leah stupste ihn an. »Jetzt hab dich nicht so. Du musst zugeben, dass es zum Schießen war.«
»Wie man es nimmt«, murrte er.
Leah grinste und schwieg. Sie wusste inzwischen, dass es besser war, Harvey mit dem Thema nicht weiter zu ärgern. Zwischen ihm und ihrem Schwiegersohn Owen war es seither etwas eigenartig. Offenbar fanden beide den Vorfall unangenehm, versuchten es bei den Treffen aber zu überspielen, was für Außenstehende ein lustiges Bild abgab. Doch immer wenn man sie darauf ansprach, leugneten sie, dass die Lage angespannt war, und so hatten Leah und ihre Tochter Trisha beschlossen, das Ganze ruhen zu lassen.
Nachdem sie ein paar Minuten schweigsam durch die Schneelandschaft gestapft waren, rückte nach und nach mehr von der Stadt in ihr Blickfeld. Sie hatten Harveys Transporter bewusst etwas abseits geparkt, um durch das idyllische Örtchen zu spazieren, bevor die Veranstaltung begann.
Leah war vor vielen Jahren regelmäßig im etwa einer halben Stunde entfernten Snow Shire Valley gewesen, aber mit der Zeit waren ihre Besuche weniger geworden. Zuletzt war sie mit ihren beiden Freundinnen im Rahmen ihrer Ermittlungen hier gewesen, als Friseurin Millie ihre Hilfe gebraucht hatte. Doch auch das war schon wieder einige Monate her und so tat es gut, das Städtchen gemeinsam mit Harvey zu erkunden.
»Und du warst wirklich noch nie hier?«, erkundigte sich Leah nach wie vor ungläubig.
Harvey schüttelte den Kopf. »Ich stecke meine Nase lieber in Bücher, wie du weißt.« Er grinste und schien wieder ganz in seinem Element, die winzige Auseinandersetzung war zum Glück schon vergessen.
»Man kann hier auch wunderbar draußen lesen«, erklärte Leah und deutete auf einen kleinen Hügel, auf dem eine Bank unter einem riesigen Baum stand. Die Schneedecke ließ die Szenerie zwar nur erahnen, doch im Sommer war es hier wirklich schön.
»Im Schnee habe ich tatsächlich noch nicht gelesen«, meinte Harvey belustigt. »Ich glaube, da wäre mir mein Buch auch zu schade für.«
Sie stupste ihn wieder in die Seite. »Natürlich nicht, wenn es schneit.«
Harvey sah sich noch mal um und gemeinsam erblickten sie die weiten Felder, die schneebedeckten Bäume und die ersten Cottages, die mit ihren pudrigen Dächern besonders heimelig wirkten.
»Der Ort hat wirklich was«, urteilte Harvey.
Leah strahlte. »Sag ich doch.«
Je näher sie den ersten Gebäuden kamen, desto mehr Menschen begegneten ihnen. Snow Shire Valley war größentechnisch mit Old Alley Town zwar durchaus vergleichbar, doch durch ein paar Veranstaltungshallen und insbesondere die schöne Schneelandschaft kamen vor allem im Winter gerne viele Touristen aus der ganzen Welt her. Heute war zum Beispiel so ein Tag und Leah war froh, ein Teil davon sein zu dürfen.
Vor ihnen ragte endlich die Eishalle auf, in der das Event in Kürze beginnen würde.
»Ich bin ja so aufgeregt«, sagte Leah und spürte ihr Herz deutlich flattern.
»Das wird ein Erlebnis«, meinte Harvey. Sie sahen sich verliebt an, ehe sie sich zärtlich küssten. Doch plötzlich zuckte Leah erschrocken zusammen.
»Was hast du?«, rief Harvey verblüfft.
»Ich sollte Betty jetzt wirklich noch mal kurz anrufen, nur zur Sicherheit.«
Harvey lachte und schüttelte den Kopf. »Aber danach genießen wir die Show, ohne Telefonate. Versprochen?«
Leah zögerte kurz, woraufhin Harveys Augenbraue fordernd nach oben rutschte. »Ist ja gut, kein Handy während der Veranstaltung.«
»Sehr gut«, sagte Harvey. »Dann komm, wir stellen uns schon mal an. In der Zeit rufst du Betty an und danach genießen wir die Show in aller Ruhe.«
Leah nickte, inzwischen deutlich gelassener. Er hatte ja recht. So ein Ereignis würde sie sich nicht entgehen lassen wollen, nur weil sie voller Sorge um ihre Piepmätze war. Eine Sorge, die zudem völlig unbegründet war, wo sie sich doch immer auf ihre Freundinnen verlassen konnte.
Vielleicht lag es auch gar nicht so sehr daran, dass sie sich um Peachy und Mr Welli Gedanken machte, sondern hatte viel eher damit zu tun, dass sie spürte, dass heute irgendetwas in der Luft lag. Es war fast so, als würde sie das schreckliche Ereignis, das ihnen bevorstand, vorausahnen können …
Harvey kann mit so manchem Detail glänzen.
»Und, geht es den beiden gut?«, fragte Harvey.
Leah ging hinter ihm her die Ränge hoch, weil sie schon dabei waren, ihre Plätze zu suchen. Zuvor hatte Leah mehrmals vergeblich versucht, Betty zu erreichen, und konnte sie erst nach dem Einlass an die Strippe bekommen. Das hatte sie vielleicht Nerven gekostet!
»Ja, die beiden sind wohlauf und munter.« Leah seufzte. »Ich verstehe nicht, wieso Betty nicht direkt ans Telefon gegangen ist. Es hätte ein Notfall sein können!«
Harvey drehte sich kurz zu ihr herum. »Es ist aber nichts passiert und deine Freundinnen haben doch auch mal einen freien Abend verdient.«
Leah nickte. »Natürlich, du hast recht. Ich weiß wirklich nicht, was mit mir los ist. Vielleicht habe ich nur …«, sie druckste herum, »die Wellensittiche schon lange nicht mehr alleine gelassen.«
Harvey lächelte ihr zu. »Und das machst du ja jetzt auch nicht. Betty und Ruth sind bei ihnen und kümmern sich um sie.«
Leah seufzte. »Ich weiß.« Irgendwie beschlich sie in diesem Augenblick das Gefühl, dass ihre Besorgnis gar nicht so sehr daher rührte, dass sie Peachy und Mr Welli zurückließ, sondern vielmehr daher kam, dass sie so fernab der Heimat ganz allein mit Harvey war, dessen Nähe sie nach wie vor kribbelig machte.
»Ah ja«, stieß Harvey aus und riss Leah damit wieder zurück ins Hier und Jetzt, »da sind unsere Plätze auch schon.« Er deutete in die Reihe vor ihnen und ließ Leah den Vortritt, die seine freundliche Geste dankend annahm.
Die Eishalle war noch recht leer, obwohl das Event ausverkauft war. Das lag allerdings nur daran, dass Leah und Harvey mit ihren Tickets ein früherer Eintritt gewährt worden war. Ein Teil des Publikums konnte bereits eher herein, um den Talenten beim Aufwärmen zuschauen zu dürfen.
Leah fand das Ganze unheimlich aufregend. Nachdem Harvey und sie ein Buch gelesen hatten, in dem Eiskunstlauf thematisiert worden war, wollten sie sich das Spektakel in echt ansehen. Dabei war es gar nicht so einfach, noch Karten für eine Show in der Nähe zu bekommen. Doch Harvey war immer wieder für eine Überraschung gut.
Kaum dass sie sich gesetzt hatten – ihre Plätze lagen etwa mittig mit guter Sicht auf die Eisfläche –, bemerkte Leah, wie Harvey die Broschüre, die sie am Eingang erhalten hatten, eingehend studierte.
Leah sah sich in der Zwischenzeit lieber um, denn sie wollte ihre Umgebung immer genau im Blick behalten.
Vor ihnen lag die im Scheinwerferlicht glitzernde Eisschicht. Oberhalb davon war ein Videowürfel angebracht, über den die Zuschauer, die weiter entfernt saßen, die Details auf dem Eis erkennen konnten. Für Leah war das allerdings nicht nötig, denn sie hatte ihre Brille dabei und genoss eine einwandfreie Sicht auf die aktuell noch leere Fläche.
Die Banden rundherum waren in fließend überlaufenden Blautönen gestaltet. Darauf waren einige Sterne und jede Menge Glitzer zu sehen. Auch die oberen Ränge waren in dem Farbschema gehalten, genauso wie der Würfel in der Mitte. Leah konnte sich gut vorstellen, dass sogar die Stars farblich passende Kleidung tragen würden. Ach, sie war ja schon so gespannt. Ob es wohl bald losging?
Leah griff gerade nach ihrem Handy, um auf die Uhr zu schauen, da schoss Harveys Blick zu ihr, als hätte er seine Augen überall. »Leah!«, ermahnte er sie. »Du wolltest die Show doch ohne Anrufe genießen.«
Langsam machte er sich lächerlich, fand Leah, allerdings sagte sie nichts dazu. »Erstens geht es noch gar nicht los und zweitens wollte ich nur schauen, wann es so weit ist.«
Harvey sah sie misstrauisch an, dann aber deutete er auf die Lektüre vor sich. »Die Probe beginnt um halb. Eine Stunde später startet die Show. Autogramme können wir uns nachher auch noch abholen und für Fotos sind die Eiskunstläufer immer zu haben.«
Leah fürchtete, dass Harvey nun ausführlich zu erzählen beginnen würde, was er gelesen hatte, weshalb sie den Moment der Ablenkung nutzte und auf ihr Smartphone schielte. In sechs Minuten war es schon so weit.
Doch noch etwas anderes zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Da war eine Nachricht auf ihrem Handy. Von Betty.
Hastig drückte sie darauf und erblickte dann zwei friedlich schlafende Wellensittiche. Peachy war an die Käfigstäbe gelehnt und Mr Welli hatte sich fest an sie gekuschelt. Es war so süß, dass sie sich automatisch entspannte. Natürlich würden ihre Freundinnen auf die beiden aufpassen, was sie nur immer wieder dachte!
Sie war so verzückt von dem Anblick, dass sie gar nicht bemerkte, dass Harvey hiervon Wind bekam.
»Ich glaube es ja nicht!«, rief er und griff nach dem Handy. Doch als er das Foto sah, war er ebenso entzückt und stieß ein lang gezogenes »Oooh!« aus. Bei den beiden war Harvey einfach nicht zu bremsen.
In dem Moment ging das Licht aus und melodramatische Musik ertönte. Leah nutzte die Chance, um Harvey das Handy wieder zu entreißen und es einzustecken. Nur für den Fall, dass Betty sich doch melden würde.
Harvey schüttelte belustigt den Kopf. Dann brandete Applaus auf, in den die beiden mit einstiegen. Leah konnte es kaum erwarten.
»Herzlich willkommen zu Glitter on Ice, Ihrem Event für Eiskunstlauf der Extraklasse«, ertönte eine männliche Stimme aus dem Off. »Bitte begrüßen Sie gemeinsam mit mir die Stars des heutigen Abends.«
Kaum dass der Mann das verkündet hatte, stürmten die Läufer mit ihren Schlittschuhen auch schon aufs Eis. Wie Leah vermutet hatte, trugen sie alle atemberaubende Kostüme, die mit Glitzer bestickt waren. Die hell- und dunkelblauen Töne der Outfits ging fließend ineinander über und passten hervorragend zur Dekoration der Halle.
Eine junge Frau stach besonders heraus. Sie hatte ein kurzes Kleid mit Glitzersteinchen an, die so angeordnet waren, dass sie wie ein Gürtel um ihre Taille wirkten. Um sie herum flatterten ihre langen, fließenden Ärmel, die bei jeder Umdrehung aufwehten. Sie lief mit einer solchen Anmut durch die Halle, dass sie alle Aufmerksamkeit auf sich zog.
»Das muss Libby sein!«, rief Harvey ganz aufgebracht und Leah sah ihn verdutzt an.
»Wer?«
»Na, der Star des Abends«, sagte er und blätterte zur entsprechenden Seite in der Broschüre. Er deutete auf das Foto der jungen Frau mit braunem Haar und rosigen Wangen. »Liberty Barton, genannt Libby. Sie ist ein großes Talent, läuft nicht nur für die Show, sondern nimmt auch erfolgreich an Wettkämpfen teil.«
Leah sah ihn noch immer sprachlos an. »Und das hast du jetzt alles in den zwei Minuten in der Broschüre gelesen?«
Er schüttelte belustigt den Kopf. »Natürlich nicht, ich habe mich informiert.« Aufgeregt deutete Harvey auf eine Frau mit blondem Haar und blassem Teint, die zwar lächelte, jedoch aussah, als hätte sie vorhin in eine Zitrone gebissen. »Und das ist Amelia Bentley«, erklärte er. »Sie hat auch großes Talent, liegt aber immer hinter Libby zurück.« Leah witterte eine Feindschaft und das weckte sofort ihr Interesse, sodass sie ihm bei der weiteren Vorstellungsrunde nur wenig Beachtung schenkte.
Vielmehr beobachtete sie, wie Libby auf dem Eis eine Pirouette vollführte, die so mühelos daherkam, dass augenblicklich Applaus aufbrandete. Davon unbeeindruckt drehte die junge Frau weiter ihre Bahnen.
Amelia schmeckte das offensichtlich gar nicht. Sie warf einen Blick nach hinten und verdrehte in Richtung eines Mannes die Augen. Dieser hatte zurückgegeltes Haar und schien die Geste zu ignorieren. Stattdessen forderte er sie auf, mit dem Aufwärmen zu beginnen, was sie widerwillig tat.
»Und wer ist das?«, unterbrach Leah Harvey, der noch weitere Talente aufgezählt hatte. Sie deutete auf den Mann, der Amelia gerade die Anweisungen gegeben hatte. Das brachte ihn offenbar so aus dem Konzept, dass er hastig seine Broschüre durchblätterte. Alle kannte er hier wohl noch nicht.
»Das ist jedenfalls nicht Harrison Conway«, erklärte er. »Der ist nämlich schon älter.«
»Okay, und wer ist das?«, fragte Leah, die sich wunderte, wie gut er sich vorbereitet hatte.
Harvey blickte sie ungläubig an. »Harrison Conway ist Libbys Trainer. Er hat in den Siebzigern bei den Olympischen Spielen für Großbritannien gewonnen. Außerdem habe ich dir das doch vorhin schon erzählt.«
Leah musste ihm anscheinend ab irgendeinem Punkt nicht mehr zugehört haben. »Ja, richtig«, behauptete sie dennoch und erblickte den besagten Mann dann auch prompt auf dem Eis, wie er seinem Schützling noch ein paar Anweisungen gab.
»Ewan Fry!«, rief Harvey auf einmal aus und zeigte auf die Seite in der Broschüre.
»Was?«, fragte Leah, völlig in Gedanken versunken.
»Na, der junge Mann da«, er deutete wieder auf den Typen mit gegeltem Haar, »das ist Ewan Fry.«
»Und was ist seine Funktion?«
Harvey las nun ab. »Er ist sozusagen der Headcoach der Tour.«
»Und trotzdem hat Libby einen eigenen Trainer?«, wunderte sich Leah.
Harvey nickte heftig, als ob er mit der Thematik schon jahrelang bewandert wäre und nicht erst vor ein paar Wochen damit begonnen hätte, sich für Eiskunstlauf zu interessieren. Er hatte daraufhin sämtliche Fachbücher gelesen, die er auftreiben konnte. »Ja, natürlich«, erklärte er wichtigtuerisch. »Libby ist ein Ausnahmetalent. Ihre Mutter ist keine Geringere als Georgia Barton.«
Leah sagte das nichts, was Harvey die Augen weit aufreißen ließ. »Die Georgia Barton, die 1988 als jüngste Teilnehmerin bei der Weltmeisterschaft in Ungarn angetreten ist. Sie hat vor Ort übrigens den Olympiasieger von 1976 getroffen: John Curry.« Harvey wirkte ganz aufgebracht. »Er hat damals in nur einem Jahr dreimal Gold geholt. Europa-, Weltmeister und dann noch Olympia. Das muss ein Gefühl gewesen sein!«
Leah starrte ihn an. Den Namen hatte sie schon mal gehört, aber das war lange her. Es kam ihr so vor, als ob er langsam ziemlich weit ausholen würde. Doch bevor sie eingreifen konnte, schwärmte er erneut.
»Und natürlich ist sie dort Katarina Witt begegnet. Sie gewann für die DDR 1988 übrigens nicht nur die WM, sondern auch die EM und Olympia – ähnlich wie Curry einige Jahre zuvor. Sie bekam ebenfalls dreimal Gold, einfach unglaublich!« Harvey wirkte ganz euphorisch. »Ich denke, Georgia war beeindruckt von ihr, und wollte in England genauso groß herauskommen. Georgia war wirklich talentiert und alle haben an ihren Erfolg geglaubt.«
Leah sah endlich eine Gelegenheit, einzuhaken. »Aber ich nehme an, ihr ist es nicht gelungen?«
Harvey schüttelte betrübt den Kopf. »Georgia ist damals bei ihrer letzten Umdrehung zu Boden gefallen und hat sich eine so starke Verletzung zugezogen, dass sie ihre Karriere für immer auf Eis legen musste.«
Leah starrte ihn aufgrund des Wortwitzes mit weit aufgerissenen Augen an. »Wirklich jetzt?«
»Komm schon, der war nicht schlecht, das musst du zugeben.«
Leah grinste und schüttelte den Kopf. »Wie dem auch sei. Und warum trainiert Harrison Conway jetzt ihre Tochter?«
»Georgia hat sich einen Namen in der Szene gemacht«, sagte Harvey, »und da ist es kein Wunder, dass Libby eine kleine Sonderbehandlung genießt.« Sie blickten auf das junge Talent, das wieder mal ein paar Drehungen vollführte, als würde sie seit ihrer Kindheit nichts anderes machen, was wahrscheinlich auch so war. »Und wie du siehst, macht sich das durchaus bezahlt.«
»Sie ist wirklich talentiert«, staunte Leah und freute sich jetzt umso mehr auf die Show. Trotzdem wurde sie ihre Unruhe noch immer nicht ganz los …
Eine atemberaubende Vorstellung verzaubert die beiden – bis alles ein abruptes Ende nimmt.
Fast das gesamte Training über plauderten die zwei. Harvey versorgte Leah mit den interessanten und weniger interessanten Details rund um die Veranstaltung und deren Crew. So wie Leah das sah, konnte es nur ein besonderes Ereignis werden, denn allein die Proben versetzten das Publikum in Staunen.
Doch ehe es so weit war, gab es noch eine kleine Unterbrechung, während der die Stars und das gesamte Team in der Kabine verschwanden, wohl um die letzten Vorbereitungen zu treffen und eine Verschnaufpause einzulegen.
Leah und Harvey nutzten die Chance, um auf die Toilette zu gehen und ein paar Snacks sowie Getränke zu holen.
Die Zeit verging wie im Flug, was sicherlich auch an dem enormen Andrang lag, der hier inzwischen herrschte, weil die übrigen Zuschauer bereits in die Halle gelassen wurden.
Und so waren die beiden froh, als sie schließlich mit ein paar Nachos samt Käsedip und je einer Cola wieder auf ihren Plätzen saßen. Üblicherweise aßen und tranken sie so etwas nicht, doch aus Ermangelung an Alternativen hatten sie eine Ausnahme gemacht und zugegriffen.
Es dauerte nicht lange, da wurde es wieder dunkel in der Halle, nur die Scheinwerfer waren auf die Eisfläche gerichtet. Die bekannte Stimme aus dem Off ertönte, um das Spektakel anzukündigen. Dieses Mal kamen jedoch nicht alle Sportler auf einmal nach draußen gelaufen, sondern es zeichnete sich eine kleine Geschichte ab, die mit leiser Melodie eingeläutet wurde.
Zu sanften Klängen glitt der Star des Abends – Liberty Barton – unter tosendem Applaus aufs Eis. Völlig unbeeindruckt vom Publikum drehte sie eine große Bahn, so leichtfüßig, als würde es sie keinerlei Mühe kosten.
Nach einer Runde spreizte sie ihre Arme in die Waagerechte und hob ein Bein an, um Schwung zu nehmen und sich daraufhin im Kreis zu drehen. Dabei wanderten ihre Hände zunehmend in die Höhe und so wurde sie schneller und immer schneller, bis sie wie ein menschlicher Kreisel wirkte und Leah allein vom Zugucken ganz schwindelig wurde.
»Beeindruckend!«, hauchte Harvey ihr ins Ohr.
Leah nickte und dann applaudierten sie, als die junge Frau wieder mühelos über das Eis zu schweben begann.
Nach und nach kamen die anderen Eiskunstläufer zu ihr, umschwärmten sie und wirbelten in schnellen Pirouetten um sie herum. Die Musik steigerte sich dramatisch, während Libby in der Mitte zum Sprung ansetzte und in der Hocke auf dem Eis landete. Sie drehte sich auf einem Bein im Kreis, das andere befand sich nur wenige Millimeter über der Oberfläche, die Arme waren mit den Handflächen aneinander nach vorn gestreckt. Sie wirbelte immer rascher um ihre eigene Achse, ehe die Musik zu einer schnelleren Nummer wechselte und sie mit den anderen Eiskunstläufern ausschwärmte, um Amelia zu begrüßen, die eine kleine Tanznummer auf dem Eis einlegte.
Es folgten Paartänze, bei denen die Läuferinnen von ihren Partnern in teils wilden Schwüngen über das Eis geschleudert und sicher wieder aufgefangen wurden.
Die Menge tobte und die Stimmung war so ausgelassen, dass Leah keinen Gedanken mehr an zu Hause oder die Tatsache verschwendete, dass sie das erste Mal ganz allein mit Harvey unterwegs war.
Bei den langsamen Nummern, in denen sich die Paare sehr nah kamen, wanderten Leahs und Harveys Hände automatisch zusammen und so spendeten sie sich ein wenig Wärme in der kalten Halle.
Nach vielen spektakulären Kunststücken und diversen Tanzeinlagen vollführten Libby und Amelia auch ein paar gemeinsame Umdrehungen. Obwohl sie in der Probe noch regelrecht verfeindet wirkten, war davon vor dem großen Publikum nichts mehr zu sehen. Fast schon spürte Leah so etwas wie eine tiefe Verbundenheit und das war auch wichtig, wenn man bedachte, dass sie sich abwechselnd durch die Eishalle schleuderten. Da musste Vertrauen ein wesentlicher Bestandteil sein.
Der Höhepunkt der Show sollte aber noch folgen, nachdem die beiden ihren Tanz beendet und dafür großen Applaus geerntet hatten.
»Was will man denn da draufsetzen?«, fragte Leah Harvey verblüfft, der es natürlich wieder besser wusste, hatte er die Broschüre immerhin eingehend studiert.
»Wart’s ab«, meinte er nur, »es wird dir gefallen.«
In dem Moment gingen alle Lichter aus und es war stockdunkel in der Halle. Die Musik wechselte zu einem epischen Sound, der etwas Spektakuläres und zugleich Unheilvolles ankündigte.
Leah reckte ihren Kopf, wollte unbedingt was sehen, doch in der Dunkelheit konnte sie nichts erspähen. Dann ging mit einem Schlag das Scheinwerferlicht wieder an und konzentrierte sich auf einen Spot in der Mitte der Eisfläche, wo Libby völlig allein stand. Nach ein paar ausdrucksstarken Armbewegungen, die perfekt zur Musik passten, begann sie, übers Eis zu laufen und sich zu drehen.
Auf einem Bein und mit gestrecktem Körper wirbelte sie in unfassbarer Geschwindigkeit herum. Ihre Pirouette war so anmutig und elegant, dass der Saal mucksmäuschenstill war und gebannt die Show verfolgte.
Von ihrem aufrechten Stand wechselte Libby mit einer scheinbar mühelosen Fließbewegung in den Sitz. Dort wirbelte sie für ein paar Umdrehungen, ehe sie wieder hochkam. Sie griff nach ihrem Bein, hielt es hinter ihrem Kopf in die Höhe und bewegte sich währenddessen weiter um ihre eigene Achse.
Doch damit nicht genug: Sie verlagerte ihr Gewicht anschließend zur Seite und drehte sich – den Fuß noch immer hinter dem Kopf – über das Eis. Dabei sah es so aus, als würde ihr Körper fast schon seitlich liegend über ihrem Bein schweben.
»Wow!«, stieß Leah atemlos aus.
»Ihre berühmte Donut-Pirouette«, erklärte Harvey und machte mit der Hand vor, woher der Name kam. Und tatsächlich: Dadurch, dass Arm und Bein eine Einheit bildeten, sah ihr Oberkörper wie ein Donut auf dem Eis aus.
Wer glaubte, das wäre nicht zu toppen, der irrte sich. Denn nun startete Libby das Kunststück von vorn, ohne neuen Schwung zu holen oder ihr Bein abzusetzen.
Sie begann wieder im Stand, ging in den Sitz über und drehte dann mit dem Fuß hinterm Kopf weiter, bis sie erneut zum Donut überging.
Leah konnte nicht fassen, was diese Frau da leistete, und glaubte, die Show sei nun zu Ende, doch sie irrte sich. Offenbar wollte Libby noch einen draufsetzen und richtete sich wieder auf, drehte weiter ihre Wirbel, wechselte in den Sitz und hob ihr Bein, um erneut zu beweisen, wie filigran und anmutig sie über das Eis gleiten konnte.
Doch als sie den Fuß hinter ihrem Kopf in die Seitenlage bringen wollte, um ihre legendäre Pirouette abschließen zu können, geschah das Unfassbare: Libbys Schlittschuhe schienen über das Eis zu ruckeln, sie taumelte herum und plötzlich verlor sie das Gleichgewicht. Erst sah es so aus, als würde sie sich noch fangen können, fast, als würde es absichtlich zur Show gehören, doch dann krachte ihr Körper mit voller Wucht auf die Eisfläche.
Für einen Augenblick hielt gefühlt jeder im Saal den Atem an. Aber als die Musik abgestellt wurde und erste Helfer aufs Eis eilten, wurde auch dem Letzten im Publikum klar, dass diese Einlage nicht dazugehört. Ganz im Gegenteil: Es musste ein schrecklicher Unfall geschehen sein.
Plötzlich gerieten die Menschen in Panik, Schreie waren zu hören und schnell wurden die Zuschauenden dazu aufgefordert, die Tribüne zu räumen und das Gebäude zu verlassen.
Leah jedoch hatte nur Augen für Libby, die reglos auf dem Eis lag. Sie wurde von Ärzten und Sanitätern behandelt und war umringt von den Trainern, Showkollegen und einer äußerst energischen Frau, die immer wieder ihren Namen schrie, bei der Leah allein vom Optischen her sicher war, dass es sich hierbei um ihre Mutter handelte.
Auf einmal wurde Leah ganz schwer ums Herz. Welch fürchterlicher Anblick das für sie sein musste, wo Leah schon kaum hinsehen konnte …
Und in diesem Moment beschlich sie ein ungutes Gefühl: Was, wenn die junge Frau diesen Sturz nicht überlebt hatte?
Leah kommt allmählich ein schrecklicher Verdacht …
Der Gedanke an die junge Frau auf dem Eis ließ Leah auch dann nicht los, als sie längst in der Eingangshalle standen. Der Trubel hatte sich bereits gelegt, weil die meisten Menschen ins Freie geflüchtet waren.
Auch Harvey wollte gehen. »Leah, jetzt komm schon«, bat er, doch sie konnte es nicht ertragen, dass sich da drinnen ein solches Leid abspielte und sie einfach verschwanden, als wäre nichts geschehen. Obwohl sie nicht besser Erste Hilfe leisten konnte als jeder andere, sträubte sie sich dagegen, nicht wenigstens ihre Unterstützung anzubieten. Und wenn sie ehrlich war, wollte sie nicht aus der Zeitung erfahren, wie das hier ausging. Sie musste sich davon überzeugen, dass die junge Frau wohlauf war, das war doch das Mindeste. Vielleicht konnte sie der Mutter beistehen oder sich sonst irgendwie nützlich machen, ja, das war schließlich ihre Pflicht als gute Bürgerin!
»Leah, was tust du denn da?«, riss Harvey sie aus den Gedanken. Er zog an ihrer Hand.
Erst da bemerkte sie, dass sie schon einige Schritte in Richtung Backstagebereich unternommen hatte. »Ich will sehen, was da los ist«, erklärte sie und hoffte auf Verständnis, das sie allerdings nicht fand.
»Leah, wir müssen hier raus!«, rief Harvey und wirkte dabei fast so hysterisch wie einige der übrigen Besucher.
»Geh du schon mal vor, ich komme gleich nach.«
»Ich gehe nicht ohne dich!«
»Dann musst du wohl mitkommen.«
Harvey stand stocksteif da. »Wir müssen zu den Wellensittichen«, versuchte er, sie zu überreden.
»Ach, die können warten«, befand Leah mit einer Handbewegung. »Betty und Ruth wissen schon, was sie tun.«
»Aber du offenbar nicht.«
Leah und Harvey lieferten sich ein kleines Blickduell.
»Ich schaue jetzt, was da los ist. Entweder du kommst mit oder du bleibst hier.« Was das anging, blieb Leah stur.
Harvey seufzte laut. »Na schön«, meinte er. »Aber wenn du dich nicht beeilst, gebe ich deinen Freundinnen Bescheid, dass du hier wieder Unfug anzettelst.«
Leah konnte nicht fassen, mit welchen Tricks Harvey um die Ecke kam. Sie spürte allerdings, dass er nur besorgt war und sie deshalb mit allen Mitteln daran hindern wollte, sich in Angelegenheiten einzumischen, die sie nichts angingen. Doch wenn er eines inzwischen wissen sollte, dann, dass sich Leah von so etwas niemals abbringen lassen würde.
»Ich bin gleich zurück«, erklärte sie und verschwand hinter einem schwarzen Vorhang in den Backstagebereich, der durch den ausgebrochenen Trubel gerade unbewacht war.
Es war nicht schwer, die Unglücksstelle zu finden, da die Mitarbeitenden nur einen Weg kannten. Entweder sie rannten vom Eis, um etwas zu holen, oder sie liefen zurück in die Halle und ebneten Leah damit den Weg.
»Wir brauchen sofort einen Notarzt!«, hörte Leah einen Mann schreien, der über die Eiskunstläuferin gebeugt war und wie ein Teamarzt aussah. »Ihr Atem geht flach, sie hat kaum Puls!«
Danach brach noch mehr Hektik aus, falls das überhaupt möglich war. Die Menschen rannten kreuz und quer über das Eis und erledigten die Anweisungen der Sanitäter, während Libbys Mutter laut schluchzte.
Leah kam sich völlig fehl am Platz vor. Was hatte sie hier nur zu suchen? Das Ganze war so schrecklich, und das, wo sie doch längst eine hartgesottene Ermittlerin sein müsste!
Womöglich hatte Harvey recht und sie sollte sich nicht in alles einmischen. Betty würde sicher wissen, wie man mit dieser Situation umzugehen hatte. Hach, die beiden fehlten ihr ja schon irgendwie. Vielleicht sollte sie einfach abreisen und die Menschen ihre Arbeit machen lassen, damit Libby gesund werden konnte. Sie würde doch wieder gesund werden, oder?
»Sie hat diese Pirouette im Schlaf beherrscht«, nuschelte eine Frau im Vorbeigehen.
»Ich weiß«, erwiderte eine andere. »Ich habe sie noch nie so übers Eis schlittern sehen.«
Die Angesprochene nickte. »Wie konnte das nur passieren? Sie ist doch sonst eine so sichere Läuferin.«
»Einfach schrecklich, dieser Unfall.«
Beide Frauen schüttelten den Kopf und verschwanden dann aus der Halle, um den anrückenden Notarzt durchzulassen.
Leah stand immer noch am Rand des Geschehens und ließ ihren Blick über die gut gefüllte Eisfläche gleiten.
Eine sichere Läuferin.
Ein schrecklicher Unfall.
Aber was, wenn es gar keiner war?
Was, wenn jemand versucht hatte, ein junges Talent aus dem Weg zu schaffen?
Was, wenn hier ein Mörder am Werk war – und Leah aus einem bestimmten Grund hier war, nämlich, um den Fall zu lösen?
Eine unerwartete Begegnung bringt Leah völlig aus dem Konzept.
Wie versteinert stand Leah am Rande des Geschehens und beobachtete die Rettungskräfte dabei, wie sie die bewusstlose Frau abtransportierten. Hoffentlich würden sie Libby retten können.
Völlig in Gedanken versunken, bemerkte Leah nicht, wie sich jemand von hinten annäherte.
»Habe ich es mir doch gleich gedacht!«, rief die Person und ließ Leah herumtaumeln. Sie blickte in zwei glubschige Augen, die vor Freude strahlten. Der Anblick war so ungewohnt, dass sie zurückschreckte.
»Dowling?!«, rief sie fassungslos aus. »Was machen Sie denn hier?«
»Du«, korrigierte er sie, was sich für sie nach wie vor fremd anfühlte.
»Natürlich«, meinte sie hastig und starrte ihn noch immer unentwegt an. Er war ziemlich schick gekleidet und wirkte, als hätte er sich nicht nur eine neue Garderobe zugelegt, sondern auch sein weniges Haar neu frisiert. Zudem roch er, als wäre er in ein Fass mit Parfum gefallen.
»Was machst du hier?«, schrie sie – und angesichts seines neuen Looks fügte sie hinzu: »Und was ist mit dir geschehen?« Dann hielt sie sich aufgrund des strengen künstlichen Geruchs die Nase zu. »Was hast du da eigentlich aufgetragen?«
Rodney lachte und es war ungewohnt, dass seine Miene nichts trüben konnte – nicht mal Leahs Worte. Hier stimmte etwas nicht! Warum war er überhaupt hier? Hatte er etwa schon die Ermittlungen aufgenommen? Aber sie waren doch nicht in Old Alley Town. Er war also gar nicht zuständig. Dass er ausgerechnet hier war, konnte nur eines bedeuten.
»Spionierst du mir etwa hinterher?«, schrie sie schrill, was Dowlings Gesichtszüge vereisen ließ.
»Nein«, sagte er knapp. »Ich habe Besseres zu tun.«
»Hat es was mit dem Aufzug zu tun?«, fragte sie und deutete auf seine schwarze Anzughose und das weiße Hemd. Sie mochte es gar nicht zugeben, aber Dowling sah nicht nur verändert aus, er wirkte regelrecht – nun, wie sollte sie es ausdrücken? – ansehnlich?
Nein, das war unmöglich! Sie hatten sich zwar einige Wochen nicht mehr gesehen. Zwischen ihren Ermittlungen waren sie noch immer nicht sonderlich warm geworden, obwohl sich ihr Verhältnis deutlich entspannt hatte.
Aber Leah wäre aufgefallen, wenn er sich derart verändert hätte. Das ganze Dorf hätte geredet. Es musste also erst kürzlich geschehen sein. Die Frage war nur: Aus welchem Grund?
»In gewisser Weise, ja«, sagte er und blickte an sich hinunter, als würde ihm sein neues Outfit auch gefallen. Dann schaute er wieder zu Leah und ein breites Grinsen trat auf sein Gesicht, so, als hätte er sechs Richtige im Lotto.
»Hast du Geld gewonnen und dich zur Ruhe gesetzt?«, fragte Leah und ihre Stimme überschlug sich fast, so sehr freute sie sich über die Möglichkeit, dass er ihr das Feld nun womöglich überlassen würde.
Dowling lachte auf. »Ach Leah«, meinte er lässig, »du bist so lustig.« Auch das war neu.
Leah, die sich keineswegs lustig fand, kombinierte blitzschnell. Wenn ihn Geld nicht so aufgeheitert hatte, dann doch gewiss die Liebe. Sie musste kein Superhirn sein, um sich Dowlings Verhalten zurechtzureimen.
»Du hast ein Date?«, fragte sie verblüfft.
Rodney lief rot an, was eine Antwort erübrigte. »Wie bist du darauf gekommen?«
»Das war nicht so schwer.« Leah blickte sich um. »Und mit wem?« Sie wusste, dass er noch immer hinter seiner Ex-Frau her war, doch die hatte bisweilen nur wenig Interesse gezeigt, was ihn ziemlich frustrierte. Ob er inzwischen über sie hinweg war und jemand anderen in sein Leben gelassen hatte? Wenn das seine Stimmung so aufhellte, wäre Leah die Letzte, die ihm da im Wege stehen würde.
»Rate«, bat er und sein Grinsen wurde noch breiter, was Leah ein wenig besorgte. Es war doch wohl niemand, den sie kannte? Sie wusste nicht, wie sie damit umgehen würde. Aus irgendeinem Grund kam ihr sofort ihre Nachbarin Ms Sherman in den Sinn. Ladonna war für ihre ständig wechselnden Männer bekannt. Aber sie und Dowling? Das passte nun wirklich nicht.
»Ich weiß es nicht«, erklärte sie deshalb und fügte vor Neugier fast platzend hinzu: »Bitte sag es mir.«
Er lachte. »Nun gut.« Dann holte er Luft, um die Spannung in die Höhe zu treiben. »Ich bin mit Dorothy hier.«
»Mit deiner Ex-Frau?«
Er nickte, aber ihm war anzumerken, dass er wieder protestieren wollte. Das Wörtchen Ex gefiel ihm nicht. Wenn es nach ihm ginge, hätte es nie zu einer Scheidung kommen dürfen. In Rodneys Augen war sie immer die Eine gewesen.
»Dann habt ihr euch ausgesprochen?«, fragte Leah und spielte damit auf die vielen Missverständnisse zwischen den beiden an.
Er räusperte sich. »Mehr oder weniger.«
»Du musst das klären.«
»Das werde ich.« Er kratzte sich am Hinterkopf. »Es ist nur noch so frisch, ich will es nicht kaputtmachen.«
Leah nickte, das leuchtete ihr ein. »Ich freue mich für dich«, sagte sie und meinte es auch so. Doch dann kam ihr wieder Inspector Hyde in den Sinn, der eine kurze Beziehung mit Dorothy gehabt hatte. Es gab zuletzt einen Streit und ob sie noch zusammen waren, wusste sie nicht. Sie überlegte, Rodney zu fragen, doch als sie sein Strahlen sah, wollte sie die Stimmung nicht trüben. Sie würde sich wann anders danach erkundigen, wenn die Gelegenheit günstiger war.
»Danke«, sagte Dowling und deutete auf die Tribüne. »Dorothy und ich, wir waren hier, um die Show zu sehen, als es passiert ist.«
»Wir auch«, sprudelte es aus ihr heraus.
Er nickte. »Ich weiß.«
»Dann hast du uns also doch verfolgt?«, rief sie.
»Nein, ich wusste nicht, dass du hier sein würdest.«
Leah hatte da so ihre Zweifel. »Und wieso schleichst du dich so an?«
»Als wir reinkamen, dachte ich mir, dich erkannt zu haben, war mir aber nicht sicher. Jetzt, nach dem Unfall, wusste ich, dass ich dich hier finden würde, sollte ich mich nicht getäuscht haben.« Er grinste breit. »Und wie man sieht, hatte ich recht.«
»Das macht noch keinen Meisterdetektiv aus dir!«, schrie Leah, deutlich zu schrill, weil sie sich dabei ertappt fühlte, dass ihre Mitmenschen sie für zu neugierig hielten.
Rodney wirkte verärgert, doch seine Stimmung konnte an diesem besonderen Tag wohl nichts so recht verstimmen. Viel zu großzügig sah er über ihren Wutausbruch hinweg und meinte: »Und vielleicht hat Harvey auch geholfen, als er mir sagte, wohin du verschwunden bist.«
»Du hast Harvey schon getroffen?« Leah konnte nicht fassen, dass er ihr Dowling auf den Hals hetzte. Wahrscheinlich wollte er nur sichergehen, dass sie keine Dummheiten anstellte, wie er es ausdrücken würde. Und da ihre Freundinnen nicht hier waren, um das zu erledigen, schickte er wohl den Inspector vor.
»Doro und er stehen im Foyer und unterhalten sich«, erklärte Rodney.
Leah mochte die Frau und war froh, dass sie Harvey ein wenig Gesellschaft leistete. Ermittlungen aller Art waren einfach nichts für ihn. Da war er ganz wie Ruth.
»Und was sagst du dazu?«, wechselte sie das Thema und deutete dann in die Halle, wo sich die Menge langsam lichtete, da Libby abtransportiert worden war.
»Ein wirklich schrecklicher Unfall«, erklärte er bedauernd.
»Glaubst du, dass es einer war?«
